-r «r 42. Mittwoch, den 20 . Mai 4896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr, Max Huttler). Judas Wakkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung statt Schluß.) 37. Kapitel. Nach der Schlacht. ES gibt sowohl Freude wie Kummer, in welche ein davon nicht Berührter nicht eindringen «nd welche keine Feder beschreiben kann. So erging eS LycidaS und Sarah, als sie sich zuerst nach der Schlacht bet Bethsura wiedersahen. DaS Mädchen mäßigte ihre Freude doch etwas und fühlte Angst und Unruhe, als sie den jungen Griechen sah, wie er ihr, blaß vor Blutverlust, erschöpft vor übermäßiger Anstrengung, den linken Arm in der Binde, entgegentrat, aber sie beruhigte sich bald; denn LycidaS hatte keine ernstliche, unheilbare Wunde davongetragen. Der junge Bekehrte freute sich sogar, eine Wunde erhalten zu haben, als Beweis, daß er unter JudaS MakkabäuS gefochten und einer der ersten unter denen gewesen war, die Bethsura gestürmt hatten. LycidaS gab der Sarah und ihrer Gefährtin eine genaue Schilderung des Gefechts. Sarah hörte athemloS und zitternd zu, als der Erzähler in seiner Beschreibung an die Stelle kam, wo er selbst in so großer Gefahr gewesen war, von der Mauer geschleudert zu werden, wenn nicht JudaS MakkabäuS ihm in demselben Augenblicke Hilfe geleistet hätte. „Ich wußte, daß eS mit mir aus war, wenn nicht der Fürst plötzlich vor mir erschienen wäre. Hätte ich nicht längst alle Fabeln, die ich in meiner Kindheit gehört, den Winden übergeben, so würde ich geglaubt haben, daß Mars selbst, strahlend in himmlischem Glänze, aus einer Kriegswolke niedergefahren wäre. Aber der Held Israels bedarf keines erborgten Glanzes, mit welchem die Phantasie eines Dichters ihn umgeben könnte — er selbst verwirklicht die erhabensten und herrlichsten Ideen des Homer." „Und MakkabäuS war derjenige, der Dich rettete und vertheidigte? Das. war groß und edel!" murmelte Sarah. „Ja, es scheint so meine Bestimmung zu sein, daß ich in einer immer mehr anwachsenden Schuld der Dankbarkeit ganz versinken soll!" rief LycidaS, indem er im Scherz einen Schein von Unzufriedenheit auf die Dankbarkeit «nd Bewunderung warf, die er für seinen Erretter fühlte. „Ich wollte, eS wäre meine Rolle gewesen, den Retter zu spielen, und mein Schwert hätte sein Haupt geschützt, und daß MakkabäuS nicht dazu bestimmt gewesen wäre, mich in allem, selbst in der Macht, Groß- muth an einem Rivalen zu üben, zu verdunkeln. Aber ich darf ihn nicht um die Lorbeeren, die er erntet, beneiden," fügte der junge Athener mit einem strahlenden Blick auf Sarah hinzu, „da die Blumengewinde des Glückes mir zuerkannt find." Am Morgen nach der Schlacht bei Bethsura besuchten Simon und Eleazar ihre Verwandte in der Hütte des Ziegenhirten, wo sie mit Hannah die Nacht zugebracht hatte. Sie betrachteten sie noch als ihre zukünftige Schwester und boten ihr ihre Begleitung zu dem Hause der Nahe! an, welche nicht weit von der Festung lebte. Da Sarah wünschte, so bald als möglich unter den Schutz eines weiblichen Verwandten zu kommen, nahm sie das Anerbieten froh und dankbar an. Die Sänfte wurde vor die Thür der niedrigen Hütte gebracht, und nachdem die Vorhänge derselben niedergelassen waren, traten das Mädchen und ihre Dienerin ihre kleine Reise zu Rahe! an, die hocherfreut das Kind der Hadassah empfing. Sarah sah an jenem Morgen nichts von LycidaS — und MakkabäuS vermied eS, sie zu sehen. Im hebräischen Lager war alles emsig und thätig Zelte wurden abgerissen und alles für den bevorstehenden Marsch nach Jerusalem bereit gemacht. Die ermatteten Krieger vergaßen ihre Müdigkeit, die Verwundeten ihre Schmerzen, so begierig waren Alle, die reichen Früchte ihres Sieges innerhalb der Mauern von Jerusalem einzusammeln. Die Gedanken des Fürsten weilten mitten in aller Unruhe und Verwirrung und trotz der vielen Sorgen, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, bet Sarah. Er fühlte, daß sie für ihn verloren war. Er würde den Gedanken, ihre Hand dennoch zu begehren, mit Verachtung von sich gewiesen haben, da er wußte, daß ihr Herz einem andern gehörte. Aber er beschloß, wenigstens an dem verwaisten Mädchen wie ein Bruder zu handeln. So schmerzlich auch dem MakkabäuS der Anblick seines Nebenbuhlers war, beschloß er dennoch eine Zusammenkunft mit LycidaS zu haben, um sich selbst zu überzeugen, ob er auch eines hebräischen Mädchens würdig sei. LycidaS hatte sich als tapferer Krieger gezeigt, er hatte die Bewunderung selbst des fanatischen Jascher gewonnen, aber würde der junge Grieche auch in dem angenommenen Glauben fest stehen, wenn eS 318 keine neuen Lorbeeren oder einen schönen Preis zn erringen galt? „Die entfernteste Hoffnung, Sarah zu gewinnen," dachte Makkabäus bei sich selbst, „wäre schon hinreichend, einen Mann zu bewegen, der Sache ihres Volkes bei- zutreten und allen Abgöttern, außer der Vergötterung dieses Mädchens, zu entsagen. Ich muß diesen Athener selbst befragen, ich muß ihn prüfen, ob er diesen Glauben ganz unabhängig von irdischen Beweggründen angenommen hat und als ein treuer Bekenner dieses köstlichsten aller Edelsteine würdig ist. Wenn es so ist, dann mag er glücklich sein, da ihr Glück mit dem seinigen so eng verkettet ist. Niemals will ich ihren sonnenhellen Weg mit dem Schatten, der auf dem meinigen jetzt immer bleiben wird, verdunkeln." Mit nicht geringer Unruhe folgte LycidaS dem Ruf des Fürsten und traf ihn in einem Häuschen der Festung allein, die er zu erobern geholfen hatte. Der Grieche konnte nicht umhin, zu glauben, daß sein Schicksal, was seine Vereinigung mit Sarah anbetraf, von dieser Zusammenkunft mit seinem großen Nebenbuhler abhängen würde. Die Zusammenkunft war nicht lang; was darin verhandelt wurde, blieb verschwiegen. Lycidas hatte nicht einmal Sarah diese Unterhaltung mit dem Manne, dessen Lebensglück er zerstört, mitgetheilt. Als der Grieche den Fürsten verließ, begegnete er Simon und Eleazar, welche soeben von der Begleitung ihrer jungen Verwandten zu der Wohnung RahelS's zurückkehrten. Die hasmonäischen Brüder begrüßten den Fremden freimüthig und herzlich, den sie zum ersten Male am vorhergehenden Tage im Kampfe gesehen. Die Binde, welche der Athener um seine Schläfe trug, und die Schlinge, in welcher er seinen Arm trug, waren als Beglaubigungen ein Freibrief für die Gunst und das Vertrauen seiner neuen Waffengefährten. „Du bist schnell zu Ruhm und Ehre gekommen, schöner Grieche!" rief Eleazar. „Du hattest die höchste Stufe der Leiter erreicht, bevor ich meinen Fuß auf die unterste setzen konnte. Ich könnte Dich um den Ruhm, den Du Dir erworben hast, beneiden." Eleazar und Simon gingen dann zu MakkabäuS hinein, während Lycidas sich entfernte. DaS Lächeln, welches der junge Hebräer bei der Anrede an Lycidas um seine Lippen hatte, war noch vorhanden, als er in das Gemach trat, in welchem der Fürst allein saß. Aber der erste Blick des Eleazar auf Makkabäus verbannte schnell jede Spur des Lächelns. „Du bist krank!" rief er, indem er auf das beinahe geisterhafte Antlitz seines Bruders blickte. „Du hast gewiß eine tödtliche Wunde bekommen!" Der Fürst verneinte dies durch ein leichtes Kopf- schütteln. „Die Last der Verantwortung, der Mangel an Schlaf, die Anstrengung des gestrigen Kampfes zehren Deine Kräfte auf," bemerkte Simon ernst. „Judas, Du bist nicht im Stande, die Mühsale deS langen Marsches, der vor uns liegt, auszuhalten." „Ich war niemals mehr bereit und sehnte mich noch ine so sehr nach einem Marsch," entgegnete Makkabäus, indem er plötzlich aufstand; denn es schien ihm, als ob heftige körperliche Anstrengungen allein im Stande wären, fein Leben erträglich zu machen. „Mich soll nur wundern," sagte Eleazar, „ob unser junger, schöner Bekehrter die Strapazen des Marsches ebenso leicht aushalten wird, wie er gezeigt hat, daß er der Gefahr in's Auge sehen kann. Mich dünkt, er sähe unter unsern grimmigen Kriegern wie eine Marmorsäule aus Salomo's Palast unter rauhen Eichen, wie sie jenen Hügel dort bekleiden, aus. Wenn Lycidas erst —" „Er wird — Sarah's Gemahl werden," unterbrach ihn Makkabäus; seine Stimme klang fremd und hart, und er wandte bei diesen Worten das Gesicht ab. „Sarah's Gemahl!" wiederholte Eleazar mit Erstaunen, „warum" — Simon's warnender Blick verhinderte den jungen Mann, mehr zu sagen. Die Brüder wechselten verständnißvolle Blicke. Das war das letzte Mal, daß Sarah's Name von einem unter ihnen in Gegenwart deS Makkabäus genannt wurde. Sarah überzeugte sich bald, daß ihr Aufenthalt in ihrer neuen Heimath nur von kurzer Dauer sein und daß sie möglicherweise weit eher nach Jerusalem zurückkehren würde, als sie bei ihrer Abreise in jener Nacht voraussetzen konnte. Rahel, ein Weib, welches, obgleich hochbetagt, doch nichts von ihrer Jugendkraft und begeisterten Vaterlandsliebe eingebüßt hatte, war über den Sieg von Bethsura voll triumphirender Freude und erklärte Sarah, daß sie die Absicht habe, bet dem Vorrücken des Heeres nach der Stadt abzureisen. „Ich habe ein Gelübde gethan, ein feierliches Gelübde," sagte die alte Jüdin zu dem Mädchen. „Lange habe ich um die Verwüstung Zions getrauert; und ich habe dem Herrn gelobt, daß, wenn jemals wieder geopfert werden sollte auf dem Altar deS Herrn zu Jerusalem, meine junge Kuh, meine schöne, weiße, junge Kuh das erste Friedensopfer sein sollte. Auch habe ich gelobt, selbst in die heilige Stadt zu gehen, um dort mit meinen eigenen Händen mit Oel gesalbte Oblaten zu machen, welche bei dem Opfer der Danksagung gegessen werden sollten. Die Zeit der Erfüllung meines Gelübdes ist gekommen. Wir wollen, meine Tochter, zusammen hinaufgehen und meine Leibeigene soll die weiße Kuh vor mir Hertreiben. Meine Seele kann nicht mit Frieden dahin- fahren, bevor ich das Heiligthum gesehen, in welchem meine Väter den Herrn anbeteten, und bevor ich ihm von ganzem Herzen mein Gelübde dargebracht habe." Sarah machte gegen die Wünsche ihrer Verwandten keine Einwendungen, zumal dieselben mit ihren eigenen sehr übereinstimmten. Die Vorbereitungen zur Reise wurden schnell getroffen. Die Pferdesänfte, in welcher Sarah nach Bethsura gekommen war. genügte für die Bequemlichkeit der beiden Frauen bet ihrer Rückkehr nach der heiligen Stadt vollkommen. Der treue Joab wurde wiederum mit der Leitung des Rosses beauftragt, und Hannah, sowie die Mägde Nahel'S reisten mit. Unter frohen Erwartungen machten sich die Reisenden nach der Stadt David's auf. (Schluß folgt.) «- « M « »- GoldkSxuer. DaS Kleinste, beut eS Liebe dar, Verwandelt sich zum Scqenl Ein treuer Rath, ein tröstend Wort, Ein redlich Wollen fort und fort Kann manche Thräne trocknen. Krank. -«-SSW-S--- 81S „Geheimuißtwlle Kräfte. Unter dem Titel „Geheimuißvolle Kräfte" erzählt Graf Nikolaus Bethlen in einem ungarischen Blatt eine räthselhafte Geschichte, die auf den Erlebnissen eines französischen Richters beruht. „Bor zehn Jahren hatte ich als Untersuchungsrichter meine Aufgabe in einem entsetzlichen Mordproceß vollendet; Tag und Nacht sah ich seit Wochen im Geiste nur Leichen, Mordscenen und Blut. Zu meiner Erholung suchte ich einen entlegenen Luftcurort aus, wo es kein Casino und keine Eisenbahn gibt, nur alte Stellwagen; ich spazierte den ganzen Tag in den Waldungen herum, die dort eine riesige Ausdehnung haben, und verirrte mich eines Abends derart, daß ich ganz erschöpft war, als ich aus dem Walde auf eine entlegene Straße gelangte, von wo meine Wohnung noch zehn Kilometer entfernt lag. Nächst der Straße befand sich ein Einkehrwirthshaus mit der Firma: „Zum guten Freund." Ich trat ein und verlangte ein Nachtmahl. Der Wirth und seine Frau hatten ein verdächtiges Aussehen, und sonst war kein menschliches Wesen im Hause zu sehen. Nach dem herzlich schlechten Essen verlangte ich eine Unterkunft, da es bereits zu finster war, um den Heimweg anzutreten; die Wirthin führte mich längs eines Ganges in ein Dachzimmer, das sich oberhalb hes Stalles befand. In dem Zimmer fand ich außer dem Bett nur zwei Sessel und einen Tisch mit einem Krug» Wasser. Als vorsichtiger Mann untersuchte ich das Zimmer und fand eine Thür, die sich auf eine Leiter im Freien, welche zur Stallthür führte, öffnete. Ich verbarrikadirte die Thür mit den Sesseln und dem Tisch, auf welch' letzteren ich einen Krug stellte, so daß man die Thür nicht öffnen konnte, ohne den Tisch und Krug umzuwerfen. Todmüde verfiel ich in tiefen Schlaf; da erwachte ich plötzlich auf ein großes Geräusch; es schimmerte Licht durch das Schlüsselloch. „Wer ist da?" rief ich erschrocken. Keine Antwort; tiefe Stille. Nach langer Zeit, gegen Morgen zu, schlief ich endlich wieder und hatte folgenden Traum: Es schien mir, daß man die Falllhür öffnete; der Wirth erschien mit einem großen Messer in der Hand und hinter ihm die Frau mit einer Laterne, vor welche sie ihre Hand hielt; der Wirth nahte mit leisen Schritten und stieß sein Messer in die Brust des Mannes, der im Bette lag; der Wirth packte den Ermordeten bei den Füßen und die Frau beim Kopf, und so trugen sie ihn die Leiter hinunter. Der Wirth nahm den Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund. In dem Augenblick erwachte ich, in Schweiß gebadet; die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ich warf mich hastig in meine Kleider und stürmte die Treppe hinunter; als ich auf die Straße gelaugte, fühlte ich mich ganz erleichtert und eilte in meine Wohnung in den Curort. — Ich vergaß ganz meinen Traum; nach drei Jahren las ich folgende Notiz in den Zeitungen: „Die Gäste des Curortes X. befinden sich in großer Aufregung; der Advokat Victor Armand ist seit acht Tagen, seit er zu Fuß einen Ausflug in das Gebirge machte, verschwunden; man fürchtet, daß er verunglückt sei." In dem Augenblick, als ich die Notiz las, erinnerte ich mich meines Traumes. Noch stärker ergriff mich diese Erinnerung, als ich einige Tage später folgende Mittheilung fand: „Man ist auf der Spur des verschwundenen Advokaten; er verbrachte die Nacht vom 84. August im Einkehrwirthshaus „Zum guten Freund". Ein Fuhrmann hat ihn dort gesehen; Wirth und Wirthin sind schlecht beleumundet; vor sechs Jahren verschwand ein Engländer in derselben Gegend; andererseits hat ein Hirtenmädchen ausgesagt, daß es am 26. August sah, wie die Wirthin in einem Tuche unter dem Holze blutige Leinentücher versteckte. Eine strenge Untersuchung wird eingeleitet. Eine innere Stimme flüsterte mir zu, daß mein Traum zur Wirklichkeit geworden, und unwiderstehlich zog es mich nach dem Curort L. Die Richter bemühten sich dort, das Geheimniß zu lüften, doch ein unzweifelhafter Beweis konnte nicht gefunden werden. Ich traf gerade den Tag in X. ein, als der Untersuchungsrichter die Wirthin verhörte, und ersuchte ihn, zu gestatten, daß ich dem Verhör beiwohne. Die Frau erkannte mich nicht; sie bemerkte gar nicht meine Anwesenheit. Sie sagte aus, daß ein Herr am 24. August Abends im Gasthaus weilte, aber die Nacht nicht dort zugebracht habe; als Beweis ihrer Aussage führte sie an, daß es im Gasthause nur zwei Gastzimmer gebe, und daß beide von Fuhrleuten besetzt waren; eine Thatsache, welche die Betreffenden in der Untersuchung bereits bestätigt hatten. Da griff ich in das Verhör plötzlich ein und rief: „Und das dritte Zimmer über dem Stall!" Die Frau schrak zusammen und schien mich in dem Augenblick zu erkennen. Ich fühlte mich wie in- spirirt und fuhr fort: „Victor Armand schlief in diesem dritten Zimmer; Nachts kamen der Wirth und Sie auf der Stallleiter in das Zimmer, indem Sie die Fallthür öffneten; Ihr Mann hielt ein Messer in der Hand und Sie eine Laterne. Sie blieben bei der Thür stehen, während der Wirth den Reisenden ermordete und ihm seine Uhr und sein Portefeuille raubte." Das war mein Traum vor drei Jahren; mein College, der Untersuchungsrichter, war ganz verblüfft; die Frau aber zitterte am ganzen Leib, ihre Zähne klapperten vor Furcht, und Entsetzen sprach aus ihren Augen. „Dann" — so sagte ich weiter — „ergriff Ihr Mann die Leiche bei den Füßen, und Sie hielten den Kopf. Beide trugen die Leiche auf der Leiter hinunter; um zu leuchten, nahm der Wirth den Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund." Leichenblaß stand die Wirthin vor uns und murmelte unwillkürlich die Worte: „Der hat Alles gesehen!" Aber sofort raffte sie sich auf, verweigerte ihre Unterschrift auf das Protokoll und sprach kein Wort mehr. Nun wurde der Wirth vorgeführt. Mein College wiederholte ihm meine Erzählung; der Wirth glaubte, daß seine Frau ihn verrathen habe. Mit einem fürchterlichen Fluche schrie er wüthend: „Die Elende soll es mir büßen!" Mein Traum ist also nach drei Jahren bis in die kleinste Einzelheit — wie z. B. daß der Wirth den Ring der Laterne in den Mund nahm — zur Wirklichkeit geworden. Im Stalle des Wirthshauses fand man unter dem Kehrichthaufen vergraben die Leiche des unglücklichen Victor Armand und noch andere menschliche Gebeine, vielleicht jene des vor sechs Jahren verschwundenen Engländers. Mir ist es immer, als ob mir dasselbe Loos bestimmt gewesen wäre. In jener Nacht, als ich träumte, habe ich wirklich durch das Schlüsselloch das Licht schimmern sehen, oder war das auch nur ein Traum, eine grauenhafte Vorahnung? Ich weiß es nicht. Aber ich fühle auch, daß eine geheimnißvolle Kraft mich als Werkzeug benutzte, um ein Verbrechen an das Tageslicht zu bringen, das sonst ungestraft geblieben wäre. Und während meines langjährigen Wirkens als Richter hatte ich öfter Gelegenheit, zu erfahren, daß der Verbrecher — um 320 seine That zu verhüllen — nicht allein mit uns Menschen zu kämpfen hat, sondern auch mit einer geheimnißvollen Macht, welche die Wissenschaft noch nicht zu ergründen vermochte." -- Allerlei. Funken. Man sagt oft das Schlimme, das man von jemand denkt; man denkt selten das Gute, daS man von jemand sagt. — Man begräbt häufiger seine Freundschaften als seine Freunde. — Wen wir lieben, dem geben wir die Macht, uns Leiden zu bereiten. — Eine Steuer auf die bösen Zungen und jede andere Steuer ist überflüssig. — Glückliche Frau, die einen Feinschmecker zum Manne hat: sie ist immer sicher, den Weg zu seinem Herzen zu finden. — Wenn sich eine Frau schlecht kleidet, so sagt man, sie habe keinen Geschmack; kleidet sie sich gut, so sagt man, sie denke nur an ihren Putz. — Eine Dummheit wieder gut machen wollen heißt, sie an eine große Glocke hängen. — Die größte Kunst des Alters besteht darin, sich zu erinnern, daß man jung gewesen, ohne zu vergessen, daß man eS nicht mehr ist. — Tausend Thore führen in das Paradies der Liebe, nur eines führt hinaus: der Ueberdruß. — Kummer bildet den Charakter, Erniedrigung entstellt ihn. *> Druckfehler. In einem Thiergarten ist der Elefant erkrankt. Alan beschließt, ihn zu erhängen. In der Zeitung stand folgender Bericht über diese Execution: Da plötzlich hob sich der Krähn, die Ketten zogen an, der Elefant schwebte in der Luft und war nach kurzen Secunden eine Lerche —" * Warum — darum. Fürst (auf der Durchreise zum Schulzen): «Sagen Sie mir, mein lieber Schulze, wie kommt es, daß ich in dieser Gegend gar so viel Kinder barfuß umherlaufen sehe?" — Schulze: „Ja, Durchlaucht, so kommen sie bei uns auf die Welt." » Guter Rath. Student seiligst an einen anderen herantretend): „Sapperlot — ein paar Gläubiger lind mir auf den Fersen." — Kommilitone: „Schnell geh da hinein in die „Sparkasse", dort fuchtDich keiner." * Hausfrauen-Jammer. „Höre, Mann, mit der Käthe ists nicht mehr zum Aushalten! In vier Wochen hat sie in der Küche alles kurz und klein geschlagen — nur das Brennholz nicht!" Fehler in der Erziehung. Onkel: „Mach' mir einen Grog, liebe Emma!" — Nichte: „Den verstehe ich nicht zu bereiten." — Onkel: „Was, nicht mal' einen Grog kannst Du machen? Ja, was hast Du denn eigentlich in der Pension gelernt?" * Der Sonntagsjäger. Oberförster: „Sie wünschen also eine Anstellung bet uns — waS haben Sie denn seither getrieben — was sind Sie?" — Bewerber: „Jäger!" — Oberförster: „Ich meine, an Wochentagen?" * Ein guter Posten. Ich sollte in meiner letzten Stellung 200 Mark den Monat bekommen, erhielt aber nach halbjährigem Dienste keinen Pfennig, weil die Firma in Konkurs gerieth. — Gut! Wenn sie Kaution leisten, engagiere ich sie unter den gleichen Bedingungen! Fatale Erklärung. A.: Was bringt denn Deine junge Frau mit? — B.: Ich weiß nicht; als ich vor der Hochzeit meinen Schwiegervater darnach fragte, wurde er grob. — A.: Und nach der Hochzeit? — B.r Hm — da wurde er noch gröber. DaS Recht und die Rechte. Der berühmte Göttinger Gelehrte Lichtenberg sagte einst: „Um sicher Recht zu thun, braucht man sehr wenig vom Rechte zu wissen; allein um sicher Unrecht zu thun, muß man die Rechte studiert haben." Faule Ausrede. Pantoffelheld: „Kinder, ich muß jetzt nach Hause, ich habe mir heute statt des Hausschlüssels aus Versehen meinen — Wanduhrschlüssel eingesteckt." * Unverfälscht. Landmann: „Ist das aber auch ächtes Hunbcfett, Herr Apotheker?" — Apotheker: „Gewiß lieber, Mann, sehen Sie hier diesen dicken Pudels der wird jede Woche einmal ausgebraten." Wonnemond. Nun des Lenzes Düfte wieder Schmeichelnd Fora und Au durchwallen, Grüßen uns die frohen Lieder Sangesrcicher Nachtigallen; Frühlings Rosen lieblich blühen Untcr'm Strahl der gold'nen Sonne, Ihre sammt'nen Wangen glühen Wunderbar in Lust und Wonne. Jedes Herz in heil'gcr Stunde Trifft des Lenzes frohes Ahnen, Trifft des Lenzes süße Kunde Wie ein selig Himmelsmahncn; Gottes Walten, Gottes Weben Füllet all' die Menichengeistcr, Daß sie sich in Andacht heben Zu dem Meister aller Meistert Maximilian Dursch. --- tzekegrapyett-Natyjer. (Die Striche sind durch die Vokale aaeeeeeeeeeee eeiiiioööuuuuuüüüzu ersetzen. Die Punkte sind Konsonanten, die dem Sinn entsprechend zu ergänzen sind.) Auflösung des magischen Quadrats in Nr. 41 19 6 5 16 12 9 10 15 9 13 14 11 7 18 17 4 —--EZS--