AnteMltimgMatt M „Augsburger PostMung". « 33. Dinstag, den 21. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Track und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). jJudas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) Nach einer kleinen Weile kam Hannah in das obere Zimmer zurück. Auf ihrem Antlitz war Unruhe und Erstaunen ausgeprägt. „Ich kann den griechischen Herrn nirgends findenI" rief sie. „Er ist aus dem Hause entflohen. Da ist nichts von ihm zurückgeblieben als sein Mantel, und dieser liegt bei der Quelle." Hadassah warf einen fragenden Blick auf Sarah; aber das Mädchen verrieth kein Erstaunen und äußerte kein Wort. Sie zitterte nur ein wenig, wie vor Kälte; denn die schwüle Hitze des Nisan schien sich für sie in Wtnterkälte verwandelt zu haben. Hadassah äußerte nichts weiter über die Flucht des Lycidas, bis die Magd das Zimmer verlassen hatte, dann sagte die Wittwe plötzlich: „Es war doch sonderbar, so ohne Abschiedsgruß und ohne ein Wort des Dankes davonzureisen, nachdem er Monate lang wie ein Gast, ja wie ein Sohn behandelt worden ist." Sarah hatte mit ihren kalten, zitternden Fingern eine Ecke ihres Schleiers erfaßt und . zupfte dieselbe, ohne es zu bemerken, an den Fransen. „Wenn ich mich nicht über die Sicherheit des Abischai beunruhigte," — versetzte Hadassah — aber hier unterbrach Sarah zum ersten Male in ihrem Leben die Rede ihrer Großmutter. „Habe keine Furcht für Abischai I" rief das Mädchen, indem sie ihren Kopf erhob und ihre langen Flechten, die bet der gebückten Stellung über ihr blasses Gesicht gefallen waren, zurückwarf, „fürchte nichts für Abischai," wiederholte sie. „Der Grieche wird niemals Deine edel- müthige Gastfreundschaft durch Rache an Deinem Sohne heimzahlen. Ich stehe für seine Mäßigung." „Du hast Recht, mein Kind," sagte Hadassah zärtlich. „Ich that Lycidas Unrecht, indem ich an ihm zweifelte. Abischai ist seiner Verschwiegenheit gewiß, und da dieses der Fall ist, glaube — nein, bin ich gewiß, daß es besser ist, wir beherbergen den Fremden hier nicht länger. Ich bin dankbar, daß Lycidas uns verlassen hat, obgleich die Art, wie er es gethan, mir etwas unziemlich erscheint." Ob Sarah auch dankbar war? Vielleicht war sie es, obgleich in ihrem Herzen eine Leere entstanden war, die durch nichts ersetzt werden konnte. Mehr eine Waise als die Vater- und Mutterlosen, verlassener als eine Wittwe, liebend und geliebt. Sarah schien es, als ob nur ein schwaches Band sie noch an das Leben knüpfte und als ob selbst dieses Band allmählich risse. Am Abend jenes schweren Tages war die Quelle hinter Hadassah's Häuschen ganz versiegt. Nicht ein einziger Tropfen rieselte von dem Hügel, um die verwelkenden Oleander zu beleben. Kurz vor Sonnenuntergang wurde ein Maulthier vor die bescheidene Zufluchtsstätte der Hadassah getrieben. Es wurde von Jaob, einem Diener, der in früheren Jahren ein Diener der Wittwe gewesen war und in jener Nacht fleißig an der Herstellung des Märtyrergrabes mitgeholfen hatte, geführt. Seine Gegenwart verursachte daher an jenem wenig besuchten Orte keine Unruhe. „Hannah", sagte er zu dem Hausmädchen, welches in dem Thorwege stand, und welches er beim Namen kannte, „hilf mir das Maulthier abladen und trage Deiner Herrin hin, was ich hier mitbringe. „Von wem kommt denn dies alles?" fragte Hannah mit nicht geringer Neugierde. „Ich begegnete heute," versetzte Joab, „demselben Fremden, den wir fingen, als er das Begräbniß der Salame belauschte, er sah todtenbleich aus, als ob er eben vom Grabe auferstanden wäre, und konnte kaum gehen. Ich half ihm auf mein Maulthier und ließ ihn zu einem Hause in der Stadt, welches er mir bezeichnete, tragen. Ich bin im Zweifel, ob der Heide mich erkannt hatte; sein Geist schien abwesend. Als ich ihn fragte, wo er gewesen, seitdem wir ihn beim Mondlicht unter den Bäumen trafen, stutzte er und sah mir in's Gesicht. Er erkannte mich und hatte nicht vergessen, daß ich einer von denen gewesen war, die ihm das Leben gerettet hatten, indem sie über den Speer traten. Der Heide ist nicht undankbar," fuhr der Maulthiertreiber mit einem häßlichen Lachen fort, „ich vermuthe, daß er sich auch noch einer andern Schuld erinnerte, denn er bat mich in einigen Stunden wieder zu kommen, und als ich kam, trug er mir auf, diese Sachen in die Wohnung der Hadassah zu tragen, und gab mir auch diesen Beutel voll Silber für ihr Hausmädchen." „Der Herr Lycidas hat ein edles Herz, wollte Gott, er wäre ein Sohn Abrahams!" rief die entzückte 246 Hannah, als sie die Gabe des Griechen erhielt. Dann trug sie mit einem Gemisch von Neugierde und Vergnügen die von Joab gebrachten Sachen auf das Dach des Hauses, wo die hebräischen Frauen saßen, um die kühle Abendluft zu genießen. Auf Geheiß der Hadasfah entfernte Hannah die äußere Umhüllung dessen, was Lycldas gesandt hatte und zog eine Menge mit dem feinsten Geschmack ausgesuchter herrlicher Dinge hervor, reizende Gewänder, Goldstickereien, eine Lampe von feinster Arbeit, einen Spiegel von polirtem Stahl und noch mehrere Kostbarkeiten. Hannah konnte sich einiger Ausrufe der Bewunderung nicht enthalten; Hadassah aber und ihre Enkelin saßen stillschweigend dabei, bis eine Rolle zum Vorschein kam, welche Hadassah öffnete und laut las: „Mit diesen werthlosen Zeichen des Gedenkens nehmet die tiefste Dankbarkeit eines Mannes an, der in wenigen, nur zu kurzen Monaten unter Eurem Dach mehr gelernt hat, als er anderswo in einer Lebenszeit hätte lernen können von der Hoheit des Glaubens und dem Heldenmuth der Tugend." 18 . Kapitel. Das Paffahfcst. Sehr verschieden war die Feier des Festes der süßen Brode zur Zeit des Königs Antiochus Ep'phanes von den früheren Zeiten, als die Kinder Israels von ihren eigenen Königen regiert wurden. Da war kein gewaltig großes Zusammenströmen, wie einst von Dan bis Berseba. Hirten trieben einst ihr brüllendes Vieh, Schäfer ihre Heerden von den Abhängen des Karmcl und den Weiden unter den schneegekrönten Höhen des Libanon nach Hause zurück. Fischer zogen ihre Netze an die Ufer der inländischen Seen und ließen ihre Kähne am Strande des Meeres ruhen, um nach der Sitte der Väter hinaufzugehen und den Herrn in Zion anzubeten. Da waren keine Pilgerschaaren von Saron's Ebenen und den Bergen von Gilead. Jerusalem war nicht von Anbetern gedrängt voll, und die Straßen nicht unpassirbar durch das Treiben der zum Opfer bestimmten Heerden, wie zu den Zeiten, da Josiah sein großes Passahfest hielt. Da gab es keine laute, freudige Musik, als wenn die Sänger der Söhne Asaphs den Chor der Danksagung leiteten. Gruppen von Hebräern zu Zweien oder Dreien gingen heimlich ihre Wege, als wie durch irgend einen geheimen oder gefährlichen Auftrag gebunden, zu den wenigen Häusern, in denen die Besitzer kühn und fromm genug waren, das Passahfest vorzubereiten. Unter diesen Wohnungen war auch die des Aeltesten Salathiel, eines Mannes, der trotz der angedrohten Verfolgung dennoch Gott nach alter, von Mose vorgeschriebener Weise anzubeten wagte. In einem oberen Raume seines Hauses war alles für die Feier des Festes, so wie die Umstände es erlaubten, zurecht gestellt. Das Passahlamm war in einer runden Vertiefung des Fußbodens ganz geröstet worden. Es war zu diesem Zweck von zwei langen Bratspießen durchstochen worden, von denen, um die Form des Kreuzes anzudeuten, der eine lang, der andere quer durchstochen war. Die wilden und bitteren Kräuter, welche dazu gegessen werden sollten, waren sorgfältig gewaschen und vorbereitet. Auf dem Tische standen Schüsseln mit ungesäuertem Brod und vier Schalen voll rothen, mit Wasser gemischten Weines. Es war mit Schwierigkeiten verknüpft gewesen, nur zehn Theilnehmer zur Feier des Passahfestcs zusammenzubringen. Drei der gegenwärtigen Personen waren Frauen, zwei zu Salathiel's Familie gehörig, die dritte Sarah, welche, dicht in ihren Schleier gehüllt, unter dem Schutze ihres Oheims Abischai gekommen war. Die Gäste kamen spät, da sie, um nicht Verdacht bei den Syrern zu erregen, mehr als einmal ihren Weg hatten ändern müssen. Die Feier hatte begonnen. Das Brod war durch Salathiel gebrochen und herumgegeben. Die erste Schale Wein wurde still geleert. Aber als die zweite herumgegeben wurde, sang man das kleine Hallel, bestehend in dem 113. und 114. Psalm, in leisen und unterdrückten Tönen. Plötzlich verstummte der Gesang mitten in einem Verse, und jeder Kopf wandte sich, um zu lauschen. Das Geklirr einer Waffe, die unten auf den Boden gefallen war, hatte die Versammlung erschreckt, wie Wild durch das Bellen der Bluthunde aufgescheucht wird. „Die Syrer haben uns aufgefunden, wir sind verrathen I" rief Abischai, indem er aufsprang und das Schwert zog. „Flieht! Flieht!" so schallte es von Mund zu Mund. Das Gemach, tn welchem die Hebräer versammelt waren, hatte zwei Thüren, die eine führte vermittelst einer Treppe zum Hofe, die andere am entgegengesetzten Ende zum Dache, welches nahe genug an den anderen Wohnungen war, um unter dem Schutze der Dunkelheit ein Entkommen zu ermöglichen. Hauptsächlich war es auch dieser voriheilhaften Lage wegen, daß Salathiel's Haus zur Abhaltung der Feier des Passah- festes gewählt wurde. Die zweite Thür, durch welche eine Flucht ermöglicht werden konnte, war klugerweise offen gelassen worden und alle stürzten bei dem ersten Alarm dorthin. Der Schreck übt oft eine so verwirrende Wirkung auf das Gemüth aus, daß die Eindrücke, welche durch Ereignisse entstehen, zwar peinlich lebhaft in ihrer Färbung, aber unbestimmt in ihren Umrissen sind. Sarah würde daher keinen genauen Bericht von der folgenden Scene, die ihr wie ein schrecklicher Traum vorkam, haben geben können. Sie wollte fliehen, aber als sie es versuchte, blieb ihr Schleier an etwas hängen, sie wußte nicht, was es war. — Drei oder vier Sekunden, die ihr wie ebenso viele Stunden erschienen, vergingen, bevor sie ihn losmachen konnte. Sarah hörte donnernden Lärm an der einen Thür und das Getöse der Flüchtlinge an der anderen, dann wurde die schwache Barriere, welche sie vom Feinde trennte, weggerissen und der Raum füllte sich mit Kriegern. Ein Anblick aber hatte sich ihrem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt, es war der Abischai, welcher, ganz mit Blut überströmt, die Augen stier und gläsern, die Zähne fletschend, mit den letzten Athemzügen nur das eine Wort „Abtrünniger!" hervorzischte. Sarah wußte, daß es der Tod war. Dann legten sich rauhe Hände an sie selbst, und das erschreckte Mädchen fühlte sich wie die Gazelle unter den Klauen des Tigers. Sie war in so tödtlicher Angst, daß sie nicht einmal Kraft zum Schreien hatte. „Halt, thut dem Mädchen kein Leid!" rief eine Stimme, welche Sarah sehr bekannt klang, obgleich sie sich nicht erinnern konnte, wo sie dieselbe gehört hatte. Dann sah sie einen Krieger in syrischer Kleidung, denselben, welcher dem Leser unter dem Namen Pollux mehrere Male vorgestellt 247 worden ist, und welcher der Anführer der Angreifer zu sein schien. Sarah streckte ihre Hände nach einem aus, an dem sie selbst in jenem Augenblick einen hebräischen Typus bemerkte. Aber sie konnte nur durch eine flehende Geberde Gnade suchen. Der Schreck hatte sie so überwältigt, daß sie ohnmächtig wurde. Der Befehl des Antiochus hatte mehr auf Ergreifen als auf Niedermetzeln gelautet, und so trugen die Krieger auf Geheiß des Pollux nur ein ^bewußtloses Mädchen als ihre einzige Gefangene fort und ließen den todten Körper des Abischai in seinem Blute schwimmend am Boden liegen. 19. Kapitel. Ein Gefängniß. Sarah erwachte aus ihrer langen Ohnmacht mit einem Gefühl unbeschreiblicher Angst. Die kalten Schweißtropfen standen an ihrer Stirn und das Herz war ihr wie zugeschnürt. Das arme Mädchen konnte sich nicht einmal besinnen, was eigentlich vorgefallen war. Sie wußte nur, daß es etwas Schreckliches war. Das erste Bild, welches vor ihrem Gedächtniß auftauchte, war der sterbende Abischai. Sarah schauderte, zitterte und erhob sich mit einer Anstrengung aus ihrer sitzenden Stellung und wild umherblickend rief sie: „Wo bin ich? Was ist geschehen?" Der Raum, in welchem sich das Mädchen befand, war beinahe ganz dunkel, aber als sie aufwärts blickte, konnte sie die blassen Sterne durch das kleine, schwarzvergitterie Fenster sehen. Sie wußte, daß sie in einem syrischen Gefängniß sein mußte. Beide Hände vor das Gesicht pressend, erinnerte sich die junge Gefangene der schrecklichen Scene, von welcher sie eine Zeugin gewesen war. „Gott fei gepriesen, daß meine geliebte Großmutter nicht dort war l" Diese Worte wiederholte sich Sarah wieder und wieder, um sich an den einzigen Trost zu halten, der sich ihr bot. „Abischai'sSchick- sal ist schrecklich, schrecklich!" rief Sarah, indem sie vor Mitleid und Entsetzen schauderte. „Aber es ist für meinen armen Verwandten besser, viel besser, daß er nicht lebend in die Hände der Feinde fiel, wie ich, dies würde für ihn noch viel schrecklicher gewesen sein!" Sarah war keine hochbegeisterte Heldin, sondern nur ein schüchternes, sanftes, liebenswürdiges Mädchen, welches, vor Gefahr zurück- bebend, der Furcht unterworfen war und sich für jeden Schmerz, ob körperlich oder geistig, sehr empfindlich zeigte. Obgleich sie mit Salame und Hadassah verwandt war, hatte sie weder die ruhige Geistesgröße der Einen, noch die erhabene Seelengröße der Anderen. Sie hielt sich nicht für fähig, die inspirirten Worte einer Prophetin hervorzubringen, noch die große Stand- haftigkeit einer Märtyrerin zu zeigen. Und es war eine Märthrerprobe, die dem Mädchen bevorstand. Sie sollte, wie Salame und ihre Söhne, entweder ihrem Glauben oder ihrem Leben entsagen. Für Sarah war dies eine schreckliche Wahl; denn obgleich sie sich wenige Stunden vorher nach dem Tode gesehnt hatte, um von ihrem Kummer befreit zu werden, war doch der Gedanke an seine Nähe, und obendrein herbeigeführt durch solche Torturen, wie hebräische Gefangene sie gewöhnlich AMI Ncr Pupprnmörder. Nach einem Originalgemälde von Gnst. Jgler. 248 zu erdulden hatten, unaussprechlich fürchterlich für dieses zarte Geschöpf. „Ach, ich fürchte, daß ich nicht bis zum Ende aushalten werde, mein Muth wird nachlassen, ich werde mich selbst, mein Vaterland und mein Volk entehren und mir den Zorn meines Gottes zuziehen I" rief Sarah, indem sie sich die gewaltige Probe, welcher ihr Glaube würde ausgesetzt werden, vorstellte. „Wehe mir! Was soll ich thun — was soll ich thun? — Ist denn da keine Möglichkeit zu entkommen?" Jene massiven steinernen Wände und starken Eisengitter gaben genügende Antwort auf diese Frage. Sarah lehnte sich an die Mauer und erhob ihre gefalteten Hände zum Himmel, von dem sie einen Schimmer durch das Eisengitter sehen konnte. „O, mein Gott, verlast' wich nicht!" rief sie, „schwach und hilflos in mir selbst, setze ich meine ganze Hoffnung auf Dich alleinI Du hast gesagt: „Wenn Du durch das Wasser gehst, will ich bei Dir sein; wenn Du durch das Feuer gehst, sollst Du nicht verbrennen I" Trage Dein schwaches Lamm auf Deinen Armen und last' mich fühlen Deinen Schutz!" Die Thränen flössen schnell von Sarah's Wangen, als sie dies undeutliche Gebet hervorschluchzte. Und weiter fuhr sie fort: „Ich bitte Dich ja nicht, mich vor dem Tode zu bewahren, ja selbst nicht vor der Tortur, wenn es Dein heiliger Wille ist, daß ich sie erdulden soll, aber ach, hilf mir, daß ich nicht von Dir abfalle, hilf mir, daß ich nicht meinen Glauben verleugne und das Herz meiner Mutter breche. Und ich werde-gerettet werden!" sagte Sarah ruhiger, denn ihr Glaube hatte durch das Gebet an Kraft gewonnen. „Vielleicht macht der Herr keine Probe über meine Kräfte, er, dem alle Dinge möglich sind, kann es thun — oder er sendet einen Engel, mich zu schützen, wie er sonst seine heiligen Diener zum Schutze der Seintgen sandte. Die Phantasie Sarah's malte ihr ein Wesen mit glänzenden Flügeln vor, wie es ihr zur Hilfe her- niederfliegt mit einem dem Lycidas vollkommen gleichen Gesicht, welches ja für sie den Typus der größten Schönheit hatte. „Oder der Herr sendet mir vielleicht einen irdischen Freund," fuhr Sarah fort, und wieder malte die Einbildungskraft einen Lycidas, aber dieser hatte keine Flügel. Das Mädchen hörte zu weinen auf und wischte sich die feuchten Tropfen von ihren Augen. Ein Schimmer von Hoffnung schien das Dunkel vor ihren Augen zu erleuchten. Wie eifrig hören wir auf die Stimme der Hoffnung, selbst wenn es nur das Echo eines Wunsches ist. Sarah's Gefängniß würde noch viel grausiger, die bevorstehende Probe noch viel schrecklicher gewesen sein, hätte sie gewußt, daß Lycidas nach Bethlehem gekommen war, ohne etwas von der Gefahr, in der das von ihm geliebte Mädchen sich befand, zu ahnen. In derselben Unkenntniß über Sarah's große Gefahr war ein Anderer, dem sie theurer war als sein Leben oder das Licht seiner Augen. Er lag in tiefem Schlafe viele Meilen von Jerusalem, ohne ein anderes Kissen unter seinem Haupte als nur seinen starken Arm, um welchen immer noch die kleine Strähne Flachs gewickelt war. Ein König hätte ihn um den Traum, welcher seine Züge verklärte, beneiden können. Makkabäus träumte, auf dem versengten, trockenen Erdboden liegend, er sei in einem Eden mit Blumen, und Sarah, deren kleine Hand er in der seinen hielt, sei an seiner Seite. Sie hörte mit freundlichem Lächeln und niedergeschlagenen Augen auf die Worte, die der Krieger niemals zu ihr gesprochen hatte, außer in seinen Träumen. Alles war Friede innen und außen. Dies war des Hebräers Traum von Sarah. Wie verschieden war derselbe von der Wirklichkeit! Hätte Judas die wirkliche Lage, in der das hilflose Mädchen sich befand, gekannt, er würde gern, um sie zu schützen, sein Herzblut vergossen haben. Dieses Herz, das niemals angesichts der größten Gefahr gezittert hatte, würde mit einem Male die tödtliche Angst kennen gelernt haben.W 20. Kapitel. Der Hof des Antiochus. Der Zorn und die Enttäuschung des Antiochus war fürchterlich, als er von dem Resultat des nächtlichen Angriffes auf seine Streitkräfte in Emmaus und dem darauf folgenden Rückzug des Gorgias, ohne einen Schlag gethan zu haben, hörte. Vergebens bemühten sich die Truppen jenes zu vorsichtigen Führers durch Uebertreibung der Zahl des Feindes ihre feige That zu beschönigen. Antiochus war wüthend über das, was er als Uebermuth .einer Handvoll Geächteter bezeichnete, sowie über die Feigheit seiner Truppen, welche siegesbewußt mit fliegenden Bannern ausgezogen waren und dann, wie buntgefiederte Vögel vor dem Stoß des Adlers, die Flucht ergriffen hatten. Nicht nur die unterdrückten Einwohner Jerusalems und seiner Umgegend hatten Ursache vor der Wuth des Tyrannen zu zittern, sondern auch seine eigenen syrischen Anführer und die gehorsamen Höflinge, welche ihn umgaben. Und unter diesen keiner mehr, als Pollux, der einst auser- wählte Gefährte und Günstling des syrischen Königs. Pollux war durch seinen launischen Herrn mit Reichthum und Ehren überschüttet worden, und wurde dadurch der Gegenstand des Neides seiner Genossen, besonders des Lysimachus, eines Syrers von hoher Geburt, welcher sich in der königlichen Gunst durch einen Nebenbuhler, den er verachtete, übertroffen sah. Aber nun war wenig Ursache, Pollux, den elenden Schmarotzer eines Tyrannen, zu beneiden. Er, welcher Gewissen und Selbstachtung für das Lächeln eines Tyrannen hingegeben hatte, hatte den sichern, wenn auch schmalen Pfad der Tugend verlassen, um sich auf den unsicheren Flugsand zu begeben, wo der Boden bald unter seinen Füßen sinken mußte. Bald konnte er sich von der Unbeständigkeit königlicher Gunst überzeugen. Sein Neider wartete auf eine Gelegenheit, ihn beim Könige anzuschwärzen. Dazu boten die Umstände, daß er sich bet der Torrur der Märtyrer zurückgezogen hatte, und die feige Flucht des Gorgias, dessen Feldzug er auf Befehl des Antiochus mitgemacht hatte, reichlichen Stoff. Pollux hatte sonst oft den König durch seine glänzenden Witze entzückt, nun fielen seine besten Späße wie Funken auf Wasser. Antiochus war seines Günstlings überdrüssig, wie ein Kind, das sein Spielzeug heute hätschelt und morgen achtlos beiseite wirft. Dennoch bemühte sich Pollux, die Gunst des Königs wiederzugewinnen, und dieser gab ihm Gelegenheit, sich von dem Verdacht des Veirathes an der syrischen Sache zu reinigen. Er erhielt, wie wir wissen, den Auftrag, einen Theil Hebräer bei der Feier des Pastahfestes gefangen zu nehmen. Als das Resultat dieses Auftrages nur die Gefangennahme eines einzigen unschuldigen Mädchens war, stieg der Zorn des Königs noch mehr. Doch war der König willens, sich 249 »Ä WLH LAS ALM 7ML -MM M8S >"L>-,'LW2L MWW P4M '-MibI 1^ sMÄR WÄ KM KMA WM- KNN ^M- In der Genesung. Nach dem Gemälde von Walter Fiele. 250 wenigstens etwas Erheiterung durch die Gazelle, die seine Bluthunde niedergerissen hatten, zu verschaffen. Ein Wesen, welches, obwohl zum schwachen Geschlechte gehörig, kühn genug gewesen war, das Paffahfest mitzufeiern, würde am Ende seiner Willkür genügenden Widerstand leisten und so ihm ein kleines Vergnügen gewähren, da gerade nichts Anderes zur Hand war. Der Monarch gab daher, nachdem er die Nutze nach der Mahlzeit beendet hatte, Befehl, daß die hebräische Gefangene vorgeführt werde. Der Tyrann von Syrien saß zu diesem Zwecke auf seinem elfenbeinernen Throne. Sein Fußstuhl war ein liegender silberner Löwe, über seinem Haupte befand sich ein goldener Baldachin. Vor dem Könige stand ein prächtiger Altar, auf welchem beständig ein Feuer vor einem kleinen Bilde des Jupiter brannte. Es war, wie man heute noch auf Münzen sehen kann, ein königlich aussehender Mann mit regelmäßigen, stark markirten Zügen, aber einer zurückgebauten Stirn und kaltem, hartem, Ausdruck. Niemand würde von ihm die geringste Menschlichkeit erwartet haben. Antiochus sah aus, wie der, der er war, ein kalter, herzloser Tyrann. Zu jener Zeit konnte man ihm die schreckliche Krankheit, welche« ihn binnen Jahresfrist zu einem Gegenstände des Schreckens und des Abscheus für alle, die in seine Nähe kamen, noch nicht ansehen; eine Krankheit, so entsetzlich schmerzhaft, daß sie in sich alle Martern, die er einst seinen Opfern auferlegt hatte, zu vereinigen schien. (Fortsetzung folgt.) --SÄ88MS-. Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. (Fortsetzung.) Vom März (durchschnittlich 8,50 Regentage) sagen die Bauern: ustu-233.IÜ2r1 rvalniniür — — — rvn ^iiisostnk öirni stala. nur: „Er ist der Vater der Erdbeben und Regengüsse — der Hirte wird aber doch ohne Feuer trocken (so. an der Sonne). Vom Juli (tainüs) orakelt man: ü tamnL tiAbli-Iuia Ü-1)—- Zu unseren Bildern Der Duppenmörder. O Graust Er mordet allhier Die Puppe voller Rachbegier Und schlug die Schwester in's Gesicht Der arge, kleine Bösewicht. Die Schwester, ein gar sanftes Kind, Besänftigt die Mama geschwind, Doch schenkt sie seine Strafe nicht Dem argen, kleinen Bösewicht. In der Genesung. Auf dem Stuhl im Obstgarten, den geschwächten Körper in das Kissen gelehnt, das ihr die sorgsame Hand des alten Großmütterchens zurechtgcrichtet hat, sitzt ein bleiches, abgemagertes Menschenkind, das müden Auges in die ringsum beginnende Frühlingsherrlichkeit blickt. Nach monatelanger, schwerer Krankheit ist es heute zum ersten Male, daß das junge Mädchen wieder unter Gottes freien Himmel treten durfte, daß es die Vöglein zwitschern hören und balsamische Frühlingsluft einathmen kann. Noch niemals ist ihr die Gottes-Natur so schön erschienen wie heute, noch niemals hat so heißes Dankgefühl für den Schöpfer all der Herrlichkeit ihr Herz erfüllt. Nur Muth und Gottvertrauen, du armes Menschenkind; der da rings um dich neues Leben erstehen läßt, der wird auch dir bald wieder vollständige Gesundheit schenken! -_ I>. Franz Z>. Hattler, 8. ck. Unter den schriftstellerisch thätigen Mitgliedern der Gesellschaft Jesu in Oesterreich nimmt ohne Zweifel ? Franz S. Hattler einen der ersten Plätze ein. Geboren am 11. Sept. 1829 zu Anras im Pusterthale als der Sohn eines kaiserlichen Forstbeamten, machte er seine Gymnasialstudien bei den Franziskanern in Bozcn und trat 1852 in die Gesellschaft Jesu ein. Im Jahre 1862 wurde er nach Kalksburg bei Wien berufen, wo er dann in der von seinem Orden gegründeten Lehr- und Erziehungsanstalt durch fast 20 Jahre wirkte. In die Zeit der Wirksamkeit in Kalksburg fällt auch der Beginn der schriftstellerischen Thätigkeit Hattler's. Im Jahre 1865 wurde der „Sendbote des göttlichen Herzens Jesu" ins Leben gerufen, dessen Mitarbeiter er bis zur Stunde blieb, und so ist es erklärlich, warum die meisten seiner Schriften den Zweck des Sendboten verfolgen, die Kenntniß und Verehrung des gott- menschlichen Herzens Jesu zu verbreiten. ?. Hattler ist sein Leben lang nie von fester Gesundheit gewesen (er leidet an nervösen Herz- und Kopfschmerzen); er gab daher 1882 ferne Stelle als Lehrer und Erzieher auf und übernahm die Redaktion des „Sendboten des göttlichen Herzens Jesu" in Innsbruck. Da aber die Stadtlust wegen des lästigen Siroco seiner geschwächten Gesundheit nicht zuträglich war, so bezog er den zum Jnnsbrucker Kollegium gehörigen Zenzerhof an der Brennerbahn, anderthalb Stunden von der Landeshauptstadt entfernt in romantischer Lage und Einsamkeit, wo er sich bereits durch zehn Jahre aufhält. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit mußte er, indem er Mitarbeiter blieb, 1886 die Redaktion des „Sendboten" wieder aufgeben, die er in einer Zeit geführt hatte, in welcher die Zeitschrift die gröbsten und unverdientesten Angriffe erfahren mußte. Durch den „Sendboten" war und ist ?. Hattler fast ein Weltapostel, denn die Zeitschrift zählt jetzt 29,000 Abonnenten und kommt durch die Jesuitenmissionen in alle fünf Welttheile. Die Schriften des ?. Hattler sind ungemein erbaulicher Natur, seine Schreibweise ist überall von echt Tyroler Innigkeit und Sinnigkeit, namentlich auch verbunden mit einem geweckten Sinne für die Schönheiten der Natur. Mitten in ernste und tiefe Mahnungen Angeflochten, liest man viele Geschichten, viele Gleichnisse, viele meist natürlich und ungezwungen sich ergebende Beziehungen auf das Menschenleben in Haus und Hof, in Feld und Wald, auf Bergen und in Thälern, in Schlössern und Hütten, alles voll geistlicher Deutungen, aber stets klar und verständlich, dabei durch gemüthlichen Humor gewürzt. Der Stil ist meisterhaft zu nennen, so daß man vielfach ein ästhetisches Kunstwerk vor sich hat, das aber doch naiv und einfältig ist im schönsten Sinne des Wortes. Frei nach Schiller. Stolz in die Welt hinaus strampelt auf blitzblankem Zweirad der Jüngling, Still mit verbog'nem Gestell schiebt er sich Abends nach Haus. Consultirt dann sofort den geschicktesten Wundarzt im Umkreis, Der dem gequetschten Gelenk geben soll kühle Compreß. In die mechanische Werkstatt hin schickt er das schwerkranke Stahlroß, Daß es zu neuer Gefahr trage den muthigen Mann. Besser, o Mensch, hättest du wohl benützt einer Droschke Be- quemheit, Sicherer bringt sie zurück dich als das tückische Rad. Auflösung der Altrömischen Inschrift in Nr. 31: (Korallenarmband Odoru8 — Chor, omnidn8 — allen, pauper — arm, volmusn — Band). --EZÄ-