äL 49. Ireitag, den 18. Juni 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des litterarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). ZchicksaLsmege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung statt Schluß.) Niedergeschlagen und traurig kehrte Leo nach diesen erfolglosen Nachrichten nach Ebersheim zurück. Was sollte er Willy antworten, wenn er seine schönen, dunklen Augen auf ihn richtete? Der Lehrer erwartete ihn an der Thürschwelle. „Keine Hoffnung?" kam es tonlos von seinen zuckenden Lippen, als er einen Blick in das verstörte Antlitz seines jungen Freundes warf. „Dann helfe uns Gott! Mein armer Sohn wird die Nachricht kaum überleben und die Mutter erliegt fast unter den quälenden Gewissensbissen. Ist eS nicht entsetzlich, Leo, daß in wenigen Stunden so viel Unheil angerichtet werden konnte? Gestern früh war noch alles gut, — als ich am Nachmittag zurückkehrte, war das Unglück geschehen." „Wie geht's Willy?" „Er ist matt, sonst fühlt er sich recht wohl. Der Arzt brachte heute noch einen Collegen mit, und beide sind der Meinung, daß das Ende nicht mehr fern sei; die gestrige Aufregung hat eS beschleunigt. Er wird nicht mehr viel leiden, große Schwäche, Abnehmen der Kräfte und dann — — Ruhet Seine Mutter klagt sich als seine Mörderin an; die arme, arme Frau, aber wir dürfen nicht mit ihr rechten. Vielleicht findet sie später in dem Gedanken Trost, daß dieses Ende doch gekommen wäre, auch unter glücklicheren Verhältnissen." Leo's Herz war zu schwer; er konnte kaum sprechen. „Willy ist glücklich gewesen", sagte er dann mühsam. „Er war stets ein munterer, fröhlicher Knabe trotz seiner Körperschwäche und allgemein beliebt! Seine Liebe zu Fräulein Adair erhellte sein Leben, und eS wäre ihm ein herber Schmerz gewesen zu glauben, ihr Herz gehöre einem Anderen." „Aber wo ist sie?" seufzte der Lehrer. „Leo, ich fühle, daß die Schuld der Mutter an unseren Kindern heimgesucht wird". Leo schüttelte ernst sein Hanpt. „Ich muß jetzt zu Willy gehen", sagte er ausweichend. „Soll er noch nach einem wärmeren Klima gebracht werden, wie der Doctor gestern sagte?" „Nein. Der arme Junge könnte die Reise nicht mehr aushalten, wir behalten ihn bis zu seine« Ende hier. Ihn zu Pflegen ist der armen Mutter ein Trost, und es ist ihm eine Freude in dem Hause zu sein, wo Martha Adair geweilt hat." Der Patient lag auf dem Sopha. Im ersten Augenblick glaubte Leo, die Familie sähe allzu schwarz und der Kranke würde seine Schwäche noch einmal überstehen, denn seine Augen leuchteten und seine Stimme klang klar und deutlich, als er jetzt fragte: „Hast Du sie gefunden? — ist sie mit Dir gekommen ?" „Ich that mein Bestes — wirklich, ich forschte genau nach, aber bis jetzt habe ich ihre Spur noch nicht gefunden. Doch bald werden wir von ihr hören; sie kann doch nicht am hellen, lichten Tag verschwinden, und dann kommt sie hierher zurück." Die Augen des Kranken suchten in der Seele des Freundes zu lesen. „Ist eS die Wahrheit? Verheimlichst Du mir auch nichts?" fragte er dann leise. „Auf mein Ehrenwort, es ist die volle Wahrheit." „Dann werde ich sie wiedersehen", flüsterte Willy, und ein glückliches Lächeln verklärte sein bleiches Antlitz. „Ich werde sie wiedersehen, das fühle ich in meinem Herzen. Ich kann nicht eher ruhig sterben, bis ich weiß, daß sie nicht ohne Freunde und ohne Schutz in der Welt umherirrt, und bis über ihre Zukunft entschieden ist." Auf dem Bahnsteig der letzten Station vor der Residenz ging ein ältlicher, stattlicher Herr auf und ab, um die Ankunft des Zuges zu erwarten. Aechzend und stöhnend brauste der Zug näher, und als er im nächsten Augenblicke hielt, hörte er die ängstlichen Hülferufe einer jungen Dame, die sich vergeblich bemühte, die Thür ihrer Wagenklasse zu öffnen. Der Fremde — Herr Commercieurath Ambach — eilte schnell herbei, riß mit kräftigem Ruck die Thüre auf und sah einen blasirten, jungen Mann mit verlebten GefichtSzügen, der gerade mit kühner Dreistigkeit seine Hand auf die Schulter der erschrockenen Dame legte und spöttisch sagte: „So seien Sie doch ruhig, schönes Kind, dieser Zug fährt nach der Residenz, und wir können ruhig sitzen bleiben." Wie ein Blitz schoß ein Gedanke durch die Seele des alten Herrn, die junge Dame werde von dem Reisegefährten belästigt und deshalb wolle sie auSsteigen, und er hatte auch in dem Reisenden den jungen Nieding erkannt. Er winkte einem Schaffner, der deu lästigen Geselle« 370 bald entfernte, dann nahm er selbst der jungen Dame gegenüber Platz, obgleich seine Fahrkarte auf erste Classe lautete. „Ich fürchte, Sie wurden sehr belästigt", redete er seinen Schützling freundlich an, als sich der Zug in Bewegung setzte. „Aber jetzt find Sie ganz sicher, wir sind bald am Ziel, dann kommen gewiß Ihre Freunde oder Verwandten und nehmen Sie in Empfang." „Ich habe Niemanden auf der Welt", antwortete vaS junge Mädchen und fing bitterlich an zu weinen. Er sah fie mitleidig an. Wo hatte er nur ein solches Gesicht, diese tiefen, seelcnvollen Augen schon gesehen? — Frau Marlitzü Ja! er hatte ein Bild von ihr geerbt, sie als junges ISjähriges Mädchen darstellend, und es beuchte ihm, als trete sie aus dem Rahmen des Bildes lebendig vor ihn. „Vielleicht haben sie einen Beruf gewählt und sind auf dem Wege zur neuen Stellung", lenkte er deshalb ein. „Haben Sie guten Muth, Sie werden sich auch in der Fremde bald heimisch, zufrieden und glücklich fühlen." Das junge Mädchen konnte die Thränen nicht mehr zurückhalten. „Ich bin Gouvernante, aber ich habe keine Stellung und weiß nicht, wohin ich mich wenden soll", schluchzte fie. „Heute wurde ich plötzlich entlassen — weil meine Mutter in früheren Jahren eine Schauspielerin war", fügte sie leise hinzu, denn diese Thatsache hielt fie selbst als den Grund ihrer Entlassung. „Mein liebes Kind, weinen Sie nicht mehr. Wenige Leute haben heutzutage diese alten, beschränktenAnsichten", tröstete er. „Frau Berghaupt wollte mir die Obhut ihrer Kinder nicht mehr anvertrauen", schluchzte sie bitterlich, denn sie mußte ihr gequältes Herz erleichtern, „und dadurch hat sie mir das ganze Leben getrübt, und ich bin noch so jung." „Frau Berghaupt? Meinen Sie die Familie Berghaupt in Ebersheim?" fragte der Commercienrath gespannt. „Ja. Kennen Sie die Familie? Ich gehe nicht wieder dorthin zurück, selbst wenn fie eS wünschen." „Ich kenne die ganze Familie. Der Lehrer ist doch ein guter, rechtlich denkender Mann." „Oh, er war gar nicht zu Hause!" Dann erzählte sie den ganzen traurigen Vorgang des Tages. Der alte Herr mochte wohl tiefer blicken wie das erregte, weinende Mädchen, darum sagte er heiter: „Das trifft sich ja ganz prächtig. Ich suche gerade eine Gesellschafterin für meine Schwester, und am liebsten nähme ich Sie sofort mit mir. Meine Schwester ist zwar alt und oft von der Gicht geplagt; es wird daher vielleicht kein angenehmer Aufenthalt für Sie sein. Aber kommen Sie mit mir und bleiben Sie bei uns, bis Sie eine bessere Stellung gefunden haben." „Aber Sie kennen mich doch gar nicht." „Ich weiß mehr, wie Sie ahnen. Sie waren sechs Monate bei Berghaupt's. Mademoiselle La Rochette hat Sie erzogen, das genügt mir, denn ich weiß, daß aus ihrer Anstalt nur nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft hervorgehen." Das alte Fräulein Ambach war über die neue Hausbewohnerin überglücklich. Sie hatte Frau Berghaupt vor ihrer Verheiratung gekannt und kannte deren heftigen, reizbaren Charakter. „Es ist doch sonderbar", sagte sie zu dem Bruder, „wie sehr dieses Fräulein Adair der verstorbenen Angela von Wildenihal gleicht, die ich so gut kannte, ehe sie ihr Elternhaus verließ; aber vielleicht findest Du die Aehn- lichkeit gar nicht." „Gewiß, eS fiel mir sofort auf. Ja, ja, wie sich das Glücksrad im Leben dreht! Der alte Graf von Wildenthal lebt jetzt mit seiner Gattin in ganz bescheidenen Verhältnissen so glücklich wie noch nie in seinem Leben, und ich glaube, er denkt gar nicht mehr an das Erbe seiner Schwester. Ich kenne jetzt einen der drei Neffen, Ulrike, der jede Aussicht auf das reiche Vermögen verscherzt hat. Martin Nieding hat selbst seine Hoffnungen zerstört, denn der junge Taugenichts belästigte unsere kleine Martha Adair, als ich fie zufällig auf der Reise traf." „Weiß er, daß Du ihn erkannt hast?" „Das kann ich nicht sagen. Vielleicht leugnet er, jemals dritter Classe gefahren zu sein, aber das ändert meinen Entschluß nicht." „Ich wünschte, der 10. Mai wäre erst vorüber", seufzte die alte Dame. „Du wirst nicht eher ruhiger werden, bis die Sorge um die Erbschaft von Deinem Herzen genommen ist." „Meine liebe Schwester, wie ich es auch machen werde, die Verwandten werden gewiß klagen, denn ich kann eS doch nicht allen recht machen. Meine größte Sorge ist, daß ich Angela'S hauptsächlichen Wunsch nicht erfüllen kann." „Welches ist dieser Wunsch?" fragte die alte Dame. „Du kannst ihn mir schon jetzt sagen, denn in wenigen Wochen weiß es die ganze Welt." „Gewiß", gab der alte Herr zu, „eS ist auch wenig zu sagen. Angela wußte, daß früher oder später das alte Stammschloß verkauft werden würde, und sie wünschte, daß ich es erwerben solle. Es war ferner ihr Wunsch, daß nach Ablauf des JahreS derjenige ihrer drei Neffen die Besitzung wiedererlangen soll, der am würdigsten sei, und die Hälfte des enormen Capitals solle dem Besitzer zur Aufrechterhaltung der Güter überwiesen werden. Leo von Wildenthal und Willy Berghaupt sollten um den Preis wetteifern — an Martin Nieding scheint die Entschlafene gar nicht gedacht zu haben." „Er hat selbst seine Aussichten zerstört", sagte Ulrike, „wir haben ja nie etwas Gutes von ihm gehört". „Wir haben uns alle in dem jungen Nieding getäuscht. Aber er wird im Leben schon durchkommen; er ist Wtnkeladvocat, Geldverleiher und Wucherer." „Nein, er hat keine Aussicht auf das Vermögen", gab die Schwester zu. „Aber Du hast mir noch nicht Alles gesagt, warum kannst Du den hauptsächlichsten Wunsch der Verstorbenen nicht erfüllen?" „Sie bat mich, eine Spur ihres verschollenen BruderK Hans aufzufinden; seine Kinder sollen die andere Hälfte des Geldes haben." „Hast Du in all diesen Monaten denn nichts gethan? Gewiß hast Du Dich doch bemüht, eine Spur zu entdecken. „Ich that, was ich konnte. Da ich zu alt bin, um selbst nach Amerika zu reisen, sandte ich einen geschickten Anwalt. Aber ich richtete nur wenig aus. Hans ist früh gestorben und hinterließ eine Wittwe und ein Kind." „Einen Knaben?" — 871 „Nein, ein Mädchen. Die Wittwe scheint wenige Frennde in New-Mrk gehabt zu haben, aber vmn erinnerte sich ihrer. Sie sei nach dem Tode des Gatten mit dem Kinde plötzlich verschwunden. Nachforschungen in den Zeitungen blieben erfolglos. Das Kind muß jetzt herangewachsen sein, bedarf vielleicht das Geld nothwendig, aber was soll ich thun, um es aufzufinden?" „Die Wittwe kann wieder geheirathet haben, und oas Kind trägt vielleicht den Namen des Stiefvaters", meinte die Schwester nachdenklich. Der alte Herr sah ganz verblüfft drein. „Ich glaube wirklich, daß Du Recht hast", rief er überrascht aus. „Ihr Frauen findet doch immer das Richtige. Zum Glück ist der Agent noch drüben; anstatt dir Todten- register soll er jetzt die der Eheschließungen nachforschen. Gewiß hat sie wieder geheirathet, und ich dachte gar nicht an diese Möglichkeit." „Schreibe sofort hin", mahnte die alte Dame. „Es ist doch noch schwer genug für Dich, zwischen Leo von Wildenthal und Willy Brrghaupt zu wählen." „Leo ist ein prächtiger Mensch, der seinen Pflegeeltern alle Ehre macht, und in seinem Berufe ist er ganz tüchtig." „Dann muß er auch belohnt werden", meinte Ulrike. „Aber der junge Arzt ist auch treu wie Gold. Es ist doch nicht seine Schuld, daß er eine harte, grausame Mutter har, die vor wenigen Wochen unsere liebe Martha aus ihrem Hause verstieß. Der 10. Mai rückt immer näher, da will ich mir die beiden jungen Leute doch einmal kommen lassen." Noch am selben Tage schrieb der Commercienrath zwei Briefe: für den Inspektor und den jungen Arzt. Beide waren sehr kurz. Der alte Herr bat um den Besuch beider Herren vor dem 10. Mai. Mit umgehender Post bekam er von dem Jnspcctor Antwort, doch diese überwältigte ihn dermaßen, baß er fast seine Fassung verlor. Er theilte ihm mit, Willy sei sterbenskrank; er würde bis zum Mai kaum noch unter den Lebenden weilen. „Wir waren stets gute Freunde", schloß er seinen Brief, „und in den letzten Monaten sind wir uns noch näher getreten. Ich verlasse ihn kaum noch auf einige Stunden und bringe meine freie Zeit allein bei ihm zu. Daher lehne ich Ihre Einladung auf einige Tage dankend ab; wenn Sie mich aber auf ein paar Stunden haben wollen, so komme ich gern. Bis Willy ausgelitten hat, trenne ich mich nicht gerne lange Zeit von ihm." Der Commercienrath telegraphirte: „Kommen Sie sofort." Dann erzählte er seiner Schwester und Martha den Inhalt des Briefes. Martha Adair war über diese traurige Nachricht tief erschüttert. Sie achtete den jungen Arzt wie einen treuen Freund und liebte ihn wie einen Bruder, aber ein anderes Gefühl hatte sie nicht für ihn. Herr Ambach empfing seinen jungen Gast zuerst allein in seinem Arbeitszimmer; er wollte ihn auf ein Wiedersehen mit Martha Adair vorbereiten, denn er zweifelte nicht daran, daß er in der Familie BergHauPL ein gewisses Vorurtheil gegen sie hegte. „Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind", begann er, „ich konnte nicht zu Ihnen kommen, denn mein hitziges Temperament wäre bei Frau Berghaupt's Anblick übergebraust. Wie hart und herzlos muß sie sein, ein schutzloses, armes Mädchen ohne allen Grund aus ihrem Hause zu verstoßen." Leo prallte entsetzt zurück. „Sprechen Sie von Fräulein Adair! haben Sie sie gesehen?" stammelte er. „Oh! wenn Sie mir ihren Aufenthalt sagen, so erleichtern Sie die letzten Stunden eines Sterbenden." „Ob ich sie gesehen habe? — natürlich, sie ist ja seit Wochen hier in meinem Hause, und ich kenne auch die ganze Geschichte. Da ich aber auch Frau Berghaupts Charakter kenne, bedauerte ich das arme Mädchen. Meine Schwester hat Martha Adair lieb gewonnen, und sie sagt, sie habe ein Herz wie Gold." „Oh, Herr Commercienrath", rief Leo mit bebender Stimme, „wenn Sie wüßten, welche Sorge das Schicksal dieser Dame uns gemacht hat! Willy liebte sie; er wollte ihr Herz und Hand anbieten, da war sie plötzlich fort. Dieser Schlag wurde für ihn verhüngnißvoll. Der Gedanke an sein verlorenes Glück verläßt ihn keinen Augenblick, trotzdem seine Tage gezählt sind." ^ „Seine Mutter trägt allein die Schuld." ^ „Sie bereut ihre That bitter genug. Wir haben j keine Mühe gescheut, Martha aufzufinden, und Mademoiselle ! La Röchelte hat uns geholfen. Da alle Bemühungen vergeblich waren, fürchteten wir, sie sei todt; nur Willy wollte eS nicht glauben; er hofft zuversichtlich, sie vor seinem Ende wiederzusehen." „Das soll er; vorausgesetzt, daß seine Mutter meinen > Schützling nicht beleidigt. Wenn Martha mein eigenes ! Kind wäre, könnte ich sie nicht inniger lieben, als wie ' ich es jetzt thue." Als nach wenigen Stunden Leo nach Ebersheim zurückkehrte, begleiteten ihn Herr Ambach und Martha Adair. Der alte Herr wollte dem jungen Mädchen nicht erlauben, eine Nacht im Hause des Lehrers zu verweilen, und nahm deshalb dem Jnspector das Versprechen ab, sie noch am selbigen Abend nach dem Gasthofe zu führen, in dem er Zimmer gemiethet hatte. Martha war sehr schweigsam, aber ihr Herz war übervoll; auch Leo sprach nur wenig; er dachte an Willy und wie fest dieser an die Rückkehr seiner Geliebten geglaubt hatte. Als sie dem Hause nahe kamen, flüsterte sie leise ihrem Begleiter zu: „Wird Frau Berghaupt auch nicht zürnen, daß ich komme?" „Sie wird sehr dankbar fein; es war ihr eine drückende Last, ihrem Sohne die letzten Stunden getrübt zu haben." „Ist keine Hoffnung auf Besserung?" Leo schüttelte sein Haupt. „Nein, Fräulein Martha, er gehört zu den wenigen glücklichen Menschen, die der Himmel gnädig aller Erdennoth frühzeitig entrückt. Trösten Sie sich in dem Gedanken, daß alle Noth und Sorge dieses dunkeln Erdenthales für ihn verschwunden sind." Der Lehrer stand an der geöffneten Thür, denn Leo hatte die Rückkehr mit Martha angekündigt. Mit väterlicher Herzlichkeit drückte er die Hand der jungen Dame und sagte in seiner schlichten Weise: „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Fräulein Adair." „Sie war in all' diesen Wochen bei Herrn Ambach", fiel ihm Leo iu's Wort. „Wie geht's Willy, erwartet er uns?" „Er ist froh und heiter; seine Mutter hofft sogar 372 auf seiue Erhaltung. Ja, er weiß, daß Fräulein Adair kommt, und er freut sich auf das Wiedersehe»." (Schluß folgt.) -—SWNS-«- AiLerrLei. Polarreise im Luftballon. Für Andrses Polarfahrt sind der Luftballon und daS HauS für diesen jetzt fertiggestellt. DaS HauS ist 24 Meter hoch. Die Errichtung des HauseS auf Spitzbergen muß, wie der Voss. Zeitung geschrieben wird, so erfolgen, daß weder eine Steinsprengung noch Ausgrabung des Bodens in Frage kommen kann. Andräe gab kürzlich vor einem großen Kreise geladener Gäste im Ballonhause eine vollständige Darstellung, wie er sich das Aufsteigen aus diesem Hause gedacht habe und wie dieses dazu eingerichtet sei. Der Zweck des Hauses ist, den Ballon während des Füllens zu schützen und ihn im gefüllten Zustande vor allen Ge- fährnissen zu bewahren, während auf günstigen Wind gewartet werde. Das Gebäude ist für daS Aufsteigen des Ballons so konstruirt, daß die eine Hälfte mit großer Leichtigkeit niedergelegt werden kann. Da die Auffahrt nur mit südlichem Winde geschehen soll, so ist die nieder- legbare Seite nach Norden gerichtet. Eine solche Anordnung ist deßhalb nothwendig, weil der Ballon sonst beim Aufsteigen, bevor er genügend in die Höhe gekommen ist, von dem Winde gegen die Schntzseite des Gebäudes geworfen würde; ist die Seite fortgenommen, dann erhält der Ballon freie Bewegung und kann in schräger, aufsteigender Richtung das Haus verlassen und seine Fahrt antreten. Dies Niederlegen kann durch Ziehen an einigen Seilen in ganz kurzer Zeit bewerkstelligt werden. Der Apparat zur Bereitung des Wasserstoffgases wurde am 16. Mai in der Jnedahl'schen Werkstatt bei Stockholm in Gegenwart Andraes und vieler Fachleute geprobt; die Gasentwicklungsgefäße ergaben im Durchschnitt während einer mehr als zweistündigen Thätigkeit 67 Kubikmeter Gas in der Stunde, ein Ergebniß, das das berechnete übersteigt. Die Gasentwicklung ging besonders regelmäßig vor sich. Nach zweistündiger Thätigkeit ergab der Apparat nur 2 Prozent unverbrauchte Schwefelsäure. Der Dampfer „VIrgo", Kapitän Zachan, der Andrse mit seinen Mitreisenden und Apparaten nach Spitzbergen führen soll, hat bereits seine werthvolle Ladung eingenommen. Andrer hat aus den Vereinigten Staaten einen Brief zur Beförderung erhalten, der an Nansen adres« firt ist. Der Spargel, der im Augenblicke wieder die Vorherrschaft auf dem Gemüsemarkt ausübt, war schon bei den Alten ein gesuchter Leckerbissen. Bei den römischen Schriftstellern Cato, Columella, PliniuS und PalladiuS finden wir nach Pros. Fischer-Benzon (Altdeutsche Gartenflora, 1894) sehr genaue Angaben über die Spargelcultur. Damals machte man die Sache genau so wie jetzt. Nach Columella werden die aus Samen gezogenen Pflanzen nach 2 Jahren, wenn sich ein ordentliches Wurzelgeflecht gebildet hat, versetzt und wenigstens ein Jahr lang geschont, damit die Wurzeln ordentlich fortwachsen können. Columella (um 50 n. Chr.) erwähnt übrigens 2 Spargelarten, den Gartenspargel und jenen, den die Landleute „corruäa" nennen. Dies ist wahrscheinlich der bereits von Theophrast (f 286 v. Chr.) erwähnte fpitzblättrige Spargel (^sxargH-ns aoutikoliua), der in Griechenland und Italien wild wächst; seine zarten und wohlschmeckenden Triebe werden in beiden Ländern gern gegessen. Auch die wilde Form des Gartenspargels (^.axaragu» Eainalia) wird noch jetzt, z. B. in Südtirol, von manchen höher gestellt als däe zahme. Cato (der Aeltere), dessen Angaben über Spargelcultur (in einem Werke über den Ackerbau) die ältesten sind, die wir besitzen, läßt die aus Samen gezogenen Pflanzen 9 — 10 Jahre stehen; erst dann setzt er sie um. Es ist bemerkenswerth, daß man heute beginnt, dieselbe Art der Cultur anzuwenden, die der erste bekannte Spargelzüchter vor mehr als 2000 Jahren angewandt und beschrieben hat. Die Spargel, welche die Alten zogen, standen an Größe den heutigen nicht nach. Plinius sagt an einer Stelle, wo er über die Feinschmeckeret der Reichen eifert: „Die Natur gab uns milden Spargel, damit sich ein Jeder davon ausstechen könne; doch siehe, jetzt hat man gemästeten Spargel, und in Navenna wiegen drei Stück ein Pfund." Auf den Wandmalereien von Pompeji sind auch eine ganze Reihe von Zier- und Nutzpflanzen, von Blumen und Früchten mit großer Treue wiedergegeben. Der Spargel fehlt darunter nicht. Er findet sich nach Orazio Comes in einem Bündel von dicken Stengeln im Speisezimmer des Hauses „Der Hahn". Nach K. I. Slang war der Spargel wegen der Leichtigkeit, mit der er gekocht und zubereitet wird, bei den Alten das Sinnbild der schnellen Beendigung und Vollbringung einer Sache. Der Kaiser Augustus pflegte daher von jeder leichten und geschwind abzuthuenden Sache sprichwörtlich zu sagen: Sie wird geschwinder als ein Spargel gekocht sein. Im Mittelalter ist die Spargelcultur in Deutschland sehr gering gewesen, jedenfalls fehlt es an Nachrichten; eS ist nicht sicher, ob der von Albertus Magnus angeführte „axaigus" wirklich unserem Spargel entspricht. --- Des Znngkittgs Lust. Kennst Du vielleicht die Freude, Die 'S JünglingSherz durchbebt, Wenn er von seiner Arbeit, Nicht fremdem Brode lebt. Er gleicht dem Wüstenkönig, Frei von Gefangenschaft, Der nun mit eig'ner Beute Erneut die welke Kraft. Im Jüngling brennt Verlangen Nach Arbeit, Tbat und Müh'n, Und mutz er müßig weilen, Mutz seine Kraft verblüh'». Daher die stolze Freude, Wenn er verdienen kann, Daher die stolze Rede, Seht her, ich bin ein Mann. Was ich sür's Leben brauche, Verdien' ich mir allein, Ich will mich selbst ernähren Und will kein Bettler sein. Dann bin ich werth, zu leben, Scheid' gern aus dieser Welt, Den Lohn wird Gott mir geben, Wenn zu mein Auge fällt. Schillenaner. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 48: Weiß. Schwarz. 1. T. 66-63 beliebig. 2. L. L3-V4 oder D. LS—L2 (W) Matt.