« 46 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 2. Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas Sc Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Mar Huttler). Kchicksalsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Mademoiselle leitete seit ungefähr zwanzig Jahren das Pensionat „Jugendheim". Es war ihr Stolz und ihre Freude, die ihrer Obhut anvertrauten Zöglinge streng religiös zu erziehen und sie zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Es waren nicht nie Reichsten und Vornehmsten, die in Jugendheim Aufnahme fanden, nein, der gut situtrte Mittelstand, Töchter der Kaufleute und Beamten, die sich zur Lehrerin, Gesellschafterin, oder sonst einem Berufe ausbildeten, waren hier größtentheils vertreten. Gegen alle ihre Schülerinnen war sie streng gerecht und es war zu verwundern, daß Martha Adair trotz aller Bemühungen die Liebe und Zuneigung der Vorsteherin nicht erringen konnte. Sie war nicht hart oder ungerecht gegen die arme Kleine, die schon als fünfjähriges Kind ihrer Pflege anvertraut wurde, nein, sie sorgte gewissenhaft für das körperliche und geistige Wohl des Kindes, gab ihr jeden Preis, den sich die Kleine durch Fleiß und Ausdauer bei ihren Studien erwarb, und doch entbehrte die kleine Martha Eines — Liebe — und ohne dieselbe drohte die herrliche Menschenblüthe fast im Keime zu ersticken. Sie war der Liebling sämmtlicher Lehrer, die Schul- freundinnen hingen an ihr mit mehr denn schwesterlicher Liebe, und als sie älter wurde, verehrten sie sie fast mit einer Zuneignng, die an Schwärmerei grenzte. Darum war es fast unbegreiflich, daß Mademoiselle La Röchelte sie nicht in ihr Herz schließen konnte. Leider war die strenge Dame aber schon vorher, ehe das Kind vor vierzehn Jahren zu ihr gebracht wurde, gegen dasselbe eingenommen, und dieses Vorurtheil hatte sie nicht besiegt, selbst jetzt nicht, als Martha mit neunzehn Jahren das Lehrerinnenexamen mit Auszeichnung bestanden hatte. Jetzt hatten die Schulfreundinnen von der Einsamen Abschied genommen, und die meisten von ihnen hatten sich nur mit schwerem Herzen von ihr getrennt, denn sie setzten mit Bestimmtheit voraus, bei ihrer Rückkehr die Freundin nicht mehr im Pensionat anzutreffen. „Niemand bleibt nach dem Examen hier," hatte Mathilde Grün, sie umarmend, gesagt, „und Du hast so viel gelernt, gewiß läßt Dich Deine Mutter jeßt wieder zu sich kommen." „Oder sie geht erst nach Paris oder London," warf eine muntere Brünette ein, „dann wird sie später eine große Dame werden; jedenfalls hat sie bei unserer Rückkehr das Nest verlassen." Die arme Martha! sie hatte nur traurig das Haupt geschüttelt und über das liebliche Gesichtchen rannen Thränen, die sie nicht zurückhalten konnte. Jetzt stand sie träumend allein am geöffneten Fenster, ihre Blicke schweiften in die unendliche Ferne und ihre Gedanken wanderten weit, wett zurück zu den lieblichen Bildern ihrer frühesten Kindheit. Ach, ihre Erinnerungen waren nur sehr schwach, und von Mademoiselle La Nochette hatte sie späterhin auch nur wenig erfahren. Die Hände gefaltet, ließ sie ihre großen, seelen- vollen Auge» über den weiten Himmelsdom schweifen; sie verfolgte mechanisch die einzelnen kleinen weißen Wölkchen, wie sie langsam weiter zogen auf ihrer vorgeschriebenen Bahn sie alle gehorchten einer einzig leitenden Hand. Warum stürmte es denn sv ungestüm in ihrem Herzen, warum wollte sie eigenmächtig ihrem Schicksalsrad eine andere Richtung erzwingen? War sie hier nicht geschützt vor allen rauhen Stürmen, behütet und — — geliebt, wollte sie in ihren Gedanken hinzufügen, doch mißmuthig schüttelte sie das Haupt und ein wehmüthiger Zug grub sich in das feingeschnittene Antlitz, als sie der Stunde gedachte, da man so freventlich mit dem Glück ihrer Kindheit gespielt hatte. Sie erinnerte sich ihres Vaters kaum; sie mußte noch sehr jung gewesen sein, als ihn der Tod ihr entrissen. Dann dachte sie ihrer Mutter; es waren Tage der Armuth, der Noth und des Elends gekommen. Die gute Mutter hatte viel geweint und dann mit ihr das große, prunkvolle Haus verlassen, um ein niederes Dach- kämmerlein zu beziehen. Martha erinnerte sich der sanften, lieben Züge der Mutter; sie wußte, daß sie Schauspielerin geworden war, um sich und ihr Kind vor Noth und Entbehrung zu schützen. — Doch plötzlich nahm eine andere Erinnerung Gestalt in ihrem Herzen an. — Ein großer, breitschultriger Mann mit schwarzem Vollbart und stechenden, blitzenden Augen, Monsieur La Nochette. Er war täglich zu der weinenden Mutter gekommen, hatte eindringlich auf sie eingesprochen, dabei das Kind feindselig angeblickt, so daß dieses sich scheu in einen Winkel verbarg. Dann war er auch einmal gekommen und brachte eine Puppe, Zuckersachen und ein schönes neues Kleid, diese Schätze wollte er > Martha schenken, wenn sie mit ihm komme. — Die 346 Mutter hatte viel, viel geweint, hatte ihr Kind geherzt und geküßt, es ermähnt, stets gut und brav zu sein, damit sie später in den Himmel komme zu dem lieben Papa, dem sie auch dorthin folgen wolle. Dann hatte sie der kleinen Martha das Sonntagskletdchen angezogen und gesagt, sie solle getrost mit dem Manne gehen, ihm gehorchen und alles thun, was er von ihr verlange. Martha folgte gehorsam. Er führte die Kleine auf ein großes Schiff, und lange Zeit sah sie nichts als Himmel und Wasser. Dann hatte Monsieur La Röchelte ihr gesagt, sie würde die Mutter nie wiedersehen und er brachte das Kind seiner Schwester. So wett gingen Martha's Erinnerungen. Mademoiselle hatte dann später gesagt, daß ihr Bruder die Mutter geheirathet habe, daß sie sehr fleißig sein müsse, damit das Geld für die Pension nicht unnütz gezahlt würde. Er sei ein sehr reicher Kaufmann und habe nur die eine Bedingung gestellt, daß das Kind entfernt bleibe. — Weiter wußte Martha nichts; sie wußte nicht einmal, in welcher Stadt ihre Mutter lebte, oder ob sie in den vierzehn Jahren der Trennung Geschwister bekommen hatte. Wie drückend mußte die Noth der Mutter gewesen sein, daß sie sich entschließen konnte, ihr einziges Kind aufzugeben, und sie haßte den Mann, der dieses Opfer verlangt hattet Gern hätte sie Armuth und Entbehrung getheilt, nur nicht die Liebe verloren. Es war jetzt ihr größter Wunsch, Geld zu verdienen, um dem Manne jeden Heller zurückzuzahlen, den er für sie gegeben hatte. Jetzt verstand sie auch Mademoiselles Abneigung gegen sie. Die streng religiöse Dame liebte ihren Bruder von ganzem Herzen, es war ihr Wunsch, ihm nach New- Jork zu folgen, um dort seinen Hausstand zu leiten. Nach ihrer Meinung führten alle Schauspieler ein leichtsinniges, lasterhaftes Leben, das direkt zur Hölle führen mußte. Daß nun ihr Bruder heirathete und somit ihren Plan vereitelte war schlimm, daß er aber eine Schauspielerin erkor, war viel schlimmer. Mit sehr gemischten Gefühlen empfing sie regelmäßig jedes Quartal den Wechsel. Es war ja schön, daß sie das Pensionsgeld so regelmäßig bekam, daß der Bruder es aber für ein Kind zahlte, das keine Rechte an ihm hatte, kränkte sie. Gewissenhaft verwandte sie auch jede von ihm bestimmte Summe für Martha's Garderobe, und obgleich sie die einfachsten, schlichtesten Farben wählte, ließen die Stoffe an Feinheit und Güte nichts zu wünschen übrig. Die Ferien hatten begonnen. Mademoiselle wollte in ein Seebad; Martha Adair sollte wie gewöhnlich mit der Hausverwalterin allein bleiben. Doch ehe die Vorsteherin ihr Jugendheim verließ, wollte das verlassene Mädchen sich eine Unterredung erbitten. Die Frage war nur — wann war der geeignete Augenblick dazu? Sie fühlte sich so einsam, schütz- und freundlos in der Welt, und jetzt, da sie das Examen so glänzend bestanden hatte, sehnte sie sich hinaus in die Welt, denn sie schauderte bei dem Gedanken, als junge Lehrerin in diesem Hause wirken zu müssen. Gleichsam als hätte Mademoiselle ihre Gedanken errathen, öffnete sich in diesem Augenblick die Thür und die Gefürchtete trat ein. „Warum übst Du nicht Klavier?" fragte sie streng und vorwurfsvoll. „Es sind ja Ferien," lautete die gereizte Antwort. Doch im bescheidenen Tone fuhr das junge Mävchcn fort: „Wenn Sie Zeit für mich haben, Mademoiselle, so möchte ich um einige Augenblicke bitten, ich habe Ihnen so Vieles zu sagen." Verwundert setzte sich die Vorsteherin nieder; sie ahnte nicht die Gefühle ihres Zöglings. „Wenn Du bedauerst, daß ich die Einladung Mathilde Grün's für Dich ausgeschlagen habe," sagte sie scharf, „so ist jedes Wort nutzlos. So lange Du unter meiner Obhut weilst, bin ich fest entschlossen, Dir keine Ausflüge in den Ferien zu gestatten." „Das meine ich nicht," entgegnete Martha höflich, „ich möchte nur wissen, wie lange ich noch hier bleiben soll?" — Die alte Dame blickte erstaunt auf. „Willst Du gern fort, bist Du hier nicht zufrieden?" fragte sie herbe. „Ich bin neunzehn Jahre alt, habe das Examen gemacht, und kein junges Mädchen bleibt nach demselben hier," versetzte sie ausweichend. „Das ist ein Unterschied. Jede Andere hat eine Heimath, wohin sie gehen kann," kam es streng von Mademoiselles Lippen. „Und ich?I" Martha's Wangen wurden aschfahl, „habe ich denn keine Heimath? Soll ich denn niemals meine Mutter wiedersehen?" „Kannst Du Dich denn etwa Deiner Mutter erinnern? Du warst kaum fünf Jahr, als Du von ihr fortkamst; es ist nur Einbildung zu sagen, daß Du Dich nach ihr sehnst." „Ich liebe sie von ganzem Herzen," rief Martha leidenschaftlich. „Ich bin jetzt alt genug, um zu verstehen, warum sie mich fortsandte und warum ich in der ganzen Zeit keine Zeile von ihr erhalten habe." „Sie heirathete meinen Bruder unter der Bedindung, Dich aufzugeben. Er ist ein reicher Mann, aber er sagte Deiner Mutter vor der Hochzeit, Du solltest sein Heim nie theilen." „Niel? soll ich denn nie meine Mutter wiedersehen? Das ist grausam, schändlich — er muß ein schlechter Mensch sein!" „Er ist sehr wohlthätig. Bedenke, er hat in den vierzehn Jahren Tausende für Dich bezahlt." Martha's Augen glühten vor Entrüstung. „Ich will alles zurückbezahlen," rief sie heftig, „selbst wenn ich die besten Jahre meines Lebens opfern sollte. Jeden Heller soll er von mir zurück erhalten." „Wie soll das geschehen? Willst Du das große Loos gewinnen oder eine Goldmine entdecken?" fragte Mademoiselle spöttisch. „Ich will arbeiten. Ich bin stark und gesund, habe eine gute Erziehung genossen, und wenn ich auch für den Anfang nicht viel verdiene, so hoffe ich mit der Zeit, wenn ich älter bin, auf Besserung." Das Antlitz der Dame erhellte sich sichtlich. „Das ist ein guter Gedanke von Dir, Martha," sagte sie viel freundlicher. „Es ist zwar lächerlich, an eine Rückzahlung zu denken, das erwartet wein Bruder auch nicht, und der Gedanke an eine Schuldenlast würde Dir in Deinem neuen Berufe nur erdrückend sein. Wenn Du aber ernstlich vorhast, Dir Deinen Lebensunterhalt zu erwerben, so will ich Dir gern behülflich sein." „Am liebsten finge ich gleich morgen an," gab Martha eifrig zu. „Es hat keine Eile. Aber mein Bruder ist nicht 347 mehr jung. Wenn aber ein Mann mit 64 Jahren für neun Kinder zu sorgen hat, so muß er auch an die Zukunft denken und unnütze Ausgaben so viel wie möglich vermeiden." „Neun Kinder!? ist es denn möglich, daß ich neun Geschwister habe?" rief Martha überrascht. „Du brauchst Dich gar nicht darüber zu freuen, Martha, denn Du wirst sie doch niemals sehen. Ja, Du hast neun Stiefgeschwister, der älteste Knabe ist zwölf Jahre alt. Mein Bruder ist wohl ein reicher Mann, aber er muß angestrengt arbeiten, um die Zukunft seiner Kinder zu sichern. Wenn er plötzlich stirbt, so kann seine Familie doch in Noth gerathen." „Wenn Sie mir helfen, will ich gerne arbeiten, Mademoiselle; dann kann das Pensionsgeld für mich gespart werden. Am liebsten ging ich auf's Land und unterrichtete dort Kinder." „Nun, das trifft sich gut, und ich kann Dir helfen. Erinnerst Du Dich der kleinen, blassen Berghaupt?" „Gewiß." Martha erinnerte sich genau, ein schmales, blasses Mädchen von kaum sechzehn Jahren vor einigen Monaten im Hause gesehen zu haben. Sie sollte den jüngeren Kindern Handarbeitsunterricht ertheilen, aber ihre Fähigkeiten waren allzu gering, so daß Mademoiselle La Rochette sie schon nach wenigen Tagen entlassen mußte. „Nun, Herr Berghaupt ist ein entfernter Verwandter von mir. Es that mir leid, daß ich seine Tochter nicht behalten konnte, aber sie leistete nichts. Jetzt schreibt er mir, daß seine Töchter geerbt haben. Jenny und ihre jüngere Schwester kommen nach den Ferien in meine Pension; für seine drei jüngeren Mädchen wünschte er eine Erzieherin. Ebersheim ist ein kleines reizendes Dorf, mit der Bahn fährst Du in drei Stunden hin, und ich glaube, es wird Dir dort gefallen." „Würden sie mich als Erzieherin nehmen?" „Sie nehmen jede Dame, die ich ihnen sende, und baten um ein heiteres, junges Mädchen. Der älteste Sohn ist Arzt, der zweite ist aus dem Hause, er wird Kaufmann, und der Vater unterrichtet jetzt noch den Jüngsten. Deine älteste Schülerin wird vierzehn, die jüngste acht Jahre sein. Ich zweifle nicht daran, daß Du gut mit ihnen fertig wirst; denn die Kinder sind wohl erzogen, nur in ihren Kenntnissen zurück." Mademoiselle La Rochette freute sich, Martha zur Annahme dieser Stellung so bereit zu finden, denn am nächsten Tage bekam sie von ihrem Bruder eine ganz unerwartete Nachricht. — Seine Gattin war bei der Geburt des zehnten Kindes gestorben, und er freute sich, daß seine Stieftochter jetzt selbständig sei, da er nicht länger für sie sorgen könne und wolle. „Ich habe jetzt zehn Kinder," schrieb er, „und ich ziehe meine Hand von Martha ab. Meine liebe Gattin sprach von ihr noch bis zum letzten Augenblick, und ich mußte ihr versprechen, einen Brief und einige Schriftstücke des Vaters ihrer erstgeborenen Tochter zukommen zu lassen. Martha sollte diese Papiere aber nicht vor ihrem vollendeten 21. Lebensjahre erhalten, oder an ihrem Hochzeitstage, falls sie sich vorher verheirathet. Sie weiß wenig oder nichts von ihrem Vater, und die Mutter wünschte, ihr von ihm zu sagen. Ich übergebe Dir diese Schriftstücke mit der Bitte, den Wunsch meiner Gattin zu erfüllen. Sage Martha, daß sie selbst ihr Brod verdienen muß, da ich aufhöre, ferner für sie zu sorgen." „Das ist überflüssig," grübelte Mademoiselle, „ich will noch heute an Berghaupt's schreiben, und es genügt Martha zu wissen, daß ihre Mutter todt ist. Das arme Kind! erst seit gestern fange ich an, sie zu lieben. IV. Sechs Monate waren bereits seit dem Tode der reichen Frau Marlitz verflossen und die Verwandten hatten noch nichts von dem Kommerzienrath Ambach oder von der geheimntßvollen Testamentsvollstreckung gehört. Der alte Herr hatte oft Gelegenheit, Leo von Wildenthal in seinem neuen Berufe als Inspektor zu sehen und zu beobachten, denn das große Rittergut in der Nähe von Ebersheim gehörte seinem Freunde, den er jetzt häufiger besuchte, denn je. Hier traf er auch häufig den jungen Azrt Berghaupt, aber wehmüthig schüttelte der alte Herr sein Haupt, wenn er die hagere, schlanke Gestalt mit den tiefliegenden, hohlen Augen betrachtete, auf dessen bleichen Wangen verrätherisch rothe Flecken brannten, die nur mit dem Namen „Kirchhofsrosen" bezeichnet werden konnten. Waren denn seine Umgebung, seine Eltern und Freunde ganz blind, daß sie diesem hinfälligen jungen Mann diese angestrengte Thätigkeit gestatteten? Den jungen Rieding hätte der alte Herr gern soviel als möglich vermieden, doch erhielt er häufig seine Besuche, die leider nie einen ungünstigen Eindruck verfehlten. Plötzlich wurde Leo ganz unerwartet zu seinen Eltern zurückgerufen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel war die Katastrophe über den Grafen hereingebrochen, die Geduld der Gläubiger war erschöpft und das alte Stammschloß, die Güter und alle bewegliche und unbewegliche Habe kam unter den Hammer des Auktionators. Der Graf war verzweifelt, doch Leo suchte ihn nach Kräften zu trösten. „Bedenke," sagte er in seiner einfachen, überzeugenden Weise, „Du hast seither den Kampf mit dem Leben kaum ertragen können, und so lange ich denken kann, hat Dich die Schuldenlast fast erdrückt. Ich bin jung und stark, verdiene genug, um für Vater und Mutter zu sorgen, also lass' den Gedanken an Erhaltung des Schlosses fahren und verlasse ein Heim, das Dir nur eine drückende Last gewesen ist." „Wir haben noch ein kleines Kapital, das meine Frau kürzlich geerbt hat," wandte der Graf getröstet ein, „dann miethen wir uns ein kleines Haus, und ich werde mich so reich und glücklich fühlen, wie noch nie in meinem Leben." Die Gräfin Margot wollte sich nicht trösten lassen. „Für uns ist es zwar besser," schluchzte sie unter Thränen, „aber wir haben Deine Zukunft vernichtet, Leo, doch vielleicht erbst Du das Vermögen Deiner Tante und kannst später das Gut zurückerstehen." „Rechne nicht darauf," erwiderte Leo kopfschüttelnd. „Nach meiner Meinung wird Willy Berghaupt der Erbe. Er ist ein guter Mensch, ich lernte ihn jetzt erst kennen, und dabei schwach, elend und das älteste von zehn Geschwistern." Doch die Gräfin wollte ihrem Liebling die Hoffnung nicht rauben. „Du wirst der Erbe," behauptete sie kühn. „erlangst dann das alte Schloß wieder — oder Du mußt eine reiche Erbin heirathen." „Ich heirathe niemals, Mutter!" „Leo!" „Es ist mein fester Entschlnß," beharrte er, „ich bin zu stolz, um eine Gattin zu wählen, die reicher ist, 318 wie ich es bin, und obgleich meine Stellung und mein Gehalt für mich als Junggesellen genügend ist, so würde es doch für einen eigenen Hausstand nicht hinreichend sein." Lo wurde dann die verschuldete Besitzung veräußert; der Graf zog mit seiner Gattin in ein bescheidenes Häuschen zurück, und Leo nahm seine Thätigkeit als Inspektor wieder auf. „Es muß ein schwerer Entschluß für Dich gewesen sein, Leo," bemerkte Willy Berghaupt bei der Rückkehr des Vetters, „aber nach einigen Monaten bist Du Dein eigener Herr und kaufst die Güter und das Schloß zurück." „Lass' uns einen Pact machen, Willy," bat der Angeredete, „wir wollen nicht wehr von Frau Marlitz' Erbe sprechen. Ich habe ein Gefühl, als käme noch Unheil daraus; in wenigen Monaten ist das Ende entschieden, und bis dahin will ich mich nicht falschen Hoffnungen hingeben." Eine brennende Nöthe färbte die Wangen des jungen Arztes. „Ich frage für mich wenig nach Geld und Reichthum," gestand er leise, „aber ich möchte gern einen ganz kleinen Theil haben, genug, um eine bequeme Häuslichkeit einzurichten." „Ich ahne den Grund," scherzte Leo, „Du bist heimlich verlobt und willst Deiner Zukünftigen ein trauliches Heim bieten." Willy nickte. „Mein Vater heirathete mit einem sehr geringen Einkommen," sagte er, „und ich habe von Kindheit an zu viel von häuslicher Sorge erfahren, um einst meiner Gattin ein solches Loos bereiten zu wollen. Es wird Jahre dauern, bis ich genügende Praxis habe, um an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken zu können, daher sind meine Aussichten ziemlich hoffnungslos." »Bist Du denn schon verlobt?" fragte Leo gespannt, denn er fühlte ein lebhaftes Interesse für die romantische Liebe des Jünglings. „O nein! ich denke nicht daran, sie an mich zu fesseln, ehe ich ihr eine sorgenfreie Existenz bieten kann." „Lebt sie hier in der Nähe?" „In Ebersheim, im Hause meiner Eltern. Sie ist die Erzieherin meiner jüngeren Schwester, Du kannst sie selbst heute Abend sehen, wenn Du die Einladung zum Abendessen annimmst, die ich Dir im Namen meiner Mutter bringen soll." Leo nahm gern die Einladung an. Obgleich ganz in der Nähe wohnend, hatte er die Familie Berghaupt noch nicht kennen gelernt, aber sein Interesse für Willy's Geliebte erkaltete plötzlich. Eine Gouvernante! Hm, sie fühlte sich vielleicht nicht glücklich und zufrieden in ihrem Berufe, und der junge Arzt war so herzensgut, vielleicht war es nur Mitleid, nicht Liebe, die sich in seinem Herzen regte, und er verstand seine eigenen Gefühle noch nicht. „Bah," grübelte er weiter, als er allein war, „wie thöricht sind doch oft die Männer. Vielleicht ist die Dame alt und häßlich und hat es verstanden, den guten Willy in ihr Netz zu fangen. Wie schade, er ist ahnungslos in diese Falle gegangen. Leo hatte den ersten Besuch in der Lehrerfamilie wohl ein wenig gefürchtet, zu seiner Erleichterung aber waren die drei Kleinen nicht anwesend. Sie aßen ihr Abendbrod im Schulzimmer und mußten dann zuBette gehen. Frau Berghaupt und der Lehrer empfingen ihren Gast auf's Herzlichste; die Mutter stellte ihre drei Töchter vor; die beiden ältesten, mit eckigen, scharf markirten Zügen konnten nicht einmal den Anspruch auf „hübsch" machen, die vierzehnjährige Lilli war ein hochaufgewachsenes, blasses Mädchen, dabei so scheu und furchtsam, daß sie auf die freundliche Anrede des Gastes kaum ein Wort erwidern konnte. (Fortsetzung folgt.) -—i I — - Der Bauernfänger. Eine Berliner Geschichte. Der Polizei-Präsident von Berlin trat gegen 10 Uhr Morgens in sein Bureau. Es war an einem kalten Dezcmbertage, aber in dem Bureau herrschte eine angenehme Temperatur, der man es sofort anmerkte, daß hier auf Kosten des Staates geheizt wurde. Der Polizei- Präsident gab seinen Pelz einem ihn begleitenden uniformsten Beamten, steckte sein Monocle wieder ins Auge und warf einen Blick auf seinen Schreibtisch, auf welchem die Briefe lagen, welche die erste Post gebracht hatte und die nun erledigt sein wollten. Es waren viele solcher Briefe eingetroffen, was dem Beschauer nicht angenehm zu sein schien. Der Polizei-Präsident war ein Lebemann trotz seiner Jahre, die das erste Grau in seinem wohlgepstegten Bart oberflächlich andeutete. Er war groß und etwas corpulent, als Freund einer gängereichen Tafel hatte er seine einst so schlanke Taille gänzlich mitverzehrt, und er machte daher den Eindruck einer gewissen Abrundung, der man es ansah, daß er mehr Lu- cull als Don Juan war. Trotzdem war er ein vortrefflicher Beamter, ja, das Modell eines guten Beamten. Er war pflichttreu, fleißig, gewissenhaft und hatte aus der Militärzeit einen schneidigen Ton in sein Amt mitgebracht, welcher dem Ohre des Civilisten mit Recht so unmelodisch klingt, aber in dem Untergebenen keinen Widerspruch aufkommen läßt. Er sprach nicht viel, aber das Wenige kurz und bestimmt, wie es sich von einem Manne erwarten läßt, der an der Spitze eines so wichtigen Verwaltungszweiges steht. Der Selbstherrscher aller Schutzmänner von Berlin muß ein bischen Czar sein. Er rieb die Hände, zündete eine Cigarre an, seufzte und setzte sich an den Schreibtisch vor die angelangten Briefschaften. Zuerst öffnete er die Schreiben, welche er mit kundigem Blicke als die von Behörden erkannte. Eines der ersten, in einem mit thalergroßem Siegel verschlossenen Umschlag, veranlaßte ihn, die elektrische Klingel in Bewegung zu setzen. Der Beamte, den wir schon gesehen haben und der das Amt eines Polizei-Kammerdieners bekleidete, trat geräuschlos ein. „Stuppke," sagte der Polizei-Präsident zu ihm, während er den eben gelesenen Brief noch in der Hand hielt, „da wird vom Magistrat in Schwiesen der Bürgermeister bei uns angemeldet. Soll hier Bauernfang stu- diren, weil in letzter Zeit etliche Bauernfänger in Schwiesen aufgetaucht. Wenn der Mann kommt, gleich reinführen, er heißt — der Polizei-Präsident blickte in den Brief — Krämer, werde ihm den Eriminalschutzmann Schallow beigeben, der ja Bescheid weiß." „Na ob," wagte Stuppke zu sagen. Der Polizei-Präsident sah ihn wegen dieser Bemerkung fast erschrocken an, dann, in einer Anwandlung von unbeschreiblicher Güte, wie einen großen Verbrecher begnadigend, sagte er mit einer leichten Bewegung des Kopfes: „'s ist gut. Schallow soll kommen." z?s«tz US^ In die Weit hinaus. Von Georg Knorr. W 8 s- WMDW ÜUM WW !^WW ML L-W 350 7 -; Stuppke ging mit einer militärisch strammen Wendung ab, froh, wegen seines unbegreiflich kecken „Na ob" noch so gut davongekommen zu sein. Der Polizei-Präsident überflog noch einmal den Brief des Magistrats der guten Stadt Schwiesen, und dabei streifte eine gewisse Heiterkeit seinen strengen Ausdruck. „Nicht übel," sagte er dabei so schroff vor sich hin, daß die Cigarre zwischen seinen Lippen einen Seiten- sprung machte. Schallow trat ein. Schallow war der bescheid- wissende Criminalschutzmann, dessen hervorragende Kenntnisse auf dem Gebiete des Bauernfanges von den Berichterstattern der Presse oft lobend hervorgehoben und eben noch von Stuppke durch seine zweisylbige Bemerkung in das hellste Licht gerückt worden waren. Schallow war allerdings ein bedeutenderSpccialist — er kannte alle die Schliche des Bauernfanges wie ein gelernter Bauernfänger, kannte alle die schlauen Bursche, welche täglich zahlreiche Opfer fanden und ausplünderten; er wußte sofort, wenn ihm eine besonders gründliche Plünderung gemeldet wurde, aus der Art und Weise, wie sie geschehen war, den Thäter, wenn auch nicht gleich zu finden, doch genau zu bezeichnen. Er spielte das Teufelsspiel,Kümmelblüttchen genannt, so meisterhaft wie irgend ein Matador der Bauernfängerei, und man rühmte ihm nach, es sei ein Glück, daß er Criminalschutzmann und nicht Bauernfänger geworden sei, da er als solcher unbeschreibliches Unheil angerichtet haben würde. „Befehlen, Herr Präsident —" „Schallow," sagte der Höchstcommandirende, „da kommt zur Abwechslung mal wieder ein Bürgermeister, der Bauernfang hier an Quelle studiren soll, damit sie in seiner Weltstadt wissen, wie mit Kram und Kerls umspringen. Heißt Krämer. Ehrsamer Böttchermeister. Werde ihn an Sie weisen, zeigen Sie ihm Schlupfwinkel und Individuen und sagen ihm, wie damit umzuspringen. Wird ja nicht viel nützen. Wenn Krämer noch so viel kennen lernt, wird kein einziger Bauernfang in Schwiesen verhindert werden. Aber kann das dem Mann doch nicht sagen und ihn abweisen. Ist ja Behörde. Wissen also Bescheid, Schallow, können's kurz machen, haben mehr zu thun." Schallow sagte nichts, er war überhaupt wortkarg, l Felix Freiherr v. Koö. besonders dem Polizei-Präsidenten gegenüber, der immer Alles sagte, was zu sagen war. Kaum war Schallow abgetreten, so meldete Stuppke den Bürgermeister von Schwiesen, den Böttchermeister Krämer. „Konnt' wohl nicht früher kommen. Besuch bei tagschlafender Zeit," murmelte der Chef. Dann sagte er: „Eintreten." Der Eintretende war eine gewöhnliche Erscheinung, wie sie den Uebergang vom Bauer zum Bürger charaktertsirt. Man sah ihm die kleine Provinzialstadt an. Er machte den Eindruck eines ernsten Mannes, der regelmäßig zu Mittag aß und mindestens zehn Stunden schlief außer dem halben Stündchen nach Tisch. Er verbeugte sich breit und würdevoll, mit dem Stolze, den eine hervorragende Stellung in der Stadt Schwiesen einflößt, und mit der Ungeschicklichkeit, welche er seiner Erziehung und seinem Umgänge verdankte. „'Morgen," sagte der Polizei-Präsident, der sich ein ganz klein wenig erhoben hatte. Dann wies er auf einen Stuhl und setzte hinzu: „Bitte." Der Gast setzte sich bescheiden nieder. Der Raum, in dem er sich befand, der einflußreiche Beamte, mit dem er Verkehren sollte, schienen ihn mit einem heillosen Respect zu erfüllen. „Der Herr Bürgermeister kommen so früh," begann der Polizei-Präsident. „Ich bitte deßhalb um Entschuldigung. Es war so unruhig im Hotel, und dann möchte ich auch den Tag so nützlich wie möglich verwenden, damit ich in längstens zwei Tagen wieder davonreisen kann. Schwiesen ist klein, muß aber trotzdem verwaltet werden. Glauben Sie, Excellenz, daß es auch wirklich so rasch gehen wird?" „Bin nicht Excellenz, einfach Polizei-Präsident oder Herr von," warf der Gefragte ein. „Können ganz gut in zwei Tagen wieder abdampfen. Werde Ihnen einen Beamten mitgeben, Schallow, Criminalschutzmann Schallow, kennt die Bauernfängerei gründlich, wird Ihnen alles Nöthige zeigen und mittheilen, daß Sie in Schwiesen Maßregeln treffen können. Wird freilich wenig nützen." „Meinen Sie?" fragte der Bürgermeister ängstlich. „Natürlich," antwortete der Poltzei-Präsident. „Bauernfänger sind gerissene Jungen, schwer, ihnen bei- zukommen. Selbst uns, die immerfort damit zu thun - 351 haben und doch auch nicht auf den Kopf gefallen, geben Gauner manchmal was zu rathen. Uns!" „Nicht möglich!" sagte derart verblüfft der Mann aus Schwiesen, als hätte ihm der Polizei-Präsident erzählt, der Kölner Dom sei gestohlen worden. „Also —." Mit diesem Worte deutet der Präsident seine Bereitwilligkeit an, dem Besucher zum Abschiede die biedere Rechte zu schütteln, wie ein Mann, dessen Augenblicke kostbar sind. Aber das Also hatte keine Wirkung. Der Gast blieb sitzen. „Haben Sie noch was?" fragte ihn der Polizei-Chef. „Noch eine Bitte," sagte zögernd der Mann aus Schwiesen. „Der Magistrat hat mich in dem Schreiben, „Weiß schon," drängte der Hörer, „kenne die Linden. Weiter!" „Da kommt ein älterer Herr auf mich zu, der mir ein Taschentuch zeigt und mich fragt, ob ich das verloren hätte, es läge da auf der Straße. Ich dankte und sagte: Nein. Dann wollte er es dem Schutzmann geben. So kamen wir ins Gespräch und bummelten. Es war ein wirklich liebenswürdiger Mann, der viel zu erzählen wußte, und ich war sehr froh, als er mich aufforderte, mit ihm in eine einfache, aber solide Weinstube zu gehen und zu Abend zu essen." „Wurde da nicht Clavier gespielt und gesungen?" unterbrach ihn der Polizei-Präsident, der immer heiterer IMS« WWW MM WMWWWMWA DDK Ktegrslicivutzt. Nach dem Gemälde von M. Wunsch. Photographie im Verlage der Photographischen Union in München. in welchem er mich ankündigte, an Sie auch für den Fall gewiesen, daß ich Geld brauchte, und es ist mir gestern Abends etwas passirt, was mich ganz blank gemacht hat." „Nanu!" rief der Polizei-Präsident. „Was passirt? Heraus damit!" Und er beugte sich über die Lehne seines Sessels zu dem Fremden, um kein Wort von dem, was er hören sollte, zu verlieren, während ein vielsagendes Lächeln die Strenge seines Ausdruckes verscheuchte. „Ich komme gestern Abends mit dem Acht-Uhr-Zuge an, fahre in das „Central-Hotel", mache mich sauber und gehe unter den Linden spazieren. Prächtig war es. Die hellen Schaufenster, die vielem Menschen —" wurde. — „Allerdings, es war höchst unterhaltend. An unserem Tische saßen noch einige Herren, in welchen mein Begleiter Landsleute fand. Diese Herren spielten ein merkwürdiges Spiel, das eigentlich gar kein Spiel war, sondern ein Kunststück. Der Spieler hatte in der linken Hand den Pique-Buben, in der rechten zwei andere Karten, und nachdem er die drei Karten auf den Tisch geworfen hatte, sollte man rathen, welche von ihnen der Pique- Bube Ein Gelächter des Polizei-Präsidenten unterbrach den Erzähler, der den Lachenden halb erstaunt und halb beleidigt ansah. Der Polizei-Präsident war aufgesprungen und rief: „Das ist großartig! Lieber Freund, Sie haben 352 gestern Abends Bauernfang an Quelle studirt, können Examen machen, brauchen gar nicht weiter zu arbeiten. Ihr liebenswürdiger Begleiter, Gauner in Folio, hat Sie gewarnt vor Spiel, hat selbst aber mehrmals Pique- Buben richtig herausgefischt und gewonnen, dann sind Sie selbst in Falle gegangen und haben richtig Alles verloren. Weiß Alles, als ob dabei gewesen wäre. Sind ganz gemeinen Bauernfängern auf den Leim gegangen, brauchen sich gar nicht weiter in Berlin zu bemühen." Und der Polizei-Präsident lachte aus vollem Halse, während der unglückselige Besucher dasaß und schier verzweifelte. „Wieviel haben Ihnen die Banditen denn abgeknöpft?" fragte endlich der Polizei-Präsident, um wieder, wie es sich für die ganze Scenerie ziemte, das Praktische zu berühren. „Meine ganze Baarschaft", jammerte der Bürgermeister, „dreihundert Mark." „Freuen Sie sich, daß es nicht mehr ist", war die ganze Antwort, die den Armen trösten sollte. „Werde Ihnen gleich die Summe überweisen lassen." Der Polizei-Chef klingelte, gab dem Bürgermeister eine Anweisung und ließ ihn von dem eintretenden Stuppke zur Kasse führen. Dann gab er ihm die Hand zum Abschied und sagte ihm dabei: „Hätten Unterricht billige haben können, sparen aber jetzt Herumlaufen mit meinem Schallow. Gehen Sie in Ihr Hotel, schlafen Aerger aus, gehen Abends nicht mit liebenswürdigem älteren Herrn zum Essen mit Musik und fahren morgen nach Schwtesen. Grüßen Sie Schwtesen. 'Morgeni" Der Bürgermeister von Schwiesen war fast zu Thränen gerührt, als er dem Polizei-Präsidenten von Berlin die Hand drückte. Dann blickte er ihn bewundernd an und sagte: „Sie wird kein Bauernfänger über's Ohr hauen!" Der Präsident lächelte geschmeichelt mit amtlicher Freundlichkeit und ließ sich, als der Bürgermeister fortgegangen war, seinen Schallow kommen, um ihm das tragikomische Abenteuer des armen Schwiesener Bürgermeisters zu erzählen. Beide lachten herzlich dabei. (Schluß folgt.) -—- Allerlei. Die gesammten Schulden der 20 größten Staaten Europas betragen 116600 Millionen Franc, was bet einer Gesammteinwohnerzahl von 366425 790 Einwohnern durchschnittlich 320 Francs pro Kopf ausmacht. Auf den einzelnen Bewohner der verschiedenen Nationen gerechnet, stellt sich folgende Reihenfolge heraus: Es kommen in Portugal 794, Frankreich 677, England 529, Niederland 480, Italien 417, Oesterreich 364, Belgien 350, Spanien 349, Griechen-^ land 334, Deutschland 274, Rumänien 192, Rußland 146, Serbien 143, Dänemark und Türkei je 137, Norwegen 87, Schweden 78, Bulgarien 65, Finnland 31 und in der Schweiz 25 Francs Staatsschulden auf den Kopf der betreffenden Bevölkerung. Aus dieser Zusammenstellung ist zu ersehen, so schreibt das Patent- und technische Bureau von Richard Lüders in Görlitz, daß das kleine Portugal das am meisten und die Schweiz das am wenigsten verschuldete Land ist, während unser deutsches Vaterland, das erst an zehnter Stelle steht, wie immer die goldene Mitte hält. Ganz einfach. Dame: „Sagen Sie, Herr Doktor, ich leide so sehr an Gedächtnißschwäche — was können Sie mir dagegen empfehlen?" — Doktor: „Hm — einne Bleistift und ein Notizbuch, gnädige Frau!" -- Zu unseren Bildern Freiherr Felix v. Koe. Am Pfingstmontag Nachmittag verschied in Räkelwitz in Sachsen bet seiner Schwester, der Gräfin von Hoensbroch, einer der bekanntesten Adeligen aus dem Rheinland, neben dem verstorbenen Freihcrrn von Schorlemer-Alst einer der einflußreichsten Männer unter den katholischen Bauern Nordwest- Deutschlands, Freiherr von Loö-Terporten. Der Verstorbene war geboren am 23. Januar 1825, absolvirte ein vierjähriges Universitätsstudium und diente ats Lieutenant im 7. Ulanen-Rcgiment 1848—1851. Von 1859—1867 war er Landrath des Kreises Eleve. Dem Reichstag gehörte er an von 1867 bis 1872, dem Landtage von 1870—1876 und zum zweiten Male von 1890 bis zu seinem Tode. Während des Kulturkampfes errang sich Freiherr v. Los so hohe Verdienste, daß ihm Papst Pius IX. den Titel eines päpstlichen Grafen verlieh. Als Gründer des rheinischen Bauernvereins trat er in hervorragender Weise für die Bauern ein und brachte seinen Verein zu hoher Blüthe. In letzter Zeit brachten die ausgeprägt agrarischen Strömungen den Verstorbenen in einen gewissen Gegensatz zu anderen katholischen Kreisen im Rheinland. Indessen wäre es eine Beleidigung für Frciherrn v. Loö, wenn man ihn irgendwie in Vergleich stellen wollte mit so manchen höchst zweifelhaften Gerngroßen, wie sie namentlich in Bayern heutzutage als Bauernfreunde auftauchen. Freiherr v. Los war ein Edelmann von makellosem Charakter und ein treuer Sohn der katholischen Kirche. L. I. ?. In die Well hinaus. Von Julius Lohmeyer. Kein Freundesblick sucht sie zu halten, Kein Vaterhaus ruft sie zurück: Mit jener stillen, guten Alten Begrub sie all ihr Hcimathsglück. Blaudämmernd liegt vor ihr die Ferne, Von Frühlingssonnenglanz erhellt: Ein reines Herz und Gottes Sterne, Sonst blieb ihr nichts auf dieser Welt. Was wird die karge Mutter geben Dem fremden, glückverlass'nen Gast? Was bietet ihr das harte Leben, Das rauh der Armuth Kinder faßt? An welchen Strand trägt sie die Welle? Wird Harm und Noth ihr Schicksal sein? Ruft sie von gastlich trauter Schwelle Ein holdes Glück zu sich herein? Wer sagt es ihr? Mit mächt'gem Brausen Naht jetzt der Zug dem kleinen Ort. Schrill tönt sein Pfiff: die Räder sausen Und tragen sie zum fernen Port. Der Sturm faßt eine bleiche Rose Und führt sie durch die Lande weit — O hielten freundlich sanfte Loose Ein stilles Eden ihr bereit! Siegesbewußt. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Kinder schon von frühester Jugend auf den Karten ein großes Interesse entgegenbringen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgen sie dem Spiele der Alten, um rhnen abzugucken, wie es gemacht wird, und hernach die gewonnenen Kenntnisse in eigenem Spiele zu verwerthen. Der Franz! hat längst alle Vortheile und Schliche los, und mit überlegenem Lächeln schaut er seinen drei Geschwistern zu, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie ihm am besten beikommen könnten. Doch da ist alle Mühe umsonst. Wenn er sich seines Sieges nicht so sicher bewußt wäre und seine Gegner nicht so gut kennen würde, würde er gewiß nicht dulden, daß sie zu dreien gegen ihn allein zu Felde ziehen. -- -