« 44 . 1896 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 26. Mai Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Pfingsten. Komm', heiliger Geist, von oben, Lehr' uns den Vater loben, Die Menschheit ist erschlafft. Wohl sausen Dampf und Räder, Doch fehlet dem Geäder, Des rechten Oeles Kraft. Gib Deiner Kirche Zeugen, Die sich der Welt nicht beugen In hohem, edlen Muth. Laß nie den Geist vergehen, Der einst mit Sturmeswehen Gebar das Martyrblut. Und über Land und Krone Als treuer Hüter throne, Du Geist der Heiligkeit! Daß in der Zeit Gewittern Nicht Volk, nicht Fürst erzittern; Denn Du hast sie gefeit. In alle Hütten gehe, Durch alle Häuser wehe, Dein ernster Friedenshauch, Auf daß in steten Treuen Die Bande sich erneuen Und Sitte bleibt und Brauch. In Seelen, die verzagen, In Herzen, welche klagen, Kehr' ein als trauter Gast! Daß sie gleich Adlern fliegen Und Jugendkräfte kriegen, Weil Du durchweht sie hast. Schon blüht's auf allen Fluren In allen Kreaturen Der frische Trieb sich regt: Komm, Schöpfer Geist, auf Erden, Die Menschenherzen werden Durch Dich allein bewegt. Adolph Müller. Schick salsrvege. Erzählung von Llarisse Borges. (Fortsetzung.) Angela war jetzt dreiundzwanzig Jahre. Die Noth und die Sorge in dem täglichen Kampfe um's Dasein im Elternhause war ihr längst zuviel geworden, und sie entschloß sich, die Heimath zu verlassen, um sich allein einen Weg in der^Welt zu bahnen. Sie trat in ein Krankenhaus ein und suchte durch treue Pflege die Noth der Leidenden zu lindern und durch gewissenhafte Pflichterfüllung ihren eigenen Schmerz zu vergessen. Nach zweijähriger, musterhafter Krankenpflege folgte sie einem Rufe als Oberin in eine norddeutsche Hafenstadt, wo sie von jetzt an in einem Privat-Krankenhause segensreich wirkte. Hier war es, als nach langer, langer Zeit die Liebenden wieder vereint wurden. Zwanzig Jahre waren vergangen, seitdem der junge, energische Ingenieur seine Heimath verlassen hatte, jetzt, vor den Thoren der Ewigkeit angelangt, bis zum Tode krank und elend, wurde er treu und liebevoll von derjenigen gepflegt, die er als Gattin so gerne glücklich gemacht hätte. Nur wenige Worte genügten, um beiden zu erklären, wie grausam und frevelhaft mit ihrem Lebensglück gespielt worden war. Ihre Jugend und das verlorene Glück konnte ihnen keine Macht der Erde ersetzen, aber der Schmerz um das zerstörte Liebesglück verlor seinen Stachel in dem Bewußtsein der gegenseitigen Treue. Es war ein beglückendes Gefühl, zu denken, daß in all' diesen Jahren die Liebe in beider Herzen nicht erloschen war. Der Ingenieur war in der neuen Welt in allen seinen Unternehmungen glücklich gewesen. Jedes Vorhaben wurde mit Erfolg gekrönt, und nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren hatte er ein unbesiegbares Verlangen, in sein Vaterland zurückzukehren. Er machte seinen erworbenen Grundbesitz zu Geld; als vielfacher Millionär war er kaum im Stande, den dritten Theil seiner Zinsen zu verbrauchen, selbst wenn er ein verschwenderisches Leben führte. Ein wehmüthiges Lächeln umspielte seine bleichen Lippen, als er jetzt seines Reichthums gedachte, den er so nutzlos aufgespeichert und den er so gern mit seiner Geliebten getheilt hätte. Er verließ Amerika, landete nach glücklicher Ueberfahrt in der Norddeutschen Hafenstadt, fiel aber beim Verlassen des Schiffes so unglücklich, als er zuerst den Fuß auf heimathlichen Boden setzte, und trug dabei so schwere innere Verletzungen davon, daß er in ein Krankenhaus getragen werden mußte. Es war dasselbe Hospital, in dem Angela schon seit Jahren so segensreich wirkte. Von der ersten Stunde an war es dem Patienten eine Gewißheit, daß an eine Genesung nicht zu denken sei, aber dieser Gedanke beunruhigte ihn keineswegs. Er war mit seiner geliebten Angela wieder vereint, und der Gedanke, daß sie ihm die ganzen langen Jahre hindurch Treue bewahrt hatte, machte ihn so zufrieden und glücklich, daß ihm selbst das Scheiden nicht schwer wurde. „Aber Du mußt erst meine Gattin werden." flehte er mit glücklichem Lächeln. „Wir haben uns doch länger als zwanzig Jahre treu geliebt. — Werde doch mein licbes treues Weib, ehe ich sterbe." 330 „Aber-" „Ich weiß, Geliebte, was Du sagen willst," unterbrach er sie. „Ich habe höchstens noch zwei oder drei Wochen zu leben, vielleicht auch nur so wenige Tage, aber ich will Dir das Recht geben, um mich zu trauern. Du sollst in Zukunft meinen Namen tragen; in den ganzen langen Jahren unserer Trennung hielt ich Dich für den Gatten eines Anderen. Lass' mich doch das Bewußtsein haben, daß Du die Meine bist, ehe ich sterbe." Angela schluchzte leise. „O, Karl," klagte sie, „ich spreche mich selbst nicht frei von Schuld. Ich hätte ahnen sollen, daß wir betrogen wurden, und auch in späteren Jahren nicht aufhören sollen, zu schreiben; ich durfte ja nicht denken, Du habest mich vergessen." Herr Marlitz sah vor seinem Ende den größten Wunsch seines Herzens erfüllt. In aller Stille wurden die Vorbereitungen zur Trauung getroffen; er selbst sprach mit dem Vorstände des Krankenhauses von seiner romantischen Liebe und bat selbst, nach seinem Ende die Oberin von den übernommenen Pflichten zu entbinden. Es war glücklicherweise ein Privathospital und die Pflegerinnen daher auch nicht verpflichtet, sich zeitlebens ihrem Berufe zu weihen, und obgleich man Angcla's Hilfe sehr ungern entbehrte, legte man ihr doch in keiner Weise ein Hinderniß in den Weg. Im Krankenzimmer fand schon stach wenigen Tagen eine feierliche Trauung statt, und seit diesem Augenblicke wich die junge Frau nicht vom Lager des Kranken. Am Abend des Hochzeitstages machte Marlitz sein Testament, und gewiß ist niemals ein kürzeres Testament gemacht worden. Es lautete: „Ich vermache mein ganzes Vermögen meiner Gattin Angela." Die junge Gattin hatte keine Ahnung von dem Erbe, das ihr zufallen würde, sie wußte nicht einmal, ob er ein Vermögen erworben hatte oder nicht, aber der Kranke selbst sprach vor seinem Ende mit ihr davon. „Du wirst reich, sogar unermeßlich reich werden, Angela," sagte er mit matter Stimme. „Ich weiß, Du wirst von dem Gelde einen guten Gebrauch machen, aber ich bitte Dich um eine Gunst: „Gib das Gold nicht denen, deren Betrug so grausam unser Lebensglück zerstörte." „Karl, das könnte ich niemals thun," versichert! sie mit vor Thränen erstickter Stimme und hochgerötheten Wangen. „Es käme mir ja selbst vor, als sollte die Schlechtigkeit belohnt werden. Nein, sei ruhig, ich will alles dem Krankenhause oder wohlthätigen Stiftungen überlassen." Doch der Sterbende schüttelte sein müdes Haupt. „Thue das nicht, Angela," flehte er leise, „Barmherzigkeit ist eine edle Tugend, aber es wäre mir doch lieber, wenn Du mit dem Gelde Glieder Deiner Familie glücklich machen würdest. Das Unrecht, das uns geschehen ist, ist über zwanzig Jahre her, Geliebte, und nach dieser langen Zeit darf man nicht mehr zürnen. Es müssen viele in Deiner Familie sein, die damals noch nicht geboren waren. Mit den Zinsen Deines Vermögens hilf Deinen Geschwistern, Angela, aber lass' das Capital — sieben bis acht Millionen — der neuen Generation zukommen, die an unserem Leid keine Schuld trägt." „Ich verspreche es feierlich." „Gut, ich danke Dir. Jetzt küsse mich noch einmal." „O Karl," schluchzte Angela, die erst seit drei Tagen Gattin war, „wollte Gott, ich könnte mit Dir sterben. ES wird mir unerträglich einsam sein, wenn Du nicht mehr bei mir bist." In derselben Nacht noch schloß er in den Armen seiner Gattin seine müden Augen für dieses irdische Neben. Ohne Kampf, mit einem friedlichen Lächeln auf dem Antlitze ging er hinüber zu einem besseren Leben, wo keine Trennung und kein Leid mehr ist. Angela war seine einzige Erbin, denn Marlitz hatte gar keine Verwandten, mit denen sie so gerne den Reichthum getheilt hätte. Alles fiel ihr allein zu. Bald nach seinem Tode verließ sie das Hospital. Sie glaubte im Sinne des Verstorbenen zu handeln, wenn sie den Reichthum, den er für sie erworben, auch genießen sollte. Sie kaufte eine reizende kleine Villa, Roscnheim, am Rhein, im südlichen Deutschland, hielt sich Wagen, Pferde und genügende Dienerschaft, führte aber trotzdem ein einsames, zurückgezogenes Leben. Sie war kaum vierzig Jahre alt, aber trotzdem ihr Haar stark ergraute, galt sie immer noch als eine bedeutende Schönheit und wurde in der ganzen Nachbarschaft allgemein geliebt. Sie gab weder Gesellschaften, noch arrangirte sie Festlichkeiten in ihrer Villa, aber sie war gastfrei, und kein Armer verließ ohne Trost und Hilfe ihr Haus, so daß sie ein wohlthätiger Engel der ganzen Nachbarschaft wurde. „Angela ist eine Thörin," bemerkte Graf Kurt von Wildcnthal zu seiner Gattin. „Wie kann sie nur damit zufrieden sein, ihr enormes Vermögen in Staatspapieren anzulegen; wenn sie damit speculirte, so könnte sie dasselbe mindestens verdoppeln." Aber die Angeredete theilte nicht die Meinung ihres Gatten. Sie war ein liebliches junges Mädchen gewesen, als sie vor ungefähr fünfzehn Jahren ihrem Gatten die Hand zum Bunde für's Leben reichte. Ja, Einige nannten sie sogar eine Schönheit und beneideten wohl den verarmten Edelmann, der mit diesem Juwel auch gleichzeitig ein ganz beträchtliches Vermögen heirathete. Aber ihre Reize und Jugendfrische waren so schnell verschwunden, wie das letzte Blatt, mit dem der Herbstwind spielt. Die früher nie gekannte aristokratische Armuth drückte sie wie eine allzu schwere Last darnieder und lähmte ihre Geistes- und Körperkräfte. Ihr junger Gatte war ganz getreu in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Um seine zerrütteten Verhältnisse besser zu gestalten, hatte er mit dem Gelde seiner Gattin speculirt und — verloren. Sie hatte nicht geklagt, aber die Armuth drückte sie schwer, und daher fand sie kein tadelndes Wort für die reiche Angela, die so sicher ihr Vermögen depo- nirt hatte. „Ich halte Angela für sehr vernünftig," wandte sie deshalb ein, „die Zinsen allein repräsentiren schon ein ganz enormes Capital, von dem sie gewiß nur den kleinsten Theil verbraucht, aber was macht sie wohl mit ihrem Gelde?" „Sie ist geizig," schalt der Graf gereizt. „Denke nur, Margot, ich schrieb vor einigen Wochen und bat um die lumpige Kleinigkeit von 20 000 Mark, und — Du wirst es kaum glauben — sie hat nicht einmal meinen Brief beantwortet. Ist das nicht empörend?" „Na," lächelte die Gräfin überlegen, denn sie war gerade in der Stimmung, ihrem Gatten zu widersprechen, „darüber dürfen wir uns doch nicht wundern. Dergleichen Bittgesuche wird sie viele bekommen; bedenke, 331 sie ist daS einzige reiche Glied in dieser ganzen, armen Familie." „Das ist wenig schmeichelhaft für uns," erwiderte der Gatte stirnrunzelnd. „Ich höre es nicht gern, unsere Familie so zu nennen." „Ich spreche ja nicht von uns allein," beharrte Margot, „aber es ist doch sonderbar, daß alle Deine Schwestern spät und, mit Ausnahme von Angela, schlecht gehetrathet haben." ,Jch bin ganz zufrieden," lenkte der Graf ein, der seine schnell verblühte Gattin aufrichtig liebte und es oft bedauerte, deren Vermögen so leichtsinnig verloren zu haben. „Du warst reich, Margot, und es ist meine Schuld, daß Du jetzt Noth leidest." „Lass' es gut sein, sprich nicht von Dingen, die sich nicht ungeschehen machen lassen," sagte die Gräfin sanft. „Aber denke an Deine Schwestern. Marie war dreißig Jahre alt, als sie den Anwalt Rieding heirathete, und Helene war nur ein Jahr jünger. Ich verabscheue den Juristen, denn ich bin überzeugt, er ist kein guter, rechtschaffener Mann, auch fürchte ich, daß Deine Schwester an seiner Seite nicht das Glück gefunden hat, welches sie erhoffte. Was nun Helene anbelangt, so finde ich ihre Wahl höchst thöricht. Bedenke nur, ein einfacher Elementarlehrer auf dem Lande mit einem Einkommen von höchstens 15—1800 Mark! Das ist rein lächerlich!" „Meine Liebe!" sagte Kurt freimüthig, „ich halte die Wahl meiner Schwestern gewiß nicht für sehr günstig oder Vortheilhaft, aber bedenke wohl — wenn sie nicht ihr eigenes Heim hät- tten, so müßten sie doch bei uns leben. Was den Anwalt anbelangt, so halte ich ihn für ehrgeizig und strebsam, aber ich muß offen gestehen, daß ich seine Handlungen oft nicht billigen kann. Der Lehrer Berghaupt, lebt aber in dem Dorfe Ebersheim mit Helene sehr glücklich; die Beiden lieben sich innig, und ich bin überzeugt, sie würden nicht mit der ganzen Welt tauschen. Es war eine romantische Liebe, die auf Gegenseitigkeit gegründet ist." „Und sie haben zehn Kinder!" sagte Margot mit unverhohlenem Neid, denn sie konnte zu dem Stammbaum der Familie kein Blatt hinzufügen und dieser Gedanke war oft ein bitterer Wermuthstropfen in den Kelch ihres Lebens. „Nun," lächelte der Graf, „ich glaube kaum, daß Angela für ihre Schwestern auch nur einen Finger rühren wird; sie widersetzten sich zu sehr ihrer Verbindung mit Marlitz. Ich weiß nicht, ob Marie oder Helene mehr dagegen war, aber gewiß ist, daß wir Alle ihr die Verbindung unmöglich machten." „Aber sie hat Deinen Brief unbeantwortet gelassen," beharrte die junge Gräfin nachdenklich, „soll ich schreiben und sie auf einige Wochen zum Besuch bitten?" „Warum — wozu sollte das führen?" „Ich möchte gern, daß sie unseren Leo kennen lernte, er ist ein hübscher, aufgeweckter Knabe — unser Stolz und unsere Freude — Angela wird gewiß Gefallen an ihm finden und ihn vielleicht zu ihrem Erben einsetzen." Gräfin Margot hatte in ihrem ehelichen Leben viele trübe Erfahrungen gemacht und manche bittere Stunde verlebt, aber am meisten schmerzte es sie, daß ihre Ehe kinderlos geblieben war. Sie fühlte die Lücke im Hause, die nur das Band ersetzt, das Ehegatten vereint, glaubte sie doch zu bemerken, daß ihr Gatte ihr innerlich Vorwürfe mache, und in diesem schmerzlichen Gefühl welkte sie sichtlich dahin. So reifte der Entschluß in ihrem Herzen, eine arme kleine Waise an Kindesstatt an ihr Herz zu drücken, ihm Heimath, Namen und Eltern zu geben, ihn einzusetzen als Erben des Titels seines Pflegevaters, aber auch Erben seiner Armuth und drückenden Schuldenlast. So kam der kleine Leo als zweijähriges Knäblein in das Schloß und unter der sorgfältigsten und liebevollsten Pflege entwickelten sich seine bedeutenden Geistesund Körperkräfte auf's herrlichste. Gräfin Margot lebte sichtlich auf, seitdem sie ihr Dasein nicht mehr als ein völlig zweckloses erkannte, und auch der Graf konnte nach und nach den Entschluß seiner Frau nur loben, da er solchen Umschwung in ihr hervorgebracht hatte. „Meine liebe Frau," nahm jetzt der Graf wieder das Wort, „ich gebe zu, daß Leo, ein hübscher, stattlicher Knabe geworden ist, aber daraus geht keineswegs hervor,daß meineSchwester ihn zu ihrem Erben einsetzen soll. Wenn er auch alle Rechte unseres ^eigenen Kindes genießt und ich ihm gerne eine bessere Zukunft wünsche, so kennt Angela ihn gar nicht; sie hat ja ihn noch nicht einmal gesehen." Sie hat die kleinen Rieding's und Berghaupt's auch noch nicht gesehen," schmollte Margot. „Nein. Angela hat in der That ihre ganze Familie schmählich vernachlässigt. Als sie nach dem Tode des Vaters das Schloß verließ, hat sie sich von uns allen losgesagt. Es fanden seitdem in der Familie drei Hochzeiten statt, aber keine dieser Festlichkeiten, nicht einmal der Tod unserer Mutter konnte sie zur Rückkehr bewegen. So lange sie im Hospital Krankenpflegerin war, kümmerten wir uns auch wenig um sie, jetzt aber, seit zwei Jahren, da sie unermeßlich reich ist und allein eine reizende Villa bewohnt, ist die Sache doch anders." „Ganz entschieden. Soll ich sie einladen? Vielleicht hat sie jetzt in den veränderten Verhältnissen Sehnsucht, den Ort ihrer Kindheit wiederzusehen." Aber obgleich die Einladung höflich und freundlich Mustaffer Eddin. der neue Schah von Pei sien. MSN — 332 abgefaßt wurde, Angela schlug sie aus. Sie wollte kein Glied ihrer Familie sehen, bis sie einen festen Entschluß für die Zukunft gefaßt hatte. Es war wahr, sie hatte seit einer langen Reihe von Jahren die Schwelle ihres Elternhauses nicht wieder betreten; waren ihr doch die Gefühle ihrer Geschwister nicht fremd, denn so lange sie selbst in Dürftigkeit lebte, hatten dieselben es nicht der Mühe werth gehalten, ihr die Verlobungen anzuzeigen. Sie wußte aber, daß die Geschwister verheirathet waren, auch daß ihr Bruder Hans — ihr Liebling — nach dem fernen Indien ausgewandert war, um dort sein Glück zu suchen. Er hatte der Schwester einmal geschrieben; es war ein ausführlicher, liebevoller Brief gewesen, den Angela auch in derselben herzlichen Weise beantwortet hatte. Aber damit hatte die Correspondenz ein Ende. Das Porto war in jenen Tagen noch theuer, und im Hospital fand auch Angela sehr wenig Zeit für Privatcorrespondenz. Doch bei dem Bruder Hans weilten ihre Gidanken gern. Er hatte ihr damals geschrieben, daß er sehr bald Indien verlassen und nach New-Zjork gezogen sei; er habe sich dort auch verheirathet und lebe mit seiner jungen, schönen Gattin sehr glücklich und zufrieden. Aber seit jener Zeit waren viele Jahre vergangen. Sie war jetzt eine reiche Frau, und sterbend hatte ihr Gatte sie gebeten, mit dem Ueberfluß ihres Geldes Menschen glücklich zu machen. Das war eine schwere Aufgabe. Heimlich und vorsichtig stellte sie über die Verhältnisse ihrer Geschwister Nachforschungen an. Von Hans in New-Aork schien jede Spur verschwunden, und trotz der eifrigsten Bemühungen war dieselbe nicht zu entdecken. Die andern lebten alle in großer Dürftigkeit. Kurt lebte in derselben Weise auf dem alten Stammschlosse, wie ihr Vater es gethan hatte; die Gläubiger drängten von allen Seiten, und nur mühsam konnte er sein Dasein fristen. Sie freute sich aber über den Adoptivsohn, der auch in alle Rechte ihres leiblichen Neffen eintreten sollte. Ueber den Anwalt Rieding war sie tief empört. Er hatte sich dem Trunke ergeben, mißhandelte seine Familie und erfüllte nur sehr wenig die Pflichten seines Berufes. — Wenn sie aber der kinderreichen Familie Berghaupt gedachte, so blutete bei dem Gedanken an Helene's Schicksal ihr Herz. Wenn auch die Hausfrau Alles noch so sparsam einrichtete und in dem Dorfe Ebersheim das Leben gewiß billiger war, wie in der Großstadt, so konnte sie doch bei aller Sparsamkeit kaum das tägliche Brod für ihre zehn Kinder beschaffen. Nach Empfang des letzten Briefes von Gräfin Margot wartete Angela noch ein halbes Jahr, dann schrieb sie ihrem Bruder Kurt und ihren beiden Schwestern. Sie bot ihnen an, die Erziehung des ältesten Sohnes aus jeder Familie zu übernehmen. Die Knaben sollten auf ihre Kosten zuerst ein Gymnasium, dann die Universität besuchen, um sich zu einem Berufe vorzubilden, der ihren Wünschen und Neigungen entspreche; auch wollte sie für Bücher, Kleidung, Taschengeld und alle erforderlichen Bedürfnisse Sorge tragen. Sie stellte nur eine Bedingung. Wenn die Knaben leichtsinnig Schulden machten oder durch ein schlechtes Betragen ihre Entlassung aus den Anstalten verschuldeten, so wolle sie ihre Hand von den Unwürdigen zurückziehen. (Fortsetzung folgt.) Die radfahrende Menschheit. (Nachdruck verboten.) N Berlin, 14. Mai. Ein gutes Rad ist theuer; aber es hilft Alles nichts, bald wird der Mensch erst beim Radfahrer anfangen. Soeben lese ich in Berliner Blättern, daß ein unternehmender Mann um die Erlaubniß nachsucht, an den Straßenecken und auf den öffentlichen Plätzen Dreiräder zum Verleihen aufzustellen. Es sind zunächst 230 Standplätze in Aussicht genommen; wer nun schnell und billig einen Weg zurücklegen will, miethet sich an der nächsten Ecke ein Dreirad, liefert es an dem Standplatz, der seinem Ziel am nächsten ist, wieder ab, und bezahlt für die erste Viertelstunde 10 Pfg., für jede folgenden 10 Minuten 5 Pfg. Dieser Tarif ist unglaublich billig; man kann auch sagen unheimlich billig. Denn wenn der „Scherz" nur 10 Pfg. kostet, so werden die grünen Jungen in Masse ein Dreirad unter die Beine nehmen, und die armen Fußgänger auf den Berliner Straßen erhalten dann erst recht Gelegenheit, ihre Sünden abzubüßen. Auch ohne dieses Leihrad, das man Strampel- Drosche nennen könnte, nehmen die mit Menschen besetzten Räder auf den Straßen schon erschrecklich zu. Ich weiß nicht, wo die jungen Leute das Geld zur Anschaffung eines Zweirades pumpen oder stehlen, aber sie bringen es zu Rovers trotz aller schlechten Zeiten, und sie jagen damit, als ob der böse Feind hinter ihnen und das Glück vor ihnen wäre. Dazu kommen die „geschäftlichen" Dreiräder der „berittenen Dienstmänner", der Eilboten der Privatpost, der militärischen Boten, der Austräger der Geschäfte usw. Rudolph Hertzog stellt neuerdings 15 hochfeine Transporträder mit uniformirten Fahrern in seinen Diensthund dieses Vorgehen der berühmten Firma wird in der feinen Geschäftswelt zur Nachahmung reizen. Die Privatpost auf Rädern macht der Reichspost auch auf dem Gebiete der Rohrpost-Briefe und Stadt-Telegramme erfolgreich Concurrenz; — das schlimmste Zeichen der „Radkrankheit der Zeit" ist aber das Anwachsen der weiblichen Radfahrer. Ueber die Schönheit und die Zuläs- sigkeit der strampelnden Weiblichkeit ist ja schon in Zeitungen, die „in erster Linie interessant" sein wollen, eine große Debatte eröffnet worden. Nächstens werden wir in Romanen lesen, daß ,Sie' an einer Straßenecke ,Jhn' umgefahren hat, daß ,Er' sich in ,Sie' verliebt hat, als ,Er' neben ,Jhr' im Schmutz lag und ,Ihren' zarten und doch festen Radfahrstiefel an »Seiner' Nase fühlte usw., bis die Beiden im letzten Kapitel auf einem Tandem zur Hochzeit fahren. „Kommt Zeit, kommt Rad", sagte neulich ein Kalauerfabrikant, und er hat Recht, da Niemand dem „Rad der Zeit" in die Speichen fallen kann. Es wird immer mehr geradelt werden, und wenn die Fußgänger klug sind, so bitten sie jetzt schon die triuwphirende Partei, die auf dem hohen Rad sitzt, um etwas Schonung und Gnade. Was die „strampelnde Weiblichkeit" angeht, so hoffe ich immer noch, daß die große Masse der deutschen Frauen und Jungfrauen es für unschön und unschicklich erachten wird, nach Männerart auf dem Rade zu sitzen. Die Techniker thäten gut daran, ein elegantes und leichtes Fahrzeug für Damen zu bauen, das sich gerade so treten läßt, wie die Nähmaschine. Die Männer mögen meinetwegen auf Zwei- oder Dreirädern fahren, soweit sie Kraft und Lust dazu haben. Aber es wird Zeit, daß die Radlerei aus den Flegeljahren »-V-« ZK§L ^^5 c^LL' .^U- M;rKiZ MWA MM WKiZK M« WW MWÄ M-M ßMW 33 t in das vernünftige Alter tritt. Uebcrall verkündet man uns, daß das Fahrrad nicht mehr in erster Linie dem Sport, sondern vielmehr dem Geschäfts- und Erholungsverkehr diene. Leider merkt man bei einem sehr großen Theil der Fahrer, ja man kann sagen bet der Mehrzahl der Zweirädler, von dieser erfreulichen Wandlung noch gar nichts. Diese Leute machen sich meistens nach wie vor den Hauptspaß daraus, in der größtmöglichsten Schnelligkeit durch die Straßen zu sausen, namentlich über das ebene Asphaltpflaster. Diese übertriebene Schnelligkeit ist die Wurzel vieler Uebel und hat in den seltensten Fällen eine innere Berechtigung. Der Radfahrer sagt, das Zwetrad habe gerade in der schnellen Bewegung, die es ermögliche, eine wesentliche Eigenschaft. Gewiß, der Mann soll schneller fahren, als ein Fußgänger geht, oder eine Droschke schleicht. Aber wenn der Radier ohne besonderen Grund seine Beine in die größt- möglicheTretschnellig- keit setzt, so handelt er gerade so unvernünftig, wie ein Spaziergänger, der ohne Anlaß in einem fort Trab läuft, oder wie ein Fuhrmann, der un- nöthigcrweise die Pferde Galopp laufen läßt. Gehen und Fahren sind so alte Beschäftigungen der Menschen, daß sie nur in Ausnahmefällen noch „sportmäßig" betrieben und übertrieben werden. Der kleine Junge, der noch in den Anfangsschuhen der Beinbenutzung steckt, findet freilich wohl noch ein Glück darin, im Galopp über die Straße zu rennen; dem ausgewachsenen Menschen aber fällt es ganz gewiß nicht mehr im Traume ein, sich selbst oder seinen Mitmenschen dadurch imponiren zu wollen, daß man auffallend schnell geht. Wenn die Nadlerei erst älter wird und der Radfahrer ebensowenig Aufmerksamkeit findet, wie jetzt ein Fußgänger, so wird auch Niemand der bloßen Eitelkeit halber ein schnelleres Tempo einschlagen, als sich bei einer angenehmen, nicht ermüdenden Muskelarbeit ergibt. Das Rennen wird dann in die Rennbahn verwiesen und auf den gewöhnlichen Wegen einfach gefahren werden. Der aufgeblasene Gummireifen ist für die Fahrer eine werthvolle Errungenschaft; für die Fußgänger ist er unangenehm und gefährlich. Alle sonstigen Fuhrwerke auf dem Straßendamm kündigen sich durch ihr eigenes Geräusch an; auch die Equipagen mit Gummirädern auf dem Asphaltpflaster, weil die aufstampfenden Pferdehufe weithin hörbar sind. Der Radfahrer aber ist, um ein Berliner Wort zu gebrauchen, der wahre „Deibel auf Socken". Man hört kein natürliches Geräusch von seinem Fuhrwerk; die Klingel, welche er willkürlich ertönen oder auch nicht ertönen läßt, ist das einzige „Lebenszeichen", das er den betheiligten Fußgängern gibt, und diese Klingel ist auch so'zierltch gearbeitet, daß sie ihren Warnungszweck nur unvollkommen erfüllt. In den Straßen, wo viel Radfahrer verkehren, ist also das Ueberschreiten des StraßendammeS immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich kenne Leute, die inFolge langerUebung sich mit der größten Gemüthsruhe durch ein Gewirr von bewegten Droschken, Omnibussen und so- garPferdebahnen hin- durchschlängeln, aber über die heimtückisch dahersausenden Zweiräder nervös und — unhöflich werden können. In der That wirkt es, namentlich am Abend, recht unangenehm auf die Nerven, wenn da plötzlich ein Ding von unsicheren Umrissen hart an seinem vor- betsaust,d> unerwartet aus dem Dunkel aufgetaucht und spurlos wieder in's Dunkel verschwindend. Ich möchte wünschen, daß die Zweiräder auf den Straßen einen wirksamen Lärmapparat hätten, der unaufhörlich im Betriebe ist, und zwar im Gleichmaß mit der Schnelligkeit des Fahrens. Ferner müssen die Zweiräder aber noch eine bessere, mehr nach den Seiten strahlende Beleuchtung haben. Von den wohlerzogenen Radfahrern wäre außer der Mäßigung der Schnelligkeit noch zu fordern, daß sie nicht zu scharf am Bürgersteig vorbeifahren und an den Straßenübergängen ganz besonders vorsichtig und rücksichtsvoll sind. Es ist ein Irrthum, wenn die Radfahrer glauben, daß der Damm nur den Fuhrwerken gehöre, und die Fußgänger also das Ausweichen zu besorgen hätten. Die Fußgänger müssen über den Damm gehen, um an die andere Seite der Straße zu kommen; so lange wir nicht Uebergänge unter Eine Strafpredigt. Von F Hiddemann. Photographie im Beilage der Photographischcn Union in München. MWM «M »K «« MM dem Damm oder auf „Galgen" haben, müssen die Fuhrwerke und auch die Radfahrer den Fußgängern ausweichen. — Neulich hat eine Dame mit Recht öffentlich Klage erhoben, weil ein Radfahrer, der sie überfahren hatte, die „gekränkte Unschuld" spielte und sich seinerseits beschweren wollte, daß sie sein Klingeln nicht respectirt habe. Wie soll man denn in Berliner Straßen jedes leise Zeichen immer gleich hören, richtig deuten und befolgen? Namentlich an Frauen darf man in dieser Hinsicht keine großen Anforderungen stellen; die hauptstädtischen Straßen sind auch nicht dazu da, daß jeder junge Bursche seinen Kräfteüberfluß auf einer Eilmaschine austoben kann. Die Radfahrer draußen vor der Stadt haben die Neigung, auf den glatten Fußwegen der Chausseen zu fahren. Meinetwegen; aber sie dürfen sich nur nicht einbilden, daß ssie da 'zu Hause sind und nicht von den lein Ispiegeln sich im Wasser oder sind wie Schwalben- Nester an die Wände geklebt. Hoch von oben herab schaut eine Villa, in einem neuen, unschönen Stile erbaut. Doch auch diese sonderbare Erscheinung vermag die liebliche Anmuth des Thales nicht zu stören, das unter die schönsten Gegenden weit und breit zu zählen ist. Da Wildenroth viele und große Ähnlichkeit mit Bethlehem hat, so wird es vielfach das „bayerische Bethlehem" genannt. Die Markung von Wildenroth stößt unmittelbar an jene von Grafrath und Unteralting, dessen Kirchthurm über die Höhe herüberblinkt. Wildenroth ist sehr alt; das adelige Geschlecht der Wildenroder wird schon im 13. Jahrhundert in Urkunden öfters genannt. Konrad von Wildenrod war Marschall der Herzoge Ludwig und Rudolf von Bayern. Dessen Enkel verkaufte im Jahre 1347 seinen Besitz an das - Witdrnrolh an der Ampcr. Nach ein« Photographie von Max Merz in Diessen am Ammersee. Fußgängern verlangen, daß sie immer flott auf den Damm springen. Soll man auf einem Spaziergang einigen Dutzend Radfahrern in einem fort ausweichen, so hört die Gemüthlichkeit auf. Die Hauptsache ist: Eile mit Weile, auch wenn du auf einem Rade sitzest! - — - Wildenroth an der Amper. Mit Bild.) (Nachdruck verboten.) 6l-I. In einem engen Thalgrunde, von mäßigen, dicht bewaldeten, steil aufsteigenden Hügeln eingefaßt, liegt das idyllisch schön gelegene Wildenroth. Die grüne Amper rauscht mitten durch das Dorf und braust mit wildem Zorne über ein hemmendes Wehr. Die niedlichen Häus- Kloster Fürstenfeld, wo er bis zu dessen Aufhebung verblieb. — Die Umgebung von Wildenroth ist historisch merkwürdig. Das Sträßchen von Schöngeistng bis Wildenroth läuft auf dem Grunde der römischen Verbindungsstraße von Schöngeistng nach Eching. An derselben ist eine trichterförmige Vertiefung zu sehen, welche den keltischen Ureinwohnern als Keller für ihre aus Holz darüber gebauten Wohnungen diente. Im nahen Wald „Mühlhart" befinden sich viele Grabhügel, etwa 200, aus sandigem Thone, Gräber der alten Kelten. In ihrer Mitte sind zwei heidnische Opfersteine, an denen die Rinnen zum Ablaufen des Blutes noch deutlich sichtbar Und. Eine Viertelstunde vom Fahrweg entfernt lag die Sunderburg auf einer gegen die Amper vorspringenden Anhöhe. An der Stätte eines römischen Kastelles erbaute Graf Friedrich von Diessen, ein Bruder des hl. Rasso, eine Burg, wovon jetzt noch Ueberreste zu sehen sind. Die Anhöhe ge- 336 währt einen weiten Umblick und eine reizende AuSsicht auf das stille, waldumsäumte Amperthal. Zwischen Wildenroth und Grafrath lag auf einem Hügel die Rassenburg, die der hl. Naffo sich als Wohnung baute, die aber im Jahre 955 von den Ungarn zerstört wurde, nachdem ihr Erbauer in dem nahen von ihm gegründeten Kloster Wörth (dem jetzigen Grafrath) im Jahre 954 eines heiligen Todes verstorben war. i-v-s—«- Zu unseren Bildern. Mussaffer Eddin, der neue Schah von Persten, der zu dieser Würde nach den heimathlichen Bräuchen als der erste in Purpur geborene Sohn Nassr Eddins gelangte, hat soeben seine Reise von seiner bisherigen Residenz Täberis nach der Hauptstadt des Reiches angetreten. Mussaffer Eddin Mirza ist am 25. März 1853 geboren. Man glaubte, Mussaffer Eddin werde sich noch enger an Rußland anschließen, als es sein Vater gethan; doch bat er die Beileids- und Beglückwünschungstelegramme der anderen Souveräne in gleicher Form beantwortet, wie jenes deS Zaren. Dir Mnstkprobe. Fast den ganzen Sommer hatten unsere fünf lustigen Dorfmusikanten ihre Instrumente ruhen lassen. Nur ein paarmal holten sie aus Anlaß einer Hochzeit dieselben aus ihrem Winkel hervor, um die alten Weisen, die bald die Spatzen vom Dache pfeifen, beim fröhlichen Reigen herunterzududeln Aber jetzt ist die Kirchweib in der Nähe, wo es gar hoch hergeht; da dürfen sie nicht mit ihren alten, abgedroschenen Stücken aufwarten, da muß etwas Neues kommen. Allabendlich sitzen sie d'rum in ihrem Lokale zusammen und streichen und blasen, daß es ein wahres Vergnügen ist. Wie freut sich nicht der Franz! dort hinten an der Wand, der gerade Pause hat, über die Anstrengungen, die sein dicker Nachbar mackt, um den an ihn gesellten Anforderungen gerecht zu werden. Da muß noch manche Maß die durstige Kehle hinunterlaufen, bis die Töne alle rein herauskommen werden. Viel leichter geht es seinem Vis-L-vis, der kann seine Sache schon auswendig und auch dem Flötenspieler daneben scheint das Stück keine besonderen Schwierigkeiten mehr zu bereiten. Die Seele des Ganzen aber, der Alte mit dem Brummbaß, zählt dazu den Takt und horcht, ob sich nirgends ein Mißton Anschleiche. Das muß eine herrliche Kirchweih werden. Eine Strafpredigt. Es ist ein eigenthümlich Los der ersten bösen That, daß sie selten lange verborgen bleibt. Zum ersten Male hatte heute der kleine Hans an dem in der äußersten Ecke des Gartens stehenden Apfelbaume mit seinen rothwangigen Früchten, die zudem noch nicht einmal ganz ausgereist waren, sich vergriffen und schon war er auf dem Sprunge gewesen, hinter der schützenden Hecke mit seiner Beute zu verschwinden, um sich daran gütlich zu thun — da rief ihn des Vaters kräftige Stimme zurück. Langsam war er, vor Schrecken halb gelähmt und ungewiß der Dinge, die da kommen sollen, herbeigetrollt. Von Schuldbewußtsein überwältigt wagt er nicht die Augen aufzuschlagen und den Vater anzublicken, der ihm in ernsten Worten das Verwerfliche seiner That vorhält. Aber er wollte ja den Baum nicht schädigen, er wollte nur einen einzigen Apfel herunterschlagen und konnte nicht dafür, daß die schwere Stange den ganzen Ast abriß. Gewiß wird er sich die Worte des Vaters tief ins Herz einprägen, das können wir aus seinem reuigen Gesichte lesen, wird geduldig warten, bis die Aepfel reif sind, dann ist ja der Vater gerne bereit, seinen Wunsch zu erfüllen. --SLA8S- Allerlei. Die Bewässerung des Culturlandes in Aegypten von den Schwankungen der Nilhöhe unabhängig zu machen, ist eine Aufgabe, die für das Delta durch das buriLAs äu IM genannte Stauwerk an der Deltaspitze der Lösung nahe gebracht ist. Jetzt hat nun die Regierung das Ziel ins Auge gefaßt, auch Oberägypten durch gewaltige Stauwerke außerhalb der Ueber- schwemmung mit dem nöthigen Wasser zu versorgen. Es stehen sich drei Vorschläge gegenüber. Der eine will den alten Mörissee wiederherstellen. Aber diese Anlage läge zu weit flußabwärts (im Fayum), um von großer Bedeutung werden zu können. Der zweite will bei Asfuan das Stauwerk anlegen. Dadurch würde die wunderschöne und berühmte Insel Phtlä mit ihren unschätzbaren Denkmälern zu Grunde gerichtet. Das Anerbieten eines Amerikaners, die ganze Insel mit allen Tempelrutnen höher zu legen, kann wohl kaum ernst genommen werden. Der dritte Plan endlich verlegt das Werk in die Gegend von Wady Haifa. Man macht dagegen geltend, daß die feindlich gesinnten Sudanesen durch Zerstörung der Anlage ganz Aegypten in Gefahr bringen könnten. Die Engländer würden wohl Anlaß nehmen, eine starke englische Garnison zum Schutze des Werkes zu schaffen. Zwischen diesen drei Plänen schwanken also die Ansichten. Der Segen einer derartigen, zweckmäßig durchgeführten Anlage für das Land wäre so groß, daß man sich selbst mit dem Gedanken befreunden müßte, die an natürlichem Reiz und geschichtlicher Bedeutung unvergleichliche Landschaft von Philä zu verlieren. - —»« 84 —»-- Jer Maikönigin. Von waldiger Höhe herab in's Thal Da glänzt die Kapelle im Morgenstrahl. ^ Zum Thürmchen empor sich ein Vog'lein schwingt, Wie ein Hymnus sein Morgenliedchen klingt. Dazwischen die Glocken erschallen leis Zu Gottes und zu der Jungstau Preis. Im Kreise die Tannen sie rauschen sacht, Sie neigen sich flüsternd und sind erwacht. Es flimmert und schimmert der weite Hag, Herein bricht ein herrlicher Maientag. Und in der Kapelle — wie süß und mild, Erglühet der Jungfrau liebliches Bild. Es bricht durch die Fenster ein Strahlenkranz, Erfüllet das Küchlein mit Maienglanz. „Du Schönste der Frauen, Maikönigin, Dir huldigt der Mai, nimm es gnädig hin, Die Kinder der Erde, fast ohne Zahl, Sie grüßen mit ihm Dich vieltausendmall" Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt.