HZ 32. Areitag, den 17. April 1898. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler). Indas WaklraDäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) Hadassah behütete mit eifersüchtiger Sorgfalt ihre weiße Taube vor den Augen der Syrer. Die alte Frau hatte eine sehr unruhige Nacht gehabt. Mit schauerndem Interesse hatte Sarah sie im Schlaf stöhnen hören: „Abner, mein Sohn, mein armer, verlorener Söhnt" Die versiegelten Lippen waren geöffnet, da die Seele keine Kraft mehr hatte, ihre Aussprache zu verhindern. Hadassah erwachte am Morgen fieberhaft und krank. Sie machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben, um ihre tägliche Arbeit vorzunehmen. Sarah bat sie, stillzuliegen. Stundenlang lag die Wittwe auf der Matte ausgestreckt, während Sarah neben ihr wachte und ihre fieberhafte Stirn fächelte. „Laß mich Dir einen kühlen Trank bereiten, meine Mutter," sagte das Mädchen, indem es aufstand und nach dem Wasserkruge ging, der in der Ecke des Zimmers stand. „Ach, er ist leer, Hannah vergaß ihn, ehe sie zur Stadt ging, zu füllen; ich will gehen und ihn selbst Wen." Sarah hob den Krug auf, setzte ihn auf den Kopf und ging die rauhen Stufen der Außentreppe hinab, um sich zur Quelle an der Rückseite des Hauses zu begeben. Die Quelle war von Oleandern umgeben, welche zu dieser Jahreszeit in Palästina in reichster Blüthe stehen. Aber die Jahreszeit war heiß und trocken gewesen und der Spätregen noch nicht gefallen, so daß die Quelle zu sinken begann. Sarah stellte ihren Krug unter die Oeffnung, aus welcher rein und hell das Wasser floß, aber dies geschah so sparsam, daß sie beinahe die herausfallenden Tropfen zählen konnte. „Ach, mir scheint eS, als ob meine irdischen Freuden diesem mangelhaften Quell glichen," dachte das Mädchen, als sie das langsame Tröpfeln des Wassers beobachtete. „Sie werden bald alle vertrocknet sein. Die Kräfte meiner geliebten Großmutter nehmen sehr ab. Sie wird unfähig sein, morgen dem Feste in Salathiel's Hause beizuwohnen, obgleich ihr Herz bet den Anbetern dort verweilen wird. Wie verschieden, ach wie verschieden ist das Passahfest von dem des vorigen Jahres. Denn da war zwar wirklich ein Götze im Tempel des Herrn, und das heilige Opfer konnte nicht geweiht werden, aber der Verfolgungssturm mit allen seinen Schrecken war noch nicht losgebrochen. Wie viele waren ferner damals um den Tisch des Salathiel versammelt gewesen, die ich auf Erden nie wiedersehen werde! Salame, «eine Verwandte, und ihre sieben Söhne waren in jener feierlichen Versammlung gegenwärtig. Azahel mit den feurigen Augen, der furchtlose Mahali, der junge Joseph, welcher vor zehn Jahren, als ich von Bethsura hierherkam, mein lustiger Spielgefährte war. Ich erinnere mich, daß Hadassah, wenn sie auf die Brüder sah, sagte, sie wären wie die Plejaden, jetzt sind sie noch mehr jenem Sternenbilde gleich, nur scheinen sie nicht auf Erden, sondern im Himmel. Und Salame sah stolz auf ihre Söhne und sagte, daß nicht einer unter ihnen ein Erröthen auf die Wangen seiner Mutter gebracht habe, dann bereute sie, geprahlt zu haben, und ich glaube einen erstickten Seufzer von Hadassah gehört zu haben. War es der prophetische Geist, der über sie kam, so daß sie die schreckliche Zukunft voraussah, oder war es — ach, ich wage nicht darüber nachzudenken, weshalb sie seufzte. Und der alte Mattathias, der nun im Grabe seiner Väter schläft, war dem Gesetze Mosis gemäß nach Jerusalem gekommen und hielt im Hanse des Salathiel das Passahfest. Wie ehrwürdig sah der alte Mann in seinem langen, schneeigen Barte aus! Ich dachte damals, daß so Abraham ausgesehen haben müsse, als seine Pilgerschast auf Erden zu Ende ging. Mattathias legte seine Hand auf mein Haupt, segnete mich und nannte mich seine Tochter. Sich, kann eS sein, daß er an mich als eine wirkliche Tochter dachte? - Der fürstliche Judas stand dabei, und als ich meinen Kopf erhob, begegnete ich dem Blick seiner Augen. Ich begriff damals den Ausdruck dieses Blickes nicht, er war mir wie der zärtliche Blick eines Bruders. Mattathias ist dahin, Salame und ihre Söhne sind dahin. Judas mit seiner kriegerischen Schaar steht wie ein von den Jägern dicht umringter Löwe auf dem Sprunge. Apollonius ist durch unsere Helden besiegt, Seron vernichtet; aber nun haben sich Nikanor und Gorgias mit den Streitmächten des Piolemäus verbunden, um ihn durch Uebermacht zu vernichten. WaS kann die Hingebung unserer Vaterlands' freunde helfen, als daß diese die Zahl der Märtyrer, welche bereits ihr Leben für die Vertheidigung unseres Glaubens und unseres Gesetzes hingegeben haben, vermehren! Ach, es wird ein trauriges Passahfest werden. 238 Ich werde außer dem Gesicht des Abischar keines Verwandten Antlitz sehen, und den kann ich nur sehr wenig lieb haben. Und, was das Schlimmste von allem ist, ich fürchte, daß ich immer noch von dem alten Sauerteige in meinem Herzen habe, den ich mich vergebens bemühte, ganz abzuthun. Ich liebe im geheimen noch immer das Verbotene, obgleich nicht vorsätzlich — nicht vorsätzlich, wie Er weiß, den ich beständig um Kraft bitte, alles, waS ihm nicht wohlgefällt, zu vermeiden." Der Krug war nun voll; Sarah schickte sich bei dem letzten durch ihre Seele gehenden Gedanken an, ihn aufzuheben, fuhr aber, während sie dies that, erschrocken zurück. Lycidas, dessen ganze Seele aus seinen Augen strahlte, war dicht neben ihr. Das Mädchen stieß einen schwachen Schrei aus und bemühte sich, an ihm vorbeizukommen, um in das Haus zu gehen. „Bleib', Sarah, Abgott meiner Seele!" rief der Athener, ihre Hand ergreifend. „Du darfst mich nicht fliehen. Du mußt mich einmal hören, — nur ein einziges Mal." Und mit einem leidenschaftlichen Strom von Beredsamkeit legte der junge Grieche seine Hoffnungen, feine Güter und sein Herz ihr Zu Fußen. Sarah wurde leichenblaß, ihre Gestalt zitterte. „O, Lycidas, habe Erbarmen!" flehte sie. „Es ist schon Sünde, wenn ich Dich nur anhöre; es wäre grausam. Dir Hoffnung zu machen. Unser Gesetz verbietet einer Tochter Abrahams, einem Heiden anzugehören. Es würde ungehorsam gegen meinen Gott sein, Deine Liebe zu erwidern. Lieber leide ich, lieber sterbe ich, als daß ich von dem Glauben meiner Vater abfalle." Und mit Anstrengung zog sie ihre eiskalte Hand aus der Hand des Mannes, den sie liebte, sprang dann eilig an ihm vorbei mit der Schnelligkeit einer Gazelle und flog die Treppe hinauf zu dem Gemach, in welchem sie Hadassah verlassen halte. Lycidas stand durch des Mädchens plötzlichen Rückzug enttäuscht da. Es kam ihm vor, als ob die Thür des Paradieses plötzlich vor ihm verschlossen worden wäre. 16. Kapitel. Die beiden Feldlager. Während sich diese zuletzt beschriebenen Szenen in der Gegend von Jerusalem abspielten, bereitete sich Judas in den Bergen zu einem großen Angriffe vor. Wie Welle auf Welle, eine höher steigend als die vorhergehende, schleuderten die Feinde ihre Kräfte gegen die Heldenschaar, welche das Banner der Wahrheit hochhielt, als eine Leuchte, die dort schien, wo der Sturm am heftigsten heranbrauste. Der mächtige Nikanor, ein Sohn des Patroklus, ein Mann, der in der Gunst des Königs ganz besonders hoch stand, hatte eine gewaltige Macht zusammeugefchaart, um das ganze Volk der Juden auszurotten, und mit ihm hatte sich Georgias, ein Befehlshaber von großer Kriegserfahrung, vereinigt. Ein ausgedehntes Lager wurde von den Syrern zu Emmaus, ungefähr eine Sabbathtagereise von Jerusalem, errichtet. Die Hügel waren von ihren Ziegenhaar-Zelten verfinstert, die Straßen oollgedrängt von Kriegern und vielen Kaufleuten, welche Silber und Gold brachten, um hebräische Gefangene als Sklaven für ihre Märkte zu kaufen. Denn Nikanor war so siegesgewiß, daß er vor der Hand schon einen Verkauf von Sklaven hatte ausrufen lassen, welche er sich aufzubewahren gedachte, ja, er hatte schon eine» Preis festgesetzt, den er für seine besiegten Feinde fordern wollte. Für ein Talent*) sollten nach der Proklamation neunzig hebräische Gefangene gegeben werden. „Diese kühnen Geächteten," sagte der hochmüthige Syrer, „sollen ihre überflüssige Kraft, wie einst ihr Simson, anwenden, Korn für ihre Sieger zu malen, oder deren Felder, die sie einst ihr Eigenthum nannten, bei der Geißel des Arbeitsvogtes zu beackern. Ha, ha, es wäre doch eine Wonne, den erhabenen Makkabäus selbst zu sehen, wie er mit geblendeten Augen das Rad dreht, oder seinen stolzen Nacken beugt, um mir, wenn ich mein arabisches Roß besteige, als Schemel zu dienen. Dies wäre süßere Rache, als ihn mit demselben Schwerte, welches er Apollonius nahm, in Stücke zu hauen. Laßt den Hasmonüer in weine Hände fallen, und er soll schmecken, was es heißt, einen lebendigen Tod sterben!" MakkabäuS seinerseits hatte seine Streitkräfte nach Mispath geführt, wo er sich gelagert hatte. Hier wurde durch den hasmonäischen Führer ein Tag zu feierlicher Kasteiung bestimmt. Er und seine Krieger fasteten, saßen in Sack und Asche und beteten zum Herrn Zebaoth. Dann ordnete der Führer sein Heer noch besser, theilte es in Nnterabtheilungen und setzte über jede derselben einen Hauptmann. Während göttliche Hilfe angefleht wurde, wurden menschliche Mittel nicht versäumt. Früh am Morgen des folgenden Tages hielten Makkabäus und Simon, sein älterer Bruder, einen ernsten Kriegsrath miteinander. Die Gegend, in welcher sie sich befanden, war historisch. Dieselben Steinhaufen, auf welchen die hasmonäischen Führer saßen, bezeichneten die Stelle, wo einst ihr Vorfahre Jakob von Laban, als er zu seinem alten Vater zurückkehrte, Abschied genommen hatte. Nur wenige Monate waren erst verflossen, seit Judas, wie ihn der Leser zuerst sah, in dem Grabe der Märtyrer stand, aber diese ereignißreichen Monate haben eine sichtbare Veränderung auf den hasmonäischen Führer hervorgebracht. Anstrengung, Arbeit, die Last der Sorgen, die schwere Bürde der Verantwortlichkeit, dazu der Kummer über den Tod seines Vaters hatten ihre Spuren auf seinem ausdrucksvollen Gesicht zurückgelassen. Makkabäus sieht aus, wie ein ermatteter Mann, doch ist noch größere Majestät in feinem Benehmen, dessen Würde mit Stolz nichts gemein hat. Denn Stolz hat seine Ursache in Selbstbewußtsein, wahre Würde in Selbstvergessenheit. „Dies wird unser härtester Kampf werden, der Feind ist stark," bemerkt Simon, indem er seinen Blick nach der Richtung schweifen ließ, wo die syrischen Schaaren lagerten. „Dem Herrn ist es gleich, seine Allmacht ist unsere größte Hilfe," antwortete Makkabäus. „Wie stark sind unsere Streitkräfte?" fragte Simon. „Sechstausend mit denen, die gestern dazugekommen sind," war die Antwort. „Aber heute will ich durch eine Bekanntmachung kund thun, daß alle Diejenigen, die Weinberge pflanzen, oder Häuser bauen, oder kürzlich Weiber genommen haben, wenn sie wollen, zurückkehren und dann — Ha! Eleazar schon zurück," rief der Führer sich unterbrechend, als ein junger Hebräer, als *) 1 Talent — 100 Drachmen, nach unserer Rechnung 4030 Mark. 239 syrischer Kaufmann gekleidet, mit schnellem Schritt die Anhöhe, auf welcher die Hasmonäischen Brüder saßen, hinaufstieg. „Ich bin mitten unter ihnen gewesen!" rief Elea- zar, „ich habe in ihren Zelten gestanden, ihre Lieder und ihr stolzes Prahlen gehört, habe vernommen, wie die Söhne des Mammons über Leib und Leben der freien Söhne Abrahams verhandelten. Sie mögen unsere Körper als Leichname haben," fügte der junge Hasmo- näer mit stolzem Lächeln hinzu, „aber niemals als Sklaven, und selbst unsere Leichen sollen sie theuer genug erkaufen müssen." „Kennst Du die Zahl der Syrer?" fragte Simon, dessen ruhiges, gesetztes Wesen zu dem feurigen, jungen Eleazar einen starken Contrast bildete. „Nikanor hat vierzigtausend KriegSknechte und siebentausend Pferde," war die Antwort, „ohne derer zu gedenken, die das Lager umgeben und wie Geier das Blutbad von Weitem wittern." „Mehr als sieben auf einen," bemerkte Simon kopfschüttelnd. „Die Hebräer haben schon größere Streitkräfte als diese angegriffen," rief der junge Mann. „Ja, wenn alle standhaft wären," warf der ältere Bruder ein. „Zweifelst Du an unsern Männern?" rief Eleazar. „Viele von ihnen werden treu sein bis in den Tod, aber ich weiß, daß in einigen Vierteln Mißtrauen herrscht, ich möchte es sogar Furcht nennen," antwortete Simon mit Ernst. „Nicht alle," fuhr er fort, „find erprobte Krieger. Einige haben sogar von Unterwerfung gesprochen." „Unterwerfung!" rief Eleazar, die Faust ballend, „ich würde diese Sklaven mit Geißelhieben in den Kampf treiben, wie Hunde, welche auf der Jagd zurückbleiben wollen." „Im Gegentheil," sagte Makkabäus, der bisher stillschweigend die Unterredung mit angehört hatte, „ich werde morgen bekannt machen lassen, daß jeder, welcher sich fürchtet, meine volle Erlaubniß hat, heimzukehren." — „Wäre das wohl rathsam?" fragte Simon zweifelhaft, „der Feind übertrifft uns an der Zahl ohnehin schon." „Es ist nach dem Gesetz," antwortete JudaS ruhig. „Es ist dasselbe, waS Gideon that, bevor er Midian angriff. Wir können keinen Mann unter uns brauchen, der nur mit halbem Herzen bei der Sache ist, keinen, der sein Leben bei dem Kampf, der uns bevorsteht, theuer achtet." „Wenn wir im Kampfe fallen, wird die Hälfte unserer Zahl zum Opfer genügen," bemerkte Simon. Er sprach ohne Furcht, aber wie einer, der sich der ganzen Ausdehnung der drohenden Gefahr bewußt ist. „Siehst Du jenen Stein, mein Bruder," fragte Makkabäus, auf einen Hügel auf dem Wege vor ihnen deutend, welcher deutlich gegen den dunkelblauen Himmel sichtbar war, „das ist Ebenezer, der Stein der Hilfe, welchen Samuel zur Erinnerung an den Sieg über die Philister setzte, als Gott vom Himmel donnerte und die Feinde Israels vernichtete." „Ja, ich sehe ihn," versetzte Simon, „und ich sehe die Macht und Treue des Herrn der Heerschaaren darauf geschrieben, wir find in seiner Hand, nicht der des Nikanor." „Gott wird aufstehen und wird die Feinde zerstreuen!" rief Eleazar. „Mein Bruder, gib Befehl, daß die Posaunen geblasen werden, und laß unsere Proclamation im Lager bekannt werden, damit alle, die sich fürchten, sogleich zurückkehren und uns am Tage der Schlacht dadurch, daß sie ihren Rücken zeigen, keine Schande machen." Der Befehl des Führers wurde sogleich befolgt. Die Proclamation wurde veröffentlicht, und ihre beunruhigende Wirkung war schnell zu sehen. Die kleine Schaar des Makkabäus fing an wie Schnee an den Sonnenstrahlen zu schmelzen. Ein Mann erinnerte sich der Thränen seiner jungen Frau; ein anderer der hilflosen Lage seiner verwittweten Mutter; die Herzen nicht Weniger hingen an ihren Heerden, während viele in der herannahenden Erntezeit einen Vorwand suchten, um nicht durch den wahren Grund der Feigheit vor ihren Kameraden errathen zu müssen, wenn sie die Sache des Vaterlandes verließen. Das kleine Heer des Judas war auf diese Weise lange vor dem Hereinbrechen des Abends bis zur Halste zusammengeschmolzen. „Sie haben sich für unwürdig gehalten, den Ruhm, der ihrer tapferen Brüder wartet, zu theilen!" rief Eleazar unwillig, indem er sich auf seinen Bogen stützte und die lange Reihe der Flüchtlinge, die ihren Weg westwärts nahmen, betrachtete. Makkabäus hielt unverzagt, wenn auch ein wenig durch den Verlust der Hälfte seiner Truppen entmuthtgt, unmittelbar vor Sonnenuntergang eine kurze Anrede an die Männer, die ihm noch geblieben waren: „Rüstet Euch und bewahret Euere Unerschrockenheit, daß Ihr morgen bereit seid, wider diese Heiden, die uns und unser Heiligthum zu vertagen gedenken, zu streiten. Für uns ist es besser, daß wir im Streite umkommen, als daß wir solchen Jammer an unserem Volk und Heiligthnm sehen. Aber, was Gott im Himmel will, das geschehe." So zogen sich die Hebräer, fest entschlossen, zu siegen oder zu sterben, jeder an seinen bestimmten Platz in dem kleinen Lager zurück, bis die Morgenröthe sie zu dem verzweifelten Kampfe wecken würde. 16. Kapitel. Die Schlacht bei Emmans. Der Kampf sollte nichtz bis zum Morgen verschoben werden. Die Nacht hatte bereits den Schleier der Finsterniß über die Erde gebreitet, und Simon hatte sich, um sich für die bevorstehenden Anstrengungen des nächsten Tages zu kräftigen, klugerweise, in seinen Mantel gehüllt, auf einige Stunden niedergelegt, um zu ruhen, als er durch eine Hand, die seine Schulter berührte, geweckt wurde. Als er die Augen öffnete, sah er bei dem Lichte einer Fackel, welche der Waffenträger des Judas hielt, daß Makkabäus vor ihm stand. „Erwache, stehe auf, mein Bruder!" rief er, „dies ist keine Zeit zum Schlafen." Simon war augenblicklich auf den Füßen und hörte aufmerksam zu, als sein Bruder fortfuhr: „Ein Kundschafter hat soeben aus dem syrische« Lager die Nachricht gebracht, daß Nikanor fünftausend Mann Fußtruppen und tausend auserlesene Reiter 240 — beordert hat, uns diese Nacht anzugreifen und zu überrumpeln." .Sie werden uuS vorbereitet finden," entgegnete Simon, sein Schwert umgürtend. „Nein, sie werden ihre Beute ausgeflogen finden," versetzte MakkabäuS mit ernstem Lächeln. „Wir wollen das syrische Lager in ihrer Abwesenheit überfallen, dem Feind seine eigene Lection lehren und so die Ueber- rumpelung auf die Feinde übertragen." „Wohl erwogen!" rief Simon, „die Dunkelheit wird unsere geringen Kräfte verbergen." „Unsere Brüder sollen jetzt die Krieger ordnen," befahl Judas. „Alles hängt nächst Gott von Stillschweigen, Schnelligkeit und Entschiedenheit ab. Wir fechten für unser Leben und unser Gesetz." Der Führer wandte sich zum Gehen; da ließ er unversehens etwas auf den Boden fallen. Er bückte sich, hob es auf und wickelte es schnell um seinen linken Arm unter dem Aermel. Dieser Vorfall war so geringfügig, daß er kaum Simon's Aufmerksamkeit auf sich zog, obgleich ihm der Gedanke kam. daß es doch sonderbar wäre, daß sein Bruder am Vorabend einer Schlacht stillstehen konnte, um etwas so Werthloses wie eine Strähne ungebleichten Garnes aufzuheben. Es war in der That wrrthlos, doch nicht für den, der es trug. Jenes Garn hatte einst dazu gedient, einige längst verwelkte Blumen, die in das Märtyrergrab gestreut worden waren, zusammenzuhalten. Die kleinen Strähne waren auf den aufgeworfenen Nasen gefallen, ungesehen, außer von dem Auge des Einen. Vielleicht geschah es zur Erinnerung an die Todten, daß Makkabäus die Strähne um seinen Arm befestigte, während er sich nicht nach einer Perlenschnur gebückt haben würde. Vielleicht auch waren die Hoffnungen, die die Ueberlebenden betrafen, herrlicher und süßer, als die Blumen, die in jenes Garn eingebunden gewesen waren, so daß Makkabäus diese Hoffnungen gewissermaßen durch Aufbewahrung der Strähne festhalten wollte. Durch die sofortigen Bemühungen der fünf has- moumschcn Brüder stand das hebräische Heer bald unter Waffen und bereitete sich zum nächtlichen Angriffe vor, indem es alle Kräfte auf eine verlorene Hoffnung setzte. Wie eine dunkle Wolke am Himmel bewegte sich still und finster die Heldenschaar, und gleich einer Wolke trug sie das Unwetter mit sich. Die meisten Syrer hatten sich in jener Nacht einem tiefen Schlaf übergeben, aber nicht alle, einige hielten noch in ihrem Lager Wache. Aller Luxus, den die Phantasie ersinnen und der Reichthum gestatten konnte, war, um die ernste Seite des Krieges zu verdecken, in Emmaus angehäuft, so daß das Lager bei Tage aussah, wie ein Bazar mit der Pracht und Ueppigkeit eines Hofes. Der Sorbet funkelte in silbernen Gefäßen, der rothe Wein wurde in goldene Schalen mit eingelegter oder erhabener Arbeit gegossen. Da waren prächtige Gewänder in allen Farben des Regenbogens, reiche Erzeugnisse des orientalischen Webe- stuhls, Mäntel aus Tyrus, Shawls aus Kaschmir, sowie Waffen aller Art — Schwerter, Schilde, Streitäxte, Speere und Helme. Die Schildwache machte ihre Runde und stand zuweilen still, um die Ausbrüche wilder Lustigkeit und die Klänge munterer Lieder zu hören, die aus den Zelten, wo vornehme junge Syrer bei nächtlichen Gelagen Späße wechselten, ertönten. Dort saß bei dem Licht einer Fackel eine Gruppe von Befehlshabern bei irgend einem Hazardspiel. Sie hatten Gefangene auf's Spiel gesetzt, welche am Morgen die Räder vom Triumphwagen ziehen sollten. Jeder Würfel entschied über das Schicksal eines Hebräers, wenigstens dachten die lustigen Spieler in dieser übermüthigen, siegesbewußten Weise. Aber die zu Sklaven Bestimmten kamen eher auf den Markt, als die sie erwartenden Herren dachten und wünschten, und der Preis für jeden Hebräer wurde eingetrieben, aber nicht in Gold, sondern in Blut. Plötzlich wurden die Spieler beim Spiel, die Zecher beim Mahl, die Schläfer von ihrem weichen Kissen durch das Schmettern der Posaunen und das Kriegsgeschrei: „Hier Schwert des Herrn und Makkabäus!" aufgeschreckt. Der volle Becher stürzte von der Lippe, und der Würfel aus der Hand. Nun gab es ein wildes Rufen, Schreien und Hin- und Herstürzen. Krieger griffen zu den Waffen, Kaufleute flogen, um sich zu retten, hier- und dorthin in die Finsterniß, indem viele, über Zelttheile stolpernd, zur Erde fielen. Da war wirrer Lärm und Schrecken, Fußgetrawpel, Pferdegewieher und Rufe zu den Waffen. Ein panischer Schrecken herrschte überall im mächtigen syrischen Heere. Die Wenigsten blieben, um den unsichtbaren Angreifern zu widerstehen, die Meisten ergriffen die Flucht. Bald war der Boden mit Schätzen aller Art, die die erschreckten Flüchtlinge hatten fallen lassen, bestreut, während Waffen von den Kriegern, die nicht den Muth hatten, sie zu gebrauchen, weggeworfen waren. Zelte wurden schnell in Flammen gesteckt, und Pferde vermehrten, erschreckt durch den plötzlichen Schein und toll gemacht durch die sengende Hitze, die schreckliche Verwirrung, indem sie hinten ausschlagend wild durch das Lager stürzten. Makkabäus eilte, mit dem Schwerte des Appollonius in der Hand, vorwärts über den Haufen von niedergeworfenen Feinden. Schrecken ging als Herold vor ihm her, und Sieg folgte, wohin er trat. Es schien, als ob der Herr der Heer- schaaren, wie in den alten Zeiten des Gideon, für Israel stritt. Heftig wurden die fliehenden Syrer verfolgt. Makkabäus und seine Krieger blieben hart auf ihrer Spur. Als der Morgen nach jener schrecklichen, wenn auch glorreichen Nacht dämmerte, ertönten die Posaunen des Judas Makkabäus, um die Truppen zusammenzurufen. Der Anführer hatte wohl bedacht, daß Gorgias, dessen auserlesene Kriegerschaar die seinige um das Doppelte übertraf, noch angegriffen werden mußte. Mit ernstem Mißmuth sah Makkabäus, wie seine mit Blut und Staub bedeckten Krieger sich mit dem reichen Plunder beluden, der auf der Straße herumlag, wie Früchte unter Obstbäumen nach einem wilden Sturm. „Ihr sollt nicht plündern!" rief er, „wir müssen noch eine Schlacht schlagen; darum bleibt in Ordnung und wehrt Euch. Wenn Ihr dann die Feinde geschlagen habt, könnt Ihr sicher und ohne Gefahr plündern." Es ist schwerer, Hunde von der Beute, die sie schon niedergerissen, wieder loszureißen, als sie von der Koppel zu lassen, wenn das Wild in Sicht ist. Es bedurfte der ganzen Gewalt eines solchen moralischen Einflusses, wie ihn Makkabäus über seine Truppen besaß, um die Plünderer von den zu ihren Füßen liegenden Schätzen zu entfernen und an den unbedingten Gehorsam gegen ihren Führer wieder zu gewöhnen. Sehr bald ward eS auch sichtbar, daß die Mahnung deS has- monätschen Führers nicht unnöthtg gewesen war. Nur wenige Stunden darauf erschien in einiger Entfernung auf der Spitze des Hügels die Vorhut der Truppen des Gorgias. Sie hatten die ganze Nacht vergeblich das Lager der Hebräer gesucht. Nach einem langen, ermüdenden Marsch befand sich Gorgias auf einem Hügel, von dem aus er das Land weithin übersehen konnte. „Die Sklaven sind geflohen, sie haben sich in die Berge gerettet!" rief er, indem er bet dem ersten Strahl goldenen Lichts am östlichen Himmel von seinem ermatteten Kriegsrosse stieg. „Dann haben sie Spuren ihrer Arbeit zurückgelassen!" rief ein Krieger, nach der Richtung deutend, wo Nikanor's Lager, welches die Syrer nur von der Spitze des Hügels aus sehen konnten, gewesen war. „Siehst Du dort den Rauch von jenem dampfenden Haufen aufsteigen? Dort bei EmmauS muß eine Schlacht stattgefunden haben. Der Löwe ist durch das Netz gebrochen. Makkabäus hat diese Nacht nicht geschlafen." „Nein, Pollux, es ist unmöglich! Die Hebräer werden niemals eine so große Ueberzahl anzugreifen wagen!" rief Gorgias, welcher das, was er vor sich sah, nicht glauben wollte. Aber als das Tageslicht die Zeichen der Flucht und des Unglücks deutlicher offenbarte, und man den Rauch von den Trümmern in der ruhigen Morgenluft aufsteigen sah, zwang sich die Ueberzeugung von der schrecklichen Wahrheit dem Gemüth des Anführers auf, und mit Erstaunen und Unwillen rief er: „Wo sind die Schaaren des Nikanor?" „Jene dort unten werden Dir die Aufklärung geben können," sagte Pollux, indem er nach Süden deutete, woselbst die Hebräer in einem Thale von ihrem Führer geordnet wurden. „Da ist, wie ich wähne, der übermüthige Geächtete, der unser Lager zu einer Fleischbank gewacht bat. Siehst Du das Blitzen der Speere? Makkabäus stellt seine Krieger in Schlachtordnung. Sie sind nur eine Hand voll. Wollen wir einen Angriff auf sie machen und sie vom Erdboden vertilgen?" Gorgias blickte wieder nordwärts nach den rauchenden Trümmern des syrischen Lagers bei Emmaus, dann südwärts, wo das kleine Heer sich um das Banner des Makkabäus geschaart hatte. Obgleich die Zahl der Truppen des Gorgias doppelt so groß war, als die der Hebräer, wagte er doch nicht mit denen, die soeben Ntkanors ungeheure Schaaren überwunden hatten, eine Schlacht zu eröffnen. Wäre der syrische Anführer von so furchtlosem Geiste beseelt gewesen, wie sein Gegner, so würde nach menschlicher Berechnung für Judas auf den nächtlichen Sieg eine Niederlage gefolgt sein. Aber Gorgias zeigte bei dieser Gelegenheit einen ungewöhnlichen Aufwand an Vorsicht; und »Pollux wünschte, obgleich er einen herausfordernden Ton annahm, im Innern keineswegs mit Makkabäus anzubinden. Die Kräfte der Hebräer waren zwar durch den Kampf und die Verfolgung erschöpft, aber ihr Geist war ungebrochen. Makkabäus beobachtete mit einiger Unruhe die Bewegungen des Feindes auf der Höhe, indem er jeden Augenblick einen Angriff erwartete, welchen seine kleine Schaar so wenig im Stande war, auszuhalten. „Sie werden bald hier sein," sagte Simon, indem er sich müde auf seinen Speer lehnte. „Nein, sieh', sie verschwinden von der Spitze deS Hügels!" rief Eleazar triumphirend. „Diese Feiglinge! nur tapfer beim Wein! Nicht ein Fleck auf ihren Schwertern, nicht eine Schramme auf ihren Schilden. Hätten wir doch Kraft genug, die Memmen bis an die Mauern von Jerusalem zu jagen!" „Gott hat ihnen Furcht in ihre Herzen gegeben, ihm sei Preis," sagte Makkabäus, indem er sein Schwert in die Scheide steckte. Und darauf gingen sie hin und sangen einen Lobgesang und priesen den Herrn für seine Güte und Gnade, die ewiglich währet. 17. Kapitel. Abgereist. Als Sarah blaß und zitternd nach dem Zusammentreffen mit LycidaS nach dem Zimmer der Hadassah floh, ließ sie den Wasserkrug an der Quelle stehen. Der Anblick ihrer Großmutter, die auf ihren niedrigen Kissen ausgestreckt mit vertrockneten Lippen und geschlossenen Augen lag, rief dem armen Mädchen die Absicht, mit welcher sie das Krankenlager verlassen hatte, in's Gedächtniß zurück. Als Sarah so in peinlicher Unentschlossenheit an der Schwelle stand, hörte sie zu ihrem großen Troste unten die Stimme Hannah's und rief ihr zu, den Wasserkrug, den sie am Brunnen finden würde, herauszubringen. Hannah gehorchte schnell und kam nicht nur mit dem kühlen Trank, sondern auch mit reifen Früchten und Gemüsen, die sie aus Jerusalem mitgebracht hatte. Diese bestanden 'n weißen Maulbeeren, frischen Feigen, Gurken und einer Melone und waren für Hadassah ein angenehmer Vorrath. Angenehmer jedoch als diese Nahrungsmittel und selbst ein erfrischender Trnn? kalten Wassers waren für Hadassah die Nachrichten, die Hannah aus der Stadt mitgebracht hatte. Die Dienerin brannte darauf, diese glorreichen Nachrichten mitzutheilen: „Ich sah selbst Gorgias und seine Reiter abgemattet, niedergeschlagen durch die Straßen reiten!" rief Hannah. „Es wundert mich, daß sie sich nicht schämten, ihre Angesichter zu zeigen, sie hatten nicht einmal mit unseren tapferen Helden die Waffen gekreuzt." „Oder sie hätten nicht mehr gelebt, um es zu erzählen!" rief Hadassah, welcher die Siegesnachrichten von Emmaus neue Energie und neues Leben gegeben hatten. „Wir durften freilich nicht in die Hände klatschen und jauchzen," fuhr die jüdische Magd fort, „aber da ist auch nicht ein hebräisches Kind, das nicht vor Freude außer sich wäre. Wir segneten den Namen des Makkabäus, obgleich wir es nur im Flüstertöne durften." „Es wird ein Tag kommen," sagte Hadassah, „an welchem man diesen Namen wird so laut ertönen hören, daß die Mauern das Echo wiedergeben. O, mein Kind," fuhr sie zu Sarah gewendet fort, „das wird morgen eine dankbare Feier des Passahsestes werden. Der Herr bringt allen seinen Anserwählten Freiheit, ebenso wie er sie einst von der Knechtschaft des hochmüthigen Pharao erlöste." „Es wird doch ein sehr stilles Fest morgen werden," warf Hannah kopfschüttelnd ein. „Man sagt, daß der König AntiochnS über die Flucht des Nikanor und den 24L schmählichen Rückzug des GorgiaS gleich einer Bärin wüthet, der man die Jungen geraubt hat. Ein Bote ist sofort mit Aufträgen an König Lysias, welcher in den westlichen Provinzen regiert, abgeschickt worden." „Ist es bekannt, waL diese Aufträge enthalten?" fragte Hadassah. „Man erzählt sich," antwortete Hannah, „daß Lysias ein Heer aufbringen wird, welches schrecklicher und mächtiger als irgend eins, das jemals das Land überschwemmt hat, sein wird, bei weitem mächtiger als jene Schaaren, die Apollonius, Seron oder Nikanor geführt haben. König Antiochus soll bei allen falschen Göttern geschworen haben, daß er die Hasmouäer mit Stumpf und Stiel ausrotten wolle." „Wer kann ausrotten, was Gott gepflanzt hat?" entgegnete Hadassah. „Denkt Antiochus Epiphanes, daß er die Macht besitze, wider den Herrn zu streiten?" „Er hat schreckliche Macht über die Menschen," sagte Hannah, die ein weniger muthiges Herz als ihre Herrin hatte. „Schrecklichere Maßregeln als jemals , sollen getroffen werden! Es wird ihnen gerade so gehen, wie Salame und ihren Söhnen." „Wollte Gott mir die Kraft geben, daß ich morgen dem Feste beiwohnen könnte!" rief Hadassah, für welche > die mit dem Feste verbundene Gefahr erst recht ein Sporn war. „Keine Meuschenfurcht könnte mich zurückhalten. Aber er, der mir die Kraft versagt hat, wird den Willen seiner Dienerin annehmen." „Ich will mit meinem Oheim Abischai gehen," sagte Sarah. „Um Dich zu freuen und Dank zu sagen," bemerkte Hadassah. i Aber Sarahs sinkendes Herz konnte keiner Freude ! Ausdruck geben, sie neigte das Haupt, faltete die Hände l und murmelte leise: „Zu beten für Dich, für mich selbst § und —." Kein menschliches Ohr konnte das Wort, , welches ihre blassen Lippen unhörbar aussprachen, j vernehmen. , „Gehe zu unserm griechischen Gast, Hannah," ge- j bot Hadassah, „trage ihm von diesen reifen, kühlenden ! Früchten hin und erzähle ihm von den Triumphen des JudaS. Obgleich Lycidas nur ein Heide ist," fügte sie ! hinzu," als die Magd, um den Befehl ihrer Herrin - auszuführen, daS Zimmer verlassen hatte, „so wird er die Thaten unserer Helden doch bewundern, wenn er sie auch nicht ausführen kann." (Fortsetzung folgt.) -->^8SLS-"-- Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. sNachdruL vrrboten.) „Man wird wohl kaum ein Land auf der Erde finden, welches für Colonisationsbestrebungen ungünstigere Verhältnisse darböte, als der Orient im Allgemeinen und Palästina im Besonderen. Der bessere Boden ist durch einen tausendjährigen Raubbau, der nichts gibt und nur nimmt, außerordentlich ausgesogen, der geringere, meist unbebaute, ist abscheulich verwildert. Die Niederungen, besonders die Flußthäler, sind in Folge mangelnder Ne- gnlirung der Gewässer voll von Sümpfen, die nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern auch weiterhin die Atmosphäre mit Fieberluft erfüllen und einen großen Theil des Landes ungesund nmchen. Noch- größere Hindernisse aber werde» durch die türkische Mißregierung bereitet. Die Bodeuerzeugnisse werden sehr hoch und nicht nach gesetzlich festgestellten Normen besteuert, so daß der Producent den Gewaltthätigkeiten des SteuereintreiberL preisgegeben ist. Hiegegen sind zwar die europäischen Co« lonisten durch die Konsulate einigermaßen geschützt; allein weil sie in allen Landangelegenheiten unter dem türkischen Gesetze stehen, so befinden sie sich doch in einer üblen Lage, welche dadurch noch verschlimmert wird, daß die agrarischen Besttzverhältnlffe sehr ungeordnet und verwirrt sind, so daß die Lokalbeamten sich sehr leicht einmischen können und dann die Ausländer bei dem Widerwillen der Regierung gegen europäische Unternehmungen ihr Recht nicht finden. Kurz, die ackerbauenden Colonisten begegnen überall Widerständen und finden nirgends eine Hilfe und konnten sich nicht halten, wenn sie sich nicht entschließen wollten zu dem alles entscheidenden Bachschisch (— Trinkgeld) ihre Zuflucht zu nehmen."*) Dieses Klagelied singt der Mitvorsteher der Tempel- gemeinde in Palästina, Christoph Paulus, in der Zeitschrift des deutschen Palästinavereins 1883^) von der Lage der europäischen Bauern im hl. Lande. Wenn nun schon die Europäer, welche durch die Konsulate wenigstens einigermaßen gegen die Plackereien von Seiten der türkischen Beamten geschützt sind, zu solchen Klagen sich veranlaßt fühlen, wie mag es da erst dem armen, eingeborenen Fellachen (Bauern) gehen? Zwar sind in manchen Beziehungen die Verhältnisse für den Landbau in Palästina günstiger gelagert als anderswo; aber im Ganzen ist der Fellach (der Bauer) in Palästina ein bedauernswürdiger Mensch: feine sociale Lage ist schlimm, seine Arbeit hart, feine Werkzeuge und Acker- geräthe höchst primitiv. Ich habe mir vorgenommen, was ich von den land- wirthschaftlichen Verhältnissen des heutigen Palästina selbst, gesehen, gehört und gelesen habe, in Kürze hier zu erzählen; vielleicht trägt meine Schilderung dazu bei, daß mancher Leser Gott dankt für die geordneten Verhältnisse, in welchen wir leben, wenn auch bei uns noch lange nicht alles vollkommen ist. Der Grundbesitz in Palästina wird in 3 Klaffen eingetheilt: 1) arä iniri — Regierungsland, Krongut würden wir sagen. Dazu gehören die fruchtbarsten Ebenen des Landes, nämlich die Jafa- und die Esdrelon-Ebene. Diese Ländereien werden von der Regierung an ganze Dörfer oder einzelne Personen verpachtet. Der Pächter hat daS Recht des Bebauens, muß aber dafür der Regierung den Zehnten (^ösalrr) zahlen. Solches Land ist unveräußerlich und kann daher weder verkauft noch vererbt werden. Dagegen kann das Recht der Bebauung veräußert werden. Stirbt aber der Verleiher des Rechtes der Bebauung, so sind alle Kontrakte, welche er gemacht hat, null und nichtig, auch wenn ihre Zeit noch nicht abgelaufen ist. Das Bebaunngsrecht (muieärrr'Ä) geht dann ohne Weiteres auf die Erben des Verleihers über, welche dann wieder darüber verfügen können. Sind aber keine Erben vorhanden, so fällt die lnuLÜrn n. wieder an den Staat zurück. 2) arä vvakk — Stiftungsländereien, wir würde» ') 1883 S. 3l, 32. ') Diese Zeitschrift wird immer durch die Buchstaben 2vkV citirt. — 243 — vielleicht sagen „Güter der todten Hand* oder Widduru. ES sind das Ländereien, welche zum Unterhalt von Moscheen, Schulen, Armenhäusern gestiftet und geschenkt wurden. So hat die berühmte Omarmoschee in Jerusalem reiche Ländereien als Widdum. Solches Land kann wieder nur verpachtet, aber nicht veräußert werden. Der Zehent wird an die Stiftungspfleger (rnutrMli) abgeliefert, welche für ihre Bemühung einen Antheil an dem Zehent haben. Aber diese Stiftungsverwaltungen find türkisch, und man schimpft, wie man behauptet mit Recht, daß die Beamten den Zehenten fast ganz oder doch zum größten . Theil „auffressen*. 3) arä rnrälr ----- Privatbesitz. DaS sind kleinere Grundstücke, welche entweder mit KaktuShecken oder Steinmauern abgegrenzt sind. Diese können veräußert und vererbt werden. Den Kaufbrief (keääooke) haben bisher meistens Privatleute ausgestellt, welcher, mit den nöthigen Zeugenunterschriften und Siegeln versehen, vollkommene Giftigkeit hatte. Jetzt steckt bereits die türkische Regierung ihre fürsorgliche Nase auch in diese Angelegenheiten hinein. Nicht alles Land ist bebaut; wegen Armuth und Faulheit gibt es viel Land, welches brach liegt (arä kür), namentlich im Gebirge; ferner gibt eö „todtes Land" (arä mojstts), welches schon lange unbebaut daliegt. Wer dieses Land urbar macht, macht es sich dadurch zu eigen. Auf diese Art haben sich fleißige Bewohner von Nazareth hübsche Weinberge verschafft. Es ist nun noch eine Landesart, araäi inaklüls, zu erwähnen, nämlich Grund und Boden, welcher von seinem Besitzer verlassen wurde, sei es nun, daß die Familie des Eigenthümers ganz aus- starb, oder daß der Besitzer aus Ucberschuldung oder weil zu sehr im Rückstand mit der Steuer einfach „durch" ist und sich anderswo, meist im Ostjordauland, angesiedelt hat. v) Wie hoch steht ein Tagwerk — 0,3152 Hektar Ackerboden im Preis? Nach dem soeben Gesagten kann bei einer Preisbestimmung nur von arä wnilr, von Privat- ländereien geredet werden, da Regierungs- und Stiftungsland nur verpachtet, fast nie aber verkauft wird. Die Preise sind natürlich je nach der Güte des Bodens, nach der Schwierigkeit der Bewässerung und des Absatzes der Erzeugnisse verschieden. Einige Beispiele, welche Anderlind in V 1886 S. 52 u. sf. zusammengestellt hat, mögen einen Einblick in die diesbezüglichen Verhältnisse gewähren. An den Bergen zwischen Bethlehem und den Teichen Salomons kosteten 1883 15 Hektar Weideland 160 M., also das Hektar 10 M. 66 Pf. In der Ebene Nephaim zwischen Jerusalem und Bethlehem kostete 1881 das Hektar bester Boden 480 bis 1600 Mark. In der deutschen Kolonie Sarona kostete das Tagwerk — 0,3152 Hektar: MiM-- Smd s Ma,k Der Preis für Felder, welche vou der Kolonie etwas abgelegen waren, betrug 1883 pro Hektar 40—80 Mk. In der deutschen Kolonie Haifa am Fuße des Karme! kostete in den 70er Jahren das Hektar durchschnittlich 240 Mark, 1883 circa 320 Mark; dagegen °) Nach Klein in 2OI>V 1831 S. 70 u. sf., und Schick, österr. Monatsschrift f. d. Orient 1879 Nr. 3. eine Gehstunde östlich von Haifa, im Kisonthale, verlangt» die Fellachen seit 1860 pro Hektar 16—46 Mk. Früher waren diese Felder noch billiger. Der große Preisunterschied erklärt sich durch daS Sumpffieber, welches am Kison so erschrecklich haust, und durch die Versumpfung des Landes mangels Korrektion des Kison. Die wenigen Felder der Fellachen in der fruchtbare» Ebene ESdrelon bet Nazareth kosteten 1884 pro Hektar durchschnittlich 155 Mark. Eine Viertelstunde östlich von Nazareth kaufte eine Klostergemeinde, wenn ich nicht irre, die barmherzigen Brüder, zwecks Gründung eines Hospitals 70,000 Quadratmeter Land um 1600 Mark, das Hektar zu 228 Mark 57 Pfg. Diese Grundstücke bestehen zur Hälfte aus einer Berglehne mit gutem Boden und zur Hälfte aus Berghängen, wo vielfach Gestein zu Tage tritt, so daß eS bisher nur zur Weide diente. Diese Angaben mögen genügen. — Der größte und fruchtbarste Theil Palästinas ist, wie schon erwähnt, RegierungS- oder Stiftungsland und daher unveräußerlich; dagegen können derartige Ländereien verpachtet werden. ' Jede Ortschaft hat gewisse, ihr zugetheilte Strecken, welche beim Beginn der Regenzeit den einzelnen Bewohnern durch das Loos zugewiesen werden. Diese Aus- loosung ist so charakteristisch, daß ich nicht umhin kann, ste eingehend zu schildern. Ich lasse dabei das Wort dem ausgezeichneten Palästtnakenner Baurath Schick in Jerusalem ^): „Alle diejenigen, welche pflügen wollen, versammeln sich in der oaka (offener Platz). Der Jmüm (muh. Priester), welcher zugleich Dorfschreiber, Archivbevahrer, Rechnungsführer rc. ist, hat bei diesen Versammlungen den Vorsitz. Alle, welche pflügen wollen, melden sich und geben die Anzahl von Pflügen (laääan), welche sie stellen wollen, an. Hat einer nur einen halben Pflug, d. h. nur ein Zugthier, so tritt er mit einem andern zusammen. Man theilt die Gesammtheit in Klassen. ES melden sich z. B. 40 Pflüge. Diese werden in 4 Klassen getheilt, je 10 zusammen, und über ste ein Chef oder Schech (- Vertrauensmann) erwählt, welcher seine Partie mit ihren 10 Pflügen zu vertreten hat. Diese Klaffen» eintheilung erleichtert die Austheilung deS Landes. Dasselbe ist nicht überall gleich gut u. s. w. Sind nun 4 Klassen gemacht, so wird das Land in vier Theile getheilt, so daß jeder dieser Theile gutes, mittelgutes und schlechtes in sich begreift. Die einzelnen Parcellen haben von Alters hergebrachte Namen, z. B. Rebhuhn- feld, Fuchsfeld u. s. w. Sind die Schechs über die Vertheiluug in 4 Theile einig, so daß kein großer Unterschied dabei sein kann, so wird das Loos gezogen; dies geschieht dadurch, daß jeder der 4 Schechs dem Jmam eine Kleinigkeit in seinen Beutel legt. Er ruft nun einen von den 4 Theilen anS durch Hersagen der Parcellen- namen, die dazu gehören, und ein herbeigeholtes Kind hat einen der 4 in den Beutel gelegten Gegenstände herauszunehmen. Wem nun der herausgezogene Gegenstand gehört, dem wird dieser Theil für dieses Jahr zu bearbeiten zugewiesen. Nun gehen die 4 Schechs daran, die ihnen zugewiesenen Stücke an dir einzelnen Mitglieder ihrer Partei zu vertheilen. Aber nicht so, daß ein Pflug seinen Antheil in einem zusammenhängende» *) Ocstcrr. Monatsschrift für d. Orient 1873 Nr. 3. Vergleiche auch 2vkV 1831 S. 75 (Klein). — 244 Stück bekäme, vielmehr hat jeder Pflug ein Zehntel an allen Grundstücken seiner Partei anzusprechen; die einzelnen Grundstücke werden darum in ebensooiele wuras (eig. Schnur) oder Streifen getheilt, als Pflüge da sind. Dadurch bekommt aber der Einzelne statt 2 oder 3 große Stücke eine Anzahl langer Streifen, die an ganz verschiedenen Orten der Dorfmarkung liegen. Die Grenzen werden durch Furchen (tslm) oder Steine bezeichnet, und noch heute gilt die Verrückung der Landmarke als eine fluchwürdige That, wie in den Zeiten Israels (Deut. 19, 14).« Wir kommen nun zur Aussaat; daher muß ich die klimatischen Verhältnisse Palästinas behandeln. Es gibt nur 2 Jahreszeiten im heil. Lande: die Regenzeit (tast Wost-8olüta) und die trockene Zeit (sök, tasl es-set). Die Regenzeit beginnt etwa Mitte Oktober und dauert bis Ende April; die trockene Zeit, der Sommer, reicht von Ende April bis Mitte Oktober. Um Rtitte Oktober kann der erste Regen, der sog. Frühregen, fallen, oft aber läßt er bis November, ja bis Dezember auf sich warten. Im März und April fällt der Spätregen. Vom Mai an hängt die Vegetation, was ihren Bedarf an Feuchtigkeit anlangt, einzig von dem tief in die Erde eingedrungenen Regen und von dem starken Nachtthau (iiücka) ab, da in diesen 6 Monaten, außer sehr seltenen Ausnahmefällen, kein Tropfen Regen fällt. ^) Die Regenzeit zerfällt nach Chaplin (2Ol?V 1891 S. 96 u. ff.) in 3 Abschnitte: 1. Der Frühregen, von oen Eingeborenen ei WÄ8M ei i>säri, „das frühe Zeichen«, genannt. Dieser kündigt sich oft durch Gewitter an; dieser in der heil. Schrift oft genannte Frühregen feuchtet das Land an und macht es zur Aufnahme der Saat geeignet, und somit gibt der erste Regen das Zeichen zum Bereitstellen der Pflüge. 2. Die starken Winterregen, welche das Erdreich sättigen, die Cisternen und Teiche füllen und die Quellen wieder speisen. 3. Der Spätregen im Frühling. Derselbe läßt die Aehren des Kornes schwellen, befähigt Weizen und Gerste die trockene Sommerhitze zu ertragen. Der Spätregen ist höchst wichtig für den Ausfall der Ernte. Bleibt er ganz aus oder fällt er nur spärlich, so entsteht eine Mißernte und infolge der mangelhaften Verbindung der einzelnen Landtheile untereinander oft Hungersnoth. °) Der Frühregen, die starken Winterregen und der Spätregen wurden schon im Alten Testamente genau von einander gehalten, wie die Stelle bei Joöl 2, 23 zeigt: „Gott wird euch herabsenden den schweren Winterregen, den Frühregen und den Spätregen, damit voll werden die Tennen von Weizen und die Keltern von Most und Oel überfließen.« Der Frühregen, der für die Aussaat so wichtig ist. da er stark genug sein muß, das ausgedörrte dürre Erdreich aufzuweichen, bleibt selten ganz aus, unsicher dagegen ist das Eintreten des Spätregens, ihm steht der Landmann nicht ohne Besorgniß entgegen, hängt ja von seinem Ergebniß der Betrag der Ernte ab. Daher betheuert Job 29, 23: „Sie warteten auf mich wie auf den Frühregen und lechzten nach meinem Worte wie nach dem Spätregen.« (Schegg, Archäolog!« I, 140.) Die Fellachen haben ein diesbezügliches Sprichwort, das lautet: °) Vergl. 2V?V 1881 S. 72 und 73 (Klein). «) Bädeker: Palästina S. 1,111. „Aprilregen bringt mehr als der Pflug und das Joch an Segen.« Dr. Thomas Chaplin hat während 22 Jahren (1860 bis 1882) das Klima von Jerusalem nach meteorologischen Grundsätzen beobachtet und setne Resultate in den Huatsrlx Ltubsmauts des kalsstina Lxploration I'uvä 1883 veröffentlicht. Dr. Otto Kersten hat diese Artikel in 2OkV 1891 S. 93 u. ff. bearbeitet und zum Theil ergänzt. Diesem lehrreichen Aufsätze sind die folgenden Daten entnommen: 1. Die durchschnittliche Dauer aller Regenzeiten betrug in diesen 22 Jahren (1860—1882): 188,5 Tage, die längste Regenzeit dauerte 221, die kürzeste 126 Tage; die trockene Zeit dauerte durchschnittlich 177 Tage (211 Tage die längste, 134 die kürzeste). 2. In 10 Jahren fiel der Beginn deS Regens in die Zeit zwischen dem 4. -28. Oktober, in 12 Jahren zwischen 1.—28. November (beidemal einschließlich der genannten Tage). In 4 Jahren fand schon im M"nat September ein kleiner Regenfall statt. 3. Der letzte Regen fiel in 8 Jahren zwischen 2. bis 29. April, in 14 Jahren zwischen 1.—27. Mai; beidemal einschließlich jener Tage. Ein sehr schwacher Regen ist manchmal noch im Juni gefallen. 4. Die durchschnittliche Zahl der Regentage in jeder Regenzeit war 52, die höchste Zahl 71, die niederste 37. 5. Die Regenhöhe in jeder Regenzeit betrug durchschnittlich 581,9 nun (1090,6 miu Maximum, 318,5 mm Minimum), «e»--:'« 6. Schnee ist in 14 Jahren (Winter sind gemeint) gefallen, in 8 Wintern gab es keinen Schnee. Am meisten Schnee siel am 28. und 29. Dezember 1879, wo eine Schicht von 432 mrn fiel. 7. In diesen 22 Jahren wurden 12 Erdbeben beobachtet, von welchen 9 in die Regenzeit fielen. 8 waren mit Sturm verbunden, 4 kamen bei Schneefall vor. Nahezu jedesmal ging ein östlicher Wind einem Erdbeben voraus oder folgte ihm. 8. Regen kann bei jeder Windrichtung fallen; die ergiebigen Regen brachte jedoch fast immer der Südwestoder Westwind. Von 506 Negenfällen kamen 8 von Norden, 14 von NO., 12 von Osten, 10 von SO., 19 von Süven, 238 von SW., 156 von Westen, 49 von NW. 9. Die meisten Regentage halte der Februar, nämlich 10,45 Tage, die wenigsten Oktober (1,50) und Mai (1,59). Der April unter den Monaten des palästinensischen Wetterkalenders ist demnach der Februar (sostslM). Von ihm sagt die Fellachenregel: sebobat wo alsk rebät, d. h. „dem Februar ist nicht zu trauen«: andererseits heißt es auch von ihm: tu sobabst valabat, r!bs>t ss-ssk kid, d. h.: „Wenn er auch lobt und rast in wildem Sinn, So ist doch der Geruch des Sommers darin." (Fortsetzung folgt.)