AnttrAattimgsdlatt M „Augslmrger PostMung". M 37. Dinstag, den 5. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlicb: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Lilerarischen Instituts von Haar L Graddcrr in Augsburg (Borbesttzer l>r. Mar Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 27. Kapitel. Die Flucht. Mit einem sonderbaren Gemisch von Glückseligkeit und Furcht folgte Sarah ihrem Vater aus dem Gemach, welches ihr Gefängniß gewesen war. Der Segen Abner's lag so warm auf dem Herzen seiner Tochter. Sarah war nun nicht mehr wie eine, die in die Tiefen der Finsterniß blickt, um den Schimmer irgend eines schrecklichen Gegenstandes zu erspähen; sie hatte gefunden, was sie gesucht, und durch die Bande der Liebe einen verlorenen Vater an's Licht gezogen und gerettet. Es erfüllte Sarah mit Entzücken, wenn sie daran dachte, wie groß die Freude der Hadassah bei der Wiederkehr ihres Sohnes sein würde. Das Mädchen konnte sich der überstandenen Gefahren freuen und mit einem Muth, über den sie sich selbst wunderte, den bevorstehenden entgegengehen. So klar konnte sie nun sehen, daß ihre Leiden für die, die sie liebte, ein Mittel zum Segen gewesen waren. Mit leichtem, geräuschlosem Schritt folgte Sarah der Weisung ihres wiedergefundenen Vaters und, ihn immer im Auge behaltend, kam sie in den ersten Hof, den sie zu durchschreiten hatte. Er war gepflastert, von Pfeilern umgeben, unter freiem Himmel, dessen tiefes Blau im Morgenlichte erblaßte. Sie bemerkte, daß ihr Vater ängstlich zu dem Gebäude, welches die linke Seite des Hofes bildete, blickte, wo marmorne Pfeiler mit gekrönten Säulen und reich verzierten Kapitälen einen prachtvollen FricS trugen. Antiochus selbst bewohnte diesen Palast, aber kein Auge blickte zu jener frühen Stunde auf die beiden Gestalten, welche da unten über den marmorgepflasterten Hof glitten. Unter dem Schatten des nun erreichten Säulenganges erwartete Pollux seine Tochter. Die erste Gefahr war glücklich überstanden. Pollux deutete nun auf einen breiten, bedeckten Gang zur Rechten, welcher von Lampen erleuchtet war, deren einige schon ausgebrannt waren, während andere nur noch flackerten. Sarah sah auf dem andern Ende dunkle Gestalten. Es waren die Wächter, die, von der langen Nachtwache ermüdet, augenscheinlich schliefen; denn sie schienen sich in halb sitzender, halb liegender Stellung zu befinden und verhielten sich vollkommen ruhig. Sarah mußte nun zuerst gehen, und mit klopfendem Herzen näherte sich das Mädchen den beiden Kriegern, indem sie, da sie die Größe der Gefahr fühlte, ein un- hörbares Gebet hauchte. Der Gang, an dessen Ende die Krieger Wache hielten, mündete in einen der kleinen Gärten, welche das Innere des ausgedehnten Gebäudes schmückten, mit einem Bassin in der Mitte, von welchem gewöhnlich ein schöner Springbrunnen aus einer Gruppe von Marmorstatuen, die Niobe mit ihren Kindern darstellend, in die Höhe stieg. Es war unmöglich, den Garten zu erreichen, ohne an den beiden Wächtern vorbeizukommen. Sarah konnte nicht unterscheiden, ob sie wirklich schliefen, und der Raum zwischen ihnen war kaum breit genug, um ihr den Durchgang zu ermöglichen. Zitternd und doch voll Hoffnung ging Sarah langsam und doch vorsichtig, den Krug auf dem Kopfe, vorwärts. Gerade, als sie bet der Wache vorbeiglitt, fuhr die eine in die Höhe und ergriff ihr Gewand. „Ha, Sklavin! Was hast Du vor zu dieser frühen Stunde?" „Mein Herr hat mir geboten, meinen Krug in jenen Teich zu tauchen," sagte Sarah mit so fester Stimme, als es ihr nur möglich war. „Ich glaube, Dein Herr hat sich mit starken Getränken erhitzt, sonst würde er zu dieser frühen Stunde kein Wasser brauchen," sagte der Krieger, indem er Sarah losließ, welche verwundert über ihren Erfolg schnell in den Garten eilte. Sie vergaß beinahe in ihrer Hast zu entkommen, daß es doch nöthig war, ihren Krug in das Wasser zu tauchen, da sie noch in Sicht der Syrer war. Das Mädchen mußte noch zwei bis drei Schritte zurückgehen und beugte sich dann über den Rand des Bassins. Das kühle Wasser erfrischte sie, als sie ihre schlanken Finger hinetntauchte. „Nun," dachte Sarah, „ist noch ein langer, dunkler Gang zu durchschreiten, liegt er zur Rechten oder zur Linken? Ich kann mich kaum der Weisung meines Vaters erinnern und ein Irrthum kann für ihn und für mich verhängnißvoll werden. O, mag Gott mich führen!" Als Sarah ängstlich umherblickte, bemerkte sie zur Linken, in der Menge von Gebäuden, welche den Garten einschlössen, eine enge Oeffnung. Die Ocffnung war so finster, daß sie dem zitternden Mädchen wie der Mund eines offenen Grabes vorkam, und sie fürchtete sich hineinzugehen. 278 Als sie noch zögernd dastand, hörte sie hinter sich ihren Vater, wie er der Schildwache die Losung sagte. Seine Stimme stärkte den Muth seines Kindes. Es war sür sie ein großer Trost, ihn in der Nähe zu wissen. Indem Sarah nun den Garten verließ, trat sie in den dunklen Gang. Er war nicht ganz so finster, als er von außen geschienen. Das Mädchen konnte schwach in der Wand eine Nische unterscheiden, in welche sie ihren Krug stellte, welcher ihr bei ihrer Flucht nur noch eine Last war. Der Gang, durch welchen Sarah sich jetzt tappen mußte, war ein Schleichweg für Sklaven, welche Fleisch und andere Lasten trugen. Auch kam es nicht selten vor, daß Höflinge mit geheimen Aufträgen ihn benutzten. Er grenzte an einen viel größeren Gang, der ihn in einem rechten Winkel durchschnitt und zu einer Pforte des Palastes führte, an welchem Tag und Nacht viele Krieger Wache hielten. Als Sarah den Punkt erreichte, wo der kleine Gang in den größeren mündete, wurde sie des größten Hindernisses gewahr, welches sie zu bestehen gehabt. Die hier Wache haltenden Krieger waren nämlich wach und die Thür, welche ein weiteres Vordringen ermöglichte, stark verriegelt. Dem jungen Flüchtling schien dieses Hinderniß unüberwindlich. Dem Auge Sarah's zeigte sich nicht die kleinste Möglichkeit, diese Thür aufzuriegeln, damit sie hinauskäme. Das Herz des fliehenden Mädchens sank. Es war schrecklich, der Freiheit so nahe zu sein und noch ein so unüberwindliches Hinderniß vor sich zu haben. Wie schrecklich sahen die tödtlichen Waffen der Krieger aus, als sie dort in dem erblaßten Fackellicht schimmerten, wie ernst starrten die wettergebräunten Krieger des Antiochus Epiphanes vor sich hin. Sarah lehnte sich an die Wand des dunkeln, engen Ganges und horchte auf die Fußtritte ihres Vaters. Sie wagte nicht, sich aus dem Schatten in den erleuchteten Gang zu begeben. Jetzt war Pollux an ihrer Seite; sie fühlte seine Hand leise auf ihrer Schulter. „Alles ist verloren, wenn Du mich zu retten suchst, Vater," flüsterte des zitternde Mädchen. „O, gehe ohne mich weiter, — überlasse mich Gottes Führung. Ich kann nicht an jenen Wachen vorbeigehen." „Wenn ich meine Hand erhebe, dann komm' und folge mir," flüsterte Pollux. Darauf trat der Höfling, nicht wie ein Gefangener, der fliehen will, sondern mit dem festen Tritt eines Mannes, der nicht an seinem Recht und seiner Macht zweifelt, zu gehen, wohin es ihm beliebt, in den Gang und näherte sich den Wachen, welche nach orientalischem Brauch einen Edlen hohen Standes, der ihnen allen bekannt war, grüßten. „Die Losung ist: Das Schwert des Antiochusl Riegelt jenes Thor schnell auf, ich bin hier in dringenden Angelegenheiten, die keinen Aufschub erleiden dürfen," redete Pollux die Wachen im Tone des Befehls an. , Dieser Befehl wurde augenblicklich befolgt. Sarah hörte mit freudig klopfendem Herzen, wie Riegel auf Riegel zurückgeschoben wurde und die Thür in den Angeln kreischte. Sie fühlte das Wehen der frischen Luft, die von außen eindrang. Pollux schien hinausgehen zu wollen, als er plötzlich die Hand zum Zeichen für seine Tochter erhob. Sarah gehorchte in athem- loser Spannung dem Zeichen und glitt vorwärts, um aus dem Palast zu kommen. Einer der Krieger versperrte ihr jedoch den Austritt mit seiner Waffe. „Lass' die Sklavin gehen," gebot Pollux ernst. Augenblicklich senkte sich die Spitze der Waffe. Aber ein anderer Krieger war im Begriff, Einspruch zu erheben. „Es ist gegen die Ordnung," begann er. Aber Pollux ließ ihn nicht ausreden. „Mich dünkt, Du dientest unter mir im Heer des Gorgias," bemerkte der Höfling mit großer Geistesgegenwart. „Ja, gewiß mein Herr," antwortete der Krieger. „Wenn wir das nächste Mal Makkabäus wiedersehen, wollen wir ihn nicht schonen," bemerkte der Edle. „Hier, mein Braver," sagte er, indem er einen schweren Beutel mit Gold hervorzog, „theile dies unter Euch und trinke auf glücklichen Sieg für die Tapferen." Die Krieger konnten kaum ein Freudengeschrei über die unerwartete Freigebigkeit des Pollux unterdrücken. Nicht einer sah mehr auf Sarah, als sie in die freie Luft sich hinausbewegte. O beseligendes Gefühl der Freiheit! Wie köstlich wehte die frühe Morgenluft in das Antlitz der Flüchtlinge, wie herrlich breitete sich das Gewölbe über ihnen aus, welches im ersten Licht der Dämmerung sich zu röthen begann! Pollux fühlte, wenn auch in viel geringerem Grade, etwas von der Freude, die seine Tochter empfand, als er mit ihr die Marmorstufen hinabstieg, die von dem im griechischen Stil erbauten Palast zu der Plattform, auf welcher er errichtet war, hinabführten. „Dies ist der Weg, den wir einzuschlagen haben," sagte Pollux, indem er Sarah fortzog und auf eine der hohen, engen Straßen Jerusalems deutete. „Wir müssen soviel Raum als möglich zwischen uns und die Verfolger bringen, bevor die Sonne ausgeht. Wollte Gott, wir wären eher fortgekommen! Viele Gefahren liegen noch vor uns." Eine war näher, als der Sprecher ahnte. Kaum waren nämlich die Flüchtlinge in die nächste Straße eingebogen, als sie einem syrischen Höfling in prächtiger Kleidung begegneten, dessen unsicherer Gang verrieth, in welcher Weise er die Nacht zugebracht hatte. Trotzdem er mehr als halbberauscht war, erkannte Lystmachus doch sofort den Pollux. „Ha, wo willst Du hin?" rief Lysimachus, welcher in dem engen Pfade dicht vor den Flüchtlingen hin- und herschwankend stehen blieb. „Ich gebe über meine Handlungen nur denen Rechenschaft, die ein Recht haben, danach zu fragen," sagte Pollux stolz, indem er an seinem Gegner vorbei ging, während Sarah dicht hinter ihrem Vater blieb. „Der Fuchs haite die Falle bemerkt, Pollux hat gewittert, daß ich sein Todesurtheil in den Händen habe, und daß vor Sonnenuntergang sein Kopf noch fallen muß!" schrie Lysimachus. Pollux fuhr bei diesen Worten seines Feindes auf. „Er will fliehen!" fuhr Lysimachus noch lauter fort. „Er will zu den Hebräern zurück, aber dies soll ihn aufhalten." Und mit einer schnellen, unerwarteten Bewegung stieß der Syrer einen Dolch in die Brust des Pollux. Dann aber fiel er selbst leblos in den Staub. Lysimachus war von einem Schwerthiebe des Lycidas niedergestreckt worden, der nur wenige Schritte hinter ihm gewesen war. 279 Sarah erblickte den Griechen und die ehrwürdige Gestalt der Hadassah erst in diesem entscheidenden Augenblick. Ihr Auge heftete sich auf die Beiden. Sie hatte den Schlag, der ihren Vater traf, nicht gesehen. Dieser war, obwohl tödtlich getroffen, nicht sogleich gefallen. ALS Trost am Mntlrrticrzcn. Nach dem Gemälde von M. Schneidt. letzten Umarmung. — „O, Mutter," rief Sarah, „er hat mich gerettet! Er ist nun wieder Dein Sohn, der seinem Vaterland und seinem Gott ergeben ist." Hörte Hadassah den freudigen Ausruf? Wenn nicht, so that das wenig zur Sache. Sie hatte mit Entzückenschon alles erfaßt, was diese Worte bedeuten konnten; denn die letzten Ausrufe des Lysimachus, bevor er fiel, hatten ihr Ohr erreicht. Ihr Sohn, ihr geliebter Sohn kehrte zu den Hebräern zurück, ja, was noch viel mehr war, zu dem Glauben, welchen er einst abgeschworen hatte; er war zurückgegeben—gerettet von dem Verderben. — Er rettete sein Kind vom Tode, seine Mutter von Verzweiflung. Hadas- sah's Herz hatte dieses Alles erfaßt und in der Freude schnell begriffen. Sie brauchte nichts weiter zu wissen; — ihr Sohn war von ihren Armen umschlungen. Pollux und Hadassah sanken zur Erde zusammen nieder. Der Anblick einigerBlutstropfen auf dem Steinpflaster brachte Sarah zuerst auf den Gedanken, daß Lysimachus ihrem Vater eine Wunde beigebracht haben könnte. „O, er ist verwundet!" rief sie aus, indem sie sich neben ihm auf die Kniee warf. „Todt!"riefHan- nah, welche sich vergebens bemühte, den Kopf des Pollux aufzuheben. „Nein —nein — nicht todt! O, Lyci- das! — Lycidas!" rief Sarah, indem sie sich voll Schrecken unwillkürlich an den Athener wandte, da sie glaubte, er Denn Pollux erblickte nun auch Hadassah, und der plötzliche unerwartete Anblick seiner Mutter, von welcher er solange getrennt gewesen, schien selbst über die Hand l würde sie von der schrecklichen Befürchtung, die Hannah des Todes Macht zu haben. Mutter und Sohn be- § in ihr erregt, befreien. gegnetcn sich und empfingen sich in einer ersten und — > „Es ist nur zu wahr," sagte Lycidas traurig; 280 denn er konnte das Antlitz des Pollux nicht ansehen, ohne zu glauben, daß das Leben erloschen sei. „Wir müssen den Sohn sanft aus den Armen der Mutter lösen." Aber diese Beiden, die im Leben so lange getrennt gewesen waren, konnten im Tode nicht getrennt werden. Ein Mensch hatte nicht die Kraft, sie von einander zu scheiden. Oft hatte Hadassah geglaubt, daß ihr Herz vor Kummer brechen würde, — nun war es vor Freude gesprungen! Die Tage ihrer Trübsal waren vorüber. Ihre ewige Sabbathruhe hatte begonnen. Das selige Lächeln, welches kürzlich noch im Schlaf ihre Lippen umspielt hatte, lag auch jetzt darauf im letzten, friedlichen Schlummer, aus welchem sie zum Weinen nie wieder erwachen sollte. Ihr war nach Herzenswünschen gegeben, so konnte sie in Frieden dahinfahren. Gesegneter Tod, glückselige Heimfahrt! 28. Kapitel. Vereinigt im Grabe. Lycidas wagte erst nicht, Sarah die schreckliche Wahrheit zu entdecken, daß sie mit einem Schlage ihrer beiden Beschützer beraubt, daß sie nun wirklich eine Waise und allein in der Welt sei. Sarah sah, daß ihr Vater todt war, glaubte aber, daß Hadassah nur in tiefer Ohnmacht läge. Die halb unterdrückte Wehklage Hannah's über ihre Gebieterin offenbarte zuerst die ganze Ausdehnung ihres Verlustes. Seine Größe betäubte sie beinahe. Es war ein lähmender Schreck. Lycidas erinnerte sich nunmehr der großen Gefahr, in der Sarah, welche dieselbe für den Augenblick ganz vergessen hatte, schwebte, sobald sie von den Syrern entdeckt und verhaftet würde. DeS Griechen Hauptsorge war jetzt, ihr kostbares Leben zu retten. Er versuchte sie zur Flucht zu bewegen, aber selbst seine Bitten konnten die Trauernde von den todten Körpern des Pollux und der Hadassah nicht fortbewegen. Es schien, als ob Sarah die Größe des Verlustes nicht fassen könne. „Was ist hier zu machen?" rief der Grieche voll Verzweiflung. „Wenn die Syrer sie hier finden, ist sie verloren. Die Stadt wird bald lebendig sein, schon höre ich das Dröhnen von Rossehufen." In demselben Augenblicke erschien ein Mann, der ein großes, mit zwei leeren Körben beladenes Maulthier am Zügel führte und im Begriff war, einsam seines Weges weiter zu ziehen. Bet seiner Annäherung erkannte Lycidas zu seiner großen Freude, daß es Joab war, ein Mann, dessen Gesicht er wohl so leicht nicht vergessen konnte, da es von den hervorragendsten Ereignissen in dem Leben des jungen Atheners unzertrennlich war. „Ha l die Frau Hadassah!" rief der Maulthiertreiber in einem Ton des Erstaunens und des Bedauerns, als sein Auge auf den leblosen Körper fiel, an den Sarah sich fest klammerte. „Ich habe Dich früher schon gesehen, ich weiß, daß Du ein guter, zuverlässiger Mann bist," sagte Lycidas schnell, „Du wagtest Dein Leben beim Begräbniß der Märtyrer, Du wirst uns auch jetzt in unserer großen Noth helfen. Lass' uns diese Körper auf Dein Maulthier laden und bringe sie so heimlich und schnell als möglich in das Haus der Hadassah." „Ich wollte alles für meine alte Herrin wagen," entgegnete Joab, „aber was jenen seidegekleideten Syrer anbetrifft, so habe ich nicht Lust, mein Maulthicr mit seinem Leichnam zu beladen." Der Maulthiertreiber sah dabei mit Erstaunen auf den Körper des Pollux. „Wer ist er?" fuhr Joab fort, „und wie kommt es, daß er von den Armen der Frau Hadassah umschlossen ist?" „Mein Vater, — er ist mein Vater!" schluchzte Sarah. „Nimm sie Beide auf!" sagte Lycidas, „wir können sie nicht trennen, und es ist keine Zeit zu verlieren!" Die vereinigten Anstrengungen sämmtlicher genügten kaum, die beiden Körper auf den Rücken des Maulthieres zu heben, welches, obgleich ein großes, starkes Thier, kaum die doppelte Last tragen konnte. Joab nahm seinen großen, groben Mantel und deckte ihn über die Leichname, um sie zu verbergen. Dann nahm er sein Thier am Zügel und führte es stillschweigend vorwärts. „Droht von diesem keine Gefahr?" fragte Hannah den Lycidas, indem sie auf Lysimachus deutete, welcher besinnungslos und, da sein Kopf beim Fall sich stark an einen Stein gestoßen hatte, blutend am Boden lag. Nach einer kurzen Untersuchung überzeugte sich Lycidas, daß der Höfling sich wirklich in einem Zustande völliger Bewußtlosigkeit befand und von dem, was um ihn vorging, nichts merkte. Lycidas wandte sich nun zu Sarah, die, wie eine geknickte Lilie gebeugt, dem Leichnam der Hadassah und des Pollux folgte. Er bot ihr bei dem Gange seine Hilfe an. Sie vermochte dieselbe nicht zurückzuweisen. Eine Todeskälte schien über sie gekommen zu sein, und hätte Lycidas sie nicht gehalten, würde sie auf dem Wege umgesunken sein. Mit sonderbaren Gefühlen dachte Lycidas später an diesen Gang durch Jerusalem. Das Wesen, welches er auf dieser Welt am meisten liebte, lehnte sich auf seinen Arm, zu erschöpft, um seine Hilfe zurückzuweisen. Er war unaussprechlich glücklich, ihr so nahe zu sein. Was aber die Seele des Lycidas am tiefsten bewegte, war eine verzehrende Angst um Sarah und der Wunsch, bald einen Ort zu erreichen, wo er sie bei der drohenden Gefahr geborgen wußte. Entsetzlich langsam erschien ihm der Gang des schwer beladenen Maulthieres, schrecklich lang die Strecke, die noch zurückzulegen war. Der Maulthiertreiber vermied absichtlich den geraden Weg und wählte einen weniger besuchten, der außerhalb der Stadt an den Trümmern der Mauern von Jerusalem vorbeiführte, die Apollonius niedergerissen hatte. Sehr unwillkommen war dem Lycidas das Anbrechen des Tages, das die Stadtbewohner zu neuem Leben erweckte. Jedes menschliche Wesen, das ihnen begegnete, selbst wenn es nur ein Kind war, flößte ihnen Schrecken ein. Der wüthige junge Grieche war voll tödtlicher Angst um ein Wesen, das in seinem Kummer allen Sinn für persönliche Gefahr verloren hatte. Daß die kleine Schaar nur Wenigen begegnete, verdankte sie theils der Klugheit und Geschicklichkett, mit welcher Joab seinen Weg wählte, theils der frühen Tagesstunde, in welcher nur Leute aus ärmeren Klassen in den Straßen sich zeigten, um ihrer Tagesarbett nachzugehen. Fragende Blicke richteten sich zwar oft auf den kleinen Zug, doch lehrte jene Zeit der Gefahr und — 281 — Gefangenschaft jeden eine gewisse Vorsicht und ließ es auch hier gerathen erscheinen, die Neu- gierde zu unterdrücken. Nur einmal ward derMaulthiertreiber angeredet. „Was hast Du denn unter Deinem Mantel, Joab?" fragte ein Weib mit einem großen Krug auf dem Kopf, indem sie, die sonderbare LastdesMaulthieres musternd, stehen blieb. „Ein Bündel der ersten reifenFrüchte, ein Hebeopfer, De- borah," antwortete Joab mit Nachdruck. „Es werden bald mehr, viel mehr niedergehauen werden," sagte daS alte Weib düster, „der Herr wolle sie verderben, die syrischen Schnitter!" Joab sah den besorgten Blick des Atheners. „Fürchte nichts, Fremder, kein Hebräer wird uns verrathen, Deborah ist treu wie Gold, ich kenne sie sehr wohl." In Judäa hat man kein langes Zwielicht; der junge Tag hüpft beinahe mit einem Sprunge auf seinen Thron. Die Erde war lange in Sonnenlicht gebadet,bevor der langsame Zug die einsame Wohnung in den Hügeln erreicht hatte. Wie dankbar warLycidas für die Abgeschiedenheit jenes wilden Ortes; hier war Sarah vor allen Nachstellungen sicher. Hadassah hatte, als sie am vorhergehenden Morgen M W W > ./ 'U ?! 7! W .f v-; MU W -Xd N /k» v ^ kh ^ Z ^ ^ ^ L ^ 8 ^ ^ L v L s 4 4 ! ^ ^ ^ .L ^ ^ z ^ ^ ^ ^ . X? ^8 ^ 8 ^ 8^ 'vX ^ ^ XX' X--X: l ^ ! s 282 voll Angst um ihre Sarah die Wohnung verließ, die Thür verschlossen, aber Hannah hatte den Schlüssel. Mit wie dankbarer Freude würde die hebräische Wittwe ihre Schwelle zum letzten Mal überschritten haben, hätte sie geahnt, daß ihr Kind so bald gerettet zurückkehren würde, wenngleich als eine Trauernde, die ihrem Leichnam folgen würde! Die beiden Körper wurden nun ehrfurchtsvoll auf Matten, die auf dem Fußboden ausgebreitet waren, gelegt. Lycidas ging mit Joab hinaus, um, soweit es die Umstände erlaubten, Vorbereitungen zum Begräbniß zu treffen, welches bei dem heißen Klima nach Gebrauch jenes Landes sehr bald stattfinden mußte. Joab übernahm es, Männer, die ihm helfen würden, ausfindig zu machen. Mit diesen wollte er ein Grab, dicht neben dem der Märtyrer, auswerfen und versprach, nach Mitternacht zu kommen und die Leichen zu holen. ! die Hand an den Zügel seines Maulthieres und ging davon. (Fortsetzung folgt.) -- Goldkörner. Vielen Menschen fehlt es gar nicht an Empfindung, aber an Gefühl. Graf v. Loeben. Wer nicht kann was er will, der wolle was er kann. Die Hrojectirte Eisenbahn Heiligenblut- Glocknerhans. Wit Illustrationen.s Im Laufe des vorigen Sommers wurden auf Grund einer von der österreichischen Regierung ertheilten Vor- Unterer pasterzenkces (Ausblick Lycidas zog Gold hervor, aber Joab weigerte sich, es anzunehmen. „Märtyrer zu begraben, ist ein heiliges Amt und nicht zu gering selbst für die Vornehmsten," sagte der Maulthiertreiber, „aber was jenen Syrer anbetrifft, so habe ich nicht Lust, seine Knochen zu denen der Märtyrer zu legen, und wenn er auch ein Sohn der Hadassah ist. Ich glaube, er war nichts anderes als ein Verräther." „Er fiel," entgegnete Lycidas, „durch die Hand eines Syrers, als er ein hebräisches Mädchen rettete, er starb in den Armen seiner Mutter." Diese Worte waren mit zarter Rücksicht auf die Gefühle Sarah's gesprochen, weil sie, das wußte er, diesen Mangel an Ehrfurcht vor dem todten Körper ihres Vaters schmerzlich empfinden würde. „Versage ihm nicht ein Grab unter seinem Volk." Joab zuckte nur die Achseln zur Antwort, legte Kilometer 7 der projectirten Bahn). concession umfassende Studien zu einer Zahnradbahn von Heiligenblut nach dem Glocknerhaus vorgenommen. Der große Fremdenverkehr im obern Möllthal läßt eine bequeme Verbindung mit diesem, von der Section Klagen- furt des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins Jahrzehnte hindurch mit großen Opfern erhaltenen Schutzhaus längst wünschenswcrth erscheinen. Wir lassen hier eine kurze Beschreibung der interessanten Bahnlinie in Verbindung mit einer Reihe von Abbildungen folgen, die wir dem Vorconcesfionär der projectirten Bahn, Herrn Ingenieur Theodor Schenkel in Graz, verdanken. Die Linie zieht sich an der linken Steillehne des obersten Möllbachs, im Volksmund Pasterzenbach genannt, in einer Länge von 7390 Mir. dahin. Der ge- sammte Höhenunterschied beträgt auf diese Länge 834 Mir., und zwar liegen die Steigungen zwischen 40 Pro- mille und 29 Proc.; es ist deßhalb ein gemischtes Oberbausystem, d. h.^theilweise für ,Adhästonsbetrieb,^ theil- 283 Tunnel durch die Knschkewitzivand. KWK WM weise für Zahnstangenbetrieb (einfache und doppelte Zahnstange), in Aussicht genommen. Mit Rücksicht auf die sehr kostspielige Zuführung von Brennmaterialien und auf die vorhandenen ausgiebigen Wasserkräfte empfiehlt es sich, den elektrischen Betrieb für die Anlage anzuwenden, der überdies den Vortheil bietet, daß Steigungen bis zu 56 Promille noch mit Adhäsion überwunden werden können. Kostspielige Bauten sind trotz der enormen Höhenüberwind- ung nicht erforderlich. An jenen Lehnen, die Steingängen oder jährlich wiederkehrenden Lawinen ausgesetzt sind, wird man Galerien anlegen. Nur zwei bedeutendere Nebenthäler sind zu überqueren: die Thalspalte des Tauernbachs und die des Gutthalbachs, zweier Gletschcrwässer, die zur Zeit des jährlichen Gletscyerrück- gangs bedeutende Wassermengen liefern. Durch die Vortheilhafte Entwicklung der befahrenen Lehne läßt sich die Anlage künstlicher Steigungen vermeiden; nur die Durchquerung der Geierlochwand und der Laschkewitzwand macht zwei kleine Tunnelbauten nöthig, da gerade an diesen Stellen die Lawinengänge häufig find. Die gesammte, im Tunnel liegende Strecke dürfte wohl kaum 100 Mir. überschreiten. Außer der Ausgangsstation Heiligenblut und der vorläufig vorgesehenen Endstation Glocknerhaus find noch zwei Haltestellen, die eine am Gutthal, die andere oberhalb der den Touristen wohlbekannten Bricciuskapelle, geplant, die beide hauptsächlich als Ausweichen dienen sollen. Die Station Het- ligenblut > erhält ein Stationsgebäude, ein«; Reparaturwerkstätte und' ein kleines Frachtenmagazin, die Station Glocknerhaus eine gedeckte Personenwartehalle und eine Wagenremise für zwei Wagen. Der Oberbau der Bahnlinie erhält 1 Mtr. Spurweite und besteht aus zwei Vtgnolfahrschienen, der eingelegten Abt'schen Zahnstange und einer isoltrten Leitungsschiene für den elektrischen Strom. Die verkehrenden Wagen, jeder zu 12 Sitzplätzen, werden mit 50- pferdigen Zwillingsmotoren ausgerüstet; die Fahrgeschwindigkeit kann im Mittel zu 10 Kilomtr. in der Stunde angenommen werden, was mit Anrechnung des Aufenthalts auf den Zwischenstationen eine Fahrzeit von 1 Stunde 5 Min. für die Bergfahrt ergibt. Freiwand. Fuscherkar. Glocknerhaus. Wasserrad Rächerin. WWW -§r' s-) Trare-Enln-ieklung an den oberen Dreterwänden. 284 Die Einnahmen der Bahn ergeben sich aus dem Personenverkehr, der Gepäckbeförderung, der Verprovian- tirung der umliegenden Schutzhäuser sowie der am Paster- zenboden zu errichtenden Alpcnhotels, endlich aus dem Transport landwirthschaftlicher Erzeugnisse, d. i. von Holz und Futter. Dementsprechend wird der Verkehr etwa vom 1. Juni bis Mitte November aufrechterhalten werden müssen, was bei den günstigen Witterungsver- verhältnissen des Spätherbstes auch zu ermöglichen sein dürfte. Der Personenfahrpreis würde sich auf 25 Kr. ö. W. für daS Kilometer stellen, sodaß auf die Bergfahrt der mäßige Betrag von 1 Fl. 85 Kr. für die Person entfallen würde. Bei dem voraussichtlichen jährlichen Fremdenverkehr von etwa 16 000 Personen dürfte die Bahn eine genügende Rente abwerfen. Zur Kraftgewinnung läßt sich entweder der Abfluß des Letterthals oder der des Gößnitzthals verwenden, und zwar an jenen Stellen, wo die Gewässer in mächtigen Fällen von der rechten Lehne in das Möllthal stürzen. Der gesammte Kapitalsaufwand für die Bahnlinie berechnet sich auf 380000 bis 400000 Fl. ö. W. Für die Folge ist eine Fortsetzung der Bahnanlage durch das Leiterthal bis zur Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe geplant, und dann soll auch Heiligenblut mit der Südbahnlinte Marburg-Franzensfeste durch eine elektrische Kleinbahn verbunden werden, die etwa 40 Kilometer Länge haben und nur am Jselberg auf einige Kilometer Zahnstangenbetrieb erfordern würde. Die elektrische Kraftstation könnte in der Nähe der Ortschaft Winklern am Möllfluß errichtet werden. Vorläufig, d. h. bis zur Ausführung der eben erwähnten Möllthal- bahn, ist die Einrichtung eines regelmäßigen Wagenverkehrs mit zweimaligem Pferdewechsel geplant. ES würde die Aufgabe einer Transportunternehmung sein, die nöthigen Straßenverbesserungen und -Verbreiterungen an der jetzigen Bezirksstraße durchzuführen. Außerdem müßte durch eine größere Hotclanlage in Heiligenblut dem jedenfalls verdreifachten Frcmdenzuzug Rechnung getragen werden. Die für den Wagenverkehr, die Straßenverbesserungen und Hotelanlagen nöthigen Kosten würden sich auf etwa 300000 Fl. ö. W. belaufen. Hoffen wir, daß sich diese Pläne bald verwirklichen lassen, denn die großartigen Naturschönheiten des Möll- thals und der Glocknergruppe verdienen es sicherlich, dem großen Strom der Reisenden erschlossen zu werden. -—- Allerlei. Frauenberufe in England. Dem englischen Parlament ist soeben eine Berufsstatistik aus den Volkszählungsjahren 1871, 1881, 1891 zugegangen. In derselben findet man sehr interessante Aufschlüsse über den Fortschritt, den die Frauenberufe in England gemacht haben. Im Jahre 1871 waren als öffentliche Beamte 5000 Frauen angestellt, 1891 waren es 8546. Im Jahre 1871 gab es wohl schon weibliche Studenten der Medizin, aber keinen ausübenden weiblichen Arzt. Im Jahre 1881 praktizierten 29, im Jahre 1891 schon 101 Aerztinnen. In letzterem Jahre findet man zum ersten Male zwei Thierärztinnen. Die Zahl der Krankenwärterinnen dagegen belief sich auf 53,000. Unter der Bezeichnung „Schriftsteller, Redakteure und Journalisten" verzeichnet im Jahre 1891 die Statistik 660 Frauen, gegen 452 im Jahre 1881 und 225 im Jahre 1871. Speziell als „Reporter" bekannte sich 1871 noch keine Frau. Zehn Jahre später thun dies 15, zwanzig Jahre später 191. Am rapidesten ist die Zahl der Künstlerinnen gestiegen. Im Jahre 1881 waren in England 1960 Malerinnen, Nadirerinnen und Bildhauerinnen. Bis 1891 war die Zahl auf 3032 angewachsen. Die Zählung vom Jahre 1891 erwähnt zum ersten Male Architektinnen, und zwar 19. Endlich erscheinen in der Statistik von 1891 nicht weniger als 19,000 Musiklehrerinnen und 3698 Schauspielerinnen. * Ueberall, wo man auf das Zifferblatt einer Uhr sieht, kann man sicher sein, daß auf demselben, wenn mit römischen Ziffern versehen, die Vier durch das Zeichen IIII, nie aber durch das sonst allgemeine Zeichen IV markirt ist; ein Umstand, der wohl noch von den Wenigsten beachtet worden ist. Dieser merkwürdige allgemeine Gebrauch wird auf Kaiser Karl V. zurückgeführt, welcher ein besonderer Liebhaber von eigenartig gestalteten Uhren war; bis zu dessen Zeiten sollen die Zifferblätter durchweg mit der „IV" versehen gewesen sein, während der Kaiser bei allen seinen Uhren die andere Form der IIII verlangte. Da nun alle Uhrmacher wetteiferten, dem Herrscher, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, kostbare Uhren zu verehren, so wurde die erwähnte Art der Vier bald typisch und erhielt sich in alleiniger Form bis heute. Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau Carl Fr. Reichest, Berlin HIV. 6.^ --«««cs—- Trost am Multerherzen. (Zu unserem Bild Seite 279.) „Ich wollte kein Wort dir sagen, Es schmerzt so sehr, Und kann's doch allein nicht tragen, Ich kann's nicht mehr! Du sabest mein Glück, ob es nimmer Ein Wort verrieth Nun, Mutter, ist's aus für immer, Verhallt das Lied." „„Mein Kind, was dein Herzchen gestritten So stumm allein, Ich hab' es mit dir gelitten In tiefer Pein. Nun lerne, Liebling, dich fassen; Der Schmerz verzehrt; — Der Falsche, der dich verlassen, War dein nicht werth!"" „Mutter, ach, könntest du's fühlen, Wie weh das thut! Willst du die Wunde mir kühlen, Sei still — lei gut! Laß leise den Kopf mich schmiegen In deinen Schoß, Ein Weilchen am Herzen dir liegen, Ein Weilchen bloß!" Und stille ward's in der Kammer. Die Mutter litt Des Lieblings unsäglichen Jammer Verzehnfacht mit. Sie hat mit zärtlichem Neigen Sie leis gekost. So ward ihr Weinen und Schweigen Des Mägdleins Trost. Frieda Schanz. ---EZS--