M 54 1896. „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 30. Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler). MHeirrgolö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) V. ES war noch lange nicht Zeit zum Besuch machen, als der Sänger Goldmund sich des andern Morgens am Gartenthor der Villa Rehwald einfand. Auf sein heftiges Läuten erschien langsam ein Gärtner, der ihm bedeutete Frau Räthin empfange so früh keine Besuche; auch wisse er, daß sie heute Migräne habe. Ihre Fenster seien noch fest verhängt. — Von den Gästen des Hauses wußte er nur, daß eine Mamsell schon früh ausgegangen sei und vielleicht noch im Garten verweile. Jn's Haus habe er Niemand gehen sehen. Wirklich kamen leichte Schritte den Kiesweg unter dem Rebengang herunter, und Ottilie eilte freundlich auf ihren seltsamen Beschützer und Vater von gestern zu. Sie trug Hut und Sonnenschirm und erklärte, längst wohl ausgeruht zu haben. In ihrem Morgenkleid aus grauer Leinwand, das eine schlichte Stickerei am Rand des Rockes verzierte, sah sie eben so elegant und an- muthig aus wie gestern. Das Abenteuer vom Drachenfels hatte weder Reue noch Ermüdung hinterlassen. Ihre Augen glänzten wie die liebe Morgensonne, die das schöne Rheinthal begnadete. Sie führte Goldmund durch den Rebengang sachte aufwärts zu einem Steinsttz über der niederen Seiten- mauer, wo eine herrliche Aussicht sich bot. Zwischen glühenden Glycinen, die eine Gttterwand und Fenster umspannen, zeigte sich das Siebengebirg noch beschattet in duftiger Ferne. Ottilie schob dem alten Mann einen Weidenstuhl zurecht, wo er bequem sich niederlassen und die Aussicht auf den Drachenfels genießen konnte. Freundlich antwortete sie auf des alten Mannes Entschuldigungen und Fragen, die er mit unverkennbarer Aufregung vorbrachte. „Sie sind ungeduldig, Felicie wiederzusehen. Ich habe sie mit meiner getreuen Miß Rich in der ganz nahe gelegenen Pension einlogirt, um die gute Räthin, deren Migräne ich verschuldet habe, in keiner Weise zu belästigen. Es geht der lieben Ltcie vortrefflich. Wir waren schon zusammen in der Kapelle auf dem Kreuzberg in Begleitung der Miß natürlich. Ich kam allein herüber, um Ihnen eine Bitte vorzutragen, die Ihrem Töchterlein so sehr wie gestern am Herzen liegt." „Jn's Kloster will siel Ich sehe es kommen", jammerte Goldmund. „Verhandelte sie doch schon in Nonnenwerth alles Mögliche. Und das jetzt, wo es nöthig wäre, daß sie nicht abgeschlossen von der Welt sich und Andere prüft! Ich ahne schon den Einbruch meiner Luftschlösser, das Kloster steckt ihr einzig im Kopf!" „Doch vorerst nur, um einige Monate, vielleicht ein bis zwei Jahre dort gegen französischen Unterricht ihre eigene Fortbildung zu betreiben, vielleicht bis zum Lehrerinnenexamen. Das sollten Sie aber um so lieber gestatten, als Sie in der nächsten Zeit ihr noch kein gesichertes Heim bieten können, und als ihr Klosterberuf zum mindesten unwahrscheinlich ist; mir wenigstens ist er seit gestern Abend sehr zweifelhaft." Ottiliens Augen blitzten in froher Schelmerei, als sie ihre Rede schloß. „Mir war er von jeher zweifelhaft. Vielleicht urtheilte ich thöricht und aus Selbstsucht. Seit gestern Abend aber weiß ich, daß dem Kind außerhalb der neidischen Mauern, die schützen, aber auch trennen, ein schöneres Glück blüht, als ich für Felicie zu träumen wagte. Sie ist doch keineswegs schön, kaum hübsch." „Sagen Sie lieber — sie sei es noch nicht. Sie ist, oder war bisher nur zu befangen, zu schüchtern. Sie ist noch zu kindisch gewesen, um zu interesstren." „So glaubte auch ich bis gestern. Aber sie hat trotzdem gefallen, hat es in einer Weise, die mein Staunen erregt. Es ist genug, wenn ich Ihnen sage, daß sich eine glänzende Versorgung für mein Kind bietet, glänzend wenigstens den vorzüglichen Eigenschaften und der gesicherten Zukunft des Bewerbers nach. Er bat quaoi schon einen Antrag gestellt — eine sehr ernstgemeinte Werbung, wenn es sich auch zunächst erst um die Möglichkeit handelt, daß er ihr Herz gewinne; denn sie liebt ihn noch nicht. Aber gerade darum ist es unmöglich, Felicie in ein Kloster zu sperren, und darum bedarf ich Ihres Raths, Ihrer Hülfe, Fräulein Ottilie!" Ottilie war überrascht. Sie fürchtete, es habe Jemand mit dem Alten sich einen Scherz erlaubt; einer der Studenten etwa! Oder sollte ihr tollköpfiger Ottmar seine rasche Flamme schon dem Alten geoffenbart haben? Zögernd fragte sie: „Wie ist das zugegangen? Ernst gemeint, sagen Sie? Etwa von einem Jüngling, einem Studenten?" „Fräulein Grube!" erwiederte Goldmund vorwurfsvoll und richtete sich gravitätisch auf. — „Sie kennen 406 den alten Goldmund schlecht! Was seine Verpflichten betrifft, dabei ist er vorsichtig wie der feinste Staatsmann. Mit Studenten würde ich mich nicht in die geringste Erörterung einlassen. Anders ist es aber, wenn ein ernster, wohlfituirter, vortreffliches junger Mann, den alle Welt achtet, dessen Worten zu trauen ist, selbst wenn er weniger deutlich gesprochen hätte, sich um mein einziges Kind bewirbt, dann muß ich die Möglichkeit wohl in Erwägung ziehen, wie es anzustellen ist, daß er ihre Liebe gewinne! Ihnen darf ich ihn schon nennen. Sie kennen ihn auch; es ist kein Geringerer als der liebenswürdige, geistreiche Professor Dr. Max Heermann." „Max Heermannl" Ottilie wiederholte den Namen mechanisch, wie ein Echo. Ein Schatten senkte sich von den langen, dunklen Wimpern auf die leicht, ganz leicht erblassende Wange. „Kannte er Fclicie schon lange?" fragte sie, wie traumbefangen. „Schon lange? Nicht daß ich wüßte. — Aber er sah sie gestern auf dem Drachenfels, und da machte sie ihm sofort einen tiefen Eindruck, wie ich es nimmer von dem unfertigen Mädchen vorausgesetzt hätte. Doch es ist Thatsache. Ich wurde sagen er habe eine Leidenschaft für sie gefaßt, aber das ahnt man nur. Er ist zu vorsichtig, sein Gefühl herauszulassen, wie unsereiner thun würde. Die verhaltene Gluth bemerkt man aber in jedem Wort und Blick dennoch. Gestern Abend, als Sie mich kaum verlassen hatten, trafen wir zusammen, und er wollte fast mir den Schwur abzwingen, meine Tochter nicht auf's Theater zu lassen, so viel man mich auch bereden würde!" In die dunklen Augen war längst der goldene Schimmer zurückgekehrt; um die Lippen, die einen Augenblick schmerzlich gezuckt hatten, spielte wieder jener schelmische Zug, der dem schön geformten Mund so gut ließ. Ottilie beugte sich nieder und betrachtete die wunderlichen Zeichen, die ihre Sonnenschirmspitze in den Sand grub, während der Alte auf ihre Bitte geordnet erzählte, daß gestern Abend, nachdem Ottmar die Schwester an der Tramstation in Königswinter abgeholt hatte und Goldmund auf das letzte Dampfschiff nach Bonn wartete, die Brüder Heermann zu ihm gestoßen seien. Der eine habe sich zu seiner jungen Familie nach Mehlem begeben, wo diese ein Sommerfrischhäuschen bewohne; der andere, der Professor, sei mit Goldmund auf dem Schiff nach Bonn gefahren, habe ihn mit Artigkeiten überhäuft, mit ihm in Bonn im Hähnchen zu Abend gegessen, habe ihn mit echtem Rheinwein bewirthet und allerlei Fragen über den Aufenthalt der Tochter gestellt, die er, Goldmund, nur auf die diskreteste Weise beantwortet habe, zumal er mit Recht sagen konnte, sie wohne bei einer Dame in guter Hut, die er nicht näher kenne. — Alsdann habe der junge Herr zu verstehen gegeben, wie glücklich er sein würde, sich dem jungen Mädchen, das einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht habe, nähern zu dürfen, und zwar um ihr Herz und ihre Hand zu gewinnen. Er habe es sogar ganz deutlich ausgesprochen, daß, sofern er nur die Zuneigung des seltenen Geschöpfes gewinnen könne, er sofort um sie anhalten würde, ja er habe sich gewissermaßen ihm gegenüber gebunden, um dafür sein Versprechen zu erhalten, sie weder für's Theater zu bestimmen, noch sie in der Ocffentlichkeit singen zu lassen, wie gestern. Als der Alte diese Worte ausgesprochen, mochte ihm das schalkhafte Lächeln Ottiliens, die sich rasch aufgerichtet halle, doch auffallen. Er hielt plötzlich inne — sah mit offenem Mund Ottilie an, bis er endlich hervorstieß: »Ja so — das waren ja Sie, die gestern sang! — O ich alberner Schwachkopf! — Der Wein — die Sorge — die Neuheit und Verwicklung der Lage verwirrten mich I Wie konnte ich an eine solche Gunst des Geschicks glauben? Wie annehmen, daß mein armes, scheues Täubchen je solche Eroberung machen würde! — Sie gehört nicht zu den sieghaften Erscheinungen, die man steht und sich ihnen gefangen gibt - oft für immer." „Sie würden das nicht sagen, wären Sie gestern Abend mit mir und Ottmar nach Villa Nehwald gekommen, hätten miterlebt wie wein Bruder Studiosus ihr seine ganze frische und, wie ich gewiß weiß, auch ausdauernde Jugendneigung zuwandte und nichts lieber gewollt hätte, als sich rasch mit ihr zu verloben. Von einem Freier, den sie mir abspänstig gemacht hat, gar nicht zu reden. Niemand außer der Räthin glaubt, daß auch dieser tief verwundet das Haus verließ." Man schellte an der Gartenthüre. Ottilie bog den Kopf durch die Ranken der Glycinen, um nach dem Eingang zu sehen. — „Tante Mina ist's! Die kommt gerade recht zur Berathung! Papa Goldmund, bitte, erwarten Sie mich hier!" Der Sänger blieb aber lange allein. Er verkürzte sich die Zeit mit einem Gabelfrühstück, das der Diener in die Laube brachte. - Es wollten ihm aber weder Wein noch Fleischspeisen gut munden. Er fühlte sich beschämt durch seinen Irrthum und bedrückt durch die Vernichtung seines schönen Traums. Sein trüber Muth verschwand aber doch vor dem sonnigen Lächeln Ottiliens, als diese mit der freundlichen Hermine Stark endlich wieder kam. Die Freundinnen hatten viel inzwischen besprochen. Es mußte Ernstes und Heiteres gewesen sein, denn in den Augen der Aclteren wie der Jüngeren schwamm noch ein verrätheri- sches Naß, beglänzt vom Sonnenschein innerer Freude. Dem alten Herrn hatte Tante Mina Gutes zu berichten. In der Pension Harling verlangten reiche Engländerinnen einen Singlehrer ersten Ranges. Statt der Stelle auf dem Drachenfels sollte Goldmund diesen Unterricht übernehmen, der ihm gutes Honorar abwarf. Auch Verpflegung und Wohnung wurden ihm in dieser Pension bei guten, aufmerksamen Wirthen zugesichert, und er konnte somit die Tochter eine Zeit lang entbehren, die nirgends besser versorgt sei als in Nonnenwerth. Daß Felicie immer noch dahin verlangte, versicherte sie ihm bald selber. Sie sah dabei so fröhlich aus, wie Goldmund die Kleine noch nicht gesehen hatte. Sie schien seit gestern gewachsen und verschönt. War da wirklich etwas vorgegangen, was des Kindes Sinn vom Klosterleben abgewendet hätte? Seiner krankhaften Furcht davor konnte der arme Alte nur deshalb nicht los werden, weil es ihm mit Verlust des einzigen Kindes gleichbedeutend war. Aber er konnte sich weder dem herzlichen Wort Ottiliens verschließen, von deren Sympathie er einen so glänzenden Beweis hatte, noch den süßen Bitten seines Töchterchens, das ihm zugleich versprach, gewiß nur der Fortbildung und gesicherten Schutzes willen für einige Zeit in Nonnenwerth zu leben. Er willigte also in die Vorschläge, die man ihm machte, endlich ein. Es wurde beschlossen, daß heute 407 noch Felicie übersiedeln dürfe, denn Ottilie wollte morgigen Tages schon mit Miß Rich nach Trier reisen, das sie noch nicht kannte. Sie zog vor, dort und nicht in Bonn die Rückkehr ihres Vaters zu erwarten, damit nicht ihr Debüt auf dem Druchenfels in der Gegend bekannt und besprochen würde. Die Räthin war mit dieser Bestimmung nur im Interesse Leberts einverstanden. Sie fühlte sich ihm gegenüber schuldbewußt, da sie es an Muth und Geschick hatte fehlen lassen, ihn rechtzeitig von dem Austausch der Mädchenrollen zu benachrichtigen. Sein Benehmen hatte aber selbst ihr mißfallen. Dies trug bei, sie mit Ottiliens tollem Streich auszusöhnen und endlich Ottiliens Bitten nachzugeben, Luft und Unterhaltung gegen ihre Migräne zu erproben und sich dem munteren Kreis zu gesellen, der sich im Gartensalon versammelte. Dort gestand sie bald zu, daß ihr bisheriger Günstling gestern eine gar zu klägliche Rolle gespielt hatte. Erst als Ottmars Auftreten Dr. Lebert belehrt hatte, in welchem Irrthum er sich befunden, versuchte er es zwar noch mit einer Eifersuchtsscene, um seinen kläglichen Rückzug zu decken, mußte er aber einsehen, daß er sich lächerlich machte, denn er schützte plötzlich Krankenvisiten vor, um nicht mit der Räthin nach der Villa fahren zu müssen. In der Morgenfrühe aber hatte ein Billet seineKlientin benachrichtigt,Doktor Lebert sei mit einem Patienten nach Berlin gereist und werde einige Tage fortbleiben. „Der wäre außer Schußweite", sagte Tante Mina, als die Räthin halb belustigt, halb mitleidsvoll das Mißgeschick Leberts besprochen hatte. „Er ist übrigens nicht der einzige, der Stadt und Gegend verlassen mußte, ehe er über die Komödie der Irrungen aufgeklärt wurde. Mein Neffe Max ist auch über Hals un) Kopf abgereist, in Wahrheit gezwungen durch eine Archivarbeit in Mainz, die er vollenden muß, bevor der Congreß in Frankfurt angeht, denn dort hat er sein Erscheinen zugesagt. Er soll in der schlechtesten Laune gewesen sein, als er gestern Abend spät das Telegramm vorfand, das ihn abrief. Ingrimmig ist er mit dem ersten Zug heute abgefahren. In seinen Archiven wird er schwerlich Dokumente finden, die ihm die gestrige Komödie erklären. Vielleicht hat er später mehr Chancen in Frankfurt." Ein bittender Blick Ottiliens auf die muthwillige Sprecherin machte Tante Mina verstummen. Frau Rehwald erfuhr nichts von den Erlebnissen des bösen Max. Sie gönnte es ihm, wenn auch er von Ottilie ein wenig mysttfictrt worden war. Ihr Frieden mit Ottilie ward um so vollständiger. Die Migräne verschwand, und sie nöthigte Goldmund und sein Töchterchen in ihrem gastlichen Haus zu bleiben, bis gegen Abend alle ihre Gäste Felicie nach Nonnenwerth begleiten könnten. Ottilie und Mina hatten tagsüber verschiedene geheime Abmachungen mit Goldmund, der sich eine Menge Adressen und Notizen in ein scharf von beiden Damen controllirtes Taschenbuch schreiben mußte. Die arme Felicie wäre über dieser Geheimnißkrümerei fast vergessen worden, wenn nicht zum Glück Ottmar Grube Zeit gefunden hätte aus Bonn herüber zu kommen, s Gerhard Uosilfs ch. nur um einmal nach dem Rechten zu sehen. Er übernahm auch die Pflicht, das Mädchen auf dem etnftündigen Weg nach Nonnenwerth ausschließlich zu unterhalten, und es gelang ihm so gut, daß Beide höchlich überrascht waren, als sie an der Fähre gegenüber von Nonnenwerth angelangt waren. Der Weg war ihnen sehr kurz erschienen. Der Abschied ging nun zu rasch, als daß Goldmund Zeit gehabt hätte, sich wieder in trübe Stimmung zu vertiefen. Noch einmal nur mußte Felicie ihm feierlich, „angesichts der ewigen Berge", versprechen, den Schleier nicht zu nehmen! Sie that es unbefangen. Als dabei ihr Blick zufällig den Studenten streifte, erröthete sie noch mehr als gestern Abend beiOr.HeermannsVorstellung, und dies wohl bedeutungsvolle Zeichen hatte die Kraft die tiefe Falte zu glätten, die Ottmars junge, aber energische Züge verdüsterten, seit die Klostermauern in Sicht waren. Nur Ottilie und Frau Rehwald fuhren mit Felicie zur Insel hinüber. Tante Mina machte ganz harmlos dem jungen Grube den Vorschlag, sich zum Erwarten der Nückkehrenden eine Hütte zu bauen, an gleicher Stelle, wo auf dem Rolandseck ein gewisser Ritter geharrt und gehofft habe. Sie fing auch wirklich an das Rezept zu besagtem Bau und geduldiger Bewohn- ung desselben aus Ritter Toggenburg zusammen zu suchen, so gut sie sich ihres Schiller noch erinnerte. Ottmar ließ sie aber nicht zu Ende kommen. „Ein Zelt würde genügen", meinte er. „Solider Hüttenbau rentirt sich nicht. In anderthalb Jahren bin ich mit der Jurisprudenz fertig, mache meinen Doktor, und dann wenn nicht früher! — kann das Zelt zusammengefaltet werden. Statt der Hütte baue ich mir dann ein Haus." Er sagte es lachend, warf aber den Kopf trotzig zurück, und aus seinen Augen leuchtete ein gewisser Strahl, der ihn seiner Schwester ähnlich machte. VI. Acht Tage später saß im Mittagsschnellzug, der von Mainz nach Frankfurt fährt, schweigsam, ungesellig in eine Ecke gelehnt, Professor Max Hcermann. Er hatte vermieden mit Bekannten zusammen zufahren, als wäre er ein einsiedlerisch beanlagter Mann und nicht der muntere Gesellschafter, den man so gern aufsuchte. Er mußte sich, statt mit Menschen, heute mit seinen Gedanken beschäftigen, denn er hatte seit acht Tagen seine liebe Noth mit ihnen. Sie waren rebellisch geworden, ließen sich gar nicht mehr zusammenhalten und nicht mehr in die gewohnten Bahnen des Studiums lenken. Kaum hatten sie bei den dringend nothwendigen Arbeiten, die vor dem Gelchrten-Congreß in Frankfurt erledigt sein mußten, nothdürftig parirt. Hielt Dr. Heermann nur einen Augenblick die Zügel weniger stramm, so rasten sie fort, denn Flügel wuchsen ihnen und trugen sie über Berg und Thal, rheinabwärts immer zu. bis sie auf dem Drachenfels anlangten. Dort suchten sie ein schönes Mädchen, lauschten seinen klugen Reden, seinem herzgewinnenden Lachen und seinem herrlichen Gesang. Kehrten sie endlich zu ihrem Herrn zurück, so vermehrten sie seine Qual, weil sie ihm nur immer dieselben Dinge vorführten, die sich an einem unvergeßlichen Nachmittag ereignet hatten, dagegen gar nichts Neues von dem holden Wesen zu berichten wußten; die er immer dort suchen ließ, wo er ihre Gegenwart nicht einmal wünschte. — Max hatte darum versucht, auch durch körperliche Boten etwas von der Beherrscherin seiner Gedanken zu erfahren, hatte aber nichts oder doch nichts Zuverlässiges gelernt. Dieses Wenige war sogar schlimmer als nichts, denn es gab ihm Räthsel auf, und Räthsel hatte er schon übergenug zu lösen. Das größte Räthsel war er sich selber. Er, der so viel von edlem Stand und altgeachteten Namen hielt, daß er selber für stolz gehalten wurde, so daß man nie gewagt hätte, ihm eine reiche Erbin vorzuschlagen, wenn deren Familie nicht hochangesehen und über jeglichem Tadel stand, auch solchem, der die Erwerbsquelle betrifft, den man heute leicht vergißt, sobald Millionen oder große Bruchtheile derselben Mitgift werden. Ihn, den stolzen Dr. Heermann, vermochten ein Paar dunkle Augen, die allerdings überaus tief und strahlend waren, bei einem Bänkelsänger als Bewerber um seine Tochter aufzutreten? — Und als Bewerber hatte er mit Goldmund im Enthusiasmus des ersten Abends sich ausgesprochen. Er konnte es nicht leugnen, ja er wollte es gar nicht, bereute es bis zur Stunde noch nicht, trotz der Bedenken, die ihm von seiner Vernunft vorgehalten wurden. Das Herz hatte Antwort auf alle Einreden der bisher so hochgehaltenen Vernunft; es half dieser gar nichts, wenn sie mit der Stimme des persönlichen Stolzes, des Familienstolzes und des Pro- fefforenstolzes sich verstärkte. Das Herz übertönte das ganze Quartett seiner Gegner und kleidete seine Reden auch in ganz vernünftig klingende Formen. Goldmund war gar kein Bänkelsänger, sondern ein Künstler, der Gutes leisten konnte als Lehrer und Musikkenner, sobald ihm nur Jemand den Weg aus dem Elend herauswies. Seine Tochter war nicht nur gut, sondern vortrefflich erzogen, unberührt von Gesellschaft der Leute geringen Schlags; sie war nirgends wo öffentlich aufgetreten, außer das eine Mal neben dem Vater. Heermann hatte ja Alles miterlebt und das Verhalten des Mädchens bewundert. Ein Mädchen vom Werth wie des Sängers Tochter, deren Namen Max nicht einmal kannte, weil Goldmund mehrere angewandt hatte, brauchte weder Titel noch Wappenschild. Ihr Adel war recht von Gottes Gnaden und verschaffte sich deshalb Achtung von der ganzen edel denkenden Welt. Nur eine Sache reute Heermann bitterlich. Er hätte Sorge tragen müssen, daß nicht nur die Tochter Goldmunds, sondern er selber nicht mehr auf dem Drachenfels sang, bevor nicht die Entscheidung gefallen war, ob er des Mädchens Herz gewinnen werde oder nicht. Sobald sie ja gesagt zu seiner Werbung, konnte er sofort ihr ein sicheres, wenn auch bescheidenes, auf Arbeit gegründetes Heim bieten. Er war überzeugt (und das Wohlgefallen, das Frau Führer, die edle, angesehene und erfahrene Dame, an dem Mädchen genommen hatte, bestätigte seine Ueberzeugung), daß die Frau seiner Wahl allgemeine Achtung erlangen und verdienen werde. Es lag ihm aber doch sehr daran, daß ihr Vater nicht in seiner Heimath als Bänkelsänger bekannt und vielleicht belacht würde. Bei jener Unterredung mit dem alten Sänger hatte er seine Absicht, um der Tochter Hand zu bitten, so schnell offenbaren müssen, um für sie das Versprechen zu erlangen, an dem ihm am meisten gelegen war, das durch die sonderbaren Reden und Verwechslungen des Alten bedroht schien. Sehr fatal war ihm alsdann die Pflicht in die Quere gekommen, die ihn nach Bonn abrief. Er hatte nicht daran denken können, das Mädchen noch einmal zu sehen, hatte am Quartier Goldmunds, zu dem er auf die Gefahr hin, den Zug zu versäumen, noch geeilt war, den Bescheid erhalten, er sei zu seiner Tochter schon früh aufs Land gegangen. So war es gekommen, daß Max keine Boten mehr hatte, als seine Gedanken, die so ganz anders geworden waren, seit ein holdes Mädchen sich in sein Herz hineingeblickt, gelacht und gesungen hatte. Um aber doch seine Gedanken bisweilen auch für Anderes als Liebessorgen verfügbar zu haben, hatte Heermann von Mainz aus dem alten Goldmund geschrieben, ihm gesagt, daß er auch nach reiflicher Erwägung festhalte an dem Vorhaben, welches er rasch geäußert hatte. Er berufe sich auch auf das gestern Gesagte und bitte zunächst, ihm Nachricht von sich und seiner Tochter und deren Verweilen zu geben. — Mehr schriftlich zu sagen wagte er nicht. Bei dem zerstreuten Goldmund konnte ein Brief wunderliche Schicksale haben. Goldmund war aber nicht minder behutsam als Max. Seine Antwort, in großen, ungelenken Buchstaben geschrieben, enthielt wenig mehr als allgemeine Artigkeitsfloskeln; keine andere Mittheilung über seine Tochter, als daß es ihr gut gehe, sie nach ihrem Geschmack versorgt sei, ihr verletztes Händchen Pflegen könne, umso ruhiger, als er, Goldmund, nicht bet Stimme sei und vorderhand ihrer Dienste nicht bedürfe. Diese Zeilen enthielten Beruhigendes, aber eS war doch verzweifelt wenig in Heermanns Lage, dem die Arbeit über den Kopf wuchs, und der vor dem Congreß auch nicht für einen Tag abkommen konnte. — Ein zweiter Brief an Goldmund hatte keinen besseren Erfolg. — Auch in dieser Antwort, die einige Tage ausgeblieben war, gab der Alte weder Auskunft über die Adresse seiner Tochter, noch über ihr Ergehen und ihre Gesinnung. Es hieß nur, Dr. Heermann möge der Dankbarkeit und Verehrung von Vater und Tochter gewiß sein. Letzterer könne er keine Grüße ausrichten, da sie eine kleine Reise angetreten habe. Max bebte vor Ungeduld als er diesen Brief las. Eine Reise? Warum sagte Goldmund nicht, wohin? Mit wem? Zu wem? Was hätte Max darum gegeben, wenn er frei gewesen wäre, um Goldmund persönlich zu befragen und zugleich ihm Lektionen über Genauigkeit im Briefstil beizubringen. Er mußte aber in Mainz aushalten und über Hals und Kopf weiter arbeiten, und das ward um so schwerer, als ihm durch einen Landsmann, einen Geistlichen aus Bonn, dem er am Mainzer Dowplatz begegnete, eine Vermehrung der Unruhe gebracht wurde. Der gesprächige Herr hatte ihn zu erfreuen gedacht und ihm eilig erzählt, es gehe seiner Tante, dem verehrten Fräulein Stark, gut; er habe sie recht munter und gut aussehend angetroffen, als er aus Nonnenwerth von einem Besuch bet dem Hausgeistltchen daselbst zurückkommend, aus der Fähre gestiegen sei. Sie habe im Verein mit verschiedenen Damen und Herren eine Can- didatin oder Pensionärin begleitet, eine Musikerstochter, soviel er gehört habe, deren Stimme voraussichtlich beim Kirchenchor recht erwünscht sei. Der Unglücksrabe wußte weiter nichts, nicht einmal ob die Candidatin schön sei, goldnes Haar und dunkle, 409 wunderbare Augen habe. — Er sah sogar recht verwundert und fast ein bischen malitiös aus, weil ihm solche Kenntniß zugemulhet wurde, und das von einem mit gelehrten Arbeiten beschäftigten Mann, den doch die Candidatinnen von Nonuenwerth nichts angingen. Dieß letzte Räthsel war es, was noch dem Faß den Boden ausschlug. Bei Anwendung dieses Vergleichs bleibt zweifelhaft, ob des jungen Professors Geduld je ausgiebig genug war, um ein Faß zur Aufbewahrung zu bedürfen. Jedenfalls war sein Vorrath nun zq Ende. Der Congreß in Frankfurt sollte aber eben jetzt seinen Kaiser Wilhelm I. Denkmal auf dem Kyffhiiascr Anfang nehmen, zu dem Or. Heermann angemeldet war, und zwar — als Sekretär einer Sektion. Mit unlösbaren Räthseln im Kopf kann aber kein Mensch arbeiten, noch dazu wenn er von ungehorsamen Gedanken gequält wird, die nun ihren Flug nicht mehr zum Drachenfels, aber zu dem Nonnenkloster am Fuße des Berges auf der Rheininsel machten. Trotz aller Beharrlichkeit konnten sie aber nicht ergründen, wer die Candidatin sei, die dorthin in der Fähre gefahren war, wer die begleitenden Herren und Damen, und was in aller Welt Mina, die vtelgeschäftige Tante Mina, bei der Sache zu thun hatte? Welchen Beruf hatte sie, Musikerstöchter zum Kirchenchor der Nonnen zu geleiten? War sie etwa durch Frau Professor Führer auf Goldmunds Tochter aufmerksam gemacht worden? Hatte dieser Wahrheit gesprochen, als er von seiner Tochter Klosterberuf sprach und von Nonnenwerth als dem Ort, wo sie nach ihrem Geschmack untergebracht sei? — Schönes Unterbringen dieses! Da wäre ihm das Theater noch lieber gewesen. Vom Theater konnte er das Mädchen seiner Wahl wegholen, wenn sie nur wollte. Aus dem Kloster gab es kein Entrinnen. Die lächerlichsten Vorstellungen, die Goldmund sich vom Gefängniß des Klosterlebens gemacht hatte, wurden plötzlich von dem klugen, ruhig urtheilenden Max adoptirt. Am Ende hatte Tante Mina, vielleicht durch feinen Bruder unterrichtet, seine Neigung bemerkt und half nun, das Mädchen, das dem Fa- milienstolz nicht entsprach, aus dem Weg zu räumen? Daß dies Wahnsinn war, wußte Max. Die gute Tante Mina würde eher behilflich gewesen sein, ihm zu seiner Herzenswahl zu helfen. Er wollte an sie schreiben, fürchtete aber doch, sich lächerlich zu machen. Es blieb keine Wahl; wollte Max bei dem Congreß etwas leisten, wie es sein Ehrgeiz verlangte, so mußte vorher diese Unruhe aus seinem Gemüth. Nur eine Unterredung mit Goldmund konnte es bewirken. Deßhalb hatte Max an den Sänger geschrieben, ihn gebeten, zu einer Unterredung mit ihm zu kommen, und zwar nach Frankfurt, wodurch ihm Zeit für Antwort und Reise blieb. Er hatte dem von Mainz aus abgesandten Brief eine Fünfzigmarknote beigelegt, obgleich er zagte, damit den Alten zu beleidigen. Um so herzlicher hatte seine Bitte gelautet, ihm-den Dienst zu leisten, der rein zum persönlichen Nutzen des Bittstellers erbeten werde. Antwort über Zeit und Ort der Zusammenkunft hatte Max xosbs rastunts Frankfurt erbeten. Als der Zug aus Mainz in Frankfurt anlangte, eilte Max sofort auf die Centralpost. — Ein Brief an ihn lag da, aber er war aus Mehlen, von Walter. Ohne ihn zu öffnen steckte Max ihn zu sich. Auf ein Telegramm hatte er nicht gerechnet, doch sparte er den Weg nicht,zum Telegraphenamt und sollte belohnt werden. Eine Depesche lag vor mit seiner ausführlichen Adresse. Vor- und Zuname, Titel, Amt, Mitgliedschaft des Congreffes rc. — nichts fehlte. Der Inhalt war um so lakonischer. Heute. Punkt 3 Uhr. Frankfurter Hof. Nr. 24. Goldmund. Das Datum war aus Bonn. — Heermann war so erfreut über das Resultat seiner Bestellung, daß er vergaß nachzurechnen, auf welche Weise so bald schon Goldmund in Frankfurt eintreffen wollte, da der passendste Zug erst gegen fünf Uhr Abends von Bonn ankommt, u. weß- halb er den besuchtesten, theuersten Gasthof zum Ort der 410 Zusammenkunft gewählt hatte. — Er mußte nun eilen, da die Herzensangelegenheit ihr Recht erhalten hatte, die geschäftlichen Erfordernisse auf dem Bureau des Comites in Ordnung zu bringen, sich zu melden und Bestimmungen über seine Thätigkeit in Empfang zu nehmen. Erst beim Essen, das er eilig in seiner oorausbestellten Hotelwohnung einnahm, kamen ihm Bevenken über Goldmunds eigenthümliche Bestimmungen. Er hatte aber auch jetzt nicht Zeit darüber zu grübeln, wollte er um drei Uhr pünktlich beim Stelldichein erscheinen. Auf dem Wege dahin fiel ihm erst der Umstand auf, daß Professor Grube aus Graz, einer der Koryphäen, bei dem bevorstehenden Congreß, im Frankfurter Hof abgestiegen war. Er hatte eine geschäftliche Zuschrift Grubes schon in Mainz erhalten, mit dem Stempel des Gasthofs. Sobald die Unterredung mit Goldmund vorüber war und Pfarrhof stehen im Dorfe Pfronten-Berg, 2'/z Stunden westlich von Füssen, dem natürlichen wie kirchlichen Mittelpunkte des ganzen Pfarrbezirkes, welcher sich weit über Hügel und Thäler ausbreitet und im Süden und Westen von hohen Vorbergen der Tiroler Alpen, dem Breitenberge, Aggenstein, Kienberge und Edelsberge, eingeschlossen wird. Die Nachrichten zur älteren Geschichte von Pfronten sind sehr dürftig. In der Zeit alemannisch-schwäbischer Einwanderung, als das Land vor dem Gebirge überhaupt zu Bau gebracht wurde, zog die Cultur des Bodens auch über die bewaldeten Höhen und durch die feuchten Thäler des Bezirkes von Pfronten, den die Römer schon kannten und mit einem Namen bezeichneten, welchem der spätere Name Pfronten entstammt. Daß die Erinnerung an diesen Urzustand jener Gegend und an die Cultivtrung derselben bei den späteren Bewohnern nicht entschwand, geht aus -AN pfronten» Nied, Derg und Halden von Metlingcn aus. Original-Ausnahme von Gustav Basier, Photograph in krumbach. sLervielsüIiigungSrechi vorbehalten.) ihm Beruhigung gebracht hatte, wollte er versuchen den Herrn Professor, seinen alten verehrten Lehrer, zu besuchen. Auf jeden Fall konnte er eine Karte abgeben. (Schluß folgt.) — -s -- Pfronten, Bez.-Amt Füssen, Landger. Füssen?) (Mit Illustrationen.) Einen Ort des Namens „Pfronten" gibt es nicht; dieser Name ist vielmehr eine Collectiv-Bezeichnung für den ganzen Pfarrsprcngel und die zu ihm gehörenden einzelnen Ortschaften; daher die Namen Pfronten-Berg, Pfronten-Kappel, Pfronten-Steinach usw. Pfarrkirche und 0 Aus Strichele, „Das Bisthum Augsburg" dem im 15. Jahrhunderte für Pfronten geschriebenen Rechts- und Markungsbuche, dem sog. Pfarr-Rechte, hervor; denn in diesem werden die Nachkommen gemahnt, nicht zu vergessen, daß ihre Vordern und Eltern es gewesen, „die ire freien guot vß wilden wälden erreut haben". Die in einer freiheitlichen Verfassung sich bewegende Gemeinde des Bezirkes mag anfangs unter dem Schutze des Reiches gestanden sein, später eine Zeit lang unter den Grafen von Tirol; gewiß aber ist, daß schon frühe das Hochstift Augsburg hier Rechte übte, aus welchen endlich die völlige Landeshoheit über den Bezirk Pfronten erwuchs. 2) *) Dieses bis auf unsere Zeit iu Pfronten aufbewahrte Pfarr-Recht, welches die heutigen Bewohner, wie es ihre Vorfahren thaten, unter dem Namen des „göttlichen Rechtes" wie ein Heiligthum verehren, gewährt einen tiefen Blick in das 411 Auch aus späterer Zeit finden sich nur sehr dürftige geschichtliche Nachrichten über Pfronten. Nach dem Hochstiftischen Salbuche von 1316 bezog damals der Bischof Geldgefälle aus Pfronten. Den Wiodumhof „zu Pfraunten" und den halben Zchenten der Kirche „zu Pfrondten" erhält durch den Hohenekk'schen Theilungsbrief vom 22. September 1361 Andreas von Hohenekk zu Vilsekk. Der ganze Bezirk von Pfronten blieb aber unter der Landeshoheit und höchsten Gerichtsbarkeit der Bischöfe von Augsburg, deren Vögte auf dem Falkensteine saßen, bis diese Beste im 16. oder 17. Jahrhunderte der Zerstörung durch Feuer erlag. Was die früheste kirchliche Geschichte von Pfronten betrifft, so will die Sage wissen, die Filiale Kappel sei der erste Ort der Gemeinde Pfronten und ihre Kapelle das erste Gotteshaus für die Gegend gewesen; ja, die- hört Pfronten zu den Urpfarreien des Bisthums Augsburg. Unter den Pfrontener Pfarrern früherer Zeit verdient Erwähnung N. Magnus Pirgmann, als bischöfl. Pönitentiar zu Augsburg genannt 1478 und 1497. Xaver Bahr, Pfarrer zu Pfronten 1803 — 1811, aus der Schule I. M. Sailers hervorgegangen, wehrte mit der Waffe des göttlichen Wortes und eigener Glaubenskraft erfolgreich dem Andringen des Aufstandes, welcher i. I. 1809 von Tirol aus auch seine Gemeinde zu ergreifen drohte.^) Die Besetzung der Pfarrei übten, soweit die Nachrichten reichen, jederzeit die Bischöfe frei aus; daher auch gegenwärtig mit landesherrlicher Anerkennung vom noch übrig die Burgmauern, in einem länglichen Vierecke von kaum 25 Futz Länge und 12 Fuß Breite bestehend, und Trümmer einer Mauer, welche, ringsum am Saume des Abgrundes pfronten, MeiUngrn, Ried und Heitiern. Original-Ausnahme von Gustav Baadcr, Photograph in Kruinbach. sVervielsältigungsrecht vorbchalteng selbe habe als Pfarrkirche gedient, ehe die St. Nikolaus- Kirche auf dem Berge gebaut worden sei. Jedenfalls ge- Leben und die Verfassung der vereinigten Gemeinden in den Jahrhunderten des Mittelalters. Die Handschrift in ihrer gegenwärtigen Gestalt, enthaltend „die recht, alte herkamen vnd ur- kunt der Pfarre zu Pfronton" mit der „newen Ordnung" stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, ist aber gewiß nur als eine Erneuerung und Zusammenstellung uralter Gebräuche und Satzungen anzusehen. ") Am 1. November 1424 wird Hans Haslach vom Bischöfe Peter auf seines „gotzhuses vefte vud behusunge Bastenstem zu einem Vogt vnd burkman" gesetzt Domkapitl. Urk. in München. Nach v. Hormahr's goldn. Chronik von Hohensckwangau, S. 147, hätte die Bürgeischaft von Augsburg, Rache nehmend für wegelagernde Angriffe und Beschädigungen ihrer Kaufmannsgüter, im Jahre 1434 den Falkenstein und den Schwangauischen Frauenstein zerstört. Ersterer muß aber wieder hergestellt worden sein, denn bei Stiftung des Benefiziums in Kappel. 20. März 1497, erscheint noch Hans Maurer der Aeltere, Pfleger auf dem Falkenslein. Von dem längst zerstörten Felsenneste sind angebracht, den nur wenige Schritte breiten äußeren Bodenraum mnzog. linier Bayr's pfarrlicher Amtsführung brauste die Jr- surreciion auS Tirol herüber in die Tbäler desAUgäu und erregte ihm selbst einen Kampf, d-n er männlich bestand. Mit der Maln dc^ göttlichen Wortes trat er den Empörern entgegen, erntete aber dafür Mißtrauen und Haß. Eines Sonntags, bevor er die Kanzel bestieg, war ihm gesagt worden, es würden sich einige Insurgenten in die Kirche schleichen mit Stutzen unter den Röcken, um ihn beim ersten Worte, das er gegen die Jnsurrcction sprechen würde, von der Kanzel zu schießen. Betroffen über diese Nachricht bedachte sich Bahr einen Augenblick, was er thun sollte. Doch sammelte er sich schnell und bestieg, auf die Kraft des Evangeliums vertrauend, das er verkünden sollte, muthig die Kanzel. In Ernst und Liebe, entschieden und furchtlos sprach er gegen die Jnsurrcction, und sieh — die Gegner blieben ruhig, warfen nach dem Gottesdienst beschämt die Gewehre weg und versöhnten sich mit ihrem Seelsorger, dessen Worte sie überwältigt hatten. In Anerkennung seiner Verdienste aus jener Zeit verlieh ihm die bayerische Regierung die Medaille des königlichen Civil-Verdienst-Ordenö. — Bay> siaib als Pjarrcr zu Dirlewang am 16. Aug. 1844. 412 3. September 1836 und 24. Juni 1854 das freie bisch. Collatur-Recht bei derselben besteht. (Schluß folgt.) --so-«k-cs— Zu unseren Bildern Gerhard Kohls» ch- Zu Rüngsdorf bei Godesberg am Rhein verschied am 3- Juni Hofrath vr. Gerhard Rohlfs, der hervorragende Afrikaforscher und Ethnograph, der wiederholt auch zu diplomatischen Sendungen an afrikanische Fürsten verwendet worden, ist. Am 14. April 1832 in Vegesack bet Bremen geboren, trat er 1849, knapp siebenzehn Jahre alt, in die Schleswig-Hol- steinische Armee ein und wurde nach der Schlacht von Jdstedt zum Offizier ernannt. Nach dem trübseligen Ausgange des Feldzuges widmete sich Rohlfs dem Studium der Medizin und war dann, als Arzt in französischen Diensten, Zeuge der Kämpfe gegen die Kabylen. Der Aufenthalt in Algerien wurde für sein weiteres Leben entscheidend. Von Wissensdrang getrieben, durchwanderte er, als Mohammedaner verkleidet, 1862 die marokkanische Sahara von Westen nach Osten bis zum Wadi Draa, wo er von seinen Führern ausgeplündert und verwundet wurde, drang 1864 über das Schneegebirge des Atlas bis zur Oase Tuat vor, von der er die erste Beschreibung lieferte, und kehrte über Ghadames und Tripolis auf kurze Zeit nach Deutschland zurück. Eine neue Reise führte ihn 1865 nach Mursuk. 1866 zog er über Bilma nach Bornu und lieferte von diesem Wege die erste vollständige Skizze. Von dort wandte er sich nach Westen und gelangte durch damals noch gänzlich unbekannte Gegenden zum Venus und fuhr diesen Fluß bis zur englischen Niederlassung Lokodja an seiner Einmündung in den Niger hinab. Im April fuhr er den Niger aufwärts bis Rabba rind drang durch die Urwälder von Joruba bis zur Küste von Lagos vor, wo er sich 1867 nach England einschiffte. 1868 begleitete Rohlfs die englische Armee auf ihrer Expedition nach Abessinien und übernahm 1869 den Auftrag, die Geschenke des Königs Wilhelm von Preußen an den Sultan von Bornu zu überbringen. In Tripolis übergab er die Geschenke dem vr. Nachtigal zur Weiterbeförderung, während er selbst eine Reise nach Kyrcnaika und der Oase des Jupiter Ammon unternahm. Nach seiner Rückkehr, 1870, nahm er seinen ständigen Wohnsitz in Weimar. Einer Aufforderung des Khedive folgend, führte er 1873 eine aus zehn Deutschen bestehende Expedition in die Libysche Wüste und erreichte mit dieser nach sechsund- dreißigtägigem Marsch durch gänzlich wasserlose Gegenden die Oase Sinah (Jupiter Ammon). Die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Reise erschienen in einem großen Sammelwerk 1878 führte er eine neue Expedition nach Jnnerafrika, zu welcher die deutsche Regierung 30.000 Mark beigesteuert hatte; gleichzeitig sollte Rohlfs Geschenke des deutschen Kaisers dem Sultan von Wadai überbringen. Schon hatten die Reisenden die noch von keinem Europäer betretene Oase Kusra erreicht, als sie von Suya-Arabern überfallen wurden; nur mit Lebensgefahr und unter großen Opfern konnten sie sich retten. Im September 1880 übernahm Rohlfs einen neuen Auftrag Kaiser Wilhelms I-, ein Schreiben an den Negus von Abessinien zu überbringen. 1885 wurde Rohlfs zum deutschen Generalkonsul in Sansibar ernannt, kehrte aber nach kurzem Aufenthalt krankheitshalber nach Deutschland zurück und nahm seinen Wohnsitz in Godesberg. Außer zahlreichen Aufsätzen und Berichten in Fachzeitschriften veröffentlichte Rohlfs eine Reihe von Rcisewerken. Das neue KyMzSusrr-Denkmal. Das Kyffhäuser-Denkmal, dessen Bild wir bringen, ist ein gewaltiges, aber in allen Linien schön gegliedertes Bauwerk, nach jeder Richtung bin dem hervorspringenden Punkt angepaßt, auf welchem es fußt. Die ungeheuren Größen Verhältnisse — die Höhe des Thurmes beträgt an der ersten Terrasse 69 Meter, also 29 Meter mehr, als das Niederwald-Denkmal, das Reiterstandbild des Kaisers ist 9,70 Meter hoch, der Kaiser- kopf mit Helm allein mißt 1,30 Meter, ein Bein 3,20, ein Arm 2,50 Meter — gleichen sich ungemein symmetrisch aus, mit einem Worte, sowohl Bruno Schmitz als Architekt, Prcfessor Hundrieser als Schöpfer des Reiterstandbildes des Kaisers, N. Geiger als Künstler des aus tiefem Schlafe erwachenden Barbarossa baben ihre große und schwere Aufgabe glänzend gelöst. Bemerkenswerth ist besonders die 30 Meter hohe freistehende Spindel des Thurmes, die aus der Kuppel des Thurmsaales aufsteigt und die Wendeltreppe stützt, welche zur höchsten Gallerte innerhalb der Kaiserkrone emporführt, eine ungemein kühne Arbeit. Auf wenigen Stufen steigt man von der untersten Terrasse zu drei in das Gestein eingesprengten niedrigen Portalen. Hinter ihnen ruht und verkörpert sich das Sagenhafte des Berges. Felstrümmer und Kunst verschmelzen und ergänzen sich: Wir sind im Felsenhofe Barbarossas. Dort ruht der Held aus seinem Throne unter einem mit Ornamenten geschmückten Bogen an der Stirnseite des Denkmals, unterhalb des Standbildes des Neuerrichters des deutschen Reiches. Ueber dem Haupte Barbarossas schreitet das Streitroß Kaiser Wilhelms stolz und wuchtig aus der Nische des Thurmes. Hund- riesers Gruppe schimmert im Glänze ihres reinen Erzes; aus Zinnen und riesigen Quadern heraus wächst der kolossale Thurm, der in seinen oberen Theilen den Reichsadler und die Namen des Bundesstaaten eingemeißelt trägt. Der Thurm ist von der Hochterrasse aus 57 Meter hoch; er wiegt rund ier- zehn Millionen Kilo. Die auf acht massiven Stützen rutcnde Krone besitzt einen Durchmesser von 3,5 Metern, eine Höhe von 6,6 Metern; sie ist zusammengefügt aus 40 Meter Kubik- steinen. Die Gesammtmaffen des Denkmals betragen 55,000 Kubikmeter, sein Gesammtgewicht 1'/« Millionen Centner. Professor vr. Westphal, der Anstifter zum Gedanken des Denkmalbaues, meint, das Mauerwerk des Monuments würde hinreichen, um eine Stadt für 5000 Einwohner aufzubauen! Die Gesammthöhe des Denkmals von dem untersten Punkte der Ringterrasse bis zur Thurmspitze beträgt 81 Meter. Von der Decke des Tonnengewölbes des Hauptsaales führen an der freistehenden kühnen Spindel 238 Stufen zur Krone hinauf. Die Kosten des Denkmals, wozu die Anlagen der vielen neuen und bequemen Straßen auf den Rücken des Kyffhäusers gehören, werden sich auf ungefähr 1,200,000 Mark belaufen, von denen 900,000 Mark durch die bisherigen Sammlungen des Deutschen Kriegerverbandes gedeckt sind. Die Gestalt des Kaisers Wilhelm I. tritt, hoch zu Roß, auf der Stirnseite des Wartthurms in Erz getrieben hervor. Darunter, in der breiten Vorderwand erblicken wir die aus dem Stein herausgearbeitete Gestalt Kaiser Rothbarts, vom Bildhauer Nikolaus Geiger geschaffen, ein Werk, welches genau mit der Idee des ganzen Denkmals übereinstimmt. Der Kaiser der alten Sage ist im Erwachen dargestellt, von webendem langem Bart umwallt; er sieht in die Ferne nach den Raben, ob sie noch um den Berg flattern, und versucht, aufzustehen und sich von den Felsmassen, in die er hineingewachsen ist, zu befreien. -» -t- > 6 Am Aodensee. Ueber blauer Fluthen Säumen Streift der Möve leicht Gefieder, Und wie sclig-wogend Träumen Klingt's aus Wellentiefen wieder. Winde sausen bald und brausen Wirbelnd über Wasserflächen. Und der Schiffer hört mit Grausen, Wie es tönt aus Fluthenbächen: „Lieber Knabe, zieh' nicht weiter, Lausche meiner Wogen Rauschen! Drohend, bald erhaben heiter, Wie sich Glück und Unglück tauschen, „Wallt der Wasser drängend Leben Aus des Abgrunds dunklen Tiefen, Geht der Wolken fernes Schweben, Die im blauen Aether schliffen. „Glück und Unglück wirst Du finden In des Lebens altem Flusse, Glück und Unglück wird Dich binden Bei des Schicksals kaltem Kusse. „Wie das Schicksal, so mein Wallen,, Kalt und ewig schmeichelnd wieder, Heute leises, flüsternd Lallen, Morgen branden wilde Lieder/ Wilh. Nötiger. --WRZS--