AnteMltimg M „Augsburger Pojtzeitung". M 35. Vinslag, den 28. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des iüterarischen Instituts von HaaS L Grabdcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttlcr). IV" Durch ein bedauerliches Uebersehen trägt das am vergangenen Freitag erschienene Unterhaltungsblatt die Nr. 33, während es richtig Nr. 34 tragen sollte, was wir unsere verehrt. Leser zu beachten bitten. Judas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 24. Kapitel. Die Entscheidung. Das- Gemüth des elenden Pollux glich, rückwärts und vorwärts auf dem wilden Meere der Zweifel getrieben, einem Schiff ohne Ballast, Kompaß oder Ruder. Der Höfling schritt auf einer Veranda auf und nieder, auf welcher ein kühler Wind ihn fächelte und wo er vor Störung sicher war. Ohne es zu wissen, gab er durch äußere Gebärden der inneren Qual, die er empfand, Ausdruck. Sollte er es aufgeben, alles das, wofür er seine Seele hingegeben? Rang, Stand, Reichthum? Das Leben wieder anfangen auf der niedrigsten Stufe der Leiter mit dem Brandmal der Schande? Konnte er ertragen, vor Makkabäus zu erscheinen, um von ihm das Amt eines Holzhauers oder Wasserträgers zu erbitten? Sollte er Stolz, Macht, Pomp und Reichthum für Arbeit, Mangel, Armuth und Gefahr eintauschen? Pollux fühlte, daß sein Stolz solche Erniedrigung nicht ertragen würde. Der Sprung, den er nehmen mußte, war von einer solchen Höhe und in einen so tiefen Abgrund, daß es ihm war, als müsse er bei dem Fall in Stücke brechen. Aber welche Wahl blieb ihm, wenn er den gefürchteten Sprung nicht that? Wenn Sarah festhielt an dem Glauben, mußte sie sterben. Konnte der Vater es ertragen, Zeuge bei dem Martyrerthum - seines schönen Kindes zu sein? Und war nicht sein eigenes Leben in Gefahr? War nicht schleunige Flucht vom Hofe der einzige Weg der Sicherheit für Vater und Tochter? War sie nicht das einzige Mittel, einen Abtrünnigen vor der Verwünschung seiner Landsleuie, dem Fluch seiner Mutter und dem Zorn des Höchsten zu retten? D».^ Gewissen wollte sich nicht länger beschwichtigen lasset Sarah hatte den Schläfer erweckt. Pollux war sich neben dem Glauben und der Reinheit seines Kindes wie ein Dämon vorgekommen. Und Sarah hatte nicht nur das Gewissen, sondern auch die Hoffnung erweckt. Sarah hatte von der Möglichkeit gesprochen, daß er Hadassah noch Freude bereiten könne, der Hochherzigen, die er trotz seines sündhaften Lebens nicht aufgehört hatte, zu verehren und zu lieben. Jahre lang hatte Pollux versucht, alle Erinnerung an seine Mutter aus dem Gedächtniß zu vertilgen; jetzt stand ihr Bildniß lebhaft vor ihm, aber nicht voll Zorn, sondern mit ausgebreiteten Armen, um ihren verlorenen Sohn zurückzuempfangen. Während Pollux überlegte und Sarah betete, saßen Lystmachus und seine Gefährten in der Stadt zechend beim fröhlichen Gelage. Der Sturz und der bevorstehende Tod seines Nebenbuhlers gaben den rauschenden Lustbarkeiten des verschwenderischen Syrers einen ungewohnten Beigeschmack. „Ein Glas auf die Gesundheit unseres herrlichen Freundes Pollux!" rief Lystmachus, indem er einen ungeheuer großen Becher Wein erhob. „Er tritt morgen eine lange Reise an; dies Glas auf eine schnelle Ueber- fahrt über den Styx und fröhliches Willkommen am Schattenhofe des Königs Pluto!" Und die Zuhörer schämten sich nicht, über diesen Scherz zu lachen, obgleich sie sehr vertrauten Umgang mit Pollux gepflogen, ihm geschmeichelt und ihn umschwärmt hatten, als er sich noch in königlicher Gunst sonnte. Einer der Gäste berechnete, wie er in den Besitz einiger Edelsteine kommen sollte, die er in dem Gürtel des Pollux hatte funkeln sehen, dem er einst unveränderliche Freundschaft geschworen hatte. Ein Anderer bestimmte das arabische Roß des gestürzten Höflings zu seinem Antheil am Raube. Es war nicht Einer unter diesen Schmeichlern, die in jenem nächtlichen Gelage zusammenkamen, der ein Wort der Warnung oder einen Gedanken des Mitleides für ihn, der von allen Edlen am prächtigen Hofe des Antiochus am meisten bewundert, umschmeichelt und beneidet gewesen war, gehabt hätte. Die Sterne erblaßten, die Nacht schwand dahin, die Thür der Sicherheit schloß sich leise, unmerkiich — bald, bald war es zu einer Entscheidung für Pollux zu spät. Liegt erst einmal der Weg der Pflicht klar vor unsern Augen, so bringt jede Minute der Verzögerung Gefahr; während wir zaudern, schleicht der Feind heran. Während wir zweifeln, können wir uns sch m unter seinen Klauen befinden. „Sarah soll für mich entscheiden!" rief der un- 262 glückliche Zauderer zuletzt. „Finde ich ihren Entschluß > unerschütterlich, so werde ich, es mag kommen, was da wolle, ihr einen Weg bahnen, auf welchem sie dem schrecklichen Schicksal, von dem sie bedroht ist, entrinnen kann!" In wenigen Minuten trat Pollux, blaß und erregt durch die in ihm widerstreitenden Gefühle, von neuem in das Gemach, in welchem er Sarah verlassen hatte. „Sarah!" rief er mit hohler Stimme, indem er das Mädchen bei der Hand ergriff und ihr mit einem verzweifelten Blick in das Gesicht starrte. „Ich komme, um Dich zu fragen, welches Deine letzte Entscheidung ist. Bist Du noch unsinnig genug, Marter und Tod zu wählen?" Sarah blickte ihrem Vater voll in das Gesicht, sie war blaß, aber sie schwankte nicht. In ruhigem, entschiedenem Tone sagte sie: „Ich werde niemals meinen Glauben verleugnen." „Dann ist der Würfel gefallen!" rief Pollux, fast erleichtert, da er sich nun von der Last der Unent- schiedenheit befreit sah. „Wir leben oder wir sterben zusammen — wir wollen noch vor Tagesanbruch fliehen!" Es blieb nur wenig Zeit zu Worten, auch für Sarah, um die dankbare Freude auszudrücken, welche ihr Herz erfüllte. Sie rettete ihren Vater von Schande und Schuld, sie gab ihn seinem Vaterlande zurück. „Lege diese Kleidung einer syrischen Sklavin an," sagte Pollux. „Nimm jenen leeren Wasserkrug, es muß den Anschein haben, als ob Du ihn am Brunnen füllen wolltest. Wir können nicht zusammenbleiben, das würde Verdacht erregen. Wir werden an Wachen vorbeikommen und möglicherweise auch an anderen Menschen, obgleich zu dieser frühen Stunde selbst die Sklaven noch kaum ihre Morgenarbeiten begonnen haben werden." „Wie werde ich meinen Weg finden, Vater?" fragte Sarah, „dieser weite Palast ist ein Labyrinth für mich." „Du darfst mich niemals ganz aus den Augen verlieren," antwortete Pollux, „Du mußt mir in ge? nügender Entfernung folgen, doch darf niemand merken, daß Deine Bewegung durch die meinigen geleitet werden. Aber dieser Plan ist nicht durchzuführen," fuhr er fort, indem er die Hand an die Stirn preßte. — „Ich würde Dich ja nicht im Auge haben, und solltest Du angerufen werden, würde ich nicht im Stande sein, Dir zu Hilfe zu eilen. Du, mein Kind, mußt zuerst gehen." „O, mein Vater, meine Gegenwart vergrößert Deine Gefahr!" rief Sarah. „Laß mich hier, ich flehe Dich an, fliehe allein, niemand wird Dich anrufen!" Pollux beschwichtigte diese Bedenken seiner Tochter durch eine ungeduldige Handbewegung. „Folge meinen Anordnungen," sagte er, „wir haben schon zu viel Zeit vergeudet. Du folgst mir durch den ersten Hof, dann gehst Du mir voran. Halte Dich zur Rechten, bis Du an der ersten Schildwache vorbei kommst. Dann wirst Du Dich in einem Garten befinden, in dessen Mitte ein Brunnen ist. Fülle Deinen Krug oder thue, als ob Du ihn füllen wolltest, dann wird der lange, dunkle Gang, welchen Du zur Linken siehst, zu einem Gitter- pförtchen des Palastes führen; dort wird nochmals eine Schildwache stehen." „Wie soll ich an dieser vorüberkommen?" fragte Sarah, welche die Schwierigkeiten und Gefahren des Unternehmens begriff. „Ich weiß es nicht, aber der Gott, dem Du dienst, wird Dir helfen, mein braves, unschuldiges Kind. Ich werde Dir in nicht zu großer Entfernung folgen, jeder Krieger oder Sklave kennt mich — rufe mich, und ich eile Dir zu Hilfe." „Vater, gib mir Deinen Segen," stammelte Sarah. „Meinen Segen?" rief Pollux zurückfahrend. „Bittet irgend jemand einen Schurken um seinen Segen, von dessen Lippen er wie ein Fluch klingen würde?" „O sage das nicht," rief Sarah. „Du thust jetzt, was großmüthig, edel und gerecht ist. Du ziehst jetzt gleiches Loos mit dem Volke Gottes, wie Lot wendest Du Sodom den Rücken." „Und Du bist der Engel, der mich fortführet!" rief Pollux. „O heiliges, heiliges Kind einer heiligen Mutter, Du bist die Erste gewesen, die einen Strahl von Hoffnung in die Finsterniß der Schuld und Verzweiflung geworfen hat. Wenn ich jemals wieder bei Gott Gnade finde, wenn ich jemals wieder in das Angesicht meiner Mutter blicken darf, wenn ich jemals dem Schicksal des Abtrünnigen entrinne, so schulde ich es Dir; welches auch das Ende unseres gefährlichen Vorhabens heute Nacht sein werde, erinnere Dich, daß ich Dir danke, Dich segne — und Du sollst gesegnet sein, meine Tochter!" Pollux legte seine beiden zitternden Hände auf das Haupt seines knieenden Kindes und stammelte das erste Gebet zum wahren Gott, welches zu beten der Abtrünnige seit vielen Jahren nicht gewagt hatte. 2 5. Kapitel. Ein Rückblick. Hadassah hatte während dieser Zeit rechte Herzensmarter ausgestanden. Als Sarah unter dem Schutze Abischai's ihre Heimath verließ, um der Feier des heiligen Festes beizuwohnen, sandte Hadassah, da der schwache, kranke Körper zurückbleiben mußte, ihre Seele mit. Im Geiste wohnte sie dem Feste bei, in Gedanken nahm sie am Opfer theil und stimmte in die Lobgesänge ein. Ihr Geist wanderte in die alten Zeiten ihrer Väter zurück, wo die Kinder Israels mit gegürteten Lenden, den Stab in der Hand, ihr erstes Passahmahl vor dem Auszuge aus Aegypten gehalten hatten. „Ist dies nicht noch das verheißene Land?" dachte Hadassah, „obgleich diejenigen, die es jetzt inne haben, wie die Kananiter der alten Zeiten sind, obgleich auf dem Berge Zion unheiliger Gottesdienst gehalten wird und auf den Mauern von Jerusalem Götzenbilder aufgestellt sind? Ja, es bleibt das verheißene Land, bis jede Weissagung erfüllt ist, bis der König „niedrig und auf einem Esel reitend" einzieht, bis — o dunkles Wort — die dreißig Silberlinge dargewogen werden für den Herrn und dem Töpfer hingeworfen, bis er Frieden lehren wird unter den Heiden und seine Herrschaft sein wird von einem Meer bis an's andere und vom Wasser bis an der Welt Ende. Der Glaube sieht mit Dankbarkeit auf die erfüllten Verheißungen zurück und auf die noch unerfüllten mit Hoffnung. Die herrlichsten Tage werden noch für Zion kommen. Der 263 Herr krönte es in alten Zeiten mit Ruhm, aber in den Tagen, welche noch darüber aufgehen sollen, wird der Herr eine liebliche Krone sein und ein herrlicher Kranz den übrigen seines Volkes." In so tiefe Betrachtungen versenkt und voll von Hoffnungen, die die Siege des Makkabäus in der Seele Hadaffah's erregt hatten, welche ihr erschienen wie Vorbilder und Pfänder kommender Siege, wurde der greisen Frau die Zeit bis zu der Stunde, in welcher sie Sarah zurück erwarten konnte, nicht lang. Selbst als die Rückkehr sich verzögerte, wurde sie zuerst noch nicht ernstlich beunruhigt. Irgend welche Umstände konnten es dem Mädchen gerathen erscheinen lassen, im Hause Salathiel's zurückzubleiben. Sie konnte möglicherweise gezwungen sein, die Nacht über in Jerusalem zu verweilen, da nicht selten Syrer in den Hügeln lauerten. Hadaffah hatte so oft mit und ohne ihre Enkelin den Versammlungen im Hause des Aeltesten beigewohnt, daß ihr schon aus Gewohnheit die Feier weniger gefahrbringend erschien, als sie es in Wirklichkeit war. Die Mitternacht brach an, und Hadaffah's Herz wurde ungeachtet ihres Glaubens und Muthes von großer Unruhe befallen. Sie ließ Hannah sich niederlegen, während sie selbst trotz ihres Unwohlseins bet der Thür Wache hielt. Plötzlich hörte sie das Nahen leichter, eiliger Fußtritte. Hadaffah ahnte Gefahr und öffnete die Thür, ohne zu forschen, wer da käme, und ob die Schritte bei ihrer Thür anhalten würben. Das Licht, welches die Wittwe in der Hand hielt, fiel auf ein vor Furcht geisterbleiches Antlitz. Sie erblickte das Gesicht Salathiel's und wußte, bevor er ein Wort hervorgebracht, daß er der Ueberbringer einer Unglücksnachricht war. „Der Feind kam — wir flohen über die Dächer — Abischai ist erschlagen — Sarah in den Händen der Syrer!" Wie ein Todesurtheil tönte diese schreckliche Kunde in das Ohr der Hadaffah. Salathiel konnte nicht bleiben, um mehr zu erzählen; er mußte seine Familie einholen, um mit ihr zu fliehen. Dann verschwand er wieder in der Finsterniß, beinahe so schnell, wie der Blitz verschwindet, aber gleich diesem ein Zeichen an dem Baume, den er getroffen, zurücklassend. Hadaffah schrie nicht, noch sank sie hin oder fiel in Ohnmacht, aber sie war wie von einem Todesstoß getroffen. Sie stand da und wiederholte sich immer von neuem den letzten Theil der wenigen, aber fürchterlichen Worte, als ob sie zu schrecklich seien, um wahr zu sein. Wäre Sarah aus irgend einer natürlichen Ursache von ihr genommen worden, würde die Hebräerin, wie Hiob, ihr Haupt gebeugt und den Namen des Herrn in trauernder Unterwerfung gesegnet haben; aber der Gedanke, ihren Liebling in den Händen der Syrer zu wissen, verursachte der alten Frau einen Schmerz, der mehr dem des Jakob glich, als er bet dem Anblick der blutbefleckten Kleider seines Sohnes sich nicht trösten wollte. Hadaffah liebte das junge Mädchen mit einer Innigkeit und Stärke, wie dessen nur eine solche Natur wie die ihrige fähig war. Sarah war alles, was der Großmutter auf dieser Welt geblieben, das einzige von allen Schätzen, die sie einst besessen. Es möge hier als eine kleine Abschweifung gestaltet sein, einen kurzen Bericht von Hadaffah's früherem Leben zu geben, damit der Leser ihre Lage in dem Zeitpunkt, bei welchem meine Geschichte angelangt ist, besser verstehen kann. Wohl wenige Frauen erfreuten sich eines glänzenderen Looses als Hadaffah. Schön, begabt und beliebt, ein zufriedenes Weib, eine glückliche Mutter, lebte sie nahe bei Bethsura in Jdumea im besten Wohlstände, durch welchen sie vielen ihrer Umgebung eine große Wohlthäterin war. Hadaffah hatte in ihrer Jugend einen ehrgeizigen und stolzen Sinn und eine Liebe zum Herrschen, welche in gewissem Grade die Schönheit ihres wirklich edlen Charakters verdunkelte. Bald jedoch kam viel Trübsal, um ihren stolzen Sinn zu erweichen und ihren Geist zu demüthigen. Hadaffah wurde früh Wittwe, und der Kummer lastete schwer auf der Verlassenen, die tief und leidenschaftlich geliebt hatte. Zwei Kinder blieben ihr jedoch zum Trost, ein Sohn und eine Tochter, und diese, besonders den Sohn, liebte Hadaffah nur zu sehr. Abner wurde von seiner Mutter beinahe abgöttisch geliebt. Wenn sie noch Ehrgeiz besaß, so war es des Sohnes wegen. Er war ihr Stolz, ihre Freude und der Gegenstand ihrer kühnsten Hoffnungen. Abner's Fehler erschienen in Hadaffah's Augen wie Tugenden. So flogen Jahre ungestörten Beisammenseins dahin. Mirjam, die einzige Tochter der Hadaffah, wurde mit Abischai vermählt; Abner mit einem schönen Mädchen vereint, die Hadaffah wie eine wirkliche Tochter liebte und umfing. Die hebräische Wittwe verlebte noch einmal glückliche Tage mit ihren Kindern, das Leben war ihr noch süß. Dann kam Schlag auf Schlag in schrecklicher Reihenfolge, von denen jeder in dem Herzen der Wittwe eine tiefe Wunde zurückließ. Die beiden jungen Weiber wurden in ihrer Jugendblüthe dahingerafft — kurz nacheinander — Mirjam starb kinderlos, Noemi ließ eine kleine Tochter zurück. Aber der schwerste Schlag sollte noch kommen. Als Selcukus, König von Pergamus, unter Mitwirkung der Römer Antiochus auf den Thron von Syrien gesetzt hatte, zeigte sich bald, daß dieser neue Monarch ein heftiger Gegner des Glaubens seiner Unterthanen in Judäa war. Omias, ihr ehrwürdiger Hohepriester, wurde abgesetzt und der Verräther Jason erhoben, ein Amt zu verwalten, welches er beschimpfte. Ein Gymnasium wurde in Jerusalem erbaut, der mosaische Gottesdienst abgeschafft. Durch Lehre und Beispiel suchte Jason, der unwürdige Nachfolger Aaron's, den Unterschied zwischen Juden und Heiden zu verwischen und alles in eine Uebereinstimmung von Weiblichkeit und Irreligiosität zu bringen. — Nach den Worten des Geschichtsschreibers Dr. Nitto: Das Beispiel einer Person von so hervorragender Stellung riß viele mit sich fort und gab den schlaffen Grundsätzen vollen Spielraum, namentlich unter den jüngeren Leuten, welche der Strenge und Einschränkung der jüdischen Sitten überdrüssig, entzückt waren von der Freiheit und Ungebundenheit der griechischen. Die Andachtsübungen wirkten wie Bezauberung auf die Gemüther. Solchen Versuchungen war auch Abner nicht gewachsen. Seine Religion war ihm nie Herzenssache gewesen, seine Vaterlandsliebe kalt; er war nur darauf stolz, ein Weltbürger zu sein. Unglücklicherweise war Abner, nach dem Tode seines Weibes des Aufenthaltes in Bethsura überdrüssig, nach Jerusalem gegangen, um sein Gemüth von den schmerzlichen Erinnerungen zu befreien. Dort lernte er Jason kennen und stürzte sich unter dessen Einfluß in eine Fluth von Vergnügungen, wodurch es ihm nur zu gut gelang, sein Herz vom Kummer abzuziehen. Bald gesellte auch der Ehrgeiz seine mächtige Lockspeise zu der -- 1 264 des Vergnügens. Abner erschien vor dem neuen König bald nach dessen Thronbesteigung und gewann bald die Gunst des Monarchen. Es war nur noch der hebräische Glaube zwischen ihm und den höchsten Auszeichnungen, die ein Freund des Königs erreichen konnte. Abner gab der glänzenden Versuchung nach, trennte sich von seiner Religion, die er ja nur dem Namen nach besessen hatte, vertauschte seinen Namen mit dem des Pollux, verließ seine früheren Freunde und Beziehungen und ließ sich am syrischen Hofe nieder, der damals gewöhnlich zu Antiochia residirte. Abner, oder, wie wir ihn genannt haben, Pollux, wagte nicht mehr, seiner Mutter vor Augen zu treten, nachdem er allem, was sie gelehrt, heilig zu halten, den Rücken gewandt hatte. Der Abtrünnige kam nicht wieder nach Bethsura, er hielt sich fern von dem Ort, wo er seine unschuldige Kindheit verlebt hatte, und wo die irdischen Ueberreste seines jungen Weibes schliefen. Abner schrieb an Hadassah, um ihr mitzutheilen, in wie weit seine Absichten sich geändert hätten, empfahl seine kleine Tochter ihrer Obhut und bat sie zu vergessen, daß sie jemals einem Sohne das Leben geschenkt. Hadassah lag, nachdem sie diese Epistel empfangen, wochenlang auf dem Tode und war nahe daran, den Verstand zu verlieren, doch genas sie endlich, aber völlig verändert und gebrochenen Herzens. Sobald die Wittwe im Stande war zu reisen, verließ sie Bethsura für immer. Der Anblick alles dessen, was sie an frühere glückliche Tage erinnerte, verursachte ihr zu tiefes Weh. Sie würde es nicht ertragen haben, jemandem zu begegnen, der mit ihr von ihrem Sohne gesprochen hätte. Hadassah's erstes Ziel war nun, ihren Sohn aufzusuchen und ihn mit aller Ueberredungskunst, deren eine Mutter fähig ist, von einem Wege, der in ewiger Verdammniß endigen muß, zurückzubringen. Doch war Abner weder in Jerusalem, noch in einer der umliegenden Ortschaften zu finden. Er hielt seinen neuen Namen sorgfältig vor seiner Mutter verborgen. Der Hebräer hatte sich in einen Syrer verwandelt; Abner war todt für seine Familie — sein Vaterland — und für Hadassah ein Fremder. Es dauerte lange, bevor Hadassah ihre Forschungen nach Abner aufgab, aber niemals hörte weder ihre Liebe noch ihre Hoffnung für ihren Sohn auf. Die Liebe war, wie die Ader im Marmor, ein Theil ihrer selbst, der durch nichts ausgelöscht werden konnte. Kaum gab es für Hadassah noch eine Stunde des Wachens, in welcher sie nicht für ihren Wanderer betete, und auch in ihren Träumen war er ihrem Herzen oft nahe. Durch diesen Kummer, welchen sie schweigend ertrug, wurde ihr Charakter erhoben und geläutert. Die Schlacken des Ehrgeizes und Stolzes wurden in dem Ofen der Trübsal hinweggebrannt, die oft heftige, ungestüme Frau in eine Heilige verwandelt. Ein Schriftsteller hatte einst gesagt: „Alles, was uns in diesem Leben Wichtiges begegnet, was uns großen Kummer verursacht, dessen Nutzen wir in diesem Leben oft nicht einsehen können, hat dennoch einen bestimmten Zweck es mag wie ein unfruchtbarer Kummer erscheinen in der Geschichte eines Lebens — in der Geschichte einer Seele kann eS sich als eine Freude ausweisen." Hadassah's tiefe, unendliche Liebe für ihren Sohn ließ sie auch das Kind, welches er ihrer Obhut übergeben hatte, mit zärtlicher Sorgfalt umfassen. Sie liebte Sarah um feinet- und ihretwillen. Sarah war die Blume, vie ihr in der Wüste noch geblieben, über welche der Samum gefegt. Ihr Lächeln erschien der beraubten Mutter wie ein Schimmer von Hoffnung. Hadassah konnte und wollte, als sie die Tugenden Sarah's erkannte, nicht glauben, daß der Vater eines solchen Kindes verloren gehen könne. Gott würde endlich die Gebete einer Mutter erhören und Abner von dem Schicksal eines Abtrünnigen erretten. Alles, was Hadassah für sich von Gott erflehte, war, daß sie ihren Sohn noch einmal auf dem Wege der Pflicht wiedersehen möchte, dann wollte sie ruhig sterben. Die Liebe zu Abner, welche noch in dem Herzen der Wittwe lebte, war wie das Feuer, welches ungesehen in der Erde glüht, und welches nur an der Wärme der Quellen, die zum Licht strömen, erkennbar ist. Ebenso auch wie jene Quellen war die Liebe der Wittwe zu Abner's Tochter. (Fortsetzung folgt.) - - k. Julian Edelmann, Conventual des ehemaligen Benedictiner- Neichsstiftes Ober-Elchingen. Schon wiederholt ist den geehrten Lesern dieses Unterhaltungsblattes in jüngster Zeit von der Entstehung und von den Heimsuchungen, aber auch von glücklichen und festlichen Tagen des seit >802 aufgehobenen und ehemals herrlich gelegenen Benedictiner- ReichsstifteS Ober-Elchingen erzählt worden. Namentlich sind in Nr. 13 und 15 des Unterhaltungsblattes zur Postztg. in gefälliger Form interessante Mittheilungen über Bestand und über Angehörige des denkwürdigen Stiftes zu Ende des vorigen Jahrhunderts gegeben. Das Benedictiner-Kloster Ober-Elchingen zählte während seines fast 700jährigen Bestandes manchen weisen und thatkräftigen Abt, manchen gelehrten und eifrigen Conventualen. Unter diesen allen aber leuchtet der heiligmäßige ?. Julian Edelmann besonders hervor. Wie Herr Lorenz Werner berichtet, stellt Benedict Baader in seinem 1786 geschriebenen Diarium seinen Mitconventualen k. Julian als das Muster eines Benedictiners dar und schreibt unter anderm über diesen: „. . . Ein Mann ohne alle Passion und Leidenschaft zu unserer größten Verwunderung. Ganz allein in Gott und das Geistliche vertieft, sucht er Alle zum Himmel anzutreiben; er gibt ganz sonderliche Beispiele der Frömmigkeit und Abtötung, die ihm nit so bald einer nachmachen wird. Er liebt Alle und wird auch von Allen geliebt; er mischet sich in gar nichts Zeitliches, ist ihm Alles recht. So kenne ich ihn von Jugend auf, noch als Knab von 10 Jahr — immer sich gleich — fromm und heilig. — Wahrlich, wenn Elching dtsmahl keinen Heiligen bekommt, so wird es spät werden, etwas Dergleichen mehr zu erhalten." Dies das Urtheil eines Zeitgenossen und Mitbruders des sel. Julian. Um das Andenken dieses Edelsten der Elchinger Benedictiner zu ehren und neu zu beleben, sei es unternommen, diesmal eine einzelne Persönlichkeit aus Elchingens Kloster-Geschichte hervorzuheben und eine kurze Biographie derselben den verehrten Lesern vorzuführen. Allerdings kann dabei nicht von einem Manne die Rede sein, der durch großartige Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft oder der Kunst die Welt in Staunen versetzte, der durch die Macht seiner Rede, etwa als hervorragender Kanzelrcdner, wellberühnu gcworven. WE 48»c»^ «M«WW -s > > r> > > KOW UM A»,-^i->' Uu>K MWG^ - MMM 260 Der Lcbensgarig eines äußerst bescheidenen, edlen Mannes doch soll geschildert sein, der durch seinen heilig- mäßigen Lebenswandel und durch wahrhaft apostolischen Seelen-Eifer, durch seine Askese und Wohlthätigkeit im engsten stillen Kreise seines segensreichsten Wirkens, als auch in weiteren Kreisen die größte Verehrung und Hochachtung genoß; dessen Name heute noch in Elchingen und dessen weiter Umgebung mit Ehrfurcht genannt und verehrt wird. k. I. Edelmann wurde geboren den 10. Okt. 1757 zu Unter-Elchingen, einem damals dem Reichsstifte Salmansweiler angehörigen Dorfe. Er erhielt in der heiligen Taufe den Namen Joseph und genoß eine sehr gute Erziehung. Seine Eltern, fromme und schlichte Bauersleute, hielten es für ihre heiligste Pflicht, ihre Kinder in der Furcht Gottes zu erziehen. Besonders wird von seinem Vater erzählt, daß er unverzüglich die Arbeit unterbrach, sobald das Zeichen zur heiligen Messe gegeben wurde, und sich anschickte, dieselbe anzuhören. Der ungefähr 9jährige Knabe wurde daher in die mit dem Kloster Ober-Elchingen verbundene Studien- Anstalt geschickt und besuchte zunächst die unteren Klassen derselben, welche man damals Jnferiora nannte. Der junge Student mußte nun ungefähr täglich zweimal (vor- und nachmittags) je eine halbe Stunde Weges hin- und zurückgehen. (Unter-Elchingen liegt am Fuße jenes Höhenzuges, auf welchem Ober-Elchingen liegt.) Dabei versäumte er niemals, vor Beginn des Unterrichts die Kloster-Kirche bezw. die heilige Messe zu besuchen. Er erwarb sich die Zufriedenheit und Zuneigung seiner Lehrer; besonders war ihm sein Professor k. Victorian sehr wohl geneigt. Dennoch geschah es, daß dem jungen Edelmann das Studieren einmal geradezu entleiden wollte, was er seinen Eltern keineswegs verhehlte. Sein Stiefvater, ein wackerer, dabei resoluter und etwas derber Mann, war indeß nicht in Verlegenheit, was nun zu beginnen UWW-U MW WKlVSU WWUWM MNlsB Der Kreml in Moskau mit der KrSnungskirche. Josephs Eltern waren aber auch bestrebt, aus ihren Kindern brauchbare Menschen zu machen; sie hielten deshalb viel auf fleißigen Schulbesuch und auf körperliche Beschäftigung. Bei der guten Erziehungsart, welche der kleine Joseph Edelmann im elterlichen Hause genoß, war es daher kein Wunder, daß sich derselbe durch Sittsam- keit, Gehorsam, Frömmigkeit und Fleiß vor anderen Kindern seines heimathlichen Dorfes auszeichnete. Dabei übte sein verehrungswürdiger Pfarrer Andreas Holz, einem zweiten Franz von Sales gleich, einen gar glücklichen Einfluß auf die geistige Entwicklung des talentvollen Knaben aus. Dieser fromme, einsichtsvolle Pfarrer (später Drcan des nun aufgelösten Landkapitels Elchingen) sah voraus, daß die Kirche Gottes von diesem guten Knaben, in dessen Seele so schöne Talente verborgen lagen, einst vielen Nutzen erhalten könnte. Daher gab er den Eltern, die wohlbemittelt waren, den Rath, ihren Sohn Joseph studieren zu lassen, wozu sie mit Freuden ihre Zustimmung ertheilten. sei. Er gab dem (vom Strike-Fieber etwas ergriffenen) jungen Studenten die Mistgabel in die Hand und sprach mit aller Entschiedenheit: „Entweder recht fortstudiert, oder dahier recht gearbeitet!" Das machte auf den jungen Edelmann tiefen Eindruck; er legte die verhängniß- volle Gabel beiseite, entschloß sich allen Ernstes, das Studium ernstlich wieder fortzusetzen und that dies mit bestem Erfolg. Nachdem Joseph Edelmann, mit den besten Zeugnissen ausgerüstet und mit verschiedenen Preisen (Preisbüchern) beehrt, seine Gymnasialstudien zu Ober-Elchingen vollendet hatte, verfügte er sich im Jahre 1777 nach Dillingen. Dort hörte Edelmann an der von Jesuiten geleiteten Universität die philosophischen Fächer mit großem Fleiß und bestem Erfolg. Auch gewann er während seines Aufenthaltes in Dillingen den später als theologischen Schriftsteller berühmt gewordenen Decan Königsdorfer zum vertrautesten Freunde. Mit dem ersten akademischen 267 Grade, dem Baccalaureat, ausgezeichnet, kehrte Edelmann im Jahre 1778 nach OLer-Elchingen zurück, um im dortigen Kloster-Collegium das Studium der Theologie zu beginnen. Gleichzeitig bat der angehende ouuä. bstsvl. um Aufnahme in den Benedictiner-Orden bezw. in das Die Erbkrone des russischen Aaren. Elchinger Kloster. Diese wurde ihm nach strenger Prüfung gewährt, und nach Verlauf des Probejahres legte der erst 22jährige Novize und Ordenskleriker Joseph Edelmann am 24. Oktober 1779 die Ordensgelübde feierlich ab, wobei er den Namen Julian erhielt. Nach diesem dem Allerhöchsten gebrachten Opfer bestrebte sich I'r. Julian der größten Tugendhaftigkeit und des eingehendsten Studiums der höheren Vecufs-Wissenschaften. Nach Vollendung derselben empfing er am 18. September 1784 die Priesterweihe. Am sehnlichst erwünschten Ziele angelangt, begann nun die echt priester- liche und höchst segensreiche Wirksamkeit des k. Julian. Der tiefsehende, damals regierende Abt Robert I., der an dem jungen Priester regen Eifer, die Ehre Gottes und des Nächsten Heil zu fördern, erkannte, übertrug ihm im Jahre 1786 die Pastorir- ung der benachbarten Pfarrei Thalfingen, welche ?. Julian bis zum Jahre 1801 sxourranäo (auskaufend) versah. In diesem Jahre ernannte ihn das Vertrauen seines Obern zum Pfarrer von Ober- Elchingen. Hier war Julian in seinem rechten Elemente. Seine eig ne alte Reichsapfel im innere Heiligung und die Kronschatze zu Moskau. Sorge für das Heil seiner Pfarr-Angehörigen beständig im Auge und im Herzen behal- tend, entfalteteer eine außerordentlich wirksame Thätigkeit. Es galten von ihm so recht die Worte: „Der Eifer für Deine Sache, o Herr, verzehrt mich fast." In Kirche und Schule, auf der Kanzel und im Beichtstuhl war Julian unermüdlich und äußerst gewissenhaft thätig. Mit großer Liebe war er den Kindern zugethan, die ihn innig ver- Krone des Aaren Kimeon von Kasan. ehrten. Seine Zeitgenossen rühmen außerdem seine besondere Fürsorge für die Kranken und Sterbenden, denen er nicht selten eigenhändig Samariter-Dienste leistete. „Auf drei Buchstaben, auf 3 K (so pflegte er oft zu sagen) richtete der eifrige Gottesmann, dessen Aeußeres viel Aehnlichkeit mit einem gleichzeitigen Ordensgenossen, dem bekannten verdienstvollen l?. Aegidius Jais von Benedictbeuern, hatte, sein Augenmerk, nämlich auf die Kirche, auf die Kinder und auf die Kranken; für alle drei war er stets mit dankenswerthester Treue besorgt." Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Pastoration der Pfarrei Ober- Elchingen insofern stets eine angestrengtere Thätigkeit erheischte, als an der dortigen Klosterkirche eine sehr besuchte Wallfahrt zur Llator äolorosu besteht, deren Ursprung weit in's Mittelalter zurückreicht. ?. Julian hing mit ganzer Seele an seinem erhabenen Berufe und an seinem Kloster, das seine zweite Heimath geworden war. Gott hatte augenscheinlich sein Wohlgefallen an dem Wirken des edlen Priesters und erfüllte es mit seinem reichsten Segen. Dennoch aber lag es in des Höchsten Rathschluß, diesen seinen getreuen Diener zum Zeugen der letzten schweren Heimsuchung des altehrwürdigen Klosters zu erwählen. (Schluß folgt.) Hu unseren Bildern Knlerdrochenes Mittagessen. Da ist der gefürchtet- Augenblick, dem der kleine Sünder noch immer durch eilige Beendigung des Mittagessens und sofortigen Aufbruch zur Schule sich zu entziehen gehofft hatte, nun doch eingetreten. Das ganze Mittagessen war ihm schon durch die fortwährende Angst vor dem rächenden Schicksal versalzen, und selbst die Knödel, sonst seine Lieblingssveise, wollten ihm heute gar nicht munden, denn immer schwebte ihm die zer- ! hrochene Fensterscheibe vor Augen. Er hat sie ja allerdings nicht absichtlich eingeworfen, der Stein galt einer Katze, die auf 268 dem Apfelbaum ein Vogelnest belauerte, und verirrte sich unglücklicherweise in das Fenster der Nachbarin. Zwar lief er, sobald er die Glasscherben klirren hörte, spornstreichs davon, aber die Nachbarin batte ihn doch noch gesehen und rief ihm zornig nach, daß sie die Unthat seinem Vater melden würde, der für den Schaden aufkommen müsse. Und da ist sie nun wirklich gekommen und hat das ganze Fenster als eorxus äolioti gleich mitgebracht. Kaum hat der schuldbewußte Sünder sie in der Thüre erblickt, als er auch schon, vor Schrecken den Stuhl umwerfend, mit mächtigem Satze aus dem gefahrdrohenden Armbereiche des Vaters entfloh und bei der weniger strengen Mutter vor dem heranziehenden Ungewitter Schutz suchte. Hoffen wir, daß die Sache für diesmal noch gnädig abgegangen ist, und daß der kleine Schütze ein andermal heim Steinwerfen vorsichtiger ist. _ Ker Kreml in Moskau mit der Krönungskirche.*) Der Kreml war und ist auch jetzt noch für Moskau, was das Kapitol für Rom war; in ihm gipfeln alle Reminiszenzen der Vergangenheit. Für den rechtgläubigen Russen ist er, wie Kiew, ein heiliger Wallfahrtsort, zu dessen Reliquien jährlich Tausende von Frommen aus dem weiter: Reich Pilgern. Durch seine hohen, zinnengekrönten und thurmgeschmückten Mauern führen fünf Thore (darunter das Erlöserthor, „LMglchHVarotg,", mit cinern wunderthätigen Heiligenbild, vor dem auch jeder Fremde das Haupt entblößen muß) ins Innere, welches von kirchlichen Bauten, Palästen, Staatsgebänden und großen Plätzen bedeckt ist. Die bemerkenswerthesten Gebäude sind: Der Usspenski Sabor (die Mariä-HimmelfahrtSkathedrale), 1326 unter Johann Kalita aus Holz erbaut, 1475 79 von: Baumeister Fioravante aus Bologna von neuem in Stern aufgeführt, halb in byzantinischem, halb in tatarischem Stil. Sie birgt ebenso wie die folgenden Kirchen eine Menge Reliquien, ist mit alten Fresken, mit von Edelsteinen bedeckten Heiligenbildern, Mosaiken und verschiedenen Kostbarkeiten überfüllt und dient seit ihrem Bestehen als Krönungskirche der russischen Zaren, sowie als Grabstätte der Metropoliten von Moskau. Ihr gegenüber steht der Archangelski Sabor (Katbedrale des Erzengels Michael), 1333 errichtet, 1805 von dem Mailänder A. Novi umgebaut, mit den Gräbern der russischen Zaren von Jobann Kalita bis Johann Alexejewitsch (gest. 1696), dem Bruder Peters d. Gr. Den höchsten Punkt des Kremls kiönt der Blagowjeschtschenski Schor (Kathedrale der Verkündigung Mariä), 1489 erbaut, nach einem Brand 1554 neugebaut, mit neun Kuppeln. Die Kirche Spass na Boru (des „Heilands im Walde", 1330 aus Stein neuerbaut) wird als älteste aller Kirchen betrachtet. Bemerkenswerth ist der 1600 von Boris Godunow erbaute, 82 m hohe Glockenthurm Iwan Welikis (Johanns d. Gr.), von dessen Spitze man eine prachtvolle Auösicht über die Stadt genießt. Am Fuß des Iwan Weliki steht die berühmte, 1731 gegossene, ca. 1960 metr. Zir. schwere Rieseuglocke „Zar-Kolokol." Insgesammt gibt es in Moskau (die Klosterkirchen mit eingerechnet) 355 griechisch-katholische, 2 lutherische, 2 reformirte, 2 römisch- katholische Kirchen, 3 armeno-gregorian. Kirchen und 3 der Alt- gläubigen, dazu eine Synagoge und eine Moschee. Unter ihnen nennen wir nur die auf dem Rothen Platz im Kitai Gorod stehende, durch ihre phantastisch-bizarre Bauart bekannte Katbedrale des hl. Basilius (Wassili Blashenni). 1554 unter Iwan dem Schrecklichen erhaut. Andere interessante Gebäude im Kreml sind: der 1487 erbaute alte Zarcnpalast (Tremni Dworßz); der Facettenpalast (Granowitaja Palata), unter Johann III. erbaut, mit einem kolossalen Saal, dessen Gewölbebogen von einer in der Mitte stehenden Säule ausgehen; der durch architektonische Schönheit ausgezeichnete große kaiserliche Palast; die 1851 vollendete Orusheinaja Palata, welche unschätzbare Sammlungen von Kostbarkeiten (Kronen, oldsachen, Waffen, Kunstwerke des Alterthums, Prunkwagen rc.) enthält (neben derselben steht die unter Feodor Jwanowitsch gegossene, 393 metr. Ztr. schwere Riesenkanone „Zar Puschka"), und das 1701—36 erbaute Arsenal, vor dessen Fronte die 1812 erbeuteten Geschützrohre (über 800) liegen; ferner das Synodalgebäude, vom Patriarchen Nikon gegründet, mit einer kostbaren Bibliothek und einer Sammlung von Kirchengewändern und Silbergeräthen. Im Kitai Gorod, an dem mit dem Denkmal von Minin und Posharski (von Marios) geschmückten Rothen Platz, befindet sich das Kaufhaus (Gostinnoi Dwor) mit über 1200 Perkaufsläden, Wohl die *) Einen eingehenden Artikel über den Kreml und seine Geschichte hat die „Augsburger Postzeitung" in ihren Beilagen Nr. 53 u. ff. Jahrgang 1889 aus der Feder des Herrn I. Baumann gebracht. Die Nummern sind vergriffen. größte beständige Waarenniederlage Europas; im Bielgorod das Exerziei haus (151 m lang, 47 m breit). Die Kronen der russischen Aaren sind von ausgesuchter Kostbarkeit und theilweise von großer Schönheit. Bei der bevorstehenden Krönung des Kaisers Nicolai werden sie mit all den andern Schätzen und Prunkgeräthen aus der kaiserlichen Schatzkammer hervorgeholt werden, um den Glanz und Reichthum des mächtigen Herrschergeschlechtes allen Besuchern zu zeigen. Eins der schönsten Stücke im russischen Kronschatz ist die seit Jahrhunderten vererbte Zarenkrone, die im Kreml zu Moskau aufbewahrt wird. Sie ist aus wundervollem Goldfiligran gearbeitet und wird durch ein massiv goldenes Kreuz überragt, das an seinen vier Enden mit großen, außerordentlich werthvollen Perlen geschmückt ist. Auf dem oberen Theile der Wölbung sind zwischen drei edlen Perlen ein Topas, ein Saphir und ein Rubin eingelassen; den unteren Theil der Krone schmücken vier Smaragde, vier in Gold gefaßte Rubine und fünfundzwanzig Ormuz-Perlen auf goldenen Füßen. Sie ist, wie alle anderen russischen Kronen, am Rande mit dem schönsten Zobelpelz eingefaßt und innen mit roiber Seide gefüttert. — Ein ebenfalls sehr werthvolles Stück unter den Schätzen des russischen Herrschergeschlechts ist die Krone des Zaren Simeon von Kasan. Iwan IV. hatte 1553 den musel- manischen Khan Ediger von Kasan endgültig besiegt und ihn gezwungen, sich taufen zu lassen. Ediger erhielt bei dieser Gelegenheit den Namen Simeon, und Iwan IV. verlieh ihm großmüthig, um den immer noch mächtigen Mann an sich zu fesseln, den Titel „Zar von Kasan" und schenkte ihm die oben erwähnte prächtige Krone. Sie besteht aus Goldfiligran, das mit schwarzem Scbmelz überzogen ist. An der Spitze trägt sie einen schön geschliffenen Topas. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein großer Rubin; dieser wurde aber im Jahre 1625 ausgebrochen, um bei der Krone, die sich Zar Michael Theo- dorowitsch machen ließ, Verwendung zu finden. Ueber und unter dem Steine sind zwei große Perlen angebracht. Die Krone wird geschmückt durch 33 Rubine, 18 große und 12 kleinere Türkise und 12 halbirte Perlen. — Eine Art Aufsehen erregt im russischen Kronschatz zu Moskau noch ein drittes Stück: der alte Reichsapfel mit dem großen Kreuze. Er trägt 58 Diamanten, 89 Rubine, 23 Saphire, 50 Smaragde, die in Gold gefaßt sind, und 37 feine Perlen. Die Emailminiaturen, welche den Reichsapfel schmücken, stellen die Salbung Davids, seinen Sieg über Goliath, seine Rückkehr nach dem Siege und seine Verfolgung durch Saul dar; zwffchen diesen Miniaturen sind symbolische Figuren (Adler, Löwe, Greif und Einhorn) angebracht. Der Reichsapfel des griechischen Kaisertums war, wie man es auf den alten Münzen sieht, stets von einem großen Kreuze über agt, dessen Form sich bis zum XI. Jahrhundert nickt änderte. Der oben beschriebene russische Reichsapfel bezeugt durch sein großes Kreuz und die schöne Transparenz seiner auf Ciselirungen gemalten Reliefemaillen, daß er aus der Blüthezeit der byzantinischen Emaillirkunst stammt. lDas Porträt des Zarenpaars haben wir in No. 411894 des Unterhaltungsblattes gebracht.) --s-«srcs— Mmmeksscstau im Monat Mai. —X. Merkur im Stiere nahe bei Aldebaran erreicht um die Mitte des Monates seine größte östliche Entfernung von der Sonne und ist abds. im Westen zu finden. Venus Z im Widder erscheint gegen 4 U. mgs. im Osten. Mars in den Fischen geht anfangs gegen 3 U., zuletzt um 2 U. früh auf. Jupiter H im Krebs bleibt bis nach 1 U. nachts, in den letzten Tagen bis Mitternacht über dem Horizont. Saturn H in der Waage steht der Sonne gegenüber, erreicht um Mittern. seine größte Tageshöhe und ist die ganze Nacht sichtbar. In der Nähe des Mondes befinden sich Mars am 7., Venus am 11., Merkur am 14., Jupiter am 18., Saturn am 25. Vom Mond werden bedeckt Regulus am 20. früh 5 U., Antares am 27. früh 3 U. ---SÄ8WS-