« 41 . 1896 . „Augsburger Postzrilung". Dinstag, den 19. Mai Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Zudas Makkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) Als Lycidas sich dem Mittelpunkte der Schaar näherte, theilte sich diese, um ihn durchzulüften, bis er in die unmittelbare Nähe Jaschcrs, seines Anklägers und eigenmächtigen Richters kam, dann schloß sie sich ver- hängnißvoll hinter ihm, um die Möglichkeit des Entkommens zu hindern. Lycidas war mit vollem Vertrauen und in der Absicht, sich als Freiwilliger in ihre Reihen zu stellen, zu den Hebräern gekommen. Er war daher sehr erstaunt, sich als Gegenstand der allgemeinen Entrüstung und des Hasses zu sehen. Weder der Ausdruck der wuthblitzen- den Augen, die aus allen Richtungen ihn anstarrten, noch die Bewegungen der Hände, die Spieße erhoben und blitzende Schwerter aus der Scheide zogen, waren mißzuverstehen. „Daist er, der Verräther, der Heide!" schrie Jascher, „hierhergebracht, damit er den Tod stirbt, denn er verdient." „Was wollt Ihr, Hebräer — Freunde, richtet mich nicht ungehörtl rief Lycidas mit lauter Stimme, indem er die Hand erhob. „Ich bin ein Bekehrter, ich entsage meinen falschen Göttern —" „Er hat ihr Bildniß an seinem Arm!" schrie Jascher, indem er wuthschnaubend auf das silberne Armband des Pollux zeigte, das der Grieche trug, und auf welchem die mit Strahlen umgebenen Köpfe des Apollo und der Diana zu sehen waren. Das war ein sonnenklarer Beweis; es war nichts weiter nöthig. „Er stirbt, er stirbt!" war der einmüthige Ausruf. Das Leben des Lycidas war nicht weniger gefährdet, als er bet dem mitternächtlichen Begräbniß entdeckt wurde, oder als er mit Abischai am Rande des Abgrundes rang. In wenigen Augenblicken würde der junge Grieche als eine formlose Masse unter den Füßen seiner Mörder gelegen haben, wenn nicht das eine Wort „Halt!" von einer Stimme, deren Ton so oft im Schlachtengetöse gehört war, die erhobenen Hände der Krieger gelähmt hätte. Mit dem Rufe: „Makkabäus der Fürst!" wich die Menge nach beiden Seiten zurück, während der Führer durch die Reihen seiner Anhänger in den Kreis schritt. Ein Blick genügte, um ihm die Ursachen des Tumultes zu erklären; er sah, daß er eben zur rechten Zeit gekommen war, um seinen athenischen Nebenbuhler aus der Gefahr, von der Menge in Stücke gerissen zu werden, zu retten. „Was soll dieser Tumult? Schämt Euch!" rief Makkabäus ernst, indem er die wüthende Schaar überblickte. Wir wollen Gerechtigkeit an einem Griechen einem Götzendiener, einem Spion üben!" rief Jascher, auf Lycidas deutend, aber mit weniger wüthender Ge- berde. Der Fanatiker ließ in Gegenwart des Makkabäus, welcher der einzige Mann auf Erden war, den er fürchtete, den Muth sinken. „Er ist ein Grieche, aber weder Götzendiener noch Spion," sagte der Fürst. „Er gehört einem wackeren Volke an, das tapfer für seine Unabhängigkeit kämpfte, er kann daher wohl unsere Liebe zur Freiheit mitempfinden. Er ist gekommen, um feine Dienste anzubieten. Schämt Euch, ihn so zu belohnen!" „Wenn er nur nicht ein falsches Spiel mit uns treibt," murmelte einer der Krieger, indem er den Gedanken der Uebrigen Ausdruck gab. „Wir werden bald eine Gelegenheit haben, alle Zweifel zu beseitigen," sagte Makkabäus. „Wir werden um die Mittagszeit den Feind angreifen, und dann soll dieser Grieche in der Schlacht zeigen, ob er treu oder falsch ist." Die Aussicht, so bald mit dem Feinde zusammenzutreffen, lenkte die Aufmerksamkeit jedes hebräischen Kriegers auf andere Interessen, als das Schicksal eines Fremden. Jascher jedoch wollte sein Opfer noch nicht freigeben. „Er ist ein Achan!" rief der Fanatiker, „wenn er unter uns kämpft, so wird er unseren Waffen Fluch bringen." „Er ist ein Bekehrter," entgegnete Makkabäus mit lauter Stimme, welche von allen gehört wurde. „Unsere Priester und Acltesten haben ihn angenommen — und ich nehme ihn als einen in unsern Bund aufgenommenen Hebräer, einen Waffengefährten und Glaubensbruder, an." Die Worte des Fürsten wurden mit ehrfurchtsvoller Unterwerfung hingenommen, wenn auch nicht mit Befriedigung. Makkabäus wurde mit Begeisterung von seinen Anhängern betrachtet, nicht allein als tapferer und geschickter Anführer, sondern auch als einer, dessen Klugheit sie wohl vertrauen konnten und dessen Frömmigkeit sie ehren mußten. Niemand wagte einen Finger an 310 den zu legen, über dessen Haupt der Führer den Schild seines mächtigen Schutzes hielt. Lycidas fühlte, daß er zum zweiten Male sein Leben dem Judas Makkabäus verdankte. Das Herz des jungen Atheners war voll heißen Dankes gegen seinen Erretter. Aber etwas in dem Wesen des Makkabäus sagte ihm, daß dieser keinen Dank wünschte, daß der Ausdruck desselben wie eine Aufdringlichkeit angesehen werden würde. Lycidas, welcher zum Schweigen gezwungen war, konnte daher nur Gott anflehen, ihm in der Schlacht eine Gelegenheit zu geben, feine Dankbarkeit durch Handlungen zu zeigen, die lauter sprächen als Worte. „Nun blast die Posaunen und greift zu den Waffen," rief Makkabäus. „Wenn Gott uns heute den Sieg gibt, so liegt der Weg nach Jerusalem offen vor uns! Hier will ich meine Reihen in Schlachtordnung aufstellen zum Gefecht." Makkabäus bestieg bei diesen Worten den Gipfel der kleinen Anhöhe, welchen Jascher verlassen hatte und befahl seinen Fahnenträgern, das Banner hinter ihm aufzupflanzen, wo es von allen Theilen des Lagers gesehen werden konnte. Hier überwachte Makkabäus mit gekreuzten Armen stehend die Bewegungen seiner Krieger, welche bei dem Signal der Posaunen aus allen Theilen des Lagers herbeieilten, um von ihren Führern unter den Augen des großen Feldherrn in Schlachtordnung aufgestellt zu werden. Mit schneller Genauigkeit waren die Colonnen gebildet, aber bevor sie zum Angriff vorgingen, flehte Malkabäus mit kurzem, aber ernstlichem Gebet den göttlichen Segen auf seine Truppen herab. 35. Kapitel. Das Schlachtgebet. Lycidas war aus dem Lande der Beredsamkeit- Seine Wiege hatte dort gestanden, wo „Gedanken sprühen und Worte blitzen." Er hatte die Reden des Demosthenes eifrig studirt und in seinen Geist aufgenommen und fühlte den Geist des todten Redners in sich wehen. Lycidas hatte die Beredsamkeit der begabtesten Redner seiner Zeit in der schönsten Sprache der griechischen Poesie bewundert; aber niemals hatte der Athener eine Rede gehört, die so seine Seele bewegte, wie jene einfache Rede des Judas Makkabäus vor der Schlacht bei Beth- sura. Es war darinnen keine Beredsamkeit außer der des unetnstudirten Herzens. Der Hebräer hatte nur seinen Kriegern gegenüber einfachen Gedanken in Worten Ausdruck gegeben, die seinen Geist so fest und hart gemacht hatten, wie der Stahl, der seine Brust bedeckte. Der Eindruck, den die Scene und die Versammlung in ihrem Gottesdienst auf das Gemüth des Lycidas machte, war groß. Kein Bild von Menschenhänden war es, das dort angebetet wurde, — keine erdichtete Gottheit, launisch wie die Gemüther derer, in deren Einbildungskraft sie ihr Bestehen hatte — sondern der Heilige, Hohe, Erhabene, der da wohnt im Heiligthum, dessen Kleid Licht ist und der Himmel seiner Füße Teppich. Kein Gebäude von Menschenhänden war es, in dem Makkabäus seine Kniee beugte vor dem Herrn der Heer- schaaren. Ec kniete auf dem Boden des gelobten Landes, das Gott seinen Vätern gegeben, und von vielen anderen der Erde erwählt war, der Schauplatz von Ereignissen, die bis in Ewigkeit auf die Schicksale der Welt einwirken sollten, zu werden. Am südlichen Himmel lag Hebron, wo der Vater der Gläubigen geknieet, wo der Boden von Engelsfüßen und von den Füßen des Herrn der Heerschaaren, mit dem Abraham um Sodom gerungen, berührt gewesen war. Es war dasselbe Hebron, wo David regiert hatte, bevor er über ganz Israel zum Könige ausgerufen wurde. Der hasmonäische Fürst betete mit hoher Begeisterung und tiefer Inbrunst. Vor ihm lagen die Thürme Bethsuras, das er stürmen, und die Schaaren des Feindes, die er mit dem kleinen Häuflein der Seinen angreifen wollte. Dieses Alles machte in dem Gebet einen überwältigenden Eindruck auf die Zuhörer. Und die Schaar der Zuhörer bestand aus den Edelsten und Auserlesensten aller Länder, Griechenland und Italien nicht ausgenommen. Nicht Ehrgeiz oder Goldgier hatte sie aus ihrer Heimath gegen einen Feind getrieben, dessen Macht und Zahl ihre eigene so weit überragte. Angesichts der wohlgeschulten Krieger Syriens hatten sich Bauern, Künstler, Hirten zusammengefunden, welche alle von glühender Vaterlandsliebe und festem Glauben an Gott beseelt waren. Jeder Einzelne in der dort knieenden Schaar wußte, daß er sein Leben in seinen eigenen Händen trug, daß er im Falle einer Niederlage keine Gnade zu erwarten hatte, und daß nach menschlicher Berechnung die Aussicht auf Sieg immer sehr gering war. Und dennoch zeigte jedes Antlitz jener wettergebräunten, arbeitsgewohnten Krieger nichts als unerschrockenen Muth, fröhliche Hoffnung und festen Glauben, als sie zuhörten und in das Gebet ihres Führers einstimmten. Aber es war auch der Charakter des Führers selbst, der seinen Worten so große Bedeutung gab. Wenn Makkabäus, der Hasmonäer, den hohen Titel: Fürst der Kinder Gottes erhielt, so kam es daher, daß seine Landsleute seine königliche Abstammung anerkannten, die zu ihrer Würde keines Salböls, noch einer goldenen Krone bedurfte. Jede Nation würde diesen Mann mit Stolz unter ihre Helden aufgenommen haben, der die militärischen Talente eines Milttades und die unbefleckte Rechtlichkeit eines Aristides in sich vereinigte, einen Mann, dessen Charakter und Ruf ohne den geringsten Makel war. Einfältiger, fester Glaube war der Ursprung aller Handlungen des Makkabäus. Ein klarer, durchdringender Blick, an Kraft dem des Adlers gleich, der mit mächtigem Fluge die Luft durchschneidet, zeichnete den edlen Hasmonäer aus. Der Seele Blick war aufwärts zur Sonne gerichtet, der Seele Flügel erhoben sich weit über die nichtigen Interessen und den schwülen Ehrgeiz der Erde. So wie Einfalt in der Gesinnung dem Charakter des Judas die höchste Würde verlieh, so war es eben die Einfalt, die seinen Worten Macht gab. Ich will diese Einfachheit nicht durch eigene Zusätze verderben, sondern diesen Blättern das Schlachtgebet des Hasmonäers übergeben: „Lob sei Dir, Du Heiland Israels, der Du durch die Hand Deines Knechtes David den großen Riesen erschlagen hast und hast ein ganzes Heer der Heiden gegeben in die Hände Jonathan's, Saul's Sohnes und seines Knechtes. Ich bitte Dich, Du wolltest diese, unsere Feinde auch in die Hände Deines Volkes Israel geben, daß sie mit ihrer Macht und Reisigen zu Schanden werden. Gib ihnen ein erschrocken und v'erzagtes Herz. Schlage sie nieder mit dem Schwert, daß Dich lieben, daß Dich loben und preisen alle, so Deinen Namen kennen!" Als die Stimme des Anführers schwieg, herrschte 311 für einige Augenblicke tiefes Stillschweigen in der Versammlung. Dann erhoben sich die tapferen Söhne Abrahams, fest entschlossen, zu siegen oder zu sterben. 3 6. Kapitel. Bcthsura. Die kurze, aber verhängnißvolle Zusammenkunft mit Makkabäas haNe auf"Sarah's Gemüth einen sehr peinE . .. .M«r l Düppchrn Hai Durst. Nach dem Gemälde von H. Kaulbach. Photographie und Verlag'^von Franz Hanjstängl in München. Aller Wahrscheinlichkeit nach konnten sich ihrer Verbindung mit dem Griechen sehr ernste Hindernisse entgegenstellen. So edelmüthig auch Makkabäus war, so lag es doch nicht in der menschlichen Natur, die Ansprüche eines Nebenbuhlers zu begünstigen, und eine entschiedene Opposition seitens des Fürsten, ihres Verwandten, vernichtete alle Hoffnungen des Mädchens. In vielen jüdischen Herzen waren Vorurtheile gegen einen Athener, Sarah . wußte dies, obgleich sie ° nicht ahnte, bis zu welchem tiefen Haß dieseVorurtheile führen konnten. Die kurze , Zusammenkunft mit Mak- ! kabäus hatte genügt, um ^ ihren Himmel mit Wolken zu bedecken, threHoffnungen zu verfinstern, ihr Gewissen zu beunruhigen und sich die Frage vorzulegen, ob sie auch recht thäte, einem Fremden ihr Herz zu schenken. Hatte sie wirklich die Wahrheit gesprochen, wenn sie sagte: „Hadassah würde uns nicht getadelt haben"? Als aber Hannah, blaß vor Erregung, ihrer jungen HerrindieNachricht brachte, daß die Hebräer in die Schlacht gingen, als Sarah hörte, dap die entscheidende Stunde gekommen war, von welcher das Schicksal ihres Vaterlandes und mithin auch das des Lycidas ab- hing, verschwanden alle anderen Befürchtungen vor einer tödtlichen Angst. Auf ihren Knieen, mit gefalteten Händen, in betender Stellung, und doch kaum im Stande zu beten, horchte sie aufdieschrecklichenTöne, die der Wind zu ihr herüber trug — wirrer Lärm, Schreien, Rufen brachte vor ihr inneres Auge lebhaft die Schrecken der Scene, die in ihrer Nähe vor sich ging. Es war für sie nicht nothwendig, nach dem tosenden Kriegsstrome zu blicken, die Einbildungskraft malte zu deutlich die Ströme der wider einander lichen Eindruck gemacht. Zu ihrem Kummer ebensowohl, wie zu ihrem Erstaunen hatte sie gesehen, wie tief die Wunde war, welche sie in einem liebenden Herzen verursacht hatte. Denn Sarah besaß nicht jene niedrige Eitelkeit, in welcher Mittelmäßige ihres Geschlechts, wenn sie entdecken, daß sie die Macht haben, Schmerz zu verursachen, triumphiren. Auch in Bezug auf Lycidas waren in Sarah's Seele sehr ernste Befürchtungen erwacht. streitenden Krieger gleichFluihen, die von Bergen herabstürzen und durch einanderschäumen, wieder. Sie vergegenwärtigte sich, wie im wilden Strudel des Todes Wagen von tollgemachten Rossen über blutige Haufen von Erschlagenen gezogen werden. Sie sah deutlich das Fliegen der verwundenden und tödtlichen Pfeile. Sie hörte den Wirbel der tödtlichen Axt — das Krachen — das Toben — das Schreien — den ungestümen Anlauf. Ihrem Geiste 312 schwebte der Rückzug — das Sammeln des Heeres — das Blitzen der Waffen, die vom Blute trieften, vor. Sie bedeckte voll Entsetzen ihre Augen, als ob sie dadurch den schrecklichen Anblick abwehren könnte. Stundenlang dauerte diese Angst. Die Erregung im Kampfe kann wüthige Herzen durch die Schlacht tragen, ohne daß dieselben zum Bewußtsein der Schrecken und der Furcht kommen. Selbst die edelsten und besten Krieger können mit heißem Blute Dinge sehen und thun, vor welchen sie in ruhigen Augenblicken zurückschrecken würden; aber das Weib, dessen irdisches Glück auf dem Spiele steht, und welches das Wesen, das ihr auf Erden das Theuerste ist, nicht vor dem zermalmenden Schlage, oder dem tödtlichen Stoße schützen kann — ihr ist der Tag der Schlacht ein Tag von unerträglicher Qual und fürchterlicher Ungewißheit, und doch fürchtet sie die Ungewißheit mit Gewißheit, welche ihren Schmerz noch unerträglicher machen könnte, zu vertauschen. Das Mädchen fand eine kleine Erleichterung in der Beschäftigung, die sie mit ihrer Magd vornahm, die darin bestand, daß sie Vorbereitungen zur Pflege der Verwundeten traf, obgleich sie zu gut wußte, daß, wenn die Syrer bie Schlacht gewännen, kein verwundeter Hebräer zu pflegen sein würde, sondern, daß vielmehr des Siegers Schwert sein scheußliches Werk vollenden würde. Judas Makkabäus hatte wie gewöhnlich es vorgezogen, selbst der Angreifer zu sein, anstatt den Angriff der rohen syrischen Schaaren abzuwarten. Sein plötzlich unerwarteter Angriff brachte den Feind in einige Verwirrung und gab anfangs den geringen Streitkräften des hebräischen Fürsten Vortheil. Seine Männer stürzten in den Kampf wie solche, die ihres Erfolges gewiß sind. Hatten sie nicht bereits mit Apollonius und Seron die Schwerter gekreuzt? Hatten sie nicht die Tausende des Nikanor zerstreut und Gorgias zur schimpflichen Flucht gezwungen? War nicht Makkabäus ihr Anführer, und sahen sie nicht in vorderster Reihe das Blitzen seines Helmes? Doch der Kampf war hartnäckig, und als die Syrer endlich von den hebräischen Helden zum Rückzüge gezwungen wurden, warf sich eine Abtheilung unter Lystas in die Festung Bethsura, in der Absicht, hinter ihren Mauern Schutz zu suchen und neue Kräfte zu sammeln, um am folgenden Tage den Kampf von neuem aufzunehmen. Aber es lag nicht in der Absicht ihres Gegners, ihnen Zeit zur Erholung zu lassen, oder zu dulden, daß sie seine Nachhut angriffen, wenn er gegen Jerusalem vorrückte. Der Sieg durfte nicht unvollständig bleiben. Bethsura mußte sein werden, bevor die Dunkelheit dem Kampfe ein Ende machte. „Seht Ihr jenes syrische Banner dort oben auf dem Thurme?" rief Makkabäus. „Wer will der Erste sein, es niederzureißen?" Ein einstimmiger Ruf, ein Jauchzen war die Antwort: „Auf die Mauern! Auf die Mauern!" und vorwärts stürzten die Hebräer auf den fliehenden Feind. Bethsura war keine sehr starke Festung, obgleich die Höhe ihrer Thürme die Vertheidiger in den Stand setzte, ihre Angreifer sehr zu quälen, zu ermüden und zu stören, indem sie einen Hagel von Pfeilen und anderen Wurfwaffen auf die Heranstürmenden herniedersandten. Makkabäus hatte in richtiger Voraussetzung, daß der Kampf doch noch in Bethsura selbst entbrennen würde, aus Baumstämmen roh zusammengefügte Sturmleitern, die seine Krieger mit ihren Streitäxten gefertigt hatten, in Bereitschaft. Mit Rufen und Jauchzen wurden zwei derselben herbeigeschleppt, und ungeachtet des heftigsten Widerstandes der Syrer an die Mauern gelegt. Wer wird sie ersteigen, wer wird zuerst die Höhe erreichen durch den tödtlichen Hagel von Wurfspießen und zuerst den niederfallenden heftigen Schlägen und Stößen derer widerstehen, die oben von der Mauer aus die belagerte Festung vertheidigen? Lycidas hatte sich in der Schlacht tapfer gehalten, er hatte die Ehre des Landes, das der ungeheuren Macht des Terxes Widerstand geleistet, vertheidigt; jetzt war sein Fuß der erste auf der Letter. Es war ein gefahrvoller Augenblick. Die rauhen, mit Zweigen kreuzweise befestigten Sprossen schwankten beim Kampfe hin und her. Die Vertheidiger wollten die Leitern niederwerfen, die Angreifer hielten dieselben fest. Es war für die Kletternden äußerst schwer, nicht auszugleiten. Steine und Pfeile raffelten auf den Schild nieder, den der junge Grieche über seinem Kopfe mit dem einen Arm hielt, während er den andern zum Steigen gebrauchte. Aber Lycidas wich und wankte nicht. „Wohl gethan! — brav gethan!" jauchzten die Hebräer, die ihm nachstürmten. „Er ist kein Heide, wenngleich er ein Grieche ist!" schrie Jascher mit gellender Stimme. „Vorwärts — aufwärts Krieger von Juda, noch ein kurzer Kampf, und Bethsura ist unser!" Beinahe an der Spitze der Leiter, beinahe dicht an der Mauer, keuchend, blutend strebt der junge Grieche vorwärts. Da fällt ein Stein auf seinen Schild, zerschmettert diesen, betäubt den jungen Helden und schwächt ihm den linken Arm, mit welchem er den Schild hält. Der Hebräer hinter ihm stürzt, von einem Wurfspieß getroffen, von der Leiter. Der Kopf schwindelt dem Lycidas, sein Ohr hört das Getöse, er weiß nur, daß Ehre und wahrscheinlich der Tod vor ihm sind, und doch — er steigt, er steigt. Zwei mächtige Syrer haben das obere Erde der Leiter ergriffen. Mit einer riesenhaften Anstrengung stoßen sie dieselbe von der stützenden Mauer mit ihrer lebenden Bürde daraufstehender Männer bis auf einen — den obersten! Lycidas fühlte die Leiter unter sich wanken. Mit einer ungeheuren Anstrengung und großer Geschicklichkeit springt er, indem sie fällt, auf die Mauer, ergreift diese mit der rechten Hand und wirft sich auf die Brustwehr. Aber nicht einen Augenblick wird ihm Zeit gelassen, um Athem zu schöpfen, auf seine Füße zu springen und das Schwert zu ergreifen, das er um seinen Hals trägt. Er kann nicht aufstehen und Widerstand leisten, während die Schwerter über ihm Der: Liebe Koti geht öurch öen Wcrlö. Früh morgens, wenn die Hähne kräh'n, Eh' noch der Wachtel Ruf erschallt Und wärmer all' die Lüfte weh'n, Vom Jagdhornruf das Echo hallt: Dann gehet le.se nach seiner Weise Der liebe Herrgott durch den Wald! (Zu nebenstehendem Bild.) Die Blümlein. wenn sie aufgewacht, Sie ahnen auch den Herrn alsbald Und schütteln rasch den Schlaf der Nacht Sich aus den Augen mit Gewalt, Und flüstern leise ringsum im Kreise: „Der liebe Gott geht durch den Wald!" Die Quelle, die ihn kommen hört, Hält ihr Gemurmel auf sogleich, Stuf daß sie nicht die Andacht stört' Von Groß und Klein im Waldbereich. Die Bäume denken: „Nun laßt uns senken Vor'm lieben Herrgott das Gezweig!" L^M LLM !«W -^W ?LMW MM ii«L «Ä ^ M «- 5 M ML W,-, MM W/K -^'-S ÄZZ zMq UM- M'M KZSi^W ^/LK-Äi WMM LS> MM 314 blitzen. Dieselben, die die Leiier niedergeworfen haben, ergreifen ihn, um ihn hinunterzuschleudern. Ein Gedanke an Sarah durchführt das schwindelnde Gehirn des jungen Mannes, ist es sein letzter? — Nein, ein großer Schild schiebt sich plötzlich zwischen Lycidas und seine Angreifer, sie sinken von den Streichen eines furchtbaren Schwertes getroffen, zurück. Die andere Leiter ist von den Braven mit unwiderstehlicher Ausdauer erstiegen worden. Judas Makkabäus selbst hat seinen Fuß auf die Bollwerke gepflanzt. Schritt für Schritt treibt er ihre Vertheidiger zurück und erscheint gerade in diesem für das Schicksal des Lycidas entscheidenden Augenblick, um seinem Nebenbuhler das dritte Mal das Leben zu retten. Das Banner des Makkabäus ist auf den höchsten Thurm Bethsuras gepflanzt. Es weht im Licht der Abendsonne, und die Sieger lassen ein so lautes, wildes Triumphgeschrei erschallen, daß es wohl meilenweit zu hören ist. Es erreicht auch Sarah in ihrer Hütte und erfüllt ihr Herz mit Hoffnung und Frohlocken! denn sie kennt die Stimme ihres Volkes, niemand anders als die Sieger konnten die Luft von solcher Fröhlichkeit erzittern machen. Dann folgt der Ruf: „Jerusalem! Jerusalem!" Dieser, unter allen am meisten geliebte Name ertönt nicht nur von den hebräischen Helden in jener Stunde des Sieges, sondern von allen Kindern Israels. Jerusalem, die Mutter dieser Kinder, soll frei werden. Ihre Befreiung von einem drückenden Joch ist der Lohn für ihre Arbeit und Gefahr, kein Feind wagt es mehr, die Sieger auf ihrem Marsche gegen die heilige Stadt aufzuhalten. Makkabäus stimmt in das Jauchzen und Frohlocken ein. Seine kleinen Bekümmernisse tritt er unter seine Füße, damit sie den Triumph nicht verdüstern, dessen Gott die Waffen seines Volkes gewürdigt. Der Fürst erhebt sein Haupt und seinen siegreichen Arm gen Himmel und ruft laut, nicht mit Stolz, sondern froher Danksagung: „Siehe, unsere Feinde sind geschlagen! Lasset uns nun gehen, das Heiligthum reinigen und wiederum dem Herrn weihen!" (Schluß folgt.) -—«« 84 —- Tödliches Gift.*) In frühern Zeiten wurde, besonders auf dem Lande, häufig zur Beseitigung unliebsamer Persönlichkeiten ein Gift angewendet, das in schleichender Art wirkte, aber stets unausbleibliche tödliche Wirkung hatte. Das Geheimniß der Zusammensetzung dieses Giftes war und blieb lange Zeit wohlbehütetes, unaufgeklärtes Geheimniß; erst spätere Zeiten brachten Licht in die Sache — das so sicher wirkende Gift bestand aus nichts anderem, als einem Glase Wasser, das man unter das Bett eines Sterbenden gestellt und während dessen Agonie und Tod dort belassen hatte. Der Niederschlag der in der nächsten Atmosphäre des Kranken befindlichen, von demselben ausgesträmten Angststoffe der Todespein verleibt sich dem Wasser in einer Art ein, daß der Genuß desselben als tödliches Gift für andere wirkte. Diese gefährliche Thatsache ist zwar freilich nicht so bekannt, daß sie als Warnung zur Vorsicht dienen könnte, jedenfalls aber dürfte sich in diesem Punkte die größte *) Aus „Professor vr. Gustav Jägers Monatsblatt." ».Stuttgart, Kohthammer.) Vorsicht bei schweren Krankenfällen und in den Zimmern Sterbender empfehlen in Bezug auf Speisen und Getränke. Es wird hierin aus Roheit, Unwissenheit und Leichtsinn vielleicht gar oft gefehlt, und mancher Fall von Unwohlsein und Krankheit möchte sich auf die Unvorsichtigkeit zurückbeziehen, die manchen Ortes, besonders bei den untern Ständen, in solchen Fällen geübt wird. Wo peinliche Ordnung und regelrechte Krankenpflege herrscht, da sind ja die Gefahren solcher Unvorsichtigkeit ausgeschlossen, aber manchmal wird mit einer Unklugheit verfahren, die geradezu unbegreiflich ist. Man kann nicht selten die Beobachtung machen, daß Speiseüberreste, die tagelang im Zimmer eines Schwerkranken gestanden hatten, noch einem Kinde verabreicht werden, und die Betreffenden glauben damit noch etwas Gutes zu thun, da es ja etwas „Feineres" war, was das Kind gern ißt und was wegzuwerfen schade wäre. In Städten, wo der Raum in den Wohnungen ja oft so sehr beschränkt ist, habe ich auch schon beobachtet, daß im Zimmer eines Schwerkranken ein Büffet oder ein offener Speisekasten stand, der zur Aufbewahrung von Speiseresten, von Fleisch, Bäckereien u. s. w., auch Zucker, Thee, Kaffee, Brod und anderm, während der Krankenzeit benutzt wurde; es ist anzunehmen, daß dies der Nahrung schädlich ist, während in zweiter Richtung auch der verschiedenen Nahrungsmitteln entströmende Geruch für den Kranken nicht zuträglich ist; auch die beste Lüftung vermag diese doppelte Gefahr nicht zu beseitigen. Ebenso zu tadeln ist es, vom Kranken nicht berührte oder zum Theil genossene Nahrung im Krankenzimmer selbst — oft gar über Nacht — stehen zu lassen, um dieselben dem Kranken später wieder zu bieten; das heißt den Kranken mit dem eigenen Gift vergiften, ihn noch schwererer Erkrankung aussetzen. Und gilt diese ganz natürliche Vorsicht schon von Räumen, wo Kranke liegen, so ist sie noch um so viel eher auf Zimmer anzuwenden, wo Todte liegen; man soll etwaige Nahrungsmittel, die dort etwa in der Verwirrung und Bestürzung eines Sterbefalles vergessen wurden und liegen blieben, wo irgend möglich nicht mehr genießen und benutzen; hier kann übel angewandte Sparsamkeit verhängnißvollen Schaden bringen. In manchen Gegenden ist es Sitte, an der offenen Thür des Zimmers,' wo der Todte gewöhnlich drei Tage aufgebahrt liegt, auf einem Tischchen Brod aufzulegen, von dem jedes, das zum Beileid und zum Beten kommt, ein Stück erhält. Dem tieferen Sinne nach ist ja dieser alte Brauch sehr schön, aber gesund kann der Genuß dieses Brodes, das länger oder kürzer der Letchenluft, also den Ausdünstungen eines Kadavers in allernächster Nähe ausgesetzt war, nicht sein, und es wäre daher aus hygienischen Gründen das Abkommen dieser Sitte zu wünschen. Blumen, besonders gewisse Gattungen, die besonders sensitiv sind, sterben langsam ab, wenn sie einige Zeit in Krankenzimmern gestanden sind; manche Gewächse Mieren im Wachsthum und bekommen nach und nach immer mehr gelbe Blätter und kränkliche Triebe; ein Gärtner sprach mir einmal davon, daß er Pflanzen nicht sehr gern zur Dekorterung von Sterberäumen hergebe, da er trotz guter Bezahlung oft Schaden habe, indem es nicht selten vorkommt, daß werthvolle Gewächse zurückgehen, oft auch ganz absterben; dies ist schon genug Hinweis für die Schädlichkeit des dort herrschenden Duftkreises und zeigt, wie schädlich derselbe auf den mensch- 315 lichen Organismus wirken kann, wenn er durch von ihm verdorbene Nahrungsmittel oder Getränke in denselben eingeführt wird. ->s«88es- 8prm»»i»tv Erinnerungen von Karl von Wertach. (Schluß.) Lange Jahre waren vergangen, — Jahre emsigen Schaffens, rastloser Arbeit. Durch Anspannung aller Kräfte bis zum Aeußcrsten wollte ich den Seelenschmerz betäuben, den der Verlust meiner geliebten Clara in mir erzeugte. Es gelang mir nur halb. Mitten in der Arbeit trat gar oft das Bild der Unvergeßlichen vor meine Seele und die Erinnerung an den Verlust lahmte meine Hand, lahmte meinen Geist. Der Anbl'ck meines Kindes konnte mich nicht trösten, — im Gegentheil, er riß die alte Wunde stets von Neuem auf, trat mir doch in dem aufblühenden Mädchen das volle Ebenbild der Mutter entgegen, nicht nur im Aeußcrn, sondern auch in den seelischen Eigenschaften. Die kleine Clara war ebenso sanft und gut wie ihre Mutter, ebenso der Liebling Aller, die sie kannten.-— — Von den zwei Brudern Castor und Pollux hatte ich nichts mehr gehört, dagegen blieb ich in freundschaftlicher Correspondenz mit der Familie des Justizraths. Auch hier trennte der unerbittliche Tod liebende Herzen. Einige Jahre nach unserer Begegnung in Florenz fiel der noch in den besten Jahren stehende Mann einem tückischen Leiden, für das er in Italien Genesung gesucht halte, zum Opfer. Von Zeit zu Zeit cor- respondierte ich noch mit der Wittwe, aber immer seltener.-- Lange Jahre waren vergangen, mein Töchterchen war zur Jungfrau heran- geblüht. Sie hatte noch nichts von der Welt gesehen, denn ich fühlte seit meiner Hochzeitsreise nie mehr das Bedürfniß, eine Vergnügungsreise zu machen, und war so egoistisch, auch von Andern vorauszusetzen, daß sie gleich mir ihr Leben hinter den allbekannten vier Mauern vertrauern sollten. Da sagte Clara eines Tages, nachdem sie in einer Reisebeschreibung gelesen hatte.- „Es ist recht schön hier, Papa, aber wo es Berge und Seen gibt, da muß es noch weit schöner sein! Ich kann mir's gar nicht vorstellen, — die Bilder, die man sieht, sind doch nur ein schwacher Abklatsch der großartigen Natur!" „Gewiß mein Kind, erwiderte ich. Du bist freilich noch nirgends hingekommen und schon eine stattliche Jungfrau geworden. Würde es Dich denn freuen, einmal mit mir in fremde Länder zu reisen?" „Oh Papa, es würde mich namenlos glücklich machen! Schon lange ist so eine unbestimmte Sehnsucht in mir, eine Reise mit Dir zu machen, ich getraute mir nur nicht, es zu sagen. Gelt, Popa, Du nimmst's mir nicht übel, wenn ich heule so offen spreche?" . . . Ich erfüllte gern den Wunsch meiner Tochter. Zum ersten Male nach 20 Jahren nahm ich wieder Urlaub. — Das „wohm" war mir bald klar. Wer weiß, ob ich später nochmal eine Reise machen konnte? War es nicht am besten, mit meiner Tochter, dem getreuen Ebenbild ihrer Mutter, all' die Plätzchen aufzusuchen, wo ich einst glückliche Stunden verlebte? Es wurden dadurch wohl die alten Wunden aufgerissen, aber ich wollte die Erinnerung nicht verbannen, es war mir ein süßer Schmerz, darin zu schwelgen. So reisten wir denn nach Italien. Unser erster Aufenthalt war am Comersee. Das Entzücken Clara's, welche, wie bereits gesagt, nie eine andere Gegend gesehen hatte, als das bescheidene, von sanften Hügeln begrenzte Thal, in welchen wir lebten, kannte keine Grenzen und machte mich auf Stunden meinen Schmerz vergessen. In Bellaggio nahmen wir unser Absteigequartier. Wie groß war meine Ueberraschung und Freude, als ich dort die Justizräthin traf. Sie war im Begriff, ihren Sohn, der zu einem blühenden, schönen jungen Mann herangereift war, nach Rom zu begleiten, wohin er sich zu seiner wettern Ausbildung begab, und hatte zuerst einige Zeit im prächtigen Bellaggio zubringen wollen. Wie viel hatten w r uns zu erzählen, freilich meist trauriger Natur. Während wir uns über vergangene Zeiten unterhielten, gingen die beiden jungen Leute amUfer des See's spazieren. Es war ein hübsches Paar, — Alfred, ein in der Fülle der Jugend strotzender, junger Mann und meine um sieben Jahre jüngere Clara, die aufbrechende Knospe! Sie verkehrten so kindlich unbefangen miteinander, als ob sie sich schon längst kannten und Geschwister wären . . . . Die Weiterreise erfolgte gemeinsam. Wir fuhren nach Florenz. Unser erster Besuch galt Sän Miniato mit seiner herrlichen Aussicht und den poesievollen Grabinschriften. Da sahen wir, an eine Cypresse gelehnt, einen Mann, der, vonSchmerz überwältigt, kein Auge hatte für diejihn umgebende Schönheit. Wir wollten ihn in seinem Sinnen nicht stören und schlichen uns vorbei. Er hob ein wenig den Kopf und — träumte ich oder war es der lebensfrohe Pollux, dessen eingefallenes Gesicht mir entgegenstarrte? Einen Moment zögerte ick, dann schritt ich auf ihn zu. Er erkannte uns sogleich und reichte uns beide Hände entgegen, während ein trübes Lächeln auf einen Augenblick sein Angesicht verklärte. „Oh wie freut es mich, Sie noch einmal zu sehen, rief er, haben wir doch eine schöne, unvergeßliche Stunde gemeinsam verlebt. Ich war seither jedes Jahr auf diesem schönen Fleckchen Erde, aber nie mehr so glücklich", — und eine Thräne rollte über seine Wange. — — Langsam gingen wir der Stadt zu und erzählten uns gegenseitig unsere Erlebnisse. Auch Pollux hatte die eiserne Hand des Schicksals berührt: er verlor seinen geliebten Bruder und damit war jede Lebensfreude für ihn entschwunden!- Die Reise-Saison für Italien war vorüber und der Fremdenverkehr deßhalb ein spärlicher. In dem lauschigen, kleinen Restaurationslokal des Hotel Bonciani waren wir die einzigen Fremden. Wir saßen am selben Geh. Justizrath! GestrkenZch. HM- 316 Tischchen wie damals, aber nicht in derselben Stimmung. — Bevor wir aufbrachen, um uns zur Ruhe zu begeben, flüsterte Pollux dem Kellner etwas zu, und bald erschien derselbe mit einem Eiskübel, aus welchem der Hals einer Flasche herausschaute. Pollux schenkte Jedem ein Glas ein und gab die halbgeleerte Flasche dem Kellner zurück. Mit vor Erregung zitternder Stimme sprach er: „Vor 20 Jahren fanden wir uns hier zusammen in einer glücklichen Stunde, und in der übermüthigen Laune des Augenblicks freuten wir uns dieses Göttertrankes. — Das Schicksal hat nicht gewollt, daß wir uns nochmals so treffen sollten, es hat uns Allen das Liebste entrissen, was wir besaßen! Ihnen hat es wenigstens einen theilweisen Ersatz geboten, denn Sie haben blühende Kinder an Stelle des verlorenen Gatten, der verlorenen Gattin an Jdrer Seite, während ich einsam in der Welt dastehe. Doch, rechten wir nicht mit dem Schicksal, — was Gott thut, das ist wohlgethan! Widmen wir den theuren Dahingeschiedenen, die wir Alle nie vergessen werden, einen stillen Trunk!" Lautlos wurden die Gläser geleert, und manche Thräne mag hineingeflossen sein. Mit einem stummen Händedruck verabschiedeten wir uns. Das war der einzige Schluck, den ich nach 20 Jahren noch getrunken. * » * „Das Alte fällt,. Und neues Leben blüht aus den Ruinen." Die Herzen Alsred's und Clara's haben sich gefunden. — —- Die Beiden sind auf der Hochzeitsreise — — nach Italien! Heute Morgen erhielt ich ein Telegramm: „Glücklich in Florenz angekommen, wohnen im Hotel Bonciani." —- Während ich in später Abendstunde Scenen der Vergangenheit vor meinem Geiste vorüberziehen lasse, — vor mir auf dem Schreibtisch das Bild der unvergeßlichen Gattin, — sitzen sie wahrscheinlich am bekannten Tischchen als glückliches junges Ehepaar in fröhlichster Stimmung beim „^sti opuinuirtö". -SS8RLS—- Zu unseren Bildern Dttppcher» hat Durft. Es ist reizend zu beobachten, mit welch fürsorglicher Aufmerksamkeit die kleinen Mädchen, wenn sie selbst noch der mütterlichen Pflege in allweg bedürftig sind, an ihren Püppchen Mutterstelle vertreten. Freud' und Leid theilen sie mit ihnen, und alle Bedürfnisse, die sie selbst baben, übertragen sie auf dieselben. So glaubt die Kleine auf unserem Bilde, nachdem sie eben ihre Milch getrunken hat, auch den ihrer Pflege anvertrauten Liebling nicht vergessen zu dürfen. Mit einem Ernste, als ob es gelte, denselben dem Tode des Verdurstcns zu entreißen, gießt sie ihm aus der großen Kanne, die sie kaum zu halten vermag, den stärkenden Trank ein. Und der kleine Nimmersatt will auch gar nicht genug bekommen. Was wird aber die Mutter, die dem in Bälde von der Tagesarbcit heimkommenden Vater das Essen zubereitet, für eine Freude haben, wenn sie die Milch, mit der sie auf den morgigen Feiertag etwas Besonderes zubereiten wollte, in so edler Weise verwerthet sieht? Hoffentlich läßt sie es bei einer ernsten Strafpredigt bewenden und greift nicht zu der gefürckteten Ruthe, die hinter dem Spiegel steckt. Der Schaden läßt sich dadurch ja doch nicht meU gut machen, und das Kätzchen wird froh sein, die Milch Ft>on dem Boden auflecken zu dürfen. -- Geh. Iuftizrath Geffcken Der tragische Tod des Geheimen Justizrathes Pros. Frdr. Heinr. Geffcken in München in Folge der Explosion einer Petroleumlampe bat allseitiges Aufsehen erregt. Pros. Geffcken hat im Jahre 1888 durch Veröffentlichung des Tagebuches des Kaisers Friedrich große Sensation erregt und sich selbst eine dreimonatliche Untersuchungshaft zugezogen, die wieder aufgehoben wurde, ohne daß man ihm den Prozeß gemacht hätte. Geffcken war am 9. Dezember 1830 zu Hamburg geboren, studirte Jura, wurde 1854 Legationssekretär in Paris, 1856 hamb. Geschäftsträger in Berlin, 1859 hanseatischer Ministerresident daselbst, 1866 nach London versetzt, 1869 zum hamb. Syndikus gewählt und nahm 1872 einen Ruf als Professor der Staatswissenschaft und des öffentlichen Rechtes an die Universität Straßburg an, auf welche Professur er 1882 verzichtete. Geffcken gehörte zu den vertrautesten Rathgebern des späteren Kaisers Friedrich. -» « « «> * - Allerlei. Auch ein Schwerenöther. Handwerksbursche: Ein armer Handwerksbursche bittet um eine kleine Gabe, liebe Frau! — Frau (die Katze auf dem Arm): Ich gebe nichts, machen Sie, daß Sie fortkömmen l — Handwerksbursche (zur Katze): Vielleicht legen Sie, verehrtes Fräulein, ein gutes Wort bet Ihrer Frau Mama für mich ein? * Umsicht in der Gefahr. Fremder: „Wollen Sie nicht packen? Es brennt ja im Hause." — Der Herr Sekretär: „Wir packen ja schon! Aber helfen Sie, wir suchen die wichtigsten Dokumente zusammen und da fehlt uns der Impfschein unserer verstorbenen Tochter." -SWüses- Magisches Quadrat. Es sollen die Felder obenstehenden Quadrats mit 16 aufeinanderfolgenden Zahlen derart besetzt werden, daß die Summe der Wagerechten, senkrechten und Diagonalreihen, sowie der vier zusammenliegenden Mittelfelder stets 46 ergibt. Auflösung des Kreuzräthsels in Nr. 40: § 0 8 l 8 0 8 18 8 1 8 8 8 IV 8 I 8 08^888188 8081V8I288 8 12 I 8 8 8 8 8 --WRZ 8 --