-U 38. Ireitag, den 6 . Mai 1.896. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttlcr). Audas Makkaöäus, Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) In der folgenden Nacht befand sich LyctdaS wieder in dem Olivenhain. Er stand unter demselben Baum, dessen Zweige ihm, als er Sarah zum ersten Male sah, Schutz gewährten. Der Erdboden war infolge der langen Dürre sehr hart. Dem Joab und seinen Gefährten, die er sich zur Hilfe mitgebracht hatte, verursachte eS große Mühe, den Boden auszuwerfen. „Wenn wir jetzt den starken Arm des Makkabäus zur Hilfe hätten," sagte einer der Männer, indem er inne hielt, um sich die Schweißtropfen von seiner Stirn zu wischen. „MakkabäuS macht jetzt Gräber für seine Feinde, nicht für seine Freunde," war die ernste Antwort des Maulthiertrcibers. Dicke, schwere Wolken bedeckten den Himmel, nicht ein Windhauch bewegte sich, die Luft war drückend und schwül, selbst in jener Mitternachtsstunde. Eine kleine Fackel war das einzige Licht, welches die Todtengräber bei ihrem gefährlichen Werk zu benutzten wagten. In beinahe vollkommener Finsterniß wurden die Ueberreste Hadassah's und ihres unglücklichen Sohnes in den Staub gelegt. Kein silbernes Mondlicht schien durch die Stämme der Olivenbüume, noch war Sarah gegenwärtig, um Blumen in das offene Grab zu streuen. Ihre Körperkräfte waren endlich unter den langen Leiden, die sie zu erdulden gehabt hatte, gewichen. Das arme Mädchen lag in ihrer verlassenen Wohnung darnieder, zu krank selbst, um zu wissen von der Beerdigung derer, die sie, so lange sie dessen fähig gewesen, bewacht und beweint hatte. Es war für Lycidas eigenthümlich, auf diese Weise der einzige Stellvertreter von Hadassah's Familie bei ihrem und ihres Sohnes Begräbniß zu sein — er, der nicht nur kein Verwandter, sondern auch anderer Religion, mit einem Wort, ein Ausländer war, aber dieses Vorrecht schätzte er so hoch, daß er es nicht für den höchsten Ehrenplatz bei den prachtvollsten Feierlichkeiten der Welt hingegeben haben würde. Als das Grab über Hadaffah und ihrem Abner sich schloß, öffneten sich die Wolken und der lange, lange ersehnte Regen strömte hernieder. Der versengte, trockene Rasen schien neues Leben zn trinken das welke Laub schien sich zu beleben. Die ganze Natur erfreute sich dieser Himmelsgabe. Als die Sonne aufging, tröpfelte wieder das Wasser aus dem Quell hinter Hadassah's Wohnung. Die Oleander waren noch nicht todt, sondern erblühten in neuer Schönheit. 29. Kapitel. Der Trauernden Heimath. Ich gehe nun über die Begebenheiten mehrerer Monate leicht hinweg. Der Sommer ging mit seiner großen Hitze und seinen heißen Winden vorüber. Dann kamen starke Nachtthaue, und die Tageshitze nahm ab. Der Herbst näherte sich, aber wenige Bewohner Jerusalems hatten den Muth, die Festzeiten zu berücksichtigen. Die Zeit des Laubhüttenfestes nahte heran, und niemand wagte, die blätterreichen Hütten von Palmen und Weiden zu errichten, um darinnen eine Woche fröhlich, wie früher zuzubringen. Früh im Sommer hatte Antiochus Epiphanes Judäa verlassen, um nach Persien, wo er einen Aufstand zu unterdrücken hatte, zu gehen. Dieser war infolge seiner Grausamkeit ausgebrochen. Die Abwesenheit des Tyrannen hatte in etwas die Heftigkeit der Verfolgung gegen solche Juden, die dem Gesetz Mofis zu gehorchen bestrebt waren, gemildert, doch wagte noch niemand, jüdischen Gottesdienst in Jerusalem zu halten, und das Bild des Jupiter Olympias entheiligte immer noch den Tempel auf dem Berge Zion. Judas Makkabäus bot dem Feinde im südlichen Judäa kühn die Stirn. Die Macht seines Namens fühlten die reichen Weidelande, die Hebron umgaben, bis an die schöne Ebene am Südosten des todten Meeres. Soweit der Einfluß des Hasmonäers reichte, wurden Felder angesäet und im Herbst in Frieden abgeerntet. Der Landmann folgte seinem Gespann, der Hirte seiner Heerde. Mütter freuten sich ihrer Kinder, die sie nun ohne Furcht dem Herrn darbringen konnten. Aber von neuem zog eine schwere, von AntiochuS gesendete Kriegswolke heran. LystaS, der Beherrscher der westlichen Provinzen, hatte auf Befehl des Antiochus eine sehr große Kriegsmacht um sich gesammelt, ein Heer, viel größer noch als das, welches Nikanor geführt hatte, und Syrien sammelte wieder seine Horden, um durch Uebermacht den JudaL und sein kleines Heer zu vernichten.- 286 Und wie hatte Sarah dieses letzte halbe Jahr zugebracht? Sehr langsam und sehr schwer war ihr die Zeit vergangen, wie sie gewöhnlich denen vergeht, die ein großes Leid im Herzen tragen. Tief, sehr tief trauerte Sarah um Hadaffah, die ihr mehr als eine Mutter gewesen, ihre Rathgebertn, ihre Führerin. Viel weinte auch Sarah um ihren Vater, obgleich eine wehmüthige Freude diesem Kummer sich beimischte. Tausendmal wiederholte sie sich seine Segensworte, — tausendmal dankte sie Gott inbrünstig, daß er sie und ihren Vater zusammengeführt. Die Worte des Lysimachus hatten ihr Herz von dem, was es sonst schwer bedrückt haben würde, erleichtert. Jene Worte sagten ihr, daß Pollux ein verurtheilter Mann war, daß ein Abfall ihrerseits fein Leben nicht gerettet haben würde, und daß, wenn er nicht von dem Dolch des Syrers starb, er unwiderruflich dem Beil des Scharfrichters verfallen mußte. Und wäre Pollux auf solche Weise umgekommen, so würde jener Hoffnungsschimmer, der, in Sarah's Augen wenigstens, auf Abner's Grabe ruhte, nicht vorhanden gewesen sein. Sarah verließ nie den Umkreis ihrer abgeschiedenen Wohnung, außer, wenn sie das Grab besuchte. Wohin sie ging — so oft sie sich hinauswagte, war sie von der treuen Hannah begleitet. Kein fremder Fuß überschritt jemals ihre Schwelle. Sarah's einfache Bedürfnisse wurden immer befriedigt. Hannah veräußerte in Jerusalem den Flachs, den ihre junge Gebieterin gesponnen, sobald sie hinreichende Kraft fühlte, um ihre bescheidenen häuslichen Arbeiten wieder vorzunehmen. Während der Krankheit des Mädchens hatte Hannah heimlich jene kostbaren Pergamentrollen, von welchen Hadaffah eine Abschrift gemacht hatte, verkauft und dafür einen Preis bekommen, der sie in den Stand setzte, der Kranken für viele Wochen jede Bequemlichkeit, deren sie bedurfte, ja manchen Luxus zu verschaffen. Die Abschriften entstanden selbst von einer Hand, die nun im Grabe ruhte, und Sarah zählte sie zu ihrem kostbarsten Besitzthume. Ihre liebste Beschäftigung war, in ihnen zu lesen, über ihnen zu beten und den Inhalt ihrem Gedächtniß einzuprägen. Sarah hatte nicht die Mittel zu einer längeren weiteren Reise, wenn sie dieselbe nicht zu Fuß machen wollte, sie hätte denn einige Juwelen, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, veräußern müssen. Aber hierzu konnte sie sich nicht entschließen, da sie ihr zu theuer waren, auch fürchtete sie, daß durch den Verkauf der Edelsteine ihr Zufluchtsort leicht entdeckt werden könne. Hannah war wohl als Dienerin treu, aber als Rathgebertn nicht zuverlässig, und ihre junge, schüchterne, sanfte Gebieterin fühlte sich so ohne jeden Schutz und Führer nicht stark und muthig genug, um eine so gefährliche Reise von Jerusalem nach Bethsura zu unternehmen. Die Nothwendigkeit, den Schutz deS Makkabäus aufzusuchen, falls Rahel nicht mehr lebte, vergrößerte noch ihre Unlust, ihren jetzigen Zufluchtsort zu verlassen. Das Mädchen erinnerte sich noch zu gut dessen, was Hadaffah ihr hinsichtlich ihrer Vereinigung mit Judas eröffnet, um nicht zu fühlen, daß es äußerst peinlich für sie werden würde, wenn sie sich an die Güte ihres braven Verwandten wendete. Sarah hätte ihm um alles nicht sagen können, warum ihr der Gedanke einer Vereinigung mit ihm verhaßt und warum sie abgeneigt war, die Wünsche des MattathiaS und der Hadaffah zu erfüllen. Während Makkabäus oft eine fast unüberwindliche Sehnsucht fühlte, Sarah noch einmal zu sehen, schauderte diese bei dem Gedanken an den hebräischen Führer. Eine große Liebe fesselte auch die Waise an das Grab ihrer Eltern und an den Ort, wo sie ihre Kindheit verlebt hatte; liebe Erinnerungen knüpften sich beinahe an jeden Gegenstand, auf dem ihr Auge ruhte. Diejenigen, denen die Gegenwart eine dornige Einöde und deren Blick in die Zukunft durch düstere Nebel getrübt ist, verweilen lieber als andere bei freundlichen Bildern, die das Gedächtniß in der Vergangenheit erblickt. Es ist der Jugend so natürlich, in die Zukunft zu schauen, Sarah dagegen blickte, was ihr Leben auf Erden anbetraf, nur zurück. Welch ein Segen war es für sie, daß sie es mit einem so wenig beunruhigten Gewissen thun konnte. Wer nicht den Werth eines Schatzes erkannt, bis die Zeit das verachtete Gut hinwrggefpült, trägt selbst die Schuld an dem Elend, das er fühlt und macht sich die Welt zu der Wildniß, die sie ist. Als der Winter heranzog und die Zeit der Weinlese vorüber war, die Blätter fielen und die Luft nach Sonnenuntergang kälter wurde, traten Umstände ein, welche eine Veränderung in dem einförmigen, ruhigen Leben Sarah's herbeiführten. Der Sturm des Lebens war im Begriff, eine andere Wendung zu nehmen und sie neuen Prüfungen auszusetzen. 30. Kapitel. Veränderungen. Eines Abends gegen Sonnenuntergang, als Sarah allein an ihrem Rade saß und die Rückkehr Hannah's aus der Stadt erwartete, wurde sie dadurch erschreckt, daß eine Hand leise an ihre Thür klopfte. Die Hand war nicht der Hannah gehörig; denn diese hatte bet ihrer Rückkehr stets eine besondere Art, ihr Erscheinen kund zu geben. Da niemals ein Besucher in Sarah's Wohnung kam, war es kein Wunder, daß diese bei dem ungewohnten Geräusch erschrak, besonders als sie ihre gewöhnliche Vorsicht, in Hannah's Abwesenheit die Thür zu verriegeln, versäumt hatte. Als das junge Mädchen hastig aufstand, um das Versäumte nachzuholen, wurde die Thür von außen geöffnet und Lycidas stand vor ihr. Das Gesicht deS Griechen drückte Angst und Unruhe aus. „Vergib mir mein Eindringen," sagte Lycidas, indem er sich höflich vor dem erstaunten Mädchen verneigte, „allein die Sorge um Deine Sicherheit zwingt «ich, die Zusammenkunft zu suchen. Ich sah heute LysimachuS, den syrischen Höfling — wie wir zusammentrafen und weßhalb er mir das sagte, was ich im Begriffe bin, Dir zu eröffnen, thut nichts zur Sache, und ich werde mich kurz fassen: Lysimachus erzählte mir, daß nach Mittheilungen, ^die er erhalten hätte — wie, das weiß ich nicht — er Ursache hätte, zu vermuthen, daß das Mädchen, welches vor ungefähr einem halben Jahre von Antiochus zum Tode verurtheilt worden wäre, falls sie sich weigerte, von ihrem Glauben abzufallen, in einem einsam liegenden Häuschen im Osten von Jerusalem wohne. Der Syrer erklärte, daß er die Absicht habe, morgen früh jeden Fleck, der möglicherweise dem Mädchen als Zufluchtsort dienen könne, sorgfältig durchsuchen zu lassen und, wenn sie gefunden würde, 287 sie zu ergreifen, um sie dann als Gefangene nach Persien zu dem erbarmungslosen Tyrannen, dem er diene, zu schicken." Sarah wurde bei dieser Nachricht sehr blaß. «Du mußt diese Nacht noch fliehen, theures Mädchen," sagte LycidaS, «diese Wohnung bietet Dir keinen Schutz mehr." „Wohin kann ich fliehen und wie?" murmelte die Waise, «ich habe keinen Freund hier, außer —" Sarah zögerte und LycidaS beendete den Satz. „Außer dem Einen, dem Dein leisester Wunsch Befehl ist, dem jedes Haar auf Deinem Haupte theurer als sein Leben istl" rief der Athener. «Sprich nicht so zu mir, LycidaS," sprach Sarah tn bittendem Tone, «Du kennst zu gut die unüber- steigliche Kluft, welche uns trennt." „Nicht unübersteiglich, Sarah!" rief der Grieche. «Sie ist beseitigt, ich habe sie überschritten, sie trennt uns nicht mehr. Höre mich, Tochter Abrahams! Viel habe ich gelernt, seit ich diese Schwelle überschritt, viel habe ich geforscht in Euren Schriften, schon lange habe ich heimlich die Weisen befragt und mich von ihnen unterrichten lassen in Eurem Glauben. Ich bin nun überzeugt, daß es nur einen Gott gibt, einen Gott, der sich selbst dem Abraham offenbart hat: ich habe jedem heidnischen Aberglauben entsagt, ich handle in allen Dingen nach dem GesiO- Mosis, ich bin als ein völlig Bekehrter in die jüdische Religion aufgenommen und bin nun, wie Achior der Ammoniter, außer Namen und Geburt, in allen Dingen ein Hebräer." Sarah konnte einen Ausruf des Entzückens nicht unterdrücken, ihr ganzes Gesicht war überstrahlt von einem Ausdruck glückseliger Freude, die einen Widerschein auf den, der vor ihr stand, warf. In jenem wonne- vollen Moment fühlte LycidaS, daß er geliebt wurde. «O Freude!" rief Sarah, indem sie ihre Hände faltete, „dann bist Du also auch in den heiligen Bund aufgenommen und wirst zu den Kindern Abrahams gezählt! Dann darf ich auf Dich wie auf einen Brudex sehen!" „Kannst Du nicht auf mich wie auf etwas mehr als einen Bruder sehen, Sarah?" rief der Athener. „Kannst Du nicht fliehen, — da Du doch fliehen mußt von diesem gefährlichen Ort — unter dem Schutze eines liebenden. Dir verlobten Gatten?" Sarah erröthete, zitterte, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und sank auf den Divan, von welchem sie sich erhoben hatte, als sie das Anklopfen des Griechen gehört hatte, zurück. LycidaS wagte eS, sich neben sie zu sehen, eine ihrer Hände zu nehmen und sie zuerst an sein Herz, dann an seine Lippen zu drücken — denn er hielt Sarah'tz Stillschweigen für Zustimmung. Aber das Gesicht des Mädchens trug nicht den Ausdruck ungetrübten Glückes, sie fühlte sich beunruhigt und war unschlüssig über das, was sie thun sollte. Sie bedeckte wieder ihr Gesicht mit den Händen und murmelte: „O, daß meine Mutter hier wäre, mich zu leiten!" „Hadassah würde eine» Bekehrten, den die Nettesten angenommen haben, nicht zurückstoßen, sie war zu großherzig und zu gerecht," sagte LycidaS enttäuscht und etwas verletzt durch die Zweifel, welche augenscheinlich das Gemüth des Mädchens beunruhigten. „Höre nun, «eine Sarah," fuhr er fort, „den Plan, welchen ich zp Deiner Flucht entworfen. Ich habe schon mit dem treuen Joab Vorkehrungen getroffen. Er wird eine Stunde nach Mitternacht eine Pferdesänfte bringen, welche Dich und Deine Magd aufnehmen und fortbringen wird. Ich selbst werde mich bewaffnen und zu Rosse Dich begleiten. Wir werden zunächst unsem Weg nach der Küste zu nehmen. In Joppe werden wir, so hoffe ich, ein Schiff finden, dessen weiße Flügel uns bald in mein schönes, herrliches Vaterland bringen werden, wo Liebe, Freiheit und Glück meine schöne Braut erwarten." Einige Minuten lang gab Sarah keine Antwort. Wie verlockend war die Aussicht, die sich da so plötzlich vor ihr öffnete, strahlend in rosigem Licht, wie die Wolken beim Sonnenaufang. Dann zeigte Sarah ihr Antlitz wieder, aber ohne es zu erheben oder LycidaS anzublicken, und sagte mit vor Bewegung zitternder Stimme: „Hadassah, meine Mutter, würde es für unschicklich befunden haben, wenn ein Mädchen aus ihrem Vaterlande in ein Land, wo Gott weder bekannt ist, noch angebetet wird, unter dem Schutze eines Mannes, der nicht zu ihrer Verwandtschaft gehört, flieht." «Ich glaubte, Du hättest keine Verwandten, Sarah," sagte LycidaS, „und es wäre von Deiner Familie niemand übrig geblieben» dessen Schutz Du suchen könntest." «Ich habe — oder hatte — eine alte Verwandte, Nahel von Bethsura," antwortete Sarah, „welche, wenn sie noch lebt, mich in ihrer Heimath aufnehmen wird. Demnächst sind die hasmonäischen Brüder meine Verwandten." «Die edelste Familie des Landes!" rief der Athener. „Wenn es denn wirklich unmöglich für Dich ist, mit mir nach Griechenland —" „Nicht unmöglich, aber unrecht," warf Sarah sanft ein. „ES wäre gegen den Willen meiner Mutter, deren Wünsche mir jetzt heiliger sind, denn je." „Dann werde mein in Deinem eigenen Vaterlande l" rief LycidaS, «wo ich zeigen werde, daß ich verdiene. Dich zu gewinnen. Werden der edle Judas und seine Brüder mich für unwürdig halten, mich mit einer ihres Stammes zu verbinden, wenn ich mein Schwert derselben Sache weihe, für welche sie kämpfen, einer Sache, die ebenso glorreich ist, als die, für welche mein Vorfahr bei Marathon starb?" Noch wollte die Wolke deS Zweifels nicht von Sarah's Stirn weichen. Es gab noch ein Hinderniß, welches dem LycidaS zu offenbaren ihr schwer wurde. Endlich sagte sie schüchtern, indem ihre Wangen sich mit einer Purpurröthe überzogen: „Soll ich ganz aufrichtig gegen Dich sein, LycidaS?" „Ganz," antwortete der Athener mit peinlicher Be- sorgniß im Herzen. „Meine geliebte Großmutter ist zur Ruhe, ich kann ihre theure Stimme nicht wehr hören, aber sie hat mich über ihre Wünsche und Pläne nicht in Unwissenheit gelassen," sagte Sarah. „Ich glaube — ich bin sogar ganz gewiß," — Sarah konnte tn ihrer Verwirrung kaum deutlich genug für das Ohr des LycidaS sprechen, der sich bemühte, keines ihrer Worte zu verlieren — „sie hat «ich für einen Anderen bestimmt, ich weiß nicht einmal, ob ich nicht schon verlobt bin." LycidaS konnte sich kaum eines leidenschaftlichen Ausrufes enthalten. „Es war böse — grausam — schändlich I" rief er, „so über Deine Hand zu verfügen, ohne Deine Zustimmung!" „Solche Worte dürfen niemals gebraucht werden gegen etwas, was sie that. Die treue Mutter hatte stets das Glück und die Ehre ihres Kindes im Auge. Sie würde mir niemals eine Ehe aufgedrungen haben, gegen die mein Herz sich empörte, aber sie machte mich mit ihren Wünschen bekannt, und an dem letzten Tage, an welchem wir zusammen waren" — die Thränen flössen reichlich aus Sarah's niedergeschlagenen Augen, indem sie fortfuhr — „an jenem verhängnißvollen Tage, bevor ich sie verließ, um dem Passahfeste beizuwohnen, beauftragte sie mich bet der Liebe, die ich für sie hegte, niemals einen wichtigen Schritt im Leben zu thun, ohne vorher ihn, den sie für «einen besten irdischen Beschützer hielt, um Rath zu fragen." „Und wer wag dieser Anserwählte sein?" fragte LycidaS beinahe heftig, während eine qualvolle Eifersucht sich in seinem Innern regte, als er den Namen seine- Nebenbuhlers zu hören wünschte. Sarah murmelte: „Judas MakkabäuS." „Judas Makkabäus!" rief der junge Grieche in die Höhe springend, ebenso bei dem Klänge dieses Namens beunrnhtgt, als die Krieger von Nikanor. Lycidas hatte die Laufbahn des hebräischen Helden mit der begeisterten Bewunderung betrachtet, wie solche nur edle, nur poetische Naturen, gleich der seinigen, empfinden. Die Geschichte deS Makkabäus erschien dem Griechen wie ein Heldenspicl. Im Charakter, im Ruhm schwebte Judas in seinen Augen wie ein Riese über allen anderen Menschen seines Zeitalters. Lycidas war dem Anführer nur einmal im Leben begegnet, aber bei diesem einen Zusammentreffen mit Judas hatte Lycidas Eindrücke empfangen, die ihm Makkabäus mehr als ein Wesen, gleich dem der Halbgötter, von welchen die Dichter sangen und die man anbeten mußte, erscheinen ließen. Er war in den Augen des begeisterten Dichters eine lebende Verkörperung deS „Heldenmuthes der Tugend." Der Grieche hatte niemals vorher daran gedacht, daß Makkabäus menschlichen Leidenschaften unterworfen fein könne, und daß er ebensowohl versuchen könne, eines WeibeS Herz zu gewinnen, als über seine Feinde den Steg davonzutragen. Der Gedanke, ihn zum Nebenbuhler zu haben, erfüllte den jungen Athener beinahe mit Verzweiflung. Es schien mehr als vermessen, mit einem Gegner, wie diesem, die Arena zu betreten. Lycidas war überzeugt, daß, hätte Antiochus Epiphanes die Krone von Syrien zu Sarah'S Füßen gelegt, sie dieselbe zurückgewiesen haben würde; aber athmete ein Mädchen in Judäa, das anders als mit Stolz die dargebotene Hand eines solchen Helden angenommen haben würde — eines Helden, der gegen andere Sterbliche war wie der schneegekrönte Libanon gegen einen Maul- wurfshngel. Sarah fühlte, daß ihre Enthüllung dem Gemüth des Lycidas mehr Unruhe verursachte, als sie beabsichtigt hatte, oder als gerechtfertigt werden konnte durch den wirklichen Stand der Beziehungen zwischen ihr und dem hebräischen Führer. Sie beeilte sich, die Befürchtungen des Griechen zu beseitigen. „Ich verehre Makkabäus," sagte das Mädchen, „ich fetze das höchste Vertrauen in seine Weisheit und seine Ehre, aber persönlich ist Judas mir nicht mehr, wie einer seiner Bruder." Lycidas athmete erleichtert aus. Dankbar für die Ermuthigung, welche er in diesem Geständniß fand, nahm der Grieche seinen Platz wieder an Sarah's Seite ein. „Was willst Du denn bei Makkabäus?" fragte er. „Ich muß ihn um Rath fragen, wie Hadassah mir befohlen," sagte das Mädchen, „er muß alles wissen, was mich angeht, es ist mir, als ob er jetzt Vaterstelle an mir verträte." Die Gemüthsstimmung des Lycidas hob sich bet diesem Worte. Sein Herz füllte sich mit neuer Hoffnung. „Unser erstes Ziel, Geliebte," sagte er, „muß nun sein, Deine Person in Sicherheit zu bringen. Da Du keine Zuflucht in Attika suchen willst, wollen wir unseren Weg südwärts richten, was ja auch Dein Wunsch ist, und Deine alte Verwandte in Bethsura aufsuchen. Ich wollte, sie wohnte in einer anderen Gegend als Bethsura; denn diese Stadt hat eine syrische Besatzung, daS Heer deS LystaS ist unterwegs und das südliche Judäa wird so von kriegerischen Banden beunruhigt, daß das Reisen sehr unsicher dort ist. Hast Du in Galiläa keine Freunde und Verwandten oder an der Küste?" Sarah schüttelte den Kopf. „Ich weiß von niemand," sagte sie. „Nahe! wohnt nicht in Bethsura, sondern nahe dabei an einem abgelegenen Ort, daß der Feind ihn kaum finden wird. Wenn das Land von bewaffneten Banden beunruhigt wird, so sind dies die Männer des Makkabäus, und von diesen haben wir nichts zu befürchten." Obgleich Lycidas nicht wenig enttäuscht darüber war, daß er seinen Plan, Sarah nach der Küste und dann nach Attika zu bringen, hatte aufgeben müssen, so konnte er doch ihre Bedenken nur ehren und mußte gestehen, daß der Weg, für welchen sie sich entschieden, nicht nur der beste, sondern auch der weiseste sei. Sie kamen nun dahin übercin, daß Sarah unter dem Schutze deS Lycidas zu der zuerst von dem Griechen vorgeschlagenen Stunde reisen, aber daß ihr Ziel anstatt Joppe Bethsura sein sollte, welchen Ort sie, wenn sie die ganze Nacht reisten, vor der Morgendämmerung erreichen konnten. Während Sarah mit Lycidas über diese Vorkehrungen berieth, kehrte Hannah von Jerusalem zurück. Das Gesicht der treuen Dienerin verrieth die größte Angst. Eine Warnung, die sie von einer hebräischen Bekanntschaft erhalten, machte sie über die Sicherheit ihrer Herrin unruhig. „Q Gott, die Hunde sind dem Wilde auf der Spur." Herzlich froh war die Magd, als sie hörte, daß der athenische Herr gekommen sei, um die Flucht Sarah's zu bewerkstelligen, und daß seine Talente, sein Muth und das Gold, welches er reichlich spendete, die Schwierigkeiten, die ihrer Flucht hinderlich fein könnten, beseitigen würden. (Fortsetzung folgt.) ---i-AL-i-»-- Goldkörner. Zwischen Lipp' und KclcheSrand Schwebt der finstern Mächte Hand. Fr. Kind. —s-- Der schwarze Diamrmt. Aus dem Englischen von Emma Hanrieder. Nachdrul velbote». ES war ein trüber Frühlingsmorgen. Der Dampfer „Nelson", der vor vier Wochen Calcutta verlassen hatte, kam nun in Sicht von Southampton. Die Leute auf dem Ausguck hatten das Land gesehen, lange bevor das ungeübte Auge eS selbst durch ein Glas bemerken konnte. Allein als die Morgennebel zerflossen, erschien ein langer Küstenstrich, und bald waren der Hafen und seine Umgebung deutlich sichtbar. Viele Passagiere hatten sich auf dem Deck versammelt, um einen ersten Blick auf das Land zu werfen. ES waren darunter sonnverbrannte Soldaten, von denen einige ihr Vaterland seit Jahren nicht mehr gesehen, und die über die Veränderungen nachdachten, welche die Zeit in ihrer Heimath mit sich gebracht haben mochte. Es befanden sich dabei zarte, blonde Kinde?, von besorgten Müttern bewacht, deren Herzen sich zufammenkrampften beim Gedanken an die zurückgelassenen Gatten, beim Gedanken an die Kleinen, die sie, ach, so bald, der Obhut Fremder übergeben sollten. Als ich daneben stand und die aufgeregten Gesichter, die alle nach einer Richtung schauten, beobachtete .sagte ich mir, daß vielleicht keines von ihnen so froh sein würde, das Ziel unserer Reise zu erreichen, als ich. Gewöhnlich denkt ein jeder auf diese Weise, denn die eigenen Angelegenheiten scheinen uns immer viel wichtiger zu sein als die Anderer. Für mich war gewissermaßen dieser egoistische Gedanke berechtigt, denn für mich bedeutete die Landung in Southampton mehr, als bloß eine glückliche Ueberfahrt von Indien nach England, nämlich das Erreichen eines Zieles, welches seit Monaten der Gegenstand all' meiner Hoffnungen nud Gedanken war. Mit dieser Landung war eine Mission, von welcher meine ganze Zukunft abhing, glücklich beendet. An ihr hing für mich in der That die Entscheidung zwischen Erfolg und Mißlingen. Während der fünfnnddreißig Jahre meines Lebens hatte ich mancherlei durchgemacht, aber nichts, das mir soviel Angst eingeflößt hätte, als diese Reise von Calcutta nach Southampton. Meine Miipassagiere auf dem Dampfer hatten keine Ahnung, welch' ungeheure Verantwortlichkeit auf mir lag — daß, wenn ich ein nasses Grab gefunden hätte, 80 000 Psd. Sterling mit mir in die Tiefe gegangen wären, daß Braffingion, die wohlbekannte Londoner Juwelenhandlung, nicht im stände gewesen wäre, einen königlichen Auftrag, nämlich Lieferung eines Hochzeiisgeschenkes für eine Prinzessin auszuführen. Seit mehr als zehn Jahren war ich in dem Geschäfte der Herren Brassington angestellt, und obwohl man mir dort immer das größte Vertrauen geschenkt hatte, so erblickte ich doch in meiner Sendung nach Indien, wo ich den Ankauf eines historischen, einem reichen Najah gehörigen Diamanien abschließen sollte, die höchste Auszeichnung, deren ich mich je zu erfreuen hatte. Ich erinnere mich noch lebhaft des Entzückens, das ich empfand, als der ältere Brassington, der Chef der Firma mich auf sein Zimmer kommen ließ und, nachdem er über die Unterhandlungen wegen deS Diamanten gesprochen, zu mir sagte: „Herr Fenton, wir haben beschlossen, Sie mit der verantwortlichen Aufgabe zu betrauen, ihn aus Indien zu holen." Meine Kollegen, wenn auch etwas neidisch öö« meine Bevorzugung, überhäuften mich mit Glückwünschen und erklärten, daß der „alte Dick" auf dem besten Wege sein Glück zu machen! Meine Gedanken waren in der That ähnlicher Natur, denn, falls ich weine Mission erfolgreich ausführte, würde ich voraussichtlich nie wieder zu den andern Schreibern gezählt, sondern höchst wahrscheinlich jüngerer Theilhaber der blühenden Firma Brassington und Comp. werden. Beseelt von dieser sanguinischen und ehrgeizigen Hoffnung, ging ich nach dem Osten, wo ich meine Instruktionen bis auf den letzten Buchstaben ausführte und das werthvolle Objekt, einen prächtigen Stein in Haselnnßgröße, erwarb. Unter meinem Rock und meiner Weste trug ich einen starken, ledernen Gürtel, in welchem sich eine kleine Kapsel befand. In dieser wollte ich den Stein nachhause bringen. Ich hatte Mich entschlossen, den Gürtel weder bei Tag noch bei Nacht abzulegen, bevor ich den kostbaren Inhalt nicht meinem Auftraggeber ausgehändigt Hütte. Nachdem der Diamant in meinen Besitz übergegangen war, verbrachte ich bis zu meiner Einschiffung in Calcutta eine unruhige Zeit. Denn der Verkauf des Steines war bekannt geworden, und die Eingeborenen waren eine kräftige, listige Nasse, auf die ein Juwel eine ebenso große Anziehungskraft ausübt, wie ein Magnet auf eine Nadel. Jedoch es gelang mir, mich allen Plünderern zu entziehen, und ich ging an Bord des Dampfers mit dem Gefühle, daß, wenn nur die Eleuiente günstig wären, ich nichts mehr zu fürchten hätte. Im Ganzen genommen war die Heimreise schön, und als Southampton in Sicht kam, fühlte ich mich wie einer, der weiß, daß ihm der Sieg sicher ist. Nach meiner Landung mußte ich zu einem Juwelier in der Stadt, einem Agenten unserer Firma gehen, dem Herr Brassington die Beangenscheinignng des Diamanten versprochen hatte. Wenn ich diesen Mann gesprochen hatte, blieb mir nur mehr übrig, einen passenden Zug zu wählen und nach London zu reisen, wo ich noch vor Ladenschluß anzukommen hoffte, um mich dortselbst von jeder weiteren Verantwortlichkeit zu befreien. Als ich mit den andern Passagieren den Dampfer verließ, bemerkte ich einen großen schwarzen Mann, den während der Reise gesehen zu haben, ich mich nicht entsinnen konnte. Er trug einen schäbigen, europäischen Anzug, hatte aber eine auffallende Ähnlichkeit mit einem der eingeborenen Diener des Najah, von welchem ich den Diamanten gekauft. Dieser Mensch sah wenig vertrauenerweckend aus, und ich vermuthete stark, daß er sich in den Besitz des Steines sehen wolle, denn in Calcutta war er mir überallhin auf dem Fuße gefolgt. Als ich länger darüber nachdachte, kam ich jedoch zu der Ueberzeugung, daß der Diener Najah kaum mit dem Manne, der mit mir sich ausschiffte, identisch sein könne. Denn während der erstere keine Gelegenheit versäumte, mich mit seinen wachsamen und listigen Blicken zu verfolgen, ging der andere ohne das geringste Zeichen des Er- kennens an mir vorbei und verlor sich bald unter der Menge. Ich ging sogleich zu Herrn French, dem ersten Juwelier in Southampton, den ich zu meinem Aerger nicht zu Hause fand. Ich war angewiesen, den Diamanten nur ihm zu zeigen, und deshalb genöthigt, seine Rückkehr abzuwarten. Dies verhinderte mich, den Früh- zug zu benutzen, und ich entschloß mich, mit dem Abend- 290 Schnellzug nach London zu fahren. Bald nach Mittag kehrte ich zu dem Juwelier zurück, der mich bereits erwartete. Er war ein melancholischer, kleiner Mann, eines jener sonderbaren Geschöpfe, die, selbst unzufrieden mit dem Leben, auch andere zu ihren düsteren Ansichten bekehren wollen. Er bewunderte den Diamanten un- gemein, aber als ich ihm sagte, wie sehr ich mich freute, ihn glücklich herübergebracht zu haben, antwortete er mit trübem Lächeln: — „Ach, mein lieber Herr, loben Sie den Tag nicht vor dem Abend! Sie müssen Ihren Schatz noch einige Meilen weiter tragen, und manches kann sich während dieser Zeit noch ereignen! Da er mich dadurch, gelinde gesagt, verstimmt hatte, wartete er mir noch mit einer sehr heiteren Anekdote auf. „Ach, sagte er zu mir, wie gut erinnere ich mich noch des armen Forley, der die Rubinen der Gräfin von Blank aus New Jork herübergebracht hat. Um die Wahrheit zu gestehen, er war ein leichtgläubiger Ire und unfähig, etwas für sich zu behalten. Er wurde von Amerika aus verfolgt und wenige Meilen außerhalb Londons mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Jede Spur von den Edelsteinen fehlte." In meiner Lage war diese Geschichte keineswegs angenehm zu hören. Herr French beobachtete mich einige Augenblicke mit kritischen Blicken und erkundigte sich dann, ob ich Feuerwaffen bei mir führte. Ich antwortete daß dies nicht der Fall sei. Dies sei ein großer Fehler, versicherte er mir und drang unablässig in mich, daß ich mit ihm gehen und vor meiner Abreise einen Revolver kaufen mutzte. Dann verabschiedete ich mich von meinem neuen Freunde mit einem Gefühle der Erleichterung und versuchte der Furchtsamkeit, mit welcher er mich angesteckt hatte, los zu werden. In einem ZeitungS-KioSk verschaffte ich mir noch einen kleinen Vorrath Lektüre. Ich wählte mir ein kleines Coups 2. Klasse und die grausigen Geschichten des Herrn French noch immer im Kopfe, versicherte ich mich, ob ich in dem Coups auch allein und ungestört bliebe. Ich schleuderte meine Zeitungen und die Reisetasche auf einen Sitz und suchte dann auf dem Perron nach einem Schaffner. Diesem ließ ich etwas in die Hand gleiten und bat ihn, darauf zu sehen, daß niemand in meine Abtheilung komme. Er ging mit mir zurück und sperrte, als ich meinen Platz eingenommen, die Thüre ab. Ich richtete mich bequem in einer Ecke ein, in dem Gefühle absoluter Sicherheit, das mich schon seit langem geflohen hatte. Vor Abgang des Zuges rüttelte noch manch ungeduldige Hand an der Thüre, aber da es unmöglich war, den Eingang zu erzwingen, verließ ich Southampton ungestört. ES war noch hell genug, um zu lesen. Ich durchblätterte die Zeitungen, lehnte mich in die Polster zurück und vertiefte mich in meine Blätter. Dabei belästigte mich mein Revolver in der Seitentasche. Nun muß ich eine große Schwäche eingestehen, nämlich meine außerordentliche Abneigung gegen Feuerwaffen. Um Bon Gualtier's Worte zu gebrauchen, „habe ich einen heilsamen Schrecken vor Pulver und Stahl." Und so zog ich den Revolver aus meiner Tasche und legte ihn neben mich. Dies war sehr unvernünftig gehandelt, da ein plötzlicher Ruck des Wagens ihn hätte Herabschleudern und entsetzliches Unglück veranlassen können. Jedoch ich that es, und fing mit erneutem Eifer wieder zu lesen an. Eine Viertelstunde lang vertiefte ich mich in einen interessanten Artikel, legte die Zeitung dann weg und blickte um mich. Plötzlich machte ich eine überraschende Entdeckung: der Revolver war verschwunden. Zuerst befremdete eS mich nur. Ich schaute auf die Sitze neben mir, langte in meine Taschen, um zu sehen, ob ich ihn in der Zerstreutheit nicht etwa eingesteckt habe, — aber er war nicht zu finden. Und als ich so dasaß, erstaunt und erschreckt, drängte sich mir die entsetzliche Ueberzeugung auf, daß ich nicht allein sei, daß jemand sich unter meinem Sitze befinde und mit mir eingeschlossen sei. ES war ein lähmender Gedanke. Ich wagte nicht, mich zu bewegen und beschloß, in dieser höchst kritischen Lage mich so tapfer als möglich zu halten. Zuletzt beredete ich mich, daß der hier Verborgene eS keinesfalls auf mich könne abgesehen haben. Zufälligerweise hatte icb wohl den Wagen, in welchem irgend ein unglückliches Geschöpf sich versteckt hatte, gewählt. Der Versuchung nicht widerstehend und waffenlos, hatte es sich meinen Revolver angeeignet. Ich glaubte, daß unter diesen Umständen vielleicht doch der nächste Halteplatz heil zu erreichen wäre. Ich brauche nicht zu bemerken, daß an eine Fortsetzung meiner Lektüre nicht zu denken war. Mit der Zeitung in der Hand saß ich da, starr vor mich Hinblicken!». Ich weiß nicht, wieviel Zeit verflossen sein mochte, als ich fühlte, daß etwas meinen Fuß berühre. Ohne meinen Körper im Geringsten zu bewegen, beugte ich meinen Kopf vor und sah hinunter. Was mußte ich sehen! Eisig kalt durchschauerte es meinen Körper und jede Fiber meines Innern zitterte. Am Boden an meinem Fuße war eine Hand, — und diese Hand war schwarz! Nun wußte ich es ganz gewiß, daß ich in Todesgefahr schwebte; ich stand diesem elenden Bösewichte, der mir bis hieher nachgeschlichen war in der entschiedenen Ansicht, sich des Diamanten auf jeden Fall zu bemächtigen, allein und ohne Waffen gegenüber. Ich fühlte, daß er einen Strick um meine Füße schlingen wollte, um mich noch hilfloser zu machen. Es kam mir wie ein entsetzlicher Traum vor, aus dem ich jeden Augenblick zu erwachen hoffte. Mein Schicksal schien besiegelt. Keine Möglichkeit zu entkommen war gegeben. Der Tod starrte mir inS Gesicht. Was immer für Schwächen ich auch an mir haben mag, feige bin ich nicht; und so war ich entschlossen, nöthigenfalls zu sterben, mich aber meiner Haut bis aufs Aeußerste zu wehren. Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen, ergriff Mit einer blitzschnellen Bewegung jene dunkle Hand und zog den Jndier aus feinem Versteck. Mein Angriff kam ihm so unerwartet, daß er keine Zeit fand den Revolver zu ergreifen. Er hatte ihn, wie es scheint, in seine Brusttasche gesteckt, während er sich mit dem Strick zu schaffen machte. Meinen Vortheil sofort wahrnehmend, packte ich seine Hände mit verzweifelter Anstrengung. Aber die Bestie war auf mir wie ein Panther. Er war ein großer Mann, an Körperkraft mir weit überlegen, und ich erkannte bald die Hoffnungslosigkeit meines Bemühens. Trotzdem entspann sich ein wüthendes Ringen. Wie ich glaube, dauerte es kaum einige Sekunden; dabei fand ich aber doch noch Zeit, mehr als einmal an den wahrscheinlichen Ausgang zu denken, ohne aber daS Nichtige zu treffen. — Plötzlich, ohne vorhergehendes Warnungszeichen, stieß der Zug auf seiner Bahn auf ein ernstes Hinder- niß. Ein entsetzlicher Krach erfolgte; der Wagen, in dem wir uns befanden, bäumte sich tn die Höhe, und zersplitterte wie die Nuß in einem Knacker. Gleich der erste, heftige Stoß hatte mich von meinem Feinde getrennt. Von ihm sah und hörte ich nichts wehr. Ich für meine Person wurde unter den Trümmern des Wagens begraben. Meine rechte Seite, Arm und Bein waren schrecklich zerquetscht. So heftig mein Schmerz auch war, ich blieb doch beim Bewußtsein und die Sinne schwanden mir nicht völlig. Seit einer halben Stunde hatte ich versucht, dem Tode in Voraussicht meines nahen Endes inS Auge zu schauen, und so blieb mir gewissermaßen die Panik, welche alle anderen Passagiere im Zuge ergriffen hatte, erspart. Ich konnte ihre markerschütternden Hilferufe vernehmen, ich konnte die hastigen Schritte durch zu ihrer Rettung Herbeieilenden hören und ab und zu den flackernden Schein der Laterne, die sie trugen, sehen. Aber das Alles nahm ich nur ganz unbestimmt wahr. Ich wußte nicht recht, wo ich mich befand, und was weiter um mich vorging. Von Zeit zu > Zeit fiel ich in eine Art Betäubung, aus der mich der i Schmerz in meinen gebrochenen Gliedern wieder weckte ! und ins Leben zurückbrachte. i Nach einer Weile hob sich das Holzwerk, das auf ^ Mich drückte, und ich sah freundliche, thetlnahmsvolle : Blicke, die sich auf mich richteten. Während man sich ! bemühte, mich herauszuziehen, mußte ich wohl das Be- ! wußtsein verloren haben, denn, als ich wieder zu mir s kam, merkte ich, daß man mich im Dunkeln forttrug, und wieder sah ich den schwachen Laternenschimmer hin- und herflackern. Darauf wieder eine lange Ohnmacht, — und als ich aus ihr erwachte, fand ich mich auf einem Bette, in einem kleinen Raume, den man offenbar in aller Eile zur Aufnahme für die Verwundeten hergerichtet hatte. Kraftlos und zerschmettert, wie ich nach dem Durch- z lebten war, sank ich mit einem Seufzer der Erleichterung in meine Kissen zurück. Neben meinem Lager stand ein Mann, den ich für einen Arzt hielt, und in einiger Entfernung eine Wärterin mit weißer Haube. Alle diese Einzelheiten nahm ich in halbwachem Zustande wahr, — da trat plötzlich die Erinnerung an meinen Diamanten mir vor die Seele. Was war aus ihm geworden? Mein rechter Arm war jetzt geschient und nicht zu gebrauchen. Ich konnte gar nicht daran denken, ihn zu bewegen. Meine linke Hand war zwar auch nicht unbeschädigt, aber es war mir doch möglich, mit ihr den ledernen Gürtel zu befühlen. Nun aber befand sich die Kapsel mit dem Diamanten unter meinem kranken Arme. Mochte ich mich drehen und wenden wie ich wollte, auf keinen Fall konnte ich in dieser Lage an sie kommen. Meine Ruhelosigkeit mochte dem Arzte aufgefallen sein, denn er kam herbei und warf einen fragenden Blick auf mich. Sein Gesicht war so freundlich und vertrauenerweckend, daß ich nicht Anstand nahm, ihm mitzutheilen, was mich so beklommen machte. Ich sprach leise und so kurz als möglich — vom Jndier jedoch sagte ich kein Wort. Vielleicht hielt er anfänglich meine Angabe für die Ausgeburt einer fiebernden Fantasie; als er aber dann seine Hand nach «einer Anweisung unter meine rechte Seite gebracht hatte, fühlte er alsbald das Täschchen in dem Gürtel und gab mir die beruhigende Versicherung, daß der Diamant sich noch darin befände. „Sie werden kaum imstande sein, Ihren Schatz z« hüten", sagte er. „Soll ich ihn etwa in Verwahrung nehmen, bis Sie Ihre Reise wieder fortsetzen können?" Mit herzlichem Danke für sein Anerbieten erklärte ich, daß eS mir nicht möglich sei, mich von ihm auch nur auf einen Augenblick zu trennen. Offenbar war ich damals sehr aufgeregt. Meine Schläfen hämmerten, und meine Zunge war kaum fähig, die Worte zu bilden. Mit kritischen Blicken maß mich der Arzt, befühlte meinen Puls und suchte mich mit sanften Worten zu beruhigen. „Regen Sie sich nicht auf. Schließlich ist es besser so, wie es ist. Es weiß doch niemand von der Existenz des Steines. Lassen Sie die Furcht beiseite, und denken Sie an nichts, als an Ihre Gesundheit." Er schüttete etwas in ein Glas und reichte eS wir. Bald war ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf verfallen. Es mochte um die Zeit der ersten Morgendämmerung sein, als ich wieder erwachte und um mich schaute. Ich befand mich weit besser als vorher und war nun imstande, meine Umgebung mit Interesse zu mustern. Da bemerkte ich, daß in dem Raume drei Betten standen. Das eine zu meiner Linken war leer; zweifellos war der Arme, der Darin gelegen, gestorben und während meines Schlafes weggeschafft worden. Das Zimmer war durch ein Nachtlicht nur dürftig erhellt, so daß ich anfänglich die verschiedenen Gegenstände nicht deutlich erkennen konnte. Nachdem aber meine Augen nach einer Weile sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, vermochte ich das Bett rechts besser zu übersehen und meinen Leidensgefährten zu erkennen. Was ich auf dem weißen Kiffen dort sah —, das war der schwarze Kopf meines mörderischen Feindest Die vielen ausgestandenen Schmerzen hatten mich ungemetn geschwächt und im ersten Augenblicke war ich fast gelähmt vor Furcht — ein Gefühl, von dem ich im Zuge keine Spur empfunden hatte. Zuerst wollte ich um Hilfe rufen, aber es kam mir der Gedanke, daß mich die Wärterinnen höchstens für fieberkrank halten würden. Zudem schien es wahrscheinlich, daß der Schwarze mich nicht erkannt hatte. So nahm ich denn das bischen Muth, das ich noch besaß, zusammen, entschlossen, mich völlig ruhig zu verhalten und meinen Kopf von ihm abzuwenden, damit diese listigen, grausamen Augen mich nicht sehen möchten. Wieviel Zeit so verging, weiß ich nicht; ich merkte nur, daß mein Herz wie ein Schmiedehammer schlug und das Betttuch sich mit jedem Athemzug hol und senkte. Endlich glitt eine Wärterin in das Zimmer und gab mir, da sie mich wach sah, einen Löffel Arznei. Leise bat ich sie, mich nicht zu verlassen. Lächelnd sagte sie zu und ließ sich neben mir auf einem Stuhle nieder. Die Medizin mußte etwas Betäubendes enthalten haben, kaum hatte ich sie genommen, so schlief ich von neuem ein. Darauf hatte die Wärterin wohl das Zimmer verlassen und war zu andern Patienten in dem anstoßenden Gemache gegangen. Da wurde meine Bettdecke fast un» merklich gelüftet. Es führte dennoch mein Erwachen herbei. Als ich meine Augen aufschlug, sah ich, wie jenes dunkle böse Gesicht sich über mich beugte. Bevor ich einen Laut hervorbringen konnte, legte sich eine schwere Hand auf meinen Mund. Der Ledergürtel, der soeben durchschnitten worden war, wurde herausgezogen, und im nächsten Momente schlich sich der Jndier zum 2S2 Fenster. Ich schrie um Hülfe so laut ich vermochte, aber unterdessen war der Schwarze bereits zum Fenster hinausgeschlüpft und in der Dunkelheit verschwunden. Ich hatte versucht, mich aufzuraffen, um ihn zu verfolgen, aber meine kraftlosen Glieder versagten mir den Dienst und ich fiel ohnmächtig in das Bett zurück, als der Arzt und die Wärterin in das Zimmer eilten. Sobald ich wieder zu mir kam, schrie ich wild und leidenschaftlich, daß ich beraubt, ruiniert, meine ganze Existenz vernichtet seil Der Arzt sah mich lächelnd an. „Seien Sie nicht gar zu sicher", sagte er. Bei diesen Worten zog er etwas aus seiner Westentasche, legte es auf seine Handfläche und hielt es mir hin. Es war der Diamant des Najah! Auf einige Augenblicke dachte ich vor Entzücken und Erleichterung an nichts anderes. Dann aber fragte ich verblüfft, wie das sein konnte; denn ich war der sicheren Meinung gewesen, daß ich den Diamanten gehabt hätte. Der Arzt hatte mich damals von dem Vorhandensein des Steines überzeugt, und ich hatte mehr denn einmal meinen verwundeten Arm an meine Seite gepreßt und dann jedesmal den kleinen, harten Gegenstand, der soviel werth war, gefühlt. Der Doktor lachte. „Das war nur ein Ersah", sagte er, und erklärte mir darauf, er habe es in Anbetracht meines Schwäche- zustandes nicht für räthlich gehalten, den Diamanten bei mir zu lassen. Voraussichtlich würde ich mich bei der Trennung von dem Steine in ein heftiges Fieber hineingearbeitet haben. Er hatte es verstanden, während ich schlief, den Diamanten herauszunehmen und, um mich in Ruhe zu erhalten, ihn gegen etwas anderes umgetauscht. »- „Ich hatte beabsichtigt, einen kleinen Kieselstein hineinzuthun:", sagte er, „konnte aber in der Eile keinen gleichgroßen finden und unterschob statt dessen ein Stück Kohle, das gerade so war, wie ich es benöthigte. Wie Sie sehen, ist Ihr Freund aus dem Osten mit einem Diamanten von seiner eigenen Färbung durchgegangen." -—-- ALLssLsr« Poetisch. „Ach, liebe Camilla, theile meinen Schmerz! Du weißt, wie ich die Thiere liebe. Täglich ging ich nach dem benachbarten Streuheim, um dort die prächtigen Heerden zu bewundern. Vor allem war es ein Kalb, das sich durch seinen Frohsinn und seine munteren Sprünge meine herzlichste Zuneigung erworben. Gestern, denke Dir, kam aus unser'm Städtchen ein großer starker Mann mit einem Hunde nach Streichet«. Er handelte mit dem Besitzer meines Lieblings, und sie wurden Handeleins. Das Kalb ahnte, was ihm bevorstand. Lautlos ergab es sich in sein Schicksal und warf mir nur einen einzigen Blick zu, einen Blick, als ob eS sagen wollte: „Leb' wohl! . . Auf Mederseh'n auf der Speisekarte!"" * Stoßseufzer eines Mainzers. „Herrgott, wenn nor emol ener e' Maschin' erfinde that', daß wer am Sunntag sei' Fraa net mehr mitnehme müßt'!" Widerlegt. Richter fzu einem jugendlichen aber vielfach vorbestraften Angeklagten^: „Sie sind ja schon ein recht abgefeimter Bursche! DaS kommt von den schlechten Gesellschaften!" Angeklagter: „Wieso? ich habe doch meist mit den Behörden zu thun!" * Ruhestörung. „Ist Ihre Furcht vor Einbrechern beseitigt, seit Sie sich den Hund angeschafft haben?" — „O ja." — „Na, dann ist Ihre Nachtruhe ja doch nicht mehr gestört?" — „O doch, durch den Hund." Jagdvorbereitnngen. Oberhofmeister: „Habev Sie alle Vorkehrungen zur Jagd für Se. Durchlaucht getroffen?" — Forstmeister: „Jawohl, alle Jäger und Treiber sind bereits in die Unfallversicherung eingekauft." * Generös. Prinzipal zum Lehrling: „Mater, ich muß Sie bitten, mit Ihren Interpunktionen nicht so sparsam zu sein, besonders diesem Kunden gegenüber, der uns so viel Geld zu verdienen gibt!" -- v > < -*--- Im Maien. O, war' ich werth, Maria, Dich zu preisen, Wär' fromm mein Herz und meine Seele rein, — Ich wollte singen Dir in tausend Weisen, In solchem Singen müßt' ich — selig sein. Dir blüht der Blumen Gruß auf tausend Fluren, Dein Lob verkünden Wind und Wolkenzug, Und alles, was da Deiner Würde Spuren Als Gottgeschaff'nes in sich hat — und trug. Kaum gottbewußt — und doch nur Dir zu Ehren! Wie wird das Kleinste da vom Kleinen groß, Darf'S mit dem ganzen Ich Dein Lob vermehren; Nur ich steh' zagend fern und spendelos. Nicht Rosen hab' ich, die im Licht erglühten» Maiholde Frau, zu Deines Thrones Zier, Nur einen Kranz von schlichten Herzensblüthen; O, nimm als Opfergrnß ihn an von mir! München, 2. Mai 1896. Elsa GlaS. - ^ > > > - > Schach aufgäbe. Schwarz. 6 S Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. —-EVS--