AMWttimgsSlatt M „Augsburger postMung". M 31. Dinstag, den 14. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Judas Wakkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 13. Kapitel. Stiller Kampf. DaS Mädchen hielt sein Versprechen. Treulich befolgte es den Befehl der Hadassah. So selten als möglich betrat es den Raum, welcher mit dem Versteck- platz des Lycidas in Verbindung stand, und niemals anders, als in Gegenwart der Matrone. Sarah's Spinnstuhl wurde in ihr Schlafgemach getragen. Hitze und Unbequemlichkeit hielten sie nicht ab, die mehr abgeschlossenen Theile der kleinen, ärmlichen Wohnung aufzusuchen. Sarah vermied durch ihre freiwillige Gefangenschaft, den zu sehen, der ihr als eine Verkörperung alles dessen erschien, was Schönheit der Gestalt und Hoheit des Geistes anbetraf, und dessen Gesellschaft dem Lichte glich, welcher alle Gegenstände, auf die es fällt, erleuchtet. Und Sarah strafte nicht wie so viele Mädchen an ihrer Stelle gethan haben würden — ihre Großmutter dafür, daß diese ihren Einfluß in die Wagschale der Pflicht geworfen hatte, indem sie ihr die Größe des Opfers, das sie verlangt hatte, zeigte. Das junge Mädchen bemühte sich, eine heitere und freundliche Miene zu zeigen, während ihr Herz blutete. Hadassah hörte Sarah niemals seufzen, niemals fand sie sie in Thränen. Keine Pflicht wurde vernachlässigt, kein Werk blieb ungethan. Ja, Sarah spann fleißiger denn je; denn die Kosten, die die Unterhaltung des Fremden verursachte, waren ein nicht unerheblicher Abzug von den knappen Einkünften Hadassah's, und für ihn zu arbeiten, für ihn zu beten, war das Einzige, was Sarah sich ohne Gewissensbisse gestatten durfte. Sie versuchte, so schwer ihr auch diese Anstrengung wurde, selbst ihre Gedanken von dem Gegenstände, der ihr die verbotene Frucht der Eva erschien, abzulenken. Die Kluft, welche Sarah von dem Heiden trennte, war so groß, daß es, wie sie wußte, sogar sündlich sein würde, die Regenbogenbrücke der Einbildungskraft darüber zu bauen. Sie mußte ihr Inneres zwingen, sich nicht dem gefährlichen Rande zu nahen. Wie viele Psalmen David's — immer so traurigen Inhalts — wiederholte sich Sarah, um bei Tage ihrem Herzen Trost und bei Nacht ihren Augen Schlaf zu geben. Während Judas Mnkkabäus wider die Feinde seines Vaterlandes einen harten Kampf unterhielt und durch ernstes Aushalten siegte, kämpfte Sarah mit demselben Glauben und Gehorsam, der den Krieger beseelte, einen viel schwereren Kampf in ihrem Herzen gegen den Heiden. Es gab einen Gegenstand, zu welchem Sarah oft zurückkehrte, wenn sie ihre Gedanken aus dem Kanal, in welchem sie sonst schwammen, ableiten wollte; das war das Geheimniß, welches über dem Schicksal Abner's, ihres Vaters, schwebte. Die wenigen Worte, welche Hadassah in einem unbewachten Augenblicke entschlüpft waren, erschienen wie das traurige, rothe Licht einer Fackel, die, über einen gähnenden Abgrund gehalten, die Tiefe desselben in schrecklicher Finsterniß läßt. Oft hatte Sarah sich gesehnt, mehr von ihrem Vater zu wissen, wie er starb und wo seine theuren Ueberreste begraben seien. Daß er nämlich todt sei, hielt sie für ganz bestimmt. Alles, was ihn betraf, war für sie, sein einziges Kind, von größtem Interesse. Allein jeder Versuch, die Zurückhaltung, welche Hadassah's Lippen schloß, zu durchbrechen, hatte bei dieser jedesmal so tiefen Kummer verursacht, daß Sarah die Hoffnung längst aufgegeben hatte, vonseiten ihrer Großmutter Aufklärung zu erhalten. Hannah war in Hadassah's Dienste getreten, seitdem letztere Bethsura verlassen hatte. Die Dienerin konnte daher nicht erzählen, was sich früher in der Familie begeben hatte. Salome hatte, wenn sie gelegentlich Besuche bei ihrer Verwandten machte, der Sarah keine Gelegenheit gegeben, über eine so delikate Sache zu sprechen. Einmal, als Sarah die Frage that: „Kanntest Du weinen Vater?" schien Salome dieselbe nicht zu hören und war augenblicklich auf einen zwecklosen Gegenstand der Unterhaltung übergegangen. Abischai wußte zweifellos viel I über den Bruder seines Weibes, aber Sarah schrak ! davor zurück, ihn zu befragen. Bei seinem wilden, ungestümen Charakter war er nichr der Mann, das Vertrauen eines zarten, schüchternen Mädchens zu gewinnen. Sarah schien es fast, als ob ihr Oheim ihr abgeneigt wäre und aus irgend einem Grunde, den sie nicht begriff, sie mit einem Gemisch von Mitleid und Verachtung betrachtete. So war die Tochter Abner's angewiesen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, da sie von allen Mitteln, die gewünschte Aufklärung zu erhalten, abgeschnitten war. Ein unbestimmter Zweifel, welcher kürzlich in 230 Sarah's Gemüth aufgestiegen, aber bisher als Verrath an dem Andenken ihres Vaters zurückgedrängt worden war, hatte Form unv Gestalt durch den Ausruf Hadassah's, welchen ihr der Kummer ausgepreßt hatte, angenommen: „Muß ich denn dieses Elend zum zweiten Male durchmachen?" Viele Umstände kehrten in das Gedächtniß Sarah's zurück, besonders die Seelenqual, welche Hadassah bei dem Begräbniß der Salome verrathen hatte, indem sie die Matrone fast um die Art, wie sie ihrer Söhne beraubt wurde, zu beneiden schien. Sarah beugte sich tiefer und tiefer über den Abgrund, dessen Tiefen zu erforschen sie sich sehnte und doch fürchtete, da sie mit Anstrengung das Dunkel zu durchdrungen suchte, welches ihr die furchtbarsten Schrecken enthüllen konnte. „Wäre es möglich, daß mein Vater noch auf Erden athmete, lebend — das Leben eines Abtrünnigen?" Der Gedanke erschreckte Sarah wie ein Gespenst. Es gab nur eine Hoffnung, es zu bannen. Wenn er lebte, konnte er für die Reue aufgespart sein. Gott ist gnädig, er richtet nicht strenge, er freut sich, wenn seine Verirrten zurückkehren. Sagte nicht Nathan zum reuigen David: „Du sollst nicht sterben!"? Wurde nicht selbst der schuldige Manaffe wieder auf den Thron gesetzt? Ach, der Sohn der frommen Hadassah, einer Frau von solchem Glauben und solcher Gottesverehrung, konnte niemals verloren gehen! Nach solchen Betrachtungen fand das belastete Herz Sarah's Trost im inbrünstigen Gebet für ihren Vater. Ihre kindliche Liebe kam ihrem religiösen Gehorsam zu Hilfe: „Gott erhört kein Gebet von denen, in deren Herzen ein Abgott ist. Um meines Vaters wie um meinetwillen werde ich mich eines unbedingten Gehorsams gegen den Herrn bestreben." So brachte sie müde Tag für Tag hin, indem sie sich bemühte, den einen Kummer mit Hilfe des andern zu überwältigen und über beide einen Schleier zu werfen, ohne durch ein Murren das Opfer ihrer sanften Unterwerfung zu beflecken. 14. Kapitel. Eine Krisis. Mittlerweile ereiferte sich Lycidas in wilder Ungeduld über die Abwesenheit der Sarah. Er konnte sie nicht mehr beobachten, außer wenn sein scharfes Ohr einen Ton ihres Gesanges, der aus den oberen Räumen tönte, auffing. Warum war sie fort, warum mied sie ihn? Sie, deren Gegenwart allein seine Gefangenschaft nicht nur erträglich, sondern angenehm gemacht hatte, während der Zustand der Wunden den Griechen verhindert hatte, ohne Beistand die Wohnung der Hadassah zu verlassen. Lycidas theilte nicht die Skrupel Sarah's hinsichilich der Vereinigung zweier Personen von verschiedener Religion zu einem Ehcbunde. Er war entschlossen, das schöne hebräische Mädchen zum Weibe zu gewinnen. Er war sich seiner Reize, denen wenige junge Herzen widerstehen konnten, wohl bewußt. Indem er seinen Reichthum nur als ein Hilfsmittel betrachtete, wollte er all' seine Kräfte auf's äußerste anstrengen, um sich den köstlichsten Preis, um den je ein Mensch gestritten hat, zu sichern. Lycidas brachte manche Stunde damit zu, ein Gedicht von einfacher Schönheit zu Ehren Sarah's zu verfassen. Melodisch flössen die Verse, und der Weihrauch des Lobes, das er ihr spendete, war dem zartesten Dufte ähnlich. Die Reiche der Natur und der Kunst wurden zu Sinnbildern der Schönheit geplündert. Aber Lycidas war seines Werkes überdrüssig, bevor er es vollendet hatte. Er kam sich vor wie einer, der eine schöne Statue mit Edelsteinen schmücken und miOchönen^Ge- wändern behängen will, um sie damit zu ehren, in der That aber dadurch nur ihre wirkliche Schönheit verdeckt. Einige wenige Worte, die Hadassah aus dem heiligen Pergament vorlas, schienen ihm mehr zu sagen, als alle Beschreibungen. Lycidas hatte an Sarah gedacht, als er den Ausdruck „die Schönheit der Heiligkeit" hörte. „Ich j will nun nicht ^länger ein Gefangener sein, wenn ich in dieser erstickenden kleinen Höhle abgeschlossen bleiben soll, nicht nur von der Welt, sondern auch von ihr, die für mich mehr ist, als die Welt," dachte der Grieche. Nach Monaten des Leidens und der Schwachheit kehrten die Kräfte langsam in die Glieder des Lycidas zurück. Und als einmal niemand, der ihn hätte beobachten können, in der Nähe war, versuchte er, wie weit ihm seine Kräfte zu gehen erlaubten. Er erhob sich, obgleich er in der verwundeten Seite Schmerzen empfand. Dann ging der Grieche von einem Ende seines Gefängnisses bis zum andern, indem er sich dabei der Wand als Stütze bediente. Dies war wenigstens ein Anfang, Jugend und Liebe befähigten ihn bald, mehr zu thun. Aber vor Hadassah und Hannah verbarg Lycidas sorgfältig, daß er schon so weit war. Diese sahen ihn nie anders als liegend. Er fürchtete, daß man Maßregeln treffen würde, dem' Vogel die Flügel zu beschneiden, sobald man bemerken würde, wie diese Flügel schon befiedert waren. Am Tage vor der Feier des großen Passahfestes war Hadassah sehr unwohl. Ob diese Krankheit vom Wetter herrührte — denn der Monat Nisan war in diesem Jahre heißer, als je, oder von der Wirkung des langen Fastens auf den vom Alter geschwächten Körper, oder ob ein geheimer Kummer die Matrone an das Krankenlager fesselte, Sarah wußte es nicht. Vielleicht kamen alle diese Ursachen zusammen. Das Mädchen wurde sehr besorgt um ihre Großmutter und verdoppelte ihre zärtliche Fürsorge für ihre Bequemlichkeit. An dem gedachten Tage war sie nach Jerusalem gegangen, um das Garn, das die hebräischen Frauen gesponnen hatten, zu verkaufen, sowie um einige nothwendige Nahrungsmittel einzukaufen. Hadassah erlaubte ihrem schönen Kinde nie, die Wälle der Stadt zu betreten oder den Umkreis der Heimath zu verlassen, außer wenn sie am Sabbath nnd an Festtagen dicht verschleiert in die Wohnung des Aeltesten Salathiel ging, der ungefähr eine halbe Meile von Hadassah's Wohnung entfernt lebte, um dem Gottesdienste beizuwohnen. (Fortsetzung folgt.) - Got-KSrner. Dein Vorsatz gleicht der Blüth', Die leichtlich kaun verwehen, L-chau, was für Frucht in dir Nach Frost und Sturm bleibt stehen. Rückert. 231 Unter den Campagnolen. (Ein Besuch in den Sabinerbergen.) - Nachdruck verboten.) „In den Bergen ist es schön"; namentlich im schönen Land Jtalia. Gewiß ist schon mancher von den Lesern dieser Zeitung in Rom gewesen. Von Rom aus hat er alsdann ohne Zweifel einen Ausflug gemacht in die Albanerberge, in diese Berge mit ihren tiefen, dunklen Seen, mit ihrem Feuerwein und ihrer Zauberschönheit. Vielleicht ist er auch auf der Höhe von Rocca Priora gestanden. Welch' weite herrliche Rundficht bot sich da seinen Blicken! Er sah die Berggruppen der Sabinerund Volskerberge sich zu einem weiten Kreise zusammenfügen; nur nach einer Seite blieb er hoffen. Und an dieser offenen Seite verrieth ihm ein silbern leuchtender Streifen das wogende Meer. Zwischen dieser Küste und den Bergen sah er nun eine weite, sich wellenförmig erhebende grüne Fläche, die römische Campagna. Freilich blieb sein Auge haften an dem majestätischen Bilde der ewigen Roma und des gigantischen St. Peter-Domes, freilich traf er hie und da auf prächtige Felsenstädtchen und einzelne Landhäuser, aber im Großen und Ganzen mußte er meinen, in ein großes Grab menschlichen Lebens zu schauen. Und so ist es auch. Die Campagna Roms ist im Verhältniß zu ihrer Ausdehnung überaus spärlich bewohnt. Sie ist ein großes Weidefeld für Rinder-, Schaf- und Pferdeheerden. Den Pflug empfindet die Campagna nur an wenigen Stellen; der Ackerbau ist zu mühsam und lohnt nicht die Mühe. Nur in den Bergen und in der nächsten Umgebung Roms betreibt man den Weinbau. Darum ist es wohl verständlich, daß das Volk der Campagna, die Campag- nolcn, ein armes Volk ist. Allein so arm wie es ist, so interessant ist es auch. Dort haben noch die alten Vätersitten, dort haben noch Glaube und Liebe ihr Heimathrecht bewahrt. Wer darum einmal etwas von diesen armen Campagnolen möchte erzählen hören, wie sie leben und arbeiten und auf ihren Gott vertrauen, der mache sich jetzt mit mir auf den Weg in die Sabinerberge, zur sogenannten Mentorella. , Also, mein verehrter Leser, wir steigen jetzt auf die Mentorella. Es ist das jener hohe Berg, der gerade in der Mitte zwischen Tivoli und Genazzano liegt. Die Berge, in denen wir uns jetzt befinden, heißen noch von den alten Römern her die Sabinerberge nach dem Volksstamm, der darin wohnt. Es sind Ausläufer der Apenninen. Sie bestehen aus einem kalkartigen Tuffgestein. Einst, vor manchen tausend Jahren, waren hier noch keine Berge zu sehen, sondern das weite, wogende Meer. Durch Hebung des Landes trat das Meer allmählich zurück. Viele Muscheln und andere Seethiere lagerte es aber im Laufe der Zeiten ab, und diese Ablagerungen erblicken wir heute als die Sabinerberge. Was uns in diesen Bergen gleich auf den ersten Blick auffällt, ist die große Oede; fast nirgendwo sehen wir Bäume, von Wäldern gar nicht zu sprechen. Nun, es war nicht immer so. Auch hier war einst ein prächtiger Waldwuchs, wie ihn die Albanerberge noch heute tragen. Aber die Räuber hatten diese Waldungen zu ihren Schlupfwinkeln auserkoren. Darum ließ Papst Nikolaus V. sie mit Stumpf und Stiel aushallen, um den Räubern endlich einmal ihr unsauberes Handwerk legen zu können. Gegen die Räuber mag das Mittel wohl geholfen haben, aber wie sehr es auf der andern Seite geschadet hat, kann uns unser Blick rechts und links belehren. Wir steigen jetzt den schmalen, mit vielem Geröll bedeckten Weg vom Städtchen Polt zur Spitze der Mentorella hinan. Was sehen wir rechts und links? Lange, lange parallele Terrassen von Felsstein. Alle fünf Schritte zählen wir wieder eine neue Parallelreihe, und so geht es den ganzen Berg herauf. Wozu denn das? Nun, als die Bäume weg- geschlagen waren, hatte die Erde keinen Halt mehr auf den Felsen und wurde vom Wind und Regen heruntergetragen. Als man darauf aufmerksam wurde, suchte man zu retten, was noch zu retten war, und half sich in der Weise, die wir eben rechts und links erblicken. Durch diese Steindämme ist die Erde am Rutschen verhindert, und so bleibt doch noch wenigstens so viel, daß man etwas Mais darin ernten kann. Sonst ist in diesen Bergen nicht viel zu sehen. Interessanter sind für uns die Leute. Wir sehen hie und da einige an der Arbeit. Reinlich sehen sie zwar nicht besonders aus, aber wir sind halt eben in Italien, wo man's" nicht gerade so genau nimmt. Eigenthum haben sie auch nicht viel; denn der Berg gehört zum größten Theile dem Fürsten Torlonia aus Rom. Dieser hält dort seine Heerden und Hirten. Etwas Pachtgut und ein Fleckchen Land ist den Campagnolen doch geblieben. Und dieses Fleckchen Ackers macht ihnen so viele Mühe wie manchem rheinischen Bauern sein Hofgut. Alles, was der Cam- pagnole zur Arbeit nöthig hat, muß er oft stundenweit auf seinem Kopfe heraustragen; dabei ist der Bergpfad so steil und so mit Steinen besät, daß der Fuß jeden Augenblick ausrutscht. Höchstens hilft ihm ein Grnuthier etwas beim Tragen. Ist er nun an seinem Acker angelangt, so fängt eine neue Mühe an, die Bearbeitung. Alles muß mit der Hand geschehen; mit der Hacke und Schaufel wird der Boden zwischen den überall Vorschauenden Felsen gelockert, und der Nest der Arbeit wird Reichs- und Kandtags-Adg. Nomdekan Reindt f. den Schweinen überlassen. Diese Schweine folgen ihren Herren den ganzen Weg hinauf getreulich wie Hunde. Oben wühlen sie dann im Boden herum und helfen ihn so vorbereiten für die Maissaat. Glücklich der Bauer, der ein Gespann Ochsen sein eigen nennt! Oben, eine halbe Stunde unterhalb der Mentorella, sehen wir einen solchen bei seiner Arbeit. Er pflügt. Aber welch eine Mühe, den Pflug durch dieses Fclsgestein hindurch richtig zu lenken! Und sehen wir uns einmal den Pflug und das Joch der Stiere an. An einem solchen Pfluge und unter einem solchen Joche haben gewiß schon die Stiere unserer grauen Vorväter gezogen. Der Pflug ist nichts weiter als ein etwas zugerichteter langer Baumstamm, an dessen einem Ende ein hakenförmig umgebogenes Eisen befestigt ist. Wenn wir diesen Mann so arbeiten sehen, dann fühlen wir, daß es vor achtzehnhundert Jahren gerade so gewesen sein muß. Wir erinnern uns an die Worte, die uns der Dichter Horaz aufgezeichnet; vielleicht hat er von seiner in der Nähe von Tivolt gelegenen Villa aus diese Leute beobachtet; dann hat er sie also beschrieben: Soldaten — landentsprossener Mannesstamm — Wohlkundig, mit dem Pflug von Sabellerart Gar schwere Schollen auszuwerfen Und nach dem Willen der strengen Mutter Nach Haus des Holzes Scheite zu tragen, wenn Die Sonne läng'ren Schatten den Bergen schenkt, Das Joch den müden Stieren nimmt Und sinkend die freundliche Zeit herausführt. Oä. III. 6. „Wie die Arbeit, so der Lohn." Ja, mühevoll wie die Arbeit, so karg ist der Lohn. Denn nichts anderes wächst in diesen Bergen als ein spärlicher Mais. Aus Mais ist das Brod in der Frühe, aus Mais ist die Polenta am Mittag, aus Mais ist die Polenta am Abend. Mais heute, Mais morgen, so geht es das ganze liebe Jahr hindurch. Kartoffeln und Gemüse und erst das Fleisch, das liegt für diese Campagnolen verschlossen hinter den Thoren des Paradieses. Am Fuß dieser Berge, z. B. bei Genazzano, Poli, Palestrina, Zagarolo, pflanzt man freilich auch noch eifrig den Weinstock. Darum verlassen viele Campagnolen im Sommer und Herbste diese Berge, um sich in der Ebene als Taglöhner zu verdingen; sie ersparen sich dann ein kleines Stück Geld, kaufen sich dafür im Herbst etwas Mais und kehren für den Winter in ihre Behausungen zurück. Auf der Höhe der Mentorella liegt ein kleines Dorf mit Namen Guadagnolo. Wir wollen einmal hindurchgehen. Freilich muß dies mit Vorsicht geschehen; denn schmutzig ist es hier wie in allen Dörfern des schönen Italien. Schweine, Hühner und Menschen wohnen eben in einem Gemach, und dieselbe Thür bietet allen Einlaß. Aber wenn wir glücklich hindurchgekommen sind und auf die vorspringenden Felsen treten, dann genießen wir eine wundervolle Aussicht auf die ewige Stadt und St. Petri Dom, auf die wette Cawpagna, das silberne Meer und die blauen, mit Wein und Wald bestandenen Albanerberge. Einen Blick müssen wir nun noch über unsere Berge hin nach links gleiten lassen. Dort sehen wir auf einer kleinen Höhe, vielleicht drei Stunden entfernt, ein kleines Kirchlein seinen Thurm gen Himmel strecken; dieses Kirchlein heißt S. Pietro. Dort hat vor mehr denn 1800 Jahren der erste Apostelfürst, der hl. Petrus, gestanden und hat von dort aus zum ersten Male das große Babel an der Tiber, das wcltbeherrschcnde Rom, gesehen. Ob dem armen Fischer beim Anblick dieses blendend weißen Häusermecres, dieser unzähligen Tempel und Tempelchen falscher Götter nicht das Herz geklopft hat? Er, der Fischer von Galiläa, war berufen, alle diese Tempel zu stürzen und über den Ruinen aufzupflanzen das heilige Kreuz seines Erlösers. Daß ihm sein Werk gelungen, besagt uns ein Blick nach vorwärts auf die Kuppel vom Petersdome. Allein wir brauchen nicht einmal soweit zu schauen, um den Sieg des hl. Petrus zu erkennen, ein Blick in die Herzen der Campagnolen gibt uns schon Beweis genug. Oder was wäre es denn, was diese armen Campagnolen mit ihrem harten Loose aussöhnt, was sie auch noch in ihrer bitteren Armuth zufrieden, ja glücklich sein läßt? Nur die heilige Religion des Kreuzes. Fragt man die Campagnolen, wie es ihnen gehe, so antworten sie: „RinArutüumo lääio"; fragen wir sie, wie der Mais gerathen, so ^geben sie uns alle zur Antwort: „81 81^llor6, ö un xooo; ma ns rin^ratjaiuo Ickäio" („Ja, Herr, es ist wohl nur wenig; aber danken wir Gott dafür"). Die kathol. Kirche hat das wunderbare Brod der hl. Kommunion. Gerade dem Armen bereitet es den süßesten Trost. Wenn irgendwo auf der Welt, so haben dies die Campagnolen in diesen Bergen erkannt. Immer und immer wieder, selbst mitten in der Woche, nahen sie sich dem Altare, um diese Seelenspeise zu empfangen. Hätten wir, mein verehrter Leser, den Tag des hl. Michael zu unserem Aufstieg auf die Mentorella gewählt, so könnten wir uns hiervon persönlich überzeugen. Aber laß mich jetzt Dir etwas erzählen von diesem Feste. Wenn wir gleich von Guadagnolo aus nach der anderen Seite heruntersteigen, dann wirst Du nach einer halben Stunde ein Klösterlein sehen. Drin haben einige Nesurrekttonisten-Patres ihre Wohnstätte. Das Klösterlein heißt S. Eustachio, denn hier ist aus dem heidnischen Feldherrn Placidus der Sieger Christi St. Eustachius geworden. Einst jagte Placidus einen Hirschen. Der Hirsch floh vor seinem Jäger; auf einmal konnte er nicht weiter; er war auf jenen hohen, spitzen Felsen geflohen, den Du neben dem Klösterlein vor Dir siehst. Von diesem Felsen aber gab es keinen Abweg mehr. Placidus hatte jetzt den Hirsch in seiner Gewalt; eben legte er den Todespfeil auf die Sehne, da wandte sich der Hirsch ihm entgegen, und zwischen seinem Geweih erglänzte ein goldnes Kreuz. Nun war es um das Herz des Waidmannes geschehen, er war selbst gejagt worden von einem Stärkeren. Placidus wurde Christ und wurde Martyr und wird heute verehrt als der hl. Eustachius. Also hier in diesem Kirchlein, worin — nebenbei gesagt — die Gebeine des berühmten Jesuitenpaters Kirchner ruhen, wird das Fest des heil. Michael mit besonderer Feierlichkeit begangen. Mehrere Geistliche kommen für dieses Fest von Rom her zur Aushilfe. Wenn nun die Uhr anhebt, die Vesper des hl. Michael zu schlagen, dann wird es in diesen rauhen Bergen lebendig. Gegen vier Uhr kommen die ersten Processionen unter Wechselgesängen auf der Höhe der Mentorella an. Es kommen ihrer immer mehr, und damit beginnt für die Priester die Arbeit des Beichthörens. Mit einer kleinen Unterbrechung um acht Uhr und um Mitternacht wird die ganze Nacht hindurch die Beichte angehört; in der Frühe lesen die Priester ihre hl. Messe, theilen die hl. Kommunion aus und setzen sich wieder bis gegen 1l Uhr in den Beichtstuhl. , Wäh- 238 rend der Nacht schlagen die Pilger, Männer, Frauen, ! Fernsicht auf die Abruzzen und können unsern Blick durch Kinder und Säuglinge, ihr Nachtquartier einfach in der ^ das weite, fruchtbare Aniothal Hinschweifen lassen. Neben Kirche auf oder lagern sich um dieselbe herum im Freien. ! uns hängt hier oben beim Kapcllchen des hl. Eustachius Einige Kleriker müssen für die Ordnung sorgen. In eine mächtige Glocke. Offenbar soll man sie läuten. Eine Storchrnfamilie. tliach dem Gemälde von H. Hartwig. der Frühe kehren alsdann die Processionen allmählich wieder zurück. Vorher aber machen noch alle einen Besuch auf dem Felsen des hl. Eustachius. Auch wir können hinaufsteigen; denn eine bequeme Treppe führt jetzt hinan. ^ Oben genießen wir alsdann die prachtvolle So ist es; alle, die hier hinaufsteigen, pflegen einmal am Glockenstrang zu ziehen und so den Dörfchen im Grunde und dem fernen, berühmten Subiaco einen Gruß vom hl. Eustachius zu senden. Wenn wir noch etwas sehen wollen von dem reli- 234 giösen Sinne der Campagnolen, so wollen wir unsere Schritte wieder rückwärts lenken gen Guadagnolo. Machen wir dem freundlichen Pfarrer und dem Kirchlein einen Besuch. Das erste, worauf unser Blick in der Kirche fällt, ist die Statue der Madonna. Was wären die Italiener ohne ihre Madonna? Die Madonna ist ihr Erstes und Letztes. Schauen wir uns nur den Schmuck der Mutter Gottes vor uns an. Lange, seidene Gewänder, Korallenschnüre um den Hals der Mutter und des Jesukindleins, lang herabbaumelnde goldene Ohrringe und ein Rosenkranz in den Händen. Allein etwas sonderbarer muthet uns der Schmuck neben der Statue an; Messer, Revolver, Pistolen sehen wir dort. Nun, in der Hitze des Zornes greift der heißblütige Italiener leicht zur Mordwaffe, aber wenn der Zorn Als ich nun fragte, was ihnen denn für ein Leid zugestoßen, erhielt ich als Antwort: „Vor vier Jahren ist unser Vater gestorben, und jetzt liegt unsere Mutter am Sterben." Und dann riefen sie von neuem zur Madonna so laut und flehentlich, daß es mir schrecklich in den Ohren klang. Bei dieser Gelegenheit konnte ich auch wieder das den Italienern, auch den armen Campa- gnolen angeborene Gefühl für Anstand erkennen. Diese Mädchen wußten, daß sie sich bittflehend einer Höheren nahten, und darum hatten alle ehrerbietig ihre Schuhe ausgezogen und neben sich hingestellt. Aus demselben Grunde vermeiden die Campagnolen es auch, beim Verlassen der Kirche ihrer Madonna den Rücken zuzuwenden; sie gehen rücklings mit der Madonna zugekehrtem Gesichte zur Thür hinaus. Noch eine schöne Sitte blüht in diesen WWW Reitenbach verraucht ist, faßt ihn die Reue, und der Madonna schenkt er dann Herz und Waffe. Die Madonna ist den Campagnolen wirklich Mutter und Alles. Wenn wir so über eine der weiten Campagnastraßen wandern und können einem neugierigen Campagnolen sagen, wir gingen ,a,11a Naäonna", so bittet er uns gleich um ein Ave bei ihr: „LiAnorsl prs^ats anolis xsr ras". Es ist noch nicht so lange her, da war ich in diesen Bergen Zeuge einer echt italienischen Scene. Vor der verschlossenen Thüre und den Gitterfenstern einer kleinen Mutter-Gottes- Kapelle knieten zwei erwachsene und vier jüngere Mädchen. Alle waren bitterlich am Weinen und riefen mit einer Stimme, die laut über die Straße gellte, zur Madonna, daß sie jetzt ihre Mutter sein müsse. Die Mädchen ließen sich durch die vorübergehenden Leute gar nicht stören. bei Klütlen. Bergen und Dörfern der Campagna. Wenn wir zur Abendstunde über eine der einsamen, weiten Cawpagna- straßen wandern, dann erblicken wir oft in den Mauern ein Marienbild, und davor grüßen uns einige Lichtlein, die eine liebevolle Hand angezündet. Wenn wir alsdann die Dörfer betreten und einen Blick werfen in die Läden und Geschäfte, dann schaut uns die Madonna entgegen und bietet uns des Hauses Willkomm. Ja in manchen Geschäften, selbst Osterien, gibt das flackernde Licht vor dem Bilde der Madonna Tag und Nacht Zeugniß von dem frommen Sinne, von der Liebe und Dankbarkett,der Bewohner dieses Hauses. Und nun wollen wir Abschied nehmen, mein lieber Leser, von den Campagnolen. Dieses Volk der weiten Campagna ist zwar arm und bedrückt, ^aber es ist nicht 235 traurig^und unglücklich. Die Liebe zu Gott und jzu seiner heiligsten Mutter wirft ihr mildes Licht über das Handeln7>undI Leiden dieser Campagnolen; diese Liebe verleihHihnen einen hohen- Adel der Gesinnung und gibt ihnen jenes Glück und jene Ruhe, welcher heute so viele Millionen armer Menschen auf verkehrten Wegen nachjagen. — 8 — -—- Katholische Pfarrei Nettenbach. Mit 2 Illustrationen. Slnsnahme durch Herrn Photographen M. Eggart in Kaufbeuren. Die katholische Pfarrei Nettenbach in der bayerischen Provinz Schwaben, im bischöflichen Landkapitel, k. Bezirksawte und Amtsgerichte Oberdorf gelegen, mit 500 Einwohnern, war ehemals Eigenthum verschiedener Die in den letzten 2 Jahrzehnten schön restaurirtc gothische Pfarrkirche, eingeweiht zu Ehren des hl. Märtyrers Vitus und der übrigen hl. Noihhelfer am 9. November 1508 von dem Weihbischof Heinrich von Adrya- mentum zu Augsburg, hat drei neue gothische Altäre, gefertigt nach den Plänen des Herrn Professors Mar- graff in München von dem Kunstschreiner und Altarbauer Herrn Joseph Keller in Altenstadt bei Schongau. Die Altargemälde, 3 des Hochaltares, nämlich Christus am Kreuze, Christi Geburt und das Tiberiasbtld, i ferner das Bild der unbefleckten Empfängniß Martä auf dem rechten und das Bild des hl. Märtyrers Sebastian auf dem linken Nebenaltar, sind Meisterwerke, Meisteroriginalwerke des verstorbenen Herrn Kunstmalers Johann Kaspar zu Obergünzburg. Die Photographische Momentaufnahme des Innern der Pfarrkirche zeigt auf dem ,-i M r'L Inneres der Pfarrkirche Edlen. — Sie besitzt im Pfarrdorfe Nettenbach eine schöne im gothischen Stile restaurirte Pfarrkirche. Pfarrkirche und Pfarrdorf liegen auf einem Hügel, im Süden begrenzt von dem 1*/^ Stunde entfernten, 1030 Meter hohen isolirten Auerberge, welcher mit der auf seiner Spitze erbauten Kirche einen freundlichen Anblick und zugleich eine reizende Fernsicht bietet; die Ostgrenze bildet der 2500 Fuß hohe Weichberg mit dem stattlichen, neuerbauten Weichberghofe, ehemals mehr- hundertjähriger Besitz der früher adeligen Familie Nied; im Westen bildet die Grenze der an einem Bergzuge liegende Vierpfarrwald und im Norden der Krottenhiller- berg mit der zur Pfarrei und Gemeinde Jngenried gehören Ortschaft Krottenhill. Das Pfarrdorf Nettenbach mit dem Filial- und Kirchdorfe Frankau mit 24 Anwesen und 110 Einwohnern mit einer Kirche zur hl. Anna liegt an der Distriktsstraße Schongau-Füssen. zu Uelleukach bei KtSIten. Hochaltare das in Holz geschnitzte Bild der hl. Dreifaltigkeit aus dem Atelier des Herrn Bildhauers Beyrer in München, welches wie die Kaspar'schen Gemälde allgemeine Bewunderung erregt und findet. Auf den drei Altären steht ein kostbares, von Herrn Beyrer aus Olivenholz vom Oelberge zu Jerusalem geschnitztes Crucifix, eine Schenkung des Herrn Pfarrers und Jerusalemptlgers Anton Löchle von hier. Großes Interesse findet ferner der am Marienaltare stehende, sehr werthvolle, aus röthlichem Marmor nach Zeichnung des Herrn Professors Margraff in der Fabrik des Herrn von Löwenstein in Oberalm bei Hallein in Oesterreich aus einem Stücke hergestellte Taufstein. Der Sockel desselben ist Füssener Marmor. Außer diesen ebengenannten Kunstwerken weist die hiesige Pfarrkirche noch mehrere andere auf, welche die photo- graphische Moment-Aufnahme nur theilweise ersehen läßt; 236 so die 10 Glasgemälde aus der Mittermeyer'schen Kunstanstalt zu Lauingen; dann den in origineller Weise von Herrn Kunstmaler Johann Kaspar in Obergünzburg in Oel gemalten und nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich ausgeführten, sehr werthvollen Kreuzweg; endlich die Frescogemälde am Plafond, von dem Kunstmaler Osterried ausgeführt im Jahre 1859, welche die hl. Mutter Gottes und den hl. Kirchenpatron Vitus am Throne der allerheiligsten Dreifaltigkeit als unsere Fürbitter darstellen. Im Jahre 1878 erhielt die Pfarrkirche auf der Westseite einen Anbau, ein neues Vorzeichen, unter welchem eine Oelberggrotte aus Tuff- und Tropfsteinen, aus den Steinbrüchen zu Bayersoien errichtet wurde. Dieser Oelberg ist bereichert mit mehreren von Herrn Pfarrer A. Lächle aus Jerusalem mitgebrachten Steinen. Im Jahre 1894 wurde in nächster Nähe der Pfarrkirche eine Lourdeskapelle mit Grotte im gothischen Stile erbaut. Die Photographie des Pfarrhauses zeigt auch das Aeußere derselben. Bauzeichner und Bauleiter war Herr Kunstschretner und Altarbauer Joseph Kraut in Bernbeuren. Herr Kraut hat sich seiner schwierigen Aufgabe als vollkommen gewachsen gezeigt. Die eigentliche Felsengrotte ist eine sehr gut gelungene Imitation der Felsengrotte in Lourdes. Einen besonderen Schmuck derselben bildet der naturgetreu hergestellte Epheu und Rosenstrauch und die aus der Anstalt für kirchliche Kunst von Herrn Karl Port zu Augsburg gelieferten, fast lebensgroßen 4 Statuen der Madonna, der Bernadette und ihrer zwei Schwestern. Lourdesgrotte und Pfarrkirche Rettenbach erfreuen sich eines sehr starken Besuches seitens der Freunde kirchlicher Kunst wie des frommen chrtstgläubigen Volkes von nah und fern. 8. -—- Allerlei. „O selig, o selig ein Bahnwärter zu sein!" ruft ein Lehrer in einer schweizerischen Zeitung aus und schreibt dann weiter: „Der unterste Bahnwärter der Nordostbahn tritt seinen Dienst mit Fr. 1140 an; der Lehrer im Aargau mit Fr. 900. Der Eisenbahnangestellte hat dazu Vergünstigungen wie Dienstkleider, Alterspension, Freibillets. Der Wärter kann es auf 1749 Fr. bringen, der Lehrer erhält 1200 Fr., wenn er gut arbeitet und den Leuten gefällt. Im letzteren Falle kann ihm die Gemeinde noch eine Gratifikation gewähren, wenn sie will. Der Kondukteur steigt in den ersten fünf Jahren von 2100 auf 2340 Fr., der Lokomotivheizer bleibt zwischen 2280 und 2400 Fr., und der Primarlehrer im Aargau hat die Freude, nach 15jähriger Thätigkeit im Dienste des Staates zum Wohle der Menschheit noch 100 Fr. zu seinen 1200 Fr. zu erhalten." -»ssssics— Zu unseren Bildern Aomdekan Reindl f. Eine Trauernachricht, die besonders uns Schwaben nahegeht, hat dieser Tage schmerzliches Aufsehen hervorgerufen: Einer der eifrigsten und hervorragendsten Parlamentarier, Reichstags- und Landtagsabgeordneter Domdekan MagnuS Reindl, ist in Rosenheim an Herzlähmung plötzlich gestorben, i Der Lebensgang deS uns so nahestehenden Heimgegangenen ist an anderer Stelle geschildert worden. Reindl gehörte dem Vor- I > stände der bayerischen und deutschen Centrumsfraktion an, war ! im bayerischen Landtag Vorsitzender des Pctitionsausschusses, ein ebenso undankbares als dornenvolles Ehrenamt, das neben großer Sachkenntniß ein umfangreiches Wissen und eben so viel Geduld als Energie erfordert; er übernahm ferner das Referat über den Lokalbahngesetzentwurf, an dessen Erstattung er durch seine Krankheit verhindert wurde. Als Redner im Parlament war Reindl besonders deshalb geschätzt, weil er, zwar in einem etwas eigenartig klingenden Dialekt, aber außerordentlich sachlich das jeweilige Thema behandelte. Die Entwicklung der Gedanken war äußerst scharf, die Logik zwingend. Persönlich war Herr Reindl als Abgeordneter außerordentlich liebenswürdig und gefällig. ImReicbStage verfocht er dieJnteressen des Volkes und der Kirche ebenso unerschrocken als im Landtage. Für die Parlamente war er eine hochgeschätzte, unermüdliche Arbeitskraft, die nicht so leicht zu ersetzen ist. Wie hoch er überall dort geschätzt wurde, wohin ihn seine Pflicht als Seelsorger rief, brauchen wir hier wohl nicht auseinanderzusetzen; die Liebe und Verehrung von Seiten seiner jeweiligen Pfarr- angehörigen hat sich bei den verschiedensten Gelegenheiten doku- mentirt. Nun hat der Tod, der schon von seinem Lager gebannt schien, ihn plötzlich dahingerafft zum großen Schmerze all Derer, die ihm je näher gestanden sind. Gott hat dem Streiter für Leine Ehre die Waffe aus der Hand genommen und ihn hcimgerusen zur ewigen Ruhe. I!. I. k. Eine Ktorchenfamilie. Wenn der Frühling ins Land zieht, dann bildet das Storchcnnest anf dem Schornsteine des Rathhauses den Gegenstand gespanntester Aufmerksamkeit für Alt und Jung im Städtchen. Ob sie wohl wiederkommen werden, die gnten, alten Bekannten, die nun schon seit einer Reihe von Jabren im Frühjahr das Städtchen durch ihre Ankunft erfreuen? Und wie ein Lauffeuer Pflanz' sich die Kunde „Sie sind da, sie sind da!" von Mund zu Mund, wenn eines Nachmittags das Stvrchenpaar mit mächtigem Flügelschlag herbeigerauscbt kommt, mehrmals das Rathbausdach umkreist und dann sich auf dem alten Standplatze niederläßt, von wo es ruhig und gravitätisch, als sei gar nichts vorgefallen, auf die Menschenkinder hinab- schaut. Mit Interesse verfolgen von Stund' an die Einwohner das Treiben des Storchenpaares in seiner luftigen Höhe, und es gehört zu den lokalen Ereignissen, wenn eines Morgens ein halbes Dutzend junger Störchlein ihre gelben Schnäbel zum Neste Herausstrecken. Da ist es dann rührend, zu beobachten, mit welch' unermüdlicher Sorgfalt die Storcheneltern für die Fütterung ihrer Brüt sorgen, wie sie derselben die feinsten Leckerbissen in Gestalt von Fischen, Fröschen, Schlänglein und dergleichen aus Sümpfen und Weihern herbeiholen, und wie sie dann später, wenn die Jungen flügge geworden sind, denselben die Kunst des Fliegens beibringen, bis dann im Herbste die ganze Storchenfamilie wieder Abschied nimmt und sich zum Winteraufenthalte dem sonnigen Süden zuwendet. Gewitter. Die Wolken ballen schnell sich zum Gewitter, Und Stürme bergen sich in ihrem Schoß, Vom Felde kehren heim die müden Schnitter, Der Schiffersmann verläßt sein schwankend Floß. Es blitzt, und Donner folgen mit Gekrache, Des Himmels Wolken schütten aus ein Meer. Stand auf der Herr von seinem Sitz zur Rache, Weil ihn der Mensch beleidigt oft und schwer? O nein. Er liebt die Welt, die er erschaffen, Und er sie durch dies Ungestüm erneut, Gar bald das wilde Tosen wird erschlaffen, Und jedes Leben neugestärkt sich freut. S ch i l l e n a u e r. Altrömische Inschrift zu übersetze». c>!» »Uz PM »»>»!>,