« 56 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 7. Juli 1896 . ssür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas Ä Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Krauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson, (Fortsetzung.) IV. In einem bescheiden, doch behaglich eingerichteten Zimmer im Erdgeschoß eines weder großen noch ansehnlichen Hauses inmitten der Stadt stand eine Frau, welche das fünfzigste Lebensjahr weit überschritten, in einfacher Hauskleidung am Fenster und blickte auf die durch Gasflammen hellerleuchtete und durch Wagen und Fußgänger belebte Straße hinaus. In dieser war nur noch wenig von dem gefallenen Schnee vorhanden, der im Freien die Erde weiß deckte und noch immer vom heftigen Wind vor sich her getrieben ward. Nachdem die Frau die nasse Straße und die eilig Vorübergehenden eine Weile beobachtet, sagte sie, sich an ein junges Mädchen wendend, das beim hellen Schein der Lampe eifrig mit einer Handarbeit beschäftigt war: „Es ist ein schauerliches Wetter, Bertha, und besser von hier aus anzusehen, als sich darin zu befinden!" „Und dennoch muß ich mich hineinbegeben, Mutter", erwiderte aufsehend die Tochter, deren äußere Erscheinung nicht darauf schließen ließ, daß sie Wind und Wetter scheute. Nicht regelmäßig schön, war sie dennoch sehr hübsch zu nennen, wozu die lebhaft und entschlossen in die Welt hineinblickenden Augen und das reiche wellige braune Haar besonders beitrugen. Sie war von mittlerer Größe und zierlicher, doch kräftiger Gestalt, und alle ihre Bewegungen bekundeten Festigkeit und Entschlossenheit. Sie hatte bereits das vierundzwanzigste Lebensjahr erreicht, doch hielt man sie stets für jünger als sie war. „Ist es nothwendig, Kind?" fragte in fast besorgtem Tone die Mutter. „Kannst Du den Weg nicht bis morgen hinausschieben oder Christine gehen lassen?" „Aber Mutter, sollte ich das Wetter nicht so gut ertragen können wie sie?" fragte mit leichtem Lachen die Tochter und fügte mit sanfter Emschtedenheit hinzu: „Die Arbeit muß noch heute abgeliefert werden, da in nächster Zeit das Sophaklssen zum Hochzeitsgeschenk gebraucht wird. Unsere Christine könnte ich auch schon, weil Frau Müller mir ihre Rechnung gern selbst bezahlt, nicht schicken!" „Ach, Bertha", fuhr nach kurzer Pause die Mutter besorgt fort, „ich fürchte, dieß angestrengte Arbeiten schadet auf die Dauer Deiner Gesundheit, denn Du stehst bleich und angegriffen aus — —" „Das muß so sehr nicht auffallen, Mutter, denn sonst würde es auch wohl Albrecht bemerken", entgegnete, sie mit den lebhaften Augen ansehend, die Tochter. „Albrecht hat, wie die meisten Aerzte, für die Seinen keine Zeit", erwiderte leicht verstimmt Frau Günther. „Er ist so sehr beschäftigt, Mutter", entschuldigte Erstere den Bruder. „Müssen wir uns nicht freuen, - daß neben seiner Anstellung am Krankenhause er in so kurzer Zeit schon eine ziemlich ausgebreitete Praxis erlangt?" „Das ist allerdings wahr, Kind", versetzte noch immer verstimmt die Mutter, „doch kann er von seiner Einnahme noch immer nicht viel für sich verwenden, da er für uns so viel — —" „Aber Mutter, äußere vor allen Dingen nicht Albrecht gegenüber solche Gedanken", bat ernst die Tochter. „Er hält sich verpflichtet, Dir einigermaßen das zu ersetzen, was Du und der verstorbene Vater für ihn geopfert. Auch hast Du ja Deine Pension-" „Die aber mir meinem Tode aufhört, wo Dir dann nur unsere geringen Ersparnisse bleiben", versetzte trübe Frau Günther. „Ja, hättest Du Deine Verlobung nicht aufgegeben! — Jetzt ist Otto Neufeld schon ein Jahr Assessor, und wenn auch seine Einnahme nur eine mäßige, so härtet Ihr doch genug daran gehabt!" „Ja, das hätten wir", entgegnete Bertha mit veränderter Stimme, „und wenn nicht sein Vater, als er vor mehreren Jahren nach . . . versetzt ward, auch zufällig der Mitvormund eines sehr reichen, jungen Mädchens geworden, so hätten wir uns auch gewiß gehei- rathet. Von der Zeit an aber war er gegen mich verändert, auch seine Familie behandelte mich nicht liebevoll und freundlich wie sonst, und da ich das nicht ertragen konnte und wollte — —" „So machtest Du der Sache ein schnelles Ende und gabst ihm mit seinem Ring auch sein Wort zurück und erhieltest den Deinigen wieder", unterbrach fast traurig Frau Günther. „Ja, Mutter, und es war richtig, daß ich den entscheidenden Schritt that", fuhr merktjch erregt die Tochter fort, „wenn es mir auch, nachdem wir zwei Jahre verlobt gewesen, nicht leicht geworden ist. Seine Verlobung 422 aber mit der reichen Mündel seines Vaters läßt noch immer auf sich warten, und mag das Herz des jungen Mädchens auch schon gewählt haben. Doch nun, Mutter, laß uns von der Sache schweigen, Albrecht könnte kommen und — —" Jetzt ward schnell die Hausthür geöffnet und geschlossen, ein fester Schritt näherte sich dem Zimmer, und gehörig gegen Wind und Wetter geschützt trat Dr. Günther ein, dessen Bekanntschaft der Leser vor etwa anderthalb Jahren in der Burgruine bei . . . gemacht. AIs nach gegenseitiger Begrüßung seine Mutter auch ihm gegenüber das schlechte Wetter beklagte, erwiderte er beruhigend: „Es ist so schlimm nicht damit, Mutter, denn der Wind läßt nach, und der Regen und Schnee hört auf zu fallen. Auch kann ich noch nicht zu Hause bleiben, da ich außer einigen Patienten Reichardt's besuchen muß I" „Ist dort Jemand krank?" fragte Frau Günther, welche die Familie vom Hörensagen kannte, und einem aufmerksamen Beobachter wäre nicht entgangen, daß ihre Gesichtszüge einen leichten Grad von Mißbilligung ausdrückten. Eine Antwort erhielt sie nicht, denn nochmals ward die Hausthür geöffnet, und auf den Flur hinausgehend, erblickte Bertha einen jungen Mann, welcher nach höflichem Gruß ihr einen Brief übergab und sich darauf die Antwort des Herrn Doktors erbat. Dieser war schon hinzugekommen, und das Schreiben seiner Schwester Hand entnehmend, öffnete er es und las die wenigen Zeilen, welche Marie Feldheim im Namen ihres Vaters geschrieben. Sich dann dem Ucber- bringer zuwendend, trug er ihm auf, Herrn Feldheim zu sagen, daß er sogleich kommen werde, und ließ sich von ihm noch dessen Wohnung bezeichnen, worauf der Diener sich mit dem, wie er wußte, so erwünschten Bescheid entfernte. Dr. Günther kehrte zu seiner Mutter und Schwester zurück, und dieser den Brief reichend, las sie die schön und mit fester Hand geschriebenen Zeilen, während er eingehend erzählte von wem sie gekommen und schließlich hinzufügte: „Nach Herrn Feldheim werde ich Herrn Reichardt besuchen, der, wie seine Gattin mir geschrieben, mich eines Ohrenleidens wegen zu sprechen wünscht!" „Hat sich das plötzlich eingestellt?" fragte Frau Günther. „Denn da Du doch die Familie zuweilen siehst-" und ihr forschender Blick streifte ihren Sohn. „Ich habe bisher nicht davon gewußt, Mutter", erwiderte dieser ruhig, „bin auch seit vielen Wochen nicht bei ihnen gewesen! Doch nun, auf Wiedersehen —" und seinen Hut nehmend verließ er eilig das Zimmer und das Haus. Als er gegangen, sagte Frau Günther mit leichter Verstimmung: „Mir gefallen Albrecht's Privatbesuche bei der Familie Reichardt nicht, denn ich fürchte, ihre Pflegetochter ist die Hauptveranlassung dazu!" „Und wenn dem so wäre, Mutter?" entgegnete Bertha von der Arbeit aufsehend, an der sie eben die letzten Perlen aufnähte und noch einige Seidenfäden befestigte. „Fräulein Rothenfels ist ein sehr hübsches Mädchen, soll eine vorzügliche Erziehung genossen haben und sehr häuslich sein!" „Sie wäre dennoch aber kaum eine geeignete Frau für Albrecht", fuhr in demselben Ton Frau Günther fort. „An eine Frau denkt auch Albrecht gewiß noch nicht", versetzte mit leichtem Lächeln über ihre Sorge die Tochter. „Denn wer wie er so unaufhörlich in Anspruch genommen ist — — " „Das ist freilich wahr", gab Frau Günther zu. „Heute wiederum den neuen Patienten — von seiner Tochter muß er uns erzählen — —" fuhr sie dann von einem plötzlichen Gedanken erfaßt fort. „Sollte die vielleicht eine Frau für Albrecht sein?" fragte sich lächelnd erhebend ihre Tochter, fügte aber ernster hinzu: „Ich wollte, Albrecht heirathete nie, Mutter, denn dann müßten wir ihn entbehren, und das würde mir sehr, sehr schwer werden!" und dieß sagend verließ auch sie das Zimmer, um ihre Besorgungen auszurichten. Frau Günther aber sann über die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung ihres Sohnes nach, der ihrer Ueberzeugung nach in seinem Beruf die höchsten Ziele erreichen würde, und dessen Zukunft daher in jeder Beziehung eine glänzende sein mußte. V. Herr Fcldheim hatte Dr. Günthers Antwort unter heftigen Schmerzen entgegengenommen, und als der Diener das Zimmer verlassen, sagte er, sich an seine Tochter wendend, in mürrischem Ton: „Der wird wahrscheinlich auch nichts für mich thun können, und wenn es so fortgeht — —" „Laß uns Besseres von ihm hoffen", erwiderte diese ermuthigend, „denn dürften wir das nicht, so hätte der Professor ihn Dir nicht so warm empfohlen!" Er hatte keine Antwort auf diese Bemerkung, und es verging noch eine kleine Weile, bis die Glocke der Hausthür erklang, u. während Herr Feldheim in unverkennbar befriedigtem Ton sagte: „Da ist er schon! "strömte seiner Tochter einen Moment alles Blut zum Herzen u. färbte dann ihre Wangen mit tiefem Noth. Sich höher aufrichtend war jedoch im nächsten Augenblick diese Erregung verschwunden, und sie sah mit ruhigem Blick dem eintretenden Dr. Günther entgegen. Ueber die Förmlichkeit der Begrüßung kamen sie schnell hinweg, dann sagte, für den Augenblick seine Schmerzen vergessend, der Kranke in gewohnter kurzer Weise: „Es freut mich, daß Sie so schnell gekommen sind, Herr Doktor. Erinnern Sie sich unserer noch von Halle her?" „Es würde die Unwahrheit sein, wollte ich Ihre Frage bejahen, Herr Feldheim", erwiderte aufrichtig der Arzt seinen Patienten zugleich mit dem Auge eines solchen betrachtend. „Ich habe dort so viele Kranke kennen gelernt und behandelt — —" „Das thut auch nichts zur Sache", entgegnete Ersterer, diese Erklärung begreifend, während seine Tochter Beide beobachtete, „wichtig dagegen ist, daß Sie da sind und es mit meiner Behandlung versuchen wollen!" „Gewiß, Herr Feldheim", versicherte Dr. Günther, „und so lassen Sie mich dann erfahren, auf welche Weise das geschehen muß, denn ich sehe Ihrem Gesichte an, daß Sie heftige Schmerzen leiden." Der Patient begann seinen Bericht, den oftmals seine Tochter ergänzen mußte. Nach diesem fand die Untersuchung statt, dann schrieb Dr. Günther einige Rezepte, ertheilte Marie mündliche Verordnungen, und sich darauf nochmals an den Kranken wendend sagte er: „Ich werde, um die Wirkung der Mittel besser beobachten zu können, erst übermorgen wiederkommen. Sollten Sie aber bis dahin meine Gegenwart wünschen, so bitte ich es mir wissen zu lassen", und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, sprach Herr Feldheim in gewohnter verstimmter Weise: „Laß alles schnell besorgen, Marie, damit wir sehen, ob dieser Dr. Günther mir zu helfen im Stande ist. Er gefällt mir übrigens nicht besonders, hat, seit wir ihn kennen gelernt, sich sehr verändert und tritt für einen noch jüngeren Arzt sehr bestimmt auf. Meinst Du das nicht auch?" „Wir wollen hoffen, Vater, daß er Dir bald Linderung verschafft", entgegnete die Tochter, deren Züge den gewohnten milden Ernst trugen und in denen ein aufmerksamer Beobachter auch noch einen leisen Anfing von Schmerz und Traurigkeit gefunden haben würde, der ebenfalls in ihren ausdrucksvollen Augen lag, „und Du dann Deine Meinung über ihn änderst", und dieß sagend rief sie den Hausdiener herbei und trug ihm die Besorgung der Recepte auf. Gleichzeitig erschien auch der Wärter, welcher die Nächte bei dem Kranken zubrachte, damit seineTochter, die am Tage so vielfach durch ihn in Anspruch genommen wurde, ungestört schlafen konnte. Mehrere Stunden später, als bereits die Nacht angebrochen, betrat diese ihre Zimmer im oberen Stockwerk des Hauses, welche ihr Vater geschmackvoll und freundlich für sie hatte ausstatten lassen. Das Wohn- gemach war behaglich durchwärmt, auf dem Tische brannte eine zierlicheLampe und in einem neben diesem stehen den Sessel sich niederlassend, stützte sie gegen dessenLehne dasHaupt. Lange sann sie nach, ihreZüge nahmen dabei einen tieftraurigen Ausdruck an, und endlich sagte sie leise, indeß ein schmerzlicher Seufzer den Weg über ihre Lippen fand: „Vergessen — vergessen — während ich - ich" Nach einer Weile richtete sie sich auf, bald auch blickten ihre Augen in gewohnter ruhiger Weise, und wenn auch an ihren Zügen noch ein schmerzlicher, trauriger Ausdruck haftete, fuhr sie dennoch mit sicherer Stimme fort: „Ach ich muß vergessen, daß damals in Halle er einen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht! — Muß vergessen, daß ich thöricht genug gewesen, zu hoffen, auch er-— nein, nein, seine so freundliche Aufmerksamkeit galt war seinem Patienten, dessen Tochter aber war und blieb ihm gleichgültig, und jener Zeit erinnert er sich nicht mehr! — Ob in seinem Herzen ein anderes Bild gelebt? — Jünger und schöner als ich gewesen?" Nochmals sann Marie Feldheim eine Weile nach, dann aber sich höher aufrichtend fügte sie entschlossen hinzu: „Vergessen — einem erträumten Glück entsagen, das ist mein Loos wie es schon einmal zur Zeit meiner ersten Jugendblüthe gewesen, und Niemand — Niemand darf ahnen, am wenigsten aber er selbst, daß so lange sein Bild in meinem Herzen gelebt", und nach diesen Worten an ihren Schreibtisch tretend, öffnete sie das kunstvolle Schloß und nahm aus einem Fach ein sorgfältig gefaltetes Papier hervor. Es ebenfalls öffnend, betrachtete sie die darin vorhandenen getrockneten Blumen und Blätter, legte sie dann auf die noch im Ofen befindliche Kohlengluth, so daß sie schnell aufloderten und verbrannten, und nahm nochmals im Sessel Platz. Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf, ihr Gesicht überzog ein schnelles Roth, die Augen blickten freudig und halblaut sagte sie: „Und wenn dennoch in jener Zeit, wo wir uns täglich gesehen, auch sein Herz in wärmerer Regung für mich zu schlagen gelernt, er dieß noch empfindet und nur äußerlich kalt und ruhig ist, um meine Gefühle zu erforschen?" Der Ausdruck freudiger Erregung verblieb einige Minuten in ihrem Gesicht, denn das Menschenherz ersaßt so gerne auch die leiseste Hoffnung, dann aber verschwand er allmülig und leise sprach sie: „Nein, nein, es ist nicht möglich, er hätte es diesen Abend beim Wiedersehen sicherlich verrathen, während wir offenbar seinem Gedächtniß gänzlich ent- , schwunden waren!" Und während nun Marie Feldheim zu dem vor , ihr liegenden Buch greift, um durch den fesselnden Roman ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, müssen wir zum Verständniß der Leser berichten, daß früh schon, als der einzigen Tochter ihres Vaters, viele junge und auch ältere Männer sich ihr genähert, um ihre Neigung zu erwerben, was ihnen indeß nicht gelang, wohl aber dem Lehrer ihres damals noch lebenden Bruders. Ihr Vater entdeckte die Liebe der noch sehr jungen Leute, die seinen Ansprüchen bei weitem nicht genügte, und entließ auf der Stelle den Lehrer, der um seine Neigung wirksam zu überwinden, sich zu seinem in Südamerika als Kaufmann lebenden Bruder begab, welcher ihm bald zu einer geeigneten Stellung verhalf. // 424 Wie Marie später durch Bekannte erfuhr, hatte er dort Glück und ward mit der Tochter einer angesehenen Familie verheirathet. Im Hause selbst war nie mehr die Rede von der Sache, und um seine Tochter von ihrer Liebe zu heilen, beschloß Herr Feldheim unter den vielen Bewerbern einen Schwiegersohn zu wählen. Ihm sagte als solcher, ein reicher Fabrikherr gesetzten Alters am besten zu, den aber seine Tochter verwarf und ihrem Vater zugleich erklärte, nie heiraten zu wollen. Da alle Vorstellungen erfolglos blieben, theilte er dem wenig erfreuten Bewerber die Weigerung seiner Tochter mit, der, um sich zu rächen, sich in ganz nächster Zeit mit einer jungen, hübschen und lebensfrohen Wittwe verlobte, und diese bald darauf heirathete. Seitdem war von Herrn Feldheim's Seite nie mehr von einer Verheirathung seiner Tochter die Rede und bei eintretender Kränklichkeit war er erfreut, sie, die auch in geschäftlichen Angelegenheiten ihm gewandt zur Hülfe kommen konnte, in seiner unmittelbaren Nähe zu haben. VI. Gehen wir in unserer Erzählung um etwas länger als ein Jahr zurück und betreten wir wiederum das Haus, in das zu Anfang derselben wir unsere Leser geführt. Es ist einige Tage nach dem Weihnachtsfest, und wir finden Herrn und Frau Reichardt wie Hedwig, welche als Tochter bei ihnen geblieben, im Wohnzimmer. Die Dämmerung des kurzen Wintertages, an dem blendendweißer Schnee die Erde deckt, ist eingetreten, im Ofen glimmt ein lebhaftes Kohlenfeuer, das den Raum genügend erhellt, und Erstere halten Mittagsruhe, während Hedwig, nachdem sie einige häusliche Angelegenheiten besorgt, eben die Lampen anzünden will, als die Glocke der Hausthüre erschallt und sie auf den Flur hinausgeht, um nachzusehen, wer Einlaß begehrt. Die Thüre öffnend, steht ein hochgewachsener Mann vor ihr, den kaum sie erblickt, als errathend und erbleichend, was jedoch die Dämmerung ihn nicht erkennen läßt, sie lebhaft ausruft: „Herr Doktor, Sie sind eS?" »Ja, Fräulein Nothenfels", erwiderte dieser, sie ebenfalls erkennend, vermochte aber nicht mehr zu sagen, denn Frau Reichardt, welche den Ruf vernommen, erschien, und sich ihr zuwendend, sagte Dr. Günther, nachdem sie sich begrüßt: „Sie sehen, Frau Reichardt, daß ich von Ihrer mir in der Porta Westfalica ertheilten Erlaubniß Gebrauch mache —" „Seien Sie uns willkommen, Herr Doktor", erwiderte sie freundlich, die ihr dargereichte Hand ergreifend, „und treten Sie näher, damit ich Sie auch mit meinem Mann bekannt machen kann!" Er kam ihrer Aufforderung nach, und während die Männer sich ebenfalls freundlich begrüßten, zündete Hedwig die Lampe an und ließ die Vorhänge herab, worauf Alle Platz nahmen. Dr. Günther erkundigte sich denn nach dem Ergehen der Familie Reichardt und erfuhr, daß seit dem vergangenen Sommer sie sich vollkommen wohl befunden. Er dagegen erzählte, daß er sich um eine Vakanz an einem der städtischen Krankenhäuser beworben und auch die Stelle eines ersten Gehülfsarztes der chirurgischen Abtheilung erhalten, mit der Befugniß, Privat- praxis auszuüben. „Und sind Sie mit dem Wechsel zufrieden?" fragte Herr Reichardt, dessen Gattin wie Hedwig ihre Arbeit zur Hand genommen. „Gewiß, Herr Reichardt", entgegnete der Arzt, „dann ich habe bereits den Anfang mit eigener Praxis gemacht. Besonders erfreut darüber aber sind meine Mutier und Schwester, deren Häuslichkeit ich theile!" Die Unterhaltung ward noch eine Weile, auch die Sommerreise berührend, fortgesetzt, dann aber empfahl Dr. Günther sich, nachdem Herr und Frau Reichardt ihn aufgefordert, seinen Besuch zu wiederholen, was er auch zusagte. Er hielt, wenn auch nach längeren Zwischenpausen, Wort, wodurch Neichardt's von seiner schnell zunehmenden Praxis erfuhren, es ihnen aber auch klar ward, daß Hedwig die besondere Anziehungskraft für ihn sei, wie, daß ebenfalls sie ihn nicht mehr mit gleichgültigen Augen ansah. Diese gegenseitige Neigung konnte nicht anders als ihre vollständige Billigung haben, und sie beschlossen, den Dingne freien Lauf zu lasten und diesem ruhig zuzusehen. Die Zeit verging, der Winter machte dem Frühling Platz, und dieser verfloß, ohne der Familie Reichardt ein bemerkenswerthes Ereigniß zu bringen, da auch ihr Sohn mit seiner Familie sich voll befand. Den Sommer verlebte Hedwig bei dieser, was besonders Dr. Stein befürwortet, da deren Wohnort zugleich ein Seebad war. Erst im Oktober kehrte sie frisch und blühend zu ihren Pflegeeltern zurück, die sie nicht länger entbehren wollten, obgleich Arthur Reichardt und besonders seine junge Gattin sie nur ungern scheiden sahen. Dr. Günther, welcher seiner Zeit von Hedwig Abschied genommen, hatte Neichardt's wie sonst besucht und sich stets theilnehmend nach ihr erkundigt. Eine Woche nach ihrer Heimkehr erschien er ebenfalls, und Letzteren konnte Beider freudige Erregung beim Wiedersehen nicht entgehen. In gewohnter Weise schwanden die Tage bis ins neue Jahr dahin, wo, wie wir wissen, Dr. Günther zu Herrn Feldheim berufen ward und nach diesem Herrn Reichardt ebenfalls als Arzt besuchen mußte. Er ward von Hedwig empfangen, welche, für den Augenblick sich selbst vergessend, in ihm nur den Erleichterung und Hülfe bringenden Arzt sah, den sie sogleich zu dem Kranken führte. Bei diesem war, wie die Untersuchung ergab, eine augenblickliche Operation erforderlich. Hedwig ging ihm dabei mit ruhiger Besonnenheit zur Hand, während Frau Reichardt ihm den Verband aulegen half. Nach einigen Anordnungen verließ Dr. Günther auch diese Familie, jedoch mit der Zusage, am folgenden Tage wiederkommen zu wollen. Raschen Schrittes ging er durch die jetzt hartgefrorenen Straßen dahin. Er mußte noch mehrere Häuser betreten, in denen er sehnlichst erwartet ward, er sah menschliches Elend, Kummer und auch Armuth, und hatte, wo es Noth that, aus seinen bescheidenen Mitteln auch Beistand, der ihm Dank und Segenswünsche eintrug. Den warmen Winterrock fester an sich ziehend, eilte er nach beendigtem Tagewerk seiner Wohnung zu, wo, wie er wußte, seine Mutter und Schwester seiner harrten. Es war gegen zehn Uhr, als er sie erreichte und mit tiefempfundenen Behagen das wohldurchwärmte Zimmer 425 betrat, in welchem Erstere die Zeitung vorlas, während Letztere, welche alle Besorgungen ausgerichtet und neue Bestellungen entgegengenommen, mit einer Handarbeit beschäftigt war und auf dem gedeckten Tisch das Abendbrod bereit stand. Soweit er befugt war, erzählte Dr. Günther dabei von seinen Patienten, besonders von Herrn Feldheim und seiner Tochter, welche seinem Gedächtniß ganz entschwunden gewesen, dann aber wünschte er Mutter und Schwester eine gute Nackt und ricth auch ihnen, sich zur Ruhe zu begeben. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, begann Frau Günther über das mühevolle Leben eines jungen, unermüdlichen Arztes zu sprechen und fügte mit einem Seufzer hinzu: „Könnte er doch einmal eine reiche oder auch nur wohlhabende Frau heirathen, damit ihm die Sorge für das Leben leichter würde",und zu einem anderen Gedanken übergehend fuhr sie fort: „Fräulein Frld- heim würde nach allem, was ich von ihr gehörter als eine solche für ihn schon gefallen. Sie muß aber damals in Halle keinerlei Eindruck auf ihn gemacht haben — —" „Das glaube ich auch nicht", erwiderte die Tochter, welcher einebestimmteAhnung sagte, daß sein Herz bereits für eine Andere schlage und diese,wenn sie seineLiebe erwidere, die Seinige werden müsse. — VII. Mehrere Wochen waren vergangen, seit Herr Feldheim Doctor Günthcr's Patient geworden, und er hatte schon, was erauchwar, Ursache damit zufrieden zu sein, denn wenn, wie Letzterer Marien gesagt, es für sein eigentliches rheumatisches Leiden nur Linderung, keine Herstellung gab, so hatte doch sein Allgemeinbefinden sich gebessert und damit seine Stimmung sich gehoben. Dazu trug auch die Hoffnung bei, gegen Ende März soweit hergestellt zu sein, um mit seiner Tochter nach Italien reisen zu können und dort seine vollständige Genesung zu erwarten. Während dieser Zeit hatte auch Herr Neichardt sein Ohrenleiden soweit überwunden, daß es ihn nicht mehr an der gewohnten täglichen Arbeit hinderte. Damit aber hatten auch Dr. Günther's ärztliche Besuche aufgehört, und er erschien wiederum nur gelegentlich. Eines Abends, nachdem er mehrere seiner Kranken besucht, schellte er an der ihm so wohlbekannten Thür und ward von Hedwig begrüßt, welche ihm mit einem leichten Grad von Befangenheit sagte, daß Rctchardt's ausgegangen seien, jedoch bald zurückkehren würden. Sie führte ihn ins Zimmer, wo Beide Platz nahmen und er ein umfangreiches Papier aus der Tasche zog, welches er ihr mit den Worten reichte: „Hier, Fräulein Rothenfels, sind die bewußten Ansichten, von denen ich Ihnen und Frau Neichardt gesagt. Sie werden leicht die Ihnen bekannten Punkte wiedererkennen — —" „Sie find sehr gütig Herr Doktor", erwiderte Hedwig, das kleine Packet in Empfang nehmend. „Die Bilder werden uns viele Freude gewähren, denn wir sprachen oft von unserm Aufenthalt in. mit seiner ganzen Umgegend I" Bei diesen Worten hatte sie schon die Umhüllung entfernt und betrachtete mit lebhafter Bewunderung das erste Blatt, die Porta Westfalica darstellend; dann griff sie, während er kein Auge von ihr verwandte, zu dem zweiten, das sie nicht sogleich erkannte, daher der Lampe näher brachte und dann lebhaft ausrief: „Ist das nicht die Ruine mit derFörsterei bei ... . ?" und sah vielleicht unbewußt leicht erröthend zu ihm auf, senkte aber schnell ihre Augen vor den seinigen, die forschend und voll Liebe ihr entgegenblickten. »Ja, Fräulein Rothenfels", entgegnete er mit unverkennbarer Erregung, „es ist die alte Burgruine mit ihrer Umgebung und die Stelle, an der ich Diejenige kennen lernte, deren Bild seitdem mir immer gegenwärtig gewesen!" Hedwig, welche längst gewußt, daß ein Augenblick wie dieser kommen würde, erröthete noch tiefer, während Dr. Günther bewegt fortfuhr: „Fräulein Rothenfels, Sie müssen längst empfunden haben, wie theuer Sie meinem Herzen sind; sollte ich mich getäuscht haben, wenn seither ich mich der Hoffnung hingegeben, auch nicht gleichgültig zu sein?" (Fortsetzung folgt.) WoiWiö« ISiirWrMÄ' Falkenkein 426 Pfronten, Bez.-Amt Füssen, Landger. Füssen. (Schluß.) Die dem hl. Bischöfe Nikolaus geweihte Pfarrkirche steht in Mitte des Pfarrbezirkes hoch im Orte Pfronten- Berg. Der Bau derselben begann im Jahre 1687. Sie ist gefällig und geräumig gebaut und in ihrem Innern nach dem Geschmacke des vorigen Jahrhunderts geziert. Die Deckengemälde — im Chöre das hl. Abendmahl, im Schiffe Scenen aus der Legende des hl. Nikolaus, — malte Jos. Keller aus Pfronten i. I. 1780; auch die meisten übrigen Bilder der Kirche stammen von der Malerfamilie Keller. Der Bau des neuen Thurmes, der einen Aufwand von 9000 Gulden aus Mitteln der Kirchen- stiftung erforderte, wurde im Jahre 1748 vollendet; hoch und schlank mit Kuppel ist dieser Thurm eine wahre Zierde der Gegend; dazu kam aus denselben Mitteln für 2000 Gulden ein herrliches Geläute von fünf Glocken, welche Franz Xaver Freiherr Adelmann von Adel- mannsfelden, Bischof von Maktaris und Weihbischof zu Augsburg, am 9. Dezember 1750 zu Pfronten benedicirte. Auch gegenwärtig hängen im Thurme fünf Glocken. Ein neuer^Gottesacker wurde im Jahre 1835 durch den Pfarrer Magnus Jocham, welcher imJahre1841 alsProfessor derTheo- logie nach Freising berufen wurde, außerhalb des Ortes Pfron- ten-Berg angelegt; eine Kapelle gothischen Stils, in einfachen, gefälligen Formen, erstand im Jahre 1841 auf demselben; ihr Altar trägt ein geschnitztes Crucifix-Bild aus dem 15. Jahrhunderte. In sie sind 9 Jahrmessen gestiftet. Im Jahre 1687 wurden in der Pfarrkirche zwei Bruderschaften, die des Rosenkranzes und die des heil. Joseph, errichtet; zu ihnen kam bald darnach eine Bruderschaft von St. Antonius. Später vereinigte man die drei Bruderschaften in eine, welche unter dem Namen St. Josephs - Bruderschaft sich bis heute in der Pfarrei erhalten hat. EingepfarrteOrte. Wir erwähnten bereits oben, daß ein Ort des Namens „Pfronten" nicht bestehe, daß k. 'tz Kourdesgrolle am Falkenstein. dieser Name vielmehr den ganzen Pfarrsprengel bezeichne und die in diesem gelegenen Orte an jenem Namen in der Weise Theil nehmen, daß man von einem Pfronten- Berg, Pfronten-Kappel, Pfronten-Steinach usw. spreche. Diese einzelnen Orte, nach politischen Gemeinden abgetheilt sind: In der Gemeinde Pfronten-Berg (äußere Gemeinde), links der Vils: 1. Berg, Sitz des Pfarrers und der Pfarrkirche, auf einem mäßigen Hügel an der Landstraße von Innsbruck nach Kempten. 2. Halden, */z Stunde westlich. 3. Kappel, von der Pfarrkirche ^St. nordwestlich, an der Straße Innsbruck- Kempten; Kirche 8. Martini. 4. Kreuzckk, Std. nordwestlich, auf einem Hügel an der Landstraße. Hier steht schon seit Jahrhunderten eine dem heiligen Kreuze geweihte Kapelle. 5. Meilingen, ^ St. östlich. Ein Theil der Häuser liegt auf einem Hügel und hieß früher Jmnat,cinTheil,gegen die Schloßruine Falkenstein gelegen, hieß der Burgweg, ein dritter Theil unten am Hügel und am linken Ufer der Vils hieß Drittel-Meiling. Letzterer hat eine Kapelle zu U. L. Frau. 6. Refleuten, St. westlich, hart am Fuße des Edelsberges. Die Kapelle 8t. Xo1ianni8 Laxt. in Refleuten wurde im Jahre 1702 von der dortigen Gemeinde gebaut. ^Reh- bühel, b/^St. nördlich auf einem Hügel. Die Kapelle in Nehbühel stand auf dem sogen. Kehbühel bis zum Jahre 1668, in welchem man sie des schlechten Grundes wegen abbrach und auf dem Platze, auf welchem sie heutigen Tages noch steht, wieder aufbaute. 8. Ried, an der Vils und an der Hauptstraße, in der Ebene des Gebirgsthales, nur durch einige zwischenliegende Accker von Pfronten-Berg getrennt; Sitz des k. Hauptzollamts Pfronten. 9. Weißbach, ^ St. nordwestlich an der Hauptstraße, k. Post-Expedition. Auf dem Josberg in der Gemeinde Weißbach erbaute man im Jahre 1637 eine Kapelle zu Ehren St. Fabian's und Sebastian's. Weil aber der Ort ungelegen und besonders im Winter schwierig zu besuchen war und der Berg zu reißen anfing, wurde im Jahre 1661 die Kapelle abgetragen und 427 bei den Häusern der Gemeinde Weißbach wieder aufgebaut. — L. In derGemeinde Pfronten-Steinach (untere Gemeinde), rechts der Vils, liegen: 1. Dorf, ^ St. südwestlich, hart am Kienberge. Hier stand das Hochstiftische Amthaus. Zur Ortschaft Dorf wird gewöhnlich auch gezählt die Fall-Mühle, 1 St. von der Pfarrkirche, einsam an der Ach zwischen hohen Bergen. 2. Heitlern, ^ St. südwestlich, an der Vils und an der Hauptstraße, hängt mit „Dorf" zusammen; Kirche 8. I^ousturäi. 3. Osch, '/z St. südlich an der Hauptstraße. Hier steht eine Kapelle zu St. Koloman. 4. Steinach, das größte Dorf der Pfarrei, St. südlich, an der Hauptstraße. Die Kirche zu Steinach, ursprünglich den drei heiligen Erzengeln geweiht, stammt aus dem Jahre 1635 und schreibt ihren Ursprung von der Pest her, welche in jenerZeit diePfarrei heimgesucht hatte. Die Kirche, jetzt zu St. Michael genannt, wurde in neuerer Zeit durch Gemälde und Sculpturen desPfron- tener Künstlers Franz Osterried geziert. Im Thurme mit Pultdach hängen zwei Glocken. * * * Das Pfrontener Thal wird viel von Touristen und Sommerfrischlern besucht, und durch die neueröffnete Bahn Kempten-Pfron« ten wird Pfronten mit seiner großartigen Gebirgsnatur und seiner stärkenden und milden Luft wohl bald zu den besuchtesten Gegenden unseres All- gäu'S gehören. Die Verpflegung in den dortigen Gasthäusern wird sehr gerühmt, ebenso diegutenWohn- ungen. lag, begab er sich in ein wohlbefestigtes Schloß am Alpen- schlunde, in welchem ihn um das Jahr 1080 Sigfrid's Partei belagerte, bis ihm durch Welf's Verheerungszug gegen Augsburg Entsatz wurde. Welche der festen Burgen am Alpen-Eingange unter diesem Schlosse zu verstehen sei, läßt sich mit Bestimmtheit nicht ermitteln; am wahrscheinlichsten ist jedoch der Falkenstein damit gemeint, an welchen auch dasVolk seineSagen überjeneEreignisse knüpfte. * * -t- Berühmt und viel besucht ist die vor einigen Jahren auf dem Falkenstein erbaute Lourdesgrotte, welche, in natürliche Felsen eingehauen, umgeben von der großartigen Gebirgsnatur, wohl die schönste nicht nur in der Diözese, sondern weit über dieselbe hinaus sein dürfte. Zahlreiche Andächtige wallen im Laufe des Sommers zuderherrlichenGrotte auf dem Falkenstein. * * fDie Illustrationen zu vorstehendem Auf- satzePfronten sind nach Original -Aufnahmen von Gustav Baader in Krumbach in Autotypie hergestellt.) -— Goldkörncr. Wie sind wir doch Alle mit unserer ge- prahlten Selbstständig- keit an die Natur gebunden, und was ist unser Wille, wenn die Natur versagt! Schiller. Wer sich nicht zu viel dünkt, ist viel mehr als er glaubt. Goethe. -- Erstes Gebet. Von W. Kray. «ALL UW WM Auf einem hohen Felsenvorsprunge des Manzen- berges, östlich über Pfronten, ragen heute noch die Trümmer einer alten Burg schauerlich in die Lüfte hinaus. Sie hieß der Falkenstein. Ihre Entstehung und älteste Geschichte wird mit den Bischöfen von Augsburg in Verbindung gebracht. Die Burg soll nämlich im 11. Jahrhunderte vom Bischof Heinrich II. (1047—1063) erbaut oder neu befestigt und von ihm persönlich als Zufluchtsstätte in seiner Fehde gegen die Grafen von Vohburg be- nützt worden sein. Als der vom Herzoge Wels I. von Bayern geschützte Gegenbischof Wigold mit dem Bischöfe Sigfrid II. von Augsburg (1077—1096) im Kampfe Zu unseren Bildern Johann Adam MSHler. Der berühmte Theologe Johann Adam Mähler wurde geboren zu Jgersheim iu Württemberg am 6. Mai 1796 und zum Priester geweiht im September 1819. Seine Lehrthätig- keit begann er im Jabrc 1823 an der Universität Tübingen, folgte 1835 einem Rufe nach München, wurde im März 1838 zum Domdekan in Würzburg ernannt, starb aber schon am 12. April des nämlichen Jahres an einem Lungenleiden, tief betrauert von seinen zahlreichen Verehrern und Schülern. (Einen längeren Aufsatz über das Leben und Wirken des verdienstvollen Gelehrten haben wir in den Nummern 19, 20 und 21 der Beilage zur Augsburger Postzeitung vom Mai d. I. gebracht.) _ 428 Erstes Gebet. Ein äußerst wirksames Motiv hal sich hier der Künstler zur Schaffung eines schönen Bildes gewählt—das erste Gebet eines Kindes. Mit andachtsvollem Auge hängt die Kleine an dem Munde der lieben Mutter, die ihr Wort für Wort vorspricht, um es dann selbstständig zu wiederholen. Wohl kommt noch manches Wort ungeschickt aus dem kleinen Munde heraus und muß nochmals gesagt werden, aber aller Anfang ist schwer. Der hl. Schutzengel, der Zeuge des rührenden Aktes, sieht auf das Herz und den guten Willen der kleinen Betenden und wird sicher vor Gottes Thron seiner Schutzbefohlenen ein lobendes Zeugniß über dieses erste Gebet ausstellen. -—- Allerlei. Nur noch 10 Minuten. Der kaiserliche Prinz Louis Napoleon, einziger Sohn des Kaisers Napoleon III. von Frankreich, hatte schon in seiner frühesten Jugend die üble Gewohnheit, wenn man ihn vom Spiele rief oder ihn mahnte, daß es Zeit sei, aufzustehen oder zu Bette zu gehen, um eine Frist von 10 Minuten zu bitten. Als sein Vater, Napoleon III., des französischen Kciiser- thums beraubt war und der Prinz, welcher inzwischen zu einem jungen Manne herangewachsen war, in England in der Verbannung lebte, schloß er sich den englischen Truppen an, welche in Südafrika gegen die Koffern kämpften. Dort ritt er eines Tages mit einer kleinen Abtheilung aus, um einen Platz für ein Lager auszuwählen. Dies war bald geschehen, und man war im Begriffe, zurückzukehren, als der Prinz den die Abtheilung führenden Offizier bat, nur noch zehn Minuten länger zu warten, damit er eine begonnene Zeichnung vollenden könne. Man gab dem Wunsche des Prinzen nach, und als man nach Ablauf der zehn Minuten die Pferde besteigen wollte, brach eine Anzahl wilder Koffern hervor. Es blieb keine andere Wahl, als vor der Ueber- macht die Flucht zu ergreifen. Alle kamen mit dem Leben davon, nur der Prinz, welcher nicht schnell genug sein Pferd besteigen konnte, wurde nach kurzer Gegenwehr von den Wilden mit einem Speere durchbohrt und getödtet. Man kann sich den Schmerz der Mutter des Prinzen denken, als sie von dem Tode ihres einzigen Sohnes hörte und erfuhr, daß er seiner Gewohnheit, um einen Aufschub von zehn Minuten zu bitten, zum Opfer gefallen sei. * Gute Aussichten für „Paukanten". Der Dirigent der Capelle des Hessischen Infanterie-Regiments Nr. 81, Herr Kalkbrenner, hat ein dreirädriges leichtes Fuhrwerk construirt und in einer Fahrradfabrik anfertigen lassen, auf welchem in Zukunft die Pauke der Capelle bet allen Uebungen und Paraden mitgefahren werden wird. Die Construction ist derart einfach und practisch, daß der Paukenschläger mit dem durch die Pauke beschwerten Wägelchen bequem alle Drehungen und Bewegungen der Capelle mitmachen kann. Das Tragen der Pauke ist in der deutschen Armee für den betreffenden Musiker stets eine große Plage gewesen. In Oesterreich werden schon seit langer Zeit die Pauken auf kleinen, von Hunden, ja hier und da von abgerichteten Ziegen, gezogenen Fuhrwerken gefahren. Nur ein Regiment gibt es (und zwar die 43er), welches ein Hunde-Paukenfuhr- werk besitzt. Dasselbe soll noch aus Oesterreich stammen. Sobald mit dem neuen Kalkbrenner'schen Paukenwägelchen gute Erfahrungen erzielt sind, soll es in der ganzen Armee sofort eingeführt werden. Elektrische Malerei nennt sich ein Verfahren, Glasplatten für Möbel und Luxusgegenstänoe mit künstlerisch ausgeführter Malerei zu versehen, welches der schwedische Maler Swen in Göteborg erfunden hat. In der That haben die Einlagebilder des Herrn Swen vermöge der Eigenartigkeit in der Behandlung der Farben einen elektrisch leuchtenden Schein, so daß die wunderbarsten Effecte erzielt werden. Die Malerei ist zugleich unvergänglich, da sie auf die Rückseite starker Krystall- platten aufgetragen und deßhalb vor zerstörenden Einflüssen jeder Art dauernd geschützt ist. Vor Majolica- platten haben die bemalten Swen'schen Glasplatten den Vorzug größerer Schönheit und unbegrenzter Dauer. Wie uns das Bureau für Patentschutz und -Verwerthung von Dr. I. Schanz L Co. (Berlin) versichert, dürfte diese patentirte Erfindung für Industrielle von nicht geringem Werthe sein. * Eine unerwartete Einnahme hatte der bremische Staat in diesen Tagen. Bei Vertheilung der französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden war ein Rest verblieben, welcher in diesen Tagen zur Auszahlung gelangte. Der auf Bremen entfallende Antheil, welcher bei der Generalkasse eingezahlt wurde, betrug neun Pfennige, die ganze zur Vertheilung bestimmte Summe ungefähr 55 Mark. Wie viel Tinte mag wegen dieser 9 Pfg. geflossen sein? * Letzte Zuflucht. Zofe: „Wo ist denn der Herr Baron?" — Kammerdiener: „Der hat mit der Frau Baronin wieder einen Zank gehabt und jetzt sitzt er in der Küche und läßt sich von der Köchin und dem Kutscher Trost zusprechen!" -- Kreuzcharade. 1 2 3 4 In jedem Feld der Zeichen zwei — D'raus kombinire mancherlei: 1 2 der Damen Luft fürwahr, Auch trägi's der Richter und Notar. 3 4 ist unser Schirm und Schutz, Des Landes Feinden bietet's Trutz. 1 4 als deutscher Fluß bekannt, Doch mündet er in fremdem Land, 3 1 verschlang das Meer einst wild, Die Sage dock verklärt sein Bild. 3, 2, in des Olympos Höh'n Hat frohen Dienst sie zu verseh'n. 2 4 wird ein Poet genannt, Von dem ein Drama sehr bekannt. 4 2, bist düs, ich gratulir' — Und alle Schätze gönn' ich dir. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 55: Wenn ich's noch einmal erlebe Daß es draußen Frühling werde, Sich des Todes Decke bebe Und verjünget sei die Erde: Allen Winter der Gedanken Will ich in der Stube lassen, Mit der Sinne frischen Ranken Die erneute Schöpfung fassen. -- l