Äl 40. Ireitag. den 15. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Des Kerren Auffahrt. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück In euren Mühen und in euren Sorgen; Euch ist vollendet noch nicht das Geschick, Ich hielt es gnädig ja bisher verborgen; Noch vieles hab' ich euch zu sagen. Doch alles könnt ihr jetzt nicht tragen." So sprach der Herr, so schied er aus der Welt, Dom Oelberg sind die Jünger heimgegangen Und harrten auf den Trost vom obern Zelt Mkt heiligem Beten und mit stillem Bangen; Dann zogen sie hinaus, seltsame Krieger: Furchtlose Helden und demüthige Sieger. «Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", Vergiß das Wort doch nie in deinen Sorgen, Und sag's dir, wenn dein bischen Erdenglück In Nacht versinkt nach einem kurzen Morgen. Der Meister hat den Kelch zuerst geleeret. Nun ist's der Jünger, dem er ihn gewähret. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", Denk', Seele, d'ran in jedem Thränenleide, Wenn dich des Tages erster Sonnenblick Zu neuer Klage weckt, zu neuem Streite! Im Antlitz noch des Oelbergs FesteSröthe Ging's bei den Jüngern in des Kampfes Nöthe. «Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", So wall' ich einsam denn auf meinen Wegen, Dir, Aufgefahrener, befehl' ich all mein Glück, Gib deinem Knechte mild den Abschiedssegen! Der Meister schied, daß es den Jünger triebe Allein zu zeugen von des Heilands Liebe. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück In euren Mühen und in euren Sorgen." Es ist vollendet noch nicht mein Geschick, Ich warte treu auf einen höher'n Morgen. Das and're Wort ist uns noch nicht erschienen: Wo ich bin, werdet ihr sein, die mir dienen. Adolph Müller. -—-sAM-S--«- Andas Mclkkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 33. Kapitel. Der Führer und der Mann. Bei dem ungeordneten Zustande des heiligen Landes, in welchem seine tapferen Söhne eine Art von Banditenkrieg zu führen gezwungen waren gegen den mächtigen Feind, der sie mit eiserner Faust darnieder zu halten suchte und in ihrer Hauptstadt regierte — wo Mittheilungen zwischen nicht weit von einander entfernten Orten schwierig und gefährlich waren und ein geschriebener Brief eine beinahe unbekannte Sache — waren die has- monäischen Brüder über die Ereignisse, welche einen großen Theil dieser Blätter füllen, in Unkenntniß geblieben. Joab hatte daher bei seiner Ankunft im Lager der Hebräer vieles zu berichten, was ihnen gänzlich neu war. Judas hatte mit tiefstem Interesse den Bericht des Maulthiertreibers über Sarah's Gefahr und Entkommen aus dem Palast des AntiochuS und den Tod Hadassah'S und des Pollux angehört. Die zarte Satte seines Gemüths, welche unter dem ruhigen, ernsten Acuhern des Führers verborgen lag, war auf's tiefste erschüttert. Kummer, Bewunderung und Liebe schwellten sein Herz. Makkabäus konnte den Bericht Joab's kaum bis zu Ende anhören. Sarah war ihm nahe — seine schöne, geliebte, erwählte Braut — dieses zarte, verwaiste Mädchen, aller Liebe, alles Schutzes beraubt, außer dem seinen — aber ihm theurer in ihrer Armuth und Verlassenheit, als sie ihm gewesen sein würde, wenn sie ihm ein Reich als Brautschatz gebracht hätte. Mit solchen Gedanken im Herzen und mit einer Ungeduld, die nicht eines Augenblickes Verzögerung ertragen hätte, näherte er sich schnellen Schrittes der Hütte, die sein Liebstes barg. Er fand sie bald — konnte sie das wirklich sein? Kein verlassener, weinender, zitternder Flüchtling begegnete dem Blick des Führers, sondern ein Mädchen, das strahlend und schön wie der junge Tag war, ein Erröthen auf ihren Wangen, ein Lächeln auf ihren Lippen, die Augen auf einen Griechen gerichtet, der in einer anderen Richtung ihren Blicken entschwand, als von welcher Judas sich ihr näherte. Die innersten Tiefen waren im Herzen des Führers auf's Neue erregt, aber diesmal wie mit einer Stange rothglühenden Eisens berührt. „Wer ist jener Heide?" war der plötzliche, heftige Ruf, der den Lippen des Kriegers entfuhr. Niemals hatte vorher ihr Verwandter sie so schrecklich angeblickt, wie diesmal, da er sie durch seine plötzliche Erscheinung erschreckte. Nicht weil sie ihren Verwandten zum ersten Mal im kriegerischen Harnisch sah, seine große, mächtige Gestalt zum Theil mit glänzendem Stahl bedeckt und auf dem Kopfe einen federgeschmückten Helm, in welchem er dem Kriegsgotte glich, den Lycidas ihr beschrieben; nein, das Auge, die Miene, der Ton des Judas waren es, was das Lächeln des Mädchens in einem Augenblick in Verwirrung und Furcht verwandelte. Selbst Antiochus war auf seinem Nichterstuhl der vor ihm zitternden Gefangenen kaum schrecklicher erschienen, als in diesem Augenblick ihr Verwandter, der gekommen war, um sie zu begrüßen, und der gern gestorben wäre, um sie vor dem Bösen zu schützen. Makkabäus wiederholte seine Frage, bevor Sarah Muth fand, ihm zu antworten. .„Das ist Lycidas, der Athener," stammelte sie, „derselbe, den Du am Märiyrergrabe schontest. Er hat Deine Barmherzigkeit wohl belohnt. Er schützte und unterstützte Hadassah bis zu ihrem Ende und erwies ihrem Leichnam die letzte Ehre, er streckte den Syrer, der meinen Vater erstach, nieder. Lycidas hat den hebräischen Glauben angenommen, er ist gekommen, für diesen Glauben zu kämpfen und, wenn es nöthig ist, zu sterben." Das Mädchen sprach schnell und mit großer Erregung. Sie wagte nicht wieder, in das Gesicht ihres Verwandten auszublicken, um die Wirkung ihrer Erklärung zu sehen, denn alle falschen Hoffnungen, die sich in Betreff seiner Gleichgiltigkeit gegen sie gemacht, waren wie Wasserblasen bei der Berührung verschwunden. Makkabäus antwortete nicht sogleich. Schweigend führte er Sarah in die Hütte zurück und deutete aus einen Sitz, den Hannah für ihre junge Herrin zurechtgemacht hatte, indem sie einige Kiffen aus der Sänfte genommen und auf dem Boden der Hütte ausgebreitet hatte. Dann entließ er die Dienerin durch eine Bewegung mit der Hand. Das düstere Schweigen wirkte keineswegs beruhigend auf Sarah, welche sich wie ein Verbrecher, der vor seinem Richter steht, fühlte — ob- schon ihr Gewissen hinsichtlich ihres Benehmens gegen Lycidas rein war. — Makkabäus stand vor Sarah, der Schatten seiner hohen Gestalt fiel auf das Mädchen, auf welches er finster herabblickte. „Sarah," sagie er endlich, „es muß ganz klar zwischen uns werden. Du weißt, in welchen Beziehungen wir zu einander stehen; Du hast mir gesagt, was jener Heide Hadassah und Abner, Deinem Vater gewesen, sage mir nun: was ist er Dir?" Sarah kämpfte, um ihren Muth wieder zu gewinnen, da sie wußte, wie tief ihre Furcht daS Herz ihres Verwandten verwundete. Sie wagte auch nicht, direkt auf seine Frage zu antworten. „Lycidas ist kein Heide," antwortete sie, „er ist wie Du ein Diener Gottes, ein wahrer Bekenner, er ist zu allen Vorrechten unseres Volkes zugelassen." „Auch zu dem Vorrechte, ein hebräisches Mädchen rum Weibe zu nehmen?" Sarah erschien der Ton seiner Stimme weniger ernst; und dankbar, daß er es war, der diesen zarten Punkt berührte, antwortete sie einfach: „Hadassah würde uns nicht getadelt haben." Ungeachtet alles dessen, was vorausgegangen war, war Sarah auf die Wirkung ihres Bekenntnisses nicht vorbereitet. Es war weder ein Stöhnen noch ein Schrei, was sie hörte, aber ein Ton, der beiden: glich, ein Ton, den die letzte Wendung der Folter der Brust nicht hätte abringen können, wie er ihn jetzt ausstieß. Es war der Ausdruck eines Wehs, wie nur wenige Herzen es zu empfinden fähig sind, und noch weniger stark genug, es zu ertragen. Keine Todtenklagr und kein Schmerzensruf, den Sarah jemals gehört, traf ihr Herz wie jener Ton. Sie hörte ihn nur einmal, sie hatte ihn nie vorher gehört, und bevor sie sich von der Erschütterung erholt hatte, die er ihr verursacht, war Judas aus der Hütte verschwunden. Er war wie ein Besessener. So wild waren die Dämone des Hasses und der Eifersucht, daß sie für eine Weile Vernunft und Gewissen vollständig beherrschten. Ein wildes Verlangen, seinen Nebenbuhler zu todten und ihm Glied für Glied vom Leibe zu hauen, war das Einzige, das bei ihm bestimmte Gestalt angenommen hatte. Ein solches Chaos von Leidenschaft hatte diese Nachricht zur Folge. Es war ein Glück für Lycidas, das er damals nicht den Pfad des Löwen kreuzte. Makkabäus eilte in das tiefste Waldesdunkel; unwillkürlich suchte er den dichtesten Schatten, den die immer grünen Bäume ihm gewähren konnten. Wie sehnte er sich, seine Qual vor den Augen der Menschen zu verbergen in der dunkelsten Höhle, im tiefsten Grabe! Das Sonnenlicht war so drückend! Alles war für ihn verloren, alles für immer dahin! Woran die Hoffnung sich gehalten, was die Liebe durch lange, lange Jahre des Wartens angehäuft, was dem Tapferen neuen Muth verliehen und dem Müden neue Kraft, Jugend, Glück, der Becher der Freude, bei der Ankunft Sarah's bis zum Rande gefüllt, war ihm ohne eines Augenblickes Warnung von den Lippen gerissen und die letzten Tropfen vom durstigen Sand verschluckt. Das Elend eines langen Lebens schien in einige Minuten zusammengedrängt, während welcher der Führer Israels, die Hoffnung Judäas, am Boden lag und in seiner Verzweiflung den Staub aufwühlte. Haß und Eifersucht rasten in ihm und ein noch viel schlimmerer Dämon hatte sich zu ihnen gesellt, einer, dessen Gegenwart mehr als alles Andere die Seele zur Holle machte. Wie brennende Gifttropfen fielen die Eingebungen des aufrührerischen Unglaubens auf das Gemüth des getäuschten Mannes. Dafür hast Du Deine Hände in Unschuld gewaschen und Deinen Fuß auf dem Wege der Wahrheit gehalten? Dafür hast Du Gott und dem Vaterlande Deine ganze Kraft geweiht, bist Du vor keiner Arbeit zurückgeschreckt, hast keine Gefahr gefürchtet? Er, dem Du treu gedient, hat nicht über Deinen Frieden gewacht, noch Deinen Schatz gehütet, den Du seiner Fürsorge anheimgegeben? Welchen Nutzen hast Du nun von Deinem Gehorsam, welchen Segen von Deiner Hingebung? Dein Gebet ist Eitelkeit gewesen, Dein Glaube Selbsttäuschung. Augenblicke wie diese sind die schrecklichsten Erfahrungen, die ein Diener Gottes machen kann. Sie gewähren einen Blick in die Tiefen der Schuld und des Elendes, in welches auch das edelste Menschenherz ohne 303 die stützende Hand der Gnade sinken kann; sie zeigen, daß solche Seele gleich dem hellsten Planeten nicht mit ihrem eigenen Lichte scheint, sondern mit einem ihr verliehenen, und wenn sie desselben beraubt ist, in tiefe Finsterniß gehüllt wird. Ein Abraham konnte, sich selbst überlassen, lügen, ein David seine Seele mit unschuldigem Blute beflecken. Alle mußten für ihre Schuld Buße thun, alle bedurften der Gnade, welche von oben kommt. Aber Judas Makkabäus blieb in Gefahr, durch seine wilden Leidenschaften bis an den Abgrund des Verbrechens zu gelangen, nicht ohne Beistand. Diese Leidenschaften, welche gewohnt waren, dem Zügel des Gewissens zu gehorchen, glichen einem Rosse, das von namenlosem Schmerze getrieben, einem Abgrunde zustürzt. — Aber die Hand seines Reiters hält noch den Zügel. Sein Auge sieht die Gefahr, und das wahnsinnige Thier muß, ob es sich auch hinabstürzen will, doch endlich dem Willen seines Herrn gehorchen. Wenn aber der Reiter sein wildes Roß nicht anders bändigen kann, so versetzt er ihm einen kräftigen Schlag, damit durch einen kleineren Unfall ein größerer vermieden werde, und so leitet er es zurück, zitternd, bebend zwar, mit Schweiß und Schaum bedeckt, aber gebändigt, fromm und dem Willen seines Herrn gehorsam. Ebenso behielt auch das Gewissen des hebräischen Fürsten die Oberhand über seine Leidenschaften, sobald er in der Angst seiner Seele Raum zum Gebet fand, war der Höhepunkt der Gefahr vorüber. Makkabäus stand von der Erde auf, blaß wie einer, der eine Todeswunde erhalten hat; aber ergeben und ruhig. „Sollte ich, der ich so über alle Hoffnungen und ohne mein Berdienst begnadigt bin, es wagen, wider den Willen dessen zu murren, der alle Dinge nach seiner unendlichen Weisheit und Güte ordnet?" So dachte der Führer Israels. „Wer bin ich, daß ich von dem, was der Herr über mich verhängt hat, frei werden will? Schande über den Führer, der in einer Zeit wie dieser selbstsüchtigen Gedanken Raum gibt! Wir werden bald in die Schlacht gehen, und wenn ich in dem Kampf falle" — der Gedanke war doch tröstend — „wie werde ich dann in eine Welt herniederblicken, in welcher dieses unwürdige Herz für eine kurze Zeit in seinem Glauben an den Gott meiner Väter wankend gemacht wurde. Wenn ich die Gefahren dieses Tages überlebe, so ist es besser, wenn keine selbstsüchtigen Hoffnungen und Sorgen mich hindern, meine ganzen Kräfte und Gedanken dem Werke zu widmen, das mir zu thun obliegt. Ich habe meine Zeit mit eitlen Träumen irdischer Freuden vergeudet. Ich bin auf eine harte Weise geweckt worden: O Herr der Heerschaarenl gib Deinem Diener Kraft und stärke Du auch seinen Geist, damit er furchtlos und treu die Pflichten des Tages erfülle!" Dann kehrte Makkabäus mit langsamem Schritt und ruhigem Blick in sein Lager zurück. 34. Kapitel. Fanatismus. Wir wollen nun einen Blick in das Lager der Hebräer werfen, welches in einer hügeligen Gegend mit der AuSsicht auf die Thürme Bethsuras liegt, einer starken Festung, die, einst von Rehabeam errichtet, später von edomitischen Ansiedlern wieder aufgebaut war. Bethsura ist von syrischen Truppen besetzt. Weithin steht man die zahllosen Zelte der mächtigen Schaaren. Auf einer kleinen Anhöhe, nahe dem Mittelpunkt deS hebräischen Lagers, stand auf einer Art Nednerbühne ein alter Jude, in ein Gewand von Kameelshaaren gekleidet. Sein langes, graues, wirres Haar hing ihm bis über die Schultern herab. Mit heftigen Geberden und erregten Gefichtszügen erhebt er seine gellende Stimme derart, daß sie in beträchtlicher Entfernung gehört wird. Ein immer mehr anwachsender Kreis von Zuhörern versammelt sich um ihn — ernste, wettergebräunte Männer, die viel für ihren Glauben gearbeitet und gelitten haben. Was Wunder, wenn die Religion dieser Krieger in Fanatismus sich verfinstert und ihr Muth in Roheit ausartet! Es ist die Folge des Krieges, besonders wenn er einen banditenmäßigen Charakter an sich hat, die Leidenschaften zu entflammen und das Herz zu verhärten. Nur die entsetzliche Nothwendigkeit kann den unnatürlichen Streit rechtfertigen, der Männer gegen ihre Mitmenschen bewaffnet. Selbst der edelste Kampf, den ein Patriot in Vertheidigung der Freiheit seines Vaterlandes eingeht, zieht schreckliche Uebel nach sich, unter denen eine weitere Ausdehnung menschlicher Leiden vielleicht nicht das größte ist. „Ja, ich fluche Dir, Joab, ich fluche Dir, Sohn des Ahijah, daß Du uns einen Spion, einen Verräth« in's Lager gebracht hast!" schrie der wilde Redner Jascher, indem er mit seinem runzeligen Finger auf den derben Maulthiertreiber wies, der in der innersten Reihe des Kreises stand. „War nicht dieser Grieche, wie Du selbst zugegeben hast, bei dem Tode der gesegneten heiligen Salome gegenwärtig, stand er nicht bei ihrem Grabe in Untersuchung, wo er wie eine Schlange, die sich in's Dunkel verkriecht, entdeckt wurde? Gehört er nicht zu dem Volke der Götzendiener, die da Bilder anbeten, welche von Menschenhänden gemacht sind?" „Alles, was ich sagen kann" — antwortete Joab finster, „ist, daß, was Lycidas auch gethan haben mag, er kein Götzendiener mehr ist." „Wer bist Du, daß Du rechten willst, Du Nabal, Du Sohn der Narrheit?" rief der wüthende Redner. „Merket," fuhr er dann, zu der Menge gewendet, fort, „Ihr Männer von Juda, merket die Blindheit, die etliche Menschen befällt — ja selbst Heilige, wie die Wittwe Hadassah. Joab hat von ihrer Magd gehört, daß dieser LycidaS, diese Schlange, monatelang in ihrem Hause gepflegt und gewartet worden ist, als ob er ein Sohn Abrahams wäre. Ohne Zweifel war diese Handlung von Seiten der Hadassah schlimmer denn Narrheit. Merket nun, was folgte. Die erwähnte Schlange entkommt aus ihrer Wohnung, und am nächsten Tage — ja den Tag darauf überfallen die syrischen Hunde das Haus Sala- thiels, während er daS heilige Fest feiert! Wer führte sie dorthin?" Die Frage wurde mit leidenschaftlichem Nachdruck wiederholt, und die Gefühle des Redners fingen augenscheinlich an, sich den Zuhörern mitzutheilen. „Wer lag als ein blutender Körper, von den mörderischen Syrern erschlagen, auf der Schwelle?" fuhr Jascher, immer wilder werdend, fort, „wer anders als Abischat, der brave, gläubige Mann, der die Viper umgab und sie zu vernichten suchte, aber vergebens — er war es, der zuletzt ihrem verräterischen Stich zum Opfer fiel". Jascher endigte seine Rede mit einem zischenden Ton, der aus seinen gefletschten Zähnen hervorkam, und der Kessel menschlicher Gefühle um ihn her fing an zu sieden und zu kochen. Der Fanatismus überlegt nicht, noch hört er auf die Stimme der Vernunft. Joab konnte sich kaum bei dem Gebrüll der wüthenden Stimmen, die sich um ihn her erhoben, verständlich machen. „Lycidas war gegenwärtig und half bei dem Be» gräbuiß der Wittwe Hadassah l Er wagte sein Leben, um ihre Tochter zu retten!" rief Joab, der ehrliche Vertheidiger des Griechen. „Ha, ha, wie viel er wagte, wissen wir nicht, aber wir können wohl errathen, was er gewinnen wollte!" rief Jascher mit einem Blick voll Verachtung. „Er hat sich die Gunst eines närrischen Mädchens erschlichen, die daS Herkommen ihres Volkes vergißt, die eine schöne Person" — das Gesicht des Alten verzerrte sich zu einem höhnischen Lächeln — „allem vorzieht, was ein Kind Abrahams mit Ehrfurcht betrachten sollte. Aber was können wir von der Tochter eines meineidigen Verräthers erwarten? Hatte sie nicht Abner zum Vater, und kann es da anders sein, daß sie als Tochter dieses Abtrünnigen ihre Familie, ihren Namen, ihr Volk beschimpft, indem sie einen verfluchten Heiden, einen verabscheuungswürdigen Griechen heirathet?" „Niemals, niemals!" riefen hundert Stimmen. Und einer aus der Menge rief laut: „Ich würde sie mit eigener Hand züchtigen, wenn sie meine Tochter wäre!" „Ich kann nicht glauben, daß Lycidas falsch ist!" rief Joab aus, ohne der Gefahr zu achten, dieses Un- gewitter auf sich selbst herabzuziehen. „Du kannst ihn nicht für falsch halten, Du Sohn des niedrigen Mühlsteines!" schrie Jascher wuthschnau- bend, „man sollte glauben, Du wärest gleich jenem betrügerischen Griechen in jenem abgöttischen, niedrigen, undankbaren Athen, das seine eigenen guten Mitbürger verbannte und seine Weisen vergiftete, geboren!" Die hitzigen Vorurtheile wurden nur zu leicht in jener Versammlung von Hebräern erregt, und wenn Jascher von einigen seiner Zuhörer getadelt wurde, so geschah es, weil er zugab, daß ein Athener überhaupt weise und gut sein könnte. „So höre mich doch nur einen Augenblick — Du mußt mich anhören!" rief Joab, indem er seine Stimme auf das äußerste anstrengte und doch kaum im Stande war, sich verständlich zumachen, „Lycidas ist von unseren Priestern in den Bund aufgenommen worden!" „Und doch ist er ein Spion!" rief Jascher aus, mit den Füßen stampfend. „Hast Du niemals von Zopyrus gehört? Weißt Du nicht, wie Babylon, die goldene Stadt, unter dem Schwert des Darius fiel? Zopyrus, der Günstling jenes Königs, floh zu der Stadt, welche er belagerte. Die Babylonier glaubten ihm, nahmen den Betrüger auf, und Ihr wißt, was folgte. Babylon fiel, nicht weil es seinen Vertheidigern an Muth fehlte oder Hungersnoth ihre Reihen gelichtet Hütte, sondern weil sie einem Betrüger geglaubt und ihn aufgenommen hatten! Hebräer! ein Zopyrus ist in unser Lager gekommen. Wollt Ihr, um ihn zu empfangen, Eure Arme öffnen oder Eure Schwerter ziehen?" Ein wahres Wuthgeheul entfuhr den Lippen der dichtgedrängten Menge, so laut und schrecklich, daß es Hebräer aus allen Theilen des Lagers herbeizog. Unter Anderen eilte auch der junge Bekehrte herbei, um eifrig zu erkunden, was die Ursache solches Lärmes und Aufruhrs sei, ohne zu ahnen, daß er selbst in irgend einer Weise damit in Verbindung stehe. (Fortsetzung folgt.) -—-UM*—.-- Die sogenannte Pafistfirofihezeinng deS heiligen Malachias. Selbstverständlich handelt es sich nicht um den kleinen Propheten des Alten Testaments Malachias, sondern um den heiligen Erzbischof von Armagh in Irland dieses Namens, welcher im Jahre 1148 gestorben ist. So oft ein neuer Papst den Stuhl Pstri besteigt, wird eine Bezeichnung der alten Prophezeiung hervorgeholt, welche auf den Neuerwählten mehr oder minder zutrifft. Nach dem I,nin6Q äs ooslo Leo XIII. ist man bemüht, den I§vi8 aräens zu finden. Die Einen glauben, dasselbe in der goldenen Sonne, welche auf dem Wappen des Cardinals von Bologna strahlt, erblicken zu müssen, die Anderen sehen in der Bezeichnung eine Anspielung auf den Namen des Cardinals von Frascati (Hohenlohe), Andere inter- pretiren dieselbe in noch anderer Weise. Wie verhält es sich nun mit der Angelegenheit? Ist die Prophezeiung wahr oder falsch? Welchen Werth messen derselben die Geschichtsschreiber und Kritiker bei? Wichtig ist es zunächst, dem Leser die Prophezeiung selbst als Beweisstück vorzuführen. Wir theilen dieselbe, wie man später sehen wird, in zwei Theile. Der erste reicht von Cölestin V. (1143) bis Urban VII. (15. Sept. 1590); der zweite beginnt mit Gregor XIV. (1590) und umfaßt den Nest des Actenstückes. Erster Theil. Prophetische Namen der Devise. Päpste. Lx Castro Tibsris Cölestin V. 1143. Iniwicus exxuls. Lucius II. 1144. Lx waZnitnäine Eugen III. 1145. montis. LbbasLuburranus. l>s rurc albo. üx tctro carccrs. vs via Irans- tiberina. ve Lannonia. Tusciae. üx unsere custocks Anastasius IV. 1153. Adrian IV. 1154. Victor IV. 1159.-) Pascal III. 1164. Calixtus III. 1163. Alexander III. 1159. Begründung der Devise. Geboren zu CittL di Castello am Tiber. Hieß Gerard Caccianemici. (Vertreibt die Feinde.) Geboren zu Montemagno. (Großer Berg.) Genannt Conrad von der Suburra. Geboren zu St. AlbanS. Cardinal vom Titel S. Nicolaus in Carcere. Cardinal von St. Maria in Trastevcre. Ungar und Cardinal von Tusculuiu. Paperoni. (VonderGanS.) Lux in ostio. Lucius III. 1161. UmbaldoAllunciagoli,Cardinal von Ostia. Lns in cribro. Urban VI. 1185. V.d.Fam,Crivelli(Wappen: Sieb a. Schweineborsten), ünsis Laurentü. Gregor VIII. Wappen:ZweiDegen.Car- 1187. dinal von St. Laurcntius in Lucina. ve setiolu exiet. ClemensIII.1187 Aus der Familie Scolari. vs rure vovsnsi. CölestinIII.1191 Aus der Familie Bobo. Oomes sixnutus. Jnnocenz III. Aus der Familie der Grafen 1198. von Segni. vanonieus äs Honorius III. Domherr am Lateran, latere. 1216. ^.vis ostieusis. GregorIX. 1227. Ein Adler im Wappen. Cardinal von Ostia. Leo Labinus. CölestiuIV. 1241 V. d. Familie Castiglioni, Bischof von Sabina. OomesVuurentius Jnnocenz IV. Graf de Lavagna, Cardinal 1243. v.S. Laurcntius i.Lucina. LiZnum Ostisnss. Alexander IV. Aus der Familie der Grafen 1254. von Segni, Cardinal von Ostia. -) Die gesperrt gedruckten Namen beziehen sich auf die Gegenpäpste. Einige Ungenauigkeiten in der chronologischen Reihenfolge stammen von Denjenigen, welche uns die Prophezeiung übermittelt haben. 305 Prophetische Devise. Nomen der Päpste. lernsalsm 6am- Urban IV. 1261. xania. vraeo äsxrsssns. ClemenöIV.1265 LmZuinsus vir. Gregor X. 1271. Ooneionator Jnnocenz V. AsIIns. 1276. Bonus eowss. Adrian V. 1276. Lisoator lusous. Rosa eomposita. Lx telonio Iniia- osi blartini. Lx Losn Leonina. Lious intereseas. Lx oromo oslsus Lx uväarum de- usäietions. vouoionator La- taraons. Ils Xaoiis Lqui- taniois. vs Lntois 0880 V. Lorvus sokisma- lious?) Lri§iäns Lbbas. Lx rosa Ltreda- tensi. Osmontibuskam- marokii. LaliusViooeomes. Kovns äs virZinö torti. vs ornes axosto- lioa. Buna vosmsäina. Lokisma baroino- wioum. vs inkecuo pri- Lnauj. Oukns äs mix- tions. vs meiioro siäers. Xauta. äs xonte niFro. vlaKsilnm Zolls. vsrvus Lirenas. JohannXXI.1276 piicolaus III. 1277. Martin IV. 1231. Honorius IV. 1285. NicolauSIV.1283 Cölestin V. 1294. - BonifatiuöVIII. 1294. Benedict XI. 1303. - Clemens V. 1305. . Johann XXII. 1316. NicolauS V. 1328 BenedictXII.1334 Clemens VI. 1342. Jnnocenz VI. 1352. Urban V. 1362. Gregor XI. 1370. Clemens VII. 1378. Benedict XIII. 1394. ClemensVIII. 1424? Urban VI. 1378. Bonifatius IX: 1389. Jnnocenz VII. 1404. Gregor XII. 1406. Alexander V. 1409. Johann XXIII. 1410. Korona voll anrsi. Martin V. 1417. Vupa cwlsstina. Eugen IV. 1431. lVwator oruels. Felix V. 1439. vs moäioitats NicolausV.1447 Irmas. Los pasesns. Calixt III. 1455. vs capra st al- PiuS II. 1458. berxo. ve eervo st Isons. Paul II. 1464. Begründung der Devise. Geboren in Campanien, Patriarch von Jerusalem. Wappen: Ein Drache von einem Adler überwältigt. Von der Familie Visconti. Franzose; vom Orden des hl. Dominions. Ottobono von den Grafen von Lavagna. Peter, Bischof v. Tusculum. Eine Rose im Wappen; wurde Composto genannt. Schatzkämmerer v.S. Martin i.Tours.Lilien i.Wapp. Wappen: Eine von zwei Löwen gehaltene Rose. Geb. zu Ascoti in Picenum. Wurde aus der Einsamkeit d.Wüste an's Licht gezogen. Hieß Benedict. Wappen: Wogen. Geboren zu Patara; vom Predigerorden. Geboren in Gascogne. Wappen: Drei Bänder. Sohn des Jacobuö Ossa, eines Schuhmachers. Gegenpapst, geb.z.Corbaro. Abt von Font-Froide. Bischof vonArraS.Wappen: 6 Rosen. Cardinal vom Titel des hl. Pammachius. Franzose und Nuntius bei Visconti. Beaufort; Cardinal von S. Maria Nuova. Wappen: Ein Kreuz. Cardinal von den 12 Aposteln. Petrus dc Lunc. Cardinal v.S.Maria inCoSmedin. AusBarceloua.Gegcnpapst. Bartholomäus Prägnant. Geboren in einem Landgut, genannt Inferno. Wappen: Untereinander gemengte Fingerhütc. Migliorati. Wappen: Ein Stern. Commcndatarius einer Kirche in Negroponte. Wappen: Die Sonne, die Planeten geißelnd. Geboren zu Neapel (Parthe- nope). Cardinal von S. Eustachius. (Hirsch.) Wappen: Eine Krone. Cardinal von S. Giorgioa Velabro. Wappen: Eine Löwin. Amadcus von Savoyen. Wappen: Ein Kreuz. Aus einer einfachenFamilie in Sarzano. (Lnni.) Wapp.: Ein weidend. Ochse. Secretär der Cardinäle Capranica und Albcrgati. Commcndator von Cervia und Cardinal von S. Marcns. (Löwe.) ^) Andere lesen: ve kos-i- aguitanicis. Anspielung auf dre Cardinäle von Aquitanien. b) Von den Gegcnpäpsten sind nur zwei als solche bezeichnet. Prophetische Namen der Devise. Päpste. Begtündnng der Devise. Liseator minorita SixtusIV.1471. Sohn eines Fischers; vom Orden der Minoriten?) Lrasenrsor Jnnocenz VIII. Hieß Johann Baptiste. War Lioiiias. 1484. im Dienste des KönigS von Sicilien. Los aldauus in Alexander VI. Wappen: Ein OchS; war xortu. 1492. Bischof von Albano und Porto. vs xarvo Kamins. Pius 117. 1503 Adoptirt von der Familie Piccolomini. Vructus )ovis ju- Julius II. 1503. Wappen: Eine Eiche (dem vadit Jupiter geweiht), vs crmicula ko- Leo X. 1513. Sohn des Lorcnzo da Me- litiana. dici (ein Rost), Schüler des Politian. Leo VIorentius. Adrian VI. 1522. SeinVater hieß FlorentiuS. Wappen: Ein Löwe. Hyacilitkus Neäi- Paul III. 1534. Wappen: Hyacinthen. Car-' corum. diual von SS. Cosma und Damian (Aerzte). ve corona Noa- Julius UI. 1550. Aus der Familie Delmonte. taria Wappen: Zwei Kronen. Vrumentum tloc- Marccllll. 1555. Wappen: Getreidcährcn. ciäuw Regierte 22 Tage. ve käs ketri. Paul IV. 1555. Hieß Petrus. Förderer des GlaubensgerichteS. H.ssculLpü pkar- Pius IV. 1559. Aus der Familie Medici macum. (daher AeSkulav). Angelas nemo- Pius V. 1566. Hieß Michael (Engel), ge» rosus. boren zu Bosco (Wald), läeämm corpus Gregor xm. Wappen: Die Hälfte d. Kör- xilarum. 1572. perö e. Drachen, Kugeln. Tlxis in meäietste Sixtus V. 1585. Wappen: Eine Achse oder signi. eine Planke, quer ein Löwe (Zeichen deöTbierkreiscs). ve rare eoeli. UrbanVII. 1590. Geboren zu Rvssano, wo man eine Art von Manna sammelte. Zweiter Theil. ve amiguitLts Gregor xiv. Geboren zu Mailand, einer urbis. 1590. alten Stadt?) ki» civitas in dello. Jnnocenz IX. Geboren zu Bologna, einer 1591. frommen Stadt. vrux Uomules. Clemens VIII. Wappen : Ein Silbcrband, 1592. durchquert von Barren. Unäosus v!r. Leo XI. 1605. Regierte nur 25 Tage. veas pervers». Paul V. 1605. Wappen: Ein Drache und ein Adler?) In tridul-uions GregorXV.1621. Beschwichtigte Unruhen. pacis. viiium et ros». UrvanVlll.1623. Wappen: Drei Bienen?) )ucur>äit»s crueis. JnnocenzX.1644 Gewählt anr 14. September (Erhöhung des .Kreuzes). sloiNniiTi custos. Alexander VII. Wappen: Ein Stern über 1655. sechs Hügeln. Zyäus oloruw. Clemens IX. Hatte im Conclave das 1667 Schwänezimmcr. ve Kamins Clemensx.1670. Geboren z.Zeit einer Ueber- m-gno. schwemmuug des Tiber, vellu» insatiLdilis. Jnnocenz XI. Wappen: Em Löwe und 1676. ein Adler. H Aus Anlaß dieser Devise SixtuS'IV. macbt der Verfasser des BucheS Llillo s non pur mills folgende Bemerkung: Die Sache ist um so merkwürdiger, da zur Zeit des MalachiaS Franz von Assist noch nicht geboren war. °) Diese Devise paßte für den Cardinal Simoncelli, Mitbewerber Gregors XVI., welcher zu Orvieto, einer alten Stadt, geboren wurde, besser. Hier aber beginnt, wie wir später ausführen werden, der prophetische Geist seine Sicherheit einzubüßen. °) Andere erklären die Devise damit, daß die Familie Borghese, welcher Paul V. angehört, mit den Casfarelli verwandt war, welche einen bösen Ruf hatten- v Die Bienen saugen die Rosen und Lilien, also sollten Inlimn st rosa Urban VIII. bezeichnen. 306 — Prophetische Namen ^der Begründung der Devise. koenitentia Alexander VIII. Geboren am Tage des hl. xloriosL. 1089. Bruno (eines Büßers). RLLtrum in porta. Jnnoccnz XII. (hieß Pignatelli). 1691. klares circumästi. ClemenSXI.1700 Wappen: Eine Guirlande, ve bans religions. Jnnociknz XIII. Für heilig gehalten. i 1721. Mies in dello. Bencdict XIII. Italien befand sich im 1724. KricgSgetümmel. Lolumnn excels». Clemens Xlk. Schmückte Nom mit Monu- 1730 meuten. Unimni rurnle. Bencdict XIV. Unermüdlich in der Arbeit. 1740. kosn vinbrine. Clemens XIII. Aus der Familie Rezzonico 1758. aus Venedig?) Visus velox oder Clemens XIV. War schnell in seinen Ent- Ursus velox. 1769. schlüssen. kercgrinus Lpo- PiuS VI. 1775 . Ging nach Wien zu Josef II. stolicus. Hguila rnpax. PiuS VII. 1800. DerAdlerNapoleons führte ihn fort. e->nis er coluder. Leo XII. 1823. War treu und klug. Vir reli^iosus. Pins VIII. 1829 Bemerkenöwcrth durch seine > Frömmigkeit. vo dalneis, He- Gregor XVI. AusCamaldoliinToscana. trurine. 1831. Lrux