M „Augsburger PostMung". « 52 . Dinstag, den 23. Juni 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Carl) Groß. (Fortsetzung.) III. Der Wirthschaftspächter vom Drachenfels musterte zufrieden die Anzahl seiner Gäste, die schon in früher Nachmittagsstunde Bergbahn und Wägen heraufbefördert hatten und die besten Tischen auf den geräumigen Terrassen besetzt hielten. Die bald in noch größerer Menge erwarteten Fußgänger würden sicherlich alle übrigen Plätze einnehmen. Dabei wunderte er sich, daß die bei ihm hochangesehene, gastfreie Räthin Rehwald mit ihrer Gesellschaft sich am äußersten Rand der obern Terrasse an einem Tische niedergelassen hatte, der meist wegen Zugluft und Sonne gemieden war, den vom Wirth ihr bewahrten Platz verschmähend, den sie doch sonst vorzog, wo sie zugleich Schatten, Aussicht und die Lieder des Burgsängers hätte genießen können. Ja, sie hatte verdrießlich ' und verwirrt ausgesehen, als der geschäftige Wirth ihr zuraunte, es debütire heute ein berühmter Musiker, der von einer bildhübschen Tochter begleitet werde, die vermuthlich auch ein Lied zum Besten gebe. Der Alte hatte bereits für seinen ersten Vortrag großen Beifall geerntet. Noch sonderbarer war, daß die Rälhin heute nur Kaffee bestellte und nichts von einer Pfirfichbowl verlautete, vielmehr einschärfte, die Pferde sollten gut gefüttert werden, um zu baldiger Weiterfahrt bereit zu sein. — Indeß hatte der Drachenfelssänger schon mehrere Lieder gesungen, die laut beklatscht wurden. Goldmund fühlte sich beglückt und gehoben. Reminiscenzen an einstige Triumphe belebten sich in dem verborgenen Herzenswinkel, wo sie, gleich welken Lorbeerkränzen, aufgespeichert ruhten. Stolzer erhob der Alte das lockenumwehte Haupt. Daß der Klang seiner Stimme zurückgekehrt war, wagte er sich nicht einzureden; aber er nahm an, daß seine Schule und sein Vortrag von dem guten Accompagnement seiner Begleiterin unterstützt, heute zur Geltung kamen. Hatte er doch alle Feinheiten der Compositionen beobachtet und dort, wo keine vorhanden waren, sie hineingelegt. Er hatte das: „O Rhein, mein Rhein, mein schöner Rhein", mit rührender Innigkeit gesungen und voll Enthusiasmus die verwitterten Reste des Drachenfels als größte Rhetnherrlichkeit gepriesen. Goldmund fühlte sich also berechtigt Beifall anzunehmen und dachte nicht entfernt daran, daß er ihn dem schönen Mädchen neben ihm verdanke. Die Lautenschlägerin that aber auch gar nicht dergleichen, als habe sie den mindesten Theil an des Sängers Erfolgen. In sich gekehrt, sprachlos, verschüchtert saß sie da, wie die wirkliche Felicie es nicht mehr hätte sein können; Wangen und Stirn waren mit Roth überflogen, das nicht aus Beschämung, sondern von Zorn über Verletzung ihres Zartgefühles hervorgerufen worden war. Sie suchte zu verbergen wie ihr zu Muth war und hatte deshalb das abscheuliche Hütchen tief in die Stirne gedrückt das sie erst aufsetzte, als Vorübergehende ihre Goldhaare und ihre dunklen Augen laut bewunderten. Leider wirkte das Hütchen mit seinen Flitterrosen erst recht als wie das Aushängeschild einer echten Bänkelsängerin, so daß Schmeichelworte immer freier um Ottilie laut wurden. Gar bald schon, nachdem sie ihren Platz neben Goldmunds Notenpult am Sängertisch der obern Terrasse eingenommen hatte, war ihr das Bedenkliche ihres Unterfangens klar geworden. Ihr Muth sank und mit ihm die frohe Laune. Sie hatte nicht geahnt, daß man ihr je — in ganz anderer Weise nahen werde, als zu Haus bei ihrem, sie zwar vergötternden, aber sorglich schützenden Vater. Dort wurde zwar auch ihrer Schönheit gehuldigt, aber diskret, vorsichtig. Man wußte ja, daß sie beanspruchte, ebenso wenig dieses, nur äußeren Vorzugs wegen aufgesucht zu werden, als um ihrer Glücksgüter willen. Mit einem Schlag sah sie sich nun in eine ganz andere Welt versetzt, als die sie bisher gekannt hatte. In der über Erwarten zahlreichen Menge der Lustfahrcr waren junge Männer genug, die weder durch feine Sitte, noch durch Hochachtung des weiblichen Geschlechtes sich auszeichneten. Sie wähnten, plumpe Huldigungen würden von jeder Frau gerne angehört und dürften ohne Rücksicht einer wandernden Mustkantin geboten werden, deren Erscheinung Aufsehen erregte. Nie hatte Ottilie geglaubt, daß es so lästig sei ein schönes Gesicht und eine schöne Gestalt zu haben, als jetzt, wo sie ihr aufdringliche Bewunderung zuzogen. Zornig hatte sie aufgeblickt, als zuerst ein Vorübergehender sie mit „Holde Schöne" anredete. Aber ihre Augen senkten sich rasch wieder, nicht nur weil sie bemerkte, daß sie vom arglos lächelnden Goldmund keinen Schutz erwarten konnte, sondern auch, weil ihr gegenüber ein frecher Jüngling laut ausrief: „Donnerwetter, welche Augen! Es blitzt ja drin wie beim Gewitter l" — 390 Der alte Goldmund hörte diese Reden nicht. Der Blick in sein zufriedenes Gesicht hatte Ottilie rasch belehrt, wie viel ihm der Beifall werth war, den er sich allein zuschrieb. Sie sagte sich, daß sie durch Auflehnung gegen Huldigungen statt ihm zu nützen, ihm schaden würde. Wollte sie ihrer großmüthigen Absicht getreu bleiben, so mußte sie die unbedachten Folgen ihres Schrittes ertragen. Es regte sich auch das muthtge Trotzgefühl ihres Herzens wieder. Hatte ihr Wille schon oft gegen kalte Erwägungen gesiegt, bisweilen sogar zum Nachtheil Mancher, so konnte und sollte es diesmal auch sein, wo es galt ein gutes Werk durchzuführen. Daß sie das Gute auf andere Weise hätte thun können, war ihr nicht eingefallen. Jetzt wollte sie die verspätete Einsicht nicht mehr in Beachtung nehmen. Niemand sollte erfahren wie bald sie ihren raschen Entschluß bereut hatte, am wenigsten Frau Rehwald. Sie wollte das süßsaure Lächeln nicht sehen, mit dem diese sagen würde: „Es war Ihres distinguirten Vaters, eines Professors nicht würdig, soweit hinabzusteigen!" Lieber wollte sie taub und blind sein für weitere Ungehörigkeiten. — So gut wie möglich suchte Ottilie sich hinter Tischen und Stühlen im Schatten Goldmunds und seines Notenpults zu bergen, bemühte sich, recht gleichgiltig und gelangweilt auszusehen beim übermäßigen Beifall muth- williger Hörer, der offenbar nicht dem Sänger galt, obgleich er mit immer größerem Aufwand von Gefühl und Leidenschaft seine abgedroschenen Rheinverherrlichungen sang. Wenn nur Frau Rehwald nicht in die Nähe kam, oder gar Miß Rich I Die Gute wäre im Stande, herbeizueilen, um Ottilie aus der Verlegenheit zu retten. Noch hatte diese Felicie und die Damen nirgends erspäht und ebensowenig ihren Bruder Ottmar, den Bonner Studenten, der gegen Abend auf den Drachenfels zu kommen versprochen hatte, ein Umstand, der Ottiliens Jncognito übel gefährden konnte! Jetzt ergab sich durch Verschiebung einiger Tische und Aufstehen mehrerer Gäste ein Durchblick durch die Menge zum entgegengesetzten Ende der obern Terrasse. Dort unter der Linde, deren Schatten durch einige Zeltvorhänge vergrößert war, gewahrte Ottilie mit Herzklopfen den hochgethürmten Spitzhut mit den gelben Akazien- blüthen der Frau Räthin. Sie thronte inmitten einer zahlreichen Gesellschaft, die sich um ihren Tisch gereiht hatte. Auch Miß Rich ward sichtbar. Sie und Frau Rehwald saßen mit dem Rücken gegen Ottilie gewendet. Sicher war das nicht zufällig geschehen; dagegen sah Ottilie in das schmale Gesichtchen von Goldmunds echtem Töchterlein. Es kam bisweilen unter der himmelblauen Hutfeder zwischen den Schultern von Miß Rich und ihrer Nachbarin zum Vorschein. Die Kleine schien zuzuhören, kurze Antworten zu geben auf die Reden eines neben ihr sitzenden Herrn. Diesen konnte Ottilie gut sehen; er war groß, beugte den langen Rücken, der in einem tadellos eleganten Sommerrock stak, unermüdlich, um dem kleinen Fräulein Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er hatte ein langes, fahles Gesicht, vom dunkelschwarzen Henriquatre noch verlängert. Das mußte der Frau Rehwald interessanter Doktor sein! Ottilie erkannte ihn nach einer Photographie, die sie bei seiner Gönnerin gesehen hatte. Mit dieser Erkennung kehrte Ottiliens Lustigkeit zurück und half ihr über die Schrecken der Gegenwart hinweg. „Wenn Dr. Lebert sich dort drüben unter der Linde in meine Stellvertreterin verliebt", dachte sie belustigt, „so ist der Beweis geliefert, daß auch ein anderes Genre, als das meinige, ihm gefallen kann, und Frau Rehwald kann dagegen ihre Behauptung aufrecht halten, vr. Lebert strebe nicht nach Mitgift, wenn er der kleinen Felicitas auch morgen noch die Cour macht." Ottilie hätte laut auflachen mögen, wenn sie sich vorstellte, welche Sorge der Irrthum vr. Leberts im jetzigen Augenblick der armen Räthin bereite, die sicherlich kein Mittel fand unter der Bewabung von Miß Rich ihren Günstling aufzuklären. — So gut Ottilie im Allgemeinen die Meinung der wohlwollenden Räthin zu schätzen wußte, diese Belehrung und kleine Angst gönnte sie ihr für ihr aufdringliches Heirathsttften. — Völlig erheitert griff sie wieder zur Guitarre als Goldmund sie darum ersuchte und präludirte mit kräftiger Hand. Sie beachtete ihre nächste Umgebung gar nicht mehr, suchte nur die Gesellschaft unter der Linde, so gut es anging, im Auge zu behalten. Mehrfach wechselten die Besucher der Terrassen. An Stelle Fortgehender kamen neue Zuhörer. Unter Letztem waren auch mehrere Bonner Corpsstudenten. Sie hatten eine Tour in die Berge gemacht und kamen etwas angeheitert, folglich zu Uebermuth geneigt, auf dem Drachenfels an, um dort zu rasten. — Auf der tieferen Terrasse, just unterhalb des Standorts des Sängers, hatten sie Plätze eingenommen, ohne daß Ottilie es beachtete. Auch Goldmund sah sie erst, als er mit dem Sammelteller, über dem ein Notenblatt gelegt war, die Runde an den Tisch machte. „Alte Lerche, hat Dein lahmer Flügel Dich bis auf diese Höhe getragen, so begieb Dich wieder in Dein Nest!" apostrophirte ihn einer der lautesten von den Ankömmlingen. „Siehst Du nicht, daß Du überflüssig bist, jetzt wo eine ganze Schaar Rohrdommeln hier eingefallen sind >und nach ihren eigenen Schnäbeln singen und flöten werden. Du kannst zwar mitpfeifen, wenn Du willst, aber unentgeltlich. Silberfedern haben wir nicht und lassen uns auch nicht rupfen." Beschämt und unmuthig wandte sich der alte Sänger von dem ausgelassenen Burschen hinweg. Während er sich einen Weg durch das Stuhllabyrinth bahnte, flüsterte ein Kellner einem der Studenten etwas ins Ohr. Dieser sprang rasch auf einen Stuhl, um die obere Terrasse besser zu übersehen. „Tausend und eins, die ist freilich schön!" rief er laut und winkte den Kameraden seinem Beispiele zu folgen. „Der schönen Tochter zu lieb mag der Alte sammeln. Wir lassen der Jungen für ihre Prachtaugen einen Salamander steigen. Wollt Ihr?" „Einverstanden!" schrien belustigt die Andern, die gleichfalls auf Stühle gestiegen waren und neugierig nach Ottilie blickten. „Meinetwegen kannst Du singen, Alter, Deine abgedroschenen Rheinlieder oder was Du willst", rief der erste Sprecher, dem die Uebrigen zustimmten, „aber Dein holdselig Töchterlein muß auch singen; dafür erhältst Du einen blanken Thaler aus der Veretnskasse I — Hier ist er schon bereit für Dich. Geh' und sag' ihr anzufangen." Im alten Sänger erwachte, ob der rohen Scherze, das künstlerische Würdegefühl früherer Tage. Zugleich regte sich in ihm das Bewußtsein, daß er ritterlich einzutreten habe für das Mädchen, das sich unter seinem Schutz befand, ob sie seine Tochter war oder nicht. Er verwechselte ohnehin, seit ihm der Erfolg und ein 391 paar Gläser Wein zu Kopf gestiegen waren, die Identität der Mädchen. „Wer hier singen soll, darüber entscheidet doch wohl der Direktor des Etablissements, der mich berufen hat", sagte er, mit einer Geberde voll Stolz das Geldstück zurückweisend. „Meine Tochter braucht hier nicht zu singen. Sie ist für's Kloster erzogen und nicht für's Wirthshaus." „Für's Kloster? Hört! Der alte Narr! Ist hier oben ein Kloster? Ist sie vom Nonnenwerth drunten herausgeflogen? Ein schöner Vogel ist sie allerdings. Wäre schade für sie, im Kloster zu bleiben. Wer will Ritter Toggenburg sein?" So schwirrten Gelächter und lustige Reden durcheinander, spottend blickten die jungen Leute dem Alten nach, der, sich in die Brust werfend, langsam nach seinem Platz zurückkehrte. Ottilie hatte nichts von diesem Vorgang bemerkt. Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite gelenkt worden. Sie hatte dort den Namen der Frau Räthin Rehwald nennen hören, und zwar von Herren, die ganz in ihrer Nähe einen Tisch aufsuchten. Ihr däuchte zu hören, daß sie dieser Ostseite der Terrasse den Vorzug gaben, weil die Räthin am andern Ende saß. Sie hatten also das gleiche Interesse wie Ottilie selber; drohte hier die Gefahr, mit Bekannten zusammenzutreffen? Sie faßte die Ankömmlinge in's Auge. Beide waren ihr unbekannt. Der jüngere, der noch nicht gesprochen hatte, mochte Anfang der Dreißig sein. Er hatte ein geistreiches, feingeschnittenes Gesicht, blickte mit lebhaften, fröhlichen Augen um sich, hatte gewandte, jugendliche Bewegungen. Er war der Typus eines Rheinländers, dessen natürliche Anlagen durch feine Sitten und geistige Bildung veredelt und erhöht sind. Der ältere Herr glich ihm ein wenig, war aber größer und weniger verfeinert in Kleidung und Haltung. Er mochte ein Künstler sein oder auch der Geschäftswelt angehören. Seine Manieren waren weniger beherrscht, seine Rede lauter, als der gute Ton es gestattet. „Du wirst Dich neuerdings schlecht anschreiben", sagte er, auf einen von seinen Gefährten gewählten Tisch zuschreitend, „die Frau Räthin hälts Dich ohnehin für unverbesserlich." „Es geht auf die alte Rechnung", antwortete der Jüngere leichthin, indem er noch einige Stühle herbeiholte und sie um den gewählten Tisch lehnte, als Plätze für Nachzukommende. „KZ - s-j „Weißt^Du^denn, ob^unsere Damen mit diesem abgelegenen Plätzchen zufrieden sein werden?" hub der Andere wieder an. „Die Tante wenigstens säße lieber in der Nähe der Rehwald. Unter der Linde weilt auch Dr. Lebert. Mit dem neckt Tante sich gern; das heißt sie „zieht ihn auf", den Gecken!" „Sie kann sich da drüben einfinden und dort bleiben solange es sie freut. Die Frau Professor sitzt dagegen lieber hier und gewiß auch die Frankfurter Damen. Ich selber werde drüben nur aufZ einen Augenblick mich vorstellen." „Also wirllst Du Dich doch beimachen? Gewiß um dem Besuch aus Graz zu gefallen. Hm, Du bist schlauer als Du gestehen willst?" „Warum schlau", war die halblaute Antwort, in der ein wenig Aerger vernehmbar war. „Ich bitte Dich keine Absichten zu vermuthen, wenn ich aus Rücksicht für Ute kleine Kehrcrin. Nach dem Originalgemälde von E. Schuback. HMW DWAW ASM MWWKMWA 392 den Vater der jungen Dame ihr die pflichtschuldige Artigkeit erzeige. Was hindert mich sonst in der Nähe der Linde unsern Platz zu wählen?" Jetzt bemerkten die jungen Männer Ottilie am Sängertisch, die aus Interesse an dem Gehörten ihre Vorsicht vergessend, ihr Gesicht ihnen zugewendet hatte. „Schau, Max, welche Schönheit! Das wäre ein Modell für meine Poesiel" Der Aeltere sagte es, den Bruder anstoßend, so laut, daß Ottilie es hören mußte. Jähes Roth flog wieder über ihr Gesicht und sie wandte sich unmuthig ab. Wie hatte sie so unbehutsam sein können! Was durfte man von ihr denken, wenn sie selber die Leute anstarrte? Sie sah den mißbilligenden Blick nicht mehr, den der jüngere Herr dem lauten Sprecher zusandte; dagegen fiel ihr das verstörte und aufgeregte Aussehen Goldmunds auf, der eben von der unteren Terrasse herauf ihr zuschritt. Lautes Lachen tönte zugleich von unten ihm nach. AIs Goldmund bei Ottilie anlangte, mußte er die neugekommenen Herren am nächsten Tisch bemerken. Sie erkannten ihn und grüßten höflich. Er besann sich einen Augenblick, dann eilte er zu ihnen hin. „O Herr Professor vr. Heermann, welche Freude, Sie hier zu sehen I Wie schön, daß Sie mich erkannten!" hörte Ottilie den Alten sagen, dem sie um alle Welt nicht nachblickte. Sie vernahm nur, daß man ihm Platz bot, worauf er weiter redete: „Danke, danke, ich sitze ganz gut so I Freut mich, Herr Ör. Heermann, daß ich bei diesem Anlaß auch Ihren Bruder kennen lerne. Wohl in Bonn ansässig? Künstler, Kunsthändler oder Beides? Um so schöner! Wie wohlthuend, daß ein so feiner Herr sich des alten Goldmund, trotz seiner Erniedrigung, noch erinnert! Es ist freilich noch nicht lange her, seit Sie mich in Freiburg auf der Bühne sahen. Herr Professor, es ging rasch abwärts mit mir! Tenore dauern nicht lang, wie Sie wissen. Krankheit, häusliches Unglück beschleunigten den Sturz, nahmen die Ersparnisse". Des alten Mannes Stimme zitterte, der eben erlittene Spott hatte ihm weh gethan. Die unerwartete Freundlichkeit eines geachteten Herrn bewegte nun sein Gemüth in Rührung. In Ottilie regte sich sofort wieder nichts als herzliches Mitleid mit dem armen, halb verwirrten Greis. Es that ihr wohl, wie wenn er ihr wirklich nahe stände, daß sie dieselbe Regung in Stimme und Wort bei dem jungen Mann bemerkte, der schonend und mit äußerster Höflichkeit Rede und Antwort mit Goldmund wechsclte- „Jch wähnte, Sie hätten sich auf Unterrichten ver. legt?" sagte er, „warum blieben Sie nicht dabei, Herr Goldmund?" „Es ging nicht mehr recht. An manchen Orten gewann ich Ruhm als Lehrer, mußte aber immer wieder fort, bald der kranken Frau, bald der Söhne wegen, die ich leider verlor. Zuletzt mußte ich die Tochter abholen, die ich sorgfältig erziehen ließ, die sich aber doch noch kein Brod verdienen kanü. Nun ist es Sommer, da sind nirgends feste Verhältnisse. Es gilt, mir hier Geld zur Weiterreise zu verdienen oder Bekanntschaften zu machen, die mir ein neues Heim für mich und das Kind gründen helfen. — Hier am Rhein regte sich auch das alte Künstlerblut in mir. Man sehnt sich darnach gehört zu werden, so lange man uoch gefällt." „Und deshalb? — Hm! — Ihre Tochter begleitet Sie? Singt sie nuch?" Es war der ältere Heermann, der mit dieser zweifelnden Frage herausplatzte. Ottiliens Köpfchen senkte sich sofort auf das Notenblatt herab. Sie hätte jetzt weit weg sein mögen. — Der Name des Doktor Heermann war ihr bekannt. Sie wußte nun, weßhalb er vorhin erklärt hatte, daß er der Tochter ihres Vaters Artigkeit zu schulden glaube. Der alte Grube schätzte ihn, hatte sogar an ihn den Sohn empfohlen, als Ottmar auf die Universität kam. Wie hatte sie nur so toll sein können, sich hier im Rheinland unter lauter Wildfremden zu wähnen, wie etwa in einem neuentdeckten Welttheil. Die Frage des älteren Heermann verwirrte aber Goldmunds Kopf noch mehr. „Singt? Ob sie singt? Ja freilich singt sie. Ist ja meine Schülerin und hat eine weiche, klangvolle Stimme. Aber eigentlich singt sie nicht. Im Kloster vernachlässigte man absichtlich ihr Talent. Wohl aus Furcht vor der Welt, in der ich lebte; dazu kommt noch, daß sie allzu schüchtern ist. Begrübe sich am liebsten in Klostermauern." „Wäre Schade", warf der Kunsthändler wieder dazwischen. „Schade? — Ja, das sage ich auch, wenigstens traurig für mich wäre es. Eigentlich schön ist das Mädchen ja nicht und paßt nicht auf's Theater." „Nicht schön? Na da muß ich bitten! Ein Künstlerauge, wie meins, versteht sich doch wohl auf Formen und Farben." „Sie kennen Licie? Ach — ja so! — Sie sahen — wie? Was wollte ich doch sagen? Ich verstehe — ich vergaß ganz —" „Sie vergaßen?" „Daß ich wieder zu singen habe! — Viele Herrschaften brechen früh auf, Andere haben noch nichts gehört. — Entschuldigen Sie, meine Herren." Ottilie athmete leicht auf, als der Alte den verfänglichen Fragen ein Ende gemacht hatte und wieder neben ihr Posten faßte. Lieb war ihr, daß seine Mittheilungen ihr gewissermaßen ein Recht auf die schüchterne Rolle gaben, durch welche sie der Annäherung an Bekannte ihres Vaters sich am besten zu entziehen hoffte. — Gefaßt griff sie wieder zur Guitarre, als der Alte das beliebte Lied anstimmte: „An den Rhein, an den Rhein! geh' nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rathe Dir gut." Er that Wunder. Die leichte Melodie lag in seiner Stimme; die Nähe von Dr. Heermann rief ihm bessere Stunden zurück; er verfiel in keine Uebertreibung, sondern sang das Lied mit einfacher Fröhlichkeit zu Ende. „Herrlich! Bravo!" brüllte aber jetzt ein vielstimmiger Chor am Rand der unteren Terrasse, wo die Köpfe der Studenten sich zeigten. „Bravo! Alter vom Berge! Aber auch Bravo Dein schönes Wunderkind. Ein neuer Salamander steigt ihr, der Schönsten der Schönen!" Ottilie raffte ihren Muth zusammen. Sie sagte sich, daß Sprödigkeit das Uebel nur schlimmer machen würde und sie ihrer Rolle gemäß sich zu verhalten habe. In nächster Nähe einen Menschen zu wissen, der ihren Vater kannte, dem sie sich nur zu nennen brauchte, um seines Schutzes gewiß zu sein, gab ihr zugleich einige Ruhe. Wie zum Dank, neigte sie das Haupt gegen die Beifallklatschenden. Sie hoffte damit genug gethan zu haben; aber einige der Vorlautesten traten näher. Ein Blumenstrauß flog auf den Tisch; Ottilie schob ihn dem Alten hinüber, während sie eifrig mit dem Stimmen ihrer Guitarre sich beschäftigte. Ottiliens Haltung zwang ihm doch eine bescheidenere Redeweise ab, als er zuerst beabsichtigt hatte. „Nein", sagte sie ruhig, „ich singe nicht;" fügte aber, weil die Lüge ihr widerstrebte, hinzu: „hier nicht! jetzt nicht!" W st M ,'st «MWOMEAM»WM MU MWlM» MM «W MZS U'M UM-' UM ' ^ MHK Saltini. Tins — zwei — drei! „Sie singen doch hoffentlich auch, mein Fräulein?" wurde sie nun von einem der muthwilligen Jünglinge angeredet, der sein schwarzes Schnurrbärtchen herausfordernd gegen die hochrothen Wangen hinaufdrehte. „Und warum hier nicht? Sind wir Musensöhne etwa nicht würdig eine Muse zu hören?" fragte kecker werdend der Student. „Klosterbrüder sind wir freilich nicht, auch keine Chorknaben, aber doch ein Corps; ein 394 Corps lustiger, freier deutscher Jünglinge l Gibt es kein Lied für solche? — Schweig', Alter! Dich haben wir gehört. Hier ist sogar Silber für Deinen Sang; gewiß nimmst Du den Thaler jetzt, wenn Deine stolze Tochter ihn Dir überreicht." Ermuthigt durch den Beifall der Kameraden, legte er den Thaler vor Ottilie nieder. Sie richtete sich auf, die schüchterne Rolle war nicht länger nach ihrem Sinn. „Warum nicht?" sprach sie, die dunklen Augen ruhig und ernst auf die Jünglinge richtend. „Dem Künstler gebührt größerer Lohn als dieser für die lange, ehrenvolle Laufbahn, die er hinter sich hat. Freie deutsche Jünglinge ehren den Künstler auch noch im Mißgeschick und verlangen nicht mehr von ihm und den Seinen, als was er freiwillig bietet." Verlegen trat das schwarze Schnurrbärtlein zurück; aber die hinter ihm Stehenden drängten vor. Sie hatten des feurigen Weines zu viel genossen, um so schnell ihre erhitzten Köpfe zu beugen. „Aber wenn wir Gold böten statt Silber! Was dann?" hörte Ottilie sie fragen, hörte aber zugleich auch hinter sich am Tische ihrer Nachbarn warnend flüstern: „Was willst Du thun, Max? Es sind Corpsstudenten, die hören nicht auf Dich. Es gibt Unannehmlichkeiten." Aber schon stand Dr. Max Heermann neben dem alten Goldmund. Die meisten Studenten kannten ihn. Er war kein Corpsstudent gewesen, war Philister einer nicht farbentragenden Verbindung, deßhalb murrten Einige, aber sie achteten den jungen Privat-Dozenten genugsam, um ihn zum Wort kommen zu lassen. „Ganz recht, meine Herren. Selbst Gold ist nur verdienter Lohn für den wackern Sänger. Herr Goldmund ist durch sein Verdienst berechtigt, es ohne weitere Leistung anzunehmen. Ich denke, wir veranstalten eine Sammlung für ihn, ganz extra für sein schönes Lied, in dem die rheinischen Männer ein adlig Geschlecht genannt werden. Nur Gold darf gespendet werden. Wer kein geprägtes hat, gebe dafür das Gold edler deutscher Jugendlust, die den Sänger und die Frauen zu ehren weiß, und stimme ihnen zu Ehren einen schönen Chorgesang an." Ein Goldstück fiel aus Heermanns Hand auf den Teller, dem rasch ein zweites sich gesellte. Eine fein gekleidete Dame, deren ergrauendes Haar trotz der jugendlich lebhaften Bewegungen und der sprühenden Augen die Matrone kennzeichnete, war an den Tisch getreten und hatte das Goldstück zu dem Heermanns in den Teller geworfen. „Dr. Heermann gibt das rechte Losungswort", sagte sie, den Teller nehmend, den sie zwei Damen entgegenhielt, die mit ihr gekommen waren; diese zögerten nicht, ihrem Beispiele zu folgen. „Dem Sänger werde Gold gespendet von Seiten der Alten und Reichen und Achtung von Seite der Jugend", schloß die Dame mit ihrer sonoren Stimme. Die Studenten waren achtungsvoll zurückgewichen. Die Sprecherin war Allen bekannt als die Gattin eines beliebten Bonner Professors, die in ihrer Jugend Sängerin gewesen war und jetzt in ihrem gastlichen Haus oft Musikfreunde versammelte, auch der akademischen Jugend gern schöne Feste bereitete und freundlich für sie eintrat. Im Augenblick war die kampflustige Stimmung der Studenten zu einer friedlichen umgeschlagen. „Vivut der Kunst! Vivat der Frau Professorin Führer! Vivat allen schönen deutschen Mädchen und edlen Frauen!" scholl es aus den Reihen der jungen Leute. Sie entfernten sich dabei von dem Tische, wo die Goldstücke im Teller blinkten, sammelten sich aber auf den Stufen der Terrasse, wo sie auf einen Wink der allerverehrten Dame das schöne Lied anstimmten: „In allen guten Stunden, Bewegt von Lieb' und Wein." Als die Strophen zu Ende gesungen waren, zogen sich die Studenten zurück, im Hochgefühl, doch noch anständig aus einer schwierig gewordenen Lage herausgekommen zu sein. Sie grüßten und schwenkten die Mützen während sie nach dem Ausgang gegen Honnef zogen und auf dieser Seite den Berg verließen. (Fortsetzung folgt.) -- Das Haus der seligsten Jungfrau in Ephesus. L Smyrna, im Mai. Der „Courrier de Smyrnä" vom 29. April bringt folgende interessante wörtliche Einzelnheitcn über die in den Blättern bereits kurz angezeigte Auffindung des Wohnhauses der Mutter Gottes in Ephesus: „Die Frage bezüglich des Hauses, in welches sich die jungfräuliche Mutter des Heilandes nach dem göttlichen Opfer am Kreuze zurückzog, in welchem sie selig entschlief (odäoriuitio) und von wo aus sie in den Himmel aufgenommen wurde (assuirixtio), bildet gegenwärtig das Tagesgespräch. Die Pariser Hauptblätter bringen darüber ganze Spalten. Die Cardinäle in Rom besprechen die Sache, der Papst bekundet das höchste Interesse dafür und hat eine Untersuchung anbefohlen. Dies ist wirklich ein schöner Lohn für die fortgesetzten Bemühungen der Lazaristen - Väter, — und wenn wir nicht wüßten, daß Pater Jung höhere Ideen hat, so würden wir sagen, er könne stolz sein auf seine Entdeckung: sie nimmt das Interesse der distinguirtcsten Personen in Anspruch, sie bildet das Lieblings- und Attractionsthema in religiösen Kreisen. Nur in einem Punkte sind die Pariser und römischen Blätter, welche über die Auffindung des Hauses der seligsten Jungfrau berichteten, ungenau. Sie schreiben nämlich diese Entdeckung dem Pater Eisbach, Oberen des französischen Seminars in Rom, und dem Pater Poulin, Oberen der Lazaristen in Smyrna zu, und erzählen ihren Lesern, beide Patres hätten erst kürzlich bei einem Ausflüge nach Ephesus von Bauern erfahren, daß in einiger Entfernung von der Stadt, nicht weit vom früheren Dianatempel, sich Ruinen befänden, welche das Volk mit dem Namen „Panagia Capouli" — das Thor der seligsten Jungfrau — bezeichne, — und beide Patres hätten dann bei näherer Untersuchung gefunden, daß die Ruinen mit der Schilderung des von Anna Katharina Emmerich beschriebenen Hauses übereinstimmen. Das ist insoferne ungenau, als die genannten Patres die schon aufgefundenen Ruinen des Hauses der Mutter Gottes nur besucht haben; entdeckt hat sie lange vor ihnen der Lazaristen- Pater Jung von Smyrna. Bekanntlich herrscht in den meisten Klostercommunitäten die Gewohnheit, bei den Tischzeiten laut vorzulesen. So wurden auch 1891 im Nefectorium der barmherzigen Schwestern, welche unser französisches Hospital besorgen, die Visionen der Anna Katharina Emmerich vorgelesen. Eine Stelle in jenen Visionen siel der Oberin, Schwester de Grancey, auf. Diese Stelle bezog 395 sich auf ein kleines Haus in der Nähe von Ephesus, in welchem die seligste Jungfrau lebte, und, umgeben von heiligen Frauen, entschlief. Die Oertlichkeiten waren näher beschrieben. „Wie kommt es denn", dachte Schwester de Granceh bei sich, „daß wir, die doch jenen Oertlichkeiten so nahe leben, noch gar nicht daran gedacht haben, die Richtigkeit dieser Bision an Ort und Stelle zu erproben?" Die Oberin theilte ihre Gedanken dem Hospitalkaplan Pater Jung mit und gab ihm „das Leben der Anna Katharina Emmerich". Pater Jung studirte es durch und ließ sich sogar das deutsche Original senden. Als ein Mann, der sich durch nichts aufhalten läßt und der alle seine Thatkraft vom Glauben herleitet, beschloß er, „selbst hinzugehen und zu sehen". Eines Morgens bestieg denn Pater Jung in Begleitung seines Confröre nen, sich dort in Gegenwart von Ruinen zu befinden, welche viele Aehnlichkeiten mit dem von Katharina Emmerich beschriebenen kleinen Hause haben: — dieselbe Lage, dieselben Abtheilungen, eine Quelle zur Rechten, eine kleine Kapelle im Hintergründe, sogar eine Schlucht zurSeite. Es konnte kein Zweifel obwalten: dies war, was Pater Dung suchte. Sie fragten einen Bauern, der sein ärmliches Obdach hart dabei aufgeschlagen, nach dem Namen des Platzes: „Panagia Capouli — Wohnung der heilig st enJungfrau" — war die Antwort. Auf die Frage, warum er nicht lieber in den Ruinen wohne, erwiderte er: „Es ist ein heiliger Ort." Die Reisenden verbrachten die Nacht auf dem Berge und kehrten am nächsten Tage nach Smyrna zurück. "n I « ü !l ik'ini»i, k .« i z r i'il z z ^ z L L L 2 , S» i'-'v. Krumdüd bei Krumbach. Original-Aufnahme von Gustav Baaver, Photograph in Krumbach. sVervieljSIiigungSrecht vorbehalten.) Pater Vervault und eines Dieners den Eisenbahnzug. Er kam nach Ephesus und lenkte von dort aus seine Schritte nach den von Anna Katharina Emmerich angegebenen Oertlichkeiten. Einen ganzen Tag lang wanderten die drei Reisenden in den Bergen umher. Es war wirklich etwas Aehnliches dem, was die deutsche Nonne erzählte; aber alle Berge sehen sich einander sehr gleich. Von Müdigkeit erschöpft und vor Durst fast verschmachtend, dachten die drei Reisenden daran, irgend ein Obdach für die Nacht zu finden. Sie hätten viel Geld für ein Glas Wasser gegeben. Der Diener konnte es nicht mehr aushalten und wurde halb ohnmächtig. Zum Glück erreichten sie eine kleine, etwas bebaute Hochebene. Ein Hirte weidete dort einige Ziegen; das bedeutete Hoffnung, das bedeutete Leben. Von ihm erfuhren sie, daß ungefähr hundert Meter entfernt sich eine Quelle befinde. Sie gingen darauf zu. Wie groß war nicht Pater Jung's Erstau- Pater Jung fand anfangs bloß ungläubige Ohren. „So kommt nach Panagia und Ihr sollt selbst sehen", war jedesmal seine Antwort. Wirklich begaben Pater Poulin, Superior der Lazaristen in Smyrna, Pater Loby, Visitator der Provinz Konstantinopel und mehrere Andere sich zu der Stätte und kehrten überzeugt zurück. Im August 1891 begaben Pater Dung, die Herren Borrel, d'Andria und ich uns dorthin, um zwölf Tage inmitten dieser heiligen Ruinen zu verbringen. Die Tageszeit brachten wir damit zu, von den Oertlichkeiten Photo- graphien aufzunehmen, Pläne zu zeichnen und nach irgend einem Steine zu suchen, auf welchem wir etwa ein Zeichen bemerken könnten. Zur Nachtzeit schliefen wir im Freien oder unter einem Zelte. In einer Nacht wurden wir plötzlich durch klägliches Bellen unserer vier Hunde geweckt. Waren lauernde Briganten in der Nähe? Wir wissen es heute noch nicht. Wir griffen zu unseren Gewehren und 396 blieben die ganze Nacht wach. Unvergeßlich wird uns die heil. Messe bleiben, welche Pater Dung am 15. August (Maria Himmelfahrt) auf dem Steinaltare im Oratorium der seligsten Jungfrau im Freien celebrirte. Die einzige Musik dabei war das Flüstern der von Katharina Emmerich beschriebenen Quelle. Dann sangen wir mit dem ganzen Feuereifer unseres Glaubens das Ave Maria und das Ave Maris Stella — den Gruß an die jungfräuliche Gottesmutter, deren letzte bescheidene Erdcnwohnung wir mit heiliger Ehrfurcht grüßten. Der 15. August 1891 gehört zu den denkwürdigsten und schönsten Tagen unseres Lebens. Wir besuchten das Haus Unserer Lieben Frau seitdem zu öfteren Malen, und unser Glaube und unsere Ueberzeugung wuchs mit jedem neuen Besuche. Auch die Vater von St. Polycarp besuchten eines Tages in unserer Begleitung die „Panagia Capouli". Mehrere kehrten eben so überzeugt nach Smyrna zurück, wie wir selbst. Somit haben wir den geehrten Lesern kurz erzählt, unter welchen Umständen das Haus Mariens entdeckt wurde. Sicher werden diese Ruinen dereinst eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte werden. -ss-s-cs— Zu unseren Bildern. Die kleine Kehrerin. „Still gesessen jetzt, ihr Kleinen, Aug' und Ohr zu mir gericht'tl Dürst nicht lachen oder greinen, Wenn der strenge Lehrer spricht. Ernste Miene, nicht gewackelt! Karl, wie sitzt er wieder da? Ei, da wird nicht lang gefackelt, Wer nicht hört, muß fühlen, ja! Habt Respekt vor meiner Brille, Achtung vor dem Birkenreis." Jctzo herrscht die größte Stille — Weil man nichts zu sagen weiß. — Strengen Blick, die Faltenstirne, Wie er räuspert sich und spuckt, Hast Du ihm, Du kleine Dirne, Wirklich trefflich abgeguckt. Schulrath Franz, der Herr Inspektor, Freut sich Deiner Disziplin. Er ernennt Dich bald zum Rektor, Weißt Dn 's Kindlein recht zu zieh'n. Und ich seh', an rechte Stelle Hast Du heut' Dich hingesetzt. Doch merk' Dir auf alle Fälle: „Aus der Schul' wird nicht geschwatzt!" Ein» — zwei — drei! Zum Großvater geht die kleine Anna mit ihrem Schwesterchen immer gerne. Sind sie ja doch seine Lieblinge und bei ihm gibt es stets etwas Interessantes zu hören oder zu sehen. Bald erzählt er ihnen eine schöne Geschichte, bald gibt er ein Spätzchen aus seinem eigenen Leben zum Besten, bald muß der kleine Schnauzer eine Vorstellung geben, wie dies auf unserem Bilde der Fall ist. Mit einer Geduld, die die beiden Mädchen sicherlich nicht haben würden, wenn ihnen ihre Mutter eine leckere Speise vorenthielte, wartet der kleine Schnauzer, den wohlschmeckenden Bissen auf der Nase, auf die erlösende „drei". Noch einen Moment, dann ist die harte Probe, welche den beiden Mädchen so große Freude bereitet, überstanden, und die Vorstellung endet mit der Vertilgung des mühsam erworbenen Gutes. Krumbad. Krumbad, bei Krumbach in Schwaben gelegen, ist ein alter, durch seine Mineralquellen berühmter Bade- und Luftkurort. In Nro. 62 des schwäbischen Postboten von 1892 wurde bereits über seine Wiedercrwerbung durch Herrn Pfarrer Dom. Ring- eisen in Ursbcrg, der es ganz und allein für Heilzwecke bestimmte, berichtet. Heute wollen wir Einiges aus der Geschichte dieses Bades mittheilen. Lechsenried und das Krumbacher Bad oder Krumbad liegen in fast gleicher Entfernung zwischen Edenhausen und Krumbach, und zwar letzteres an der Straße, ersteres aber jenseits eines Berges vom Bade gerade gegen Mittag durch ein Holz hinüber. Hiltipold, ein Bruder Mangolds, Dynasten zu Krumbach, erbaute sich im Jahre >145 unweit Lechsenried, welches ein Landgut mit einer Kapelle war, und das er kurz vorher an Ursberg verschenkt hatte, auf einem Berge eine Burg, welche von seinem Namen Hiltipoldsberg und nach der Platten Mundart Hilpelsberg genannt wurde. Dieses Schloß kam in der Folge mit Krumbach an die Ritter von Ellerbach. Im Jahre 1390 hatte Ritter Ulrich v. Ellerbach auf seine Gemahlin, Adelheid v. Roth, einen eifersüchtigen Argwohn geworfen und sie im rasenden Zorn bis in eine Stallung verfolgt, welche er verriegelte und anzündete. Die Unglückliche ward zwar dadurch elender Weise erstickt, ihr Körper aber blieb unversehrt und wurde in der v. Roth'schen Begräbniskapelle zu Wettenhausen beigesetzt, wo im Jahre 1692 zum ewigen Andenken ein schönes Monument errichtet wurde, wie in den Badbüchlein zu lesen ist. An der Stelle ihres Todes entsprang sogleich eine sehr heilsame Quelle, der Badbrunnen genannt, bei welcher das Krumbacher- oder Krumbad erbaut wurde, welches noch heut zu Tag stark besucht wird und in Leibesverstopfungcn, bei schwächlichen oder gelähmten Gliedern und Füßen sehr gute Hilfe leistet. Die Wirkung des Wassers sowohl, als der sogenannten Badesteine, welche auf dem Berge, woraus das Wasser entspringt, ausgegraben werden, sind im Jahre 1754 durch Herrn Jos. Friederich Rübel. der Medizin Doktor, untersucht worden, und im Jahre 1758 hat Herr Georg Friedrich Guttermann, protestantischer Stadtphysikus zu Augsburg, dem Gotteshause Ursberg ein Büchlein von diesem Bade, um es drucken zu lassen, übergeben, welches auch geschehen ist. Daraus kann man sowohl die Wirkungen des Wassers und der Steine, als auch die Art, wie dieses Bad zu gehrauchen ist, ersehen. Nur dasjenige will ich noch anführen, was mir ein geschickter Arzt. dem dieses Bad sehr wohl bekannt ist, erst neulich sagte: dieses Wasser hat die Wirkungen eines Schwefelbades, und es steht den berühmten Schwefelbädern wenig nach, nur ist es etwas schwächer. Das Wasser, innerlich und äußerlich angewandt, ist vortrefflich; die Steine aber taugen nicht viel, besonders ohne das Wasser. Dieses Bad, zu welchem das Schloß Hilpelsberg nach dem traurigen Vorfall mit der unschuldigen Adelheid verwendet worden, kaufte sammt Lechsenried, welches vom Kloster wieder hinweggekommen war, im Jahre 1418 Wilhelm, Abt zu Ursberg, sammt allem Zugehör von Diepold v. Eichelberg, Ritter, um 1060 fl. Seine Söhne Konrad, Albert und Burkart wollten zwar nach 15 Jahren den Kauf umstoßen, allein sie richteten nichts aus, und von dieser Zeit ist es immer bei diesem Gotteshause verblieben. Es sind daselbst 1) das im Jahre 1717 ganz neuerbaute Herrn- oder obere Badhaus, in welchem viele und einige ausgemalte Zimmer mit Nebenzimmern, Küchen und Kämmern sind; 2) das gemeine oder untere Badhaus; 3) das Wirtbs- haus; 4) des Badmeisters Haus. An das obere Badhaus stößt eine kleine Kirche, welche im Jahre 1727 den 28. April zur Ehre der hl. FelizitaS mit ihren sieben Söhnen, der hl. Walburga rc. eingeweiht worden. Der Ort gehört in die Pfarrei Attenhausen, doch wird von Mai bis in den Herbst, solange Badgäste anwesend sind, von einem besonders dazu aufgestellten Religiösen vom Kloster aus alle Sonn-, Feier- und Donnerstage eine hl. Messe gelesen. Nicht weit davon jenseits des Berges, gegen Mittag, ist Lechsenried, jetzt nur noch eine Kapelle zu Ehren der seligsten Jungstau. Sie ist im Jahre 1772 ganz erneuert und schön ausgemalt worden. Dahin haben die andächtigen Badgäste einen schönen Spaziergang. Im Jahre 1800 haben diesen Ort anfangs die Kaiserlichen, hernach aber die Franzosen mit vieler Mannschaft besetzt und mit einem Verhaue umgeben. Letztere wurden zwar von den Kaiserlichen etliche Male hinausgeworfen, endlich drang aber die ganze französische Hauptmacht durch das Kammelthal bis an die Donau vor, wodurch dann dieser Ort, wie die ganze Gegend, sehr Vieles gelitten hat. Im Krumbad, mit seinen drei altberübmten Heilquellen für so viele Leiden, wurden in letzter Zeit verschiedene Verbesserungen und Erneuerungen bethätiget, und findet dasselbe besonders auch durch die Schwesternpflege immer größeren Besuch von solchen Leidenden, welche ein stilles, vom Lärm der Welt abgesondertes Erholunasplätzlein für Leib und Seele suchen. Das Bad wird gewöhnlich am 1. Mai eröffnet und geschlossen, wenn der Besuch zur Wetterführung zu schwach geworden ist, was gewöhnlich im Oktober der Fall zu sein pflegt.