„Augsburgrr PostMung". ^ 51 . Ireitag, den 19. Juni 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer Dr. Max Huttler). WHeingokö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) II. Am untern Saum des Nachtigallenwäldchens, fernab vom Staub der Landstraße und außer Bereich von Fräulein Hennigs hämischen Blicken und spitzen Reden, saß zur selben Zeit ein junges Mädchen unter dem Schaitendach einer Eiche, an deren Stamm sich die mittelgroße, schlanke Gestalt in behaglicher Ruhe lehnte. — Aromatischer Duft stieg aus dem frisch gemähten Anger empor, der vom Wäldchen zu den noch von zartem Sommergrün umsponnenen Weingeländen sich hinabsenkte. In das Gezirp der Grillen tönten hie und da die kräftigeren Noten der Grasmücken und Drosseln. Die Silberfluth des Rheins blinkte durch das Weiden- gebüsch am fernen Rand des Stromes, der wie ein funkelndes Geschmeide das keck sich aufthürmende Rolandseck am jenseitigen Ufer umkränzte; das liebliche Bild spiegelte sich in den großen Augen der einsamen Beschauerin und senkte Frieden und Sonnenglanz tief hinein in ein empfängliches Herz, von wo sie wieder das ganze Wesen des holden Mädchens durchstrahlten. Freude und Entzücken leuchtete aus jedem Zuge des leichtgebräunten GesichtchenS, daS in seiner Zartheit und Regelmäßigkeit ein Wunderwerk der Natur war. Sie schien eS mit besonderer Sorgfalt geformt zu haben, damit es einem lebhaften Geist und tiefen Empfindungen zum leichten Ausdruck diene und die Schönheit der Form sich zu einer äußerst seelenvollen und anziehenden gestalte. Ottilie Grube war es, die hier daS Glück einsamen Wanderns genoß. Wenn ihre Augen so wie jetzt entzückt an der Schönheit der Gegend sich weideten, erschienen sie unter dem Schatten der langen Wimpern ticfdunkel, und sie glich, trotz des Goldhaars mit dem metallischen Schimmer, einem Kinde des Südens, das pathetisches Fühlen in Miene und Geberde offenbart. Aber dieselben Augen konnten in kindlicher Fröhlichkeit strahlen und wie Sterne im hellen Lichte funkeln; dann verbreiteten sie Lust und Freude, die in Ottilie sich gar oft zu Schelmerei und zu Uebermuth steigerten. Ihr vom Vater ererbtes rheinisches Naturell erhielt alsdann die Oberhand über den tiefern Grund ihres Wesens, einen Zug zur Schwärmerei, den ihr Vater ihr „Mutterbe" nannte. Ihm entstammte ihre Vorliebe für Kunst und Musik, sowie ihr Verlangen nach edler Liebe und ihr Vorsatz, keinem Freier Gehör zu schenken, der sie nicht um ihrer selbst willen liebte, sie nicht suchen würde, wenn sie keine Erbin wäre. Daß sothaner Vorsatz schwer auszuführen sei und man dabei getäuscht werden könne, wußte Ottilie; aber diese Einsicht vermochte die Romantik ihrer Gesinnung nicht abzuschwächen, zumal ihr Herz noch für Niemand gesprochen hatte. Ihr Vater, der sein Kind gar wohl verstand und sich gewöhnt hatte, ihr in Allem Freiheit zu lassen, waS ihrer Natur entsprach, begann schon zu fürchten, ihre Grille könne nachtheilig auf ihren Lebensgang wirken. Er verlachte ihre Furcht, aus Berechnung gefreit zu werden, weil er besser wie sie einsah, in welche« Grad anziehend seine Tochter war. Gerade die Doppelnatur in Ottilie, die sich nicht sowohl in Contrasten, als im harmonischen Zusammenklingen verschiedener Anlagen äußerte, gab ihrer Schönheit den höchsten Zauber, und des Vaters Sorge bestand weniger darin, daß sein Kind echte Liebe erregen könne denn dieß erschien ihm selbstverständlich — eher war er besorgt, sie werde aus Laune den rechten Mann von sich weisen, der ihr reiches Herz und ihren eigenthümlichen Charakter zu verstehen und zu leiten wisse. Ottiliens Träumerei unter der Eiche wurde unterbrochen durch eine sanfte Stimme, die ganz in ihrer Nähe aus dem Buschwerk hervortönte. „Währt es Ihnen zu lange, Liebling, wenn ich am Waldsaume die Tausendguldenkräutlein sammle, die in Hülle und Fülle hier wachsen. Schwester Clementine möchte damit ihren Arzneivorrath mehren. Nehmen Sie einstweilen, was ich für Sie gepflückt habe." Mit einem Sträußchen Waldesbceren und einer Ranke rother Heckenröschen trat nun eine kleine, runde Dame mittleren Alters zu der jungen Schönen heran. „O, wie schönt Besten Dank gute Mißil" sagte diese, sich der gebotenen Gaben bemächtigend. „Thun Sie ganz nach Ihrem Belieben. ES ist noch früh; ich eile gar nicht von dem köstlichen Punkte hinweg. Sehen Sie nur, wie herrlich von hier aus Strom, Insel und Bergwclt erscheinen." Sie legte den Arm zärtlich um der Engländerin Schulter und bewog sie, sich dem Land- schastSbild zuzuwenden. „Ja — herrlich!" sagte Miß Nich, nach einem zerstreuten Blick in die Ferne. „Aber allzu viel Zeit dürfen wir doch nicht verlieren. Ich pflücke meine Kräuter im Anfwärtsgchen und kann an der Waldecke oben zu 382 Ihnen stoßen, wenn Sie langsam dem Waldpfad dorthin folgen. Wir dürfen die gute Frau Näthin nicht warten lassen? Sie hofft uns droben im Wald am Fuß deS yelsens zu finden. Sie wünscht, daß wir mit ihr vereint auf dem Drachenfels ankommen." In Ottiliens Auge blitzte der schelmische Glanz. „O, ich merke, Sie theilen meine Lust an diesem Kaldweg nur halb, Mißt. Nur um des Tausendgüldenkrauts willen haben Sie mir die Rast und Erfrischung fn Waldesfrische gegönnt. Aber rechnen Sie nur nicht ohne meine Kobolde! Sie find mir überall dienstbar. Auch heute haben sie mir zugeflüstert, daß ein Plan gegen meine Freiheit geschmiedet wird und sogar meine liebe Mißt sich bewegen läßt, dem Waldvöglein Schlingen zu legen, Schlingen, denen es jedoch zu entgehen weiß!" Auf dem offenen Gesicht der Engländerin zeigte sich peinliche Verlegenheit. Sie wand sich bestürzt aus dem Arm Ottiliens, die sie lachend ansah. ,0, sliLnrs!" rief sie. „Sie beschuldigen mich fälsch, Kind! Ich mache keine Complotte, die Sie zu fürchten haben! Beraubt es Sie der Freiheit, wenn jSie sich einmal Leute ansehen, die Andere als vorzügliche Menschen kennen? Soll ich mich widersetzen, wenn ein jbistinguirter Herr, ein Gentleman, das Glück sucht, Ahnen vorgestellt zu werden, um Sie kennen zu lernen? Abzuschätzen nach Goldwerth l — Dieser Verdacht geht zu weit! Wahrlich, Kind, eS wird ihre Manie, in jedem Mann, der den Blick auf Sie richtet, einen Goldsucher, einen Glücksjäger zu vermuthen. Wenn das so fort geht, werden Sie eine alte Jungfer werden, wie ich." „Als ob das ein Unglück wäre, eine so liebe, freundliche, nützliche alte Jungfer zu werden, wie Mißt!" „O, mit Schmeichelei kirren Sie mich nicht, Ottilie! Sie würden auch gar nicht so werden wie ich, die von der Nothwendigkeit früh am die Arbeit gewiesen wurde, die nicht aus Uebermuth, nicht aus Zweifelsucht brave Bewerber abgewiesen, nicht eigensinnig sich von dem natürlichen Pflichtweg der Frau abgewandt hat. Sie find freilich noch jung, sehr jung. Niemand drängt Sie ur Entscheidung; aber warnen muß ich Sie vor der rankhaft werdenden — ja krankhaft! — so sagt selbst Phr Vater — krankhaften Sucht, bei jeder Bewerbung Berechnung zu vermuthen. Als ob nur Ihre Mitgift Ähren Reiz bildete. Sie find schön, geistreich, voll jLalent." „Und so weiter! in netsinum. Ich kenne schon pie ganze Liste meiner Vorzüge, die meine Mißt und Mein guter Vater, ja bisweilen sogar «ein Bruder lOttmar mir vorsingen. Merkt Ihr denn die Gefahr picht, daß Ihr mir durch Lob erst vollends den Kopf perdreht und ich mich immer höher schätze und gar nur hem schönsten Prinzen oder stolzesten Ritter mich zu eigen -eben will. Das schöne Königskind vom Kynast — vielleicht gab es auch eins auf dem Drachenfels! — Machte eS so. Unser heutiger Besuch dort oben könnte Mir die Lust eingeben, von einem gewissen Hcilkünstler /einen Gang oder Ritt rings um die zerbröckelten Felsen M Probe seiner Uneigennützigkeit zu verlangen. Ja Mißt, das will ich, ob Sie den Kopf schütteln oder »licht. Es wäre allerliebst, könnte man eine derartige Probe machen, wenn auch keine gar so halsbrechende, für die ein zartfühlender AeSkulapsjünger sich schon von Amtswegen bedanken müßte." Miß Rich erröthete immer tiefer und bewunderte dabei den Scharfblick ihres Lieblings, der die Pläne der Näthin durchschaut und ihre Parteinahme erkannt hatte. — Aber weil die Pläne gut waren, sagte sie mit schüchternem Pathos: „Um Gotteswillen, Ottilie, denken Sie sich nur keine romantischen Proben aus!" „Ausdenken!" war die lachende Entgegnung, „nein, ausdenken werde ich mir gewiß nichts, zumal es hier der Probe nicht bedarf. Es wäre nur allerliebst, wenn sich zufällig einmal etwas böte, was wenigstens Abwechslung in unsere Alltäglichkeit brächte. Heutzutage schlagen sogar die Nachtigallen von Roensdorf nur zu vorbestellten Stunden, und Niemand wagt es einen andern Schritt zu thun, als sein Vormann." „Nun, gar so ausgetreten find die Pfade nicht, auf denen mein Liebling mich oft genug zwingt, ihm zu folgen!" sagte Miß Rich mit feinem Lächeln. „Auch fehlt eS meiner lieben Ottilie gerade nicht an Muth ihren Einfällen zu folgen. — Fräulein Hennigs spitze Blicke glichen Dolchen. Es schien mir geradezu gefährlich, nachzugeben, als Sie Ihrer Laune folgten, um der bequemen Wagenfahrt den anstrengenden Weg vorzuziehen, und den Wagen der Räthin verließen." Ottilie lachte. „Gefährlicher noch wären die Worte gewesen, die ich vernommen hätte, wenn ich bei den Damen blieb; bedenken Sie doch die Lobsprüche, die oft gehörten, lästigen —" „Auf den unvergeßlichen Wilhelm?" „Nein, die kann ich ertragen, das verwittwete Herz flößt mir sogar Mitleid ein. Ich vermeine die auf einen gewissen „distinguirten" Menschen, von Ihnen Gentleman geheißen, liebe Mißi." Miß Rich erröthete neuerdings. „Immerhin wollen wir unserer guten Wirthin Geduld nicht auf die Probe stellen", sagte sie abbrechend. „Ich eile die Kräuter zu pflücken. Bitte, folgen Sie bald dort hinauf!" Belustigt blickte Ottilie der Gefährtin nach, als sie zum Blumensammeln enteilte. »Ich sollte ihr helfen", sagte sie zu sich selbst, „aber die Gute verlangt es nicht einmal. Dafür kann ich noch ein Weilchen den Zauber der Waldeinsamkeit genießen." Lange sollte aber Ottilie sich dieser Einsamkeit nicht erfreuen. Sie hatte eben ihren Rastort verlassen und begann dem sanft ansteigenden Pfad in den Wald zu folgen, als tiefer unten, auf dem im Zickzack geführten Weg, Stimmen laut wurden. Noch andere Spaziergänger folgten ihr auf dem Waldpfad, trotz der warmen Mittagszeit. Das Unterholz verhinderte Ottilie die Nachkommenden zu sehen, aber sie unterschied deutlich die Stimme eines Mannes und eines Mädchens. Bisweilen stehen- bleibend, führten die Nachkommenden eine laute, Ottilie verständliche Unterredung. Die Rede des Mannes klang wie von einer Bühne dröhnend, als sagte er etwas auswendig Gelerntes auf, das voll Pathos und Leidenschaft sich in oft gehörten Floskeln bewegte; dazwischen hinein klangen Bitten des Kindes in schlichten Worten nur um so ergreifender. Auch vernahm Ottilie, die unwillkürlich stehen blieb und horchte, verhaltenes Schluchzen, das öfters in die thränen- vollen Bitten des Mädchens sich mischte. Die Stimme des Mannes» den die Weinende Vater nannte, kam — 383 Ottilie bekannt vor. Aufmerksam lauschend, harrte sie der Nachkommenden. Bald verstand sie jedes Wort. Der Mann ergoß sich in Klagen über sein bitteres Loos, über seine Verlassenheit und die Undankbarkeit des einzigen Kindes, das ihn an der Schwelle des Alters und der Armuth vor den Menschen verleugne, sich seiner schäme, ihn gering schätze, weil er der Welt und ihrer Lust dienen müsse. Doch habe er in diesem Beruf sich nicht entehrt, ihn auch nicht selbst gewühlt; die Muse habe ihn ihm gegeben, aber die Götter seien grausam, verließen schnöde ihre Lieblinge. Dazwischen sagte er wieder in milderem Ton, er zweifle ja nicht am Herzen der Tochter, die er gleich einer vornehmen Dame mit sauren Ersparnissen erzogen habe, weil er selbst sie, wenn nicht einem besseren, doch wenigstens einem sichereren Beruf bestimmt habe als der seine; allerdings meine er nicht den Schleier, den sie nur deshalb nehmen wolle, um zwischen sich und der Welt, in der ihr Vater lebe, eine Scheidewand herzustellen. Trotz dieser Einsicht wolle er an ihre kindliche Ergebenheit glauben, wenn sie nur heute, nur dies einemal sich nicht geweigert hätte, ihn in seinem Wirken zu unterstützen, heute, da sicher viele Gäste auf den Drachenfels kommen, seine Stimme hören und von ihrem Urtheil sein Engagement als „Rheinsänger" für den Sommer abhängig sein werde. Ein solcher sei auf dem Drachenfels beliebter noch, als auf andern Burgen. Gerade heute sei er seiner Stimme nicht sicher ohne Begleitung, und heute, wo er den leichten Dienst vom einzigen Kinde verlange, weigere es sich und schütze die Verwundung des Handgelenks vor, als ob sie die hindere, wenige Accorde auf der Guitarre zu spielen. Diese Hülfe würde hinreichen, seine gebrochene Kraft zu heben, ihn befähigen zu seinem Wirken , das allerdings seines Talentes nicht würdig sei, aber doch ihn davor schütze, als Bettler durch die Welt zu gehen. Wahrlich, der Blinde drüben am Aufgange zum Felsen sei besser daran wie er; denn der habe noch eine Mignon, während er verlassen sei von der seinen. Die Thränen seines KindeS, deklamirte der Mann weiter, entstammten der Scheu sich öffentlich zeigen, an des Vaters Seite stehen zu sollen, der doch schützend die Arme vor sie breiten werde; sie beweine nicht ihr beiderseitiges Unglück. — Nach jeder derartigen Tirade hörte Ottilie immer dieselben demüthigen Bitten der Begleiterin deS Sprechenden, er möge ihr verzeihen, sie denke nicht daran, sich seiner, des treuesten Vaters, zu schämen, nur Scheu vor der Welt und Unfähigkeit, die geschwollene Hand zu brauchen, bestimmten ihre Wünsche, ihn nicht auf den Drachenfels zu begleiten. Ihre Thränen seien Zeugen, wie leid es ihr thue, dem Vater nicht dienen zu können. In der That war das Gesicht des jungen Mädchens, das nun an der Wendung des Weges sich Ottilien zeigte, von Weinen geröthet. Der in der Schlinge getragene Arm und die zitternde Stimme sprachen noch deutlicher von der traurigen Lage des jungen Geschöpfes, dem sofort Ottiliens Theilnahme sich zuwandte. Sie bemerkte, wie dürftig, aber in Schnitt und Farbe bescheiden und anständig, das Gewand war, das die schmächtige Gestalt umschloß. Sie sah in dem blaffen Gestchtchen neben den Thränenspuren auch den kindlichen, rührenden Ausdruck der Hülflosigkeit, eine sympathische, noch nicht völlig entwickelte Schönheit. Nur das Hütchen, von Rosen und Flittergold überreich bedeckt, paßte nicht zu dem Eindruck, den das Kind machte. Ohne diesen Kopfputz und die an buntem Band getragene Guitarre Hütte die Kleine «ehr einer Klosterschülerin, als einer fahrenden Sängerin geglichen. Mühsam Athem holend blieb das Mädchen stehen und bemühte sich, mit der freien Hand die reichlich fließenden Thränen zu trocknen. So bemerkte es Ottilie nicht, die dem Zug ihres mitleidigen Herzens folgte, u. ihr näher trat. Aber des Mädchens Vater bemerkte sie sofort, als auch er nun um die Ecke des Weges bog. — Er unterbrach seine Klageergüsse. Sein Schönheit liebendes Künstlerange haftete an der Erscheinung voll seltener Grazie, die im lichten Gewand, mit den wallenden Locken, von denen sie den Hut abgenommen hatte, mitten im beschatteten Waldweg stand. Sonnenstrahlen drangen durchs Laub- dach und zauberten Goldreflexe auf das wellige Haar und vermehrten den eigenartigen Liebreiz der jugendlichen Erscheinung. „Loreley oder Dryade?" rief der greife Sänger im Ton einer Theaterrolle — „Waldfee oder Muse? Wer naht sich uns Armen hier im düstern Hain, auf dem Danaerveg der Unglücklichen? Ist es uns zum Fluch oder zum Segen, wenn Göttliche nahen?" „Zum Segen, wenn Sie mich damit meinen, Herr Werner Goldmuud", lautete die heitere Antwort, „mich, Ottilie Grube, ein sterbliches Mädchen, dem Sie einst Unterricht ertheilt haben in unsterblichen Weisen. Erinnern Sie sich meiner nicht mehr?" Ottilie hatte den Mann trotz seines veränderten Aeußern, einen alten Mustklehrer, wieder erkannt, an den Stimme und Redeweise sie sofort gemahnt hatten. Vor wenigen Jahren noch ein berühmter Sänger und Musiker, hatte er, als sein Tenor anfing nicht mehr für große Bühnen auszureichen, in der Hauptstadt Steier- marks Unterricht im Singen ertheilt; Ottilie gehörte zu seinen bevorzugten Schülerinnen. Sie hatte den Mann trotz seiner Wunderlichkeiten, die zum Theil auf Größenwahn beruhten, schätzen gelernt. Sie hatte damals schon erfahren, wie zärtlich besorgt er für seine Familie war. Die Tochter ließ er zu Paris in eine« vornehmen Pensionat erziehen, und scheute keine Gcldapfer für diesen Zweck, sowie für die Pflege seiner siechen Frau, die in einem südfranzösischen Badeort weilte, und bis zu ihrem Tode ihrem Gatten große Kosten verursachte, der überdies leichter erwerben als verwalten konnte und große Verluste an seinem Vermögen erlitten hatte, so daß er gezwungen war, sein Können mühselig zu verwerthen. Bald nachher war Goldmund aus der Künstlerwelt verschwunden; seit nahezu drei Jahren hatte Ottilie nichts mehr von ihm gehört, ihm aber ein gutes und dankbares Andenken bewahrt, das stets lebendig wurde, wenn sie die von ihm erlernten Lieder sang. Als Goldmund unerwartet vor die einstige Schülerin trat, trug er einen langen, weißen Bart, wie er ihn für die Erscheinung eines Burg- und Nhetnsängers geeignet hielt. Lange, graue Locken 'deckte ein breiter Schlapphut. Ein braunes Gewand von vergriffenem Sammt umschloß die noch immer stattliche, nur wenig gebeugte Gestalt. — Das theatralische Auftreten gehörte zu seinem innersten Wesen, aber ebenso der Ausdruck eines rechtschaffenen und anständigen Mannes, dessen Gepräge unverkennbar in seinen Zügen zu lesen war. Ottilie, die ihn als solchen genügsam kannte, überließ sich unbedenklich der freudigen Stimmung, mit der die Begegnung sie erfüllte. «Ich hoffe Sie freuen sich doch auch, mich hier -t» 384 — sehen", rief sie dem noch immer Staunenden zu. „Einst nannten Sie mich Sappho und sich Anakreon; wissen Sie es nicht mehr, daß Sie sich unbedenklich zu der lesbischen Dichterin Lehrer stempelten? Glauben Sie nicht, es sei ein guter Stern, der uns hier zusammenführt?" „Meine Sterne sind längst untergegangen", rief Goldmund, entzückt Ottilie betrachtend, „aber eine Sonne geht mir hier auf, eine Sonne, der ich geblendet ins Auge sehe. Ja, Sappho, das sind Siel Wie eine Sappho sehen Sie aus, ihr gleichen Sie weit mehr noch, als einer Mignon, Loreley oder Waldfee. Strahlen von allen Huldgestalten spielen um Ihre Stirne. Gewiß find Sie auch eine geweihte Sängerin geblieben! O, daß meine Feltcitas — Jnfelicitas sollte sie heißen, — mein Töchterlein hier, mein einziges Kind, Ihre Mittel hätte, Ihr Talent, Ihre Stimme! — Aber was hülfe es? Sie würde dennoch den alten Vater verlassen wollen! Im kühlen Schatten des Heiligthums ruht die Vestalin, sicher vor Stürmen, die dem greisen Sänger die Locken zerzausen!* „Lassen Sie die Vorwürfe ruhen, Meister!" bat Ottilie und zog das bebende Mädchen zu sich heran. „Ihr Kind scheint krank zu sein und zu leiden, wie ich aus Ihrem Gespräche soeben vernahm. Sie sieht nicht aus, als wolle sie den Vater kränken. Erzählen Sie mir lieber, was ihr widerfahren ist." „Ein Geschick, ein Mißgeschick! Das ist es ja, weß- halb ich sie Jnfelicitas nenne, meine arme, kleine Licie, die wirklich ein gutes, nur zu schüchternes Kind ist. Sie hatte, trotz ihrer Schüchternheit, endlich doch eingewilligt, mich nicht mehr zu verlassen. Jetzt, da ich die Pension nicht mehr bezahlen kann, war ihr Bleiben im Kloster ohnehin zu Ende. Sängerin kann sie nicht werden; ihre Stimme reicht dazu nicht aus; aber sie soll meine unsicher werdende Stimme unterstützen mit der Guitarre. Heute liegt mir besonders viel daran. Von meinem Debüt auf dem Drachenfels hängt meine arme Zukunft ab. Licie kommt auch geduldig mit mir, schmückt sich sogar nach meinem Wunsch mit den Symbolen der Jugend und Poesie, den Nosen und dem Gold. Beim Anssteigen aus dem Kahn, der uns über den Rhein trug, gleitet sie aus, fällt, stützt sich dabei auf die Hand und hat sie verrenkt, verdehnt, oder gar gebrochen. Am Hafenplatz war ein Arzt, der ihr sofort einen Gypsverband oder Derartiges machte. Vielleicht wäre kaltes Wasser besser gewesen oder kühlende Blätter des Epheu, der den Sängern hold ist. Ich hoffte noch. Sie hoffte. Aber es war Wahnsinn; die Schmerzen ließen zwar nach, aber ^ie Geschwulst sinkt nicht ein." Längst hatte Ottilie FelicieS freien Arm in den ihren gezogen und stützte des Mägdleins Schritte, während sie den Weg fortsetzten und Vater Goldmund die traurige Geschichte erzählte. Das ging lange her, denn der Sänger siel dabei in alle Rollen, die er je gespielt hatte, und declamirte sie mit Pathos. Aber Ottilie kannte ihn und hörte aus dem Wortschwall doch seinen aufrichtigen Schmerz heraus. Felicie dagegen wurde von ihrem mitleidigen Herzen auch ohne Worte verstanden, so daß sie lebhaft mit dem geängstigten scheuen Vögelchen fühlte, dem es vor dem Flug in die Welt bangte, in die es dem Vater folgen sollte. Verwundert sah Miß Nich, die an den Tannen Ottiliens harrte, die drei herankommen. Sie mußte sich für den Rest des Weges anschließen und sich mit den Aufklärungen begnügen, die ihr Werner Goldmund in einem zwar fließenden, aber nichts weniger als landläufigen Englisch ertheilte. Er ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, zu zeigen, daß er die Sprache Shakespeares und Shelleys beherrschte, er, der in dem Paradies und Peri die Worte im Urtext gesungen hatte! Goldmunds Name war der Miß nicht unbekannt, obgleich sie erst zu Ottilie gekommen war, als er Graz schon verlassen hatte. Sie hörte andächtig auf seine Deklamationen, war aber doch etwas beurnhigt durch die wachsende Vertraulichkeit zwischen den voraus- schreitenden Mädchen. Wie würde sie sich und Ottilie von diesen auffallenden Begleitern wieder los machen können? Sie wünschte nicht mit ihnen von Frau Reh- wald oder gar von Fräulein Hennig gesehen zu werden. Welcher Kritik würde Ottilie sich aussetzen! Und siehe, dort oben, wo die Fahrstraße vom Oelberg herüber mündete, hielt ein Landauer! Die gute Frau Rehwald hatte den weiten Umweg gemacht, um hier ihre treulosen Gäste zu erwarten. Wie beschämend war solche Güte für Ottilie oder vielmehr für die, der man sicherlich Mitschuld gab, daß Ottilie die Fußpartie unternommen hatte. Als ob irgend Jemand von Ottiliens Angehörigen je den Versuch gemacht hätte, des verwöhnten Lieblings Wünsche zu kreuzen! Hielten doch Alle die Meinung fest, daß Ottilie nie etwas wolle, was nicht gut sei. Im Grund hatten sie Recht; dennoch war Miß Rich in Verlegenheit und überlegte ängstlich, waS sie zu Ottiliens Entschuldigung der Frau Näthin sagen könnte, deren Wagen die Vier nun schon auf hundert Schritte nahe gekommen waren. Auch Ottilie hatte die ihrer harrende Näthin bemerkt. Sie blieb jetzt stehen und wandte sich zu Miß Nich und Goldmund lebhaft um. „Mißt", rief sie, „Mißt, Liebe! Hören Sie mich! Es ist mir ein herrlicher Einfall gekommen! Sie müssen mir dabei behülflich sein. Erschrecken Sie nicht, eS ist etwas Gutes und dabei köstlich unterhaltend. Sie haben nichts zu thun, als der Frau Nehwald meinen Plan mitzutheilen u. ihn, soweit eS nöthig ist, zu vertheidigen. „Hören Sie also: Ich werde an FelicieS Stelle meines alten Meisters Lieder auf der Guitarre begleiten, indeß Felicie meinen Platz am Kaffeetisch einnimmt und Herren und Damen liebenswürdig anlächelt, die sich dabei einstellen. Sie stellen sie etwaigen Bekannten als meine Freundin vor; Fremde sollen sie aber für mich selber halten, denn ich will natürlich unerkannt bleiben und, so lange ich mein Amt ausfülle, für Herrn Goldmunds Tochter gelten. Sie selber dürfen mich nicht wieder kennen, noch anreden, bis wir uns diesen Abend in Villa Nehwald wieder finden!" „Sie wollten so etwas Unerhörtes thun? Unmöglich!" riefen Goldmund und Miß Nich wie aus einem Munde, aber mit wesentlich verschiedenem Ausdruck und Gefühlen. „Warum unmöglich?" fragte Ottilie, und aus den dunklen Augen blitzte der helle Strahl des lustigen, trotzigen Uebermuths, den Mißt nur zu gut kannte, vor dem jeder Einwand vergeblich war. „Halten Sie mich etwa für unfähig, bester Meister, Ihnen unsere lieben alten Rheinlieder würdig zu begleiten?" fragte Ottilie schelmisch Goldmund. „Nicht? Nun gut. dann gibt es kein „unmöglich" mehr bet der Sache. Frau Rehwald wird sich nicht weigern, meiner netten, jungen Freundin hier so lieb und freundlich zu begegnen wie mir selbst und mir zu lieb wein unschuldiges Geheimniß zu wahren. Es kennt mich auf dem Drachenfels, außer ihr, keine Menschenseele. Herr Goldmund wird schon mir zu Ehren so gut singen, daß er gewiß die Stelle erhält. Dafür gewährt er mir die Bitte, morgen seiner Felicie zu erlauben, daß sie ihr armes Händchen und Herzchen bei den Nonnen in Nonnenwerth pflege, wo man ihr wohl will und wohin ich sie von Frau Nehwald aus begleiten werdet Aber nun schnell zur Arbeit. Zuerst eilen wir zu dem Wagen, um mich bei Frau Nehwald für heute zu verabschieden." „Aber um Gotteswillen, Ottilie äsar!" rief Miß Rich in Heller Verzweiflung, das junge Mädchen am Rock fassend, „das ist ja Alles Tollheit, ist gar nicht ausführbar! Hören Sie nur ein vernünftiges, leises Wort: Bedenken Sie doch, Frau Rehwald erwartet Leute, die getäuscht würden. Welche Verlegenheit! Dr. Lebert z. B. wünscht, Sie kennenzu lernen; Frau Nehwald versprach —" „Ach, that sie das?" kam es von den Lippen der widerstrebend Horchenden, und ihre Augen erschienen wieder dunkel, während sie den Kopf trotzig zurückwarf. „Nun, um so schlimmer für sie und ihn; Ei so besser für mich, daß mir der Einfall zu diesem Tausch gekommen ist. Jetzt erst gefällt er mir auch um meiner selbst willen. Zuerst dachte ich gar nicht an diese Seite des Abenteuers. Mag doch der feine Herr sein Urtheil und seine Gefühle erproben. Wahrlich, eS muß mein Jncognito von Jedem heilig gehalten werden, der mich lieb hat, hören Sie, Mißi? Auf Sie rechne ich, denn ich kenne ja Ihr Herz und Ihre Freundschaft." Ehe die ungleiche Gesellschaft den Wagen erreichte, hatte sich Ottilie der Fügsamkeit ihrer Gesellschafterin versichert. „Bestes Tantchen Nehwald", begann sie, sie um- schmeichelnd. „Seien Sie recht lieb und nett mit dieser meiner Freundin. Miß Rich wird Ihnen sogleich oder später erklären, weßhalb ich diese Bitte an Sie richte, und noch die weitere dazu fügen, mein Geheimniß gegen Niemand zu verrathen. Erst heute Abend sollen Sie mich wieder kennen, und ich werde Ihnen herzlich danken. Lassen Sie meine kleine Freundin inzwischen Ottilie sein. Ich selber heiße so lange Licie." Frau Nehwald begriff nicht im mindesten, was sie Mit dem jungen Mädchen anfangen sollte, dessen Guitarre nun in Herrn Goldmunds Arm wanderte. Sie machte zögernd Platz im Wagen, lächelte süßsauer, innerlich Gott dankend, daß Gleichen Hennig in Königswinter weilte und ihre Schwäche nicht mit Augen sehen konnte. Erst als Ottilie der Fremden und Miß Ntch nicht in den Wagen folgte, dämmerte ihr ein Licht auf, daß etwas Ungeheuerliches vorgehe. Zur Salzsäule erstarrt sah sie noch, daß Ottilie ihr elegantes weißes Kaschmir- mäntelchen über den verbundenen Arm des jungen Mädchens hing und statt des rosengeschmückten Hütchens ihren eigenen breitkrämpigen Strohhnt mit der prächtigen blauen Feder auf die reichen blonden Flechten der Fremden drückte. „So — jetzt fahrt zu! Tantchen, blicken Sie ja nicht mehr nach mir sich um bis diesen Abend, bitte, o bitte!" Noch ein Handkuß, und zurück vom Wagen sprang Ottilie, das Rosenhütchen am Arm, das zu ihrer lichtblauen Blouse mit den rosa Schleifen und dem weißen Rock wenigstens der Farbe nach paßte. Der Wagen rollte davon, und es blieb den aufgeregten Insassen der Anblick erspart, wie Ottilie die Guitarre aus des Sängers Hand nahm, sie sich umhängte und dann wohlgemuth ihrem Begleiter den steilen Felspfad hinan zu der Burg folgte, als wäre sie von jeher zu der Rolle seiner gehorsamen Tochter erzogen worden. (Fortsetzung folgt.) --o-i-BM-»-- In der Portierloge. Humoristische Skizze von Gustav A. Müller. Nachdruck vttbote». Wenn man eine Umfrage versuchen würde im Kreise seiner Freunde, um deren Meinung zu hören darüber, welche Berufsmenschen die gewiegtesten Menschenkenner seien, käme man wohl zu einem ergötzlichen Resultate. Der Briefträger, der Geldbote, der Dicnstmann, die Polizei, der Kammerdiener, die Köchin; der Beichtvater, der Lehrer, der Schauspieler, — alle diese „Berufsarten" würden wohl in der Sammelliste figuriren. Ich, lieber Leser, stimme für den Portier und den Oberkellner eines großen Hotels, seitdem ich einen Tag in der Portierloge eines Münchener Gasthvfs mit psychologischer Forschung verbracht habe. So zwei Leute verfügen über eine Menschenkenntniß, die den feinsten Psychologen frappiren müßte; sie sind so erfahren in der Beurtheilung der Fremden, daß sie vor jeder Gaunerei, vor jeder Eventualität sich, soweit das Interesse des Geschäfts dies zuläßt, von vornherein zu schützen wissen; und es gibt Portiers und Oberkellner, die respectvoll vor Demjenigen den Hut ziehen würden, der im Stande wäre, sie „hereinzulegen". Das macht die Wanderschaft durch die Welt, die fortwährende Berührung mit den verschiedenstgearteteu Menschen und buntesten Verhältnissen und meist ein — angeborenes Talent. Die beste Schule zur intimeren Kenntniß der menschlichen Tugenden und Thorheiten ist die Portierloge. Ich will dies beweisen, indem ich einen Tageslauf aus derselben erzähle, von dem jeder Strich erlebt ist, wenngleich er sich vielleicht anders darstellt, als wie er erlebt ward. Es ist morgens 7 Uhr im März. Wir betreten die Parterreloge des Portiers. Der Jourhabcnde sortirt die eingelaufenen Briefe. Die Postkarten, oft süß-dis- cretcsten Inhalts, liest er zum Frühstück. Eine Karte ist an das Hotel selbst adressirt; er liest, lächelt und streckt uns das Corpus äslioti hin. Wir lesen auch und lachen. Es ist eine Zimmerbestellung von köstlicher Unbestimmtheit: „Falls es nächsten Donnerstag schönes Wetter ist und ich dann von zu Hause abreisen darf, und falls ich dircct nach München fahren sollte, bitte ich Sie, mir bestimmt ein Zimmer zu rescrviren. Ich bitte um postwendende Antwort." Der Portier ist gut gelaunt und schreibt die Antwort folgendermaßen: „Falls Sie zu besagter Zeit reisen dürfen, können und wollen, falls Ihr Zug hier eintrifft und Sie anssteigen, und falls noch ein Zimmer bei uns frei sein sollte, werde ich Ihnen, wenn möglich, ganz bestimmt ein solches re- servirt halten." Eine weitere Karte an das Hotel. . . Lesen und Lachen.Treffe morgen Nacht zehn Uhr ein, reise früh 6°° Uhr weiter, und bitte um ein son- 386 nigeS Zimmer." Ein dritte Karte. . . Lesen und Lachen . . . „Komme nächsten Montag Abend an, be- stelle hiemit ein Zimmer, ein GlaS Bier und die Rechnung." Das genügt vollkommen dazu, daß die angemeldeten Gäste dem Portier vortrefflich bekannt find, ehe sie nur kommen. Die Uhr schreitet weiter. Die Früheren der dreihundert Gäste kommen bereits zum Frühstück . . An der Portierloge gehen sie nicht vorbei, es muß etwas gefragt werden, ob es gleich selbstverständlich ist; es muß etwas gesagt werden, das den Portier gar nicht interessirt; man muß etwas wissen, was kein Mensch weiß: und der Portier hört und spricht, und indem er spricht, ertheilt er dem Frager eine Lection, die dieser aber gar nicht versteht. Ist etwas für mich da? — Welche Nummer? — 36. — Nein; was immer kommt, wird an Ihre Nummer gehängt? — Hängt nichts daran? — Wie Sie sehen, nein! — Zweiter Gast: Ist dort das Frühstückszimmer, wo es angeschrieben steht? — Zweifellos. — Portier, wissen Sie, ob es jetzt in Bozen schneit? — Nein? — Aber das sollten Sie doch wissen. Wieviel Grade hat eS heute dort? Das wissen Sie auch nicht? Höchst primitive Einrichtung! — Ei, Herr Portier, ist vielleicht vor vier Wochen ein Herr hier über Nacht gewesen, der einen grauen Koffer hatte, wie ich? — Wie war sein Name? — Den weiß ich nicht, aber sein Koffer war grau wie der meine. — Dann kann ich Ihnen nicht dienen. — Was? Sie wissen nicht einmal, wer hier wohnt? Eine saubere Ordnung! — Herr Portier, ich gehe jetzt zum Frühstück! — Schön! — Portier, soll ich heule oder erst morgen reisen? Was würden Sie thun? — Sagen Sie, Herr Oberkellner, liegen die blauen Husaren in Bonn? — Bitte, Herr Portier, ist die alte oder die neue Pinakothek interessanter? — So wechseln in fast närrischer Fülle die neugierigen Fragen ab, die ein geplagter Portier alle möglichst „wissenschaftlich" beantworten soll. Wir verzeihen ihm, wenn er einem scheuen Reisenden auf die Frage, ob die — einzige Treppe, die überhaupt in Betracht kommen kann, „hinaufführe", etwas malitiöS erwidert: „ja, aber auch wieder herunter!" — - Ueberaus lästig werden die zahlreichen Reise-Onkels, die jährlich mehrmals wiederkehren und deßhalb sich so ganz wie zu Hanse geriren. Stundenlang nöthigen sie den Portier, ihre faden Witze und zweifelhaften Reiseabenteuer anzuhören oder ihre Tagespläne zu vernehmen: ein gewandter Portier hört sie schon nimmer an, ohne es merken zu lassen. Aber — er denkt sein Theil über die moralische und geistige Bedeutung seiner Gäste, die da meinen, vor einem „Hotelbediensteten" sich nicht blamiren zu können. Während wir diesen Welterfahrungen unseres Portiers lauschen, betritt ein gelehrt dreinschauender älterer Gast die Loge und prüft das medicinische Wissen unseres Wächters: „Was meinen Sie, Portier? Wird ein warmes oder ein kaltes Bad mehr aus meinen Appetit wirken?" — „Das weiß ich wirklich nicht, mein Herr!" — Aergerlich schüttelt der Fragende sein unbelaubtes Haupt und geht mit der verächtlichen Replik dann weiter: „Ach, verstehe nicht, wozu Sie dann Bäder im Hause haben!" Ein Schnellzug ist angekommen. Eine Völkerwanderung so minintnis wälzt sich heran, die Bagage schleppen keuchende Hausknechte. Nun heißt es für den Portier: organisiren, allerlei Wünsche anhören, Gepäckträger entlohnen, Briese suchen und ein offenes Auge dafür haben, wer mit und ohne Gepäck anlangt. Zu den Gästen mit federleichtem Gepäck gehört ein Herr, dem man den jovialen Studiosus auf hundert Schritte ansieht. Er hat ein Päcklein in der Hand, das er mit der gebietenden, unverwüstlichen Laune eines fahrenden Scholaren und mit den stolzen Worten übergibt: „Lassen Sie mein Gepäck anf's Zimmer bringen." Viel mehr als ein Papierkragen ist nicht in der Hülle, und unser Portier hätte nicht übel Lust, dem pnnpsr stuäiosus auf die verschämte Frage nach dem nächsten Dienstmann auch gleich die Adresse des nächsten — Leihamts zu sagen. Ein Bruder Studio findet aber leicht Credit, und darum wird er auch hier mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen. Auch ein avisirtes Hochzeitspaar ist, ein schamhaftes Roth auf den Wangen, soeben eingetroffen. Nach kurzer Toilette erscheint es wieder unten. Der junge Herr naht sich schüchtern, fast unterthänig der Portierloge und verbeugt sich tief, indem er den Zimmerschlüssel abgibt. Dann ertönt die verblüffend ergebungsvolle Frage an den Portier: „Gestatten Sie, daß ich mit meiner Frau vor Tisch noch ein wenig zur Stadt gehe?" — „Aber mit Vergnügen, mein Herr", lautet der gnädige Bescheid. Ein dankbares Complimeut — das der Portier respektvoll erwidert. Von einem solch kühnen und rcise- kundigen jungen Ehemann ist ein gutes Trinkgeld sicher . . . Mit der Fremdenschaar ist auch ein einfach gekleideter Geistlicher angekommen. Ein biederer Landpfarrer, denkt der Portier mit uns. Diese Herren lieben das Schlichte, Billige ... ein Zimmerchen nach hinten im vierten Stock ist wohl das Richtige. Dahin geleitet der Bursche den alten Herrn, dem das Steigen nicht sehr anmuthig erscheint. Ein sauberes, aber enges Gemach mit Ausblick auf die Waschküche . . . Kostet auch nur 1 M. 50 Pfg. Name, Stand, Herkunft. . . Der Bursche bringt das Buch und die Karte herunter und entgeht mit knapper Noth einer Ohrfeige des fassungslosen Portiers: „Monsignor N. N., Erzbischof von N., päpstlicher Thron-Assistent." Buchstäblich steht so zu lesen; die Verlegenheit ist entsetzlich, dem angebotenen Zimmer gemäß. Da tritt der „biedere Landpfarrer" in den Speisesaal, der Portier eilt ihm ehrfurchtsvoll nach: „Verzeihen Euer Gnaden, ich konnte unmöglich ahnen, wer uns in Ihrer hohen Person die Ehre gebe — ich befehle sofort einen Salon im ersten Stock." — „Warum nicht gar!" ist die lachende Antwort. „Ich bin plötzlich auf den Gedanken gekommen, hier einen Tag zu bleiben. Den hochwürdigsten Nuntius kann ich nun freilich nicht auf meinem Zimmer empfangen. Doch was thut's? Ich gehe eben zu ihm, und für mich ist das Zimmerchen doch groß genug." Diesmal hat also unsern Psychologen die Treff, sicherheit verlassen, und der nächste wirkliche „biedere Landpfarrer" riskirt, daß er statt eines erwünschten billigen Zimmers im vierten Stock einen Salon erster Güte erhält und daß sein Eintrag „Chrysostomus Gäble, Pfarrer von Durlesbach" für das bescheidene Jncognito eines Fürstbischofs ungläubig belächelt wird. So gcht's den ganzen Tag iu inLuiiuru weiter. Ich frage den Leser: lernt man so die Welt und die — S87 Menschen nicht kcNltett, und erfährt man dabei zum Mindesten nicht, wie man — nicht reisen soll? -»— Aus der Geisterwrlt. In Berlin sprach vor einiger Zeit ein Herr Karl Wald über den Spiritismus und seine Bedeutung. Danach ist der Spiritismus eine exakte Wissenschaft, und zwar Naturwissenschaft auf dem Boden der Experimente. Der Spiritismus — so erklärte der Vortragende nach einem Referate der Berliner „Germania" — lehrt zunächst, daß der Mensch nicht bloß ein Produkt deS Stoffes ist, sondern daß sich in dem Menschen, umkleidet vom Stoff, ein Geist befindet, und daß dieser Geist unsterblich ist. Der Spiritismus steht allerdings nicht auf dem Standpunkte derjenigen, welche den Geist nach dem Verlassen des Körpers entweder ins Paradies oder in die Hölle eintreten lassen, sondern er steht auf dem dar- winistischen Standpunkt aufs Geistige übertragen: daß der Geist sich erst allmählich, aber sicher zur größten Vollkommenheit entwickeln muß. Der Spiritismus lehrt auch den Glauben an Gott, ohne sich indessen direkt für den persönlichen Gott Zu erklären, obwohl er zugibt, daß dersebe existieren kann. „Nur der Spiritismus", so führte der Redner aus, „lehrt die Unsterblichkeit des Ichs aus Erfahrung, und das ist es, worin die größte Bedeutung dieser Wissenschaft liegt. Daß der Geist des Menschen wirklich fortlebt in einem ewigen Leben, sagt auch die christliche Religion schon; aber die schönen Worte genügen nicht mehr bei der fortgeschrittenen Wissenschaft. Wir wollen nicht bloß hören, wir wollen auch wissen. Der Redner führte dann aus, daß der Spiritismus nichts Neues sei, daß er im Alterthum, im Mittelalter bis in die neue Zeit hinein als Geheimlehre gelebt habe. Nach seiner Ueberzeugung waren die weisen Frauen der alten Germanen Medien, die in stetem Verkehr mit den Geistern standen. Dieselben vererbten ihre Fähigkeiten weiter, bis im Mittclalter durch die schreckliche Verfolgung und Vernichtung der sogenannten Hexen, die unzweifelhaft auch Medien gewesen feien, die fähigsten Vermittler des Verkehrs mit den Geistern ausgestorben seien. Der Redner verglich dann das Telephonieren ohne Draht mit dem spiritistischen Verkehr mit den Geistern. Um die Verbindung mit der Geisterwelt zu erlangen, bedürfe der Mensch sehr feiner Organe, die mit dem Tode dem Körper entflohene Kraft könne uns nicht mehr Mittheilungen machen, die mit den leiblichen Ohren zu hören feien. Nur eine gewisse, noch unbestimmte, höchst empfindliche psychische Kraft, die von dem Medium ausgehe, könne die Verständigung bewirken. Der Redner kam dann auf das bekannte Tisch- rücken zu sprechen. Setzt sich das Medium an einen Tisch, um mit den Geistern zu verkehren, so hört man bald Klopftöne, aus welchen das Medium, wie der Telegraphist aus seinem Apparate, Worte, bezw. Buchstaben heraushört. Stellt sich das Medium 3 oder 4 Schritte vor den Tisch und fordert diesen auf, zu kommen, so bewegt sich der Tisch zu dem Medium hin. Der Spiritismus erklärt dies durch das Einwirken einer „verborgenen intellektuellen Kraft in nicht tellurtscher Materie". Welche Art diese Kraft ist, hat noch nicht festgestellt werden können. Sie existiert aber und muß beachtet werden. Man nimmt an, daß es durch das Einwirken eines Geistes vom Jenseits, vielleicht vom Mars, von der Venus oder einem andern Stern, geschieht, gleichzeitig stellt man es aber noch in den Bereich der Möglichkeit, daß die Erscheinung ein Ausfluß der Psyche deS Mediums selbst, eine psychische Kraft, die aus dem Individuum selbst entströmt, ist. Aehnlich verhält es sich mit den Phantomen selbst. Auch über diese hat der Spiritismus noch nichts Definitives festgestellt. Am Schlüsse betonte der Redner das Glück, welches schon Millionen im Spiritismus gefunden hätten. Viele, die an nichts «ehr geglaubt hätten und dem krassesten Atheismus anhingen, seien durch ihn gerettet worden. Man wolle keine neue Religion stiften. „Bei uns kann jeder nach seiner Fa?on selig werden. Wir haben nur die Wissenschaft mit zwingend überzeugenden Experimenten dahin geleitet, daß sie zugeben muß, daß das Leben doch etwas anderes ist, als das Dasein einer vorübergehenden Eintagsfliege, daß dieses Fühlen in der Brust, diese Unsumme von Licht nicht für nichts da sein kann. Wir haben wissenschaftlich nachgewiesen, daß der Mensch einen Zweck hat, da zu sein, daß der Tod nur ein Uebergang ist zu einem anderen Leben — wenn wir dies auch nicht gleich zu einem himmlischen machen. So der spiritistische Redner. Die bedeutenden Namen, welche sich unter den gelehrten Vertretern des Spiritismus finden, lassen den naheliegenden Verdacht, daß alles Schwindel sei, nicht aufkommen, wenngleich der Spiritismus von Schwindlern vielfach ausgebeutet wird. Was die Behauptung des Spiritismus angeht, daß durch ihn wissenschaftlich die Unsterblichkeit der Seele nachgewiesen sei, so ist dieser wissenschaftliche Beweis doch noch nicht vollständig erbracht. Die Möglichkeit, daß die bei dem Auftreten der Phantome wirkende verborgene intellektuelle Kraft eine psychische Kraft ist, die aus dem Individuum selbst entstammt, erscheint noch nicht ausgeschlossen. Dem spiritistischen Beweise der Unsterblichkeit der Seele ist daher kein großer Werth beizumessen. Der neuere Spiritismus verdankt überhaupt seine große Ausbreitung nur dem Streben des sinnlichen Menschen, immer handgreifliche Belege für seinen Glauben zu haben. Seine vielen Millionen Anhänger zählt er in jenen Kreisen, welche den echten Glauben verloren haben. Die Möglichkeit der Erscheinungen Verstorbener kann nicht in Abrede gestellt werden. Das wirkliche Erscheinen kann aber nicht in der Gewalt der Lebenden liegen. Es ist nur unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Vorsehung im Leben Christi und der Kirche zu erklären und kann nicht der Neugierde, sondern bloß höheren Zwecken dienen. Gott gebraucht aber in der Regel gewöhnliche Mittel zur Ausführung seiner Zwecke. Andernfalls würden diejenigen Recht erhalten, welche alle spiritistischen Erscheinungen der Einwirkung des Teufels zuschreiben. Schon der heilige Thomas bemerkt: „Wie AugusttnnS und Chrysostomus sagen, verstellen sich die Dämonen oft als Seelen der Verstorbenen." -—..-SÄM-S--'-- Allerlei. Der ehemalige französische Hauptmann Dreyfus, der seiner Zeit wegen LandesverrathS auf Lebenszeit deporttrt wurde, bewohnt zur Zeit die öde Teufelsinsel (Jle du Diable), auf der sich außer ihm und sechs Wächtern kein einziges menschliches Wesen befindet. Auf dem allerdings sehr beschränkten Raume der Insel, die in zwei Stunden leicht rund um und um begangen werden kann, darf er sich frei und ungehindert bewegen. Nur beim Herannahen des Bootes, das von der benachbarten Königsinsel (Jle Noyale) Lebensmittel bringt, wird der Dcportirte in eine Hütte gesperrt, die er erst verlassen darf, wenn das Boot bereits abgesegelt ist. Da sonst kein Schiff in die Nahe der TeufelSinsel kommt, so ist jeder Fluchtversuch ausgeschlossen. Durch Schwimmen könnte freilich leicht das Ufer einer benachbarten Insel erreicht werden. Aber eine große Anzahl von Haifischen halten furchtbare Wacht um die Insel, so daß der Fluchtversuch durch Schwimmen dem Selbstmorde gleichkäme. So ist denn vorläufig jede Hoffnung auf Entrinnen für den Ver- urtheilten abgeschnitten. Gegen 18 Stunden im Tage verbringt der Unglückliche in seinem Bette, da er seine Zeit nicht todtzuschlagen vermag, obwohl ihm das Lesen aller Bücher freigegeben ist. Die Wächter haben den strengen Auftrag, kein Wort mit ihm zu wechseln, und sie kommen dieser Verordnung gewissenhaft nach. Käme der Arzt nicht manchmal von der Königsinsel herbei, um den Gesundheitszustand von Dreyfus zu prüfen, so hätte dieser seit Jahresfrist nicht mehr den Laut einer menschlichen Stimme vernommen. Der Arzt zeigt sich aber humaner und leistet DreyfuS oft Stunden lang Gesellschaft. In seinem Acußeren ist der ehemalige Artillerie-Hauptmann sehr verändert. Der Bart, den er sich wachsen ließ, ist ganz weiß und macht ihn völlig unkenntlich. Er erhält und betreibt eine eifrige Korrespondenz mit den Mitgliedern seiner Familie. Jedoch sind sowohl die Briefe, die er schreibt, wie diejenigen, die er erhält, der Durchsicht durch den Oberwächter unterworfen. * Elektrische Bahnen. Die Verdrängung der Pfekde-Eisenbahnen durch elektrische Bahnen ist eine bekannte Thatsache; eben so bekannt ist, daß diese Verdrängung einen immer schnelleren Gang annimmt. Weniger bekannt dürfte jedoch sein, daß in Europa bei weitem Deutschland an der Spitze dieser Umwälzung steht. Im Jahre 1895 ist in Europa die Zahl der im Betriebe befindlichen elektrischen Eisen- und Straßen-Bahnen von 70 auf 111 gestiegen, ebenso ihre Gesammtlänge von 700 auf 902 Kilometer, die Leistungsfähigkeit der Central- Stationen von 18,150 auf 25,095 Kilowatt und die Zahl der Motorwagen oder Locomotiven von 1236 auf 1747. Von den 902 Kilometer Gesammtlänge entfallen nicht weniger als 406 auf Deutschland. An zweiter Stelle sieht Frankreich mit 132, an dritter England mit 94 Kilometer; dann folgen Oesterreich-Ungarn (71 Km.), Schweiz (47), Italien (40), Spanien (29), Belgien (25), Irland (13), Rußland (10), Serbien (10), Schweden- Norwegen (8), Bosnien (6), Rumänien (5), Holland und Portugal (je 3). Die Zahl der Motorwagen beträgt in Deutschland 857 (die Gesammtleistungsfähtgkeit 7194 Kilowatt), in Frankreich 225 (4490), in England 143 (4243), in Oesterreich-Ungarn 167 (1949), in der Schweiz 86 (1559), in Italien 84 (1890), in Spanien 26 (600), in Belgien 48 (1120), in Irland 25 (440), in Rußland 32 (540), in Serbien 11 (200), in Schweden- Norwegen 15 (225), in Bosnien 6 (175), in Rumänien 15 (140), in Holland 14 (320), in Portugal 3 (110). Dänemark, Griechenland und Bulgarien haben noch keine elektrischen Bahnen. Am meisten verbreitet ist das System oberirdischer Strom-Zuführung mit Contactwelle; Anlagen mit unterirdischer Strom-Zuführung gibt es nur drei, und zwar je eine in Deutschland, Oesterreich-Ungarn und England. Neun Linien haben das System der Mittelschiene, darunter keine in Deutschland, acht den Accumu- latoren - Betrieb, davon ebenfalls keine in Deutschland. * Eine rührende Episode behandelt ein Gedicht deS greisen Schriftstellers Ferdinand Franke l. LnS letzte GlaS.*) ES kommt so mauLer Gast zu mir, Zur Post oft nach Seeöhaupt, Und macht sich ein Vergnügen hier, Wie's Brauch ist überhaupt. — Doch einmal fuhr ein Wagen vor, Vergeß's mein Leben nicht, Ein traurig Antlitz schaut hervor, Voll Wehmuth zu mir's spricht: Bringt ein Glas Wasser mir heraus, Das letzte wohl — mein König trank es aus! Das Glaö hat für mich großen Werth, Ein Kleinod bleibt es mir, Mein König hat nach ihm begehrt, D'rum bleibt's des Hauses Zier. Bevor in's Wellengrab er sank, Von Geistesnacht umhüllt, Nahm er daraus den letzten Trank, Sein Wunsch ward ihm erfüllt. Und seine Thräne siel hinein — Eine Perle soll dem Glas sie sein! D'rum schätz' ich dieses Glas so hoch, Als Kleinod für mein HauS, Ein Schatz bleibt es dem Enkel noch, Mein König trank daraus! — Ein Fürst, der von dem Volk geliebt, Wohl Keiner so wie Er! D'rum bin ich heut' so tief betrübt, Zehn Jahre ist's nun her, Da kam zuletzt er vor mein Haus, Das letzte Glas, mein König trank's hier aus! *) Am 12. Juni 1886 war es, als der König früh 4Uhr von der hohen Staatscommission in Hohenschwaugau abgeholt und nach Schloß Berg überführt wurde. Eine Menge Volkes hatte sich zu diesem Akte in Hohenschwaugau angesammelt. Bezirksamtmann Sonntag hielt mit der kgl. Gendarmerie die Ordnung aufrecht. Die allgemeine Theilnahme für den viel' geliebten König und Landesvater war groß und sichtbar. Um 4'/4 Uhr früh erfolgte die Abfahrt. Die ganze Fahrt verlief ruhig. In Seeöhaupt wurde um 10 Uhr 30 Minuten Vormittags Halt gemacht. Der König wurde von den versammelten Ortsbewohnern und Sommerfrischlern ehrfurchtsvoll begrüßt und dankte in freundlichster Weise. Hier verlangte Seine Majestät ein Glas mit Wasser, welches dein König durch die Frau deS Herrn Posthalters Vogl überreicht wurde. Dieses letzte Glas bildete den Stoff sür daS vorstehende Ge- dicht des greisen Volksdichters F. Fränkel. Auflösung der Schach-Ausgabe in Nr. 52: Weist. Schwarz. 1. D. 66-L8 V5-04: 2. D. L8—08 (eS droht 3. S. 04—02 oder 05:ch und 4. D. 08-05 Matt. 3. D. 08-05-j- 4. L. L1—02 Matt. K. 03-04: K. 04-05: L. 1 . 2. S. 03—vif 3. S. O1-O3f 4. D. 08-^8 Matt. L2-L.1 D. K. 03—04 05-64: (Dill. 1. 06—05 2. S. 03-vl-j- K. 03—04 3. S. 04-06-j- (wie bei L) 4. wie bei L Matt. Andere Varianten leicht. --SWiWS-