« 25 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 24. März Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) Ein verworrenes Gemurmel erhob sich unter den Zuhörern. Wenn Hadassah's Forderung auf einige Eindruck gemacht, so hatte sie doch bei anderen eine wilde Eifersucht erregt, welche diese darüber unwillig machte, daß die Heiden Israels Vorrechte theilen sollten. Das Leben des Gefangenen hing an einem seidenen Faden, und er wußte es. „Hadassah", sagte der Anführer, indem er sich mit Ehrfurcht an die Wittwe wandte, „verlangst Du denn, daß wir diesem Fremdling trauen, während, wenn er sich als falsch ausweist, so viele hebräische Leben das Opfer gemißbrauchten Vertrauens sein würden?" „Ich verlange, daß Ihr dem traut, der gesagt hat: „Du sollst nicht todten", der befohlen hat: wer „Menschenblut vergießt, deß Blut soll auch durch Menschen vergossen werden." Wir zeigen wenig Glauben, wenn wir meinen, Sicherheit in der Uebertretung des Gesetzes zu finden." Wieder erhob sich ein wildes, zorniges Gemurmel. Lycidas hörte die Worte: „Narrhett, Tollheit, Gott versuchen", vermischt mit Ausrufen wie „Hunde von Heiden, die Unreinen, Anbeter von Götzenbildern!" Judas ergriff seinen Spieß, den er gegen den Stamm des Olivenbaumes gelehnt hatte, als er die Waffe mit dem Spaten vertauschte. Das Herz des Lycidas schlug schneller, er las in dieser Bewegung sein Todesurtheil, aber er nahm sich zusammen, um muthig zu sterben, wie es einem Landsmann des Miltiades geziemte. Wieder tiefes Schweigen. Alle warteten, was dieser Bewegung des Führers folgen würde. „Die Zeit vergeht, jede Minute, die wir hier noch zögern, bringt Gefahr, unsere Entscheidung muß getroffen werden", sagte Judas und trat zu Hadassah und Sarah, um die Männer, die an der Seite des Grabes nahe an dem Baumstamm standen, zusammentreten zu lassen. Als dies geschehen war, warf der Sohn des Mattathias seinen Spieß wieder auf den Boden. „Alle, die den Gefangenen frei gehen lassen wollen, die seiner Dankbarkeit und seiner Ehre trauen, schreiten über meinen Spieß!" rief Judas. „Wenn die größere Zahl ihn überschreitet, so schonen wir; bleibt sie zurück, so schlagen wir. Seid Ihr zufrieden?" fragte er. Die meisten Anwesenden murmelten ihr: „Zufrieden." Der Anführer wandte sich dann an Lycidas und richtete an ihn dieselben Worte. Der junge Gefangene beugte sein Haupt, kreuzte die Arme über der Brust und antwortete: „Zufrieden." „Die Weiber sollen aber nicht mitstimmenl" rief Abischai. „Sie werden mitstimmen", sagte der Anführer mit Entschiedenheit. „Ihre Gefahr ist der unseren gleich, da soll es ihr Vorrecht auch sein." Mit sonderbaren Empfindungen sah Lycidas eine Wage aufgerichtet, eine Wage, bei der es sich um Freiheit und Leben handelte. Furcht war kaum das vorherrschende Gefühl. Eine Wolke verdunkelte für einige Zeit das Gesicht des Mondes, aber durch den Schatten konnte der Gefangene die stattliche Gestalt der Hadassah sehen, als sie über den Spieß ging, und das Wehen von Sarahs weißem Schleier. Als die Silberkugel wieder hinter den Wolken hervortrat, waren die Frauen, gefolgt von den beiden Männern, die Hadassah's Diener gewesen waren, hinüber. „Vier auf jener Seite, fünf auf dieser!" rief Abischai heftig, - „er stirbt!" Aber als dieser Ausruf noch auf seinen Lippen war, sprang Judas über den Spieß und stand auf Sarah's Seite. „Er lebt, der Allmächtige sei gepriesen!" rief Hadassah. Abischai aber stieß mit einem wilden Fluch sein Schwert in die Scheibe zurück. „Gefangener, gehe in Frieden", sagte der Sohn des Mattathias, „aber ehe Du diese Stelle verläßt, gelobe feierlich über das, was Du hier gesehen, Stillschweigen." Lycidas gehorchte augenblicklich. „Mögen die Qualen der Todten, die in diesem Grabe ruhen, welches ich ohne Deine Gnade mit ihnen theilen würde, über mich kommen, wenn ich jemals meinem Gelübde untreu werde!" rief der Grieche. Der Anführer winkle mit der Hand, er möchte gehen, und die Hebräer das Werk, welches sein Erscheinen unterbrochen hatte, vollenden lassen. Lycidas zeigte jedoch keine Eile, zu entkommen. Er blickte auf Hadassah und Sarah. „Darf ich nicht erst meine Dankbarkeit aussprechen?" begann er, indem er ihnen einen Schritt näher trat; aber die Wittwe verbot ihm durch eine Bewegung mit der Hand die Annäherung. 182 „Beweise Deine Dankbarkeit, Fremdling, sprich sie nicht aus", sagte sie. „Wenn jemals Dein Feind Dir wehrlos gegenübersteht, erinnere Dich dieser Nacht. Und wenn Du vor einem Götzen niederknieen willst und anbeten, wie Dein Volk betet zum tauben Holz oder gefühllosen Stein — dann halte inne und erinnere Dich erst, was Du vom Glauben der Hebräer an dieser heiligen Stätte gelernt hast", — Hadassah deutete, als sie sprach, auf das cffene Grab — „wie er den Schwachen zum Leiden stärkt und den Starken zum Mitleid bewegt." 4. Kapitel. Ein Feind. Als Lycidas den Begräbnißplatz verließ, welchen er kaum lebend zu verlassen erwartet hatte, fühlte er sich wie unter einem Zauberbann. Freude über die kaum gehoffte Rettung von einem schrecklichen Tode war kaum das vorherrschende Gefühl in seinem Innern und wurde es bei jedem Schritt, mit dem der Athener sich aus dem Olivenhain entfernte, immer weniger. Sonderbar, wie es ihm selbst erschien, wünschte der junge Dichter beinahe die ganze Scene noch einmal zu durchleben, trotz der peinlichen und schrecklichen Rolle, die er selbst darin gespielt hatte. Lycidas würde gar nicht unzufrieden gewesen sein, hätte er die schrecklichen Ausrufungen noch einmal hören und die blitzenden Waffen noch einmal um sich her sehen müssen; er würde gern die ganze Begebenheit, die Erwartung des Urtheils- sprucbes vor Augen gehabt haben, nur um noch einmal die sanfte Bitte zu hören: „Habe Erbarmen, schone ihn!" um noch einmal den Anblick von Sarahs Gestalt zu haben, wie sie im Vollmondschein ihren Tribut von frischen Blumen in das Grab streute. „Diese hebräischen Frauen sind nicht wie andere Frauen der Erde, sie gehören einer höheren Sphäre an", dachte Lycidas, als er seinen Weg zur Stadt verfolgte. „Diese Matrone besitzt die ganze Majestät einer Juno, und das Mädchen ist schöner wie — nun, mit welchen Göttern des Olymp könnte ich ein so schönes und reines Geschöpf wohl vergleichen? — Venus? Der bloße Gedanke wäre schon Entweihung — Diana mit ihren erbarmungslosen Pfeilen? Pallas? schrecklich ihren Feinden? — Nein! Sonderbar, hier ist es eine Beschimpfung, eine Frau mit einer Göttin zu vergleichen!" Lycidas blickte zu dem schönen Blau des östlichen Himmels auf. Um ihn her lag die Landschaft mit den schönen Bergen und herrlichen Thälern in ruhigem Schlaf, während der Mond seinen feinen silbernen Schleier über das Ganze gebreitet hatte. Die volle Empfindung dieser Herrlichkeit durchdrang die Seele des Dichters „O, du heilige und wohlthätige Natur", murmelte er, hast Du keine Stimme, den Menschen durch Deine sichtbaren Wunder die Geheimnisse der unsichtbaren zu erklären? Flüsterst Du nicht meiner Seele eben jetzt zu: „Reinheit und Güte des Herzens sind die Attribute der Göttlichkeit, denn sie sind den Werken der Schöpfung aufgeprägt, und so müssen auch auf Erden Reinheit und Güte die Merkmale aller wahren Anbeter der Gottheit sein. Der Geist in meinem Innern sagt mir dasselbe wie die Stimme der Natur: Reinheit und Güte, nicht Macht und Gewalt verleihen dem Sterblichen oder Unsterblichen die höchste Würde! Aber wenn es wirklich so ist, wenn meine Hand den Schleier, welcher die Wahrheit vor dem profanen Blick des Menschen verhüllt, berührt hat, wenn ich einen Schimmer von den heiligen Geheimnissen da über uns habe, wie fern von der Wahrheit, in welch einem Nebel von Irrthum müssen dann alle Völker dahinleben." Lycidas ging unwillkürlich langsam und legte die Hand an seine Stirne. „Vielleicht nicht alle", dachte er, „nach allem, was ich höre, scheint es, daß diese Hebräer, diese Handvoll eines bezwungenen Volkes, sich für den einzigen Hüter eines Glaubens halten, welcher erhaben, seelenveredelnd und rein ist. Sie nennen sich selbst ein Licht auf einem Berge, hochgestellt von Alters her, zu zeigen einer finsteren Welt, daß da noch ein Licht ist, ein Licht, das da überbreiten soll die Welt, wie die Wasser, die das Meer bedecken, so waren die Worte der Hadassah. Und sie sprach auch von einem, nach dem die Juden aussehen, der den Heiden Gerechtigkeit bringen sollte' Hoffen denn die Juden auf die Zukunft einer Gottheit auf Erden, oder nur auf die eines Propheten? Ich wollte, daß ich Hadassah wiedersehen könnte, und ich will sie wiedersehen — ich will nicht aufhören, nach einer, die mich zur Wahrheit führen kann, zu suchen. Komme, was da will, ich muß sie und jenes schöne Mädchen wiedersehen." Es war kein Wunder, daß der Athener, in Gedanken versunken, seinen Weg verfehlte und unwillkürlich eine ganz andere Richtung, als er beabsichtigt hatte, einschlug. Das Mondlicht verließ ihn, Wolken hatten sich erhoben, und nur dann und wann fiel ein schwacher Schein auf seinen Weg. Lycidas wurde über die Gegend, in welcher Jerusalem lag, unsicher. Der junge Athener war müde, weniger von physischer Anstrengung, als von den Folgen der starken Erregung, deren Nachwirkung sein Körper empfand. Zuweilen glaubte er, einen schleichenden Schritt hinter sich zu hören, und stand dann still, um zu lauschen. Dann meinte er, daß seine Sinne sich getäuscht haben wüßten, und ging, durch die Finsterniß hintappend, weiter. Wie sonderbar jene Episode dem Griechen in seinem Leben erschien— kaum eine bloße Episode; denn es war ihm, als ob sie alle Poesie seines vergangenen Lebens verwischt habe und .neue Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft gäbe. Dem Lycidas war die Erinnerung seiner dichterischen Triumphe in der olympischen Arena und das Beifallrufen der Menge, welches damals seine Seele mit Entzücken erfüllt hatte, wenig mehr, als einem Manne die Erinnerung an sein Spielzeug, das ihn in seiner Kindheit belustigt hatte. Der Grieche hatte dem Ernst des Lebens gegenüber gestanden, und was einst seinen Ehrgeiz stark erregt hatte, erschien ihm jetzt wie Schatten, die vorübergehen. „Und doch", dachte der junge Poet, „ich möchte noch einmal den Lorbeerkranz gewinnen, damit ich ihn dann zu Sarahs Füßen legen könnte. Aber was würden solche Trophäen irdischer Auszeichnung für sie sein? Nicht eine der Blumen werth, die durch ihre Berührung geheiligt sind — die sie in das Märtyrergrab warf! Ha I War es mir doch, als ob ich hinter mir das Rauschen von Gewändern hörte! Wie mächtig ist doch die Einbildungskraft, dies Wunder des Gemüths, welches uns Dinge vorspiegelt, die nicht da sind!" Lycidas hatte jetzt eine Stelle des Weges erreicht, die an der linken Seite von einem Abhänge begrenzt war; der Hügel, an dessen Seite der Weg breit erschien, mußte wohl an dieser Stelle abgestochen worden sein. t, 183 l. wahrscheinlich um mehr Raum für etliche weinbekleidete Terrassen da unten zu gewinnen. Lichter erschienen in der Ferne und bezeichneten die Lage der Stadt, in welcher die Gäste des Antiochus, geleitet von Fackelträgern, ihre verschiedenen Quartiere aufsuchten. Töne wilder Lustbarkeit von denen, die taumelnd von dem Gelage heimkehrten, wurden schwach von dem Nachtwinde aus den verschiedenen Straßen herübergetragen. Lycidas jedoch blieb, als er an die Stelle kam, von wo die Lichter sichtbar wurden, weder zu hören, noch zu sehen Zeit. „Hund von einem Heiden! jetzt habe ich Dich!" zischte eine Stimme hinter ihm, und Lycidas wurde augenblicklich mit Abischat, dem Juden, in einen Faustkampf verwickelt, welcher, sobald er gekonnt, sich von seinen Geschäften fortgeschlichen hatte, um den Schritten des Griechen zu folgen. Es war, wie es schien, für den Athener ein hoffnungsloser Kampf. Sein Feind übertraf ihn an Muskelkraft und Schwere des Körpers, trug einen Dolch und war willens, ihn zu gebrauchen, wenngleich ein gewisser Sinn für Ehre den Abischai verhindert hatte, nach dem nichts ahnenden Jüngling zu stechen, ohne ihn, als er heimlich hinterherschlich, zu warnen. Aber die Liebe zum Leben ist stark, und Verzweiflung gibt beinahe übermenschliche Kraft. Lycidas fühlte die Schärfe des Eisens wieder und wieder. Er fühlte, wie das Blut warm aus den Wunden floß. Er hob den zum Schlage erhobenen Arm mit der Kraft der Verzweiflung und bemühte sich, die mörderische Waffe hinwegzuschleudern. Die beiden Männer kamen nun, ringend und kämpfend, sich gegenseitig die Glieder verrenkend, Zoll um Zoll dem steilen Abhang näher. Abischai verlor bei dem Kampfe seinen Dolch und konnte sich in der Finsterniß nicht bücken, um ihn wieder aufzuheben; aber er ergriff den keuchenden Jüngling bei den Locken und schleuderte ihn mit einer riesenhaften Anstrengung über den Rand des Abhanges. Mit hervortretenden Augen und einem Blick voll wildesten Triumphs lehnte sich Abischai über den Rand und suchte in der Finsterniß die leblose Gestalt seines Opfers zu entdecken. „Diesen Heiden habe ich für immer still gemacht", rief der wilde Hebräer zähnefletschend. „Ich sagte nicht „Zufrieden", als die Frage gestellt wurde, aber ich sage es jetzt." Er zog sich von dem Abgrunde zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ einen rothen Fleck darauf zurück. „Bevor ich zur Ruhe gehe, will ich Hadassah wissen lassen, daß mein Arm jene Sicherheit geschaffen hat, welche ihre Tollkühnheit beinahe geopfert haben würde. Mich wundert nur, daß sich Judas, dieser kühne und weife Mann, durch die thörichten Bitten eines Weibes von seinem Vorhaben abbringen ließ. Aber ich glaube", fügte er mit einem Grinsen hinzu, „daß ein Blick von Sarah mehr über ihn vermochte, als alle Bitten Hadassahs. Es wird unter uns, ihren Verwandten, gesagt, daß jene Beiden ein Paar werden sollen. Aber dies ist keine Zeit zum Freien und Heirathen zu stiften, wenn das unreine Thier auf Gottes heiligem Altar geopfert wird, der Schatten des Abgottes den Tempel verfinstert und den Söhnen Abrahams die Wahl gelassen wird, ob sie abfallen oder sterben wollen. Der Tag der Rache ist da, mögen alle Feinde Juda's umkommen, wie jener arme Bursche umgekommen ist!" Abischai suchte seinen Dolch und fand ihn. Dann verließ er ven Ort, wo er eine so schwarze That vollführt, mit einem weniger beunruhigten Gewissen, als hätte er am Sabbath Korn zwischen den Händen gerieben oder eine der von altersher vorgeschriebenen Waschungen versäumt. (Fortsetzung solgt.) -—«> * . ->- - Die nächtliche Ruhe. Wir begrüßen alle dankbar ihr leises Nahen, abe^ peinvoll die Nächte, in denen sie uns flieht. Schlaflose Nächte sind das unliebsamste Erbtheil der Sorge, der Schmerzen und des zunehmenden Alters. Das Sprichwort sagt zwar sehr schön: „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen," aber man kann sich auch mit dem besten Gewissen auf dem Lager herum werfen, ohne von dem ersehnten Schlafe in traumlose Vergessenheit gewiegt zu werden. Der Schlaf, d. h. der sanfte, erquickende Schlaf, den keine Traumbilder stören, ist die beste Arzenei, welche die gütige Mutter Natur den Menschen reicht; er erquickt den müden Körper, erfrischt den matten Geist und tilgt auf Stunden alles aus, was uns bedrückt und quält. Im Schlafe wie im Tode, seinem Bruder, sind alle Menschen gleich, der König wie der Bettler, und der glücklichste Moment des Lebens ist der Augenblick des Einschlafens, nur kennen wir ihn nicht. — Eine schlaflose Nacht ist dagegen eine bittere Qual. Man sehnt sich nach Ruhe, ohne sie finden zu können; man wälzt sich auf dem Lager hin und her, die Minuten werden zu qualvollen Stunden, und der lebhafte Geist tritt seine Wanderungen an, springt von einem Ding zum anderen, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, und diese Gedankensprünge reihen das Tollste und Widersinnigste aneinander. In der Jugend schläft der Mensch so fest wie ein Murmelthier; weder lautes Gespräch, noch Musik, noch ein anderes Geräusch vermag ihn zu wecken, ja es ist vorgekommen, daß bei Ueber- schwemmungen Kinder in ihren Wiegen davon trieben, ohne zu erwachen. In späteren Jahren dagegen schreckt uns das leiseste Geräusch auf; man schläft so zu sagen wie ein Hase im Kohl mit gespitzten Ohren. Denkträge und gleichgültige Menschen, die sich nicht leicht Sorge machen und Gottes Wasser über Gottes Land lausen lassen, schlafen unzweifelhaft fester als diejenigen Menschen, die einen lebhaften, lebendigen Geist haben, und die selbst von geringfügigen Unebenheiten im Leben recht aufgeregt werden. Das beste Schlafpulver ist die Arbeit; wenn der Körper ermüdet vom Tagewerk aufs Lager sinkt, findet auch der Geist bald Ruhe; nur darf die Ermüdung nicht in Uebermüdung ausarten, denn auch hier ist das Zuviel vom Uebel. Der größte Feind des Schlafes ist ein voller Magen; in solchem Falle rebelliert das körperliche Ungemach gegen die Ruhe. Ein tüchtiger Spazier- gang am Abend ist hundertmal besser als ein sogenannter Schlaftrunk, der statt in Milch meist auch noch in Spiritussen genommen wird, und selbst die Leute, die von der Nervosität, dieser Modekrankheit unseres Jahrhunderts, geplagt sind, werden die Wohlthat einer solchen Bewegung bald empfinden. Eine schlaflose Nacht — wer sollte sie noch nicht kennen gelernt haben! Das Licht des müden Tages ist erloschen, und die Nacht hat ihren dunklen Mantel über Stadt und Land gebreitet. Die Augenlider sind schwer, und in der Hoffnung, bald von Morpheus' Armen umschlungen zu w.rdcn, suchst du die Ruhestätte auf. Das laute Gewühl auf den Stoßen ist verstummt; du hörst nur den einförmigen Ticktack der Uhr an der Wand, das Pochen des eigenen Herzens, und in den Bäumen vor dem Fenster rauscht es leise und einschläfernd. Weshalb will der Schlummer nicht nahen? Stört dich vielleicht das Licht des Mondes, der durch die Spalte des Fensterladens herein ins Zimmer lugt? Eine summende Fliege umkreist dich; ärgerlich rückst du die Kissen hin und her, um so besser ruhen zu können, und allmählich verdämmern deine Gedanken, die unklar zwischen Schlafen und Wachen hinirren, und blasse Traumbilder schwanken vor dir auf und nieder. Da ertönt in der Ferne ein Schrei, — war es Traum oder Wirklichkeit? Wer soll zu dieser späten Stunde einen Schrei ausstoßen? War es ein Vogel, eine Eule, die auf Beute ausgeht, oder ein Mensch in Gefahr? Du fährst empor und lauschest, aber nichts regt sich weiter, nur in deinem Ohr gellt der Schrei nach; die Phantasie spinnt ihn aus zum Roman, und Schreckgestalten huschen durch das Dunkel der Nacht. Hast du nicht in der Jugend gelesen, daß ein einsamer Wanderer im Walde von Unholden erschlagen und beraubt worden? Kann sich das, was früher einmal war, nicht heute wiederholen? Da du nun einmal aber der Jugendzeit gedacht hast, werden tausend Bilder und Gestalten vor deinem geistigen Auge lebendig. Du siehst sie wieder, die Genossen, die mit dir gespielt, die Plätze, wo du den Ball geschlagen, wo du den Drachen steigen ließest, und wo du mit Nachbars Mariechen und Paul lustig herumgesprungen bist. Du siehst sie wieder die alte Mühle mit den schwarzen und moosbewachsenen Rädern und den Bach, auf dem du dein selbstgefertigtes Schifflein treiben ließest.. Dein ganzes Leben zieht im schnellen Fluge an dir vor- über. Wo sind die Gefährten, mit denen du einst gelacht und gesungen, mit denen du fröhlich gewesen bist? Das Schicksal hat sie nach allen Himmelsgegenden zerstreut; von dem einen weißt du, was aus ihm geworden, vom anderen nicht. Und du selbst, bist du glücklich geworden? Bist du zufrieden mit deinem Geschick, hast du nichts zu bereuen, und würdest du alles noch einmal so machen, wie du es gemacht hast? Plötzlich siehst du den schmalen Weg zwischen den hohen Weißdornhecken vor dir, auf dem dir an einem schönen Sonntag Nachmittag die Freundin deiner Schwester begegnete. Der Weg war so schmal, daß ihr nickt an einander vorbei konntet, und so bliebet ihr stehen und plaudertet lange Zeit mit einander. Ueber was, weißt du nicht mehr; du weißt nur noch, daß ihr dann zusammen über die blumigen Wiesen gewandert und auf der schmalen Brücke, die über das Flüßchen führte, stehen geblieben seid, und daß ihr Hand in Hand und wortlos hinabgeschaut habt in das klare, murmelnde Wasser, in welchem die kleinen Fischchen sich tummelten. Wie schön war es damals, wie unvergeßlich jene Stunde, die so viele Hoffnungen in dir weckte, und die auch jetzt wieder mit allen Einzelheiten lebendig vor dir steht. Es war ein schöner Traum deines Lebens, aber mehr nicht! . . . Längst vcrscklossene Gräber öffnen sich; du siehst die Freunde und Verwandte, die in die dunkle Giuft gestiegen, denen du das letzte Geleit gegeben. Sie stehen vor dir, wie damals, als sie noch unter den Lebenden weilten, nicht als ob so viele Jahre dazwischen lägen. Und dort naht dir auch deine gute Mutter, die dich so treu behütet, die so sehr für 134 — dich besorgt war. Du siehst ihr freundliches Lächeln ihre mild-ernsten Züge, du hörst wieder die mahnenden Woite, die sie an dich gerichtet; du vergissest auf einen Augenblick, daß längst der grüne Rasen die Theure deckt. Du springst auf, denn du kannst nicht mehr schlafen. Die Stirn ist heiß, der Kopf brennt, und du öffnest das Fenster. Am stahlblauen Himmel funkeln unzählige Sterne, die Erde schläft, kein Laut stört die Ruhe der Nacht, nur aus weiter Ferne hallt leise der Schritt des Wächters wieder, ein kühler Lufthauch umfächelt deine Stirne, und abermals legst du dich nieder. Du denkst an das wogende Kornfeld, an die auf- und absteigenden Wellen des Meeres, an alles, was dich beruhigen kann, aber der Schlaf flicht dich, eben weil du denkst. Du zählst die trägen Schläge der nahen Thurmuhr und hegst uur noch den einen Wunsch, daß diese schier endlose Nacht ein Ende nehmen möge. Endlich, der Tag dämmert durch eine Spalte, am Fenster glänzt dos Frühroth herein; es weichen die Schatten der Nacht, die Geister verschwinden, und auf die müden Augen senkt sich ein sanfter Schlummer. Wenn du jetzt erwachst, ist es Heller Tag. Die Sonne steht leuchlend am Himmel, das bange Herz hat sich endlich einigermaßen beruhigt, und freundlich lacht dir der Morgen und mit dem Morgen ein neues Leben. Nur traumhaft erinnerst du dich der schlaflosen Nacht, und sprichst du zu anderen davon, dann hörst du allenthalben dieselben Klagen nervöser, denkender, den Tag über viel geistig beschäftigter Menschen. Lautrach. "Mit Illustrationen.) (Nachdruck verboten.) Lautrach, ein Pfarrdorf mit 714 Seelen, im kgl. Beztrksamte Memmingen und am linken Ufer der Aller gelegen, war ursprünglich ein Römerort, wovon noch, außer den sichtbaren Verschanzungen, die an der nördlichen Seite des Kirchthurms eingemauerten gekröpften Quadern Zeugniß geben. Es war wohl vollsret; später wurde es welfisch, da ja die Welsen im Allgäu großen Besitz hatten. Die Ahnen der Ritter von Lautrach sind vermuthlich Edle gewesen. Heinrich von Lutraha (Lutrach, Lautrach) mit seinen Söhnen Herimann und Heinrich war bereits 1164 Zeuge eines Gütertauschcs zwischen den Klöstern Ochsenhausen und Roth. In dem Vergleiche zwischen Kempten und Jsny über das Falllehen, 1239, werden die Brüder Diepold und Heinrich von Lautrach unter den kemptischen Dienstmannen aufgeführt. Dieselben waren bet dem Gütertausche mitthätig, den die Klöster Jsny und Roth gerade auf ihrer Burg Lautrach 1247 abgeschlossen haben. Die Herren von Lautrach zeigten stets große Vorliebe für das Kloster Roth; aber durch ihre Freigebigkeit gegen dasselbe wurde der Glanz ihrer Familie vermindert. Schon lange vor dem Aussterben der Ritterfamtlie von Lautrach (1356) kam die Herrschaft von Lautrach in den Besitz des Heinrich von Schellenberg, 1413 kam es an die Besserer von Ulm, 1417 an die württembergische Nebenlinie der Herren von Landau. Die Wappen der Ritter von Lautrach und der Herren von Landau befinden sich an der östlichen Seite des Kirchthurms, ebenso oben beim Zifferblatts auf der nördlichen Seite das Schellenberg'sche Wappen. Die Herren von Landau be- MW L W '->- * ^L», M-MLL A ^-'ch ü » ÄSÄ T'M MMk MtiÄ^Ä VMM N^WM -?M«s ÄM WWN OKK WWW MM HM? »MSI 8W-M MK -MW WZW 186 saßen Lautrach bis 1609, da sie ausstarben. Durch Erbschaft kam es an die oberpfälzischen Herren vonMuggen- thal, die es 1646 an das Stift Kempten verkauften. Nun wurde für Lautrach vom Stifte Kempten ein eigenes Pflegeamt errichtet und dieses immer an einen Kemptcr Stiftskapitular verliehen, der jedoch nicht den Titel Pfleger führte, sondern Propst benannt wurde. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß es schon 1644 zu Lamrach eine althergebrachte Gewohnheit war, daß die Unterthanen am Aschermittwoch ihren Herrn oder Junker gefangen nahmen und dieser ihnen alsdann einen Trunk bezahlte und selbst mitzechte; dieser Brauch erhielt sich auch, nachdem Lautrach an das Stift Kempten gekommen, worüber es in den ersten Zeiten mit dem stiftischen Pfleger oder Propst zu unruhigen Auftritten kam. ^ Im Frühjahr 1780, zur Zeit einer Fastnachtsgasterei, gerieth das Schloß zu Lautrach in Brand, wobei 5 Personen das Leben verloren; der damalige Propst land. Im Dezember 1860 verkaufte Institutsdirektor Deybach das Schloßgut und die zwei dazu gehörigen, von ihm angekauften Höfe Gotteswald und Vogelfang an den Fürsten von Zeil um 168,000 fl., wetzhalb im August 1861 das weibliche Erziehungsinstitut aufhörte. Im Oktober 1861 wurde jedoch ein weibliches Erziehungs- Jnstitut von Frl. Mathilde Jörres wieder eröffnet, dauerte aber nur bis Juli 1863. Jetziger Besitzer dieses Schlosses ist Herr Alfred Freiherr von Ziegler. Inzwischen hatte Direktor Deybach auf der alten Burgstelle das kleine vorhandene Häuschen erweitert und eröffnete 1845 ein Knabeninstitut für Merkantil-Wissen- schaften. Auch dieses blühte rasch auf, so daß eine bedeutende Erweiterung nothwendig wurde und das jetzige Mittelgebäude entstand. Aber auch dieses genügte bald nicht mehr und nun wurde 1851 das alte Gebäude größtentheils verändert und der Hinterbau, 1862 ein dem M U U M IN Schloß Kautrach. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. (Dervielfältigungsrecht vorbehalten.) in Lautrach, Kapitular von Weiden, ließ das Schloß auf einem anderen Platze, auf dem Schloßfelde, aufbauen. Propst von Weiden starb 1787; nach ihm wurde Castolus Freiherr von Reichlin-Meldegg Propst, der 1793 als Fürstabt gewählt wurde; er war der letzte Fürstabt, mußte die Säcularisation des Stiftes in den Jahren 1802 und 1803, das an Bayern kam, erleben und starb schon am 28. Mai 1804. Das Schloßgut zu Lautrach wurde an den Grafen Firmas-Päries, das Amtshaus, das Bräuhaus usw. an Bürger von Lautrach verkauft. Die Wittwe des Grafen Firmas-Psries verkaufte 1830 das Schloßgut an Frhrn. Gustav von L>päth und dieser im Jahre 1838 an Abbs Jos. Deybach, geb. 3. Juni 1806 zu Colmar, und dessen Frl. Schwester Therese Deybach. Dieses Geschwisterpaar errichtete am 1. Juli 1838 im Schlosse ein Privat- Erziehungsinstitut für Töchter, das schnell aufblühte; Zöglinge kamen aus Deutschland, Frankreich und Eng- Hinterbau vollkommen ähnlicher Vorderbau aufgeführt. — Im Jahre 1866 wurde die Genehmigung ertheilt, daß das neuerbaute Haus auf der alten Burgstelle fortan Schloß Deybach genannt werden dürfe. Auf einer Romfahrt im Juni 1868 erhielt Direktor Deybach die Würde eines päpstlichen Kämmerers und bei der folgenden Romreise im Frühjahre 1870 die Würde eines päpstlichen Hausprälaten und Commandeurs des Ordens vom hl. Grabe. Im Jahre 1887 entschloß sich Prälat Deybach wegen hohen Alters, das Institut zu schließen; er starb 11. April 1889 im Alter von 82 Jahren und ruht nun neben seiner Schwester in der von ihm errichteten Familien- Gruft, einem schönen Kapellenbau auf dem Gottesacker zu Lautrach. L,. I. Sofort wurde Schloß Deybach von der Verwaltung der Regens Wagner'schen Wohlthätigkeitsanstalten angekauft und in dasselbe die bisher zu Glött bestandene 187 Cretinenanstalt verlegt. Den Anforderungen der neuesten Zeit entsprechend mußten im Innern große bauliche Veränderungen vorgenommen werden. Bald wurde auch unter Leitung des Herrn Architekten Müller von München eine schöne Kapelle neben der Anstalt erbaut, mit derselben durch einen Gang verbunden; diese Kapelle wurde vom Hochwürdigsten Bisitofe Pancratius v. Dinkel am 28. August >892 eingeweiht und consekrirt. In der Anstalt sind gegenwärtig mehr als 140 Pfleglinge weiblichen Geschlechtes untergebracht, die in 3 Abtheilungen getheilt sind, in eine Pflegeabtheilung, Beschäftigungsabtheilung und Schulabthetlung. In der Pflegeabtheilung befinden sich die eigentlichen Cretinen, Geschöpfe, welche die menschliche Hilflosigkeit im höchsten Grade darstellen und das innigste Mitleiden Aller erwecken, welche die Anstalt besichtigen dürfen; diese be- Pflege und Unterricht besorgen 6 Frauen und 5 Schwestern vom Orden des hl. Franziskus von Dillingen. Die Oberaufsicht führt die Anstaltsoberin mit mütterlicher Liebe, Sorgfalt und Umsicht. Sämmtliche Pfleglinge genießen eine äußerst liebevolle Behandlung und freundliche Pflege und haben an der Anstalt eine wahre zweite, liebgewonnene Heimath. Das jährliche Kostgeld betrügt 240 M., kann jedoch nur für die wenigsten Pfleglinge geleistet werden; nur durch die gnädige Fürsorge der hohen kgl. Regierung und Unterstützungen edler Wohlthäter ist die Aufnahme so vieler Cretinen ermöglicht. -- si ' ! Cretinrn-Anstalt Deydach bei Kautrach Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fNervletsaUigungSrechr vorbehalten.) U 8 8 5 L ^kkkl iUlI L dürfen der besten Pflege, fortwährender Bedienung und der opferwilligsten Liebe. In der Beschäftigungsabtheilung sind solche Pfleglinge, bei denen sich einige Arbeitsfähigkeit zeigt, auch solche, welche wegen Mangels an besserer Begabung oder wegen vorgerückten Alters für einen regelmäßigen Unterricht nicht fähig sind; sie werden angehalten zum Nähen, Stricken, Putzen, Waschen, Kehren, Holztragen und auch zu Oekonomiearbeiten. In die Schulabthetlung kommen die einigermaßen bildungsfähigen oder dazu Hoffnung gebenden Kinder; der größere Theil der Schülerinnen macht sehr große Fortschritte. Abwechselung in die Einförmigkeit des Anstaltlebcns bringen die Feier des Martinsabends, die Christbaumfeier am Weihnachtsabende, theatralische Aufführungen von Candidatinnen und besseren Pfleglingen, bei günstigem Wetter größere Spaziergänge in der schönen Umgebung. Ein großer Spielplatz ist unmittelbar bet der Anstalt. Allerlei. Ableben der Erde. Ein alter Astronom, Schwitz in Köln, der siebzig Jahre Astronomie studierte, hat ausgerechnet, daß die Erde blos noch 1500 Jahre Menschen ernähren und mit Licht und Wärme der Sonne versorgen könne. Nach ihm bewegt sich nämlich die Erde nicht rund um die Sonne, sondern spiralförmig in immer weiteren Kreisen abwärts, und in 1500 Jahren werde sie sich so weit von der Sonne entfernt haben, daß deren Licht nur noch leuchten und wärmen werde, wie jetzt der Mond. Und dann könne nichts mehr wachsen, kein Mensch, kein Thier mehr leben auf der klein, kalt und eisig gewordenen Erde. Die Erde werde mit der Entfernung von der Sonne fortwährend kleiner und kälter. Schon jetzt habe sich ermittelt, daß die Meilen der Grade unserer Erde um viele hundert Schritte jede einzelne im Vergleich zu denen vor 50 Jahren kürzer geworden seien. Das komme von dem 188 Kleinwerden der Erde, die in 1500 Jahren so eng zu- sammengekrochen sein werde, daß eine jetzige Meile nur noch dreifünftel Meile lang sein könne. Damit hängt zusammen, daß die Tage und Stunden fortwährend kürzer werden. Jeder folgende Tag sei einfünftel Sekunden kürzer als der vorhergehende, folglich werde jedes Jahr um 360 Sekunden, d. h. um 60 Minuten, d. h. um eine Stunde kürzer. Also verlieren wir alle 24 Jahre einen Tag. In hundert Jahren wird das Jahr beinahe 5 Tage kürzer sein, als das jetzige, in tausend Jahren um mehr als 50 Tage, u. s. w. Die Erde wird fortwährend kleiner, kälter und dunkler, endlich ein kleiner Eisklumpen, als welcher sie sich in die Weiten des Himmels verlieren oder allmählich wieder in Aether auflösen und als Aether zur Sonne zurückkehren wird. * Die Familie eines Millionärs. Einer gesundheitlichen Zeitschrift wird geschrieben: Ich hatte kürzlich Gelegenheit, die Familie eines Millionärs kennen zu lernen, bei der ich zu Tisch geladen war. Wie gut muß es denen gehen, dachte ich mir, wie beneidenswerth sind diese Menschen; sie können doch Alles haben, was sie wollen. Bald wurde ich anderer Ansicht und lernte von Neuem, daß das kostbarste Gut, Gesundheit, nicht mit Gold zu erkaufen ist. — Da war zunächst die älteste Tochter, ein Mädchen von 15 Jahren; sie war eben von der Franzensbader Cur zurückgekehrt, aber trotzdem leichenblaß, und jede Bewegung schien ihr schwer zu fallen. Sie war im höchsten Grade blutleer. Neben ihr saß ihr Bruder, ein ziemlich kräftiges Bürschchen; aber leider hatte er so furchtbare Zuckungen in seinem Gesicht, das in einem fort verzerrt wurde, so daß es schauerlich war, ihn anzusehen. Der Mund war alle Augenblicke schief und das ganze Gesicht verzogen. Sein jüngerer Bruder, ein Knabe von acht Jahren, Hütte ganz nett ausgesehen, wenn nicht seine Athmung erschwert gewesen wäre. Er war genöthigt, nur durch den Mund zu athmen, da er sich kürzlich einer Nasenoperation hatte unterziehen müssen und trotz derselben noch immer nasenleidend war. Während der Mahlzeit tranken die beiden Jungen wacker ein Glas Bier und Wein nach dem anderen; als die Erwachsenen in das Rauchzimmer gingen, zündeten sie sich auch ihre Cigaretteu an und schmauchten lustig mit. Ihr Vater belachte den guten Witz und meinte, sie rauchten natürlich nur zum Scherz, aber sie vertrügen das Trinken und Rauchen schon so wie die Erwachsenen. Ich aber konnte nicht lachen. Als ich heim kam und meine rothbackigen Kinder mir entgegen sprangen, da konnte ich jene armen reichen Kinder um ihre Millionen nicht mehr beneiden. * ä. Aus dem Wiener Cavalierleben. In einem der Wiener eleganten Cafäs saßen drei junge Kavaliere. Die Unterhaltung dreht sich um verschiedenes, auch um die Justizpflege. Einer der Cavaliere Graf X, meinte, er wolle arretirt werden ohne was unrechtes gethan zu haben, die zwei anderen bestritten dies. Graf X bot seinen Kameraden eine Wette von 1000 fl. an, was von letzteren angenommen wurde. Graf X ging nach Hause, verschaffte sich einen abgetragenen Anzug, steckte eine 100. fl. Banknote zu sich und verfügte sich in ein feines Wein-Restaurant. Dort begehrte der eingetretene Gast eine Flasche Wein, die ihm der Kellner auch brachte, dann langte der Gast, ängstlich um sich sehend, in die Stiefelröhre, und zog zur Bezahlung den 100 fl. Schein hervor, der Kellner schöpfte Verdacht, schickte zur Wache, der Wachmann kam, und auf die Frage, wer er sei, erfolgte die Antwort: „Graf T", dabei auf seine Freunde im Cafe sich berufend. Dieselben wurden herbeigeholt, die Ueberraschung war groß, aber die Wette von Seite des Grafen X war glänzend gewonnen. Der verstorbene Jesuit Dnter Georg von Rlalilburg-Aeil an ilen abgefallenen Jesuiten Ocrrn Grasen v. Iioensbrocck: Aus Liebe nur, von keiner Macht gezwungen, Hab' ich, o theure Schaar, dich auserseh'n. Im Kampfe sah ich dich, vom Feind umrungen, Und sah dein Banner immer mnthig weh'n. Ich sab, wenn schwerste Arbeit dir gelungen, Zum Himmel dich um neue Arbeit fleh'n: D'rum hab' ich deine Fahne auserkoren, Die laß ich nicht — ich hab' es Gott geschworen. Die laß ich nicht und müßt' ich bettelnd wallen Von Thür zu Thüre in der rauh'sten Zeit; Die laß ich nicht und müßt' ich endlich fallen Nach heißem Kampf in blutgetränktem Kleid. Für dich — mag auch der Welt Gelächter schallen — Bin ich zu Schmach und Ehre gleich bereit. Zur Fahne halt' ich, die ich auserkoren — Die laß ich nicht, ich hab' es Gott geschworen. Du Heiland in des Himmels lichten Höhen, Der Du der Schaar Dein Banner hast verlieh'n, Der Du mich hießest zu dem Kreuze stehen, Ihm nach durch steten Kampf zum Siege zich'u: O wolle gnädig auf mich niedersehen, Daß nie die Kräfte mir im Streite'flieh'n! Denn Deine Fahne hab' ich auserkoren, Die laß ich nicht — ich hab' es Dir geschworen. Und Du, Maria, auf dem Sterncnthroue, In der ich früh' die beste Mutter fand, O flehe Du zum Heiland, Deinem Sohne, Der mich in Schlachten heiß und wild gesandt, Daß noch im Tod' für alle Müh' zum Lohne Sein Banner halte die erstarrte Hand. Denn Seine Fahne hab' ich auserkoren — Die laß ich nicht — ich hab' es Ihm geschworen. sZu unserem Bild Seite 185.) Abendglorken. Von Otto Baisch. Wie sanft beim Abendglockenklang Des Lebens Pulse schlagen, Als würden wir mit Engelsang Gen Westen fortgetragen; Wie Stimmen, die uns goldig klar Zu schönern Fluren locken, So tön: in's Ohr uns wunderbar Der Klang der Abendglocken. Die Alten blicken stumm zurück In jene fernen Stunden, Da sie der Jugend Kraft und Glück Voll frischen Muths empfunden. Nun lebt sich s still bis zu der Zeit, Da ibre Pulse stocken Und sie zur letzten Ruhe weiht Der Klang der Abendglocken. Wie anders fühlt der junge Sinn I O schönes, reiches Leben, Da noch der Seele zum Gewinn Die weite Welt gegeben, Da fröhlich wogt um's Angesicht Die Fluth der gold'nen Locken Und schon vom nächsten Morgen spricht Der Klang der Abendglocken I ---4SÄ88Ü-S-