« 5V. 1896. „Augsburgrr PostMung". Mustag, den 16 . Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Cary Groß. (Nachdruck verboten.) I. Auf der Landstraße, die von Honnef nach Königs- wtnter, mitten durch das Eden des Rheinlands, führt, rollte ein Landauer dahin, so gut Staub und etwas müde Miethpferde das schwer gebaute Vehikel rollen ließen. Es war ein schöner Tag, sommerlich warm, aber nicht drückend heiß. Ein leichter Ostwind fegte den Himmel von Wolken rein und milderte die Gluth der Mittagssonne, die den breiten Rheinstrom und die Kuppen des Siebengebirges beleuchtete. „Eine schöne FahrtI nicht wahr, liebes Fräulein Hennig?" sagte die ältere von den zwei Damen, die in besagtem Wagen saßen. Ihre Miene ließ dabei errathen, daß ihre Gedanken weniger vom Zauber der Gegend erfaßt, als von einem Verdruß, der sie beschäftigte. „Wie schade, daß Ottilie Grube diesen Blick auf die Berge nicht mitgenteßtl Nirgend präsentirt sich der Drachenfels imponirender als von dieser Seite. Beim Wandern durch das Heisterbacher Thal und das Nachtigallenwäldchen erblickt man den Berg nicht so zu seinem Vortheil!" „O, Fräulein Ottilie Grube hat in der Steiermark und auf ihren weiten Reisen in der Schweiz und Oberitalien Besseres geschaut! Unser Rheinland mit seinen Mittelgebirgen kann einem so verwöhnten Auge schwerlich viel Eindruck machen", lautete die trockene Antwort der Gefährtin, deren scharfe Züge zu ihrer Stimme paßten. „Nicht doch, liebe Hennig! Gestern erst sprach Ottilie wahrhaft begeistert vom Siebengebirg, vom sagen- umkränzten Rhein und den goldenen Domen, die sich in ihm spiegeln! Ich hörte ihr mit Entzücken zu. Sie erinnerte mich an ihren Vater, den gelehrten Professor Dr. "Grube, der so fließend und angenehm von seinen schönen Reisen erzählte. Mein seliger Mann hielt große Stücke auf diesen Studienfreund und bewunderte seine Begabung. Mein Wilhelm war eben so talentvoll!" Frau Näthtn Nehwald versenkte sich mit einem Seufzer in das Andenken ihres Seligen, der vor etwa zehn Jahren gestorben war und seine schwache und gutmüthige Gattin um so vereinsamter zurückließ, als er sie, die in ihrer Jugend sehr hübsch und anschmiegend gewesen war, sehr verwöhnt und umhegt hatte. Als Wittwe entbehrte sie sehr, nicht mehr Mittelpunkt des interessanten Verkehrs zu sein, in dem ihr Gatte gelebt hatte. Sie faßte es nicht, weßhalb ihr Reichthum und ihre Gastfreundschaft nicht hinreichten, solche Menschen an sich zu fesseln wie einst ihr kluger und einflußreicher Mann, und bedauerte es um so lebhafter, als sie sich früher viel eingebildet hatte auf die „distinguirten Leute" ihres Kreises, und in ihre Klagen um Wilhelms Verlust mischte sich stets das Bedauern über das Einst ihrer Umgebung. Ihre Gesellschafterin hatte aber heute nicht Lust, sich damit und mit den Ansichten des unvergeßlichen Wilhelm langweilen zu lassen. Sie zog es vor, eine kleine Wunde, die sie in Frau Rehwalds leicht verletzbarem Gemüth wahrnahm, noch etwas zu reizen und zu vergrößern. „Fräulein Ottilie Grube mag allerdings von ihres Vaters Begabung profitirt haben, ist aber jedenfalls auch von ihm benachtheiligt. Ich weine, er hat zu sehr in sie hineingeschaut und ihr gestattet, alle ihre Launen zu befriedigen. Der Herr Professor hält sein Erztehungs- verfahren für genial und die Tochter für einen Ausbund von Talent und Genie. Uns gewöhnlichen Menschenkindern erscheint aber das Fräulein häufig seltsam, auffallend, wo nicht unangenehm und verletzend." „Unangenehm oder gar verletzend ist Ottilie Grube nie!" eiferte nun die Frau Räth in, für einige Minuten ihre klagende, melancholische Sprechweise aufgebend. „Ich kenne meinen lieben Gast schon länger als Sie; ich habe Ottilie auf einer gemeinschaftlichen Reise an den Lago Maggiore und bei einem Besuch in ihres Vaters Haus beobachtet. Ihr Frohmuth verwandelt sich bisweilen in Uebermuth, das ist nicht zu leugnen. Die Eingebungen ihres großmüthigen Herzens werden niemals beirrt durch hergebrachte Formen oder kleine Bedenken. Da sie längst schon ihre Mutter verloren hat, brachte ihr Niemand Rücksichten auf die Ansichten der Welt bei. Aber sie ist voll Liebe und Aufmerksamkeit für ihre Umgebung, das sagt auch Miß Rtch, ihre Gesellschafterin, die Ottilie anbetet." „Miß Rich ist die albernste Engländerin, die mir noch in diesem, an Engländerinnen überreichen Rheingebiet vorgekommen ist! Sie hat kein anderes Verständniß, als für getrocknete Blumen, was sie Botanik nennt, und womit sie aller Welt lästig wird." „Nicht doch, Heimischen! Miß Rich ist wirklich eine gebildete Botanikerin und verwendet ihre Kenntnisse zur Krankenpflege, für die sie viel Liebe und Geschick 374 hat. Auch sind ihre Pflichttreue und Hingebung für Ottilie außer allem Zweifel. Mein seliger Wilhelm sagte aber stets, Pflichttreue und Hingebung genügten, um ein Frauenleben zu einem verdienstlichen zu machen." „Jawohl thut es das! Doch Herr Rath Rehwald meinte damit Frauen wie seine Gattin. Er hätte es aber gewiß nicht gebilligt, daß die alberne Miß Rtch, statt Ottilie an die Rücksicht zu mahnen, die sie eben dieser Frau, ihrer Gastfreundin, schuldet, zustimmte, als das Fräulein beim Nachtigallenwäldchen diesen Wagen verließ, der für theures Geld, ihr zu lieb, gemiethet ward, um sie bequem auf den Drachenfels zu bringen. Das unbesonnene, junge Mädchen zieht vor, bei dieser Hitze zu Fuß durch Flur und Wald zu wandern, und Miß Rich stimmte nur zu, weil sie unterwegs Blumen pflücken will, die sie doch schon hundertmal in ihrem Herbarium haben muß. Natürlich werden Beide später als wir oben ankommen. Die „pflichttreue Miß" wußte aber gar wohl, welche Wünsche Sie, Frau Räthin, hegen, und hätte sich bedenken sollen, daß Leute auf den Drachenfels bestellt sind, die nun Gott weiß wie lange dort warten müssen, bis Miß Rich ihre Oaltstu palustris, I^ostrus rssxsitinas oder sonstige Wiesenblümlein gepflückt hat." Die Worte der Hennig erregten den Verdruß der Frau Rehwald auf's Neue. Ihr kleiner Feldzugsplan, der nichts Geringeres bezweckte, als eine Heirath zu stiften, war bedroht, und die Hennig hatte durchschaut, was die Gedanken der guten Räthin beschäftigte. Sie hatte nämlich eine große Vorliebe für's Heirathstiften, und hatte sich Fräulein Ottilie Grube zum Objekt aus- ersehen. Die Sache war nicht leicht, da diese den heutzutage unerhörten Vorsatz gefaßt hatte, um ihrer selbst willen, das heißt nicht um ihres ansehnlichen Vermögens willen, gefreit und geliebt zu werden. Frau Rehwald mißbilligte diesen AuSspruch zwar nicht, denn Ottilie war ungewöhnlich schön und begabt und durfte ihn erheben. Sie selber schätzte nur reiche Mädchen und gönnte dieses Goldfischchen vor Allen ihrem Hausarzt, Dr. Lebert, der sich in ihre Gunst gestohlen hatte. Sie fand ihn zartfühlend, wie Keinen, denn er zeigte sich gerührt, wenn sie ihm von ihrer Wittwentrauer erzählte, er verlängerte gern seine Visite, wofür sie ihn mit extrafeinem Cognac belohnte. Lud sie ihn wegen eines Leckerbissens zu einem feinen Souper ein, so küßte er ihr sogar die Hand und betheuerte ihr oft, daß der unvergeßliche Wilhelm schwer aus dem Leben schied, nur weil er eine solche Gattin zurückließ. Ein so gebildeter Mann war gewiß fähig, seine Frau zu lieben, sogar sie aus Liebe heirathen zu wollen. Er hatte es der Frau Räthin oft versichert. Sohin paßte er für Fräulein Ottilie, und um diese nicht im vornhinein mißtrauisch zu machen, hatte die gute Räthin Rehwald den Doctor auf den Drachenfels zu einer „zufälligen" Begegnung bestellt. An Zufall konnte man dort viel leichter glauben, als zu Haus in ihrer Villa, wo Ottilie nur für wenige Tage weilte. — Von einer Partie von Honnef sollten die Damen frühzeitig auf dem Drachenfels eintreffen, ehe noch allzu viele Menschen sich einstellten. Die Sache war auf's Schönste eingefädelt gewesen, und war nun durch Ottiliens Laune bedroht. Doctor Lebert war jedenfalls sehr früh hinaufgekommen, denn Frau Räthin hatte ihm genau gesagt, was Ottilie werth sei. Dem jungen Mädchen aber hatte sie nichts gesagt, nur schlau des Doctors Vorzüge gepriesen, von seinem Zartgefühl angefangen, bis zu seinen wohlgepflegten, weißen Händen. Bei der Rückfahrt vom Drachenfels wollte die Räthin dem Doctor den vierten Platz in ihrem Wagen anbieten. Deßhalb sollte Fräulein Hennig in Königswinter zurückbleiben, unter dem Vorgeben, bei den Ihrigen einen bis zwei Tage verweilen zu wollen. Der Räthin Rehwald lag aber die Sache nicht nur aus Freundschaft für Lebert am Herzen. Sie hoffte, wenn diese Heirath zu Stande käme, sich ihren Freundeskreis nicht nur zu vergrößern, sondern wieder mit distinguirten oder gar berühmten Männern zu versehen, wie zu Wilhelms Lebzeiten, und zugleich Ottiliens Vater einen Gefallen zu thun. Professor Grube sah es nicht gern, daß Ottilie schon daS zweiundzwanzigste Jahr heran hatte kommen lassen, ohne einen ihrer Bewerber anzunehmen. Wohlgefällig hatte er deshalb die Andeutungen der Frau Rehwald angehört und gern die Tochter bei ihr in Bonn gelassen, während er eine Reise nach Brüssel machte, von der aus er sich in Frankfurt bei einem Gelehrtencongreß etnfinden wollte. Dorthin sollte ihm die Tochter nachkommen. Frau Räthin wünschte sehnlichst, daß bis dahin Doctor Lebert schon ihr Herz gewonnen habe. Sie rechnete in Art des Milchmädchens, den Reichthum an Freundschaft nach. die sie gewinnen würde: außer der Dankbarkeit Leberts die Grube's, der, wenn die Tochter sich nach Bonn ver- heirathete, wohl auch Graz mit dieser seiner Jugend- heimath vertauschen würde, zumal auch Ottmar, sein einziger Sohn, hier studirte. Mit dieser Phalanx „akademisch Gebildeter", die in ihrer eigenen Verwandtschaft dünn gesäet waren, konnte sie sich wieder eines Verkehrs rühmen, wie es der Wittwe, Rath Rehwalds, ziemte. Sogar die gefeiten Reihen der Untversttätsprofessoren würden sich ihr zuwenden, ohne daß sie ferner der Vermittlung und Beihilfe ihres spottsüchtigen, arroganten Vetters bedürfte, des jungen a. o. Professors Dr. Max Heermann, der erst vor Kurzem von einer schweizerischen Universität an den Rhein zurückgekehrt war. Frau Räthin fühlte ordentlich, wie ihr flaches, aber gutmüthiges Gesicht sich verfinsterte und ein ihrem Wesen fremder Zug sich darin festsetzte, als ihre Gedanken diesen Or. Max Heermann streiften. Von allen ihr bekannten jungen Männern mochte dieser dem alten Grube der willkommenste Schwiegersohn sein. Sie vermuthete sogar, Grubes Bereitwilligkeit, ihr Ottilie einige Tage zu überlassen, entspränge der Hoffnung, daß diese bei ihr so den jungen Gelehrten kennen lernen, gegenseitiges Wohlgefallen die jungen Leute zusammenführen werde. Wie Beide geartet waren, konnte diese Berechnung richtig sein. Aber eben darum wünschte Frau Nehwald, daß ihr Günstling Lebert dem Heermann zuvorkommen möge, den sie haßte, soweit ihre gutmüthige Natur es zuließ. Sie hatte sich absichtlich in stetige Abneigung gegen den sonst allgemein beliebten, heiteren Mann hineingearbeitet. Ehemals hätte sie ihn lieben mögen. Das war, als sie ihn für Traudchen, ihre jüngste, nicht hübsche und nicht liebenswürdige Schwester ausersehen hatte und mit ihr eine Heirath zu stiften hoffte, und diese war damals nicht wenig in den flotten Studenten verliebt gewesen. Aber er hatte nur zu deutlich ge- 375 äußert, daß er lieber ein Hagestolz werden, als um des schnöden Goldes willen eine ungeliebte Frau nehmen wolle. DaS war schon lange her. Traudchen hatte eine ihrer Schwester nicht genehme Partie gemacht; daran war, nach Frau Rehwalds Erachten, Max schuld, der böse Max, der noch immer keine Lust für den Ehestand zeigte, obgleich er in den Anfang der Dreißig gelangt war und sich bereits einen guten Namen in der Gelehrtenwelt gemacht hatte, Einkommen besaß und dazu über ein ansehnliches mütterliches Erbtheil verfügte. Gar manches rheinische Jungfräulein blickte sehnlich auf den von den Müttern als „gute Partie", von den Jungen als heiterer Gesellschafter und wackerer Freund Geschätzten, der sich bei jugendlichem Aussehen und Gebühren auch ein gut Stück rheinischen Humors inmitten der Ge- Stelle zu fahren, wo Ottilie und Miß Rich versprochen hatten zu ihr zu stoßen. (Fortsetzung folgt.) -—- Kchicksalsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. (Schluß.) Die nächsten Stunden verlebte Martha wie im Traume. Mechanisch fliegt sie die breite Treppe hinan, und sie erinnerte sich später, daß Frau Berghaupt oben auf dem Corridor stand, daß sie ihre Arme ausbreitete, sie an ihr Herz zog und einen Kuß auf ihre Stirn Vor der Txcculton. Nach einem Originalgemalde von W. Schutze. lehrtenarbeit bewahrte. — Daß sich zu dem Humor auch manchmal treffende Witze gesellten, die an Spott grenzten, hatte Frau Nehwald erfahren, die dafür dem jungen Verwandten ihre Neigung ganz entzogen und sie dem artigen Lebert zugewandt hatte. Noch immer konnte sich die Partie auf den Drachenfels günstig für Lebert gestalten, wenn auch Ottilie etwas später kam als wünschenswerth war. Es blieb so manche Stunde bis zum Abend übrig, und etwas Gutes ließ sich auch vom Zufall hoffen. Frau Näthin war so weit mit ihren Beschlüssen im Reinen, daß es dabei blieb: ihre Gesellschafterin mußte, ob gern oder ungern, in Königswinter den Wagen verlassen. Frau Rehwald fühlte sich erleichtert, als die übellaunige Gefährtin fort war, und befahl dem Kutscher langsam auf weitem Umweg den Berg hinan zu der drückte. Sie hatte auch geweint, ihr einige Worte zugeflüstert, dann stand sie allein vor dem Sopha, auf dem Willy ruhte. „Es thut mir so leid, daß Sie krank sind — ich hörte erst gestern davon", begann sie, die schlaff herabhängende Hand des Kranken erfassend. „Es kam so plötzlich, alle meine schönen Träume von Glück und Liebe sind mit einem Schlage vernichtet, aber jetzt sehe ich ein, daß es so gut ist", hauchte er matt. „Ich wollte Ihre Liebe gewinnen, Martha, wir wollten unser Leben zusammen führen, denn ich liebte Sie vom ersten Tage an, da Sie in unserem Hause weilten." „Sie waren immer gut gegen mich", erwiderte Martha leise, „Sie waren mir der beste, treueste Freund; wenn ich oft verzagen wollte, gedachte ich Ihrer Freund- 376 schüft, und dieser Gedanke erfüllte mich mit frischem Muth." Er sprach von seiner Liebe, sie nur von Freundschaft. Die Augen der Sterbenden sehen scharf, und in diesem Augenblick erkannte Willy Berghaupt, daß er Martha's Herz nicht gewonnen hatte und ihre Liebe nie gewinnen würde, selbst wenn er alle Schätze Indiens ihr zu Füßen gelegt hätte. „Es ist besser so", sagte er, mühsam athmend, „ich gehe jetzt ein in das Land des Friedens, wo alles Leid hinter uns liegt, und mir bleibt der Schmerz erspart, Sie als Gattin eines Anderen zu sehen." Martha hielt seine fieberglühende Hand fest in der ihrigen und erzählte ihm von ihrem neuen Leben. „Fräulein Ambach ist so gut", schloß sie ihren Bericht, .ich fühle mich dort so wohl, wie in meinem eigenen Hause, und sie will mich immer bei sich behalten." „Glauben Sie das nicht, Martha", lächelte der Kranke müde. „Leo, bist Du da?" „Ja, der Doctor ist gekommen, und es ist Zeit, daß ich Fräulein Adair in den Gasthof zurückführe; sie wird morgen wieder zu Dir kommen." Der Sterbende schüttelte traurig sein Haupt. „Ich will jetzt Abschied nehmen", hauchte er tonlos. „Der Himmel segne Dich, Martha, sei glücklich." Dann erfaßte er ihre Hand und legte sie in Leos Rechte. „Du mußt ihr ein treuerer Freund sein, als ich es werden konnte", flüsterte er, „mache sie glücklich, und vergeht mich nicht in Eurem Glücke." „Ich komme morgen wieder", versprach Martha, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie einen Kuß auf die welke Hand des Sterbenden drückte. Aber für den jungen Arzt brach kein irdischer Morgen mehr an, denn als die letzten goldenen Strahlen der untergehenden Sonne sich durch das Fenster stahlen, öffneten sich ihm die Pforten des Paradieses. Herr Commercienrath Ambach kehrte gleich am folgenden Tage Ebersheim den Rücken, er wollte weder die Versicherung der Reue Frau Berghaupts noch die Klagen der Familie über den Tod des Sohnes anhören. Doch da Martha Adair von den letzten Ereignissen zu sehr angegriffen, die Witterung aber sehr günstig war, beschloß er, seine Schwester mit seinem Schützling nach der Schweiz zu schicken, damit er für den kommenden 10. Mai in aller Stille seine Vorbereitungen treffen könne. Der wichtige Tag kam herbei. Der alte Graf von Wtldenthal und sein Pflegesohn Leo wurden von dem Commercienrath eingeladen, ebenso der Anwalt der Verstorbenen, Herr Ruthberg. Herr Rieding und sein Sohn Martin erschienen ungeladen. Herr Ambach erklärte, die Güter und das Stammschloß der gräflichen Familie Wildenthal durch Ankauf erworben zu haben. Das für die zehn Nichten bestimmte Capital sei in Staatspapieren sicher angelegt, es handle sich also nur um die Vertheilung des Hauptcapitals. Doch Herr Rieding unterbrach den Sprecher unwillig. „Was geschieht mit dem Schlosse und den Gütern?" fragte er höhnend. „Sind diese Besitzthümer etwa der Lohn für Ihre Mühe?" „Schurke I" kam es leise von den Lippen des alten Grafen, doch Herr Ambach schien die höhnende Bemerkung gar nicht gehört zu haben und fuhr unbeirrt fort: „Es war der Wille meiner verstorbenen Freundin, die Besitzungen zu erwerben und dieselben am heutigen Tage mit der Hälfte deS Vermögens demjenigen ihrer drei Neffen zu übergeben, der dieses Erbes würdig ist. „Lieber Leo", wandte sich der alte Herr an den jungen Jnspector, „Sie sind der Erbe, und sobald einige nothwendige Formalitäten beobachtet sind, können Sie Besitz davon ergreifen. Ich gratulire Ihnen zu diesem Glück, das Sie wohl verdient haben." „Es kommt mir vor, als beraube ich meine Pflegeeltern", stammelte Leo verwirrt, doch der alte Graf beruhigte ihn. „Es ist der schönste Tag meines Lebens", versicherte er, „wie wird sich Deine Mutter über diese Botschaft freuen, und wir sind ganz zufrieden in unserer einfachen Häuslichkeit." „Das ist schon Alles gut", warf Herr Rieding unwillig ein, „aber was erhält mein Sohn? wie groß ist sein Antheil? bekommt er die andere Hälfte des Vermögens?" „Ihr Antheil, Herr Martin, ist — nichts! Die andere Hälfte des Vermögens gehört den Kindern des in Amerika verschollenen Bruders Hans." „Warum wird mein Sohn von der Erbschaft ausgeschlossen? Ich nenne das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", rief Rieding empört aus. „Er hat sich seinen Verlust selbst zuzuschreiben; durch sein Benehmen hat er jedes Anrecht auf den Besitz verscherzt", erklärte der alte Herr. „Wäre Willy Berghaupt noch am Leben, so wäre das Vermögen in drei gleiche Theile getheilt worden, denn er war ein edler, tugendhafter Mensch, der wohl einen Preis verdiente." Die Herren entfernten sich, nur Leo von Wildenthal blieb noch zurück. „Sobald Fräulein Adair zurückgekehrt ist, werde ich häufig Ihr Gast sein", scherzte er. „Ich liebe Martha, aber es scheint mir herzlos, jetzt schon von meiner Liebe zu sprechen, da kaum das Gras auf Willy's Hügel wächst." „Sie liebte ihn gar nicht", beruhigte Herr Ambach, „aber ich verstehe wohl Ihre Gefühle — Sie wollen jetzt noch nicht von Ihren Hoffnungen sprechen, da Ihr Freund erst so kürzlich geschieden ist." „Als er starb, legte er ihr Glück in meine Hand", gestand Leo. „Er kannte meine Empfindungen, und für ihn war doch jede Hoffnung geschwunden." Nach diesem ereignißreichen Tage reiste Herr Ambach zu seinen Damen. „Ich will Dir schon jetzt sagen, wie eS werden wird", sagte er zu der Schwester. „Wir werden die Kleine nicht mehr lange behalten, aber als Leos Gattin wird sie sehr glücklich werden. Es ist zwar hart für uns, Ulrike, denn ich hätte Martha gern als Tochter adoptirt." Die alte Dame lächelte überlegen. „Martha ist wie geschaffen als Herrin auf einem Schlosse. Natürlich werden wir sie schmerzlich vermissen, aber vorläufig bleibt sie noch bei uns, und später findet sich vielleicht die Tochter des verstorbenen Bruders Hans, die dann Marthas Stelle bei uns einnehmen kann." „Ich fürchte, das Kind ist todt", seufzte der alte Herr. „Alle Nachforschungen sind vergebens; Mutter und Kind scheinen spurlos von der Erde verschwunden zu sein." „Ob wohl Frau Berghaupts Herz durch den Tod ihres Sohnes erweicht ist?" fragte sie sinnend. M-s Ä-MM MK WEN MM MM WWW 378 „Es müßte wohl sein, aber das Herz dieser Frau war so hart, wie ein Mühlstein. Vielleicht ist sie wieder auf der Jagd nach einem Schwiegersohn." Herr Ambach kehrte bald mit seinen Damen in die Heimath zurück, und Martha beeilte sich, zum ersten Mal Mademoiselle La Rochette aufzusuchen. Die alte Dame küßte ihre frühere Schülerin, und Thränen schimmerten in ihren Augen. „Ich merkte erst, wie sehr Du an mein Herz gewachsen wärest, nachdem ich von Deinem Verschwinden hörte. Ich halte im Allgemeinen nicht viel von jungen Herren, aber dieser Jnspector Wildenthal hat mir gut gefallen. — Na, Martha, Du brauchst nicht gleich errathen; ein Jeder kann ja leicht denken, daß Du Interesse für ihn hast, er aber noch mehr für Dich. Du wirst bald heirathen, denn Du bist viel zu gut, um ledig zu bleiben. Da Du aber von Kindheit an unter meinem Schutze weiltest, bitte ich Dich, mir Deine Verlobung mitzutheilen, sobald sie stattfindet." „Ich werde niemals heirathen", versicherte das junge Mädchen, „Fräulein Ambach will mich stets in ihrem Hause behalten, und sie zahlt nur mir ein so hohes Salair, daß ich mit der Zeit hoffe, meinen Verpflichtungen gegen Ihren Bruder nachzukommen." „Denke nicht daran; mein Bruder bedarf das Geld gar nicht. Im nächsten Monat schickt er mir zwei seiner Töchter in Pension; Du mußt die Kinder oft besuchen, Martha, sie sind ja Deine Schwestern." Martha Adair ging gedankenvoll nach Hause und ahnte die Ueberraschung nicht, die ihrer dort harrte. Weder Herr Ambach noch seine Schwester waren im Salon, doch sobald sie eintrat, sah sie die Gestalt eines Herrn mit ausgebreiteten Armen auf sich zukommen. „Martha!" „Leo!" In diesem Augenblicke erinnerte sie sich, daß sie ihn mit seinem Vornamen genannt habe, und ihre Wangen färbten sich purpurroth, doch er zog die schlanke Mädchengestalt fest an sich und flüsterte ihr zu: „Geliebte! Willy Berghaupt hat sterbend Dein Glück in meine Hände gelegt. Ich liebte Dich schon lange, aber da ich das Geheimniß meines Freundes kannte, schien es mir ein Verrath, offen mit Dir zu sprechen. Solange der Grabeshügel noch so frisch war, wagte ich auch nicht von meiner Liebe zu reden, aber alle meine Gedanken und mein Herz weilten bei Dir. Mein Liebling, willst Du mir Dich anvertrauen und späterhin meine geliebte Gattin werden?" Sie zögerte einen Augenblick. „Weißt Du auch, daß meine Mutter eine Schauspielerin war, und daß ich von meinem Vater gar nichts weiß", stammelte sie endlich. „Du bist jetzt ein reicher Mann, — ich bin keine passende Gattin für Dich." „Was hindert es, daß Deine Eltern arm waren! Gott im Himmel weiß, wie arm meine Pflegeeltern waren. Ich liebe Dich, und wenn Du nicht meine Gattin werden willst, ist mein ganzes Lebensglück vernichtet. Findet denn meine heiße Liebe kein Echo in Deinem Herzen?" Sie antwortete nicht, aber ihr Haupt sank auf seine Schulter, und sie weinte Thränen des Glückes und der Freude. Unter den zahlreichen Freunden, die bei dieser frohen Nachricht das Haus des alten Commercienraths förmlich^bestürmten,'.um^den Verlobten Glück zu wünschen, fand Mademoiselle ^La Rochette sich zuerst ein. Sie überreichte der glücklichen Braut einen umfangreichen Brief, der noch nicht geöffnet und mit fremdländischen Briefmarken versehen war. „Auf ihrem Sterbebette wünschte Deine Mutter, daß dieser Brief an Deinem Verlobungstage, oder wenn Du Dein einundzwanzigstes Lebensjahr vollendet habest, in Deine Hände gelegt werden sollte", sagte die alte Dame feierlich. „Aber, mein Kind, befolge meinen Rath und wirf das Schriftstück ungelesen ins Feuer. Es enthält gewiß Nahrichten über Deinen Vater, und es ist sicher besser. Du weißt gar nichts, als schlechte Neuigkeiten zu hören." Doch Leo und Martha theilten nicht die Meinung der alten Dame; sie hatten keine Geheimnisse vor einander und öffneten daher das Schriftstück gemeinschaftlich. Zuerst fiel ein Brief in ihre Hände, der mit dem Namen „Martha La Rochette" unterzeichnet war, und den Martha's Mutter geschrieben hatte, als sie ihr Ende herannahen fühlte. Es war ein langer, liebevoller Brief, und jede Zeile athmete heißes Verlangen nach dem abwesenden Kinde. Sie erzählte, daß ihre drückende Armuth sie veranlaßt habe, ihren Namen aufzugeben und ihren früheren Mädchennamen anzunehmen. „Dein Vater war ein stolzer, deutscher Edelmann", schloß der Brief, „und stammte aus einer gräflichen Adelsfamilie. Dein richtiger Name ist „Martha von Wildenthal", und vielleicht leben noch Dein Großvater oder Deine Verwandten im südlichen Deutschland. Ich schreibe Dir dieses in der Hoffnung, daß die Gewißheit Deiner Herkunft im späteren Leben für Dich von Wichtigkeit sein wird." Diesem Briefe waren zwei wichtige Papiere eingeschlossen: der Trauschein des Grafen Hans von Wildenthal mit Martha Adair und der Geburtsschein ihrer Tochter Martha. — „Nun ist die arme, kleine Erzieherin der Berg- haupt'schen Familie sogar eine reiche Erbin", scherzte Leo, „hätte ich das früher gewußt, so würde ich nicht gewagt haben, meine Augen zu Dir zu erheben." Herr Ambach war hocherfreut. Er erklärte, das Geheimniß längst errathen zu haben, denn Niemand habe der guten Frau Marlitz so ähnlich gesehen, wie Martha, nur haben ihm die Beweise gefehlt. Ehe der Winter ins Land zog, fand im Hause des alten Commercienraths große Hochzeit statt, bei der auch Mademoiselle La Rochette und der Lehrer mit seinen Kindern zugegen war. Frau Berghaupt konnte nicht überredet werden, an der Festlichkeit Theil zu nehmen, und schützte ablehnend die Trauer um ihren Sohn Willy vor. In Wahrheit wollte sie das Glück der Liebenden nicht mit ansehen, denn sie konnte es Leo nicht vergeben, Martha vor ihren eigenen Töchtern den Vorzug gegeben zu haben. Die beiden kleinen Stiefschwestern der Braut streuten Blumen auf dem Wege zum Traualtar und freuten sich schon auf die kommenden Ferien, die sie fortan auf dem Schloß Wildenthal zubringen sollten. Es war der jungen Frau eine große Freude, mit Einwilligung ihres Gatten ihrem Stiefvater alles Geld mit Zinsen zurückzuzahlen, das er für ihre Erziehung gegeben hatte, und sie war fest entschlossen, ihren kleinen Stiefschwestercheu alle Liebe zu bieten, die sie in ihrer Jugend so schmerzlich entbehrt hatte. 379 Für alle Anwohner des Schlosses Wildenthal fing mit dem Einzüge des jungen Paares ein neues Leben an. Wie Frau Marlitz den Armen und Nothleidenden wie ein Engel der Liebe und Güte erschienen war, so stillte Martha jetzt die Thränen der Noth und der Armuth, und die unerwartete Erbschaft wurde zum Segen für Tausende. Allerlei. Die Vernichtung der Cholera-Bacillen durch das Wasser indischer Flüsse. Die indischen Aerzte haben sich bekanntlich stets hartnäckig gegen die Annahme gesträubt, daß der Ausbruch von Cholera- Epidemieen durch den Genuß infizirten Wassers veranlaßt werden könnte. Die Gründe gegen diese Annahme waren wichtig genug. Niemals breiteten sich Cholera-Epidemieen den Ganges abwärts aus, sondern gelangten stets von dem eigentlichen Choleraherde, in Bengalen, an die Ganges- Mündung. Auch wurden zahlreiche Cholera-Leichen in die Flüsse geworfen, ohne daß sich jemals bet Leuten, welche zum Theil sogar ausschließlich Flußwasser genossen, eine Ansteckung in Folge dessen gezeigt hätte. Nunmehr hat jedoch Hankin nach einem vorläufigen Bericht an die „Annalen des Instituts Pasteur" in Paris eine Entdeckung gemacht, welche diese Thatsachen mit der obigen Theorie in Einklang bringt. Hankin hat nämlich durch Untersuchungen den Nachweis geliefert, daß das Wasser gewisser indischer Flüsse, besonders der Dscha- muna und des Ganges, die Fähigkeit hat, die Cholera-Bacillen zu vernichten. Wodurch das Flußwasser diese Eigenschaft gewinnt, ist noch nicht festgestellt, man nimmt die Gegenwart gewisser, den Bakterien schädlicher Säuren an. Im Wasser der Brunnen fand Hankin stets zahlreiche CholeraBacillen, so daß also die oben erwähnte Auffassung der indischen Aerzte von der Unschuld des Wassers im Allgemeinen nicht zutreffend ist. Nur die Flüsse besitzen eine Art von Selbstreinigung. Besondere Feststellungen gibt Hankin bezüglich der Dschamuna in der Umgebung von Agra, einer Stadt von 160,000 Einwohnern. Die Stadt bezieht ihr Wasser aus dem Flusse und leitet ihre sämmtlichen Abwässer unterhalb wieder in den Fluß zurück, trotzdem verschwindet die bak- teriologische Verunreinigung des Flusses in 12^ englischen Meilen Entfernung unterhalb der Stadt vollkommen. An der Ableitungsstelle des Wassers, oberhalb der Stadt, wurden 700—750 Bakterien im Kubikmeter Wasser gefunden, die Zahl steigt unmittelbar unterhalb der Stadt auf 16,000 bis 21,000, fällt dann in 2—3 Meilen auf 6200—4300, in 5—6 Meilen bereits auf 760—500 und endlich in 120 Meilen auf 125—130, d. h. eben so viel wie bei Dhobus-hat, 5—6Meilen oberhalb Agra. Diese Zahlen stammen vom Anfang des Monats Februar. Das Wasser des Flusses besitzt für den Cholera-Bacillus dieselbe tödtende Kraft oberhalb wie unterhalb der Stadt und ebenso in der Nachbarschaft eines eben in die Strömung geworfenen Cholera- Leichnams, wie in der Nähe einer schon länger im Wasser gelegenen Leiche. Hankin gibt dann noch interessante Vergleichszahlen: Ftltrtrtes Dschamunawasser, oberhalb der Stadt dem Flusse entnommen, das ursprünglich 1200 Kolonien von Cholera-Bacillen enthielt, hatte deren nach einer Stunde nur noch 200, nach zwei Stunden bereits keine einzige mehr, Wasser von unterhalb der Stadt, ursprünglich mit 1500 Kolonien inficirt, hatte diese nach Verlauf einer Stunde bereits sämmtlich ver- 4 » >»> 4 ^— Partie aus Mittrnwald. 4 Ws MIM ASM 380 nichtet, im Wasser, das neben einer alten Leiche geschöpft wurde und 1250 Kolonien enthielt, waren nach einer Stunde bereits sämmtliche Kolonien bis auf 50 getödtet, nach einer weiteren Stunde auch der Rest; im Wasser, neben einer frischen Leiche, mit anfänglich 2000 Kolonie»/ erhielten sich nach einer Stunde 500, nach zwei Stunden noch 200, nach 3'/z Stunden keine mehr. Wurde das Wasser dagegen gekocht, so verlor es seine bakteriocide Eigenschaft; wenn in solchem anfangs 1250 Kolonien vorhanden waren, nahm deren Zahl in 3*/z Stunden zwar auf 200 ab, stieg aber nach 48 Stunden auf 48,000. Im Brunnenwasser stieg die Zahl in 48 Stunden von 1200 auf 16,000. Aehnliche Experimente an anderen Orten ergaben dieselben Resultate. Ebenso bestätigten Versuche mit Cholera-Kulturen in Pepton die völlige Tödt- ung aller Cholerakeiwe in frischem Dschamuna-Wasser. * Pflügen des Wassers behufs Platingewinnung. So bekannt das Pflügen des Erdbodens ist, so befremdend muß es Jedermann erscheinen, daß auch das Wasser gepflügt werden kann. Freilich darf man darunter nicht das flüssige Element verstehen und scheint es ziemlich natürlich, daß es sich um ein Pflügen des Grundes des Wasserlaufes handelt. Dieses eigenartige Verfahren wird, wie uns das Patentbureau von G. Dedreux in München mittheilt, von den Anwohnern des Flusses Tura im russischen Gouvernement Tomsk ausgeübt. Der hiezu erforderliche Pflug besteht aus einem Floß, an welchem eine geeignete Rinne mit einer Pflugschar befestigt ist. Dieser Pflug fährt stromabwärts und der von der Schar abgeschnittene Grund fällt in die Rinne und aus dieser in einen Bottich, woselbst der Flußsand ausgewaschen wird, um die in dem Sande enthaltene große Menge Platin zu gewinnen. So primitiv die Vorrichtungen auch sind, so nutzbringend sollen sie sich gestalten, so daß die Bauern das Pflügen des Wassers seiner Rentabilität wegen der des Landes vorziehen. -X- UebertriebeneHöflichkeit. „Der Herr Professor ist zu Hause?" — „Ja, mein Herr." — „O, dann will ich nicht stören, dann besuch' ich ihn lieber ein anderes Mal!" --SÄ88WS-- - Zu unseren Bildern. Vor der Execulion. In der Küche, in der Speisekammer und im Hausflur war es schon seit langem nicht ganz in Ordnung. Man hörte zuweilen ein verdächtiges Geräusch auf dem Fußboden, in den Ecken und im Gerümpel: es raschelte, knisperte und knusperte; manchmal klang auch ein leises, feines Pfeifen, und dann war es wieder, als huschte etwas über den Fußboden und an den Wänden hinauf. Die Mutter berichtete eines schönen Tages, daß der Speck in der Vorrathskammer angefressen sei, auch das Brod hatte ein ganz merkwürdiges Loch an der einen Seite, und auch noch sonstige Spuren ließen auf höchst sonderbare Dinge schließen und die Kinder kamen zu der Ueberzeugung, daß Mäuse im Hause sein mußten. Und als dann auch Käthchen eines Tages von einer lebendigen Maus, die an ihr vorbei in das Loch in der Ecke schlüpfte, auf s Höchste erschreckt wurde, da war kein Zweifel mehr möglich, es war konstatirt: man hatte Mäuse I Selbstverständlich beschloß man sofort, dem Ungeziefer energisch zu Leibe zu gehen. Es fand sich noch eine Mausefalle vor, welche die Mutter vor Jahren von einem herumziehenden braunen Gesellen gekauft hatte. Das Instrument wurde wieder in Stand gesetzt und, nach dem uralten Rezept: „Mit Speck fängt man Mäuse", mit einem etwas angebratenen, lieblich duftenden Speckstückchen ausgerüstet, unter das Gerümpel in die Ecke gestellt. Das geschah gegen Abend. Am andern Morgen, als die Kinder in dem Vorraum der Küche spielten, fiel es dem Franz ein, nach der Mausefalle zu sehen. Sie wurde hervorgeholt, und — siehe da! — es befand sich eine Maus darin, eine richtige Maus! Große Erregung unter den kleinen Leuten I Nun wird das gefangene Thierchen, das ängstlich in seinem Käfig umherläuft, von allen Seiten beobachtet, und schließlich kommt Nachbars Lieschen auf den genialen Einfall, ihre Hauskatze zu holen, welche an dem kleinen Verbrecher die Execution vollziehen soll. Das ist der Moment, welchen unser liebenswürdiges, reizendes Bild darstellt. Der Renommist. An' größcr'n Aufschneider Gibt'^ auf der Welt net, Wie der Forstg'hilf vo' Klasing, Da gibt's goa' koa' G'red'. Der frißt die Wildschützen Mit Haut und Haar scho', Wenn's aber d'raf o(n)kimmt, Nacher laaft er davo'. So hat er 'n G'schwendtner In der Früah glei' derzäblt, Daß er z'Nachts hat an'Wildschütz In d' Klamm abi g'schnellt. „Er is ma begcgn't durt Am Hoa(n)kogel d'rent Und wollt' mit an' Gamsbock G'rad' abi zum G'wänd'. Da pack' i'n und reiß'n Wie—r—an' Strohwisch glei' z'samm, Und wie ma—r—a so raafa, Fallt er abi in d' Klamm." „O Donna", sagt der G'schwendtner Und schmunzelt dazua, — „Werts' denn?—Herr gib eahm Die ewige Ruahl" — „Wer'sg'we'nis? J woaß net, Dees is ja die G'schicht', Denn g'schwärzt hat drSpitzbua Mit Ruaß sei' ganz' G'sicht." Der Forstg'hilf thuat wichti', Der G'schwendtner, der lacht, Denn er is ja selm g'we'n, Der Wildschütz heu(n)t Nacht. Und wie—r—a mit'nGamsbock Auf'n Hoamwcg is scho', Beaegn't eahm der Forstg'hilf Und der — laaft davo'I Jetzt fitzen s' nebmananda Ganz sriedli' bei'n Glas, Und hart nebma eahna Steckt der Gamsbock im Faß. Mitlenwald. Der Markt Mittenwald, an der Jsar gelegen und vom Karwendel-Gebirg, welches 2368 Meter hoch ist, überragt, ist ein berühmter Lustkurort und eine der beliebtesten Partien im bayerischen Gebirge. Im Süden führt der Scharnitzpaß nach Tirol, im Westen erhebt sich der Wetterstein. Der Ort soll unter dem Namen Inutrlum schon den Römern bekannt gewesen sein und war im Mittelalter Station der großen Handelsstraße zwischen Augsburg und Italien. Mittenwald ist weithin hekannt durch seine Fabrikation musikalischer Instrumente, die 1684 von Mathias Klotz, einem geborenen Mittenwalder und Schüler von Niccolö Amati, gegründet wurde. Schachaufgabe. Von Johann Berger. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt.