« 48 . 1896 . „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 9. Juni Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druc! und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Schicksalsroege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Doch die Entrüstung der Mädchen war ebenso groß als die der Mutter, als sie dem Berichte gelauscht hatten. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, daß Fräulein Adair die Liebe des Gutsbesitzers gar nicht gesucht, im Gegentheil, sie hatte seine Nähe vermieden und würde wahrscheinlich seine Bewerbung ausschlagen. Sie verurteilten sie ungehört und gaben ihren Unmuth in den heftigsten Ausdrücken kund. „Sie hat mir stets mißfallen; sie ist eine herzlose Kokette", rief Babette zornig, „aber ich glaubte, sie wollte einen Anderen in ihre Netze fangen." „Wen meinst Du?" „Ich habe keine Beweise, sonst hätte ich Dich längst gewarnt, Mama, aber ein Jeder kann sehen, wie sehr sie ihre Fühlhörner nach dem Inspektor von Wildenthal ausstreckt. Es würde ihr schon gut gefallen, Leos Gattin zu werden, besonders wenn das alte Stammschloß später wieder in seinen Besitz übergeht — dann wird sie auch eine Gräfin." „Und jetzt wird sie die reiche Frau Mayfeld", jammerte Florentine. „Oh, es ist entsetzlich; sie wird über uns triumphiren, und das ertrage ich nicht. Wenn das Gut wenigstens nicht ganz in der Nähe von Ebersheim läge, so wäre es nicht so schrecklich." „Seid ruhig, meine lieben Kinder", tröstete die Mutter, „Fräulein Adair wird niemals Herrn Mayfelds Gattin werden." „Kannst Du das vermeiden? Wenn er sie hier im Hause nicht sieht, wird er ihr schreiben." „Ich habe ihn gebeten, heute zum Abendbrod zu kommen." „MutterI" wie ein Angstschrei kam dieser Ausruf von den Lippen beider Mädchen. „Thörichte Kinder! Glaubt Ihr denn, ich würde diese Schlange länger in meinem Hause behalten? Ehe wenige Stunden vergangen sind, ist sie längst wieder in der Residenz, und dort kann sie in Ruhe über ihren gestörten Glückstraum nachdenken." „Dort kommt sie", rief Babette, einen Blick durch das Fenster werfend, „sie biegt soeben in den Garten ein." „Frau Berghaupt wünscht Sie zu sprechen", berichtete das Hausmädchen, und ahnungslos betrat die Gouvernante das Wohnzimmer. Es war eine entsetzliche Scene. Drei erzürnte Frauen stürmten heftig auf ein armes Mädchen ein, und alle drei waren klug genug, nicht mit schlichten Worten zu sagen, womit sie gefehlt und wodurch sie die Damen beleidigt habe. In herben, schroffen Ausdrücken sagte Frau Berghaupt, daß sie ihr die Obhut ihrer Kinder nicht länger anvertrauen könne, da sie ein frevelhaftes, kokettes Spiel hinter ihrem Rücken treibe und nur die Aufmerksamkeit junger Herren zu fesseln suche. „Natürlich könne man sich darüber nicht wundern, wenn man ihrer Herkunft gedenke", fügte die gereizte Frau höhnend hinzu, „aber für eine ehrbare Lehrerfamilie sei eine solche Hausgenossin nicht passend, sie müsse daher das Haus noch am selben Tage verlassen." Dieser plötzliche Sturm traf Martha Adair gänzlich unerwartet. Hätte Frau Berghaupt offen eine Anklage ausgesprochen, so würde sie sich vertheidigt haben, aber jetzt stand sie ganz sprachlos da. Konnte die höhnende Bemerkung über ihre Herkunft sich auf ihre Mutter beziehen, die in ihrer drückenden Noth als Schauspielerin ihr Dasein gefristet hatte? Oder wußte sie, daß der junge Inspektor Wildenthal häufig mit ihr auf den Spaziergänger: zusammentraf? Diese Begegnungen waren nach ihrer Meinung ganz zufällig gewesen; sie hatte im Hause offen darüber gesprochen, und auch die Kinder hatten von Leo erzählt und freuten sich über die lustigen Geschichten, die er zu erzählen verstand. Sie sah bestürzt die Mutter, dann die Töchter an, doch Aller Blicke waren feindselig und erzürnt auf sie gerichtet. Die drei Damen waren nie freundlich gegen die arme Erzieherin gewesen, aber bis heute war sie noch nicht von ihnen beleidigt. Endlich fand sie ihre Sprache wieder. „Ich habe kein Unrecht gethan und bin mir keiner Schuld bewußt", sagte sie ernst, sich hoch aufrichtend. „Vom ersten Tage an, seitdem ich Ihr Haus betrat, habe ich gewissenhaft meine Pflichten erfüllt und verstehe daher nicht, wodurch ich Sie beleidigt habe." „Wir sind nicht so blind, wie Sie zu glauben scheinen", rief Frau Berghaupt empört. „Jedenfalls bin ich Herrin in meinem eigenen Hause, und als solche gebiete ich Ihnen, dasselbe sofort zu verlassen. Sie werden weder mit den Kindern, noch mit dem Hausmädchen ein Wort reden, denn Sie sollen in unserem glücklichen Familienkreise nicht noch mehr Unheil anrichten. Bis Ende dieses Quartals zahle ich Ihnen Ihr Gehalt, es ist» mehr, wie Sie durch Ihr Betragen verdient haben — aber sagen Sie Mademoiselle La Röchelte, daß ich aus ihrem Hause und auf ihre Empfehlung keine Erzieherin mehr nehmen werde." Das Glück schien die erregte Frau zu begünstigen. Der Lehrer ließ sagen, daß er bei einem College« speisen und vor 4 Uhr nicht zurückkehren werde. Den Kleinen wurde gesagt, Fräulein Adair habe Kopfschmerzen, und Babette erzählte ihnen im Schulzimmer eine Geschichte, um sie dort zu fesseln. Frau Berghaupt begab sich selbst in Fräulein Adair's Zimmer, um das Einpacken der wenigen Habseligkeiten zu beschleunigen und ihr zu sagen, daß der Wagen vor der Thüre zur Abfahrt bereitstehe. Schweigend schob sie dem armen Mädchen einige Goldstücke hin; sie brannten wie Feuer in Martha's Fingern, und am liebsten hätte sie dieselben liegen lassen, doch gänzlich mittellos durfte sie den Kampf mit dem Leben nicht aufnehmen. — Schweigend fuhren sie der entfernt liegenden Bahnstation zu. Mit geschlossenen Augen lehnte sich die Ausgestoßene in die Kissen zurück und sann über die ungerechte Härte nach, die ihr begegnet war. An die Zukunft dachte sie gar nicht; sie wollte zu Mademoiselle zurückkehren; sie war ja hart und streng, aber auch gerecht. Frau Berghaupt löste ihr eine Fahrkarte III. Classe, und es war die höchste Zeit, denn der Zug stand schon zur Abfahrt bereit. „Es wird ein Tag kommen, wo Sie einsehen werden, daß ich keine Schuld habe, dann bereuen Sie vielleicht Ihre ungerechte Härte gegen mich", sagte Martha, als sich der Zug langsam in Bewegung sehte. „Führen Sie fernerhin ein weniger leichtsinniges Leben", höhnte die erbitterte Frau, doch ihre Worte verhallten ungehört, und als sie langsam den Heimweg antrat, ahnte sie nicht die Sorgen, die ihrer harrten, und gern hätte sie Jahre ihres Lebens dahingegeben, um ihre That ungeschehen zu machen. Sie war ungewöhnlich ruhig; eine eisige Kälte lagerte sich auf ihrem Antlitz. „Kommt heute Herr Mayfeldt — was willst Du ihm sagen?" flüsterte Babette ihr leise zu. „Er kommt nicht, ich habe ihm einige Zeilen geschrieben", lautete die ebenso leise gegebene Antwort. Ja, sie hatte geschrieben und gesagt, Fräulein Adair sei sehr bestürzt und erschrocken gewesen; sie habe ihr im Vertrauen mitgetheilt, daß ihr Herz nicht mehr frei sei, deßhalb bitte sie Herrn Mayfeldt, ihr Haus in nächster Zeit zu vermeiden. „Wo ist denn unser liebes Fräulein Adair?" fragte der Lehrer gut gelaunt, als er sich mit seiner Familie am Nachmittage um den Kaffeetisch versammelte, „die Kinder sagen, sie habe Kopfschmerzen, aber eine Tasse Kaffee würde ihr doch gut thun." Frau Berghaupt gab ihren Kindern ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen, und als sie mit ihrem Gatten allein war, sagte sie kurz und rauh: „Fräulein Adair hat auf meinen Befehl unser Haus verlassen I" „Helene!" noch nie hatte der Lehrer seine Gattin so vorwurfsvoll angeblickt; „es ist wohl nur Scherz? Sie war doch heute Morgen noch hier, und ich bin überzeugt, daß sie von Deinem Vorhaben keine Ahnung hatte. Was hast Du mit dem armen Mädchen gemacht!?" „Ich bin doch Herrin in meinem eigenen Hause", sagte die Frau, vor Erregung an allen Gliedern bebend, „Fräulein Adair hat meine liebsten Hoffnungen zerstört, darum sandte ich sie fort." „Was hat sie Dir gethan?" Dreimal wiederholte der Lehrer im strengen Ton diese Frage, ehe die Gattin erwiderte: „Sie stand unseren Töchtern hinderlich im Wege. Da ist der reiche Herr Mayfeldt und der Pflegesohn meiner Schwester. Beide Herren sind passende Gatten für Babette und Florentine, aber Fräulein Adair mit ihrem puppenartigen Wachsgesicht wollte sie in ihre eigenen Netze ziehen." „Ist das Alles?" „Ist es etwa nicht genug? Babette würde die rechte Gattin für Herrn Mayfeldt werden, und Leo liebte Flora von Anfang an. Es ist mein Wunsch, beide Paare vereint zu sehen." .Helene", begann der Lehrer sehr ernst und feierlich, „noch vor einem Jahre hätte ich Dir den Wunsch vergeben, Deine Töchter schnell verheirathet zu. sehen. In unserer drückenden Lage hätte ich es Dir sogar nicht verdenken können, Dich selbst nach Schwiegersöhnen umzusehen. Aber jetzt liegen die Verhältnisse ganz anders, und kein Schatten von Noth und Entbehrung kann je das Leben unserer Töchter trüben, da sie hinreichende Mittel haben, später eine sorgenfreie Existenz zu führen. Dein Benehmen gegen die arme Erzieherin finde ich einfach unweiblich, grausam und ungerecht." Frau Berghaupt weinte vor Zorn und Empörung. „Sei doch nicht so hart gegen mich", schluchzte sie. „Warum sollte diese Person die Herzen aller Männer gewinnen, während — — —" „Du irrst Dich", unterbrach der Gatte. „Ich denke gar nicht daran, daß Fräulein Adair die Herzen aller Männer gewann. Sie ist schön und anziehend, und da sie einsam und allein in aller Welt steht, fühlt man natürlich ein inniges Mitleid mit ihr. Daraus geht aber noch nicht hervor, daß jeder Mann, der unser Haus besucht, sie zu seiner Gattin machen will, und sollte das der Fall sein, ist es dann die Schuld des unschuldigen Mädchens? Kannst Du denn nur für einen kurzen Augenblick denken, daß Männer, die durch Fräulein Adair's Schönheit angezogen sind, auf Deinen Befehl ihre Meinung ändern und sich schnurstracks in Babette oder Florentine verlieben würden?" „Du hast doch nichts an Deinen eigenen Töchtern auszusetzen?" fuhr die Mutter weinend fort. Der Lehrer zögerte. „Sie sind in trüben Verhältnissen aufgewachsen", sagte er dann langsam, „und ich glaube, die drückende Jugendzeit hat ihren Charakter verhärtet und ihr Gemüth verbittert. Meine liebe Helene, ich glaube kaum, daß ein Fremder sie hinreichend anziehend oder liebenswürdig genug findet, um sie als Lebensgefährtin zu erwählen. Beide können sich nicht einmal interessant unterhalten und haben sehr beschränkte Anschauungen." „Aber Beide sind gut und arbeitsam." „Ganz gewiß; Beide würden auch in bescheidenen Verhältnissen gute, sparsame Hausfrauen werden. Aber Leni, weder Herr Mayfeldt noch Leo bedürfen einer solchen Sparsamkeit, im Gegentheil, sie müssen eine Herrin haben, die zu repräsentiren versteht." Frau Berghaupt war nicht im Mindesten überzeugt. 363 „Du bist, wie alle Männer", spottete sie, „ein hübsches Gesicht macht Dich gegen Deine ganze Familie ungerecht. Du verlangst vielleicht, daß ich jetzt Fräulein Adair um Verzeihung bitte und sie zur Rückkehr in unser HauS veranlasse." „Nein, das verlange ich nicht. Aber ich prophezeie Dir, daß Du keine That Deines Lebens bitterer bereuen wirst, wie die heutige." „Wieso?" Der alte Lehrer beobachtete die Züge seiner Gattin scharf, dann sagte er, jedes einzelne Wort betonend: „Wenn ich nicht irre, hast Du Einen von der Liste der Herren ausgelassen, die sich um Martha Adair's Gunst bewerben, und indem Du sie hartherzig verstoßen hast, zerstörtest Du die Hoffnungen, ja das Lebensglück Deines eigenen Sohnes?" „Willy?I Du willst doch nicht sagen, daß er sich um sie bekümmerte?" „Meine liebe Frau, schon seit Wochen habe ich sein Geheimniß geahnt und weiß, daß nur seine untergeordnete Stellung als Assistenzarzt ihn von seiner Werbung abgehalten hat. Noch vor Liner Stunde traf ich ihn und fragte ihn ganz offen, und er will noch heute kommen, um dem Fräulein Herz und Hand anzubieten. Der arme Schelm ist nichts weniger als gesund und kräftig; noch heute Morgen litt er an heftigen Ohnmachtsanfällen, von denen er sich aber bald wieder erholt hat. Ich sagte ihm, Martha Adair sei gerade die richtige Lebensgefährtin für ihn, sie würde wohl wie ein Sonnenstrahl sein Leben erhellen." Das Herz der gequälten Frau zog sich jetzt krampfhaft zusammen. „Was soll ich ihm denn sagen?" stöhnte sie schmerzlich. Der alte Herr schüttelte wehmüthig sein Haupt. „Du kennst Deinen Sohn ebenso gut wie ich ihn kenne", sagte er leise, „er ist treu, beständig und wechselt nicht schnell seine Gefühle. Wenn jemals ein Mann eine heitere, fröhliche Gattin bedarf, so ist es unser Willy." „Aber Fräulein Adair hat gar kein Vermögen", warf die Gattin ein. „Meine Liebe, Du hattest auch keinen Heller, als ich Dich als Gattin heimführte, außerdem warst Du in einem vornehmen Schlosse erzogen, und Martha Adair würde in einer Hütte glücklich und zufrieden sein. Als ich vor Kurzem unseren Sohn verließ, war mein Herz voller froher Hoffnung für seine Zukunft, während jetzt-" Frau Berghaupt erbleichte. Ach! die Folgen ihrer unüberlegten Handlung zeigten sich allzu rasch. „Wer soll es ihm sagen?" schluchzte sie. „Das istDeine Strafe —nur sage es ihm schonend", erwiderte ernst der Lehrer. „Es ist niemals gut, dem Geschick muthwillig entgegen zu treten, und abgesehen von der Angst und Sorge, in die Du das arme Kind gestürzt hast, zerstörst Du mit grausamer Hand das Glück Deines Sohnes. Du warst hart und grausam gegen Martha, kannst Du je erwarten, daß sie Deine Tochter werden möchte?" „Willy wird mir niemals verzeihen, daß ich sie fortsandte," schluchzte die arme Frau bitterlich. „Sage ihm die volle Wahrheit. Es ist besser, er hört sie von Dir, als wie von fremden Menschen. Wohin wollte sich Martha wenden?" „Gewiß zu Mademoiselle La Rochette. Ich fragte sie aber nicht." „Hm I Die Dame ist gerecht — sie wird ihr Obdach gewähren. Unter den obwaltenden Umständen halte ich es für besser, daß Willy sofort an die Hochzeit denkt, vorausgesetzt, daß sie jetzt noch seine Werbung annimmt." Zum ersten Mal in ihrem Leben fürchtete Frau Berghaupt die Unterredung mit ihrem Sohne; es war ihr nicht möglich, seinen Blicken zu begegnen, als sie die traurige Geschichte erzählte. Kein Wort, kein Vorwurf kam über seine bleichen Lippen, nur auf seinem Antlitz malte sich stumme Verzweiflung. „Sie ist jetzt sicher bei Mademoiselle La Rochette", fuhr die Mutter weinend fort und hoffte vergebens auf ein einziges Wort, denn das Schweigen ihres Sohnes war beängstigend, „reise morgen zu ihr, mein lieber Willy, und alles wird wieder gut werden; aus Liebe zu Dir wird sie auch Deiner Mutter vergeben." Doch der junge Arzt schüttelte nur wehmüthig das Haupt. „Jetzt darf ich es nicht mehr wagen. Glaubst Du, ich könnte ihren Blick ertragen, nach allen Beleidigungen, mit denen Du sie überhäuft hast? Nicht einmal in demselben Zimmer möchte ich mit ihr weilen." „Aber sie liebt Dich und Du liebst siel" Er wollte sprechen, doch ein tiefes, beängstigendes Röcheln erstickte seine Stimme. Leichenblaß fiel er in den Sessel zurück, und zum Schrecken seiner Mutter entquoll ein Blutstrom seinen Lippen. Ach! diese unerwartete Nachricht war verhängniß- voll für ihn geworden. Jetzt brauchte der gutmüthige alte Pfarrer nicht mehr besorgt zu sein, den Eltern schonend die Nachricht zu überbringen. Sie wußten jetzt, daß das Ende nicht mehr fern und beschleunigt sei durch die unbesonnene Handlung der Mutter. VI. Mademoiselle La Rochette saß allein in ihrem Arbeitszimmer. Ihre tiefen, seelenvollen Augen blickten ernst auf die wenigen Worte eines Telegrammes, das sie in der Hand hielt, und eine tiefe Falte des Un- muths lagerte sich auf ihrer Stirn. Sie las die Worte zum zweiten und zum dritten Male, ohne den Inhalt genau zu verstehen. „Bitte, veranlassen Sie Fräulein Adair sofort zur Rückkehr zu uns; wir wollen sie herzlich empfangen", las sie wieder und wieder. Sie verstand den Sinn dieser Botschaft nicht und wurde erst durch die schüchterne Bemerkung des Hausdieners aus ihrer Träumerei geweckt, der leise bemerkte, daß der Bote draußen schon lange ihrer Antwort harre. Schnell warf sie mit Bleistift die wenigen Worte auf Papier: „Erklären Sie sich deutlicher, wenn ich Ihnen helfen soll. Ich habe Fräulein Adair nicht wiedergesehen, seitdem sie vor Monaten zu Ihnen ging." Sobald die Depesche abgesandt war, suchte sie vergebens den Gedanken an Martha Adair zu verscheuchen. Es wollte nicht gelingen, selbst als sie in der Selecta ihren Zöglingen den englischen Unterricht gab, tauchte vor ihrer Seele das bleiche Antlitz ihrer früheren Schülerin auf und schien sie vorwurfsvoll anzublicken. Gleich nach beendeter Schulzeit ließ sie Jenny 364 Berghaupt und deren jüngere Schwester Nosa kommen ! und fragte, ob sie Nachricht vom Elternhause haben und ^ ob sich dort etwas Besonderes ereignet habe. Die Mädchen antworteten ganz offen, es sei schon acht Tage her, seitdem der Vater geschrieben, und es gehe dort ganz gut. „War Fräulein Adair noch dort?" „Gewiß", versetzte Jenny schnell, „die Kleinen haben sie lieb, und Vater sagte, sie machen gute Fortschritte." „Mama hat sie nicht gern, denn sie ist kokett und eitel", warf Nosa ein. Mademoiselle entließ ihre Zöglinge; die Antwort hatte sie nicht befriedigt. Jetzt mußte sie geduldig einen Brief von Frau Berghaupt abwarten, aber sie war fest entschlossen, auf Marthas Seite zu stehen, selbst wenn die ganze Familie Berghaupt sie auch anklagte. Ehe die erwartete Nachricht kam, wurde ihr der Besuch eines fremden Herrn gemeldet, „Leo von Wildenthal" las sie auf der Karte und darunter die mit Bleistift geschriebenen Worte: „Im Auftrag der Familie Berghaupt". Diese wenigen Worte wirkten elektristrend. Schnell eilte sie in das Empfangszimmer und war nicht wenig erstaunt, dort einem jungen aristokratischen Herrn gegenüber zu stehen, der in seiner stattlichen Manneskraft das Bild ihres längst verschwundenen schönen Jugendideals bot. „Ich bin ein Verwandter und zugleich Hausfreund der Familie Berghaupt", stellte sich der Fremde vor, „und selbst gekommen, nm die traurige Sache zu erklären. Wir hofften, Fräulein Adair hier zu finden, nachdem sie gestern Ebersheim verlassen hat." „Ich muß zuerst wissen, warum sie ihre Stellung so schnell verlassen hat", fragte Mademoiselle streng. „Es war doch ein plötzlicher Entschluß, denn sie hat mir in ihren Briefen nie davon geschrieben." Leo erzählte Alles, sogar die Hoffnungen des Herrn Mayfeldt verschwieg er nicht Frau Berghaupt habe geglaubt, Fräulein Adair habe die Zuneigung dieses Herrn gewonnen, den sie gern als ihren eigenen Schwiegersohn gesehen hätte. In ihrer blinden Eifersucht habe sie die arme Erzieherin entlassen, ohne sogar auf die Rückkehr ihres Gatten zu warten. „Das war sehr unrecht und unweiblich", fiel Mademoiselle dem Sprecher in's Wort. „Sie müssen mir hier Recht geben, obgleich es Ihre Tante ist, die dieses Unrecht begangen hat." Leo nickte. „Ich war selbst über diese erbärmliche Behandlung empört", gab er mit gesenkten Blicken zu, „aber Frau Berghaupt ist hart genug bestraft". „Wieso? Wünscht der Lehrer die Rückkehr der Gouvernante? Berghaupt ist ein gerechter Mann, wiewohl zu schwach für seine Gattin." „Nein, das ist's nicht." In wenigen schlichten Worten erzählte er von der Liebe des kränklichen jungen Arztes, und wie die unerwartete Nachricht ihn auf'sKrankenlager geworfen habe. Mademoiselle barg doch in der äußeren Schale ein weiches Herz. Leo bemerkte, wie sie verstohlen eine Thräne aus den Augen wischte, und obgleich sie die Versicherung gab, sie sei stark erkältet, wußte er doch, daß sie inniges Mitleid mit dem Arzte fühlte. „Und was soll Fräulein Adair jetzt in Ebersheim thun?" fragte Mademoiselle endlich. „Man kann doch nicht von ihr verlangen, daß sie einen Mann heirathet, der nach Ihrer Aussage im Sterben liegt. Sie soll auch nicht ihre Pflichten dort wieder aufnehmen." „Nein, die Heirath ist außer aller Frage", versetzte Leo ernst, „der arme Schelm kann höchstens einige Monate, vielleicht nur ebenso wenige Tage leben. Aber verstehen Sie denn nicht, Mademoiselle, daß er nicht ruhig sterben kann, ehe Fräulein Adair gefunden ist? Der Gedanke, daß sie allein und verlassen in der erbarmungslosen Welt ist, ist ihm eine unerträgliche Qual". Mademoiselle zuckte verächtlich die Achseln. „Das ist die Schuld seiner Mutter", sagte sie wegwerfend. »Zugegeben — aber sie bereut ihre That bitter genug. Der Gedanke, die letzten Tage ihres Sohnes getrübt zu haben, peinigt sie wie Folterqualen. Wenn Sie uns helfen, die Verschwundene zu finden, Mademoiselle, so sind Sie unserer größten Dankbarkeit sicher." „Hml" machte Mademoiselle, „vielleicht weiß Herr Mayfeldt ihren Aufenthalt." „Nein. Er glaubt, wie viele Leute in Ebersheim es glauben, Fräulein Adair sei plötzlich an das Krankenlager einer Freundin gerufen." „Sie hat keine befreundete Familie." Leo's Stirne umwölkte sich. „Sie war seit ihrer Kindheit bei Ihnen, Mademoiselle, wollen Sie uns nicht helfen, ihren Aufenthalt aufzufinden?" bat er flehentlich. „Gehen Sie nach dem Centralbahnhof und halten Sie dort Nachforschungen", schlug die alte Dame vor, „vielleicht fürchtet Sie sich hierher zu kommen und nimmt ein kleines Logis in der Vorstadt, bis sie eine andere Stellung findet." „Aber wie soll ich sie allein auffinden? Hätten Sie des Arztes tieftraurigen Blick gesehen, als ich mich zur Auffindung seiner Geliebten anbot, so würden Sie meine Sorge verstehen, ohne Nachricht heim zu kommen. Mademoiselle seufzte. „Es thut mir leid um den jungen Mann, aber wie ist ihm zu helfen, da geschehene Dinge sich nun einmal nicht ändern lassen? Nach meiner Meinung ist es vergebliche Mühe, Fräulein Adair hier in einer der vielen Vorstädte aufsuchen zu wollen; sie könnten ebenso vergeblich eine Stecknadel in einem Heuwagen suchen. Sollte sie aber zu mir kommen, so findet sie bei mir eine Heimath und liebevolle Aufnahme; doch das wird sie kaum thun, denn sie ist stolz und hat einen festen Charakter. Wenn Sie meinen Rath hören wollen, so erkundigen Sie sich auf dem Centralbahnhof, vielleicht erinnern sich die Beamten ihrer und wissen, wohin sie sich gewendet hat." „Ich will's versuchen", sagte Leo, der alten Dame die Hand zum Abschiede reichend, „aber Sie sind doch unsere einzige Hoffnung, Mademoiselle. Fräulein Adair wird ohne Hülfe keine Stellung finden, und wer sollte ihr helfen, wenn Sie es nicht thun?" Er ging nach dem Centralbahnhof. Das Glück begünstigte ihn, denn er traf dieselben Beamten, die gestern dort thätig gewesen waren. „Eine junge Dame mit einem schwarzen Reisekoffer?" wiederholte der Beamte, der das Gepäck beaufsichtigt hatte. „Nein, die ist hier nicht ausgestiegen. Es waren sehr viele Reisende in dem Zuge, aber sie hatten kein Gepäck mit sich oder sie fuhren weiter. Nur'zwei Reisekoffer wurden hier ausgeladen. Der eine gehörte einer alien, halb erblindeten Dame, die ein Dienstmädchen zur Begleitung hatte, der andere einem alten Herrn mit . ' - 366 großem, weißen Vollbart. Er hatte eine schöne, junge Dame, wahrscheinlich seine Tochter oder seine Enkelin, bei sich, und beide fuhren in einem Wagen davon." (Schluß folgt.) - Bertoldsheim. (Mit Illustrationen.; (Auszug aus der Beschreibung von Bertoldsheim in dem Neu- burger Collektaneen-Blatt von 1866 und 1867.) Zwischen den zwei merklich heraustretenden, felsigen Höhenpunkten bei Marxhetm mit der Burgruine Lechs- gemünd und dem Antoniusberge bei Stepperg, fast in der Mitte, liegt das Pfarrdorf und der Rittersitz Bertolds- hetm, 3 Stunden westlich von Neuburg und 3 Stunden östlich von Monheim entfernt, auf einer gegen die Donau hervortretenden Anhöhe eines Hügelrandes, der eine Fortsetzung des schwäbisch-fränkischen Juras ist. Ist das liebe Donaugelände ohnehin von Ulm bis Orte „die Bertoldsheimer" sich nannte. Der erste urkundlich Erscheinende aus diesem Geschlechte ist Reinbot von Berchtoldsheim, der 1130 bei Verleihung des SteinhofeS in Pöttmes durch die Aebtisstn Tutta in Monheim an Otto Ritter von Werd als Zeuge vorkommt. Im Jahre 1260 erscheint der letzte dieses Geschlechtes, ein Siegfried von Pertelzheim; vermuthlich erlosch es mit ihm, denn von nun an verschwindet es in den Urkunden, und an dessen Stelle erscheinen die Waller als Besitzer. Die Waller sind ein uraltes Geschlecht; da eS aber verschiedene adelige Geschlechter dieses Namens gibt, so ist nicht bekannt, wo die Bertoldsheimer Waller herstammen. Die Waller starben nach dem Jahre 1504 aus. Im Jahre 1509 erscheint ein Hans von Ellrichshausen als Besitzer von Bertoldsheim. Von diesem Geschlechte kam im Jahre 1638 Bertoldsheim durch Kauf an Gottfried v. Perling. Die Perling waren eine altadelige Familie aus Franken. Von den Perling kaufte die Hofmark Bertoldsheim anno 1712 Franz Fortunat Freiherr von Isselbach, kurpfälztscher General, k. k. spanischer Ge- Bertoldsheim. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fVervielfülttgungSrecht vorbehalten.; zum Dorfe Joshofen bei Neuburg schön mit wechselvollen Partien, so bildet doch die Lage Bertoldsheims mit seinem Schlosse eine wahre Zierde und einen der schönsten Punkte an der vaterländischen Donau, die sich noch mehr herausstellt, wenn man des Dorfes Höhepunkt besteigt und die entzückende Aussicht genießt über das Donauthal abwärts und noch mehr aufwärts, bis endlich, das Schmutterthal westwärts, sich der Blick in den bläulichen Alpengipfeln verliert. Der Ortsname wurde in verschiedenen Urkunden Per- toltesheim, Bertolhesheim, Berchtoldesheim geschrieben und drückt nichts anderes aus, als die Heimalh eines gewissen Pertold. Dieser Pertold ist wahrscheinlich ein Graf von Lechsgemünd und Graisbach, der selber und sein Geschlecht auch die naheliegenden Besten Hütting, Kunstein und Stepperg theils zum zeitweiligen Aufenthalte, theils zum Schutze seiner Besitzungen erbaute. Die Burg, welche die mächtigen Grafen von Lechsgemünd zu Bertoldsheim erbauten, übergaben sie einem edlen Geschlechte, welches sodann zu ihrem Dienstadel sich rechnete und von dem neralfeldzeugmeister, Gouverneur zu Mannheim. Versehen mit einem ungeheuren Vermögen, das er auf Eseln aus Spanien transportieren ließ, und angezogen durch die herrliche Lage des alten Schlosses in Bertoldsheim, beschloß er den Bau eines ganz neuen, viel prächtigeren, das weit herum nicht seines Gleichen haben sollte. 1714 wurde der Bau durch den Jesuitenbruder des Kollegiums in Neuburg Johann Knör, geboren 24. August 1657 zu Dollnstein, gestorben 25. Oktober 1716, begonnen und in ungefähr anderthalb Dezennien vollendet. General Melbach äußerte sich, es bestehe das Sprichwort: „Pfaffen- und Soldatengut thue kein gut!" Er wolle dieses Lügen strafen und ein Werk herstellen, das Jahrhunderte von ihm zeugen müsse, und er hielt Wort. Er führte ein herrliches, ganz in italienischem Stile gebautes imposantes Schloß auf, mit 70 Gemächern, das auf einem Hügel gelegen von weitem sichtbar ist. Vor dem Schlosse ist eine Terrasse mit einem Lindenwäldchen, welche äußerst anziehend ist und einen besonderen Reiz ausübt durch die herrliche Aussicht über die ungeheure, von der Donau 367 in Schlangenwindungen durchzogene, abwechslungsweise von Bergen, Wäldern und zahlreichen Ortschaften wie mit einer Rahme eingefaßten Fläche. Im Jahre 1790 verkauften die Usselbach'schen Erben Bertoldsheim um 60,000 fl. an den Freiherr» Bernhart von Hornstein, Landmarschall des Herzogthums Neuburg. Dieser verschönerte sowohl das Innere des Schlosses als dessen Umgebung vielseitig, ließ eine treffliche Gemäldesammlung im Schlosse aufstellen und legte unter großen Kosten den schönen Park an, der sich nördlich vom Schlosse bis zur Kirche erstreckt. Von den Freiherren von Harnstein, einer uralten schwäbischen Familie, kam Bertoldsheim durch Kauf an den General Grafen von Eckart. Als dieser 1828 starb, erhielt dessen Tochtermann, der französische General Graf du Moulin, diese Hofmark. Dieses Geschlecht ist gegenwärtig noch im Besitze der Bertoldsheimer Herrschaft. ist jetzt herausgenommen und dafür eine Statue Mariens mit dem Leichname ihres Sohnes auf dem Schooß hinein- gesetzt. Rechter Hand beim Eingang in den Gottesacker ist das schöne Denkmal der Freifrau Theresia v. Hornstein, geb. v. Preyßing, geb. 14. Sept. 1765, gest. 4. August 1804. Links ist das Grabmal der Gräfin Eugenie du Moulin, geb. Gräfin Eckart, Besitzerin von Bertoldsheim, Leonberg und Winklarn, einzigen Tochter des Grafen Eckart und Gattin des Generals du Moulin. Sie starb 11. Aug. 1856, 72 Jahre alt. Im Gottesacker, hinter dem Presbytertum, sind die Grabstätten und sehr schönen Denkmäler des Pfarrers vr. Lorenz Platzer, gest. 7. Juli 1881, dessen Bruders Josef Ferdinand Platzer, kgl. Landrichters in Markt Bibart, gest. 30. Januar 1888, und dessen Schwester Creszentia Platzer, Professorstochter, gest. 24. März 1884. Diese edle Familie machte sich durch Schlotz in Dertoldsheim. Oriftinal-Aufnahme von Gustav Baadcr, Photograph in Krumbach (VerviclsältigungSrecht vorbchatten.) Die Pfarrkirche St. Michael in Bertoldsheim liegt oberhalb des Dorfes auf einem Hügel, ostwärts gegen Rennertshofen. Sie ist sammt dem Thurme ein sehr altes Gebäude, aus der gothischen Bauzeit stammend. Im Innern enthält sie 3 Altäre. Das Hochaltarblatt mit dem Engelsturze des hl. Michael ist sehr gut; die beiden Seiten-Altarblätter, die hl. Familie und Mariä sieben Schmerzen, sind ohne allen Kunstwerth. In und an der Kirche sind mehrere bemerkenswerte Denkmäler angebracht. Im Presbytertum steht man an der Epistelseite ober dem Chorstuhl einen großen Grabstein, der in der Mitte eine Nische und an jeder Seite derselben eine Reihe Wappenschilder zur Einfassung hat. Auf der linken Seite sind: Emerskoven, Thann, Schillwatz, Rindsmaul, Trugenhofen, Ems, Kreut, Ellrichshausen; auf der rechten: Lichtenau, Wernau, Werdenstein, Rehberg, Ellerbach, Aurbach, Walter. Pappenheim. In der Nische stand ehemals ein geharnischter Ritter in Stein gehauen, nämlich Hans Rumpolt von Ellrichshausen darstellend; dieser wohlthätige Stiftungen für Kirche und Gemeinde hochverdient. Wann die Pfarrei Bertoldsheim entstanden, ist unbekannt; jedenfalls ist sie sehr alt. Das Kirchenlehen gehörte den Herzogen von Bayern, die es von den Grafen von Lechsgemünd 1342 erhielten. Herzog Ludwig der Aeltere gründete damit ein Benefizium an der Pfarrkirche in Jngolstadt, und Bischof Peter I. von Augsburg ertheilte am 30. Januar 1430 die Bestätigung. Im Jahre 1449 verordnete Herzog Heinrich mit Consens des Ordinariates, daß von der Pfarrei Bertoldsheim, was auch in mehreren Pfarreien der Btsthümer Augsburg und Eichstätt geschah, zu St. Barbara Meß in der Pfarrei der schönen Unserer Lieben Frau in Jngolstadt jährlich auf Georgi 20 fl. als Jnkorporationsgeld bezahlt werden sollte, was auch 1670 vom Ordinariat bestätigt wurde. Dies geschieht heute noch. Der Magistrat von Jngolstadt sp ach auch dos Patronatsrccht über Bertoldsheim und Wctchering an. Gegenwärtig besitzt dasselbe Patronats- 368 recht Seine Majestät der König; früher hatten dasselbe die Herzoge von Neuburg; noch früher (noch im Jahre 1553) hatte ein Kaplan zu Unserer Lieben Frau in Jn- golstadt das jus uominauät, der Kurfürst das jus xras- söntanäi. Im Jahre 1542 wurde durch Herzog Otto Heinrich auch in Bertoldsheim die Lehre Luthers eingeführt. Nach dem Pfarrvisitationsprotokolle vom Jahre 1587 kam die Gemeinde zur Freitagspredigt und Vesper mehrentheils unfleißig, weßhalb sie zu mehrere« Fleiß und zur Gottseligkeit ermähnt wurde. Die Jugend bestand im Verhöre wohl, die Mägdlein besser als die Buben. Im Jahre 1617 wurde mit der Rückkehr des Herzogs Wolfgang Wilhelm zur katholischen Kirche die alte katholische Religion wieder eingeführt. Der Pfarrhof liegt unterhalb der Kirche, ist groß und schön, und wurde 1697 unter Pfarrer Kern neu erbaut. Zwei Drittel des Großzehntes hob der Pfarrer, ein Drittel das Domkapitel Augsburg durch sein Amt in Mauern, jetzt das Landkapitel Burgheim. Im Jahre 1792 bewarb sich das Collegiatstift St. Peter in Neuburg um Einverleibung der Pfarrei Bertoldsheim wegen zu geringer Dotation. Der Pfarrer August Freiherr von Leoprechting in Bertoldsheim wehrte sich dagegen. Nach seinem Tode 1795 trat die Temporalien-Union in's Leben. Bei der Säkularistrung des Collegiatstiftes St. Peter 1803 inkamerirte der Staat auch die Temporalien der Pfarrei Bertoldsheim, gab aber die Urkunde zurück 12. April 1820. Reihe der Pfarrer. (Die Pfarrer vor Einführung des Lutherthums sind unbekannt.) Lutherische: 1549 Georg Mock. 1553 Peter Johann Egenhover. 1558 Rud. Wild. 1561 Friedrich Dillbaum. 1568 Willibald Rans- peck. 1574 Anton Bütter. 1575 Matthä Gailhofer. 1681 Leonhard Schmid aus Burgheim. Er studtrte fleißig in der Bibel privat, konnte gut daraus antworten, schreibt seine Predigten und hat bei Männiglich ein gut Zeugniß wegen seines Fleißes und eingezogenen gottseligen Wandels. 1599 Mich! Grießmayr. Katholische: 1617 Jakob Man, verlieht auch Renartshofen. 1621 Johann Mayer. 1632 Kaspar Schwarz. 1633 Philipp Ludwig Silbermann. 1634 Gg. Wagner. 1639 Michael Klingler. 1655 Simon Pau- mann. 1658 Hieronymus Heimbucher. 1689 Ulrich Sailer. 1690 Johann Kern. 1725 Leopold von Kainz, Dr. iom., ein Tiroler. 1755 Christoph August Freiherr von Leoprechting, war bei der Gemeinde sehr beliebt. 1795 Jak. Jgnaz Will, Dekan. 1827 Johann Michael Billmayr, Dr. xUilos., langjähriger Professor in Kempten. 1862 Dr. Lorenz Platzer, Professorsfohn aus Dillingen. 1881 Joseph Steinmayr, Dekan. 1893 Raphael Rath. -—«8888-S- Im Spreewald. (Zu unserem Bild Seite 365.) Der Spreewald, der in den südbrandenburgischen Kreisen Kottbus, Kalau und Lübben zu beiden Seiten der Spree eine Fläche von 45 Kilometer Länge und 6—12 Kilometer Breite bedeckt, ist das typische Bild eines Sumpfwaldes. Von der Spree in zahlreichen netzförmig verbundenen Armen durchflossen, ist die Niederung häufigen Ueberschwemmungen preisgegeben. Ein Theil des sumpfigen Bodens ist durch Kanäle entwässert und in Felder und Wiesen umgewandelt, während ein anderer, größerer Theil mit Wald, meist Erlenwald, bestanden und nur auf Kähnm zugänglich ist — ein Waldvenedig. Ein kleiner Theil der Bewohner des oberen Spreewaldes hat bis auf den heutigen Tag die charakteristischen Zeichen seiner Zugehörigkeit zu dem Volksstamme der Wenden bewahrt, während die übrigen germanisirt sind. Die Haupterwerbsquellen der Spreewäldler sind Viehzucht, Fischerei und Gemüsebau. —«»«es-- — Allerlei. Der zuversichtliche Freier. Sie: „Ja, Herr Dümmling, ich fühle mich durch Ihren Antrag sehr geehrt, aber ich habe leider keine wirthschaftltchen Talente; ich kann nicht kochen, nicht waschen.." Er: „O, Fräulein,— das thut nichts. Mein Freund Müller hat auch eine ganz dumme Gans geheirathet und lebt jetzt glücklich mit ihr!" * Das soll Einen nicht ärgern. Tochter: Nein, Mama, eine entsetzlichere Beleidigung kann ich mir wirklich kaum denken! — Mutter: Was ist denn geschehen, liebes Kind? — Tochter: Denke Dir, mein ehemaliger Bräutigam schickt mir meine Photographie zurück und bezeichnet sie als Muster ohne Werth. -«8SA-S-- Unsterblichkeit. Nein, nein, mein Geist! Verfolge nur Auf Erden aller Schönheit Spur! Was reißt dich hin zu ungeahnter Ferne? — Du bist beschränkt und eng begrenzt, So lang noch Jrd'sches dich umglänzt: Der Erde Flitter und das Gold der Sterne. Erst wenn in Nacht zerfließen alle Träume, Wenn sich erschließen jene cw'gcn Räume: Dann bist du frei und schrankenlos; Es fällt des Leibes Kleid, Und in der Wahrheit Fülle tief versenket, Dein Sinnen nur der höchsten Schönheit denket, Und schaut und jauchzt und liebt, Befreit von Raum und Zeit — Denn aller Güter Schönstes liegt In der Unsterblichkeit. . ?. Johannes Bapt. Diel 8. 1. Kcharhaufgade. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt --EIS--