AL3S. ZreiiLkS, den 21. April 189b. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag VeS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Zudas Makkaöäus« Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 21. Kapitel. DeS Mädchens Prüfung. Vor dieser glänzenden Versammlung — vor diesem schrecklichen König stand, umgeben von den Wachen, ein zitterndes Mädchen, welches ihren leinenen Schleier immer dichter und dichter um ihre leichte Gestalt und ihr gebeugtes Haupt hüllte. „Reißt ihr den Schleier ab," sagte der König. Der Befehl wurde augenblicklich ausgeführt. Und wie aus der Finsterniß plötzlich an's Tageslicht gebracht, so brach die Schrecken erregende Pracht um sie her über Sarah herein. Ihre außerordentliche Schönheit, welche zum Vorschein kam, als ihr Antlitz bei dem Anblick so vieler auf sie gerichteter Blicke dunkelroth, plötzlich aber wieder vor Furcht leichenblaß wurde, verursachte ein unwillkürliches Gewürme! der Bewunderung. „Keine herkulische Aufgabe, diese Weidenruthe zu biegen," bemerkte Antiochus, dessen hartes Antlitz sich selbst zu einem Grinsen verzog. „Bringt sie nähert" Die Wachen gehorchten. „Da ist der Altar des Jupiter Olympius — derjenige der Venus würde für eine so schöne Anbeterin passender gewesen sein," sagte Antiochus mit einem Schwur, „aber es ist gleich, welche Gottheit die Huldigung empfängt, wenn sie nur richtig dargebracht wird. Mädchen, wirf einige Körner jenes Weihrauches in die Flammen, beuge Deine Kniee und bete an, und ich verspreche Dir," fügte der König mit Lachen hinzu, «einen stattlichen Gemahl, Perlen und Goldschmuck, kurz alles, was ein junges Mädchen sich nur wünschen kann." Sarah bewegte sich nicht, sie schien die Worte des Königs nicht einmal gehört zu haben, und ihre Lippen bewegten sich in ängstlichem Gebet. Antiochus wiederholte ernsthaft seinen Befehl, Weihrauch zu opfern. Sarah fuhr in stillem Gebet fort: „O, mein Gott, hilf mir, laß mich nicht über meine Kraft versucht werden!" Während ihr zu Tode geängstigtes Herz betete, schüttelte sie als einzige Antwort leise gebeugt das Haupt. „Was, noch immer still?" rief Antiochus ungeduldig. „Weißt Du nicht, kleine Stumme, daß meine Arbeiter hier Wunder wirken können?" dabei beutete er auf einige schwarze afrikanische Sklaven, welche das Scharfrichteramt verrichteten. „Jene dort sind geschickt genug, auch den geschlossensten Lippen gellende Töne zu entlocken!" Voll Schrecken erhob Sarah ihre dunklen Augen und blickte wild umher, indem sie vergeblich hoffte, jemand zu erspähen, von dem sie hätte Schutz oder Mitleid erwarten können, vielleicht von Lycidas selbst. Aber da gab es kein einziges Antlitz unter der dichtgedrängten Schaar der Höflinge, welches etwas anderes als kalte Gleichgiltigkeit, wenn nicht gar grausames Vergnügen an ihren Leiden oder ihrer Erniedrigung gezeigt hätte, außer vielleicht dem des Pollux selbst. Sarah's Auge haftete für einen Augenblick mit einem flehenden Blick auf seinem Gesicht, der auch ein härteres Herz als das seine hätte rühren können. „Ich ertrage kein längeres Zögern!" rief Antiochus, „wenn Dir Dein Leben lieb ist, so opfere augenblicklich meinem Gott!" „Ich kann nicht, — ich darf nicht!" rief das junge Mädchen; wenn auch der Ton ihrer Worte nur leise war, so waren dieselben bei der tiefen Stille, die in dem Marmorsäule herrschte, deutlich zu hören. Die Antwort überraschte Antiochus und seine Höflinge. „Ha, da ist schließlich doch einiger Widerstand in der Weidenruthe!" rief der König, halb belustigt, halb ärgerlich. „Ich wette, zähe Aeste wachsen auf dem Baume, welchem jener schlanke Zweig entsprossen ist. Nenne mir, schöne Widerspenstige, Deinen Namen, Ver- Wandschaft und Geburtsort," fuhr er fort. Sarah war fest entschlossen, keinen Freund zu verrathen, vor allem aber wollte sie nicht den Sturm der Verfolgung auf das Hans der Hadassah einbrechen lassen. Mitten in allem diesem Elend, das das Mädchen zu erdulden hatte, vergaß sie keinen Augenblick diesen Entschluß. „Mein Name ist' Sarah, ich bin in Bethsura geboren, mein Vater wurde Abner genannt," stammelte die junge Gefangene hervor. Pollux fuhr unwillkürlich zusammen und keucht,, als ob jedes Wort wie eine glühende Kohle auf seine bloße Brust gefallen wäre. Es war ein Glück für ihn, daß in diesem Augenblick aller Augen, selbst die des Lysimachus, auf Sarah gerichtet waren. „Lebt Dein Vater noch?" fragte der König, welcher tu dem gewöhnlichen Namen Abner den beinahe vergessenen früheren eines seiner Günstlinge nicht wiedererkannte. „Ich weiß es nicht," war die Antwort. „War er nicht bei Dir in der aufrührerischen Versammlung?" fragte Antiochus Eplphanes. „Nein, ich kam mit meinem Oheim, welcher erschlagen wurde, er war mein einziger Begleiter dorthin," sagte das zitternde Mädchen, froh, ein wahres Wort sagen zu dürfen, welches niemand in Gefahr brachte. Es folgte eine kurze Pause, welche für Sarah unaussprechlich schrecklich war. Dann sagte Antiochus, der die Todesangst Salomes. und ihrer Söhne gesehen hatte, mit der strengen Stimme des Befehls: „Ich bin nicht gewohnt, dreimal zu bitten, und wehe denen, die meinem Befehl nicht gehorchen: Wirf Weihrauch auf jenes Feuer, oder die Folgen kommen über Dein Haupt. Schon Andere haben erfahren, was es heißt, meinem Mißmuth zu trotzen oder meinem Befehl nicht zu gehorchen!" Betäubt und erschreckt, kaum der Wichtigkeit dieser Handlung sich bewußt, duldete Sarah, daß man einige Körner Weihrauchs in ihre Hand legte; dann aber warf sie, nachdem sie ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen, die Körner mit einem Blick des Abscheus und Schreckens weit hinter sich. „Ha, ist das so?" donnerte Antiochus, „wenn der Weihrauch nicht in's Feuer geht, dann soll die Hand, die ihn hielt, hinein! Scharfrichter, thut Eure Schuldigkeit!" Vier der wilden, schwarzen Sklaven näherten sich dem Mädchen. Sie schlug die Hände zusammen und rief: „Vater, rette mich!" Es war kein Sterblicher, an den sie jenen flehenden Hilferuf richtete. Aber der Ruf wurde von einem Sterblichen beantwortet. Pollux sprang, wie von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, vorwärts, gebot den Scharfrichtern durch eine Handbewegung Stillstand und beugte das Knie vor Antiochus. „Der mächtige König," begann er mit einer großen Anstrengung, ruhig und gleichmüthig zu erscheinen, „der mächtige König hat von Zauberern gesprochen, welche die Geschicklichkeit besitzen, Stumme zum Sprechen zu bringen. Ich setze die Macht jener schwarzen Magiker nicht in Zweifel, aber die Kunst, Gesang anstatt Geschrei hervorzubringen, achte ich höher, und ist es gleichfalls höher zu schätzen, den starken Willen durch Ueber- redungskunst als durch Marter zu beugen. O, erhabener Beherrscher der Welt, lasse mich nur einmal vierundzwanzig Stunden meine Zaubersprüche an dieser jungen Widerspenstigen versuchen, und ich will mit meinem Kopf dafür haften, daß sie, bevor vierundzwanzig Stunden vergangen sind, gern und willig jedem Gott des Olymp opfert, Schweinefleisch ißt, wie. eine Bacchantin tanzt, oder Wein trinkt, wie vor alters Belsazar aus den Gefäßen des Tempels. Versuche meine Macht, o König, und von dem Verfehlen oder Gelingen meines Vorhabens hänge mein und des Mädchens Schicksal ab." Antiochus zögerte und betrachtete mit argwöhnischen Blicken den vor ihm knieenden Höfling. Sarah beobachtete mit athemloser Angst des Königs Züge, eine Frist von vierundzwanzig Stunden erschien der armen Gefangenen schon als eine Gabe von unschätzbarem Werth. Sie hörte, wie der Tyrann dem Pollux antwortete: „Eine vierundzwanzigstündige Frist hast Du erbeten, und ich gewähre sie. ES ist doch ein größerer Triumph, einen Ketzer zu bekehren, als ein Opfer hinzumorden. Ich selbst feierte einst," fuhr der Tyrann mit bitterem Nachdruck fort, „wie Du wohl weißt, Pollux, einen solchen Triumph. Nimm jene widerspenstige Jüdin und versuche an ihr Deine Zaubersprüche, welcher Art sie auch sein mögen, aber höre meine endgiltige Entscheidung. Wenn Dir bis morgen," sagte der König, welcher zu diesem feierlichen Eide seine Hand erhoben hatte, „Dein Vorhaben nicht gelungen ist, und das Mädchen in ihrer Widerspenstigkeit verharrt, so wird der Augenblick, da sie das Opfer verweigert. Dein letzter auf Erden sein; sie soll zum Schmelzofen gehen und ihr Beschützer zum Blockt" Darauf verließ Antiochus die Versammlung. 22. Kapitel. Eine kleine Frist. Die Gefangene war nicht in das Gefängniß, welches sie in der vergangenen Nacht innegehabt hatte, zurückgebracht worden, sondern in ein Zimmer deS Palastes, welches zu der Reihe von Gemächern gehörte, welche Pollux bewohnte. Sarah befand sich in einem so prachtvoll ausgestatteten Raum, daß sie, abgesehen davon, daß die Thür verschlossen war, um ihr Entkommen zu verhindern, und auch eine Flucht durch die vergitterten Fenster unmöglich geschehen konnte, gar nicht zum Bewußtsein kam, noch eine Gefangene zu sein. Der Fußboden des Gemaches war mit kostbarem Marmor ausgelegt, an den Wänden sah man Malereien, Scenen aus der Mythologie darstellend. Schwellende Divane luden zur Ruhe ein. Vasen mit herrlichen Blumen, gefüllt mit Nosenwasser, daneben andere mit einer Menge der schönsten Früchte und Leckereien standen umher. Das junge hebräische Mädchen, welches an die Einfachheit von Hadassah's bescheidener Wohnung gewöhnt war, blickte verwundert umher. Als die Wachen sie verlassen hatten, drängte eS sie zunächst, vor ihrem himmlischen Beschützer niederzuknieen und ihm für die so gnädig gewährte Frist innig zu danken. Sarah war jung und die Hoffnung stark in ihr. WaS konnte nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen, um die Freiheit zu ermöglichen? Sie wusch sich Gesicht, Hände und Arme in duftenden Wasser, flocht ihr langes Haar und fühlte sich dadurch sehr erfrischt. Dann genoß sie mit einem gewissen Wohlbehagen von den Früchten, die vor ihr standen. Die Natur dieses zarten Wesens war sehr erschöpft und hatte nicht allein von der entsetzlichen Aufregung, die sie durchgemacht, sondern auch von Schlaflosigkeit und Hunger sehr gelitten. Grobes Brod, das man ihr in'S Gefängniß gebracht, war unberührt geblieben, nicht allein, weil die arme Gefangene keinen Appetit zum Essen gehabt hatte, sondern auch, weil es gesäuertes Brod war, welches zu jener Zeit den Juden gesetzlich verboten war. Sarah enthielt sich sorgfältig jeder Berührung mit Speisen, die Mose für unrein erklärt hatte und nahm nur von den Früchten, welche rein waren, da Gott sie selbst gemacht hatte, und welche sie auch am meisten erfrischten und ihre brennenden Lippen kühlten. «Wie gut ist mein Herr, mir selbst den Tisch in soo dieser Wüste der Versuchung zu decken!" rief Sarah, und sie fühlte, was die Kinder Israels in der Wüste gefühlt haben mußten, als das Htmmelsbrod dalag. Der Geist des Mädchens war beruhigt und heiter, sowie ihr Körper neu belebt. Sie ließ sich auf einem der Divane nieder und war nun im Stande, ruhiger über die Ereignisse des TageS nachzudenken. „Wie dankbar bin ich, daß ich bet aller meiner Feigheit und Schwachheit bewahrt geblieben bin, etwas so Abscheuliches zu thun," dachte Sarah. „Ich brauche nicht meine Freunde zu verrathen und «einen Gott zu verleugnen, und doch hätte mein Glaube mich beinahe verlassen. Ich konnte kaum die Furcht ertragen, wie hätte ich die Folter aushalten sollen? Aber sollte er, der mich schon einmal unterstützt hat, mir nicht auch durch das Andere durchhrlfen, wenn ich für meinen Glauben vor jenem schrecklichen König sterben muß? Ich will mich nicht durch fortwährendes Denken daran ermüden, ich will alles meinem Gott anheimstellen. ES ist so süß in seiner Liebe wie ein Kind in seiner Mutter Schooß zu ruhen." Sarah lag eine ganze Weile still, um ihre überreizten Nerven neue Spannkraft gewinnen z« lassen. Es war ein so großer Trost, ganz allein zu sein und nicht durch das leiseste Geräusch gestört zu werden, außer dem Girren der Tauben in einem Garten, der den Palast von dem Berge Zton trennte. Die junge Gefangene stand auf, ging zu dem Gitter und sah hindurch. Angenehm für ihr Auge war das reiche Blattwerk des Wachholders, der Akazie, der Terebtnthe, Palme, Orange, Mandel und Citrone, welche von marmorbe- grenzten Weihern bewässert wurden, um die Mrkung der schwülen und trockenen Jahreszeit zu verhindern. Hier und dort warfen Springbrunnen ihre glänzenden Wasserstrahlen, Diamanten gleich, in die Sonne. Aber die Augen des Mädchens von Juda wanderten über dies Paradies, welches zu« Vergnügen eines Tyrannen geschaffen war, hinaus und ruhten auf dem heiligen Berge und dem Tempel, der aus dessen Gipfel stand. Als Sarah auf den heiligen Thurm vor sich blickte, kamen in die Seele von Hadassah'S Enkelin Worte der heiligen Schrift, welche sie mit einer Freude erfüllten, die, genährt von dem Thau himmlischer Hoffnung, aber ihren Ursprung in irdischer Liebe hatten. Leise und nachdrücklich wiederholte sich Sarah die Worte: „Und der Fremden Kinder, die sich zum Herrn gethan haben, daß sie ihm dienen und seinen Namen lieben, auf daß sie seine Knechte feien, ein Jeglicher, der den Sabbath hält, daß er ihn nicht entweihe und meinen Bund festhält. Dieselben will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethause; denn mein HauS soll ein BethanS heißen allen Völkern." „O gesegnete Verheißung!" rief Sarah, „JSrael ist wie Joseph unter vielen Brüdern auserwählt, den bunten Nock, welchen er von seinem Vater geschenkt erhalten hat, zu tragen und durch Gefangenschaft und viel Trübsal zu Würden und Ehren zu kommen. Aber seine Brüder sind nicht vergessen, er soll noch ein Segen werden für sie alle, die ihn gehaßt und verkauft haben. Durch Israel soll Licht über die finstere Welt verbreitet werden, und mit dem Brod des Lebens sollen die hungrigen Völker gespeist werden." Sarah wurde in ihrem Nachsinnen durch den Eintritt «»bischer Sklavinnen unterbrochen, welche still die Vasen wieder stillten, die Silberlampen anzündeten, da' der Tag sich neigte, reiche Kleider auf den Divan legten und sich dann wieder entfernten. Ihr Kommen hatte einige Unruhe in dem Herzen der schüchternen Gefangenen verursacht, und es war ihr eine Erleichterung, als sie wieder jener Einsamkeit, die man kaum als solche bezeichnen konnte, da sie an ihren süßen Gedanken so angenehme Gefährten hatte, überlassen war. Sarah ging zu dem Divan und betrachtete voll Bewunderung die seidenen Gewänder und reichgestickte» Schleier. „Diese Kleider soll ich anlegen," sagte das Mädchen, „aber ich will sie nicht anrühren. Die Heiden wollen mich verlocken, wie die Schlange die Eva, unsere Mutter, durch Augen- und Fleischeslust. Gestickte Kleider sind nicht für Gefangene, ebenso wenig silberne Gürtel für Märtyrer. Dieses einfache blaue Gewand, welches von meinen eigenen Händen gesponnen und gewebt ist, ist gut genug, um darin zu sterben." Sarah betrachtete darauf die Sonne, wie sie am westlichen Horizont niedersank und mit ihren Strahlen die Zinnen des Tempels vergoldete. „Vielleicht wird dies mein letzter Abend auf Erden sein," dachte die Gefaugene. „Ehe die Sonne zum zweiten Mal untergeht, bin ich vielleicht schon zur ewigen Ruhe eingegangen." Ein tiefer, heiliger Friede kam in des Mädchens Herz, obgleich der Ausdruck ihrer schönen Züge bet dem Blick in die Zukunft gedankenvoll war. Sarah kniete nieder und verrichtete inbrünstig ei» Gebet zu Gott. Zuerst bat sie für Habassah, daß der Herr die > Verlassene trösten und die Wünsche ihres Herzens ge- i währen möchte. Thränen mischten sich mit dem Gebet, als Sarah an die Verlassenheit, in welcher sie die alte Wittwe zurückgelassen hatte, dachte. „Lass' sie nicht um mtch weinen," murmelte daS Mädchen, „und lass' es ihr nie fehlen an einem Wesen, das sie in Krankheit pflegt und besser für sie sorgt, als ich dies jemals gethan habe!" Das junge Mädchen betete dann für ihr Vaterland und für die, die für seine Freiheit kämpften, besonders für Judas, daß Gott ihn segnen und behüten und sein Haupt am Tage der Schlacht schützen möge. Sarah vergaß auch nicht ihren unbekannten Vater. Sie bat für ihn inbrünstiger, als sie vorher gethan hatte, und durch eine Gedankenverbindung kam ihr die Erinnerung an jenen edelmüthigen Höfling, dessen Dazwischentreten sie ihren jetzigen Zufluchtsort vor Marter und Gefahr verdankte. Die junge Gefangene flehte Gott inbrünstig an, den Syrer nicht für seine Güte gegen eine Fremde leiden zu lassen, sondern ihm seine gute That tausendfach zu vergelten. Sarah erhob sich noch nicht von ihren Knieen, sondern ihr Gebet wurde inniger, als sie für einen Andern, den Theuersten von allen, betete. ES war für sie, die Sterbende, nicht sündhaft, zu lieben, dachte sie. Ihr Tod konnte das Mittel werden, das Gott gebrauchte, um LycidaS vom Heidenthum abzuwenden. Es würde ihr erlaubt werden» ihrem Geliebten von jenseits des Grabes zuzuwinken. Sarah erhob sich fast selig von ihre» Gebet. ES schien ihr, als sei die Bitterkeit des TodeS schon überwunden. Sie nahm wieder mit dankbarem Herzen etwas Nahrung zu sich und legte sich dann nieder, um zu ruhen. Die 256 Gefangene hatte während der vergangenen schrecklichen Nacht keinen Schlaf gehabt, und nun waren ihre Augen» lider schwer. Im sanften Schlummer kamen Sarah die Worte deS Psalmisten über die Lippen: „Ich liege und schlafe ganz im Frieden, denn Du, Herr, hältst mich an Deiner rechten Hand." 23. Kapitel. Endlich gefunden. So tief war der Schlummer des ermatteten Mädchens, daß sie nicht hörte, wie die Thür leise geöffnet wurde, noch, wie sich jemand auf marmornem Fußboden leise dem Divan näherte. „Lieblich, sehr lieblich — schöner noch als ihre Mutter!" murmelte Pollux, als er an dem Ruhebette Sarah's stand, auf deren schlummernde Gestalt daS Licht der Silberlampe fiel. „Eben so schön und rein lag meine Noemi da, als der Engel des Todes ihre Seele wegholte und mich eines Gutes beraubte, dessen ich unwürdig war!" Was für bittere Erinnerungen früherer Jahre mochten bei diesen Worten durch die Seele des Abtrünnigen gehen! Glückliche Tage mochten es gewesen sein, als noch kein Makel an feiner Stirn haftete! Gesegnete Tage, die niemals, niemals wiederkehren konnten. „Horch, sie spricht im Schlaf, was sagt sie?" Pollux beugte sein Haupt und fing die Worte auf: „Mein armer, armer Vater!" Der tiefe Seufzer des Abtrünnige» weckte die Schlüferin. Sarah fuhr in die Höhe und warf mit unruhiger Gebärde die langen Flechten, welche theilweise über ihre Stirn gefallen waren, zurück. „Fürchte nichts, armes Kind, ich wollte Dich nicht beunruhigen," sagte Pollux in einem so sanften Tone, daß Sarah's Ruhe sogleich zurückkehrte. „O nein, ich fürchte Dich nicht!" rief sie, ihren Beschützer erkennend, „Du warst es — der Gott Jakob's segne Dich dafür — der mich heute rettete." „Und der es wieder thun wird," warf Pollux ein, indem er sich an Sarah's Seite setzte, „aber ohne Dein Zuthun kann ich Dich nicht retten, Du mußt Dich von mir leiten lassen." „Was willst Du, daß ich thun soll?" fragte Sarah. „Dich den Umständen anbequemen," antwortete Pollux, „den König befriedigen, seinem Willen einen äußerlichen Gehorsam zu gewahren. Ich habe mich selbst zum Pfande gesetzt, baß Du es thun würdest. Schließlich ist es ja auch nicht so schlimm," fuhr der Höfling gezwungen lächelnd fort, „die Kniee, wie andere es thun, zu beugen," oder ein paar Körner Weihrauch zu verbrennen. Es ist ja eigentlich nur eine Kleinigkeit!" „Eine Kleinigkeit?" wiederholte Sarah, die Augen in unschuldigem Erstaunen aufreißend. „Ist es für mich eine Kleinigkeit, meine Seele fortzuwerfen und das Herz meiner Großmutter Hadassah zu brechen?" Pollux fuhr bei Erwähnung dieses Namens zusammen, aber schnell sich fassend, bemerkte er: „Keines Weibes Herz wurde jemals auf diese Weise gebrochen. Dein zeitweiser Abfall wird nicht solchen Kummer verursachen, als wenn Du durch deS Henkers Hand füllst." „Du hast Hadassah nie gesehen, Du kennst sie nicht rief Sarah. „Sie hat mir selbst gesagt, daß sie lieber sieben Kinder durch den Tod, als eines durch Abfall von Gott verlieren möchte." Pollux biß seine Unterlippe, bis sie blutete. Als er wieder anfing zu sprechen, klang seine Stimme hart und strenge. „Wenn Du Dich nicht um Deine eigene Gefahr kümmerst, Mädchen, so denke an die «reinige. Mein Kopf hängt an Deiner Unterwerfung." Sarah sah für einen Augenblick bekümmert und verwirrt aus, dann klärte ihr Gesicht sich wieder auf: „Selbst der grausame Antiochus würde niemals einen seiner Edlen, dem es nicht gelungen ist, ein hebräisches Mädchen dahin zu bringen, ihr Gewissen zu verletzen, tödten. Du kannst nicht durch mich in Gefahr kommen." „Und dennoch ist es so. Du magst eS glauben oder nicht," sagte der Höfling. „Aber mich dünkt, wenn man wie Du noch im Morgen des Lebens steht, mit so vielem, was das Leben angenehm macht," — Pollux blickte auf die prachtvolle Ausstattung des Gemaches — „sollte man glauben, daß Musik, Tanz und Feste besser sind, als Tortur; Leben besser, als Tod; Sonnenschein und Liebe besser, als ein namenloses Grab. Der König ist gegen diejenigen, die sich seinem Willen nicht widersetzen, freigebig; feine Hand ist gütig und offen. Höre mich an, schönes Mädchen: Antiochus hat versprochen. Dich, wenn Du seinem Willen nachgiebst, zu verheirathen; eS soll meine Sorge sein, Dir einen Edlen und Vornehmen auszusuchen, einen, der Dich, wenn Du Deine eigene Religion beibehälst, gewähren läßt, und der Dir vollkommene Freiheit läßt in Deinem Hause, wenn Du willst anbeten." Pollux überlegte, welcher von den Edlen am Hofe wohl am ersten auf diese Bedingungen eingehen würde, und dann, laut dsikend, sagte er: „So einer wie Lyci- das, der Athener." Wie erbebte Sarah's Herz bei diesen Namen! Die Versuchung war furchtbar stark. Sie sah das gerettete Leben und Lycidas auf der einen Seite, und auf der anderen den kalten Stahl, das glühende Feuer und jene schwarzen, furchtbaren Diener des Todes. Die Erinnerung machte sie schaudern. Pollux, der nach Art der Höflinge Geschick besaß, die Gedanken der Menschen auf dem Gesicht zu lesen, sah in dem Gesicht seiner Gefangenen Anzeichen von Nachgiebigkeit und benutzte seinen Vortheil. BtS dahin hatte er auf Sarah's Gefühle seine Hoffnung gesetzt, jetzt suchte er ihren Verstand zu verwirren. Mit schlauer Berechnung brachte er Beweismittel vor, mit denen seine Seele nur zu vertraut war. Pollux sprach von der Nothwendigkeit jener schlauen Ausrede des Versuchers, der Gott den Herrn selbst für die Sünden seiner Geschöpfe verantwortlich macht, da er sie in Versuchungen führt, gegen welche Widerstand nicht möglich ist. Als ob die Größe der Versuchung den, welcher derselben unterliegt, hinlänglich entschuldigte. Dann sprach Pollux von dem Unterschiede zwischen wirklichem Leben eines Menschen, dessen Seele von einem hohen Glaubensbekenntniß durchdrungen sei, und der blos äußerlichen Stellung deS Körpers. Der letztere, meinte er, könne ja knieen im fremden Tempel, während der Geist feine Anhänglichkeit dem einen wahren Gatte bewahre. Ja, der Versucher führte, wie der Teufel dies oft thut, sogar die Heilige Schrift an und meinte: „Gott sieht daS 257 Herz an und gibt wenig auf das Beugen der Kniee." Der Höfling suchte das Mädchen in seine falschen Phi» losopbieen zu verwickeln, aber der einfache Glaube und die Liebe eines weiblichen Herzens durchbrach alles. „Verlasse mich — verlasse mich!" rief Sarah leidenschaftlich, als Pollux die erste Pause machte. „ES ist sündhaft und grausam, mich so zu versuchen. Du würdest auch jene Drei in Babylon versucht haben, das goldene Bild anzubeten. Ich kann mit einem, der so gelehrt wie Du ist, nicht rechten und streiten; aber ich weiß, daß in der Schrift steht: „Du sollst anbeten Gott Deinen Herrn und ihm allein dienen," und das ist für mich genug!" „Aber Du wirst die Qualen, die Dich erwarten, niemals ertragen, wenn Du in Deinem hartnäckigen Widerstände so unsinnig beharrst!" rief Pollux. „Ich weiß, daß ich tu mir selbst keine Kraft habe; ich weiß, daß ich ein schwaches, zitterndes, feiges Mädchen bin!" rief Sarah, in Thränen ausbreckend, „aber Gott, «ein Gott machte eine Mauer von Wasser, und er, der die Versuchung sendet, wird auch die Kraft geben, sie zu bestehen!" „Sarah, Du treibst mich zum Aeußerstenl" rief Pollux, durch die Beständigkeit eines so schüchternen, gebrechlichen Wesens beunruhigt. „Wende Dich nicht ab, ich will, daß Du mich anhörst. Ich befehle Dir, dem König zu gehorchen, und ich habe ein Recht, Dir dies zu befehlen, Sarah! — der mit Dir redet, ist Dein Vater!" Hatte nicht eine bestimmte Ahnung dies vorher- gesagt? War da nicht etwas in der Stimme, dem Gesicht des Höflings gewesen, das sie an Hadassah erinnerte und das Herz des Mädchens mächtig zu ihm hinzog? Abner'S Tochter sprang mit einem Schrei auf; ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen, während ihr Haupt an seiner Brust ruhte, und indem sie mit ihren Thränen seine Kleider benetzte, schluchzte sie: „Mein Vater! Mein Vater!" und vergaß in diesem Augenblick - alles vor Entzücken, den Verlorenen endlich gefunden zu l haben und einen Vater umarmen zu dürfen. Und Pollux konnte auch eine Weile nichts anderes denken, als daß er seine Tochter in den Armen hielt. Er drückte sie an sein Herz, hielt sie dann von sich, um ihr Gesicht zu betrachten, drückte dann Kuß auf Kuß auf ihre Lippen und nannte sie seinen Liebling, seinen Stolz, sein schönes Kind! Aber als dieser Sturm vorüber war, ließ Pollux Sarah sich an seine Seite setzen, und, indem er ihren Arm um ihre leichte Gestalt schlang, nahm er die Unterhaltung, die durch Offenbarung der nahen Verwandtschaft unterbrochen war, wieder auf. „Du siehst nun, mein Kind, daß Du mit leichtestem Herzen nachgeben kannst. Der Eltern Befehle sind für ein hebräisches Mädchen Gesetz. Wenn irgend eine Sünde ist in dem, was Du thust, so liegt sie auf mir allein." „Und gedenkst Du Sünde auf Dein Haupt zu bringen?" fragte Sarah. „O nein, das würde ein zu böser Vater sein!" „Ich habe eine solche Last mit mir umherzu- fchleppen," sagte Pollux bitter, „daß ich eine so kleine Zugabe kaum fühle. Sarah, es ist Deine Pflicht, nachzugeben, denn «eine Sicherheit hängt davon ab. Wenn Du Dich weigerst, dem Antiochus zu gehorchen, so besiegelst Du daS Schicksal Deines Vaters." Voll tiefer Angst hielt Sarah beide Hände an ihre hämmernden Schläfen. Selbst der Weg der Pflicht erschien vor ihren Augen dunkel und unsicher. Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke wie eine Eingebung. „O nein, ich will meinen Vater retten!" rief sie, „retten vor etwas Schlimmerem als dem Tode! Lass' uns zusammen fliehen! Obgleich," fuhr sie fort, — „nein, nicht zusammen, ich würde Dir bei Deiner Flucht beschwerlich fallen, aber fliehe, mein Vater, von diesem bösen Hof, diesem barbarischen König, diesem Leben, das für einen Sohn Hadassah's Elend und Gefangenschaft sein muß. O fliehe, fliehe! sei sicher, sei frei! Sei wieder, wie Du einst gewesen bist! Es ist nicht zu spät, eS ist nicht zu spät! Sarah war bei dieser neuen Hoffnung, ihren Vater aus dieser Höhle der Schande, diesem Abgrund der Ver- dammniß zu ziehen, voll seliger Freude. Pollux starrte vor dieser neuen plötzlichen Eingebung. „Wohin könnte ich fliehen?" fragte der Abtrünnige finster. „Zu Judas MakkabäuS, unserm Helden," sagte Sarah. „Sein Lager ist ein Zufluchtsort für alle Flüchtlinge." „MakkabäuS?" wiederholte Pollux. „Er würde einen Abtrünnigen verschmähen und verabscheuen." „O nein, er würde den Vater Sarah's niemals verschmähen!" rief das Mädchen, indem sie innerlich über die geheime Macht, welche sie über den Anführer der Hebräer ausübte, frohlockte. „Judas würde Dich willkommen heißen, seine Gefährten würden Dich willkommen heißen, wenn Du kommst, um das Vergangene zu sühnen und Dein Schwert dem Vaterlands zu weihen. Gott würde Dich wieder annehmen, und Hadassah," fuhr Sarah fort, indem ihre Begeisterung sich bis zum Entzücken steigerte, „Hadassah, Deine Mutter, würde in ihrer Freude all ihren Kummer vergessen. In ihrer Glückseligkeit, ihren lange verlorenen Sohn bei Makka- bäus zu wissen, würde sie sich auch darüber freuen, daß ihre Sarah bei Gott ist." «Unmöglich, unmöglich!" rief Pollux, indem er von seinem Sitz, wie um fortzugehen, aufstand. Sarah bemerkte in dem Tone seiner Stimme einige Unent- schiedenheit. Sie warf sich zu seinen Füßen, umklammerte seine Kniee und bat mit leidenschaftlicher Inbrunst, denn sie sah, daß Seele und Leben ihres Vaters auf dem Spiele standen. „O, mein Vater, wenn Du Dich doch entschließen könntest, diesen schrecklichen Ort zu verlassen und zu Deinem Volke, Deiner Mutter, Deinem Gott zurückzukehren, dann wollte ich gern sterben. Wir würden uns in einer besseren Welt, alle für immer vereinigt, wiederfinden!" Dem Abtrünnigen war. als hörte er die Stimme seines Schutzengels, als erschiene ihm sein einst geliebtes Weib in menschlicher Gestalt, um ihm zu rathen, ihn zu warnen, zu bitten, ihm zu sagen, daß es noch Gnade für ihn gäbe, wenn er nur umkehre und Neue empfände. Ein schrecklicher Kampf tobte in seinem Innern. Er konnte sich nicht entschließen, einen so kühnen und plötzlichen Sprung zu thun, obwohl er sich des Elends und der Gefahr seiner gegenwärtigen Lage am Hofe wohl 2öS bewußt wär. Der elende Pollux zögerte, wie das von Wölfen getriebene Wild am Rande des Abgrundes zögert, sich hinabzustürzen, obgleich es ihm die einzige i Möglichkeit bietet, dem Nachen seiner Verfolger zu entfliehen. Er würde keinen Augenblick gezögert haben, hätte er gewußt, daß in derselben Zeit, als Sarah in Thränen zu seinen Füßen lag, Antiochus in Gegenwart deS Verleumders LystmachuS das Todesurtheil für Pollux unterzeichnete, dem am nächsten Morgen die Vollstreckung folgen sollte. Seinem Nebenbuhler war es endlich gelungen, seinen Sturz herbeizuführen. Die einzige Thür der Sicherheit, die dem Abtrünnigen noch offen stand, war die, durch welche sein Kind ihn ziehen wollte. Pollux ahnte nicht, wie bald jene Thür verschlossen werden würde. Unfähig, einen schnellen Entschluß zu fassen, auf allen Seiten Schwierigkeiten und Gefahren sehend, gleichviel ob er floh oder blieb, verschwendete er die kostbare Zeit, die ihm noch geblieben war und ließ sie vorübergehen. Endlich verließ er seine Tochter, um in der Einsamkeit seinem erregten Jnuern Ruhe zu verschaffen und einen Entschluß zu fassen. Pollux verließ Sarah, welche noch auf ihren Knieen lag und sich auch, als er sich von ihren Armen losriß, nicht erhob. Als die Tochter ihren Vater selbst nicht mehr bitten konnte, bat sie für ihren Vater. Sie flehte, daß ihm Weisheit und Gnade in diesem Höhepunkt der Gefahr gegeben werden möchte. Kein Schlaf kam in jener Nacht in Sarah'S Augen. (Fortsetzung folgt.) -s-iM*—- Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. (Fortsetzung.) Zur Bespannung des Pfluges nimmt «an ein Paar Ochsen, selten Kühe; in Judäa oft statt des zweiten Ochsen einen Esel. Diese Thiere paffen leidlich zusammen, da daS Rindvieh klein, der Esel aber ver- hältnitzmäßig groß und stark ist. Im Süden kann «an oft ein Kamel, in Galiläa auch ein Pferd davor sehen. (W?V 1886, S. 28). Anderlind nennt die Fellachen geschickte Pflüger und erwähnt 1'/, Kilometer lange Furchen bei Höms, welche fchnurgerade gezogen waren. Gedüngt werden die Felder selten. Der Mist wird getrocknet und mit Strohhäcksel vermengt, in dem Holzarmen Lande als Feuerungsmittel verwendet. Die Fellachen behaupten übrigens, bet dem heißen Klima verbrenne der Dünger die Pflanzen. Die deutschen Kolonisten in Haifa und Sarona düngen jedoch ihre Felder reichlich (z. 6. in Sarona das Hektar alle zwei Jahre mit 30—40 zweispännigen Pferdefuhren) und haben es bis jetzt noch nicht bereut. Der Samen wird 8—10 om. tief unter die Erde gebracht durch Einpflügen, um die Saat vor den Ameisen und vor dem Eintrocknen zu schützen; wir haben also Nachpflügen anstatt EggenS. Da die Fellachen, namentlich in Süd- und Mittel- palästina, das Unkraut wie die Steine einfach-umgehen, so verwildert die Saat ungemein, und daS Getreide würde durch daS Unkraut fast erstickt werden, wenn man nicht mehrmals jäten würde. DaS gejätete Unkraut bleibt einfach an Ort und Stelle liegen. Die Erntezeit ist verschieden; in den tiefer- liegenden Gegenden fällt die Weizenernte in den Mai, in den höherliegenden in die erste Hälfte des Juni, die Gerstenernte füllt oft schon in den April. (Bädeker 1,111.) Die Halme werden nicht mit der Sense, sondern mit der Sichel geschnitten, und zwar so, daß etwa kniehohe Stoppeln stehen bleiben. Der Schnitter kann also fast in aufrechter Stellung arbeiten. Die Sichel (manä- svdal) ist aus Stahl und hat eine gezähnte Schneide und am oberen Ende einen kleinen Haken, mit welchem die Halme zusammengerafft werden. DaS geschnittene Getreide wird entweder von Menschen oder auf Kamelen, Maulthieren, Eseln, selten auf Wagen nach der Dreschtenne geschafft. Zum Transport des Getreides bedient man sich eines aus Bast geflochtenen Netzes mit Holzhaken, daS sodduiL genannt wird. Dörfer und Städte besitzen einen oder mehrere öffentliche Dreschplätze, auf welchen jeder sich seinen Platz aussucht. Im Gebirge benutzt man eine große Felsenplatte, in der Ebene eine steinfreie, glatte Fläche mit festem Boden; künstliche Tennen gibt es nicht. Eine Bedachung ist unnöthig, da es um diese Zeit nicht mehr regnet. Das Stroh bildet während des Sommers und Herbstes wegen Mangels an Grnnfutter ein wichtiges Futtermittel für das Vieh; aber im Klima von Palästina verholzt und verhärtet es sich bald. Daher wenden die Fellachen ein Dreschverfahren an, bet welchem daS Stroh die geeignete Weichheit erlangt. Es gibt bei den Kolonisten und den Eingeborenen sechserlei Dreschweisen. Die eingeborenen Bauern verwenden jedoch nur folgende zwei: 1) Das Dreschen mittelst bloßen Thiertriebs, das Triften. Die Thiere, gewöhnlich Ochsen, werden über daS kniehoch aufgeschüttete Getreide getrieben. Es ist diese Art so ziemlich außer Gebrauch gekommen, da sie viel Zeit beansprucht. Ich habe eS nur ein paar Mal beobachtet. 2) DaS Dreschen mittelst Dreschschlitten. Dieser ist ein bloßes Brett, 5 Fuß lang, 3 Fuß breit, vorne aufgebogen, die Unterseite ist mit eisernen Nägeln oder scharfen Basalt- oder Feuersteinen, welche ,1'/z cm. über die Erdfläche des Brettes hervorragen, besetzt. Darauf steht ein Mann, der das angespannte Thier mit einem langen Stecken zu raschem Laufe antreibt und in Schlangenlinien über die dicht liegende Ernte hinfährt. Er steht frei auf dem schwanken Breitlein, wie ein Kunstreiter balancirend, und kommt nicht so leicht aus dem Gleichgewicht. Das Dreschbrett (naurLäsott) wird so oft über daS Getreide geführt, bis das Stroh ganz klein und zu Häckerling zerschnitten ist. Diesen zwei Dreschverfahren hängt der Uebelstand an, daß die Thiere, welchen auch heutzutage noch „daS Maul nicht verkörbt wird", durchschnittlich täglich 30 Liter Weizenkörner pro Ochse fressen. Ist das Dreschen (äarao) beendet, so tritt die Wurfschaufel oder besser gesagt die Wurfgabel in ihr Recht. Das Worfeln geschieht zuerst mittelst einer zwei-, später, wenn nur mehr Spreu und Körner da sind, mit einer fünfzinkigen Eichengabel, indem man Spreu und Körner auf offener Tenne gegen den Wind in die Höhe wirft; dabei treibt der Wind die Spreu seitwärts. Ist daS Worfeln mit der seda üb- und der wiära-Gabel zu Ende, so werde» die Körner noch durch Sieben gereinigt. ES gibt zweierlei Siebe, welche aiis Riemen ber- gestellt werden, das IrirkLI mit größere» 1'/, em. Maschen« wette und das rirdLl mit kleineren Augen, welch letzteres nur die Wohlhabenderen benützen. Diese Riemensiebe bestehen nach Wetzstein aus einem Geflecht von schmalen Streifen, die aus der Haut eines geschlachteten oder gefallenen Kamels geschnitten und noch ungegerbt mit dem hölzernen Nandreifen und unter sich verknüpft werden. Beim Trocknen nehmen sie die Natur der Darmfellen an und ziehen sich zusammen, wobei sich die Maschen des Netzes unlöslich verbinden, so daß die Weite der Augen unverändert dieselbe bleibt. Als Kuriosum sei erwähnt, daß diese Siebe meist von einem Wandervölkchen gefertigt werden, welches Wandervölkchen einen nordindischen Dialekt spricht, den mau seiner Weichheit wegen UsLn sl Sperlingssprache, nennt. Man rechnet dieses Völkchen wohl mit Recht zu den uunrvar, zu den Zigeunern. (2I)kV 1891, S. 1.) Das ^iriM mit den weiten Augen dient zum erstmaligen Durchsieben deS geworfelten Getreides, um größere Steiuchen, Erdklümpchen, unvollkommen zerriebene Aehreu, längeres Stroh u. s. w. auszuscheiden, was beim Worfeln mit der Worfgabel zu schwer war, als daß eS vom Winde bis zum Häckselhaufen getragen werden konnte, und daher auf den Körnerhaufen niedergefallen war. Dies alles bleibt beim Sieben in dem IrirdLI und wird auf die zum Dreschen ausgebreitete Halmschicht zurückgeworfen, um noch einmal unter den Dreschschlitten zu kommen. Die durch das Lirdäl-Sieb auf den Boden gefallenen Körner werden nun durch das enge Sieb, rirIM, gereinigt. Dieses Sieb ist so enge, daß es nur Staub, Erde, Spreu, flache oder beim Dreschen zerrissene Körner, aber keine guten, normalen durchläßt; diese bleiben in ihm zurück. Somit hätten wir den Fellachen von der Aussaat bis zur Tenne und zum Kornhaus begleitet und sind bei der Mühle angelangt. Einige Angaben über das Eruteerträgniß in Palästina dürften nicht uninteressant sein. Dr. Auderlind hat sich die Mühe genommen, durch Befragen mehrerer Sachverständiger nachfolgendes statistisches Material zu sammeln; er hat dasselbe in W1?V 1886, S. 48 u. ff. veröffentlicht. In den Gebirgsgegenden Zudäas, wo eS nur eine dünne, oft blos schuhhohe Ackerkrume gibt und wo der Boden daher bald austrocknet, rechnet man alle 4 Jahre eine volle und drei geringe respective schlechte Ernten. Judäa ergibt im Durchschnitt mehrerer Jahre an den Bergen, wo die Ackerkrume oft nur schuhtief liegt und nicht gedüngt wird: Weizen das 2fache") » Gerste „ Zfache lKorn. Speise- u. Kamellinse das 2Zfache s In den Thälern von Hebron, wo man düngt und wo die eingeborenen Fellachen den Ackerbau rationeller treiben als ihre übrigen arabischen Collegen: Weizen das 4fache » Gerste „ Sfache > Korn. Speise-».Kamellinsedas4- u. Sfache' Die deutschen Kolonisten zu Sarona bei Jafa ernteten 1883 auf ihren nahe dem Meer gelegenen, aus mehr oder weniger humusreichem Dünensand bestehenden Fel- ") Hier sei erinnert, daß in Deutschland die Winterfrucht Weizen höchstens das 11—12fache, Gerste auf vorzüglichem Boden das 26—ZOfache Korn ergibt. (Schegg S. 136.) dem bei guter Düngung (pro Hektar alle 2 Jahre 30 bis 40 zweispännige Fuhren Stallmist) und bet nur ziemlich guter Ernte auf dem Hektar: Weizen 20 Centner (1 Ctr. — 60 Kgm.) Körners 45 „ Stroh. Gerste 24 „ Körner. 46 „ Stroh. Kartoffeln 180 Centner. Es ertragt Weizen höchstens das 30fache „ wenigstens das 4—6fache » durchschnittl. das 8fache Gerste höchstens das SOfache „ durchschnittl. das löfache In der deutschen Kolonie in Haifa Karmel auf Kreidekalkboden trägt Weizen durchschnittlich das 7fache Gerste „ „ lOfache Auf der großen Ebene ESdrelon, wo wirds: Weizen höchstens lOfaches „ mindestens Ifaches „ durchschnittlich 7—8 faches Gerste höchstens lOfaches „ mindest. Ifaches (d. Aussaat) ^ Korn. „ durchschn. kaum das 6fache f Nach einer Mittheilung der Zeitung „Warte deS Tempels" Jahrgang 1884, Nr. 12 sollen im Hauran, wo der aus Lavaverwitterung entstandene Boden seit Menschengedeuken nicht gedüngt wurde, die Weizenfelder 60-, 80-, ja lOOfältige Frucht tragen. Hier möge eine Correspondenz aus Sarona, welche die „Warte des Tempels" Jahrg. 1830, Nr. 33 enthält, mitgetheilt werden, da sie die Kolonialverhältniffe des oft genannten Sarona kurz zusammenfaßt: „Die deutsche Kolonie in Sarona bebaute 1880 800 Württembergische Morgen (L ca. '/z Hektar), davon sind ungefähr 200 Morgen Weinberge und Gartenland. Ein Morgen liefert durchschnittlich 6—12 Centner guten Weizen oder 10 Centner Gerste. Die Hälfte deS Ackerlandes wird mit diesen Getreidearten, die andere mit Sesam, Welschkorn, Mais (Durrah), Kartoffeln und Melonen bebaut. Die Kartoffeln wurden am 16. März bestellt und waren am 16. Mai reif; 1 Morgen lieferte ca. 24 Centner. Ein Notl — 6 Pfund konnte ä 45 Pf. verkauft werden. Bei 40 Morgen Landbesitz hat eine Familie ihr gutes Auskommen. Ein Morgen gutes Land gilt 10—12 Napoleon (—200—240 Franken), geringeres 3—6 Napoleon (60—120 Franken)." Dieser Correspondenz, welche Socin in Wl?V 1881, S. 133—34 mittheilt, fügt der Referent bei: „Während die deutsche Kolonie bei Jafa und eine in der Nähe am ^Audscheflusse gegründete jüdische Niederlassung relativ blühen, kommen von der deutschen Colonie bei Haifa Berichte über schwere Geldverlegenheiten." (Fortsetzung folgt.) -'^ss-v-rs-- Goldkörner. Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die uusrige nicht achten. Goethe. Das Gewissen hat immer recht, denn es spricht nur. wenn eS recht hat. Naupach. ^Korn. ^ Korn. am Fuße des ^ Korn. nicht gedüngt ) Korn. Atlevtei. Einige kleine Geschichten aus dem Leben König Ludwigs I. von Bayern finden wir in dem kürzlich veröffentlichten Buche „Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der bayerischen Könige Max Josef I., Ludwig I. und Max II. (von Dr. Hans Reidelbach, München, Verlag von M. Kellerei). — „Wie geht es?" fragte König Ludwig, als er bei einem Besuche, den er bei seinem Sohne, dem König Otto von Griechenland, machte, in Athen einem traurig dreinsehenden dicken Feldwebel begegnete, der mit den bayerischen Truppen nach Griechenland gekommen war. „Schlecht, Euer Majestät", erwiderte mit grämlicher Miene der Feldwebel. „O, wenn i doch nur a oanzig's Mal wieder in Münch'n wär'. Dort ist doch a ganz anders Leben, als in diesem verfluchten Griechenland! da. Schauen'S, Majestät, hier bringt mi der Durscht noch ums Lcb'n. Koan Tropfen Bier, höchstens a süßer Wein, auf den man sich speien möcht', und der oan Durscht macht, daß man erlechzen kunnt. Wie ganz änderst ist do das Leben in Münch'n. Schauen'S, Majestät, do hat ma' dös ganze Jahr durch a guats und a billtg's Bier zum Durschtlösch'n. Im Frühjahr, um Joscphi rum, da giebt's döS Salvaterbier, alle Tag a paar Maßl, döS dringt tnS Blut und giebt a Kraft. Nachher im Mai, da kommt glei' daS Bockbier, da braucht man die Bockkur, alle Tag vier Seidel, aber nur in der Früh', ja net auf die Nacht, denn da thut's a das gewöhnliche Bier. Und zu dem Bier an Brunnkreßsalat, daS ist was G'sund's für die Brust. Natürli den Salat net alloani, sonst wär' er zu stark, a Stück Nierenbratl und a paar delikate Würscht müssen allemal dabei sein. Und nachher kommt die Nadizeit. I sag' Euer Majestät, nichts Besseres für den Magen giebt's gar net, als an guten Nadi und a paar Maßl Bier dazu im nüchternen Magen, das vertreibt die Verschleimung. Na, und daS übrige Jahr hindurch da geht man halt fleißi ins Hofbräuhaus, dös ist die beste Apothek' der Welt, da bleibt ma g'sund und fröhlt. O, Herr König, thun S' ma den oanzigen G'fallen und sorgen S', deß i sobald wie möglich aus dem vermaledeiten Griechenland! hinaus nach Münch'n komm', hier geh i an Durscht z' Grund." Der König sagte seine Verwendung zu, und bald darauf wurde des Feldwebels Herzenswunsch erfüllt und er wieder in die Heimath nach München befördert. — König Ludwig, der viel im Lande umherreiste und sich auch in München viel auf den Straßen bewegte, glaubte, wie Reidelbach schreibt, daß ihn fast alle Leute kennen sollten; doch das war nicht immer der Fall. Einmal ging er in gewohntem einfachem Anzüge an der Türkenkaserne vorüber, und als der Posten weder salutirte, noch die Wache herausrief, redete ihn der König etwas ungehalten an: „Warum rufst Du denn nicht heraus?" — „Vor wem denn?" fragte der Soldat, sich nach allen Seiten umsehend. „Ich glaube gar, Du kennst nicht einmal Deinen Brodherrn I" fuhr der König fort. „So, so", sagte der Posten, „Sie sind der Bäcker vom Türkengraben, der uns immer so schlechtes Brod schickt? Vor dem sollt' ich rausrufen? Das könnt' mir einfallen." Der König lachte herzlich und ging seines Weges vergnügt weiter. -Sk- Das Verschieben ganzer Wohnhäuser ist in den Vereinigten Staaten nichts Seltenes mehr. Die größte Kraftleistung dieser Art soll demnächst in Chicago zur Ausführung kommen, indem man die Jmanuel- 260 — Baptistenkirche um ca. 15 m weiter zu schieben und um fast 2 m zu heben beabsichtigt. Diese Kirche ist ein massiver Steinbau von unregelmäßiger Gestalt mit mächtigen Pfeilern, einem 70 in hohen Thurm von 56 Hw, Grundfläche und einer Frontlänge von 30'/z m. Die Verlegung der Kirche geschieht auf Kosten des Besitzers des daneben liegenden Hotels Metropole, welcher für diesen Zweck 300,000 M. bewilligt hat, bloß um seinem Hotel besseres Licht zu verschaffen. Die Verlegung soll, nach einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Nich. Lüders in Görlitz, nicht länger als drei Monate dauern, und ist mit der Ausführung des Planes der Architekt Harvey Sheeler in Chicago betraut, der daS ganze Bauwerk mittels 1600 Schrauben auf Stahlschienen heben und dann an seinen Bestimmungsort bewegen will. * Eine Stilblüthe von ganz besonderer Schönheit fand sich vor einiger Zeit in einem Leitartikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung": „DaS Ergebniß dieser durch schnödesten Mißbrauch der Abstraktion geschaffenen Anthithese kann kein anderes sein als eine Steigerung der aus der Realdialektik der Geschichte niemals zu climinirenden sozialen Gegensätze zu ganz und gar unversöhnlicher, tödtlicher Feindschaft." --SÄLN-S-- Abschied au den Wald. Ich kann nicht mehr gesunden In dir, du kühler Wald, In frohen, trüben Stunden Mein liebster Aufenthalt. Muß ziehen in die Ferne, Mich treibt ein irrer Sinn, Dort wähn' ich schön're Sterne Dort Freunde und Gewinn. Ich will dort Ruhe suchen, Wech nicht, ob ich sie find', Ob dort wie deine Buchen So gut mir Menschen sind. Doch nicht im größten Glucke Sollst du vergessen fein, Kehr' nimmer ich zurücke, Gedenk' bisweilen mein! Schillenaner. Schachaufgabe. Schwarz. « M 5 .L Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt.