AnWattungsAalt „Augsburgrr postzritung". « kv. Dinstag, den 21. Juli 1896. ^ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Irauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Hedwtg Günther war neben ihren Eltern und ihrem Sohn zur ewigen Ruhe gebettet, und viele Leidtragende hatten sie von ihrer einstigen Wohnung aus, wohin ihre Leiche am Abend nach ihrem Tode gebracht worden, dorthin begleitet. Trotz aller Umsicht und Fürsorge war ihr trauriges Lebensende bekannt geworden, und Jeder beklagte umsomehr daS so frühe Dahinscheiden der vor nicht langer so Zeit glücklichen, schönen, jungen Frau. Der durch ihren Tod am schwersten Getroffene, obgleich die ganze Familie schwer dadurch litt, war ihr Gatte, der es sich nicht vergeben konnte sie der Anstalt anvertraut zu haben, bevor er noH andere Irrenärzte zu Rathe gezogen. Auf alle Gegenvorstellungen seiner Mutter hatte er keine Antwort, wie er diese überhaupt Niemandem gestattete und täglich ernster und verschlossener ward. Frau Günther war seinetwegen in großer Sorge, und als sie diese eines Tages wiederum ihrer Tochter gegenüber geäußert, fügte sie traurig erregt hinzu: „Hatte ich nicht Recht, Bertha, als vor Jahren ich mich über Albrecht's Verlobung mit Hedwig Nothenfels nicht freuen konnte? — Alle meine traurigen Vorahnungen sind in schrecklichster Weise in Erfüllung gegangen, und es war ein unglücklicher Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen!" „Sprich nicht also, Mutter", erwiderte ihre Tochter, „Albrecht ist mit Hedwig sehr glücklich gewesen —" „Um sie desto schwerer zu entbehren", fuhr weinend Frau Günther fort. „Er wird ihr schreckliches Ende nie überwinden, folgt ihr vielleicht schon bald und denkt in seinem Gram nicht an die armen Kinder, für die er gar kein Auge hat!" „Er muß zum Ueberwinden Zeit haben, Mutter", antwortete Erstere beruhigend. „Es sind erst Wochen seit jenem Abend vergangen, wo sich daS Schreckliche zugetragen, und auch wir Alle, Arthur und Elfriede mit eingeschlossen, sind kaum im Stande uns über Hedwigs Verlust zu trösten! — Was aber die Kinder anbetrifft, so sind sie, schon seit hier im Frühling die schreckliche Krankheit ausgebrochen, dem Vater mehr oder weniger entfremdet, und eS konnte auch kaum anders sein. Laß sie ihm wie sonst in diesem Zimmer finden, und Du wirst Dich bald überzeugen, daß sie ihm noch so lieb find, wie sie es immer gewesen!" „Du magst Recht haben, Bertha", antwortete nach einigem Nachdenken Frau Günther, „und ich will sie mit allem ihrem Spielgeräth holen. Die armen Kleinen! — Sie sprachen so oft von ihrer Mutter — was werden sie noch einmal sagen, wenn sie erfahren, auf welche Weise sie geendet?" „Warum aber und wie sollten sie das je erfahren, Mutter?" versetzte ihre Tochter. „Warum überhaupt von der Zukunft sprechen, wenn noch die Gegenwart so traurig und sorgenvoll vor uns liegt? — Für den Augenblick nimmt Albrecht unser ganzes Denken in Anspruch, und müssen wir nach Kräften das Unsrige thun, ihm sein schweres Geschick tragen zu helfen!" Als am Nachmittag Dr. Günther von einem längeren Besuch bei seinen Patienten heimkehrte, fand er seine Mutter, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem der weitgeöffneten Fenster des Wohnzimmers sitzen, während inmitten desselben die Kinder, reichlich drei und fünf Jahre zählend, sich mit Spielsachen aller Art unterhielten und neben Marga ein schöner, sorglich von ihr verhüllter Puppenwagen stand. Einen Augenblick den Raum übersehend, überflog der Ausdruck unbeschreiblicher Trauer sein bleiches Gesicht, dann begrüßte er seine ihn aufmerksam beobachtende Mutter und trat darauf zu den Kindern, welche einen Moment ihn schüchtern anblickten, dann aber seine Hände ergreifend ihn begrüßten. Er sah sie mit einem schmerzlichen Blick an, neigte sich zu ihnen und küßte sie zärtlich. Dadurch wüthiger geworden, erfaßten sie wiederum seine Hände und führten ihn an ihren Spieltisch, wo Hugo ihm seine neuesten Soldaten zeigte, welche Tante Marie ihm geschenkt, Marga ihm einen Kasten voll Küchengeräth entgegen hielt und mit leuchtenden Augen hinzusetzte: „Nun mußt Du auch Baby sehen, Papa", und ohne seine Zustimmung abzuwarten, machte sich die bewegliche kleine schwarzgekleidete Gestalt eifrig daran dem Wagen eine reizende Wachspuppe zu entnehmen, mit welcher sie zu ihrem Vater trat und zugleich lebhaft sagte: „Hier ist Baby, Papa! — Tante Marie hat sie mir aus England mitgebracht, Mama sie aber mit dem Wagen verwahrt bis ich größer sein sollte, und nun hat Großmama mir alles gegeben!" „Baby hat auch einen schönen Mantel und Hut", 454 ergänzte Hugo, der offenbar für die prächtige Wachspuppe das größte Interesse empfand, „und auch noch viele Kleider, und alles liegt in einem kleinen Schrank, den Tante Marie Marga geschenkt." Plötzlich aber in seinem Eifer innehaltend, fügte er dann schnell hinzu: „Ich spiele aber nicht mit Baby, Papa, und auch, nicht mit dem Puppenwagen, das thun nur Mädchen I Ich lasse meine Soldaten marschiren und fahre mit meinem Wagen Holz in die Küche", und seinen Vater mit leuchtenden Augen ansehend, gewahrte er dessen tieftrauriges Gesicht, bemerkte auch, daß seine Großmutter die Augen trocknete, und fügte plötzlich ernst geworden hinzu: „Du mußt nicht mehr so traurig sein, Papa! — Unsere liebe Mama ist im Himmel beim lieben Gott, der auch Albrecht hingenommen, mit dem ich nun nicht mehr spielen kann, und der liebe Gott ist doch gewiß so gut — — „Ja, Hugo, das ist er", erwiderte, seine Bewegung bekämpfend, Dr. Günther, dem das Geplauder seiner Kinder vollständig neu war, wie es ihn zugleich schmerzlich berührte. Dennoch setzte er es eine Weile fort, bis wiederum von seinem Beruf in Anspruch genommen, er sie und seine Mutter verließ und sich zu mehreren seiner wartenden Patienten in sein Zimmer begab. Bet eingetretener Abenddämmerung schlug ein einsamer Wanderer den Weg nach einem der Kirchhöfe der Stadt ein, welcher etwa eine Viertelstunde von derselben entfernt lag. Es begegneten ihm nur wenige Menschen, und als er sein Ziel erreicht, gingen theilnehmend grüßend der Todtengräber und sein Sohn an ihm vorüber, welche nach beendigtem Tagewerk sich nach ihrer Wohnung begeben wollten, er abersuchie eine mit Cypressen und Taxusbäumen geschmückte Grabstätte auf, die ein in der Mitte stehender höherer Sandstein als der Familie Rothenfels gehörend bezeichnete. Verschiedene dunkle Marmortafeln trugen die Namen Derer, die hier zur ewigen Ruhe gebettet waren; auf den beiden letzten las man die frischgoldene Inschrift: „Unserm Albrecht" und „Meiner Hedwig", und vor diesen seinem Kinde und seinem Weibe gewidmeten Gedenksteinen blieb Dr. Günther stehen. Lange überließ er sich seinen Erinnerungen, ließ glückliche und traurige Bilder an seinem geistigen Auge vorüberziehen und sagte endlich leise: „Warum, Hedwig, ach, warum mußte Dich die traurigste Krankheit heimsuchen und mir ein Glück rauben, wie ich es nie wiederfinden werde? — Ich kann Dir nicht vergelten was in dem unglückseligen Wahn Du um mich gelitten, auf unsere Kinder aber will ich auch den Theil meiner Liebe übertragen,- der sonst Dir gehörte und den Du nicht entbehrst^ ihnen Vater und Mutter sein und sie so glücklich zu machen suchen, wie nur Du, die treueste Mutter, es gethan!" Eine Weile noch stand Dr. Günther an der immergrünen Grabstätte, dann ging er langsam zur Stadt und in seine Wohnung zurück, wo voll Sorge ihn seine Mutter erwartete, die nur zu gut wußte, wohin er seine Schritte gelenkt. — XV. Mehrere Tage später ging in vorgerückter Nachmittagsstunde Marie Feldheim in ihrem Wohnzimmer auf und ab, dessen nach dem Garten hinausgehende Fenster zugleich Thüren waren und weit geöffnet standen. Ihr Gesicht war bleich, was die Trauer, welche sie um Hedwig Günther trug, noch mehr hervortreten ließ, tiefernst dessen Züge, und ebenso ernst blickten die ausdrucksvollen blauen Augen. Sie sann nach, hatte schon lange nachgesonnen und sagte endlich halblaut: „Ich muß Abwechslung haben, am liebsten Arbeit, die alle meine Gedanken beschäftigt! — Jahrelang hat Hedwig mich in Anspruch genommen — jetzt bedarf sie meiner nicht mehr, und ihre Kinder sind in sicherer Obhut, sodaß ich für sie jetzt kaum mehr thun kann, als sie bei ihrem Vater zu besuchen oder zu mir einzuladen. Das aber würde mir nur kurze Zerstreuung gewähren, und die genügt mir nicht. Warum aber nicht reisen — nach Italien gehen, was ich so lange hinausgeschoben? — Jedoch allein? — Denn wer soll für den Augenblick mich begleiten? — Aber ich könnte nach England gehen, Florence, die glückliche junge Frau, besuchen, und wenn sie nicht nach Baden gehen, den Herbst bei ihren Großeltern verleben. Wie sehr würden Alle sich freuen, mich zu sehen!" Ihr Sinnen und Selbstgespräch ward hier unterbrochen. Die Glocke der Hausthüre erscholl, diese ward geöffnet, sie vernahm eine wohlbekannte Stimme, und nach gewohntem Klopfen trat Dr. Günther ein. Die Züge seines bleichen Gesichts waren traurig-ernst, und sie begrüßend sagte er, sie mit den forschenden Augen des Arztes ansehend: „Fräulein Feldheim, ich komme, mich nach Ihrem Ergehen zu erkundigen. Wir Alle waren Ihretwegen in großer Besorgniß, da weder meine Mutter noch meine Schwester die Freude Ihres Besuchs gehabt!" „Dennoch bin ich, wie Sie sehen, nicht krank, Herr Doktor", entgegnete ruhig Marie, „und ich werde in diesen Tagen Neichardt's wie Frau Günther und die Kinder besuchen, die Alle, wie ich hoffe, sich wohl befinden!" „Das thun sie in der That", erwiderte Dr. Günther, den ihm von Marie gebotenen Platz einnehmend. , „Und Sie, Herr Doktor?" fuhr diese, ihre Augen voll offener Theilnahme auf ihn richtend, fort. „Ich, Fräulein Feldheim? — Auch ich könnte Ihnen sagen nicht krank zu sein, dennoch aber — dennoch leide ich furchtbar und fürchte fast — —" und hier nahmen seine Züge einen düsteren Ausdruck, seine Stimme einen tieferen Klang an — „ich fürchte fast, das mich betroffene Unglück nicht zu überwinden!" „Es sind seitdem erst Wochen verflossen", versuchte Marie ihn zu beruhigen., „Umsomehr ist mir noch Alles gegenwärtig, und auch Hedwig's Bfld in seiner ganzen einstigen Lieblichkeit!" erwiderte in unveränderter Weise Dr, Günther. „Gewiß würde eine Ortsveränderung rathsam für Sie sein, Herr Doktor", fuhr nicht ohne Besorgniß Marie fort. „Können Sie nicht eine Erholungsreise beantragen?" „Ich habe gleich in den ersten Tagen gedacht, fort, weit fort von hier gehen zu müssen", sprach mit dumpfer Stimme Dr. Günther und strich mit der Hand durch sein volles dunkles Haar, „das ist aber leichter gesagt als gethan, und vor allen Dingen binden mich meine beiden Kinder!" „Sollten sich dennoch nicht alle Schwierigkeiten beseitigen lassen, Herr Doktor?" fragte mit zunehmender Unruhe Marie und fügte nach momentaner Pause hinzu: „Wenn Sie besonders der Kinder wegen Bedenken haben, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen — —" Er sah sie sichtlich überrascht und fragend an, sie aber fuhr fort: „Den, sie mir während der Dauer ihrer Abwesenheit zu übergeben - —" „Ihnen, Fräulein Feldheim?" fragte Dr. Günther, als habe er ihre Worte nicht verstanden. „Ja, Herr Doktor, und Sie kennen mich zur Genüge um überzeugt zu sein. daß ich sie gewissenhaft überwachen werde", erwiderte Marie, gewaltsam ihre zunehmende Erregung beherrschend. Es trat eine längere Pause ein, dann antwortete Dr. Günther mit wiedergewonnener Fassung: „Fräulein Feldheim, ich weiß, daß Ihr Vorschlag der Liebe zu meiner verstorbenen Hedwig und Ihrem Interesse für deren Kinder entstammt, und ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar dafür. Sollte die Notwendigkeit einer Reise an mich herantreten, so wäre die Sorge für die lebhaften Kinder für meine Mutter zu anstrengend, und bei meiner Schwester würden sie vielleicht deren Mann stören. In dem Falle also, Fräulein Feldheim, möchte ich Ihnen, die Sie stets die treueste Freundin, der gute Engel unserer Familie gewesen, mein Theuerstes übergeben, fürchte aber, daß auch Ihnen die Kinder für die Dauer zu viele Mühe und Störung bereiten werden!" „Hätte ich selbst ein solche Befürchtung, Herr Doktor, so würde ich Ihnen mein Anerbieten nicht gemacht haben", entgegnete mit unveränderter Ruhe Marie. „Auf diese Versicherung hin werde ich Ihnen meine Kinder bringen, Fräulein Feldheim, die ich bet Ihnen in der sichersten Hut weiß", sprach bewegt Dr. Günther. „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Doktor", versetzte in derselben Weise Marie. Als sie sich darauf noch eine Weile über die traurigen Ereignisse unterhalten, welche die Ruhe und das Glück seiner Familie untergraben, nahm Dr. Günther Abschied, und nachdem er gegangen, sagte halblaut Marie: „Da wäre nun unerwartet die so begehrte ernste Arbeit, die mich ganz in Anspruch nehmen wird! Sie sind die Kinder meiner armen, unglücklichen Hedwig — sie sind aber auch seine Kinder, der mich die treueste Freundin, den guten Engel seiner Familie nennt und nie, nein, nie die tiefverborgene mächtige Triebfeder aller meiner Handlungen ahnen wird, wie dieß auch kein anderer Mensch thut!" Ein prächtiger Sommermorgen war es zu EndeAugust, undMarie Feldheim's Haus und Garten umstrahlte der hellste Sonnenschein. Sie selbst stand leuch- tendenAuges und blickte auf die Kinder, welche unter Aufsicht der Wärterin auf dem breiten Kiesweg ihre Wagen zogen. JndemMarga's lag Baby sorglich vor der Sonne geschützt, Hugo fuhr Holz, das Johann, mit dem er schon früher Freundschaft geschlossen, ihm gegeben, und lebhaft plauderten sie dabei mit Dora und sprachen besonders ihre große Freude darüber aus, recht lange in Tante Mariens schönem Hause und Garten sein zu können. Ja, die Kinder waren am Tage zuvor eingezogen und in einigen Räumlichkeiten zur ebenen Erde, neben Mariens Zimmern, untergebracht, während sie die Fremden- und Gastzimmer nach dem oberen Stock verlegt. Sie waren eingezogen, trotz leisem Widerspruch von Seiten Reichardt's wie auch Frau Günther's, welche für Marie die durch sie erwachsende Sorge und Mühe gefürchtet. Denn Dr Günther wollte am folgenden Gurr Lurch Afrika. Nach dem Gemälde von M. Stockes. MWM L-M, KÄM MM 456 Tage ein Reise antreten, die leicht ihn auf ein Jahr von seiner Familie und Vaterstadt entfernt halten konnte. Der Aufenthalt in dieser war nach und nach ihm fast unerträglich geworden, er hatte daher seine Staatsanstellung einstweilen aufgegeben und wollte nach Amerika reisen, denn er war der Ueberzeugung, daß nur in neuer, unbekannter Umgebung die schrecklichen Erinnerungen, welche er nicht zu beherrschen vermochte, weichen würden. Alle erforderlichen Vorbereitungen zur längeren Abwesenheit waren schnell getroffen worden, und am gedachten Augustmorgen erschien er in Mariens Hause, um von ihr und den Kindern Abschied zu nehmen. Sie wurden ins Gartenhaus gerufen, mit bewegter Stimme sprach er in zärtlicher Weise mit ihnen, küßte sie wiederholt, und als sie weinten und ihn baten bald wieder zu kommen, versprach er ihnen dieß und nahm dann Abschied von der langjährigen Wärterin. Darauf sich Marien zuwendend, sagte er, ihr die Hand reichend: „Leben Sie wohl, Fräulein Feldheim, und mögen wir uns, wenigstens was mich anbetrifft, zu einer besseren Zeit wiedersehen!" „Das wollen wir hoffen, Herr Doktor", erwiderte Marie mit klarer Stimme, indeß ruhig ihre Hand in der seinen lag, während ihr Herz den Trennungsschmerz so schwer empfand. „Nehmen Sie meine besten Wünsche für Ihre Reise und geben Sie uns recht bald Nachricht — —" „Ich werde Ihnen, wie meiner Mutter von Hamburg aus schreiben, dann aber erst wieder von New- Jork, wohin ich mir mit dem zunächst abgehenden Schiffe unter der angegebenen Adresse einen Brief erbitte. Und nun nochmals Lebewohl, Fräulein Feldheim. Möge der Himmel Sie und die Kinder schützen!" und diese nochmals küssend, verließ er schnell das Zimmer und das Haus. Sie blickten ihm einige Sekunden nach, brachen dann in Thränen aus, und sich an Marie wendend, welche gewaltsam ihre Bewegung beherrschte, rief kaum verständlich Hugo: „Papa soll nicht weggehen, Tante Marie! Mama ist auch Weggefahren und nicht wiedergekommen, und liegt nun auf dem Kirchhof bei Albrecht!" Marie versuchte, da auch die kleine Marga laut weinend nach ihrem Vater rief, die Kinder zu beruhigen, indem sie sie zugleich aufforderte, wieder an ihr Spiel zu gehen. Dieß wiesen sie, von ihrem kindlichen Schmerz zum Eigensinn übergehend, entschieden zurück, worauf, sie voll inniger Theilnahme betrachtend, Marie ihnen vorschlug, sich mit Dora und Carl einen Garten anzulegen. Sie sahen sich bei diesem Vorschlag einige Augenblicke an, und schon in etwas von seinem Kummer abgelenkt, erwiderte Hugo: „Wir haben aber keine Schaufeln und Hacken, Tante Marie, denn Carl seine sind für uns viel zu groß — —" „Johann kann zur Stadt gehen und alles Garten- geräth, welches Ihr braucht, kaufen", versetzte Marie, froh ihren Gedanken eine andere Richtung gegeben zu haben. Dieß war ihr auch vollständig gelungen, denn wenn auch mit thränenfeuchten Wangen und Augen, drängten dennoch die Kinder sie, Johann sogleich gehen zu lassen und ihnen ihren Garten zu zeigen, und munter sprangen sie dann ihr und Dora voran. Als am folgenden Tage Frau Günther und Bertha kamen, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen, fanden sie die Kinder in fröhlichster Stimmung in ihrem Garten beschäftigt, während Geräth aller Art um sie her lag und sie kaum Zeit fanden, ihre Großmutter und Tante zu begrüßen. Als diese ihnen noch Grüße von ihrem Vater sagten, nahmen sie dieselben ruhig entgegen, begannen aber desto lebhafter von den Blumen und Pflanzen zu erzählen, mit denen sie schon theilweise ihre Beete angefüllt hatten. Da sie fortwährend dabei Mariens Namen in Anwendung brachten, konnten Frau Günther und Bertha zur Genüge daraus entnehmen, wie sehr sie sich schon an diese als ihre mütterliche Beschützerin gewöhnt. Ihnen gedankenvoll zusehend und zuhörend, trat vor das geistige Auge der Ersteren, wie mehrfach schon in diesen Tagen, in schwachen Umrissen, doch ihr erkennbar, ein schönes Zukunftsbild. Aber schnell, sobald es festere Gestalt zu gewinnen begann, an die traurige Wirklichkeit denkend, verschwand es dann langsam wieder, doch blieb still in ihrem Herzen verborgen eine leise, schöne Hoffnung zurück. (Fortsetzung folgt.) -—»SS-«-«-'- Das Schiff der Zukunft. Die Frage, die Schnelligkeit der Dampfschiffe so sehr zu beschleunigen, daß sie der Geschwindigkeit eines Eisenbahn-Eilzuges gleichkomme, diese Frage, deren Lösung den Schiffstechnikern beinahe so phantastisch erschien wie die Erfindung des „^erpstuuva wostils", diese für den Handel und für den Verkehr so wichtige Frage ist von dem französischen Ingenieur Bazin gelöst worden. Bazin hat nämlich das rollende Schiff erfunden, das in einer Stunde 100 Kilometer zurückzulegen vermag. Hundert Kilometer — damit ist die Geschwindigkeit der schnellsten Etlzüge erreicht. Was ist aber das rollende Schiff? Worauf beruht diese Erfindung des französischen Ingenieurs? Stellen Sie sich vor, daß Sie einen Karren schieben sollen, dessen Räder aus irgend einem Grunde stecken geblieben sind, und die sich daher nicht drehen. Vielleicht werden Sie diesen Karren trotz der steckengebliebenen Räder vorwärts bringen, besonders wenn er leicht, Ihr Arm aber kräftig ist; jedenfalls wird es aber sehr schwer gehen; denn in diesem Falle ist das Hinderniß der Reibung ungemetn groß. Wenn dagegen die Räder sich frei drehen können, dann werden Sie zum Vorwärtsschieben dieses Karrens viel weniger Kraft brauchen, und Ihre Anstrengung würde auf ein Minimum herabgemindert werden, wenn zu gleicher Zeit irgend ein treibender Mechanismus die Achse und die Drehung der Räder beschleunigen würde. Dies ist eine Thatsache, deren Nichtigkeit die Erfahrung lehrt, die aber nicht nur für Beförderungsmittel auf dem Lande zutrifft. Nehmen Sie z. B. ein Rad, das hohl ist, dessen Seiten aber solid und gewölbt sind. Wenn Sie es auf das Wasser stellen, wird es vertical schwimmen. Stoßen Sie es nun vorwärts. Diese linsenförmige Scheibe, deren Profil zwei übereinander gelegten Schiffskielen gleicht, wird auf der Oberfläche des Wassers gleiten und so einige Meter sich weiter bewegen. Aber sie wird nur mühsam vorwärts kommen und bald still stehen. Wenn Sie aber die Scheibe zu gleicher Zeit, da Sie sie auf das Wasser schleudern, mittelst einer Achse, welche durch ihr Centrum geht, in eine mehr oder weniger lebhafte Drehbewegung bersetzen, so wird sie sofort mit unglaublicher Geschwindigkeit davonlaufen, ohne beinahe das Wasser, das sie mit ihrem drehenden Kamm - ähnlich Ertrages der Arbeit. Es hat den Anschein, daß da die Kraft nicht mehr longitudinal, sondern vertical von oben nach abwärts wirke, daß das Rad sich durch die Zer- quetschung der Wassermolecüle vorwärts bewege, daß es in eine Art hydraulischer Schiene eingreift. ^ 7 ^ VMM MM WWW wie eine Circularsäge — durchschneidet, in Bewegung zu versetzen. Dieser Versuch lehrt, kurz gesagt, folgendes: Wenn man eine vorwärts treibende Kraft mit einer Rotation verbindet, so ergibt dies eine große Verminderung der Reibung und daher das Maximuw der Ausnützung des Auf diesen Erfahrungssatz hat Herr Bazin das rollende Schiff aufgebaut. Wie sein Name es ergibt, wird dieses Schiff — das Schiff der Zukunft — nicht, wie die bisherigen Schiffe auf dem Wasser gleiten, sondern auf dem Wasser rollen. Eine große Plattform, auf die man — wie auf einem Floße — Cabinen und Salons, 458 Heizkessel und Maschinen aufstellen und die auf jeder Seite von ungeheuren hohlen Rädern getragen sein wird, das ist in wenigen Zügen der ungewohnte Anblick, den diese Schiffe der Zukunft darbieten werden. Die bewegende Kraft wird nicht nur zur Propulsion verwendet, sondern sie wird getheilt werden. Ein Theil wird dazu dienen, den ganzen Bau mit Hülfe von Schrauben oder Schaufelrädern vorwärts zu treiben, der andere Theil wird die Aufgabe haben, die hohlen Räder zu drehen. Auf diese Weise wird — dank der Verminderung der Reibung — mit einem Minimum von Kosten und Kraftaufwand ein Maximum der Geschwindigkeit (60 Knoten und noch mehr die Stunde) erreicht werden können. Das ist nicht eine phantastische Träumerei! Denn die empirischen Annahmen des Herrn Bazin haben nicht nur den enthusiastischen Beifall von Allen, die irgend einen Namen in der nautischen Welt haben, gefunden, den enthusiastischen Beifall der Ingenieure, der Schiffsbauer und Schtffstechniker, sondern — was von größerer Bedeutung ist — sie werden auch durch die mathematischen Berechnungen hinterher von jenen Gelehrten, für die nur das, was durch Formeln erwiesen ist, extstirt, vollauf bestätigt. Wenn es der Wissenschaft gelungen sein wird, das beste Verhältniß zwischen der propulfiven Kraft und der Schnelligkeit der Umdrehung der rollenden Scheiben zu statuiren, so wird — nach der Meinung der Schtffstechniker — die nützliche Bewegung ungefähr 60 Procent des entwickelten Umfanges betragen. Das heißt, ein Dampfer mit Rädern von 22 Metern Durchmesser, die zu einem Drittel im Wasser eintauchen und die 24 Umdrehungen in der Minute machen, wird 60 Kilometer in der Stunde zurücklegen. Von Hamburg wird man also nach New-Aork gelangen können in — vier Tagen. Wir sind allerdings noch nicht so weit; aber wir nähern uns mit Riesenschritten diesem schönen Ziel. Denn das erste rollende Schiff ist — wie das ,W. Tgb/ berichtet — gegenwärtig in St. Denis, auf der Werft der Firma Cail in Bau. Das wird allerdings kein Riesenschiff, wie etwa die Amerikadampfer, sein. Aber ein Schiff von 280 Tonnen, das immerhin etwas. Und das wird das Tonnenmaß des „Ernest Bazin", des ersten rollenden Schiffes, sein. Dieses Schiff wird 40 Meter lang und 12 Meter breit sein; es wird mit einer Dampfmaschine von 750 Pferdekräften ausgerüstet werden. Die von dieser Maschine erzeugte Kraft wird zwischen einer Schraube und drei Paaren von drehenden Scheiben — „Rollern" — die jede einen Durchmesser von 10 Metern haben werden, vertheilt werden. In einigen Wochen wird das rollende Schiff vollendet die Schiffswerft verlassen. Es wird die Seine hinabführen und dann nach Nouen remorquirt werden. Von dort wird es nach Havre, dann durch den Canal la Manche und durch die Themse nach London eilen... Das wird die Probefahrt des rollenden Schiffes sein. Sicherlich wird sie glatt, ohne irgend einen Unfall verlaufen. Warum sollte auch ein rollendes Schiff — das heißt ein von Rettungsbojen getragenes Floß — nicht ebenso seetüchtig sein, wie das traditionelle, gewöhnliche, gleitende Schiff? Ganz im Gegentheil, gerade die Ausdehnung seiner Basts, die Theilung in mehrere sich drehende, von einander unabhängig autonome Kiele, die nicht untergehen können und die im Falle einer Havarie einander ersetzen und unterstützen können, die Durchlöcherung der Seitenwände, die nicht eine feste Mauer bilden, sondern die durchbrochen sind usw. usw., sollten dem rollenden Schiff eine größere Stabilität garantiren und es in Stand setzen, mit Leichtigkeit und vollster Sicherheit auch den wüthendsten Anprall des sturmgepeitschten Meeres auszuhalten. So ist denn endlich das Problem der Vergrößerung der Schnelligkeit der Dampfer gelöst: dieses Problem, das bereits ein Schreckphantom für alle Schiffsbauer geworden war, an dessen Lösung die Welt schon fast verzweifelte. Denn der Widerstand des Wassers wächst ja im geraden Verhältniß mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Daher mußte sich die geringste Vermehrung der Schnelligkeit der Schiffe in einer maßlosen Vermehrung der bewegenden Kraft, das heißt des todten Gewichtes, äußern. Die Zeit schien nicht mehr fern, da man, um einen Knoten Geschwindigkeit zu gewinnen, auf dem Dampfer den ganzen verfügbaren Platz der Maschine und den Kohlenkammern überlassen mußte, ganz so, als wenn man gezwungen wäre, einen Expreßzug auf die Locomotive und auf den Tender zu beschränken! Nun kam Herr Bazin! Er hat neue Wege eingeschlagen. Er hat mit einem weitaus geringeren Aufwand an Kraft und Gewicht Geschwindigkeiten, die Niemand erhofft hätte, erreicht. Er bietet den „Globe-Trotters" das ideale Paquetboot, den Ultra-rapiden, maritimen Luxuszug, eine Art schwimmender Terrasse, auf der man mit ganzer Brust die würzige Seeluft einathmen können wird. Das Schiff, das so schnell wie ein Schnellzug fährt, ist erfunden. (Sonntagsbl. d. „Germania".) -—» I — - — Ober-Tiefenbach. Mit einer Illustration nach photographischer Aufnahme von I. Heimb ucher, Photograph in Sonthofen und Jmmenstadt. sVervielfältigungsrccht vorbehalten.) (Nachdruck verboten.) In der Nähe der Gerichts- und Schulferien stellt sich mancher der Herren Beamten und Professoren die Frage: wo werde ich Heuer den Akten-, wo den Schul- staub von mir schütteln? Der eine Ort liegt zu nahe, der andere zu entfernt von der Eisenbahn, der eine bietet zu wenig Naturschönheiten, der andere keine Gelegenheit zur Kräftigung der Gesundheit im Bade, da ist's zu überfüllt, dort gar zu langweilig, bald hat man zu klagen über Mangel allen Komforts, bald über die hohen Preise. Den über ihren Ferienaufenthalt zu Rathe gehenden Familien soll durch diese Zeilen mit einem Bilde ein zwar wenig bekannter, aber alle Ansprüche und Erwartungen befriedigender Ort genannt sein, Tiefenbach im bayerischen Allgäu. Tiefenbach, nahezu 1000 m über dem Meere gelegen, ehedem eine Filiale von Fischen, ist von der Bahnstation Fischen mit Lohnfuhrwerk in einer Stunde, von den Bahnstationen Langenwang und Oberstdorf in 1 bis 1 */z Stunden zu Fuß zu erreichen und vereinigt alles, was man sich für einen Ferienaufenthalt wünschen kann; da gibt es keine strenge Toilettenordnung, keine rauschende Musik, aber auch keine das Auge und die Lungen belästigenden Staubwolken. Tiefenbach hat eine romantische, gegen rauhe Winde durch die es umschließenden Berge geschützte Lage, ringsum ozonreiche Nadel- und Laubwälder und gewährt die Möglichkeit, täglich nicht nur gesundheitsfördernde Promenaden in den Wäldern, sondern auch 459 größere Ausflüge mit den lohnendsten Aussichten zu machen, nach dem 1^ Stunden entfernten Nöhrmos mit seinen großartigen, zerklüfteten Gottesackerwänden, über den Zwingsteg nach der in Vorarlberg liegenden Walser- schanze, über den Hirschsprung nach dem frei und lieblich gelegenen Oberwaiselstein, nach dem vielgenannten bayerischen Sibirien, dem Pfarrdorfe Balderschwang, nach dem in 3*/, Stunden erst seit einem Jahrzehnt auf geordneten Wegen erreichbaren hochgelegenen Frcibergsee, nach dem nur 10 Minuten von Tiefenbach entfernten Wasach, von dessen Terrasse aus ebenso gut in den Thalkessel von Oberstdorf und weit hinaus in das Jllerthal das Auge schweifen, als ein Gebirgspanorama überschaut werden kann, wie man es ausgedehnter und herrlicher nur selten findet; man sieht von dort, wie in einem Rahmen eingefaßt, den Entschenkopf, das Nubihorn, die Seeköpfe, den Schattenberg, die Höffats- und Bockkarspitze, das Naucheck, kam mit der Grafschaft Rothenfels an die Grafen von Königsegg und gelangte durch die Heilung des Grafen Haug von Königsegg-Rothenfels schon früh zu bedeutendem Rufe. Der gegenwärtige Besitzer, Herr Georg Schmid, durch langjährige Thätigkeit in den größeren Städten Deutschlands im Hotelfache sehr bewandert, im Gewände eines von Gesundheit strotzenden Tirolers sich den Gästen präsentirend, hat Gasthof und Bad der Neuzeit entsprechend eingerichtet, sorgt jederzeit freundlichst für Fahrgelegenheit von und nach allen Richtungen, gewährt schnell und erfüllt pünktlich alle Wünsche der Gäste, und seine Gattin, eine gewandte, auf Reinlichkeit bedachte, alle Surrogate wie Margarine u. dgl. streng abweisende Haus- und Küchendirektorin, bietet den Gästen Speisen, wie man sie besser in den ersten Hotels nicht finden kann. Der Keller bietet eine reiche Auswahl von Weinen, vorzugsweise Ttrolerweinen, der ^ Stall kräftige Kuh- und Dber-Tiefrnbach die großen Grottenköpfe, das Hohe Licht, den Himmel- schrofen, kurz eine lange Reihe von Bergen, die im Glänze der untergehenden Sonne eine köstliche Augenweide bilden. Neben den Genüssen für das Auge und den unberechenbaren Vortheilen für die Athmungswerkzeuge findet der Besucher von Obertiefenbach aus in dem damit fast zusammenhängenden, in einer Thalschlucht gelegenen, aber gleichwohl der Sonne noch zugänglichen Bade Unter- tiefenbach für den müden oder kranken Körper Kraft und neues Leben. Die Quelle, alkalisches Schwefelwasser mit reicher Jodbeigabe, schon vor vielen Jahrhunderten aufgefunden und, wie Einige glauben, schon den in Ouraxoäuiiuw, dem heutigen Kemplen, seßhaften Römern bekannt, hat zahlreiche Kurerfolge bei gichtisch-rheumatischen Zuständen, Hämorrhoidalleiden, Luftröhrenkatarrhen, Geschwüren, auch Isolrias nsrvosn, an Rekonvalescenten nach langwierigen Krankheiten rc. zu verzeichnen. Die Badeanstalt, früher in Montfortischem Besitze, Ziegenmilch, Alles bei mäßigen Preisen. Hübsch eingerichtete Zimmer zu 0,70—1,40 M., das Bad zu 0,70 M. mit Bedienung, Mittags- und Abcndttsch nach Karte. Wer hie und da größere Gesellschaft aufsuchen will, kann einen Spaziergang nach Oberstdorf oder eine Bahnfahrt nach Sonthofen und Jmmenstadt machen. -—- Zu unseren Bildern Das Tischgebet. Da« einfache Mittagsmahl ist aufgetragen, die Familie ist um den iauber gedeckten Tisch versammelt und verrichtet mit Anbackt das Tischgebet, in welchem sie Gott dankt für die Wohlthaten des Leibes und der Seele, die er immer von Neuem wieder den Menschenkindern erweist. Daß dieses täglich stck wiederholende Gebet den schlichten Bauersleuten nicht zu einer leeren Gewohnheitssache wird, sondern daß die Worte ihnen aus tiefstem Herzen kommen, das kann man deutlich an den gesammelten, andachtsvollen Gesichtern erkennen. Nur dem 460 kleinen Burschen, der auf dem Schemel kniet, scheint das Gebet etwas zu lang zu dauern, denn mit verlangendem Seitenblick schielt er nach der großen Schüssel, aus welcher die „Spätzle" ihm gar lieblich entgegenduften. Guer -urch Afrika. „Quer durch Afrika" sind sie gerissen, Miesbeth und Maunzel, die Kätzchen klein, Was sie dort trieben, das kann man wohl wissen, Ohne gerade ein Wißmann zu sein: „Geographieseuche" heißt das Leiden, D'ran jetzt erkrankt ist die ganze Welt, Und so hat es sich bei den beiden Thierchen natürlich auch eingestellt. Aber schon naht sich ein mächtiger Kater, Wie er ja meistens zu kommen pflegt, Wenn verflogen der Rausch I D'rum hat er Hier sich bereits auf die Lauer gelegt.— Maunzel und MieSbeth, wie wtrd's euch ergehen, Wenn ihr die ganze Karte zerfetzt; Theuer kommt euch die Sache zu stehen, Fremdes Gebiet habt ihr schnöbe verletzt I Ja, wenn das „koloniale Fieber" Gleichfalls jetzt schon die Thierwelt erfaßt, Ist das nicht gräßlich? — Na, Schwamm darüber I Habe ja bloß ein Bissel gespaßt. Will mich gewiß an Niemandem reiben, Doch die Bemerkung erscheint mir am Platz: Kolonial-Politik zu treiben Ist entschieden — nicht für die Katz'I I Eduard Jürgensen. - -SÄ8XB-S - AiLexieL. JapanischesZeitungsWesen. Wie überall, so gibt nach einer Darstellung der Papier-Zeitung auch in Japan der Stand der Presse ein treues Spiegelbild der Entwickelung deS Volkes. Während der über 250 Jahre dauernden Herrschaft der Tokugama-Schogune war jede öffentliche Meinungsäußerung verboten, und die Presse diente lediglich der schönen Literatur, die in Japan schon seit langer Zeit blüht. Auch nach der 1868er Umwälzung wurde es damit nicht viel anders; man hatte noch kein Bedürfniß für öffentliche Besprechung der Tagesfragen, und die amtlichen Datjokuan Nischi, die die behördlichen Verordnungen enthielten, wurden fast ausnahmslos nur von den dazu verpflichteten Beamten gelesen, ähnlich wie bet uns die Verordnungsblätter selten über den Kreis der Verwaltungsbehörden hinaus bekannt zu sein Pflegen. Besonders wichtige Ereignisse wurden indeß auch damals schon von unternehmenden Druckern durch Extrablätter verbreitet, die besonders in der Hauptstadt gern gekauft wurden. Der deutsch-französische Krieg mit seinen in schneller Folge sich überstürzenden Neuigkeiten, sowie das zu jener Zeit überall in der Welt reger pulsirende Verkehrsleben dürfte den Anlaß gegeben haben, statt der unregelmäßigen Extrablätter dem Volke regelmäßig erscheinende Zeitungen darzubieten, denn es entstanden 1871 in Tokio ein Wochenblatt und bald darauf sogar zwei Tagesblätter, die Mainischi Schimbun und die Nischi Nischi Schimbun. Der Inhalt beschränkte sich indessen lediglich auf die trockene Wiedergabe von Ereignissen, da man jede der Regierung nicht wohlgesinnte Meinungsäußerung bestraft zu sehen gewohnt war. Auf die Europäer wurde indessen diese Behandlung nicht ausgedehnt und deßhalb wagte es 1872 ein Engländer, I. E. Black in Jokohama, ein tägliches Blatt großen Stils, die Nischtn Schinjischi, herauszugeben, das in unerschrockener Sprache die öffentlichen Mißstände rügte. Die Folge war, daß nicht nur die Mißstände abgestellt wurden, sondern daß man auch der Presse größere Freiheit gewährte, indem man ihren Nutzen schätzen lernte. Hieraus schöpften denn auch einheimische Unternehmer Muth, und es entstanden binnen zwei Jahren in rascher Folge nicht weniger als 50 Zeitungen. Seitdem ist deren Anzahl ganz bedeutend gewachsen, denn 1893 wurden nicht weniger als 767 Blätter gezählt. Die Zahl der durch die japanifchePost beförderten ZeitungsNummern betrug 1887 18,248,305 Stück, 1891 schon 49,081,972 Stück, was einer Steigerung von fast 90 vom Hundert für das Jahr gleichkommt. Die Erscheinungsweise der Blätter ist die bei uns übliche: während die hauptstädtischen Zeitungen täglich außer Festtags erscheinen, beschränken sich die Lokalblätter in kleineren Orten auf ein- bis dreimaliges Erscheinen in der Woche. DaS bisher in Japan fast unbelastete Buchdruckgewerbe sieht übrigens einer umfangreichen Besteuerung entgegen, denn nach einem in der Zweiten Kammer eingebrachten Gesetzentwurf über die Besteuerung von Gewerbebetrieben ist für die Druckereien vom 1. Januar 1897 ab folgende jährliche Belastung vorgesehen: 1. ^gggg des Anlage- Kapitals; 2.4/zgg des jährlichen Miethspreises oder Mieths- werthes; 3. 1 Jen (—4 M.) jährlich für jeden Betriebs- Beamten, und 4. 30 Sen (— 1 M. 20 Pf.) für jeden beschäftigten Arbeiter. Um neue Betriebe nicht zu belasten, ist vorgesehen, daß diese Besteuerung erst vom vierten Betriebsjahre ab in Kraft treten soll. * Höchste Seltenheit. Erklärer fim Raritäten- Cabinetj: „Hier sehen Sie, meine Herrschaften, zwei Steine aus Transvaal." — Herr: „Was ist denn daran so Merkwürdiges?" — Erklärer: „Na, Sie wissen doch, daß dort die ganze Erde voller Gold steckt." — Herr: „Ach so, das sind goldhaltige Steine." — Erklärer: „Im Gegentheil, es sind die einzigen beiden Steine aus Transvaal, in denen nicht eine Spur von Gold vorhanden istl" --SS88-S— Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. --KZAIK-- MM