M 39. altimgsdla „Nugsburger PostMung". Dinstag, den 12. Mai 189k. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des LiterariiLen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas Makkabäus. Historiicher Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 31. Kapitel. Die nächtliche Reise. Die mit Sarah's Abreise verbundene Eile machte ihr den Abschied weniger schmerzlich, als er sonst wohl gewesen sein würde. Es blieb ihr wenig Zeit, sich trüben Gedanken darüber hinzugeben, daß sie einen Ort verlassen mußte, den die Erinnerung noch mit geliebten Wesen belebte. Auch leblose Gegenstände, wie der Tisch, an welchem Sarah so oft gesessen, der Rocken, an dem sie gesponnen, die Blumen, die sie gepflegt, waren zu kostbare Dinge, als daß sie sich ohne Schmerz von ihnen getrennt hätte. Es war nur wenig, was Sarah in einer Sänfte mit sich nehmen konnte. Außer den Pergamentrollen, einigen Kleidungsstücken und ihren wenigen Juwelen mußte alles zurückgelassen werden. Obgleich Sarah in großer Gefahr schwebte und die Wunde ihres Herzens noch nicht geheilt war, fühlte sie doch eine so große Freude, daß es ihr schien, als könne diese Freude sie niemals verlassen. „Lycidas ist als ein Sohn Abrahams angekommen! Lycidas gehört zum auserwählten Volke Gottes!" Dieser Gedanke machte Sarah's sanfte Augen glänzen, beflügelte ihre Schritte und erfüllte ihre Seele mit Hoffnung und Freude. Nicht, daß Sarah in ihrem neuen Glück ihre Großmutter vergessen hätte, sondern das Andenken der Todten war im Gegentheil mit jedem freudigen Gedanken verwebt und diente dazu, ihn zu heiligen. „Wie würde Hadassah, wenn sie dieses erlebt hätte, den Namen des Heirn gepriesen haben!" dachte Sarah. „Ihre Worte waren ein Samen, der auf den reichsten Boden fiel, während ihr Kind sich nun der Ernte freut. Sie war es, die zuerst das kostbare Leben meines Lycidas rettete und darauf seine noch kostbarere Seele zur Quelle des Heils führte l Hätte Lycidas nie die Stimme meiner Mutter gehört, so wäre er jetzt noch ein Götzendiener." Trotz ihrer schüchternen Natur empfand das Mädchen bei dem Gedanken an die bevorstehende Reise mehr Freude als Furcht. Lycidas sollte ihr Beschützer sein, Lycidas wollte ihr nahe bleiben, seine Gegenwart versprach ihr Sicherheit und Glück. „Und würde es bei der künftigen Reise durch's Leben nicht auch so sein?" flüsterte die Hoffnung dem jungen Mädchen zu. „Kann Judas Makkabäus wider die Verbindung seiner Verwandten mit einem Bekehrten etwas einzuwenden haben, wenn er sieht, daß ihr Glück damit verbunden ist und daß Lycidas ein wüthiger Vertheidiger des Glaubens, den er angenommen hat, sein wird?" Sarah wurde bei dieser Frage etwas unruhig und zweifelhaft, aber durchaus nicht muthlos. Das Mädchen ahnte nicht, wie tief sie von dem, der gewohnt war, jeden Ausdruck seines Gefühls zurückzuhalten, geliebt wurde. Sie fürchtete sein Mißfallen zu erregen, aber sie glaubte nicht im entferntesten, daß sie Macht habe, ihn unglücklich zu machen. Wie wäre es auch möglich gewesen, daß ein so gewaltiger Held, ein so begeisterter Führer sich um ein Mädchenherz kümmern würde. Die Liebe war in Sarah's Augen eine Schwäche, deren sie ein so ruhiges und erhabenes Wesen wie Makkabäus nicht für fähig hielt. Aber ist der Baum des Waldes darum weniger stark und majestätisch, weil der Frühling ihn mit tausend Blüthen schmückt? Oder sind jene Blüthen deshalb keine echte Blumen, weil ihre Farbe zu sehr der der Blätter gleicht, als daß sie von einem achtlosen Beschauer bemerkt werden könnten? Makkabäus würde mit seinem gedankenvollen, zurückhaltenden Wesen eben so wenig zu Sarah von seiner Liebe gesprochen haben, wie von dem Schlagen seines Herzens. Beide waren ein Theil seiner Natur, eine Nothwendigkeit seines Daseins. Joab war pünktlich. Eine Stunde nach dem Eintreten der Dunkelheit näherten sich dem Hause der Hadassah Rossehufe. Hannah öffnete vorsichtig die Thür, um zu erspähen, ob die sich Nähernden Freunde oder Feinde seien. „Es ist der Herr Lycidas!" rief sie freudig, als der Reiter seine Zügel an der Thür befestigte. Der Athener fand Sarah und ihre Magd zur Abreise bereit, und in wenigen Minuten saßen die Beiden in der Sänfte, die Joab führte; die Vorhänge wurden niedergelassen, und die Reisenden verließen ihre einsame Wohnung, um die gefährliche Reise anzutreten. Das Wetter war bei der vorgerückten Jahreszeit kalt, besonders Nachts; aber Lycidas war froh, daß die Regenzeit ein Ende hatte, welche, wie gewöhnlich, das Herannaht n des Winters ankündigte. Der Himmel war wolkenlos und klar und das blaue Gewölbe mit Sternen übersäet. Nach einigen Windungen in den Hügeln kam die Reisegesellschaft in das Thal Rephaim, welches reich an Kornfeldern, Wein und Obstgärten war. Das Korn war längst eingeerntet, die Weintrauben gesammelt, aber die Feigenbäume waren noch mit Früchten beladen. Sarah achtete nicht viel auf die sie umgebende Landschaft, obgleich dieselbe vom Schein der Sterne ein wenig beleuchtet wurde. Die rauhe Bewegung der Sänfte über felsige Straßen schloß jede Unterhaltung aus, auch hatte Sarah nicht Lust, eine solche mit ihrer Gefährtin einzugehen. Das Schwanken der Sänfte lud zum Schlafen ein, und nachdem ungefähr eine Stunde der Reise vergangen war, überschlich sie die Müdigkeit. Da wurde Sarah plötzlich durch einen Ruck aufgeschreckt, welcher, obwohl nicht heftig, doch genügte, um sie in Unruhe zu versetzen und vollständig zu ermuntern. „Ist etwas vorgefallen?" fragte das Mädchen, indem sie die rothen Vorhänge der Sänfte auseinanderschob. Lycidas war abgestiegen und augenblicklich an ihrer Seite. „Es ist nichts von Bedeutung," sagte er, „beunruhige Dich nicht, liebes Mädchen, einer der Riemen hat nachgegeben. Joab wird schnell alles in Ordnung bringen, ich bedaure nur die Verzögerung." „Wo sind wir jetzt?" fragte Sarah. „Noch bei dem Dorfe Bethlehem," war des Atheners Antwort. „Achl Bethlehem muß ich noch einmal sehen!" rief sie bewegt, indem sie die Vorhänge auseinanderschob, um auf die dunkle Landschaft mit schwellenden Hügeln und reichen Weiden eine weitere Aussicht zu gewinnen. „Meine geliebte Mutter pflegte mich jedes Jahr an diesen Ort zu bringen, sie nannte diese Steine das Denkmal der Vergangenheit und die Wiege der Zukunft." „Ich weiß, daß Bethlehem ein Ort von großer historischer Bedeutung ist," bemerkte Lycidas umherblickend. „Hier war es, wo David, der gesalbte Hirt, seine Heerde hütete und den Löwen und Bären überwältigte. Und hier war es, wo die fromme Ruth Gerste sammelte unter den Schnittern des Boas." Der junge Grieche freute sich, seine kürzlich erlangten Kenntnisse der heiligen Geschichte zu zeigen. „Ja, meine Mutter pflegte mir die Orte zu bezeichnen, wo die Ereignisse stattfanden, welche sie den Hebräern theuer machen," bemerkte Sarah, „aber Hadassah sagte immer, daß Bethlehems Bedeutung mehr in der Zukunft, als in der Vergangenheit liege. Hier ist es" — Sarah ließ ehrfurchtsvoll die Stimme sinken, als sie fortfuhr: „hier ist es, wo der Messias geboren werden soll, wie uns der Prophet geweissagt hat." „Man sollte dieses Dorf kaum einer so hohen Ehre werth halten," bemerkte Lycidas. „Auch Du erinnerst mich an etwas, was meine liebe Mutter mir erwiderte auf Worte, die ich vor mehreren Jahren, als ich noch sehr jung war, an sie richtete," sagte Sarah: „Es wird noch lange dauern, bis der Fürst kommen kann, denn ich habe rund umhergeblickt, aber ich kann nicht sehen, daß auch nur ein Stein zum Palast gelegt ist, in welchem er geboren werden soll." - „Denkst Du, Kind," sagte Hadassah, „daß ein Gebäude, welches noch tausendmal schöner ist wie das, welches Salomo errichtet, seiner Ehre und seinem Ruhm das Geringste zusetzen würde? Die Gegenwart des Königs macht den Palast, wenn es auch nur eine Höhle ist. Erhöht es den Werth des Diamanten, wenn die Erde, in welcher er gebettet liegt, mit Goldflittern gemischt ist?" Ich habe jenen sanften Vorwurf nie vergessen," fuhr Sarah fort, „und ich kann nicht anders, als mit Ehrfurcht selbst auf ein Gebäude, wie jener Gasthof, den wir dort sehen, blicken, denn wer kann sagen, ob der Friedensfürst nicht in einem kleinen Häuschen geboren wird!" Da Joab noch mit dem Befestigen des Riemens beschäftigt war, stand Lycidas, den Zaum in der Hand, neben Sarah's Sänfte und setzte die Unterhaltung fort: „Das Gemüth Hadassah's pflegte dieses geheimniß- volle Wesen, auf dessen Ankunft sie hoffte — wir alle hoffen — mit Erniedrigung, Leiden und Opfern in Verbindung zu bringen. Wenn ihre Ansicht die richtige ist, so kann es wohl möglich sein, daß nicht allein der Tod des Messias, sondern sein ganzes Erdenleben ein langes Opfer sein wird von der Wiege bis zum Grabe." Die Unterhaltung richtete sich dann noch auf weniger hohe Dinge, bis Joab mit dem Befestigen des Riemens fertig war. Lycidas bestieg sein Roß, und der Zug setzte seine Reise fort. Bethlehem lag bald hinter ihnen. Es ist nicht nöthig, die Reise weiter zu beschreiben, oder zu erzählen, wie Lycidas und seine Gefährten an Salowo's Lustplätzen, seinen Gärten, Obstbäumen und Teichen vorüberkamen, oder wie die Straße durch die Hügelreihen führte, welche sich bis gegen Hebron ausdehnten. Das Reisen war langsam und beschwerlich, die Straße uneben und die Pferde wurden müde. Aber dennoch hielt es Lycidas nicht für gerathen, daß die Gesellschaft Halt machte, um sich zu erfrischen und auszuruhen. Ein Flug Tauben, der, wie sie meinten, von den Syrern kam, vergrößerte noch ihre Unruhe. Lycidas witterte Gefahr auf allen Seiten; er wußte nicht mehr, ob er vor- oder rückwärts gehen sollte. Die Verantwortung lag schwer auf ihm, fast beneidete er den abgehärteten Joab um den stumpfen Gleichmuth, mit welchem er seinen Weg verfolgte. Der Athener wollte Sarah's Heiterkeit durch Mittheilung der Sorgen nicht stören, die sein Gemüth bedrückten. Das unbedingte Vertrauen, welches das fromme Mädchen in seine Macht, sie zu schützen und zu führen, setzte, rührte ihn. Er war so dankbar, daß, während er Augen und Ohren aus's äußerste anstrengte, um die fernste Annäherung einer Gefahr zu entdecken, Sarah sich der Erfrischung des Schlafes hingab. 32. Kapitel. Freunde oder Feinde? „HallI steht! wer seid Ihr, und wohin wollt Ihr?" war die strenge Herausforderung, deren Ton Sarah aus einem freundlichen Traume erweckte. Die Sänfte stand plötzlich still, eine starke Hand legte sich auf die Zügel des Rosses, welches Lycidas ritt, während eine Waffe sich auf die Brust des Griechen richtete. Es war nicht hell genug, um unterscheiden zu können, ob diejenigen, die unsere Gesellschaft an der Fortsetzung der Reise hindern wollten, Syrer oder Hebräer seien. „Wir sind friedliche Reisende," sagte der Athener. „Laßt uns in Frieden unsere Reise fortsetzen. Wenn Gold Euer Begehr ist, so will ich es Euch geben." „Wenn wir Dein Gold begehrten, so würden wir es uns nehmen!" rief der Führer der Bande, welche nun die Sänfte umgab. „Seid Ihr Anhänger des Antiochus Epiphanes? „Nein," sagte Lycidas kühn. Die einfache Wahrheit zu sagen, ist immer eines Mannes würdig und erwies sich auch hier als das Sicherste. 296 Die Hand, die sich nach Lyctdas' Zügel ausgestreckt, fuhr zurück, die Spitze der Waffe senkte sich, und in einem etwas höflicheren Tone fragte der Führer: „Seid Ihr denn Freunde des Judas Makkabäus?" „Der Herr wolle alle Feinde durch ihn vernichten!" rief Joab, bevor Lyctdas eine Antwort finden konnte. „Es ist seine Verwandte, die wir in dieser Sänfte nach Bcthsura bringen wollen, damit sie von dem Tyrannen, welcher geschworen hat, sie zu todten, weil sie seinen Götzen keinen Weihrauch opfern will, sicher sei." „Was, die Wittwe Hadassah?" fragte einer der Männer. „Nein, es sind schon mehr denn sechs Monde, seit diese Mutter in Israel in Abraham's Schoß getragen wurde," versetzte Joab, indem seine Stimme sich senkte. Den Lippen der Männer entfuhr ein Ausruf des Bedauerns und der, der zuerst gesprochen hatte, bemerkte, daß dies eine traurige Nachricht für Makkabäus und seine Brüder sein würde. Lyctdas wandte sich nun an einen Hebräer, der ihm von höherem Range zu sein schien als die Anderen. „In dieser Sänfte," sagte er, „befindet sich die Enkelin der Wittwe Hadassah. Sie flieht vor der Verfolgung und sucht in der Heimath einer alten Verwandten, die bei Bethsura wohnt, eine Zufluchtsstätte." „Ah! Nahe!, die Wittwe, wir kennen sie wohl," war die Antwort. „Dann könnt Ihr dies Mädchen zu ihrer Wohnung führen." „Sie in die Wolfshöhle bringen?" rief der Hebräer, während einer seiner Begleiter lachend hinzufügte: „Der einzige Weg von hier nach Rahel's Wohnung führt über Leichen von Feinden, die wir vielleicht, bevor der Morgen anbricht, vernichten." Unruhig darüber, Sarah an einen Ort gebracht zu haben, der bald zum Schauplatz eines erbitterten Kampfes werden sollte, fragte Lycidas voll Sorge: „Wo können denn das Mädchen und ihre Gefährtin Schutz und Obdach finden?" „Schutz hat sie, so viel unsere Schwerter geben können — ihr Schicksal muß unser Schicksal sein," antwortete der Hebräer, an den Lycidas seine Frage gerichtet hatte. „Obdach," fuhr er fort, „hat sie in der Hütte eines Ziegenhirten hier in der Nähe. Einige unserer Männer haben die Nacht dort zugebracht, während unser Führer auf dem Erdboden schlief." Dann flüsterten die Männer untereinander einige Worte, welche Lyctdas auffing. „Diese schöne Verwandte kommt zu sehr unpassender Zeit am Vorabend einer Schlacht, von welcher das Schicksal ganz Judäas abhängt, zu Judas Makkabäus." „Ich bitte Euch," sagte der Grieche voll Unmuth darüber, daß Sarah solchen Bemerkungen ausgesetzt war, und ungeduldig, Sarah sobald als möglich an einen Ort zu bringen, wo sie, abgesondert von den rohen Kriegern, von der Reise ausruhen konnte, „zeigt uns sogleich jene Hütte; das Mädchen ist die ganze Nacht gereist und infolge dessen müde." „Ich will sie zu der Hütte führen," sagte einer der Hebräer, „und Du, Saul," fuhr er, sich an einen Gefährten wendend, fort, „gehe sogleich zu unserm Fürsten und verkündige ihm die Ankunft des Mädchens." Wieder bewegte sich die Sänfte vorwärts, und die müden Rosse wurden zu einer Hütte, welche in nicht zu großer Entfernung gelegen war, geleitet. Einer der Kriegsleute lief voraus, um anzuordnen, daß die Hütte von ihren kriegerischen Bewohnern geräumt würde und daß sie, soweit es die Umstände und die drängende Eile erlaubten, für die Aufnahme des Mädchens in Ordnung gebracht würde. Die Hebräer, welche die kalte Nacht unter dem Dache der Hütte zugebracht hatten, verließen sie sogleich, um für das Mädchen und ihre Dienerin Raum zu machen, indem sie einen Theil ihres einfachen Frühstücks für die neu ankommenden Gäste zurückließen. Eine Sorge beschäftigte Sarah's Gemüth auf ihrem Weg zur Hütte. „Hannah," sagte sie zu ihrer Magd, „wir sind dem Joab sehr verpflichtet, und ich habe keine Münze, mit welcher ich die Miethe für die Pferde und die Sänfte bezahlen und ihn für seine treuen Dienste belohnen kann. Es ist nicht schicklich, daß der Herr Lycidas für mich bezahlt. Lasse Joab mit mir sprechen, wenn ich die Sänfte verlasse, oder gib Du ihm dieses Kleinod von mir." Das Juwel, welches Sarah nach diesen Worten der Hannah übergab, war ein massives silbernes Armband, das von dem unglücklichen Pollux getragen worden war. Es lag in der Form des Armbandes etwas Heidnisches, weshalb das Mädchen es als Andenken an ihren Vater nicht behalten wollte. „Joab ist nicht hier," entgegnete Hannah, „er hat die Führung des Rosses einem der hebräischen Krieger übergeben." Joab war in der That mit Saul gegangen. Er brannte vor Eifer, der Erste zu sein, der dem Makkabäus alles mittheilte, was sich in Jerusalem begeben, seit sie sich bei dem Märtyrergrab getrennt hatten. „Wenn ich den Joab nicht selbst sprechen kann, so muß ich den Herrn Lyctdas bitten, es zu thun und meinen Auftrag auszurichten, denn der Maulthiertreiber darf nichi ünbelohnt von mir gehen." Nachdem das Mädchen mit Hilfe des Lycidas die Sänfte verlassen und mit Hannah die Hütte untersucht hatte, bat sie schüchtern ihren Beschützer, diesen kleinen Auftrag für sie auszurichten und mit dem schweren silbernen Armbande ihre Schuld an Joab zu bezahlen. „Dir selber," fügte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu, „kann ich nur meines Herzens tiefsten Dank bieten." Die Lebensgeister des Lyctdas hatten sich in ihm erhoben, wie in der Natur war auf das Dunkel der Nacht das helle Tageslicht gefolgt. Die Freude seines Herzens, das kürzlich noch schwer und unter großer Angst und dem Druck der Verantwortung gelitten, war so groß, daß es ihm schien, als sei die Sorge von ihm geschieden. Lycidas hatte seine schwere Mission erfüllt, er hatte seine geliebte Last der Fürsorge ihrer Verwandten übergeben, er fühlte, daß ihr Herz ihm gehörte. Das Kriegsgetöse, welches ihn umgab, war für den kühnen Geist des Griechen Musik. Ex wollte unter dem heldenmüthigen Führer mitkämpfen. Er wollte Sarah verdienen und dann sie gewinnen. Das Herz des jungen Atheners schlug höher. „Nun, Sarah," sagte Lycidas froh als Entgegnung auf die Worte des Mädchens, „es kann sich begeben, daß ich eines Tages etwas Besseres von Dir begehre als Dank. Was das Armband anbetrifft, so sei versichert, daß ich den treuen Joab wohl belohnen werde. Er soll nicht derjenige sein, der etwas verliert, wenn ich das Kleinod als Pfand behalte und mich nicht davon trenne, außer, um es meiner Braut zu geben." Lycidas befestigte das 296 Armband um seinen Arm und mit stolzem und freudigem Schritt verließ er die Hütte „Lycidasl" rief Sarah, indem sie ihm über die Schwelle folgte, aber dann stehen blieb und seiner verschwindenden Gestalt ein Lächeln nachsandte, das ebenso strahlend wie sein eigenes war. „Wie konnte er einen Nebenbuhler fürchten!" dachte sie bei sich, dann wandte sie sich, um wieder in die Hütte zu treten und sah vor sich — Judas MakkabäusI (Fortsetzung folgt.) -—»« 84 —- k. Joseph Peters Fenfterer, 8. «I. Zu Ende des vergangenen Jahres brachten einige Blätter einen ganz kurzen Bericht über den nach telegraphischer Nachricht an das Provinzialat in Wien am 6. Dezember l895 zu Norwood in Australien verstorbenen k. Joseph Peters Fenfterer, 8. (l. Geboren zu Dürrwangen am 17. August 1834, zum Priester geweiht am 18. August 1857 im Geor- gianum zu München, feierte er mit seinem 3 Jahre älteren, doch erst später dem Studium zugegangenen, 1883 als Pfarrer von Jllertissen gestorbenen Bruder Xaver am gleichen Tage: dem 6. September 1857, in seiner Heimath die Primiz, bei welcher der nachmalige, im Frühjahr 1893 verblichene hochw. Herr Domkapitular Alois Gratz die Festpredigt gehalten hatte. Schon zu Allerheiligen des gleichen Jahres in Kempten als Stadtkaplan thätig, trat er im Herbste 1862 die II. Studienlehrerstelle in Wallerstein an, woselbst er — wie bisher als Kaplan — sich als einen werkthätigen Freund der Jugend und der Armen, aber auch als heute noch in dankbarster Erinnerung stehenden Beichtvater und als mit besten, nach Geist und Körper von Gott begnadeten Prediger erwiesen hat, dessen Berufung zum Missionär damals weder ihm schon klar war, noch sonst Jemand ahnte. Sein tieffühlendes Gemüth zog allerdings ihn in ernsten Wcihcstunden in die Stille der jährlichen Exercitien nach Gosheim und später nach Innsbruck. Vom Jahre 1867 im April bis zum September 1871 war er Pfarrer von Oberliezheim. (Die letztgenannte Pfarrei feierte auch pietätvoll seinen seligen Heimgang.) Einsender dieses kann bezeugen, wie gewissenhaft von dem selig Entschlafenen die Vorbereitung zu seinem Eintritt in den Ordensstand in dem so stillen kleinen Orte durch vieles Studium und Geb't geschehen ist, und wie nicht eher die heiß begehrte Aufnahme erbeten ward, bis daß er kindlich dankbar seiner lieben Mutter und später seinem guten Vater — einem Veteranen des französisch-russischen Feldzugs von 1812 sf. — die letzte Pflege und pietätvollste Bestattung an seinem Pfarrsitze in anhänglichster Weise besorgt hatte. In St. Andrä in Körnten und in Wien verlebte er sein Noviziat, und von dort weg war der hochw. I>. Anton Reschauer, mit dessen Erlaubniß der nun folgende Bericht über frühere und letzte Lebenslage des k. Fenfterer veröffentlicht werden darf, sein Reisegefährte und steter Mitarbeiter. „Wir verließen — so schreibt I>. Reschauer — am 30. November 1873 Wien und langten am 5. Februar 1874 in Adelaide an. Für ungefähr zwei Wochen hatten wir uns bei unseren Patres in Bombay (Indien) aufgehalten. Mehr als 10 Jahre lebte und arbeitete ich mit ihm — im selben Hause — — in meinen Armen ging er in die ewige Heimath hinüber. Der gute ?. Joseph war die fast 22 Jahre hier, ständig in Norwood stationirt. Letzteres ist eine große Vorstadt von Adelaide. Wir haben da eine herrliche Kirche zum hl. Jgnatius. Der opferwillige, seeleneifrige, heiligmäßige Pater machte diesen Missionsdistrikt zu einer der besten Pfarreien der Erzdiözese Adelaide. — In weniger denn 6 Monaten bemeisterte er die Sprache des Landes — englisch —, daß er allgemein — jedenfalls — als einer der besten Prediger galt. Seine Leutseligkeit, seine Ausdauer, sein eiserner Fleiß mit all den schönen Naturanlagen, erhöht durch seine Frömmigkeit und seinen Gebetsgcist, machten ihn zum Liebling Aller. Zwei, drei und mehr Ansprachen und Predigten jeden Sonntag kann ich für Jahre und Jahre die Regel nennen nebst dem langen Fasten (in unserer Hitze), wo der Priester meistens zwei hl. Messen zu lesen hat und kaum vor 1 Uhr Nachmittag sein Frühstück nehmen kann. Außerdem war der gute Pater Joseph gesuchter Missionsprediger und Exercitienmeister. Die Priester schätzten sich glückl'ch, wenn er in den vielen Plätzen über Süd-Australien eine Woche oder länger Missionen geben konnte. Weit her kamen die Leute, und oft bis tief in die Nacht hatte er die Beichten zu hören. Wie viel Gutes er da gethan —4 In unserer eigenen Kirche war er der unermüdlichste, höchst gesuchte Beichtvater. Aehnlich war es mit den Exercitien, die er den Priestern und Klosterfrauen so häufig gegeben, — immer mit dem größten Segen, — nicht bloß in Adelaide, sondern auch in Melbourne (Victoria). Für 20 Jahre hatte er im Durchschnitt jährlich über 10,000 Beichten gehört; Generalbeichten rechne ich zusammen über 13,000 in di> sein Zeitraume. Diese Ziffern sind nicht übertrieben. Kranke von allen Richtungen pflegten zum guten „Father Peters" zu kommen, seinen Segen zu erhalten. Er legte, selbst voll Glauben und Vertrauen, die Reliquien auf u. s. w., und es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß viele, sehr viele recht staunenswerthe Heilungen bewirkt wurden. An Kreuzen und Opfern, wie allen Dienern Gottes, fehlte es dem guten k. Joseph wahrlich nicht. Da gerade erprobte er seine Güte, Starkmuth und Tugend. So lebte und arbeitete er bis Dezember 1895. Oft im Laufe des Jahres hatte er mir gesagt, er werde 1895 nicht überleben, — so übel fühlte er sich oft in Mitte seiner vielen Arbeiten. Ich habe ihm stets Ruhe angeboten, ihn getröstet und ermuthigt. Es war nicht zu helfen., In Mitte der Arbeiten wollte und sollte er heimgehen. Am 1. Adventsonntage las er hl. Messe um 10 Uhr und predigte über den Tod und das Gericht. Zu Mittag sehr ermüdet, erholte er sich etwas. Nachmittag hielt er seine gewohnte Andacht und Ansprache an die Ostilärsn ok (Jungfrauen-Congregation). Abend 7 Uhr wollte er wieder den Rosenkranz beten und den Segen halten. — Am 3. Dezember, dem Feste des hl. Xaverius (dem Namensfeste seines verstorbenen Vaters und hochwürdigen verstorbenen Bruders), las er seine letzte hl. Messe. — Seine Krankheit: heftige Lungenentzündung nebst Leber- und Nierenleiden von alten Zeiten her, nahm so zu, daß Us,M WO Im Mal. 9tach dem Gemälde von Karl Ludwlg 298 keine ärztliche Kunst und Aufmerksamkeit mcbr helfen konnt-'. Zwei hervorragende Doktoren hatten wir. Mittwoch Abend, 4. Dezember, empfing er die hl. Sterbsakramente. Donnerstag und Freitag wieder empfing er die hl. Communion. Unsere Patres hatten hl. Messen für ihn gelesen und die Bruder Communionen und Rosenkränze für ihn aufgeopfert. Er war recht wohl vorbereitet für seinen Eingang in's bessere Leben. Demüthig und fromm, wie er stets war, vereinigt mit Gott im Gebete und vollends ruhend in dem heiligsten Herzen Jesu unter dem tröstlichen Bewußtsein seiner innigsten Liebe zum göttlichen Herzen und seiner außerordentlichen Liebe und Verehrung der unbefleckten Gottesmutter wie des hl. Joseph, duldete er die Zeit seiner Leiden, seufzte er nach der ewigen Heimath, und umgeben von seinen Mitbrüdern übergab er seine Seele, frei von den Banden der Gefangenschaft der sterblichen Hülle, der göttlichen Güte. R>. I. ?. Welch' ein Trost, gerade am 1. Freitag des Monats, gerade nach der öffentlichen Andacht in unserer Kirche! Am selben Morgen hatten alle unsere guten Schulkinder wie so viele andere fromme Seelen ihre monatliche hl. Communion für ihn aufgeopfert. Die Nachricht von seinem Tode war blitzschnell verbreitet. Samstaa, Sonntag, Montag sortwäh'ende Pro- cessionen zum Leichenzimmer. Auch der Erzbischof war unter den Besuchern. Montag den 9. Dezember war feierlicher Seelcn- gottesdienst. Der Erzbischof und alle Priester, die je kommen konnten, waren zugegen, die Kirche voll von Gläubigen; selbst Protestanten kamen. Ich selber hatte das Seelamt. Der Erzbischof gab die Absolution. Nachmittag begleitete eine der größten Prozessionen' die je in solchem Falle gesehen wurden, die Leiche zum Bahnhöfe. Die Schulkinder, die Mitglieder der katholischen Genossenschaften, allen ihren Trauerabzeichen, die Mädchen und Jungfrauen weiß, mit schwarzen Schärpen; eine lange, lange Reihe also von Kutschen und Chaisen hinter dem Trauerwagen. Eine und eine halbe Stunde brauchten wir langsamen Schrittes zur Eisenbahn. Dort dann die letzte Ehre, bevor die Abfahrt nach Pevenhill. Viele angesehene Herren und Damen hatten sich dort eingesunken, — darunter der Regierungspräsident und 2 Minister. Nicht wenige Priester begleiteten die Leiche nach Pevenhill, wo wir eine große Kirche mit einer Gruft für unsere verstorbenen Vater und Brüder haben. Um Mitternacht kam die Leiche an. Nächsten Morgen der gleiche Gottesdienst wie Tags zuvor in Norwood. Von nah und fern kamen die vielen Freunde des guten k. Joseph. Nach beendigtem Seelengottesdienste wurde die Leiche in unserer Gruft beigesetzt. L. 1. I*. Es ist Gewohnheit, hier nach 30 Tagen wieder einen feierlichen Seelengottesdienst zu halten. So wurde er gehalten in Norwood ähnlich wie der am Tage der Bestattung. Der Erzbischof war hier, die meisten Priester der Diözese und andere die Kirche voll von Gläubigen. Der Erzbischof hielt eine Lobrede auf den verblichenen ?. Joseph, schilderte seine große, segensreiche Arbeit als ein Streiter Jesu Christi durch nahe 22 Jahre unter der Fahne des hl. Jgnatius hier in Australien; wie er mit den herrlichen Eigenschaften eines wahren Vaters und dem Herzen einer Mutter alle an sich zog, alle zum Heilande führte. Den Schluß machte der erlauchte Redner mit der Ermahnung für den Verstorbenen zu beten. Die Freunde des verewigten k. Joseph arbeiten daran, die Kirche des hl. Jgnatius mit einem großen Glasgemälde und einer großen Orgel zum Andenken an den guten „Father Peters" zu bereichere. Nach etwa 8 Monaten wird, so hoffen wir, alles fertig stehen." Diesem Berichte fügt der dem l. Verstorbenen dank- schuldigstc Ein'ender nichts mehr zu, als: es hat sich bewahrheitet: Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen. R. I. k. Hiemit ist auch berichtigt, was irrig über ?. Joseph Peters aus einer Mittheilung aus Sydney entnommen, in den Blättern zu lesen war. - Wie man die Negerknaben lehrt. Schmerzen zn ertragen. Muth geht dem Wilden über jede andere Tugend; den Schmerz zu verachten, lernt er von Kindheit auf. Um diesen kalten Muth und diese Verachtung allen Schmerzes zu erlernen, wird daheim in friedlicher Hütte der Jüngling von den Häuptlingen, von den Männern seines Stammes gemartert auf alle nur ersinnliche Weise. Bis zu seinem 16. Jahre wächst er sorglos auf und hat nichts zu thun, als mit seinesgleichen zu spielen und sich im Gebrauch der Waffen zu üben. Will er nun in den Kreis der Männer treten, muß er vorher Beweise der Standhafligkeit geben, wie sie von einem Manne verlangt werden. Die Jünglinge begeben sich in die Hütte des Medicinmannes, welcher die Ceremonien leitet. Vier Tage und Nächte dürfen sie die Hütte nicht verlassen, keinerlei Verkehr mit dem außerhalb derselben befindlichen Volke unterhalten, noch dürfen sie in der Zeit essen oder trinken, um sich auf die Martern vorzubereiten, welche ihrer am fünften Tage harren. Indessen liegt der Medicinmann bei einem kleinen Feuer, raucht die Medicinpfeife und ruft von Zeit zu Zeit den großen Geist an, daß er den Jünglingen während ihrer harten Prüfung beistehen möge.. Um die Hütte herum werden während der vier Tage fortwährend Spiele und große Feierlichkeiten von dem gesammten Volke abgehalten. Am fünften Tage beginnt die Marter für die in ihren Kräften fast erschöpften Jünglinge in Gegenwart der Häuptlinge und aller Männer, welche Zeugen des Muthes sein sollen, den die jungen Menschen zeigen. Während der Medicinman so stark raucht, als er nur kann, treten in den Kreis der Jünglinge zwei Männer, von denen der eine das Messer, der andere hölzerne Stäbchen in der Hand hält. Einer der Jünglinge tritt vor. Der Mann mit dem Messer zieht auf jeder Schulter oder auf jeder Seite der Brust ein Stück Fletsch zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe, nimmt das Messer (welches zuerst auf beiden Seiten geschärft und dann schartig gemacht ist, damit es um so mehr Schmerzen verursacht) und stößt es unter seinen Fingern durch das heraufgezogene Fleisch hindurch, worauf der zweite Schinderknecht je einen der kleinen Holzstäbe durch jede Wunde steckt. Von außen und oben werden sodann zwei Stricke in das Innere der Hütte herabgelassen, die Stricke an die Stäbchen befestigt und der Gemarterte an denselben so weit in die Höhe gezogen, daß er über dem Boden schwebt, worauf noch an den Armen unterhalb der Schul- 299 ter und am Ellbogen, an den Schenkeln und unter den Knieen ähnliche Einschnitte gemacht und Stäbchen hin- durchgesteckt werden, an die man Schild, Bogen, Köcher und sonstige schwere Gegenstände anhängt. Nun werden sie, während das Blut herabströmt, soweit hinaufgezogen, bis die angehängten Gegenstände den Boden nicht mehr berühren. Die Standhaftigkeit, mit der die Jünglinge alle diese Martern ertragen, grenzt ans Unglaubliche, keiner von ihnen verzieht auch nur eine Miene, wenn das Messer durch das Fleisch gestochen wird, und mehrere, welche bemerkten, daß ich zeichnete, gaben mir zu verstehen, ich möchte ihr Gesicht betrachten; ich konnte denn auch nichts anderes wahrnehmen, als ein freundliches Lächeln, wenn ich sie anblickte, während ich hörte, wie das schartige Messer das Fleisch zerriß und mir unwillkürlich die Thränen in die Augen traten. herabgelassen, die Holzstäbchen an denen er hing, werden herausgenommen, die übrigen bleiben noch im Fleische stecken. Sobald er sich stark genug fühlt, sich erheben zu können, wobei niemand behilflich sein darf, schleicht er mit der ganzen Last in einen Winkel der Hütte zu einem Alten und erklärt, zum Danke für den Beistand, den ihm der große Geist geleistet, bereit zu sein, den kleinen Finger der linken Hand zu opfern, worauf ihn der Alte mit einem Beilhicb abtrennt. Alle diese Wunden werden nicht verbunden, die Sorgfalt sie zu heilen, überläßt man dem großen Geiste. Während der ganzen Zeit dieser Marter beobachten die Häuptlinge sorgfältig, wer am längsten hängen kann, bevor er ohnmächtig wird, und wer sich nachher am schnellsten wieder erholt. Danach bemessen sie, wer sich am besten eignet, einen Kriegszug anzuführen oder sonst eine gefährliche That zu vollbringen. !- DWN Gablingen. Ongmal-Austiahmr vvn Gustav Baadtl, Psvlourapy IN «rumdach. sV-rvieUaUigungSttch» vorbehalten.; Wenn der Gemarterte in der beschriebenen Weise freischwebt, tritt ein anderer hinzu und bringt chn in eine drehende Bewegung, die allmählich immer schneller wird, wodurch die Schmerzen so gesteigert werden, daß der Unglückliche sich nicht mehr überwinden kann und in den rührendsten Klagetönen den großen Geist anfleht, ihm in dieser Prüfung Kraft zu verleihen, während er zu gleicher Zeit wiederholt, daß das Vertrauen in seinen Beistand unerschüttert sei. Das Drehen wird so lange fortgesetzt, bis die Klagen verstummen, der Kopf sinkt auf die Brust herab, oder hintenüber, je nachdem er aufgehängt ist, still und leblos hängt er da. Nun wird er von seinen Quälern genau beobachtet, denn er darf so lange nicht herabgenommen werden, als sich noch das leiseste Zucken bemerkbar macht und er nicht, wie sie sagen, „ganz todt" ist. In dem Zustande wird er langsam auf den Boden Nun wird jeder der Jünglinge noch von zwei kräftigen, jungen Menschen an den Armen mit Riemen gebunden und so gezwungen, ihnen, die mit den Enden der Riemen in den Händen davonlaufen, zu folgen. Dabei suchen alle Umstehenden etwas von den angepflöckten Anhängseln abzureißen. Bald verlassen den ohnedies Erschöpften die Kräfte gänzlich, er fällt zu Boden, wird aber immer weiter geschleift, wobei die Umstehenden noch die letzten Anhängsel abreißen — wobei jedesmal ein Fetzen Fleisch mitgerissen wird — eher hört die Procedur nicht auf. Trotzdem der Körper auf das jämmerlichste zerfetzt ist, erholen sich die jungen Leute doch ziemlich bald. Daß Menschen, welche eine solche Selbstverleugnung besitzen, zu den größten Opfern, den kühnsten Wagnissen befähigt sind, wird niemand bezweifeln, und dieser erprobte Muth, die unerhörte Standhaftigkeit im Ertragen 300 großer Leiden erscheint ihnen als einziges Kennzeichen eines tapfern Mannes. Wohin man auch komme, welche von den wilden Völkerschaften man auch besuche, die Sitten sind in dieser Hinsicht ziemlich gleich, ihre Tapferkeit, Unerschrockenheit und Todesverachtung finden in der civilisirten Welt nicht ihresgleichen. - Gablingen. (Mit Bild.) Im Schmutterthale nördlich von Augsburg liegt am Fuße des westlichen Höhenzuges, von welchem Lützelburg in die Lechebene herableuchtet, der stattliche Flecken G ab- lingen. So ansehnlich auch der Ort ist, so ist doch seine Vergangenheit mehr in's Dunkel gehüllt, als es bei den kleinsten Dörfern der Nachbarschaft der Fall ist. Herr v. Naiser, welcher überall ein römisches Castell vermuthet, wo römische Münzen gefunden werden, findet auch in Gablingen Spuren römischer Ansiedelung, weil im Schloßgarten römische Münzen gefunden wurden. Da aber die Nömer in Gablingen keine sicheren Spuren ihres Waltens hinterlassen haben, so müssen wir schon mit der Annahme zufrieden sein, daß eben schon damals Ansiedler hier waren, welche mit den Römern verkehrten und ihres Geldes sich bedienten. Nicht einmal von einer mittelalterlichen Burg, geschweige denn einer römischen Station findet sich in Gablingen eine Spur, obwohl im Mittelalter ein Rittergeschlecht hier saß. Im Jahre 1217 erscheint in einer Urkunde des Klosters hl. Kreuz ein Wtrich von Gabelung als Zeuge bei der Ueber- gabe des Zehnls von Ehingen an Klosterholzen. Hundert Jahre später erschienen die in ganz Mittelschwaben damals reichbegüterten Ritter v. Knöringen im Besitze von Gablingen und behaupteten ihn 200 Jahre lang. Es ist gewiß, daß mehrere dieser Edlen im Flecken saßen und dort sicherlich ein Schloß hatten, wenngleich sich keine Spur mehr davon findet. Im Jahre 1466 gab Wolfart Junker v. Knöringen zu Gablingen an's Kloster St. Georg 2 Gulden Bodenzins auf 3 Tagwerk Mahd bei Biberbach, und im Jahre 1496 saß Jörg v. Knöringen zu Gablingen. Er verkaufte an den Pfleger ! der St. Leonhardskapelle zu Wettenhausen 3 Sölden zu Scheppach um 22 rh. Gulden. (Wettenh. Annal. x. 740.) Neben den Hauptinhabern des Ortes, den Rittern v. Knöringen, besaßen auch reiche Augsburger Bürger und Klöster einzelne Güter in Gablingen. So verkaufte im Jahre 1432 Hartmann Langenmantel sein Gut zu j Gablingen, das 2 ungarische Gulden galt und das er ! von seinem Vater Peter Langenmantel ererbt, an den ^ nachmaligen Bürgermeister Erhard Vögelin von Augs- ! bürg um 53 rh. Gulden. (Llou. L. XXIII. 392.) ! 20 Jahre später, im Jahre 1452, vermachten Vögelin's Erben dasselbe Gut an den Abt von St. Ulrich für 3 Jahrtage. Im Jahre 1527 kam Gablingen von den Rittern v. Knöringen an die Fugger. Sebastian v. Knöringen verkaufte das Dorf sammt Großzehnt und Kirchensatz an Raimund Fugger. Dessen Nachkommen bauten das heutige Schloß (Jagdschloß, und blieben im Besitz des Fleckens ! bis zur Säkularisation und als mediatistrte Ortsherren ' bis 1848. i Im Schwedenkrieg hatte Gablingen das Glück, un- ! unterbrochen einen eigenen Pfarrer zu haben, wie das ! Verzeichniß der Pfarrer und ihre Präsentations-Urkunden vom Jahre 1590—1700 ausweisen. Die geräumige Kirche ist dem hl. Martinus geweiht. In ihr befindet sich das Grabmal des Anno 1772 gestorbenen Pfarrers Leonhard Steidle mit einer Grabschrift, welche wir wegen ihrer eigenthümlichen und naiven Reimerei hersetzen: „Es liegt ein Priester da, ein guter, lieber Mann, An den man ohne Schmerz nicht einmal denken kann. Er war ein guter Hirte, der seine Schafe liebte; Bist du ein gutes Schaf, so zeig' es jetzo an Und ruf' den großen Gott für deinen Hirten an! Im Frieden ruhe er, um dieses bitte Gott, So bleibst ein treues Schaf auch nach des Hirten Tod." - -«ÄLüWHe- (Zu unserem Bild Seite 297.) Im Mat. Niemals ist die Natur so wonnesam, wie im wunderschönen Blüthenmonat Mai Die ganze Erde prangt und strahlt in festlichem Gewände, das sie »u Ehren der Ankunft des jungen Frühlings angelegt bat, Wiesen und Raine überziehen sich wie mit einer grünen Sammetdecke, aus welcher Gänseblümchen und Löwenzahn gleich eingewebten gelben und weißen Sternen berausleuchten, Birken und Erlen am Bachesrand fangen ebenfalls schon an, ihren Blätterschmuck anzulegen, die Obstbäume sind über und über mit Blüthenschnee bedeckt, vereinzelte Schmetterlinge fliegen taumelnd durch die warme Frühlingsluft. und hoch oben am azurblauen Himmel läßt die Lerche ein schmetternd Lied erschallen. Wer bei solcher Jahreszeit in's Freie kann, der eilt hinaus aus der kleinen Stube drückender Enge, um Gottes Pracht und Herrlichkeit in der aller Orten wiedererwachten Natur zu bewundern, um mit dem Blüthenduft und der würzigen Luft frische Hoffnungen und erneuten Lebensmuth einzuathmin und sich an dem Treiben der in Berg und Thal, auf Feld und Auen berumschweifenden Jugend zu erfreuen. für deren harmlose Fröhlichkeit der Mai so recht der Wonnemonat ist. Den Ifiöfillcin« letzte« Grüßen. Siehst wandeln du über dem Waldessaum Das Wölklein die einsame L>pur? Es gleicht dem flüchtigen Morgentraum Der erwachenden Frühlingsnatur. Noch klart sich in purpurnem Morgenstrahl Des Wölkleins scheidender Blick, Als dächte es lächelnd zum letzten Mal An's geträumte, entschwundene Glück. So wallte es sinnend den müden Pfad Am fernen Horizont hinab, Schon sank seines Daseins rollendes Rad In's gähnende Zeitengrab. Da senkt sich trauernd des Knaben Blick; Eine Thräne in's Auge ihm schleicht; Umsonst umrauscht ihn das holde Glück, Das Jugend und Lenz ihm gereicht. Denn Lenz und Jugend, wie gleichen sie Dem Wölklein, das drüben entschwand? Kaum eint sie die lieblichste Harmonie, Verbleicht schon das knüpfende Band. 1. 17. Logogriph. Du trägst's in dir. Steck' 'was hinein, Gleich wenden hier Soldaten sein. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 38: Weiß. Schwarz. 1. D. 05-L7Z- K. L8-L7: 2. S. L5-S6 -j- K. L7-V8 3. S. Sö-b'? -j- K. V8-08 4. S. S6-L7 -j- Matt. --