»r M 43. Kreitag, den 22. Mai 1896. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Schick salsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. INkchdru« vnboltN.1 I Ein trüber Herbsttag neigte sich seinem Ende zu. Am Stand der Sonne hätte man dies allerdings nicht entdecken können, denn dieselbe hatte sich schon längst hinter undurchdringlichen, schwarzgrauen Wolken verschanzt, aus denen der Regen in Strömen herabrieselte und deren Dunkelheit den Tag in Nacht einhüllte. War auch für zahllose Menschen, die Wind und Wetter Trotz bieten mußten, diese trostlose Witterung wenig erfreulich, so kümmerte es nicht die Herrin der Villa Nosenheim, die am Kamin in dem großen, saal- artigen Wohngemach mit Wohlbehagen in das lustig knisternde Feuer schaute und wohl den Regen gegen die Fenster schlagen hörte, sich aber in ihren vier Wänden vor aller Unbill der Jahreszeiten gesichert und geschützt fühlte. Die prasselnde Flamme des Kaminfeuers war der einzige Schein, der das große prunkvolle Gemach matt erleuchtete; denn Frau Marlitz liebte das trauliche Dämmer- dunkel und saß oft Stunden lang in Träumereien versunken, ohne darauf zu achten, wie flüchtig die Zeit dahin eilte. Die feingeschnittenen, bleichen Züge der Dame des Hauses und die dunkeln Ringe um die großen blauen Augen schienen wenig zu den freundlichen Bildern zu Passen, die ihre Umgebung ihr bot. Ihr Haar war längst gebleicht, und es mußten wohl schwere Seelen- kämpfe und bitteres Leid gewesen sein, die mit ehernem Griffel ihrem Antlitz tiefe Furchen eingegraben hatten. — Armuth und Reichthum! Wie nahe wohnen sie neben einander! Solche Gedanken mochten wohl das Herz der reichen Dame erfüllen, als sie seufzend sich von ihrem Sitz erhob und ihre müden Blicke in den strömenden Regen Hinausschweifen ließ. Jetzt gedachte sie längst vergangener Jahre; und Wenige ahnten wohl, daß die reiche Wittwe mit ihrem traurigen, sanften Ausdruck in ihrem edeln Antlitz schweres Herzeleid erfahren hatte, und hätten die Menschen es gewußt, so wäre der Neid um ihre irdischen Güter gewiß in Mitleid verwandelt worden. Angela, Comtesse von Wildenthal, war die jüngste von neun Geschwistern. Ihr Vater, früher ein reich begüterter Edelmann, hatte durch Leichtsinn und verfehlte Speculationen nicht allein längst vor der Geburt seiner jüngsten Tochter sein ganzes Vermögen verloren, sondern auch sein Landgut im südlichen Deutschland so hoch mit Schulden belastet, daß er sich mit seiner zahlreichen Familie dem Ruin gegenüber sah. Keiner der vielen Gläubiger wollte sich durch Versprechungen dazu verstehe«, dem verarmten Edelmann neue Summen vorzustrecken, und es war fast ein Wunder, daß die gräfliche Familie ihr Dasein fristete. Armuth! Das war das Schreckgespenst, das die kleine Angela von frühester Kindheit auch in des Wortes tiefster Bedeutung kennen lernte. Ein neues Kleidchen, eine Puppe oder sonstiges Spielzeug war ein Luxus, den sie nie kennen lernte und daher auch kaum entbehrte. Ihre Kleidung wurde aus der Garderobe ihrer Mutter oder Geschwister hergestellt, und diese selbst waren so einfach und dürftig gekleidet, daß für die Jüngste kaum das Nothwendigste übrig blieb. Mit ihrem zwölften Lebensjahre hatte sie schon ein tiefes Verständniß für die Angst und Sorge ihrer Mutter bei dem Erscheinen des Postboten, der nur neue Rechnungen brachte; noch schlimmer war es, wenn die Gläubiger selbst kamen, sich Eingang erzwängen und sich hartnäckig weigerten, das Schloß zu verlassen, bevor sie den Grafen gesprochen hatten, selbst wenn sie stundenlang auf ihn warten mußten. Der Tod lichtete die kleine, hilflose Schaar, so daß nur fünf heranwuchsen. Es blieben Angela nur zwei Brüder und zwei Schwestern, und als sie ihr achtzehntes Lebensjahr vollendet hatte, entfaltete sie sich trotz ihrer höchst einfachen, ja fast dürftigen Kleidung als eine der herrlichster. Mädchenknospen der ganzen Umgegend. Oft beweinte sie bitter die sich täglich mehr entwickelnde Schönheit, der sie allein die Ursache ihres tiefen Seeleu- letdens Zuschrieb. Keines der Geschwister war verheirathet, so sehr die gräflichen Eltern es auch gewünscht hatten. Kurt, der älteste Sohn und Erbe des Titels und der enormen Schuldenlast des Vaters, durfte nur eine reiche Erbin heirathen, denn nur mit fremden Gütern konnte er sein Wappenschild neu vergolden. Dann folgten zwei Töchter, Marie und Helene, beide waren aber höchst einfach und unansehnlich, ja ihr eckiges, schroffes Wesen ließ sie noch häßlicher erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren, und bis jetzt hatte sich noch kein reicher Edelmann gefunden, um diesen armen Comtessen Herz und Hand und mit denselben ein Heim zu bieten. Nun folgte Hans; er war ein frischer, aufgeweckter Jüngling, nur ein Jahr Liter als Angela; er hatte seine Studien nach nicht be- endet und lag denselben mit Eifer und Fleiß ob. Die einzige Hoffnung der gräflichen Eltern auf Errettung aus ihrer bedrängten Lage gründete sich auf die Schönheit und liebliche Anmuth ihrer jüngsten Tochter. Angela sollte einen reichen, einflußreichen Gatten heirathen, Gäste um sich schaaren, unter denen sich zweifellos Grafen oder andere Edelleute für die Schwestern und eine reiche Braut für den Bruder finden würden. Doch die Entrüstung der Eltern und der drei heiratsfähigen Geschwister spottete jeder Beschreibung, als ein junger, talentvoller Ingenieur, Karl Marlitz, um Herz und Hand der schönen Angela bat und diese seine Liebe auch aus vollem Herzen erwiderte. Die Schale des Zornes und der Erbitterung goß sich über die Liebenden aus. Der alte Graf fühlte sich in seiner „Ehre" gekränkt, daß ein Bürgerlicher die Augen zu seiner schönen Tochter zu erheben wagte; seine Gattin und seine drei ältesten Kinder pflichteten ihm bei, und sie gelobten sich, die Liebenden zu trennen. Der junge Ingenieur entstammte einer guten, achtbaren Familie, hatte kein Vermögen, aber desto mehr Fleiß und Energie. ES schmerzte ihn wohl, daß der Graf ihm höhnend sein Haus verbot, aber er verlor den Muth nicht, Angela zählte erst achtzehn Jahre und gern wollte er noch drei Jahre warten, bis sie Majoren« war und frei über ihre Hand verfügen konnte Noch einmal trafen sich die Liebenden. Karl Marlitz hatte unter den günstigsten Bedingungen eine Stellung in den Vereinigten Staaten in Amerika bei Brückenbauten angenommen. Gern hätte er seine junge Gattin mit in die neue Heimath herüber genommen, aber es Widerstrebte seinem ehrlichen Charakter, sie zu einer heimlichen Flucht aus dem Elternhanse zu überreden; auch wurde Angela zu streng von den Geschwistern beobachtet, so daß ein Entfliehen ganz unmöglich war. Karl Marlitz schwur daher seiner Geliebten ewige Treue und versprach ihr, in drei Jahren zurückzukehren, falls sie bis dahin ihm ihre Liebe bewahrt habe. Sie waren ja beide noch jung, und die kurze Zeit der Trennung würde bald vergehen. Die arme, unglückliche junge Braut! Sie ahnte nicht den Betrug ihrer Eltern und Geschwister und wie frevelhaft mit ihrem ganzen Lebensglück gespielt wurde! Mit rastlosem Eifer lag der junge, talentvolle Ingenieur auf seinem neuen Arbeitsfelde seinen Pflichten ob, und das Glück begünstigte alle seine Unternehmungen. Er spcculirte, wucherte mit seinem Talent; es gelang und er häufte Schätze auf Schätze. Sein Herz hing Nicht an Gold und irdischem Reichthum, aber er wußte, für wen er arbeitete, und mit diesem Ziel vor Augen überwand er alle Schwierigkeiten. Nur ein Schatten um- düsterte seinen Weg: so häufig er auch schrieb und seine geliebte Angela um eine einzige Zeile anflehte — kein Wort gelangte von ihr in seine Hände, und dieses Schweigen erfüllte sein Herz mit namenlosem Weh. Er konnte ja Nicht ahnen, daß daheim seine geliebte Braut sich in heißem Sehnsuchtsschmerz die Augen trüb und roth weinte, daß die vielen Briefe von der Mutter unterschlagen wurden, ebenso wie sie geschickt die seinigen auffing. So vergingen Monate. Angela welkte sichtlich dahin; ihre Wangen wurden bleich, und die seelenvollen blauen Mgen lagen tief in ihren Höhlen. Luftveränderung — Prisen — schlug die Mutter vor und sandte ihr jüngstes Töchterlein «ach der nahegelegenen Residenz zu einer ent. fernten Verwandten, die sie im Vertrauen bat, keinen Brief nach Amerika zu dem Ingenieur Marlitz abgehen zu lassen. Die alte Tante war nur allzu gewissenhaft. Sie überwachte mit Argusaugen ihren Schützling und sandte alle Briefe zur Weiterbeförderung der besorgten Mutter zu. Ja noch mehr, sie führte Angela in die Gesellschaft ein und wußte es bald dahin zu bringen, daß ein alter, reicher Junggeselle, der längst ein halbes Jahrhundert überschritten hatte, dem jungen, geistreichen Mädchen Herz und Hand zu Füßen legte. Angela war empört. Sie hing mit jeder Faser ihres Herzens ihrem Geliebten an und sogar der Umstand, daß alle ihre heißen Liebesverstcherungen, die mit ihren Thränen benetzt waren, unbeantwortet blieben, vermochte ihr Vertrauen nicht zu erschüttern. Um aber in dem Herzen des alten Grafen nicht falsche Hoffnungen zu erwecken, kehrte sie in das Elternhaus zurück, nicht ahnend, welcher herbe Schlag sie dort treffen würde. Achtzehn Monate waren bereits seit der Abreise des jungen Ingenieurs vergangen, als Angela aus der Residenz zurückkehrte. Die alte Gräfin mochte wohl befürchten, daß durch irgend einen unglücklichen Zufall ein Brief aus Amerika in die Hände der Tochter gelangen könnte, darum sandte sie nicht allein den letzten ««eröffnet zurück, sondern schrieb auch selbst, daß Angela sich verlobt habe und die Trauung bald stattfinden werde. Es war der erste Brief, den Karl Marlitz erhielt. Er glaubte jedes Wort, das da vor ihm geschrieben stand; die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, dann brannten sie sich wie Feuer in seine Seele ein. Als er ruhiger geworden war, packte er mit schwerem Herzen die wenigen Zeichen seines kurzen Liebesglücks zusammen. Angela's Bild, das sie ihm vor der Abreise geschenkt hatte, eine blonde Haarlocke und zwei Briefe, die er von ihr erhalten, als er noch in Deutschland war; das war MeS — aber sein Herz blutete, als er sich von diesen Schätzen trennte. Nur wenige Worte fügte er hinzu: „Du bist frei — sei glücklich!" Dann übergab er selbst diese Kleinodien der Post, ohne zu ahnen, daß dieses die ersten Worte seien, die nach achtzehnmonatlichem treuen Warten seiner Geliebten in die Hände gelangten. Angela starb nicht vor Schmerz beim Empfang dieser Zeilen; sie wurde auch weder krank noch ohnmächtig ; aber niemand ahnte das tiefe Seeleuleiden und die Wunden, an denen ihr Herz verblutete. Sie kehrte in die Residenz zu ihrer Tante zurück; äußerlich ruhig, denn ihr Schmerz war ihr zu heilig, um ihn offen der Welt zu zeigen. Der alte Junggeselle erneuerte seinen Antrag — vergebens. Angela gab ihm ernst und freundlich zu verstehen, daß jede Hoffnung nutzlos sei. So vergingen die Jahre. Der alte Graf war gestorben und der älteste Sohn Kurt verwaltete die verschuldeten Güter. Der jüngste Sohn Hans war nach Beendigung seiner Studien nach Indien gereist, um im fernen Lande das Glück zu suchen, welches seiner ganzen Familie in der Heimath nicht blühen wollte. (Fortsetzung folgt.) - —- Goldköruer. Unter allen Lagen bleibet stolze Armuth stets die schlimmste. Calderon. - —— « »- L GKDöb»«- 323 Judas Makkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Schluß.) 28. Kapitel. DeS Siegers Heimkehr. Gibt es wohl einen herrlicheren, herzbewegenderen Anblick, als den eines tapferen Volkes, das sich, indem es sich von dem Joch der Fremdherrschaft frei macht, die Fesseln, die es drückte, abwirft, siegreich sich erhebt und frei — frei ist, um den einen wahren Gott in Lauterkeit und Wahrheit anzubeten? Gleichwie der Mond, wenn die Finsterniß vorüber, durch die Wolken bricht, um in neuer Schönheit am Firmament zu leuchten, so war es in Jerusalem, als Makkabäus und die Seinen in die heilige Stadt kamen, welche sie durch den Arm des Herrn befreit hatten. Die Stadt befand sich in einem wahren Freudentaumel, den sie zu verbergen nicht nöthig hatten. Die Stimme der Danksagung wurde in jeder Straße gehört. Weiber weinten vor Entzücken, und während die jüngeren Bewohner ihr Jauchzen erschallen ließen, segneten die Alten den Herrn, daß sie einen solchen Tag erleben durften. Die vorgerückte Jahreszeit verbot jeglichen Blumenschmuck, aber überall, wohin man blickte, wehten Palmenzweige, waren Thüren und Fenster mit Immergrün geschmückt und Zweige auf den Weg gestreut. Jede Spur von Heidenthum war eifrig zerstört worden, und in den Straßen traten die Kinder die Trümmer der Götzen und Altäre unter ihre Füße. „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er thut Wunder!" und Weiber gingen mit Cimbeln den Kriegern des Judas entgegen. Obgleich eS schon spät im Jahre war, schien die Sonne hell und warm, als ob die Natur an der allgemeinen Freude thcilnehmen wollte. Hierauf zogen sie zum Berge Zion, die Braven und Treuen, sie, die trotz vieler Anfechtung den Glauben bewahrt hatten, die vor dem Götzen niemals ein Knie gebeugt, noch den Bund des Herrn verlassen hatten. MakkabäuS ist der Erste hier wie einst in der Gefahr: „Erhebt Euch, ihn zu sehen, Ihr Kinder von Jerusalem, jauchzet ihm entgegen, Ihr Söhne der Freien!" Eine Gruppe von Weibern und Mädchen stand in der Vorhalle des Tempels. Sarah und Rahel waren unter ihnen. „Du sollst die Erste sein, die Sieger zu begrüßen, meine Tochter," rief Nahel ihrer jungen Begleiterin zu, welche sehr geneigt war, zurückzutreten. „Das hasmonäische Blut fließt in Deinen Adern, und Du hast selbst um Deines Glaubens willen Verfolgung erlitten. Was? Thränen in Deinen Augen an solch einem Morgen wie diesem?" „O, daß meine geliebte Mutter Hadassah gelebt hätte, um dieses zu sehen," dachte Sarah. „Sie würde diesen Tag als ein Vorblld und einen Vorläufer jener gesegneten Zeit angesehen haben, wenn die Erlöseten deS Herrn wiederkommen zu Zion mit Gesang und ewiger Freude, wenn sie werden Freude und Wonne haben und Kummer und Seufzer wird weg müssen." Ja, was jener helle Wintertag, dem bald Frost und Stürme folgen mußten, im Vergleich zu dem herrlichen langen Sommer war, das war das Glück Judüas unter der Herrschaft seines ersten hasmonäischen Fürsten im Vergleich zu dem Ruhm, der ihm gebührte, wenn die Zeiten der Anfechtung und Verfolgung ein Ende haben sollten. Zur Zeit des Makkabäus und seiner Nachfolger hatte sich die „verlassene Königin" aus dem Staube erhoben, aber sie hatte in jener Periode noch nicht den Thron bestiegen. Schreckliche Gerichte, fürchterliche Verfolgungen sollten noch nach jener Zeit des Glückes und der Freiheit In der Geschichte Zions kommen. Die Römer, noch schrecklicher als die Syrer, sollten Jerusalems Söhne dem Schwert und ihren Tempel den Flammen übergeben; und Gottes altes Volk sollte in alle Länder zerstreut und ein Sprichwort und ein Gespött der Leute werden. Aber ihr Ruhm ist nicht für immer dahin. Wir, oder unsere Nachkommen, werden den Weinstock sehen, der, nachdem er aus Aegypten wiedergebracht ist, zu neuer Schönheit erblüht und in dem verheißenen Frühling neues Leben athmet. „Er kommt, er kommt, Makkabäus, unser Held!" so schallte es aus aller Munde, als die wettergebräunten Sieger mit Palmenzweigen in ihren Händen erschienen. Frohlockte auch das Herz deS Makkabäus in jenem Augenblick? Vielleicht nickst, vielleicht würde er das Jauchzen des ganzen Volkes für ein liebendes Willkommen der einen treuen Stimme hingegeben huben. Judas erblickte Sarah. Ihre Augen waren die einzigen, die nicht auf ihn gerichtet waren. Sie suchte eifrig nach einer Gestalt im Gefolge des Führers — der Gestalt ihres Verlobten, des heidnischen Bekehrten, den sie liebte. Die Sieger betraten den Tempel von Zion. Sie kamen nicht nur, um anzubeten, sondern auch zu säubern. Kein Opfer konnte im Heiligthum dargebracht werden, bis das hinweggethan war, was das Heidenthum beschmutzt hatte. Mit Zorn und Abscheu erblickten Judas und seine Anhänger das Bild deS Jupiter, das so viele Jahre den Tempel entheiligt hatte. Seit der Abreise des Antiochus hatte kein Anbeter mehr das Knie vor dem Götzenaltar gebeugt. Das Gebäude war verlassen und vernachlässigt worden. Das Ganze hatte einen Anschein von Verwahrlosung, als ob der Zorn Gottes darauf ruhte, und zeigte einen solchen Abstand gegen das, was es früher gewesen, daß eS die Herzen des Makkabäus und seiner Krieger mit tiefer Betrübniß erfüllte. Ich lasse hier die Worte des Geschichtsschreibers folgen: „Und da sie sahen, wie das Heiligthum verwüstet, der Altar entheiligt, die Pforte verbrannt und daß der Platz rings umher mit Gras bewachsen war, wie ein Wald oder Gebirge, und der Priester Zellen zerfallen waren, da zerrissen sie ihre Kleider und erhoben eine große Klage, streuten Asche auf ihre Häupter, fielen nieder auf ihre Angesichter und bliesen Trompeten und bliesen gen Himmel." Aber es blieb zum Klagen nicht viel Zeit übrig. Makkabäus machte sich mit der ganzen Energie seiner Natur an das Werk der Wiederherstellung. Er wühlte die eifrigsten und besten Priester aus, daS Heiligthum zu reinigen, jede Spur von Abgötterei zu zerstören, die Steine, die entheiligt waren, fortzuschaffen, und den Altar, der entehrt worden war, niederzureißen. Neue Gefäße wurden gemacht, Schaubrode und Weihrauch zubereitet und in dem neuen Heiligthum alles zu dem fröhlichen Fest der Einweihung vorbereitet. Dieses Fest sollte, so bestimmte JudaS Makkabäus, jährlich gehalten werden. Und es wurde von der Zeit ab zwei Jahrhunderte jährlich gehalten, bis die dunkelste, längste Trübsal über Jeru- salem kam. Wer soll nun das Fest der Einweihung des Tempels halten, wenn der herrliche Tempel selbst dahin ist? 39. Kapitel. DaS Fest der Einweihung. Laut und freudig erschallte die Musik der Zithern, Harfen und Cimbcln — der Berg Zion hallte wieder von den frommen Gesängen — als am frühen Morgen die Anbeter des Herrn in seinem Tempel erschienen, um die Opfer der Danksagung zu opfern. Die Vorderseite des Gebäudes war mit goldenen Kronen und Schilden bedeckt, und so erzählt die gewaltige Sprache des alten Geschichtschreibers: „Und war sehr große Freude im Volk, daß die Schande von ihnen genommen war, die ihnen die Heiden angelegt hatten." Dann stiegen, als Sinnbild der Danksagung, Tau» sende rosiger Wolken köstlichen Wohlgeruches von dem Weihrauchaltar auf. Judas Makkabäus stand dabei blasser und nachdenklicher vielleicht, als es für diese Gelegenheit denkbar erscheinen mochte, indem er den aufsteigenden, sich kräuselnden Rauch beobachtete, wie er sich in der durchdufteten Luft verlor. Jetzt nahm der Fürst etwas von seinem Arm und warf es in die Flamme. Die Bewegung war so ruhig, daß sie nur von wenigen der Umstehenden bemerkt werden konnte; und niemand wußte, was das war, das da einen Augenblick hell aufflackerte und dann nicht einmal sichtbare Asche hinterließ. Es waren nur einige Flachsfasern, die einst einige längst verwelkte Blumen zusammen gehalten hatten. Es schien ein werthloses Opfer. Aber, als ein paar Jahre später Judas Makkabäus sein Leben aushauchte, als auf dem verhängnißvollen Felde von Eleasa der feindliche Stahl ihm sein wüthiges Herz durchbohrte, ist ihm sicherlich nicht solcher Schmerz verursacht worden. Und hier will ich meine Geschichte schließen und den Helden von Juda als Sieger über seine Feinde und als Sieger über sich selbst verlassen. Mag das Gemälde vor dem Auge des Lesers bleiben, wie es in der Stunde des Triumphes und der Freude war — als der Herr das Gefängniß Zions wendete und ihre frohlockenden Bürger waren wie die Träumenden. -- Der Kalcnderstreit und seine Folgen in Augsburg. ( 1583 - 1591 .) Nachdruck verboten. R. Die 1547 durch den Schmalkaldischen Krieg der Reichsstadt Augsburg geschlagenen Wunden waren vernarbt, und das am 3. August 1548 wieder in den Besitz der Negierungsgewalt gelangte Patriziat bemühte sich redlich, das Loos der Bürger zu verbessern und namentlich die bedauerliche Kluft zwischen den Bekennern der alten und der neuen Lehre zu überbrücken. DaS Kunsigewerbe erreichte die höchste Blüthe, eine außerordentliche Bauthätigkeit legte in vielen Werkstätten aufs Neue einen goldenen Boden, und sogar in den Theuerungsjahren von 1567 bis 1572 wußte die Umsicht deS Rathes, ungeachtet er 4000 Personen das Almosen zu reichen hatte, die Einwohnerschaft vor den Schrecken einer Hungersnoth zu bewahren. Außerdem störten die großen Welthänbel Augsburgs Ruhe nicht. Zwar hatte Kurfürst Moritz von Sachsen im April 1552 der Stadt sich bemächtigt, das Zunftregiment wieder hergestellt und die gesperrten Kirchen den Evangelischen zurückgegeben, allein dieser Zustand dauerte nur vier Monate, und die Rückkehr in die alten Verhältnisse ließ die Unterbrechung um so lieber vergessen, als Kaiser Karl V. diesen Vorgang mit Milde behandelte. So verfloß die lange Ne- gierungszeit der beiden Stadtpfleger — eine seit 1548 wieder eingeführte Bezeichnung der höchsten Staatswürden — Heinrich von Nehlingen (1549—1575) und Christoph von Peutinger (1553—1576) ziemlich ruhig, denn das Zerwürfniß unter der katholischen Geistlichkeit und dem von Karl V. 1552 nicht beanstandeten evangelischen Predigtamte artete nicht in ärgerliche Auftritte aus, wodurch allmählig ein versöhnlicher Geist bei der Bürger- schaft einkehrte und das ganze Gemeinwesen während 40 Jahre frisch auflebte. Nun aber trübte ein völlig fernliegendes, lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen entsprungenes Ereigniß den heiteren Himmel glücklichen Friedens. Bet dem von Julius Cäsar 46 vor Chr. dem römischen Weltreiche gegebenen Kalender fand die 325 nach Nicäa einberufene Kirchenversammlung, daß seit dieser Zeit das Frühlingsäquinoktium immer auf den 24. März falle, was endlich 1474 den Papst SixtuS IV. bestimmte, durch den gelehrten Bischof von Negensburg Regiomon- tanus zu Rom die Berichtigung der Zeitrechnung vornehmen zu lassen. Der plötzliche Tod dieses Mannes (1° 1476) ließ die Arbeit unvollendet bis Papst Gregor XIII. mit der Fortsetzung derselben eine Commission beauftragte, zu der auch der Bamberger Mathematiker Clavius gehörte. Das von ihr vorgelegte Gutachten veranlaßte die päpstliche Bulle vom 24. Februar 1582, welche anordnete, daß auf den kommenden 4. Oktober nicht der 5., sondern der 15. Oktober zu folgen habe. Diesen neuen oder Gregorianischen Kalender nahmen Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Lothringen und die katholischen Landstriche der Schweiz und der Niederlande anstandslos an, während er in einem Theile des deutschen Reichs und ganz besonders in Augsburg auf heftigen Widerstand stieß, der an dem kirchlichen und an dem politischen Gebiete der sich sträubenden Reichsstadt nicht spurlos vorüberging. — Die erste Kunde von einem neuen Kalender verbreitete sich in Augsburg während des 1582 hier gehaltenen Reichstags, ohne besonderes Aufsehen zu erzeugen, weil man wissen wollte, der Kaiser habe auf den Rath der Kurfürsten dem päpstlichen Legaten gegenüber wegen der Neuerung sich ablehnend geäußert, wie denn auch den versammelten Ständen keine Vorlage darüber zuging. Niemand legte deßhalb dem Vorhaben Roms eine Bedeutung bei. Ehe jedoch das Jahr sich vollendete, verlautete abermals, daß bezüglich der Abänderung der Zeitrechnung unter den Fürsten und Ständen Verhandlungen im Gange seien, denen sich allmälig die Aufmerksamkeit aus weiteren Kreisen zuwendete. Ganz besonders war es ein Mann in Augsburg, welcher in dem neuen Kalender einen versteckten Angriff auf den am 26. September 1555 mühsam erkämpften Neligionsfrieden witterte und deßhalb einen Sturm auf die Unabhängigkeit des evangelischen Ministeriums seiner Vaterstadt voraussagte. Dieser um die Erhaltung der Ovuksssio ^.u- ssustann besorgte Wächter war Or. Georg Müller oder Mhlius, wie er selbst sich schrieb. Von der Hochschule 83k 1572 in die Heimath zurückgekehrt, erhielt der 24 Jahre alte Theolog auf Ansuchen daS Diakonat bei Heiligkreuz, rückte 1579 auf die Pfarrei St. Anna vor und nahm bald darauf als Superintendent und Rektor des Kollegiums St. Anna die höchste Stelle im geistlichen Ministerium ein. Ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und ein beliebter Prediger, trat er auch als ein streitbarer und seiner Würde nichts vergebender Magister auf, welche Charaktereigenschaften ihn mit den übrigen 13 Prädi- kanten zu einer scharfen Fehde mit der weltlichen Obrigkeit hinrissen. Die Nachsicht der beiden Stadtpfleger Heinrich Nehlingen und Ch. Peutinger, welche keinem StaatS- oder Kirchendiener gegen die angestrebte Ausdehnung ihrer Amtsbefugnisse eine Schranke setzte, was die evangelischen Kirchenpfleger im Rathe soweit irre führte, daß sie, obwohl nur zur Vermittlung des Verkehrs der Prediger mit dem Rathhause berufen, die Vertretung des PredigamteS, sich anmaßten, zeitigte auch bei dem von einen einflußreichen Anhange umgebenen Dr. MyliuS den irrtümlichen Glauben, daß er mit dem Konvent einen eigenen und besonderen Stand im Reiche bilde, dem die ordentliche Obrigkeit in Neligions- und Gewissenssachen nichts vorzuschreiben habe, wie derselbe auch ausschließlich zur Regelung der kirchlichen Angelegenheiten berufen sei. Diesen Rechtsboden, weil mit dem jns krinoixis des Rathes einer freien Reichsstadt nicht vereinbar, be- stritten die 1575 gewählten Stadtpfleger Marx Fugger- Kirchberg-Weißenhorn und Anton Christoph Nehlingen- Horgau dem Superintendenten, waS ihn nach der schon 1576 gemachten Erfahrung nicht überraschen durfte. Er war nämlich wegen der am Sonntag Dxauäi gehaltenen ' Predigt, worin er die Jesuiten anklagte: „durch ihr blutgieriges Einblasen der Potentaten Herz verbittert und dadurch die Pariser Vluthochzeit (1572) angezettelt zu haben", vor die Stadtpfleger geladen und allen Ernstes ermähnt worden, „solcher Sachen in dieser Zeit auf der Kanzel zu geschweige»". Hatte ihn, den Diakon, die Citation und der Verweis, wozu er nur das Ministerium als berechtigt erachtete, gekränkt, so hoffte er in der jetzigen Würde das, was der Helfer in stillem Zorne hinnehmen mußte, mit Erfolg zurückgeben zu können. Die Gelegenheit zu dieser Kraftprobe stellte sich bald ein. Seit dem 15. Oktober 1582 gebrauchten mehrere europäische Staaten die neue Zeitrechnung, in Folge dessen der dorthin gerichtete deutsche Handel mit Widerwärtigkeiten mancher Art und mit empfindlichen Verlusten sich bedroht sah. Den darüber verlauteten Klagen halfen etliche Fürsten und Stünde im Reiche durch Annahme des neuen Kalenders ab. Argwöhnisch betrachtete Dr. MyliuS diese Vorgänge, und er hielt es jetzt an der Zeit, ehe auch der hiesige Rath mit der Angelegenheit sich beschäftigen könnte, seine Gemeinde an den Gedanken zu gewöhnen, Allem, was von dem Papste ausgehe, die Kirchen zu verschließen. Willig gehorchte der gemeine, urtheilslose Haufen dem Lockrufe, der aber auch gebildete Männer verführte, darunter sonderbarer Weise den berühmten Botaniker und Stadtarzt Dr. Adolf Occo (geb. 1524), welchem Deutschland die Einfuhr der Tabakpflanze verdankte. Aergerlich über die voreilige Verhetzung der Bürgerschaft, vermieden doch die katholischen Stadtpfleger jeden Schein der Gewissensbedrückung und sie schritten gegen die Prädikanten nicht ein; allein mit ungetrübtem Blicke in die Zukunft schauend, wollten sie für alle Fälle gegen kurzsichtige Gegner gerüstet sein. Sie beauftragten deßhalb den Augsburgischen Mathematiker Dr. Georg Henisch mit der nochmaligen Prüfung der Kalenderänderung, und der allgemein geachtete Gelehrte sprach sich rückhaltlos dahin aus: „er finde an dem neuen Werke nichts Ungereimtes." Als nun am 2. Januar 1583 Herzog Wilhelm von Bayern an den Rath schrieb, er sei entschlossen mit dem Erzbischof von Salzburg den neuen Kalender anzunehmen, und in gleicher Weise der hiesige Bischof Mar- quard II. zu erkennen gab, er werde in seinem von Dillingen bis Füssen sich ausdehnenden Gebiete denselben einführen, so blieb dem Rathe keine andere Wahl, als sich den Nachbarn anzuschließen, sollte nicht das Gemeinwesen und die Handelschaft schwer geschädigt, ja sogar den Jahr- und Wochenmärkten die unentbehrliche Zufuhr der Lebensmittel aus Bayern und Schwaben abgeschnitten werden. Demgemäß entschied sich der gebotene Rath „einhellig" zu Gunsten des neuen Werkes, daS schon „bis an die Ringmauer der Stadt" reiche, „aber — wie bei der Publikation des Beschlusses zur Beruhigung der Bürger ausdrücklich bemerkt wurde — mit Nichten auf des Papsts Ersuchung, viel weniger auf desselben Befehl und zum allerwenigsten ihm einige Superiorität über diese Stadt und derselben Obrigkeit dadurch einzuräumen oder der Augsburgischen Confessions-Neligion und ihr zugethanen Bürgerschaft einigen Abbruch ihrer Lehr halber zuzufügen, sondern allein dessen wegen, die merkliche Zerrüttung und Konfusion, welche ob der Ungleichheit des alten und neuen Kalenders in Haltung der Feier» und Fest-, auch Raths- und Gerichtstäge, dergleichen in den kommerziell, Jahr- und Wochenmärkten nothwendig entstehen müssen, abzustellen, also ganz und gar ein politisch Werk weder dem Neligionsfrieden noch dem Gewissen anhängig, das anzurichten jeder Obrigkeit, die Macht hat, Statuten zu machen, Zukommt, also auch in Einführung oder Aenderung und Versetzung der Feiertäge auch derer, welche zur Ehre Gottes angesehen werden." So wohlgemeint der durch unabwendbare Verhältnisse dem Rathe abgerungene Beschluß und die ihm angehängte Belehrung war, auf Dr. MyliuS und seine Anhänger wachte dieses keinen Eindruck. Sie verlangten „dem Papst seinen losen Kalender anheimzu- schicken", denn es sei „ein vermessen Stück Kaiserlicher Majestät, den Kur- und Fürsten (Bayern ausgenommen) und den übrigen Ständen vorzugreifen, insonderheit von Augsburg, allda ein getheiltes Kirchenwesen gefunden wird, daher alles so lange in Ruhe zu stehen habe bis ein anderes durch den Reichstagsabschied festgesetzt sei oder der Augsburgischen Confessionsverwandten hohe und niedere Neichsstände sich dessen miteinander einhellig verglichen haben werden". Weil die drei Kirchenpfleger sich anmaßten, „die ganz unbescheidene Schrift" am 15. Januar zu vertheidigen, so wurden sie „unter Verweisung ihres Unfugs glimpflich verabschiedet", die Supplikanten aber verständigt, daß es bei dem Rathsbeschluß verbleibe. Die dadurch wegen ihrer Religion geängstigten evangelischen Bürger, bestärkt in dem Irrthume, daß der Rath nur auf die Ausrottung der Augsburgischen Konfession abziele, scheuten sich jetzt nicht, gegen die eigene Obrigkeit den Rechtsweg einzuschlagen. Sie reichten bei dem Kammergericht zu Speyer eine Klage ein und verbanden damit die Bitte um ein munäutniu sins oluu- Luiu. das ihnen auffallender Weise schon am 26. März 326 — gewährt wurde. Der Rath antwortete jedoch ohne Ver- zug Mit der xstltio xro oassalions raanäuti, und UM dem Mißtrauen nicht weitere Nahrung zu geben, aber auch zur Verhütung einer Täuschung, daß er den ange- fochtenen Beschluß zurücknehme, machte er öffentlich bekannt, daß „des Gerichts, Raths und der Märkte halber gemäß seinem Dekret nachgegangen werde und nur, wie auch bishero, wegen der Haltung der Feiertäge nach dem neuen Kalender ein Kammergerichts-Erkenntniß abgewartet werden wolle". Anstatt nun in Ruhe dem Verlaufe deS Prozesses sich zu fügen, steigerte sich immer mehr die Verbitterung unter den Bürgern, und brutale Ausschreitungen waren keine Seltenheit. Derselben Meister zu werden und die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, sahen sich die Stadtpfleger genöthigt, die Stadtgarde mit mehreren Knechten zu verstärken. Ungeachtet dadurch die Steuer nicht erhöht wurde, ja sogar die ökonomische Lage der Stadt die Verringerung des Umgelds ermöglichte und die aus der Zeit des Schmalkaldischeu Krieges herrührende Schuldenlast sich verminderte, wuchs die Unzufriedenheit mit den Negterungshandlungen, und die feindselige Stimmung artete in die thörichtsten Exzesse aus. Ein dumpfes Gerücht schlich durch die Gassen, es sei der Plan geschmiedet, am Tage Simon und Judä die evangelischen Einwohner zu massakriren und sie ihres Eigenthums zu berauben, und angesehene Familien schämten sich nicht, dem Blödsinn Glauben zu schenken, denn „sie fingen an, ihre Behausungen aufs best zu verriegeln und zu vermauren, mit einer Anzahl von Büchsen zu versehen und sie legten Knechte hinein, nicht anders als wenn der Türk vor den Thoren stände". Diesem unleidlichen, durch das Stillschweigen der Prädikanten unterstützten Zustande schien ein Mandat des Kaisers ein Ende zu machen. Rudolf II., dessen Schwerfälligkeit bei der Erledigung aller Staatsgeschäfte allgemein bekannt war, verfügte am 4. Scpt. 1583: „wir haben uns entschlossen das neue Calcndarium sowohl als Römischer Kaiser deutscher Nation, als auch in unseren Königreichen und Landen zu gebrauchen und dasselbe auf den Oktober des laufenden Jahres einzurichten, und wir leben der gnädigen ungezweifclten Zuversicht, ihr werdet eures Theils euch solcher unserer Resolution und Erinnerung zu accommodiren und derselben gemäß zu halten wissen." Der Rath, sehr erfreut, in dem allerhöchsten Befehl die gleichen Erwägungen anzutreffen, die ihn bisher in der Sache geleitet hatten, ließ das Mandat unter Trompetenschall auf allen Plätzen der Stadt verlesen und gleichzeitig publiziren: „hierauf wird sich männiglich gegen der kaiserlichen Resolution der Gebühr zu erzeigen, und sich fürohin gegen einem Ehrsamen Rath schuldigen Gehorsams zu verhalten, auch alles das zu vermeiden wissen, das der ordentlichen Obrigkeit verkletnerlich, auch ihnen selbst verweißlich fällt und zu Pflanzung oder Fortsetzung dergleichen Mißtrauens und Spaltung, so durch etliche (denen es zum wenigsten gebühret) hierüber ohne alle Noth und Fug erwecket worden ist, fürdersam und dienstlich sein mag. Das wird ein E. Rath gegen die so sich getreue Warnung und eines E. Raths Lang- müthtgkeit nicht zur Besserung leiten lassen, mit allem Ernst zu ahnden keineswegs umgehen." Die erwartete Wirkung bei der Partei des Dr. Mylius blieb aus, und hatte sie schon den „Beruf vom 17. April 1683 als ganz fremd, beschwerlich und recht verdrießlich, ja als leibliche Marter" empfunden, fo glaubten die evangelischen Bürger jetzt lieber ihrem Ministerium, das sich nicht scheute, das kaiserliche Mandat des befehlenden Charakters zu entkleiden und ihm den Stempel einer nicht verbindliche» Privatäußerung aufzudrücken. In feierlicher Weise bekräftigte der ganze Konvent seinen Widerspruch dadurch, daß er am Sonntag den 9. Oktober von allen Kanzeln „eine Purgation des Predigamtes an seine verärgerten Zuhörer" kundgab. „Nicht aus Muthwillen, noch viel weniger aus Verachtung unserer lieben Obrigkeit — lautete der Protest — sondern aus aufgedrungener Noth lehnen wir den neuen Kalender ab, wir würden sonst mit unserem Nachsehen die löbliche Freiheit unserer Kirche schwächen, nicht einen Fuß darf der Papst in dieselbe setzen, daraus er Gottlob ausgemustert ist, derohalb wir flehen uns im Argen nicht zu verdenken, wenn wir die Fest- und Feiertage als ein pur lauter Kirchenwesen nach des PapstS Kalender anzurichten uns bestandiglich verwidern." Der Rath nahm Abstand von der strafrechtlichen Verfolgung der beispiellosen Renitenz in der Hoffnung, ein günstiges Urtheil aus Speyer in nicht ferner Zeit zu erhalten. Dasselbe vom 13./23. Mai 1584 hob nicht nur das angefochtene Mandat auf, sondern wies auch die Klage in allen Punkten ab und belastete die Kläger mit sämmtlichen Gerichtskosten. Bitt diesem Richter- spruch fiel das letzte Bollwerk der Gegner, die dessen ungeachtet weder kapitulirten, noch um Frieden baten. Ob sie dabei auf die kräftige Vermittlung der angerufenen evangelischen Fürsten und Stünde hofften, oder durch einen Gewaltakt eine Sinnesänderung auf dem Rath- hause erzwingen wollten, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls machte die versuchte Verschleppung und ihre trotzige Haltung sie verdächtig, dem nunmehr verbrieften Recht sich zu entziehen. Zunächst reichte der ganze Convent bet dem Rath eine Supplikation ein: „des kaiserlichen Kammergerichts Urtheil wolle von Etlichen dahin verstanden werden, als ob mit selbigem auch dem evangelischen Kirchenwesen der neue Kalender auferlegt sei, welcher Meinung sie sich nicht versehen mögen und auch in dem Urtheil nicht finden können. Demnach womit eines E. Raths Dekret dem politischen Wesen in der Stadt Maaß und Ordnung gegeben werde, wissen sie sich gehorsamst schuldig in solchem eines E. Raths Willens zu leben, wofern aber mit gedachtem Dekret auch das Kirchenwesen gemeint sei, bezeugen sie für Gott, daß sie sich hierinnen im Gewissen beschwert erachten und bitten sie um GotteS Willen, mit gefährlichen Prozessen ihrer gnädiglich zu verschonen." Da nunmehr eine ganz klare Sachlage sich gebildet hatte, lag für den Rath kein Grund vor, die übermüthige Eingabe einer Antwort zu würdigen, welches Stillschweigen dagegen die Prädikanten als ein Berücksichtigen ihrer Einwendung ausgaben. Deßhalb ließ der Superintendent am nächsten Sonntag von den Kanzeln verlesen, es werde am Donnerstag in altherkömmlicher Weise das Hiwmelfahrtsfest (von den Katholiken schon vor Wochen begangen) gefeiert werden. Hievon unterrichtet, ordnete der Stadtpfleger Nehlingen an, daß unverzüglich vom Erker des Rathhauscs ausgerufen werde: „dieweil wider eines E. Raths Edikt und des kaiserlichen Kammergerichts Mandat, allem der Obrigkeit zu besonderem Trotz, Verachtung, Ungehorsam und Spott, die Diakonen in den Predigten den Auffahrtag verkündigt haben, wolle ein E. Rath ernstlich mandirt haben, 327 baß man auf künftigen Donnerstag alle Läden aufthue, feil halte und den Wochenmarkt, wie alleweg, fortgehen lasse bei ernstlicher Straf." In dieser Schärfe trat der Gegensatz zwischen dem weltlichen und geistlichen Regiments noch nie in die Oeffentlichkeit, und Jedermann fühlte das Nahen eines folgeschweren Ereignisses. Volkshaufen bildeten sich in den Gassen, die lebhaft die Zukunft besprachen, Drohworte gegen die Obrigkeit und die Mitbürger ausstießen und Unfug mancher Art verübten. Berittene Soldaten zerstreuten die lärmende Masse und hielten den öffentlichen Wandel aufrecht. Aufregende Gerüchte schwirrten in der Luft, welche erzählten, die Schlüssel zum Perlach, wo die Sturmglocke hing, seien in das Amtszimmer der Stadtpfleger gebracht, die Fallgatter werden herabgelassen und die verstärkten Thorwachen untersuchen die ankommenden Reisenden, ob sie etwa Waffen mit sich führen. Mit ängstlicher Spannung sah man deßhalb dem auf Montag den 4. Juni neuen Stils angesagten außerordentlichen Rathstage entgegen, über welchen Etliche geheimnißvoll flüsterten, er sei gegen die Prädikanten gemünzt und gelte hauptsächlich dem Pfarrer von St. Anna, den der Papst begehre und für den in Rom schon der Kessel mit Oel über dem Feuer hänge, worin er gesotten werden soll. *) Die Neugierde und die Theilnahme an dem Loose der Prediger versammelte zahlreiche Bürger auf dem Platze vor dem Nathhause, welche tn besonnener Ruhe den Ausgang der Berathung abwarteten; allein sie hörten darüber nichts und sahen nur die Nathsherren, darunter mehrere evangelische, ernster als gewöhnlich den Sitzungssaal verlassen. Ganz unverletzt blieb jedoch das Amtsgeheimniß Nicht. Man hörte, daß auf 2 Uhr Nachmittags die Prediger vor die Stadtpfleger geladen seien und daß der Stadtvogt der Nathssitzung anwohnte: Vorgänge, welche die Aufmerksamkeit der evangelischen Bewohner so sehr auf sich lenkten, daß viele die Arbeit verließen und die Behausungen ihrer von Gefahren bedrohten Geistlichkeit bewachten. Um die Essensstunde entleerten sich aber die Straßen, und diese Zeit wählte der evangelische NeichL- Stadtvogt Augustin Weyß, den ihm morgens gewordenen Auftrag des Raths zu vollziehen. Nur von einem einzigen Diener begleitet, ging er zu Dr. MyliuS, welchen er in der Studierstube allein antraf, und indem er ihm ein Rathsdekret aushändigte, eröffnete er ihm, daß er Vollmacht und Gewalt habe, ihn ohne Verzug und geräuschlos aus der Stadt und über deren Eiter hinaus zu führen, etwa nach Pferse, in Zobels Sommersitz oder wohin es ihm gefalle. Der Bitte, mit seinen Kollegen und Mitbrüdern sich zu besprechen, konnte der Stadtvogt, der mit Leib und Leben sich verbürgte, daß ihm an Leib und Gut kein Leid widerfahre, nicht entsprechen, und so rüstete sich der Superintendent mit den Worten zum Aufbruche: „er hätt sich solchen schnellen Prozeß gegen seinen Herren mit Nichten versehen." Alles hatte im Nebenzimmer die Frau Pfarrerin gehört, und sie erhob jetzt am geöffneten Fenster mit den Ehehalten ein solches Jammergeschrei, daß viel Volk herbeiströmte, darunter auch Müller's beide Schwäger. Diese, tn das Haus eingetreten, schloffen sich mit der Erlaubniß des Vogts ihrem Schwager an. Alle gingen durch den Hof und trafen außerhalb der kleinen Gartenthüre gegen den Zwinger einen Wagen, ') Dieses Märchen und ähnliche erzählt Dr. MyliuS selbst in seinem Buche „Augsburger Händel" als glaubwürdige Nachrichten den sie bestiegen. Als die Kutsche aus dem engen Gäßchen auf den Platz an dem Göggingerthore einbog, sang Dr. MyliuS sammt seinen Verwandten mit lauter Stimme den 31. Psalm „In dich hab' ich gehoffet Herr, hilf, daß ich nicht zu Schanden werde", und plötzlich war der Wagen von einer wtldtobenden Menschenmenge umringt. Der Fuhrmann wurde vom Bock gezogen, junge Gesellen schnitten die Stränge der Pferde ab, und mehrere Bürger forderten unter Trostworten den Geistlichen auf, auszu- steigen, was er that. Sie eilten dann mit ihm in ein benachbartes Haus, wo er ein sicheres Versteck gewann (Schluß folgt.) Ein gefährlicher Feind. Bei Gelegenheit der im September v. I. in Stuttgart stattgehabten Verhandlungen über die Erbauung von Heilstätten durch die Jnvaliditäs- und Altersversicherungsanstalten machte der Direktor deS ReichS-Ge- sundheitsamtes, Geh. Ober-Negierungs-Nath Köhler, Mittheilungen über die Verbreitung der Lungenschwindsucht, die wahrhaft schreckenerregend sind. Er führte aus: Von 1000 Todesfällen im Deutschen Reiche find etwa 105 bis 107 auf Tuberkulose zurückzuführen, d. h. diejenige Rolle, die im vorigen Jahrhundert vor Einführung der Schutzpockenimpfung die Blattern bei uns spielten, von denen man sagte, daß der zehnte Mensch an den Pocken sterbe, dieselbe Rolle spielt die Lungenschwindsucht, eher noch in verstärktem Maße, denn nicht bloß der Zehnte, sondern ungefähr der neunte stirbt schon daran. Ganz anders wird das Bild, wenn wir die einzelnen Altersklassen vornehmen. Von 1000 Todesfällen in der Altersstufe von 0 bis 1 Jahr — nach den Zahlen des Jahres 1893 — sind 10,8 auf Tuberkulose zurückzuführen, von 1000 Todesfällen im Alter von 1 bis 15 Lebensjahren 62,2, vom 15. bis 60. Lebensjahre 322 , 3 , über das 60. Lebensjahr hinaus 60. Mit anderen Worten: von der erwerbsfähigsten Altersklasse unseres Volkes, das sind die von 15 bis 60 Jahren, stirbt von dreien, die in diesem Alter überhaupt das Leben beende«, immer einer an der Tuberkulose. Wenn wir auch in der Hoffnung, den Schwind- suchtserreger zu überwinden, getäuscht waren, so hat sich doch manches geändert. Man hat den Feind studirt und ihn kennen gelernt; man weiß, daß viele Wunden, die er dem Körper des Einzelnen schlägt, heilbar sind, und daß mancher arbeitsunfähige Tuberkulöse unter richtiger Behandlung wieder die Fähigkeit erlangt, für sich und die Seinen zu arbeiten. Mit der Erkenntniß, ^daß ein winziger Spaltpilz, der daoillus tuderoulosus, der vergiftende Träger der Ansteckung ist, waren auch die Mittel gegeben, ihm den Weg von Mensch zu Mensch und von Thier — auch ein Theil der Thiere leidet an der Tuberkulose — zu Mensch zu verlegen. Der Tuberkelbacillus befindet sich im Auswurf Tuberkulöser und wird von da, wenn der Auswurf eintrocknet und verstaubt, sei es am Boden, sei es in einem Taschentuchs, vom Winde oder dem Luftzuge in Mund und Nase der Gesunden getragen und gelangt so mit dem Athmen und Essen in deren Körper. Ebenso befindet sich der Bacillns in der Milch perlsüchtiger d. h. tuberkulöser 328 Kühe und wandert mit dieser beim Trinken in den Menschenkörper. Daraus ergeben sich folgende Vorfichts- regeln: Man halte für den Auswurf stets einen mit Wasser gefüllten Spucknapf bereit, man sorge, daß von den benutzten Taschentüchern kein feiner Staub auffliegt, man vermeide das Ausspeien auf der Straße, und man trinke Milch von unbekannten Kühen nicht anders, als gekocht, weil der Bacillns durch das Kochen vernichtet wird. Nun ist es aber eine bekannte Thatsache, daß nicht jede Kugel im Kampfe trifft. Genau so liegt es auch hier. Nicht jeder Tuberkelbacillus, der in unseren Körper gelangt, hat seine bösen Folgen, sondern diese stellen sich nur dann ein, wenn er in dem Körper einen geeigneten Boden zum Wachsen findet, d. h. einen geschwächten Organismus. Ererbte Körperschwäche, oder eine durch die Lebensweise, durch schlechte Nahrung, enge und ungesunde Wohnungen, körperliche oder geistige Ueberanstrengungen oder ausschweifendes Leben untergrabene Gesundheit sind Diener, die dem Schwindsuchts- bacillus den Boden zum Gedeihen zurecht machen. Die Schwindsucht zeigt sich darin als eine eng mit den socialen Verhältnissen verknüpfte Krankheit und sie ist zum großen Theil auch auf dem Gebiete socialer Neformarbeit zu bekämpfen. Ferienkolonien für kränkliche Kinder, Verbesserungen der gemeindlichen hygienischen Verhältnisse, Schaffung gesunder Wohnungen, Beseitigung der überlangen Arbeitszeit, Einrichtung gesunder Arbeitsräume, genügender Arbeitslohn, billige und gute Lebensrnittel und ein vernünftiges, solides Leben — das sind Waffen, mit denen man dem Tuberkelbacillus Terrain abgewinnen, Gesunde vor ihm schützen und viele Erkrankte noch von ihm befreien kann. Als weitere vorzügliche Kampfmittel treten dazu die Sanatorien für Schwindsüchtige. Diese an klimatisch günstigen Orten gelegenen Heilanstalten versprechen, richtig und frühzeitig angewendet, die schönsten Erfolge. Nicht nur wird durch Entfernung des Erkrankten aus seiner Familie und Umgebung die Gefahr der Ansteckung für diese beseitigt, sondern es erwächst auch für den Patienten durch die geregelte Lebensweise bet Arbeit und Erholung und durch die das Gemüthsleben anregende neue und gesunde Umgebung die größte Hoffnung auf Heilung. Nun gibt es zwar schon eine Anzahl solcher Sanatorien, aber dieselben find fast ausschließlich den Wohlhabenderen zugänglich; für die Unbemittelten, die den harten Kampf um's Dasein zu kämpfen haben und von der Hand in den Mund zu leben gezwungen sind, fehlt eS bisher noch an Heilanstalten. Und doch sind eS gerade diese Kreise, die durch unzulängliche Lebenshaltung, gesundheitsschädliche Arbeit und ungenügende Wohnräume der Gefahr besonders ausgesetzt find und die von den Wunden, die die Schwindsucht schlägt, doppelt schmerzhaft betroffen werden. Der seelische Schmerz, einen nahen Verwandten leiden zu sehen und ihn durch den Tod zu verlieren, ist Reichen und Unbemittelten gemeinsam, dazu kommt aber für letztere noch die materielle Sorge. Jeder Kranke drückt bei den Unbemittelten schwer auf die Lebenshaltung der ganzen Familie, und der Tod oder auch nur die ernste Erkrankung der ernährenden Mitglieder bedeutet für die Familie Noth und Verarmung. Deßhalb ist die Schaffung von Sanatorien für unbemittelte Schwindsüchtige eine wichtige soziale Aufgabe, an deren Lösung das ganze Volk das größte Interesse haben muß. Die Aufgabe ist so groß, die Hilfe so dringend und der Heilstätten fehlen so viele, daß private Arbeit allein, so dankenswerth sie auch ist, hier nicht genügt, sondern daß es dazu der systematischen und kräftigen Mitarbeit aller staatlichen und kommunalen Organisationen bedarf. Selbstverständlich wird damit die private Thätigkeit nicht überflüssig, sondern sie soll von den Behörden in der ausgiebigsten und vorurtheilslosesten Weise gepflegt und gefördert werden. In den Vordergrund drängt sich dabei der Wunscy, und die letztjährige Versammlung des VereinS für öffentliche Gesundheitspflege hat ihn eingehend erörtert, daß die großen Zwangsorganisationen der Arbeiter in den Krankenkassen und der Jnvaltditäts- und Altersversicherung und vor Allem die dabei aufgehäuften Kapitalien, die bereits rund eine Viertelmilliarde betragen, diesem Zwecke dienstbar gemacht werden, sei es, daß die Versicherungsanstalten allein, oder in Verbindung mit den Krankenkassen und Kommunaloerbänden die Erbauung von Volkssanatorien in die Hand nehmen, oder sich daran mit der Tragung der Kosten betheiligen. Den glücklichen Anfang damit hat die hanseatische Versicherungsanstalt mit ihrem Harzer Sanatorium in Andreasberg gemacht. Daß die auf den Bau von Sanatorien verwandten Kosten durch Ersparnisse auf anderen Gebieten wett gemacht werden, liegt auf der Hand; wurden doch nach dem Ergebniß von 23 Versicherungsanstalten, wie der Direktor der hanseatischen Versicherungsanstalt in Lübeck auf der Versammlung des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege mittheilte, 12,82 pCt. oder 8500 infolge der Tuberkulose arbeitsunfähig. Freilich ist es, wenn die aufgewandten Kapitalien für Sanatorienban Frucht tragen sollen, nothwendig, daß die Sanatorien nicht Siechenhüuser und Sterbeasyle, sondern Gesnndungsanstalten, Sanatorien im wahrsten und schönsten Sinne des Wortes werden. Unheilbare Schwindsüchtige, für die in anderer Weise zu sorgen ist, sollen nicht ausgenommen werden, sondern nur solche, die vom Arzt für heilbar erklärt werden, diese aber so früh als möglich. Sache der Aerzte wird eS sein, die Krankheit schon in ihren Anfängen festzustellen und darauf zu halten, daß der Erkrankte Aufnahme in ein Sanatorium findet. Zu vermeiden ist bei der Organisation der Volkssanatorien Alles, was manches unserer Irrenhäuser und Krankenanstalten so unbeliebt im Volke macht. Die Sanatorien sollen durch und durch volkstümlich sein und der Erkrankte soll gern hineingehen in dem Gedanken, daß er dort sich an Leib und Seele erholt und dann gesund zu neuem Schaffen und Wirken ins Alltagsleben zurücktreten kann. Man hat in letzterer Zeit viel von einem inneren Feind geredet und zu seiner Bekämpfung aufgefordert. Hier in dem winzigen Tuberkelbacillus ist ein Feind, der viel schlimmer ist, als jene meist nur eingebildeten Schrecknisse und Gespenster. Ihn zu bekämpfen ist soziale Pflicht. Auslösung des TelegrvphenräthselS in Nr. 42: Wer einmal lügt, muß oft Zu lügen sich gewöhnen, Denn sieben Lügen braucht's, Um eine zu beschönen.