M 59, Ireitag, den 17. Juli 1898. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbefitzcr Dr. Max Huttler). Krarkenherz rmd Irauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Am Tage vor der Beerdigung öffnete Hedwig, welche sich in einer völligen Nervenabspannung befand und wiederum mehrere Stunden ruhig dagelegen, die Augen und war erfreut, Marie an ihrer Seite zu sehen. Sie blickte sie einige Augenblicke forschend und fragend an und sagte: „Marie, wie geht es Albrecht? — Gestern ist mir gesagt worden, es stehe nicht gut um ihn-" „Wen meinst Du, Hedwig?" sprach ausweichend Marie, „Deinen Mann oder Dein Kind — —" „Erzähle mir erst von meinem Mann", und wiederum forschten ihre Augen in den Augen und Zügen der Freundin. „Es geht allerdings noch nicht besser mit ihm", sprach Marie so ruhig sie vermochte, „allein die Aerzte sind seinetwegen ohne jegliche Besorgnihl" „Marie", rief sich hastig aufrichtend Hedwig, „sprichst Du auch die Wahrheit?" „Gewiß, Hedwig I" versicherte Marie und hielt nochmals deren forschenden Blick aus. „Ich will Dir glauben", erwiderte langsam Erstere, „aber nun sage mir auch, wie es mit meinem Kinde steht!" Marie war auf diese Frage vorbereitet, dennoch zauderte sie einen Moment, ehe sie antwortete. „Leider, Hedwig, befindet Albrecht sich nicht so gut wie sein Vater. „Das Fieber nimmt in bedenklicher Weise bei ihm zu — —" Hedwig war Mariens Zögern nicht entgangen, und deren Hand fassend, rief sie hastig und nochmals mit einem forschenden Blick: „Marie, Du sprichst nicht die Wahrheit! — Mein Kind ist bereits todt — Albrecht wird auch sterben — ich — ich will mich selbst überzeugen —" und sie machte Miene sich zu erheben. Marie hielt sie mit sanfter Gewalt zurück, versicherte ihr nochmals, daß ihr Mann lebe und mit Gottes Hülfe genesen werde, ihr Kind aber, wie bereits gesagt, sehr krank sei. Mit einem lauten Aufschrei sank Hedwig bewußtlos zurück, und glücklicherweise trat die Diakonissin, welche eine Stunde Schlaf genossen, wieder ein. Nach Anwendung belebender Essenzen öffnete sie die Augen, und Marie erblickend, sagte sie mit sanfter, trauriger Stimme: „Ich weiß, daß Beide todt sind, Marie — —" „Aber, Hedwig, Dein Mann lebt — Albrecht auch noch — —", unterbrach diese ruhig, doch ernst. „Nein, nein, ich glaube es nicht", erwiderte Hedwig heftiger. „Während ich krank gewesen, sind sie gestorben und begraben, und ich werde ihnen bald folgen — —" und nochmals schloß sie die Augen. Marie blickte die erfahrene Krankenpflegerin besorgt an, diese aber winkte ihr beruhigend und zog sich zurück, während sie an ihrer Seite blieb. Nach einer Weile erwachte Hedwig wieder und sprach ruhig über den Tod ihres Mannes und Sohnes, den sie als gewiß annahm. Ihre beiden jüngeren Kinder schienen ihrem Gedächtniß entschwunden zu sein, wie sie auch Frau Günther's und Neichardt's nicht erwähnte. Die Diakonissin gab Marien ein Zeichen auf ihre Ideen einzugehen, deßhalb auch widersprach sie ihr nicht, war aber von der furchtbarsten Angst um sie erfüllt, denn die Befürchtungen der verstorbenen Frau Neichardt, wie auch diejenigen von Frau Günther schienen in schrecklicher Weise sich bewahrheiten zu sollen. — XIII. Dr. Günther war vollständig genesen und hatte auch seine Praxis wieder aufgenommen, seine ältester Sohn ruhte im stillen Grabe neben seinen Großeltern, die jüngeren Kinder aber waren wieder in seine Wohnung zurückgekehrt, in der seine Mutter schaltete und waltete, denn Hedwig, das so innig geliebte Weib seines Herzens, vor einem Jahre noch blühend in frischer Jugendkraft, war unfähig ihren Pflichten als Gattin und Mutter, die sie stets so gewissenhaft geübt, nachzukommen, sie weilte — es war um die Mitte Mai — in der kaum eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Irrenanstalt. — — Da nach ihrem verhängnißvollen Gespräch mit Marie Feldheim die sie behandelnden Aerzte es sich nicht verhehlen konnten, daß in Folge aller Aufregung ein Nervenleiden — eine augenblickliche Geistesstörung — bei ihr eingetreten war, so wurde der Oberarzt der genannten Irrenanstalt, ein Mann von bedeutendem Nuf, zu Rathe gezogen, und nachdem er Alles erfahren, erklärte er, die Patientin nur in der Anstalt beobachten und behandeln zu können, und daß sie, da auch eine Orts- Veränderung, wie ein Umgangswechsel für sie nothwendig j sei, dorthin überführt werden müsse. Diese Erklärung war für die Familie wie auch für Marie Feldheim ein harter Schlag; da aber in der Sache sofort gehandelt werden mußte, übernahm diese es, Hedwig in Begleitung der Diakonissin, die ihre einzige Gesellschaft gewesen, nach der Anstalt zu geleiten. Hedwig, welche sich vollkommen bewußt war krank zu sein, stimmte, als Marie ihr vorschlug, ihre Wohnung zu verlassen und in einer freundlich gelegenen Anstalt Kräftigung ihrer Gesundheit zu suchen, damit überein, wenngleich sie mit der ihr eigen gewordenen traurigen Ergebung hinzusetzte: „Es wird mir doch nichts nützen, Marie, und ich werde, was ich auch am liebsten will, meinem Manne und Kinde gewiß bald folgen!" Am nächsten Morgen fuhr Marie mit ihr, die ruhig und gleichgiltig ihr sonst so glückliches Heim verließ, dorthin. Dr. Günther, seine Mutter und Neichardt's, welche auf Anordnung der Aerzte sie nicht wieder erblickt, sahen vom Fenster auS der Abfahrt zu und erschraken über die binnen wenigen Wochen mit ihr vorgegangene Veränderung. Der Oberarzt und zwei Wärterinnen empfingen sie am Eingang eines Seiten- flüges der Anstalt, der, mit grünen Fensterjalousien versehen, rings mit Nasen und Blumenbeeten umgeben, denen sich schattige Wege anschlössen, einem freundlichen Gartenhause glich. Auf Dr. Günther's besonderen Wunsch bekam seine kranke Gattin zwei behaglich ausgestattete Zimmer, in denen sie ihre Handarbeiten, leichte Unterhaltungsschriften und auch ihren Flügel fand, denn seit ihrer Erkrankung hatte sie eine besondere Vorliebe für die Musik an den Tag gelegt. Der Oberarzt forderte Marie zum Bleiben auf, und diese half ihre Zimmer ordnen und unternahm dann mit ihr einen schon lange entbehrten Spaziergang. Sie durchschritten mehrere Wege und Alleen, welche mehr oder weniger im frischen Frühlingsgrün prangten, über das Hedwig lebhafte Freude empfand, und gelangten durch eine der letzteren fast an das Ufer des Flusses, der auch die Stadt berührte. Auf einer der am Wege stehenden Bänke sitzend, sah sie mit einigem Vergnügen dem Vorüberfahren mehrerer größerer und kleinerer Schiffe zu. Gegen Abend überließ Marie Hedwig der Obhut und Sorge fremder Hände, was diese indeß nicht zu empfinden schien, und nahm mit schwerem Herzen von ihr Abschied, nachdem sie ihr und auch dem Oberarzt versprochen, baldigst wieder zu kommen. Sie begab sich nach Dr. Günther's Wohnung, wo sie voll Spannung erwartet ward und von den Vorgän-en des Tages Bericht erstattete. Frau Günther und Neichardt's hörten ihr unter Thränen zu, mit bleichen Gesicht aber, in dessen Zügen sich der tiefste Schmerz aussprach Dr. Günther, und wenn sie auch ihre Hoffnung auf HedwigS Genesung aussprachen, glaubten sie in der Tiefe ihres Herzens kaum an eine solche. — Nach diesem traurigen Tage waren Wochen vergangen. Durch die ihr zu Theil werdende Pflege und Behandlung ward Hedwig körperlich kräftiger, und hoffte der Arzt, daß dadurch auch ihre Nerven sich kräftigen und belebend auf ihre geistigen Fähigkeiten wirken würden. Zuweilen schien es ihm als ob die Erinnerung in ihr wach werden wolle, und veranlaßte er sie daher j einmal von ihrer Familie zu sprechen. Zu seiner Freude ging sie darauf ein, erzählte ihm von ihren Eltern, ihrer Pflegemutter und dem kleinen Max Neichardt. die gleich ihrem Manne und ihrem Sohne gestorben seien, nnd fügte traurig hinzu: „Die meisten Menschen, mit denen ich in Berührung komme, sterben, Herr Doktor, und daher wäre es gewiß besser, ich stürbe, damit nicht Marie Feldheim, meine einzige Freundin, dasselbe Schicksal hat!" Nach dieser Unterredung sagte dem langjährigen Irrenarzt die Erfahrung, daß er ähnliche Gespräche meiden müsse, er und empfahl ihren Wärterinnen strenge an, sie nie außer Acht oder allein zu lassen und niemals nach der Richtung des Flusses mit ihr zu gehen. — Wieder waren Wochen dahingeschwunden, Ende Juli herangekommen, und weder Dr. Günther noch seine Mutter, weder Neichardt's noch Marie Feldheim dachten an irgend einen Sommergenuß. Ihre Gedanken waren nur nach der Irrenanstalt gerichtet, wo ohne ein Zeichen von Besserung Hedwig sich noch immer befand und Marie sie, so oft es der Arzt gestattete, besuchte. Sie freute sich dessen stets, sah sie aber auch ohne Betrübniß scheiden, und beklagte auch ihr gegenüber oft, daß sie schon so vielen Menschen den Tod gebracht, und fügte den Wunsch, baldigst zu sterben, hinzu, um wieder mit ihrem Manne und Kind vereinigt zu sein. Marie versuchte, ihr dergleichen schwermüthige Gedanken auszureden, stellte ihr in Aussicht, bald genesen zu sein, und fügte liebevoll und ermuthigend hinzu: „Und dann bleibst Du bei mir, Hedwig! Wir richten uns in dem Gartenzimmer ein —" „Nein, nein, Marie, das werde ich nie thun", erwiderte sie dann ängstlich. „Du würdest sonst auch sterben, und ich — ich hätte Niemand mehr auf der Welt!" Mit schwerem Herzen zwar machte Marie ihr dann in heiterer Weise Vorstellungen, doch waren diese vergeblich, Hedwig ward nur noch trauriger. Die einzige Zerstreuung gewährte ihr die Musik, und zu dieser nahm Marie ihre Zuflucht. Spät am Nachmittag eines schönen SommertageS, den Hedwig mit ihrer Wärterin im Freien zugebracht, nahm sie ermüdet von einem weiteren Weg mit dieser auf einer Gartenbank Platz. Sie war verstimmt, denn sie hatte Marie erwartet, die zwar erst am Tage zuvor bei ihr gewesen, und war ihrer Begleiterin gegenüber der Ansicht, daß sie krank geworden und sie sie daher lange nicht wiedersehen werde. Jene versuchte, ihr Gegenvorstellungen zu machen, und sie schien auch darauf einzugehen, als plötzlich die Wärterin ihren Namen angstvoll rufen hörte. Ohne auch nur einen Moment nachzudenken, verließ sie Hedwig, eilte der Richtung, woher der Ruf gekommen, zu, und sah auch bald, daß eine andere, mit einer kranken Dame beschäftigte Wärterin bereits Beistand bekommen. Jetzt plötzlich sich der begangenen Sorglosigkeit bewußt werdend, lief sie so schnell sie vermochte nach der Bank zurück, doch war ihre Pflegebefohlene und ihr eigener großer Gartenhut verschwunden, und hatte diese den ihrigen zurückgelassen. Von Schrecken und Angst erfaßt, blickte sie angestrengt lauschend umher, doch war Niemand zu sehen und ebenso wenig irgend ein Laut zu hören. Sie stürzte nun der Richtung des Flusses zu, vor dem sie in Bezug auf ihre Kranke so dringend gewarnt worden war, und rief zu- 447 gleich mehrere in der Nähe sich befindend Wärterinnen herbei, wie sie dem ihr begegnenden Gärtner auftrug, dein Oberarzt anzuzeigen, daß Frau Dr. Günther verschwunden sei. Dieser ward durch die Meldung in den größten Schrecken wie Zorn gegen die Wärterin versetzt, und bald waren alle in der Anstalt zu entbehrende Menschen unterwegs, die Entflohene zu suchen. Ein Theil derselben eilte zu beiden Seiten des Flußufers entlang, während die Uebrigen in den Spaziergängen nach ihr forschten. So schwer eS ihm auch ward, hielt dennoch der Oberarzt es für seine Pflicht, Dr. Günther und Marie Feldheim von dem Verschwinden seiner Patientin sogleich zu benachrichtigen, da auch die Möglichkeit vorhanden, daß sie den Entschluß gefaßt, sich zu Marie zu begeben, deren Erkrankung sie angenommen, und er führte dieß auf der Stelle durch zwei besondere Boten aus. — Unterdeß war flüchtigen Schrittes eine Frauen- gestalt im leichten, grauen Mantel, und mit dem großen Hut der Wärterin versehen, mehrere Wege durcheilt und gelangte auf einem derselben an das offenstehende Thor der Anstalt. Dieß durchschritt sie langsam, ging eben so langsam eine kleine Strecke die Landstraße hinab und nach der gegenüberliegenden Seite, dann aber schneller und schneller bis sie ein Stück Weideland erreichte, hinter welchem sie den Fluß ruhig fließen sah, an dessen Ufer sich theilweise niedriges Gebüsch hinzog. Sich mehrere Male umsehend, erblickte sie jedoch Niemand auf der weiten, stillen Grasfläche und ging nun langsam dem Flußrand zu. Hier stand sie eine Weile still, preßte beide Hände gegen die Brust und sprach halblaute Worte, bei denen Thränen ihre Wangen hinabglitten. Sich nochmals nach allen Richtungen umblickend, sah sie in geringer Entfernung einen sich in den Fluß erstreckenden Steg, der zur heißen Sommerszeit zum Wafferschöpfen diente, und auf diesen schritt sie zu, indem sie dabei von den umherliegenden Steinen sammelte, mit denen sie ihre Taschen füllte. Nun betrat sie den Steg, ging diesen einige Schritte entlang — ein Fall — und die eben noch so leicht und ruhig sich kräuselnden Wellen schlugen, so plötzlich getheilt, heftig zusammen, und unter ihnen hatte ein Menschenherz die gesuchte Nutze gefunden. — Mehrere der ausgeschickten Leute kehrten nach vergeblichem Suchen zu dem Oberarzt zurück, einer der Wärterinnen aber kam der Gedanke, die Kranke könne die Anstalt verlassen haben, und sie ging daher auf die Landstraße hinaus, auf der sie glücklicherweise noch einen daselbst beschäftigten, ihnen Allen bekannten Arbeiter traf. Sie fragte ihn, ob er irgend Jemand daZ Thor habe verlassen sehen, worauf er ihr antwortete, daß vor länger als einer Viertelstunde eine Wärterin hinaus und über das Weideland gegangen sei. Die Fragerin hatte genug erfahren und forderte im Namen des Oberarztes den Arbeiter auf, die von ihm bezeichnete Wärterin sogleich zu suchen, während sie ihm die Anzeige machen wolle, daß sie gesehen worden fei. Von Schrecken ergriffen, vernahm der Oberarzt diese Nachricht, und Wärter und Wärterinnen wurden fortgeschickt die Entflohene zu suchen. Lange war dieß vergeblich; da ward in der Nähe des Steges ein weißes Taschentuch mit den eingestickten Buchstaben „H. G." gefunden. Nun blieb kein Zweifel mehr, wohin sie sich gewandt, und es wurden schleunigst Stangen und Haken zum Suchen herbeigeschafft. Längere Zeit waren auch hier alle Bemühungen vergeblich, endlich aber zog man, und zwar nahe dem Steg und von den Wurzeln eines Gebüsches festgehakt, die Leiche hervor. Es war ein Glück, daß diese deren Kleider erfaßt, sonst wäre sie, da mit Steinen beschwert, jedenfalls tiefer gesunken, und um so schwieriger aufzufinden gewesen. Tieferschüttert umstanden Alle die Leiche der schönen, jungen Frau, und es ward eine mit einer Matratze und Decken versehene Bahre geholt, um sie nach der Anstalt zu bringen. XIV. Wie oft hatte Marie Feldheim HedwigS Kinder mit deren Wärterin eingeladen, um ihnen in ihrem großen Garten mit dem reichlich vorhandenen Spielzeug einen fröhlichen Tag zu bereiten. Gegen halb sieben Uhr hatte sie die Kleinen zurückgeschickt, und zwar u« ihnen Freude bereiten zu können, in einem Wagen, in dem auch die von ihnen gepflückten Blumen und Früchte Platz gefunden, welche sie ihrem Vater und ihrer Großmutter mitnehmen wollten. Den Wagen erwartend, in dem sie sich zu Reichardt'S begeben wollte, hörte Marie schnell die Hausthür öffnen, und aus dem Zimmer blickend sah sie einen ihr unbekannten Mann, welcher ihr einen Brief überreichte und um Antwort bat. Das Schreiben in Empfang nehmend fragte sie ihn, von wem er komme, worauf er ihr erwiderte: „Vorn Herrn Oberarzt der Irrenanstalt!" Von einem jähen Schrecken ergriffen, trat sie inS Gartenzimmer zurück, öffnete hastig den Brief und laS die wenigen verhängnißvollen Zeilen. Von der furchtbarsten Aufregung ergriffen, fragte sie den Boten, ob er bei Dr. Günther gewesen, oder sich noch zu ihm begeben wolle, worauf er ihr erwiderte, daß ein Anderer dorthin gegangen sei. Nun schrieb sie hastig einige Zeilen, steckte sie in ein Couvert, das sie adresfirte, und übergab es dem Manne, welcher sich schnell damit entfernte. Dann kleidete sie sich zum Ausgehen an, und da auch der Wagen zurückgekommen, sagte sie Johann, daß sie vielleicht erst spät wiederkehren werde, stieg schnell ein und gab zu seiner Ueberraschnng dem Kutscher die Weisung, wiederum und so schnell wie möglich nach Dr. Günthers Wohnung zu fahren. Hier hatten kaum mit freudestrahlenden Gesichtern die Kinder ihre Schätze vertheilt und selbst Dr. Günthers Züge sich bei ihrem Anblick erheitert, als hastig die Hausthür geöffnet ward und die nichtsahnende Dora ein Schreiben in Empfang nahm, auf das der Ueber« bringn sogleich Antwort erwartete. An dergleichen Bestellungen gewöhnt, übergab sie es Dr. Günther, welcher ebenfalls ahnungslos es öffnete und las, dann tödtlich erblassend seiner Mutter ein Zeichen gab, ihm in sein Zimmer zu folgen. Bei seinem Anblick von Schrecken erfaßt, that sie dieß, und hier sagte er, indem er zugleich an den Schreibtisch trat, mit stockender Stimme: „Mutter — Mutter — der Brief ist vorn Oberarzt — Hcdwig ist verschwunden und gewiß-" „Ums Himmclswillen, Albrecht!" unterbrach wankend Frau Günther und sank auf einen Stuhl, er aber schrieb Listig die wenigen Zeilen, versiegelte sie und übergab sie dem Boten, welcher sich damit entfernte, 448 während er zu seiner Mutter, die starren Auges und kvrachloS dasaß, sagte: .Es wird ein Unglück geschehen sein, und ich muß sogleich nach der Anstalt. Laß vorläufig hier im Hause Niemand davon erfahren, Neichardt'S aber kommen und bleibe selbst in der Wohnung!" Seine Mutter versprach alles und fügte schnell hinzu: „Und Fräulein Feldheim?" „Sie wird natürlich Nachricht bekommen haben —" „Wenn Hedwig zu ihr gegangen wäre — —" Eine Antwort erhielt sie nicht, denn in schnellem Trabe fuhr ein Wagen vor, dem Marie Feldheim entstieg und inS HauS eilte. Dr. Günther ging ihr entgegen, ein gegenseitiger trauriger Blick verständigte sie hinlänglich, und ihm in sein Zimmer folgend, begrüßte sie mit einem theilnehmenden Händedruck seine heftig erregte Mutter, indem sie zugleich beruhigend sagte: „Die Sache klärt sich vielleicht günstiger auf als wir denken, Frau Günther, wir dürfen wenigstens diese Hoffnung noch nicht aufgeben!" und sich dann wiederum an deren Sohn wendend fügte sie hinzu: „Im Begriff hinauszufahren, Herr Doktor, bitte ich Sie den Wagen gleichfalls zu benutzen-" In der nächsten Minute fuhren sie, das Herz voll schwerer und wie sie sich sagen konnten gerechtfertigter Sorgen, auf dem Weg nach der Irrenanstalt dahin. Sie sprachen kaum, ihre zunehmende Angst und Aufregung ließ sie keine Worte finden. In verhältnißmähig kurzer Zeit, dennoch bei bereits sinkender Sonne, erreichten sie die Anstalt, wo der Oberarzt selbst sie mit traurigem, teilnehmendem Gesicht empfing. Er führte sie in sein Zimmer, und in der heftigsten Bewegung sagte Dr. Günther: „Was — was haben Sie uns mitzutheilen, Herr Doktor? — Ihren Gestchtszügen nach zu urtheilen, haben wir gewiß das Schlimmste von Ihnen zu erfahren —" „Leider und zu meinem größten Schmerz", erwiderte ebenfalls bewegt der Oberarzt, und erzählte was geschehen und wie Alles sich zugetragen. Seine Zuhörer unterbrachen ihn nicht, hatten auch keine Antwort als er seinen Bericht beendet, doch forderte Dr. Günther mit tiefer heiserer Stimme die Leiche seiner Gattin zu sehen, indeß Marie ihrer unglücklichen Freundin heiße Thränen nachweinte. Der Oberarzt führte sie in die von der Dahingeschiedenen bewohnten Zimmer, wo diese in ein weißes Gewand gehüllt auf ihrem Bette ruhte. Das reiche, noch nasse blonde Haar war von der Stirn gescheitelt und zu beiden Seiten des Kopfes auf das Kissen gebreitet. Die Augen waren geschloffen, und auf dem marmorbleichsn Gesicht trat unverkennbar ein tieftrauriger Zug hervor. Lange stand im tiefsten Schmerz Dr. Günther neben der Leiche seines geliebten Weibes, dessen Liebe auch er in so reichem Maße besessen, und das in dem Wahn gestorben, mit ihm und ihrem Kinde wieder vereint zu werden. Dann küßte er die schöne, im Tode noch so jugendliche Stirn, wandte sich darauf Marien zu, und ihr die Hand reichend sagte er kaum vernehmbar : „Nehmen Sie hier meinen innigsten Dank, Fräulein Feldheim, für alles was Sie meiner armen Hedwig gethan und ich Ihnen werde nie vergelten können!" Unfähig zu antworten drückte Marie seine Hand, dann verrichteten Beide ein stilles Gebet — sie verhüllte das Antlitz der Todten, und langsam verließen sie das Zimmer. Ernsten, traurigen Gesichtes erwartete sie der Oberarzt, bei dem Dr. Günther befürwortete, die Leiche seiner Frau unter üblicher Ueberwachung in ihrem Zimmer verbleiben zu lassen, am nächsten Tage werde er die für die Beerdigung erforderlichen Anordnungen machen. Dann schieden sie von dem Irrenarzt, bestiegen den ihrer harrenden Wagen und begaben sich zu Frau Günther und Neichardt'S, die in der größten Angst und Besorgniß ihrer warteten. Zwar nicht auf günstige Nachrichten vorbereitet, erfüllte dennoch die Bestätigung aller ihrer Befürchtungen sie mit der größten Trauer, und lange blieb der kleine Kreis beisammen, die Frauen um wieder und wieder das schreckliche Fa- milienereigniß zu besprechen, das ohne die Achtlosigkeit der Wärterin vielleicht nicht geschehen wäre, die Männer um alle Anordnungen für die Beerdigung zu verabreden, das Letzte was sie für die ihnen als Gattin und Pflegetochter gleich thener gewesene Hedwig zu thun vermochten. (Fortsetzung folgt.) - Das Negenttnulder auf der Säule Marc Aurel's in Norn. Ein berühmtes Denkmal aus der römischen Kaiser- zeit ist die noch ziemlich gut erhaltene Säule des Marco- mannensiegerS Marc Aurel. Wahrscheinlich erst nach seinem Tode am 17. März 180 errichtet, bildet sie noch heute einen altehrwürdigen Schmuck der Piazza Colonna, wo einst die Prachtbauten der Antonine sich erhoben haben und die heute zu einem Verkchrsmittelpunkt des römischen Volkes geworden ist. Die Säule ist offenbar eine Nachahmung der Trajanssäule auf dem nach ihm benannten Forum. Das antike Postament ist bis auf einige Siegesgöttinnen mit Kränzen seines Marmorschmuckes beraubt und wurde erst im Lause des sechzehnten Jahrhunderts in den jetzigen Zustand gebracht. Nur mehr der obere Theil desselben ist sichtbar, der untere wurde unter dem Schütte der Jahrhunderte vergraben. Die Säule selbst besteht aus 28 Stück, die Zwei für die Base und das Capitäl mitgerechnet. Im Inneren führt eine Wendeltreppe zur Höhe hinan, von der aus man eine schöne Nundsicht über Rom genießt. Der Zugang zur Treppe ist neu, denn der alte liegt tief unter der Erde. Von außen laufen um die Säule in 20 Spiralen, bestehend aus etwa 28 Stück weißen Marmors, Reliefs herum, die nach vr. Petersen einst mit Farben bemalt waren. Heute ist die Bemalung gänzlich verschwunden, und die Darstellungen können von unten nur mit Mühe noch irgendwie unterschieden werden. Eine der interessantesten derselben ist ohne Zweifel die Darstellung des Negenwunders. Wiederholt wurde dieselbe von den Gelehrten früherer Zeiten zum Beweise für die Thatsächlichkeit des Wunders angezogen, allein die Abbildungen, welche man bisher gab, sind durchaus unrichtig. In jetziger Zeit hat das deutsche archäologische Institut ein genaues Studium des Denkmals begonnen. Durch eine Arbeit des Directors Petersen wurden wissenschaftliche Controversen über das Wunder veranlaßt, an denen sich hervorragende Archäologen wie Harnack, Mommsen u. A. betheiligten. Professor Grisar, der seit Neujahr 449 für die LIviltL oattoliou die „Archeologia" betitelte Gruppe liefert, saßt nun im ersten Hefte des Jahrganges 1895 die Ergebnisse dieser Forschungen kurz zusammen, widerlegt mit triftigen Gründen die Behauptungen Mommsens u. A. und gelangt zu dem Schlüsse, daß wir in dem Relief der Marc Aurel-Säule mit Recht eine Bestätigung des berühmten Negenwunders zu erblicken haben. Zur Verdeutlichung seiner Ausführungen fügt er seiner Darstellung zum ersten Male eine ganz genaue Reproduktion des Reliefs hinzu. Dieselbe zeigt uns zwei Heere; das zahlreiche römische links vom Beschauer scheint durch einen wunderbaren Zufall wie verzaubert, während das barbarische rechts nur mehr durch einige Leichen und Trümmer vertreten, also offenbar zu Grunde gegangen ist. In der Mitte zwischen Beiden oben am Horizonte schwebt ein Genius, dessen Arme, Bart und Haare sich in dicht herabstürzenden Regen auflösen. Diese Personifikation des RegenS ist ohne Zweifel absichtlich gewählt, um etwas Besonderes anzudeuten. Das ist kein gewöhnlicher Regen, welchen der Künstler darstellen wollte, denn sonst hätte er schwerlich den Regen in die Person eines Genius gekleidet, da ihm zur Darstellung desselben, wie der linke Hintergrund zeigt, wo Soldaten mit ihren Schilden den Regen auffangen, andere viel einfachere Mittel zu Geböte standen. Uebcrdies ist die Erscheinung dieses Genius offenbar mit wunderbaren Folgen in Verbindung gebracht. Während die römischen Soldaten in Reih' und Glied dastehen, und theilweise mit Bewunderung zur Erscheinung emporblicken und zwei davon sogar mnthig den Kampf fortsetzen, sind die Barbaren in wilder Verwirrung übereinander gestürzt, als wären sie mit einem Schlage und plötzlich vernichtet worden. Die volle Bedeutung des Bildes' läßt sich aber nur aus den Berichten der gleichzeitigen Schriftsteller begreifen. Grisar zergliedert eingehend die Berichte derselben. Der erste ist Avollinar, Bischof von Hierapolis, dessen Bericht uns Eusebius erhalten hat; er schrieb seine Erzählung ein oder zwei Jahre nach dem Ereignisse. Der zweite Zeuge Tertullian schrieb etwa zwanzig Jahre nach dem Kriege und spricht von dem Ereignisse in seiner Apologie wie von ciner allbekannten und gut bezeugten Thatsache. Der Heide Dion endlich beruft sich in seiner Erzählung auf einen Brief Marc Anrels selbst. Alle drei Berichterstatter stimmen in folgenden Punkten übcrcin. Während des Quadenkricgcs liefen die römischen Truppen Gefahr, zu verdursten, allein nachdem man Gebete veranstaltet hatte, fiel ein so ausgiebiger Regen, daß sich das ganze Heer daran erguickcn konnte und das Ercigniß allgemein als ein Wunder des Himmels angesehen wurde. Als besondere Umstände hiebci erwähnen Npoüiuar und Dion übereinstimmend: 1. daß eben beim Eintritte des Ereignisses ein Kampf mit den Barbaren bevorstand; 2. daß der Regen die Römer erquickte und ihnen den Sieg verschaffte, eben zu der Zeit, als über die Barbaren das Nngewittcr mit Donner und Blitz' sich entlud und sie in Verwirrung brachte. Nur über die Ursache der Erscheinung urtheilen die Schriftsteller verschieden. Nach Apollinar und Tertullian waren es die christlichen Soldaten, welche durch ihr Gebet den Regen erlangt hatten, während Dion vernommen zu haben vorgibt, daß ein ägyptischer Zauberer mit Namen Aruuphis, welcher sich im Gefolge Marc Aurels befand, den Donnerregen vom Himmel herabgezaubert habe. Dieses letztere ist aber schon aus dem Grunde nicht annehmbar, weil Marc Aurel als Philosophenkaiser Zauberer überhaupt in seinem Gefolge nicht zu dulden Pflegte. Uebrigens ist die feindliche Gesinnung Dions gegen das Christenthum aus seinen Schriften genugsam bekannt und eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu Gunsten des Heidenthums nicht ausgeschlossen. Es bestätigt auch Dion das Außerordentliche der Erscheinung, indem er den Sieg ausdrücklich Gott zuschreibt. Nach der Erzählung dieser Gewährsmänner setzte sich das Wunderbare der Thatsache aus zwei Elementen zusammen, nämlich erstens wird das römische Herr durch den Regen vom Durste befreit und so vom Untergänge gerettet, und zweitens erringt es durch die Dazwischenkunft eines Un- gewitters einen glänzenden Sieg über die Barbaren. Der Künstler hat nun von diesen zwei Momenten das Letztere zur Grundlage seiner Darstellung genommen, wahrscheinlich weil es sich besser bildlich versinnlichen läßt, während die Erquickung durch den Regen sich weniger dafür eignen mochte. Jedoch scheint auch dieses Moment nicht gänzlich ausgeschlossen, wie die oben beschriebene Stellung der Römer, bei denen der Regen offenbar ganz entgegengesetzte Wirkungen hat als bei den Barbaren, klar genug es auszusprechen scheint. Außerdem kann noch hinzugefügt werden, daß die Römer, welche noch im Kampfe begriffen sind, so unmittelbar unter dem rechten Flügel des Regengottes stehen, daß man mit Recht darin eine Hindentung aus den besonderen Schutz desselben erblicken kann. Somit kann das Relief als eine Bestätigung der Ueberlieferung betrachtet werden, wenigstens soweit es sich um den Hauptinhalt derselben handelt. Von betenden Soldaten, Blitzen u. dcrgl., wie sie Themistius u. a. zu sehen glaubten, ist allerdings darauf nichts zu finden. Eben so wenig kann man in der Personifikation des Regens eine Anspielung auf irgend eine heidnische Gottheit erblicken, sondern einzig die bildliche Flxirung irgend einer außerordentlichen Thatsache. Baronius nennt darum die Säule ein herrliches Monument des christlichen Glaubens. Die Säule allein genügt allerdings nicht für die Feststellung des Wunders, aber das Relief auf der Säule dient als Bestätigung für die Tradition und verleiht derselben Nachdruck und Kraft. Wenn nun Monimsen dagegen einwendet, man müsse bei jeder wunderbaren Erzählung, welche von einem christlichen Apologeten berichtet wird, nicht allein das Factum als solches in sich als unannehmbar bezeichnen, sondern auch jeden kleinen Umstand desselben vom Standpunkte der Geschichte aus verwerfen, so spricht er damit den folgenschweren Satz aus: Niemals ist ein christlicher Apologet in seiner eigenen Sache ein verläßlicher Zeuge. Sobald aber ein solcher Satz einmal zur Grundlage der Forschung und Kritik gemacht wird, beginnt der Skepticismus in der Geschichte; denn wenn man konsequent sein will, so müßte man den Satz noch mehr auf die Heiden als aus die Christen anwenden. Diesen waren in ihren Apologien schon durch die Art der Schriften, welche ja dazu bestimmt waren, die Heiden und Feinde des Christenthums von der Wahrheit des Christenthums zu überzeugen, gewisse Schranken gesetzt, um. sich vor ihren eigenen Angreifern durch erfundene 450 Erzählungen nicht lächerlich zu machen oder durch Ausstellung leicht zu widerlegender Behauptungen mehr zu schaden als zu nützen, während den H^dcn, die ja für Gesinnungsgenossen schrieben, eine solche Vorsicht nicht auferlegt war und anderweitig feststeht, daß sie gegenüber den Christen und znr Unterdrückung derselben als herrschende Partei nicht selten zu offenbaren Lügen und Lerläumdungen ihre Zuflucht nahmen. Wer sich ausführlicher unterrichten will, den verweisen wir aus die Aussührungen Grisar's an der oben genannten Stelle. Dort findet er auch eine sorgfältige Analyse der Quellen und die wichtigsten Ansichten neuester Gelehrten, welche über dieses Relief geschrieben haben. Hier genügt es, auf diese interessante Frage aufmerksam gemacht zu haben. --«St--- Ein menschlicher VieuensW. - (Nachdruck derb»!«».) Babylon, Ninivch und das tausendthorige Theben sind gefallen. Mit Staunen stehen wir vor ihren Ruinen, die uns ein Bild davon geben, welche Ausdehnung und Pracht diese Plätze einst besaßen. Es ist der ewige Kreislauf von allem, was von Menschenhand herrührt; eS findet stets in seinem Bestehen einmal ein Hemmniß, das es nicht überwinden kann, seien es Verheerungen durch Feiudeshand, seien es Erdbeben und Wassersluthcn oder der natürliche Lauf der Dinge, ein Etwas, was man Altersschwäche nennen könnte. Der Aussprnch Cato's des Aclteren „tüotsrnm ovusso, Oartüaxinsni esss äelsuclanr" ist das Mene Tckcl, welches an den Mauern aller Riesenstädte als Mahnung an ihr endliches unvermeidliches Schicksal angeschrieben sein sollte. Der englische Historiker Macaulay gibt uns in einem seiner Werke ein Bild, wie es aussehen wird, wenn dereinst ein Neuseeländer die Ruinen des jetzt so ungeheuren London durchforschen wird. Kommen wird die Zeit, wenn eS auch dann nicht gerade ein Australier sein dürfte; aber wann und wie, wer kann es sagen, ehe dieser menschliche Bienenstock, den wir London nennen, in Ruinen liegen wird, denn immer noch nimmt es an Ausdehnung und Pracht von Tag zu Tag zu. Der Begriff „London" ist ein relativer, den» er umfaßt nicht allein das kleine eigentliche London, einen Platz von kaum mehr als einer englischen Quadratmcile (4'/, englische Meilen — 1 deutschen), sondern auch Hunderte von Städten und Dörfern, die es, nachdem die Mauern gefallen waren, die es früher eng umschlossen, an sich gerissen hat. Zum Riesen angewachsen, streckt es noch heute seine Arme nach allen Weltgegenden aus und verschlingt Stadt auf Stadt, Dorf auf Dorf, die fortan, wenngleich mit Verlust ihrer Individualität, ein Atom in dem Begriff London bilden. Ich muß hier vor allem anführen, daß bis heute die City, das eigentliche London, ihre Selbstverwaltung bewahrt hat. Ein Gleiches bestand bis vor wenigen Jahren in allen den hinzugewachsenen Theilen, als durch ParlamentSbeschluß ganz London zu einer eigenen Provinz, die County of London, gemacht und deren Verwaltung (mit Ausnahme der City, die ihre eigene Verwaltung beibehielt) unter eine Centralbchvrde, „ills Iconäon tüonntz-- Oonucil", gestellt wurde. In Gemeinde-Angelegenheiten, Armenverwaltung u. s. w., ist, mit einigen Beschränkungen, die Selbstverwaltung in den Händen der einzelnen Stadtthcile verblieben. Eine Folge davor» ist die, daß die Armeusteuer, da jede Gemeinde für ihre Armen selbst zu sorgen hat, in den ärmeren Theilen übermäßig hoch, in den reicheren dagegen sehr niedrig ist. Das heutige London, exclusive der City, bedeckt 448,334 Margen Landes oder ungefähr 700 englische Quadratmcilen. Seine Ausdehnung von Norden nach Süden beträgt 15, und von Osten nach Westen 17'/, Meilen. Wäre es möglich, alle Straßen der Stadt in eine fortlaufende Linie zu bringen, so würde dieselbe eine Länge von 7500 Meilen haben, eine Ausdehnung, die jedoch von Jahr zu Jahr fast fabelhaft vergrößert wird, wenn wir die 900 Häuser in Betracht ziehen, die jeden Monat neu erbaut werden. In der Stadt selbst ist wenig Raum für die Zunahme an Gebäuden, der Zuwachs entsteht fast allein in den äußersten Vorstädten, und er bedingt dadurch eine fortwährende Vergrößerung der Stadt. In diesem ungeheueren Hänscrmcer leben, dicht gedrängt zusammen, nahe an 6,000,000 Menschen. Wie kann es anders sein, als daß sich in diesem menschlichen Bienenstöcke die Extreme überall berühren, der überschwenglichste Reichthum Schulter an Schulter mit der bittersten Armuth, der größte Luxus gegenüber dem gräßlichsten Elend und Tod durch Verhungern. Leider muß man sagen, daß unglücklicherweise für einen bedeutenden Procentsatz dieser 6 Millionen der Begriff „leben" ein unrichtiger ist, „existiren" wäre der richtigere Ausdruck. Glücklicherweise jedoch ist Wohlthätigkcitssinn eine der Haupttugenden des Engländers. Er gibt mit vollen Händen, und seit es sich private Gesellschaften zur Ausgabe gemacht haben, zweckloses Almosengcben möglichst zu verhindern und dafür systematisch dem Elend abzuhelfen, wird viel Noth gelindert, wo ein bloßes Almosen nutzlos gewesen wäre. Trotzdckn jedoch lesen wir in den Zeitungen nur zu oft das Urtheil der Leichenbeschau: „Tod durch Verhungern". Die zahlreichen, ungeheueren und auf's beste ausgestatteten Hospitäler der Stadt werden sämmtlich durch freiwillige Beitrage unterhalten, nur die für ansteckende Krankheiten, wie Pocken, Scharlach, Typhus rc., gehören der Regierung. Man sollte annehmen, daß in einer solchen Riesenstadt sich auch menschliches Leiden und Krankheit in unverhältnismäßig hohem Grade zeigen müsse, und doch ist dem nicht so. London übertrifft in seinen Gesundheitszuständen alle großen Städte der Welt. Die allwöchentlich darüber veröffentlichten amtlichen Listen zeigen nur höchst selten einen Procentsatz von über 16 Sterbefällen auf das Tausend. Das fortwährend wechselnde, aber stets feuchte Klima von London kann also durchaus nicht ungesund sein, wenn man von Brust- und Lungenleidenden absieht, für die es sicherer Tod ist. Nicht wenig tragen zu diesen glücklichen Gesundheitsverhältnissen die herrlichen Parks und zahllosen offenen, zum größten Theile mit uralten Bäumen bestandenen Plätze bei, zu welchen das Publikum völlig freien Zutritt hat. Man kann diese mit Recht die Lungen Londons nennen. Im Ganzen besitzt das innere London jetzt etwa 240 solcher Plätze von größerer oder geringerer Ausdehnung mit einem Flächeninhalt von circa 21,000 Morgen (3,9 Morgen — 1 Hektar). Beginnen wir an der Themse, im Südwesten der Stadt, so treten wir fast sofort in den schattigen, historischen St. James-Park von 93 Morgen, 151 an den sich der durch die politischen Versammlungen bekannte Hyde-Park mit 360 Morgen anschließt, der uns westwärts ohne Unterbrechung nach Kensington Garden, 874 Morgen groß, führt. Nach Nordosten zu schließt sich an den Hyde-Park der kleinere Grcen-Park, der wiederum die Verbindung mit dem großen Negents-Park von 472 Morgen bildet. Von diesem letzteren jedoch sind Theile für den zoologischen und den botanischen Garten abgetrennt. Im äußeren London finden wir eine fast ununterbrochene Reihe großer, offener, schön bewaldeter Plätze, die Commons, zu welchen allen das Publikum ungehinderten Zutritt hat. Aus den publicirten ossiciellen Listen ersehen wir, daß täglich ungefähr 400 Kinder geboren werden, jedoch nur 200 Todesfälle vorkommen. 120 Ehen werden jeden Tag geschlossen. In einem Staate wie England, welches an der Spitze des Welthandels steht, und besonders in London, welches das politische und Handels-Centrum dieses Landes bildet, finden wir natürlich alle Nationen der Welt reprä- sentirt, bei Einwohnern anderer europäischer Staaten oft durch Tausende. Es wird angenommen, daß in London mehr Juden als in ganz Palästina wohnen. Im Allgemeinen jedoch ist die fremde Bevölkerung Englands mit seinen 25,000,000 Einwohnern keine so große, als daß sie die ewige Klage der Engländer über unmäßig vermehrte Einwanderung rechtfertigen könnte. Unsere deutsche Kolonie ist natürlich die zahlreichste. Sie betrug nach /dem Census von 1891 circa 50,000, von denen etwa idie Hälfte auf London kommt. Darunter sind 2000 Bäcker und 1700 Schneider. Wenn ich hier von der deutschen Kolonie in London spreche, so ist es wohl passend, daß ich einige wenige Worte über deren innere Verhältnisse beifüge. Für religiöse und Erziehungszwecke besitzt sie 6 rein deutsche protestantische Kirchen (die katholischen Kirchen haben sämmtlich einen oder mehrere deutsche Geistliche), mit denen alle deutsche Volksschulen verbunden sind, die dafür sorgen, daß das hier geborene oder jung hcrübergekommene Kind deutscher Abstammung mit dem Vaterlande in Verbindung bleibt. Das schönste Beispiel deutschen Gemeinsinns und deutscher Wohlthätigkeit jedoch ist das durchaus aus deutschen Mitteln begründete deutsche Hospital, welches, obgleich fast nur (durch Vermächtnisse hat sich ein kleiner Fonds angesammelt) auf freiwillige Beiträge und Subskriptionen angewiesen, doch bereits über 200 Betten gebietet. Ihre Majestäten unser sowie der österreichische Kaiser und fast alle deutsche Fürsten betheiligrn sich an dem guten Werke durch jährliche reiche Subskriptionen. Obgleich ausschließlich für unsere Landsleute bestimmt, nimmt im Falle von Unglück rc. das Hospital einen jeden Hilfsbedürftigen auf, ohne nach dessen Nationalität zu fragen. Immer mehr hatte sich das Bedürfniß herausgestellt, einen Mittelpunkt für deutsches Leben in London zu besitzen; für lange Zeit scheiterte alles an dem Kostenpunkte, bis man etwa vor 30 Jahren diese Schwierigkeiten unter Beihilfe einiger patriotischer Landslcute besiegen und zur Erbauung der großen, herrlich eingerichteten deutschen Turnhalle schreiten konnte. Das für Ankauf des Platzes, Bau und Einrichtung Nöthige Kapital betrug circa 9000 Pfund Sterling. Unter Iden vielen, jetzt bestehenden englischen Hallen gilt die 'unselige als eine Musteranstalt. Die ungeheure Ausdehnung der Stadt bedingt auch dementsprechend« Verkehrsmittel, und obgleich solche dem Publikum in jeder Art und Weise und im weitesten Umfange zu Gebote stehen, immer noch sind dieselben nicht genügend, und man ruft und verlangt nach Erweiterung und Verbesserung derselben. Im Umkreise von 12 Meilen vom Mittelpunkte der Stadt, der Gcneral-Postosficin, gibt es 780 Meilen Eisenbahn mit 702 Stationen. Eisenbahnen unter, auf und über der Erde und die unterirdische Bahn, die den lokalen Verkehr besorgt, befördern jeden Tag eine Million Passagiere, während nicht weniger als 2,500,000 Personen per Omnibus (deren Anzahl 5000 beträgt), bei 7500 zweirädrigen und 14,000 vierrädrigen Droschken und Pferdebahnen mit über 6800 Wagen, welche fast alle die Hauptstraßen der Stadt durchlaufen, reisen. Die Themse, welche London von Westen nach Osten in zwei Hälften theilt, ist durch 11 Eisenbahnbrücken überspannt, und Hunderte von Dampfbootcn bringen für weniges Geld einen jeden schnell genug nach irgend einem am Wasser gelegenen Theile der Stadt. Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, zu sehen, wie es möglich ist, den Nimmersatten Niesen zu füttern. Die ganze Welt hat dazu beizusteuern, denn das kleine, übervölkerte England kann nicht einmal genug für den Bedarf von London producircn. Laut einer Erklärung von Lord Plahfair im Oberhause sind nur etwa 30 Proc. des für England nöthigen Brodgetreides heimisches Produkt, während man für 70 Proc. auf das Ausland, vorzugsweise aus Südrußland, Kalifornien und Indien, angewiesen ist. Bekanntlich ist der Engländer ein großer Fleisch- esser, und auch darin müssen andere Länder in die Lücke treten. Argentinien, Norddeutschland, Dänemark, Spanien und Holland senden Hundcrttauscnde von lebenden Ochsen, während eigens dazu gebaute Dampsboote Millionen von Centnern gefrorenes Ochfenfleisch von Amerika und Schaffleisch von Neuseeland aus die englischen Märkte bringen. Im Jahre 1891 kamen in den Londoner Ccutralfleisch- markt allein davon 307,500 Tons (1 Ton — 1100 Kilo); die tägliche Zufuhr daselbst betrug 1005 Tons und erreichte an einem Tage sogar 2936 Tons. Für Weihnachten 1889 versah Chicago allein den Londoner Markt mit 27,000 Ochsenvierteln. 127,000 Tons Fische kamen in demselben Jahre auf den Londoner Hauptfifchmarkt. Auch der Import von Hühnereiern ist ein großartiger. Es klingt fast fabelhaft, von 1,200,000,000 Stück pro Jahr zu hören, von denen Rußland 75,000,000, Deutschland und Frankreich zusammen 714,400,000 und Belgien, Italien, die Türkei und Acgypten den Nest lieferten. Zusammen repräscntiren diese 1200 Millionen Stück einen Geldwerth von 3,000,000 Pfund Sterling. Als Kurivsuin füge ich hier den Londoner Küchenzettel für eine Woche bei. Er enthält 3,500,000 Laib Brod, zn 4 Pfund jeder, 7000 Tons Ochsen- und Schafsteisch, 4000 Tons Fische, 100,000 Stück Geflügel aller Art, 2 Millionen Eier, 3 Millionen Pfund Butter, 6000 Tons Früchte und Gemüse und 2 Millionen Quart Milch. An Kohlen verbrennt London jährlich nicht weniger als 16 Millionen Tons. Die Sicherheit der Stadt und ihrer Einwohner ist den Händen von 12,000 uniformirten und 400 geheimen Polizisten anvertraut, ungerechnet 800 solche, welche den riesenhaften Verkehr in den Straßen zu ordnen haben. Durch die Straßen der City allein passiren jeden 452 Tag 95,000 Wagen und circa 1,180,000 Fußgänger. Der Verkehr auf dem Flusse ist bewacht von 500 Wasserpolizisten. RudolphSchück. -- A i i e r L e i. Mißverstanden wie telephonirt, so lautet die neueste Variante der früheren Sentenz »gelogen wie telegraphirt". Daß sie nicht ganz der Berechtigung entbehrt, will die folgende Zeitungsnummer beweisen, welche nach dem »Tourist" auf dem Wege der telephonischen Berichterstattung entstanden lein soll, aber vermuthlich ebenfalls „gelogen" ist: Wie der Ausrufende telephonirt Wie es verstanden und gedruckt hat: wurde: Wien. Julius Paper, der Julius Meyer, der Leiter der Leiter der österreichischen Nord- ersten österreichischen Nordpol-Expedition, hat sich nach bahn-Dircclion, ist in Bremen Bremcrhaven gewandt, wo er zum Grafen ernannt, weil er alsdann eine neue Expedition mit aller Gewalt eine neue ausrüsten will. Konfession, die der Christen, will. Nom. Die Papiere der ita- Die Füsiliere der Italiener lienischen Bank haben heute an sind krank, sie haben heute ein den Börsen meistentheilS der- böseS Reißen in den Ohren; lorcn; sie notiren ungefähr 755. esdcsertirten ausdemHcere755. Stuttgart. Die socialistische Bei dem socialistischen Lakai Partei Wür.'tcmbergs vublicirt Hirtenberg exvlodnte soeben soeben ihre Kandidatenliste. Die eine Granatenkiste. Die Kiste Liste enthält 18 Personen, von enthielt 18Patronen, von denen denen einige in mehreren Mahl- einige mehrere Male leise deto- kreisen candidircn. nuten. Budapest. Offen wird in In Ofen und in Bndweis Budapest ausgesprochen, daß ist die Pest ausgebrochen, so Wekcrlc uech in diesem Jahre daß der Schrecken noch in die- die Geschäfte wieder in die sein Jahre heftig überhaud Hand nehmen wird. nehmen wird. Bangkok. DerKconprinz von " Der Kronprinz von Siam, Siam, der an Asthma litt, der auf dem Asphalt schritt, bat ausgelitten. Sein Hin- ist ausgeglitten. Sein Hinscheiden hat die Bevölkerung gleiten hat die Bevölkerung tief tief erschüttert. Man rühmt erbittert. Man rühmt ihm ihm nach. daß er einen vortreff- nach, daß er vortrefflicher und lichenkharakter, wie sein Vater, compacter wie sein Vater ge- besessen habe. fessen habe. » Ueber die Dauer deS Holzes bei der Aufbewahrung unter Wasser haben schon verschiedene Funde von uralten Eichen im Strombett einiger Flüsse, dann von alten Brückenpfeilern, z. B. in Mainz, Aufschluß gegeben. Neuerdings ist wieder ein eklatanter Beweis hiefür in der Auffindung von Pfeilern einer Brücke aus der Nömerzeit bei Bregenz geliefert worden. Wie nämlich aus Hardt in Vorarlberg berichtet wird, wurde im neuen Nheinbette die ehemalige N ö m e r st r a ß e aufgedeckt. Es ist historisch erwiesen, daß diese Straße von Brigantium (Bregenz) an den Rhein, diesem entlang bis Chnr und über den Splügen nach Italien führte. Ihre hölzernen, jetzt schon 2000 Jahre alten Pfeiler mit dem Rost blieben in dem feuchten Grunde ganz frisch, so daß nun das Holz, das die alten Rhätier fällten, heute noch Verwendung finden kann. -r- Besser ist besser. Der Hofnarr des Königs Jakob von England hatte einen Edelmann beleidigt, welcher ihn zu ermorden drohte. „Sei ohne Sorgen", sagte der König zu seinem Hofnarren, „ermordet er Dich, so lass' ich ihn aufhängen." — »Mir wär'cS lieber", versetzte der Narr, „wenn er den Tag vorher gehängt würde." Deplacirt. A.: „Haben Sie gelesen, der Kapitän Willigerod vom Norddeutschen Lloyd hat die Fahrt nach New-Aork jetzt mehrere Hundert Male gemacht!" — B.: „Donnerwetter! Der muß aber unterwegs jeden Baum und jeden Strauch kennen!" » Aus derSchule. Lehrer: „WaS ist ein Nordpolfahrer, Karl?" — Schüler: „Ein Nordpolfahrer ist ein Mann, der zu weit nach Norden fährt, sich die Füße erfriert und dann ein Buch schreibt." » Wenn man auf dem linkenOhre nicht gut hört. Herr sän der lalols ä'fiötsj: „Gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen mein Herz anbieten?" — Dame: „Danke, ich würde ein Stückchen Kalbsschlegel vorziehen." Gute Ausrede. Richter: „Sie behaupten, eine fünfzigjährige Praxis in Amerika ausgeübt zu haben; Sie waren ja aber gar nie dort!" — Angeklagter: »Ganz einfach, die Behandlung war eine briefliche." » Unglaublich. Vater: „Sieh' 'mal, Fritzchen, wie ähnlich sich die beiden alten Herren dort sehen — eS sind Zwillinge!" — Fritzchen: „So alte Zwillinge gibt's doch gar nicht!" Schmeichler. Lieutenant: „Wo sind gnädiges Fräulein eigentlich geboren?" — Dame: „In Graz." — Lieutenant: „War eigentlich überflüssige Frage, bei so viel Grazie!" Ausweg. Braut: „...Ach, ich befürchte, Arthur, daß Du mich nur meines Rittergutes wegen liebst." — Bräutigam:„Na, dann können wir ja morgen das Dings versilbern!" * Falsch aufgefaßt. Bräutigam: „Du,Anna, den Bädeker nehmen wir mit auf die Hochzeitsreise." — — Braut: „Nein, Paul, wir fahren ganz allein!" ... -i-rrM-o-- An einen Griesgrämigen. Du sitzest still am Fensterbrett Und schauest stumm hinaus, Als ob dich Grillen plagten, Ja plagten — Ich lach' dich aus. O höre nur der Lerche Lied, Die sich zum Himmel schwingt; Sie läßt die Erde liegen, Tief liegen, Und jauchzt und singt. Mein Nachbar hat 'neu Rosenstrauch, Ei! wie der blüht und glüht; Ich freu' mich, wenn sein Driften, Süß Dusten, Mein Herz durchzieht. So sitz' nur still am Fensterbrett Und schaue stumm hinaus; Du schaffst dir selber Qualen, Ja Qualen — Ich lach' dich aus. k. Johannes Bapt. Diel 8. I.