« 62 , „Augsburger PostMung". Dinstag, den 28. Juli 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbefitzer vr. Max Huttler). Irauenyerz und Irauenrvatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung und Schluß.) Dr. Günther hatte keine Erwiderung, verschrieb jedoch einige Rezepte, die er durch den kürzlich angenommenen Hausdiener besorgen ließ. Dann nahm er neben seiner Mutter Platz, erzählte ihr von Marie und den Kindern, welche er so wohl und glücklich wie immer angetroffen, und sie meinte einen wärmeren Klang als sonst in seinem Tone zu entdecken und konnte daher nicht unterlassen, ihn verschiedentlich forschend anzusehen. Auf seine Uhr blickend, gewahrte er, daß die neunte Stunde nahe war und er in eine ärztliche Versammlung gehen mußte, zu welcher er seine Anwesenheit zugesagt, was auch seine Mutter wußte. Er nahm nun einstweilen Abschied von ihr und bat sie, Christine, ihre langjährige Dienerin, an ihrer Seite bleiben zu lassen, und begab sich zu seinen Kollegen. Als er das Zimmer verlassen, blickte seine Mutter ihm gedankenvoll nach und sagte leise: „Sollte — sollte mein heißester Wunsch dennoch in Erfüllung gehen? — Aus seiner Bewunderung und hohen Achtung vor Marie ein wärmeres Gefühl für dieß edle Wesen entstanden sein? — Er erkennt in ihr die treueste Mutter seiner Kinder, die liebevollste, fürsor- gendste Tochter seiner Mutter, warum sollte er da in ihr nicht auch ein geliebtes Weib erkennen können, das nochmals ihn glücklich macht und sein jetzt so mühevolles, thätiges Leben verschönt? — Aber Marie?" unterbrach sich dann Frau Günther. „Würde sie ein solches Gefühl erwidern können oder wollen? — Albrecht's Persönlichkeit muß jedem weiblichen Auge gefallen", setzte sie dann mit einiger Genugthuung hinzu, „und sein Wesen und seine Stellung auch Marie Feldheim genügen können. Vielleicht auch —" hier war sie in ihrem Gedankengang durch den zurückkehrenden Hausdiener unterbrochen, welcher ihr Medicin brachte und von ihr den Auftrag erhielt, Christine zu schicken. Erst nach mehreren Stunden verließ Dr. Günther die Versammlung, welche sein ungetheiltes Interesse in Anspruch genommen und in der er das gefeierte Mitglied gewesen. Auf dem Rückwege theilweise von einigen Kollegen begleitet, fiel, sobald er allein durch die nächtlichen Straßen dahinging, der Gedanke an seine Mutter ihm schwer auf die Seele, und mit schnellen Schritten eilte er zu ihr zu kommen. Er fand sie in ihrem Schlafzimmer, ihr Zustand hatte sich nicht verändert, doch konnte auch die Medicin kaum gewirkt haben. Sie erkundigte sich nach der Versammlung, und er erzählte ihr von dieser, bei der auch einige fremde Aerzte gegenwärtig gewesen, die er am folgenden Tage im Krankenhause empfangen müsse. Seine nochmaligen, dringenden Vorstellungen, mehr Hülfe für dies Haushaltung zu nehmen, lehnte sie wiederum entschieden ab, und zwar mit der abermaligen Versicherung, in den nächsten Tagen hergestellt zu sein. Da es bereits spät geworden, wünschte er ihr eine gute Nacht, worauf sie ihn liebevoll und zugleich forschend anblickte und sagte: „Begieb auch Du Dich zur Ruhe, mein Sohn, deren nach allen Anstrengungen dieses Tages Du gewiß bedarfst —" Dr. Günther versprach seiner Mutter dieß zu thun, verließ sie, nachdem er der im Nebengemach weilenden Dienerin anempfohlen, ihn erforderlichen Falls zu wecken, und begab sich in sein Zimmer. Hier hielt er jedoch sein Versprechen nicht, sondern begann in demselben auf und ab zu wandern. Die Erkrankung seiner Mutter hatte die Sorge um sie in ihm wachgerufen, die er, so lange sie ruhig und rüstig gewesen, nicht gekannt, sie mußte Ruhe und Pflege haben, wie aber ihr die verschaffen, wenn sie jeder fremden Hülfe in der durch seine neue Stellung bedeutend schwieriger gewordenen Haushaltung zurückwies? — Rathlos und niedergeschlagen ging er hin und her, hielt endlich vor dem Bilde seiner verstorbenen Frau inne und sagte, es eine Weile betrachtend: „Wärest Du mir geblieben, Hedwig, ich hätte so schwere Sorgen nicht kennen gelernt, die mir um so drückender sind, da mein Beruf mich nach allen Seiten hin so ganz in Anspruch nimmt!" Wieder begann er seine Wanderung; aufgeregt wie er war, ward ihm das Herz immer schwerer, und er, der sonst so starke Mann, hatte das Gefühl als könne noch einmal ein schweres Unglück über ihn hereinbrechen. Da trat, erst in schwachen Umrissen, dann aber deutlicher, ein Bild vor seine Seele, das Bild einer edlen Frauengestalt, die während aller Jahre, wo er sie gekannt, mit ruhigem, klarem, kräftigem Geist, dennoch voll Milde und Güte gewaltet, und wohin sie sich gewandt, Friede und Wohlsein um sich her verbreitet. Seine ruhiger werdenden Gedanken verweilten bei diesem Bilde, 470 bei ihr, die er als die beste Tochter eines kranken Vaters kennen gelernt, dann wieder als die treueste Freundin, als den helfenden, tröstenden Engel bei seinem Familien- unglück gesehen, die jetzt die zärtlichste, fürsorglichste Mutter seiner Kinder geworden, welche, geleitet vom scharfen Blick, vom richtigen Gefühl der Kinder, sie mit derselben Innigkeit liebten, wie sie ihre leibliche Mutter geliebt. Und sollte sie, die so ganz die Begabung hatte den eigentlichen Beruf des Weibes zu erfüllen, nicht auch als liebende Gattin glücklich machen und glücklich werden können und wollen? — Dr. Günther's Züge nahmen nach und nach einen ruhigeren Ausdruck an, er trat nochmals vor das Bild seiner verstorbenen Frau, stand lange vor diesem, als halte er Zwiesprache mit der Verewigten, und als er sich endlich zur Ruhe begab, hatte er einen Entschluß gefaßt, den er so bald als möglich auszuführen gedachte. — XIX. Dr. Günther hatte schwere Morgenarbeit im Krankenhause gehabt, dann die Operation des Arbeiters, die er als eine gelungene betrachten konnte, und darauf die fremden Aerzte empfangen, welche sich die rühmlich bekannte Anstalt anzusehen wünschten. Als auch dieß geschehen, nahmen Alle ein am vorigen Abend verabredetes Mittagessen ein, er begleitete die Gäste nach dem Bahnhof und begab sich — es war bereits spät am Nachmittag des winterlichen Februartages — nach seiner Wohnung. Während des ganzen Tages hatte er seine Mutter nicht gesehen, auch nichts von ihr erfahren, was indeß im ein gutes Zeichen war, denn er hatte am Morgen ihm Hause die Anordnung zurückgelassen, ihn im Fall einer Verschlimmerung zu benachrichtigen, die er jedoch kaum befürchtete, da er sie durch den Schlaf gekräftigt gefunden. Bald hatte er das Haus und das Zimmer seiner Mutter erreicht. Sie lag wie am Tage zuvor sorglich in Kissen und Decken gehüllt auf dem Sopha, und als er nach gegenseitiger Begrüßung sich nach ihrem Befinden erkundigte, hatte sich dieß zu seiner Freude nicht verschlimmert, da sie auch durch den mehrstündigen Besuch ihrer Tochter einige Zerstreuung gehabt. An ihrer Seite Platz nehmend, fragte sie voll reger Theilnahme nach seinem Tagewerk. So weit er vermochte, entwarf er ihr ein Bild davon, dem sie voll Interesse lauschte und dabei im Stillen seine große Arbeitskraft bewunderte, erzählte ihr von einer neuen Consultation, die er für den nächsten Morgen angenommen, und ward nach einer Weile abgerufen. In seinem Arbeitszimmer fand er eine Frau mit ihrer kleinen Tochter. Das Kiud war gefallen und hatte sich eine Kopfwunde zugezogen, die er verband und der Mutter auftrug, ihn. falls es erforderlich sein sollte, am nächsten Morgen im Krankenhause aufzusuchen. Nachdem die Frau mit dem Kinde gegangen, hatte er einige Briefe zu erledigen, die er dem Hausdiener zur Besorgung übergab. Als er dann wieder bei seiner Mutter eintrat, sah sie, daß er zum Ausgehen gerüstet war und seine Züge einen ruhig entschlossenen, ungewöhnlich ernsten Ausdruck hatten. Ihn einige Augenblicke voll mütterlichen Stolzes betrachtend, sagte sie mit einem leisen Seufzer, denn sie hätte nach allen Anstrengungen des Tages ihn an dem kalten Winterabend gern daheim gewußt: „Du wirst wohl erst spät wiederkommen, mein Sohn?" „Nein, Mutter, das glaube ich nicht", erwiderte er mit unverändertem Ernst, „und wenn Du Dich darnach befindest, so erwarte mich hier!" „Willst Du auch zu Reichardt's gehen?" fuhr sie fort. „Ich kann es Dir nicht versprechen, Mutter", antwortete er. „Geschieht es nicht, so will sie morgen besuchen — hast Du sonst noch irgend einen Auftrag für mich?" „Ich hätte wohl einen, doch Du wirst ihn diesen Abend nicht mehr ausführen können, und es hat auch Zeit bis morgen damit", entgegnete Frau Günther. „Ich möchte Fräulein Feldheim und die Kinder gern sehen, die schon seit mehreren Tagen nicht hier gewesen sind!" „Wir haben schlechtes Wetter gehabt, Mutter", erwiderte ausweichend ihr Sohn. „Doch nun einstweilen, auf Wiedersehen, möglicherweise bin ich schon in einer Stunde wieder hier", und einen freundlicher Gruß erzwingend, verließ er sie, während ihm nachdenklich nachblickend sie leise sagte: „Er ist seit gestern mir vollkommen unverständlich, und gewiß beschäftigt ihn irgend eine wichtige Sache, die mit seinem Beruf nicht in Verbindung steht! — Möge, wenn er selbst es wünscht, sie ihm gelingen und ihm wie uns Allen Glück und Freude bringen!" Dr. Günther schritt auf dem ihm wohlbekannten Wege dahin, achtlos des prächtigen Winterabends, an dem der am Tage reichlich gefallene Schnee unter seinen Füßen knisterte, des Mondes, der klar und hell mit den funkelnden Sternen am tiefblauen Abendhimmel glänzte, wie auch des scharfen Ostwindes, der ihn umwehte. Seine Gedanken waren gänzlich von seinem Vorhaben in Anspruch genommen, und in kurzer Zeit hatte er sein Ziel erreicht. Die Gartenpforte öffnend und schließend, schritt er weiter, schellte bald an der Hausthüre, und diese ward ihm durch den ihn einigermaßen erstaunt anblickenden Johann, denn die achte Stunde war nicht fern, geöffnet. Auf seine Frage, ob Fräulein Feldheim zu Hause und allein sei, antwortete dieser bejahend, und nach scharfem Klopfen, der Antwort einer hellen, klangvollen Stimme trat er bei der ihn ebenfalls einigermaßen erstaunt anblickenden Marie ein, welche mit Lesen beschäftigt gewesen. Nach gegenseitiger Begrüßung sagte er mit sichtlicher, ungewohnter Erregung: „Verzeihen Sie, Fräulein Feldheim, diesen späten Besuch, ich komme indeß in einer besonderen Veranlassung !" „Es hat sich doch bei Ihnen nichts Außergewöhnliches zugetragen, Herr Doktor?" fragte sie schnell und besorgt. „Beruhigen Sie sich, Fräulein Feldheim", antwortete er ernst. „Meine Mutter ist allerdings etwas leidend, doch wird sich ihr Zustand bald bessern!" „Es thut mir leid, dieß nicht gewußt zu haben, ich hätte sie sonst diesen Nachmittag besucht, das heißt des scharfen Ostwindes wegen aber allein." „Sie sehnt sich nach Ihnen und den Kindern", entgegnete Dr. Günther, sie gewiß unbewußt mit einem wärmeren Blick ansehend. „Wir müssen morgen zu ihr gehen oder fahren." „Ja, morgen, Fräulein Feldheim, oder Sie gehen auch nicht — vielleicht nie wieder - —" Marie blickte ihn befremdet an, aber jeder Bemerkung zuvorkommend, fuhr er schnell fort: 471 „Fräulein Feldheim, Sie werden mich sogleich verstehen, und ich bitte Sie dringend mir ein kurzes Gehör zu gewähren, denn nur deshalb bin ich noch zu so später Stunde gekommen I" „Herr Doktor, Sie setzen mich immer mehr in Erstaunen und ängstigen mich ebenfalls", erwiderte Marie mit einiger Erregung. „Sagen Sie was ich erfahren soll und muß, es darf, wie Sie wissen, auch das Schlimmste sein, ohne mich außer Fassung zu bringen." „Nun wohl, Fräulein Feldheim, so will ich sprechen, und ich ersuche Sie, mich ruhig anzuhören", antwortete Dr. Günther nach momentaner Pause. „Ein Mann, der seit Jahren Sie als die edelste, aufopferndste Ihres Geschlechtes kennen gelernt, dessen Dankbarkeit Ihnen gegenüber nie enden kann, dieser Mann, der sich wieder nach einem häuslichen Glück sehnt, welches er seinem ganzen Umfange nach gekannt und ein furchtbares Geschick ihm entrissen, fragt an, ob Sie ihm dieß Glück gewähren können und wollen, ihm ein theures, geliebtes Weib, die Genossin seines Lebens sein und damit die Mutter seiner Kinder werden, deren Liebe Sie schon im vollstem Maße besitzen?" In Mariens Herz wallte es heiß auf; ihr war die Liebe dessen geworden, dem so lange still verborgen die ihrige schon gehört, dennoch aber unterdrückte sie gewaltsam das beseligende Gefühl und sagte langsam und mit abgewandtem Gesicht: „Und Hedwig?" „Hedwig", erwiderte er mit tiefer, bewegter Stimme, „deren Liebe den jungen Mann so unendlich beglückt, deren seliger Geist in den lichten Höhen, in denen er jetzt wandelt, klar und ungetrübt sieht, Hedwig wird sich unserer Liebe freuen und unsern Bund segnen, der auch ihren Kindern eine treue, liebevolle Mutter giebt. Welche Antwort habe ich nach dieser Erklärung von Ihnen zu erwarten?" Marie richtete ihre tiefblauen, ausdrucksvollen Augen auf die seinen, und es strahlte ihm ein kleiner Theil ihrer Liebe entgegen. Zugleich reichte sie ihm ihre Hand, und diese fest mit der seinen umfassend, drückte er sie wiederholt an seine Lippen, schloß seine Braut an seine Brust, und Beide standen einige Augenblicke in tiefer Bewegung da. Das Schweigen unterbrechend, sagte er mit unsicherer Stimme: „Marie, mein stetes Streben wird sein, Dir als mein Weib mit reicher Liebe zu vergelten zu suchen, was in Deiner Hochherzigkeit und Deinem Edelsinn Du für mich und die Meinen gethan und, wie ich Dich kenne, immer thun wirst I" Einen Augenblick kämpfte Marie mit einem Entschluß, dann war er gefaßt und sie erwiderte: „Albrecht, Du und die Deinen, Ihr habt das meiner Hochherzigkeit und meinem Edelsinn zugeschrieben, was einen ganz andern Beweggrund hatte, den Du erfahren sollst und mußt, und damit ein Geheimniß meines Lebens, das indeß nur für Dich als meinen künftigen Gatten und für mich ist und, wenn diese Stunde nicht gekommen, mit mir begraben worden wäre. Du wirst es bewahren —" „Ein Geheimniß Deines Lebens ist jetzt auch das meinige, Marie, ich nehme es ohne Bedenken auf mich und gelobe Dir, es heilig zu halten!" antwortete Dr. Günther. „Habe Dank, Albrecht", entgegnete seine Braut und lehnte sich fester an die hohe stattliche Gestalt, die der Schutz und Schirm ihres künftigen Lebens werden sollte. Dann sich mit ihm im Sopha niederlassend, fuhr sie fort: „Was Du auch hören wirst, Albrecht, unterbrich mich nicht, damit ich meine Mittheilungen schnell beenden kann l — Als vor Jahren ich mit meinem Vater in Halle war und er von einem Assistenzarzt des Professors S. behandelt ward, welcher ihm außerdem viele freundliche Aufmerksamkeiten erwies, lernte mein Herz diesen jungen Arzt lieben" — hier fühlte Marie die Gestalt ihres Verlobten erbeben und die Hand zucken, welche die ihrige umfaßt hielt — „in der thörichten Hoffnung, daß auch sein Herz sich mir weihen könne. Ich verwahrte die Blumen und Sträußchen, die er gelegentlich meinem Vater brachte, trocknete sie und nahm sie mit als wir nach Wochen abreisten. Nach anderthalb Jahren berief auf die Empfehlung des Professors mein kranker Vater diesen Arzt, der mittlerweile hier in seiner Vaterstadt ansässig geworden, zu sich, und schon seine ersten Worte ließen wich erkennen, daß er sich unserer von Halle her nicht mehr erinnerte, meine Liebe also, die noch in meinem Herzen lebte, keine Erwiderung gefunden. Als an dem Abend seines ersten Besuches ich mich in mein Zimmer begeben, nahm ich die getrockneten Blumen und Sträuße aus dem Schreibtisch hervor, in welchem ich sie noch immer verwahrt, legte sie auf die glimmende Kohlen- gluth, daß sie hoch aufloderte, und gab damit meine Liebe auf, in der Ueberzeugung, daß Eine, die schöner und jünger als ich war, das Herz des Arztes gewonnen!" Dr. Günther unterbrach seine Braut nicht, umfaßte sie aber fester und drückte ihre Hand voll inniger Zärtlichkeit. „Schon nach einigen Monaten starb mein Vater, und sein Arzt und ich, wir standen an seinem Todten- bette. Bald nach seiner Beerdigung erhielt ich die Verlobungsanzeige dieses Arztes, und mein höchster Wunsch war, seine Braut zu sehen. Ich erfuhr, wie und wo das Brautpaar sich kennen gelernt, und wußte nun, daß, als er in Halle meinen Vater behandelt, sein Herz bereits nicht mehr ihm gehört. Er stellte mir seine Braut vor; sie war jung, reizend und glückstrahlend, während aus seinen Augen die innigste Liebe zu ihr leuchtete. Als sie gegangen, war ich in nie gekannter Aufregung, ich wollte sie hassen, weil sie sein Herz gewonnen, während das meine vergeblich für ihn geschlagen, und wollte Beide nie wieder sehen. Diese schwand, mir kamen bessere Gedanken, und als ich darauf die Mutter und Schwester des Arztes kennen lernte, da war jeder Haß verschwunden, und ich wünschte ihm und seiner Braut das Glück, dessen sie selbst theilhaftig zu werden hofften. Nach einiger Zeit ging ich auf Reisen, erfuhr im Herbst in Baden, daß die Hochzeit des jungen Paares stattgefunden, und in meinem Herzen wallte noch einmal der alte Schmerz auf. Ich brachte ihn jedoch zum Schweigen, wünschte dem Ehepaar Glück, gelobte mir dieß Glück nach Kräften zu befördern, und ich — ich — —" Von ihrer Bewegung überwältigt, hielt Marie inne, ebenso bewegt drückte Dr. Günther einen innigen Kuß auf ihre Lippen — auf ihre Stirn und sagte leise: „Und wie hast Du Wort gehalten, Marie, edles, hochherziges Wesen, das Du dennoch bist, und niemals, niemals im Leben kann ich Dir Deine Liebe genügsam vergelten. Ich gelobe Dir nochmals, Dich so glücklich zu machen, wie es nur in meinen Kräften steht —" 472 „Bin ich jetzt nicht schon glücklich genug, Albrecht?" unterbrach Marie, ihn durch Thränen ansehend. „Mit Deiner Liebe giebst Du mir so viel — die Kinder, die nun mein Eigen sind, Deine liebe, theure Mutter — doch sagtest Du nicht, sie sei krank?" und schnell richtete sie sich an seiner Brust auf. „Meine Mittheilung wird sie gesund machen, Theure", erwiderte Dr. Günther mit freudiger Bewegung. „Und da sie mir versprochen, mich erwarten zu wollen, muß sie dieselbe auch so bald wie möglich erfahren!" Frau Günther hatte schon lange auf ihren Sohn gewartet, der, endlich heimkehrend, schnell das Wohnzimmer betrat, in welchem sie noch auf dem Sopha ruhte. Ihn anblickend, gewahrte sie eine große Veränderung in seinen Gestchtszügen, und nach gegenseitiger Begrüßung sagte er mit sichtlicher Bewegung: „Mutter, ich bringe Dir eine gute Nachricht —" „Was könnte das sein, mein Sohn?" fragte Frau Günther, sich höher aufrichtend. „Ich habe mich verlobt —" „Verlobt — Du? — Und mit wem?" „Mit Marie Feldheim, Mutter —" „Mit Marie Feldheim?" wiederholte langsam Frau Günther, und von einem lichten Glanz umgeben stand vor ihrem geistigen Auge das schöne Zukunftsbild als noch schönere Wirklichkeit. „Albrecht, dadurch ist mein innigster Wunsch erfüllt, und Gottes bester Segen mit Dir und Deiner Braut!" Sie reichte ihm ihre Hand, auf die er mit seinem Dank seine Lippen drückte, und sie fuhr fort: „Wann werde ich sie sehen, um sie als meine Tochter zu begrüßen?" „Morgen Nachmittag, wenn Du Dich wohl genug fühlst. Ich werde bei Marie und den Kindern essen, die von mir erfahren müssen, daß ich ihnen eine Mutter wiedergebe, und darnach kommen wir hierher. Gleich morgen früh will ich zu Reichardt's gehen, sie von meiner Verlobung in Kenntniß setzen und sie bitten hierher zu kommen. Falls Du mit diesen Anordnungen, die Marie getroffen, nicht einverstanden bist — — —" „Laß Alles, wie sie es bestimmt, Albrecht", rief eifrig Frau Günther, deren Krankheit plötzlich gehoben zu sein schien, „ich füge mich ihrem Schalten und Walten gern, hat sie doch stets das Richtige und Beste getroffen und gethan! — Doch nun erzähle mir, wie Alles gekommen. Denn die Aufregung würde uns doch nicht schlafen lassen!" — — Am folgenden Nachmittag ruhte Frau Günther, nur von einem Kissen unterstützt und in eine weiche Sammetdecke — Mariens letztes Weihnachtsgeschenk — gehüllt, auf dem Sopha. Ihr zur Seite saß Herr Reichardt, während Bertha geschäftig hin und her ging. Auf allen Gesichtern lag Freude und Erwartung, und bedeutungsvoll, nur ihnen verständlich, sahen sich zuweilen Mutter und Tochter an. Dann kam ein Wagen — er hielt.— Bertha und ihr Gatte gingen durch das Vorzimmer aus den Flur um das Brautpaar zu begrüßen, durch dasselbe aber eilten, kaum sie sehend, Hugo und Marga ins Wohnzimmer, hielten in ihren Händen einen verdeckten Korb und riefen ohne jeglichen Gruß: „Großmama — Großmama, Tante Marie wird schon bald Papa seine Frau und unsere Mama, Papa hat es uns diesen Mittag gesagt!" Frau Günther sah sie lächelnd an, und dieß gewahrend, sagte ihre kleine Enkelin: „Es ist gewiß wahr, Großmama-" „Ja, und wir bleiben Alle in Tante Marien's Hause, Papa auch und Du, Großmama, mit Christine und dem neuen Johann, denn der alte will sich mit Kathrine verheirathen", fügte fast außer Athem Hugo hinzu. Frau Günther lauschte mit glücklichem Lächeln und blickte zugleich erwartungsvoll nach der Thür, die wiederum geöffnet ward und durch die ihr Sohn und seine Braut, gefolgt von Reichardt's, erschienen. Erstere traten an ihre Seite, und mit bewegter Stimme begann Dr. Günther: „Mutter, hier bringe ich Dir Deine Tochter —." Frau Günther, welche sich vom Sopha erhoben, reichte ihnen ihre Hände entgegen und zog Beide an ihre Brust. Dann sprach sie ebenfalls tiefbewegt: „Marie, ich brauche Dich nicht erst als Tochter willkommen zu heißen, denn Du mußt es gefühlt haben, daß ich Dir stets die ganze Liebe einer Mutter entgegengebracht!" „Ja, Mutter", entgegnete mit thränenfeuchten Augen Marie, „und ich bin Dir in meinem Herzen dankbar dafür gewesen. Als Deine Tochter kann ich sie Dir vergelten und werde es gewiß nach Kräften thun!" Die Kinder hatten sich jetzt ihres Korbes erinnert, und ihn mit Aufbietung ihrer gemeinsamen Kräfte auf Frau Günther hinhaltend, sagten sie: „Das haben wir diesen Morgen mit Tante Marie eingepackt und Dir mitgebracht, Großmama. Du mußt Alles bald essen, damit Du schnell wieder gesund wirst und wir Dich im Wagen abholen können!" Frau Günther küßte lächelnd ihre Enkel und versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, diese aber hatten rechtzeitig die bewegte Stimmung unterbrochen, an deren Stelle eine ruhig heitere trat, und nochmals auf dem Sopha ruhend, blickte sie immer wieder auf ihren Sohn und Marie, in deren Augen und Zügen der Ausdruck stillen, großen Glückes lag. Ende. -» -z- 4- »- Die Parfumeriesabrikation in Grosse. *) Von Dr. Gustav Zacher-Hamburg. Die Kunst der Parfumbereitung ist uralt, und wie bei alten Fabrikationsmethoden überhaupt, z. B. auch der des Glases, vererben sich die Kenntnisse und Kunstgriffe des Handwerks fast unverändert von einem Geschlecht zum anderen. Selbst die großartigen Fortschritte der Chemie in unserem Zeitalter haben die Darstellung mancher Erzeugnisse, die fast tagtäglich dem menschlichen Gebrauche dienen müssen, gar nicht oder nur unwesentlich beeinflußt. Allerdings hat die chemische Synthese uns in den Stand gesetzt, aus dem Gebiete der Parfumbereitung manche Wohlgerüchc, deren Gewinnung und Conservirung auf längere Zeit bei der Verwendung der von der Natur gelieferten Rohmaterialien äußerst zeit- *) Wir entnehmen den oben stehenden interessanten Artikel der Zeitschrist „Prometheus", jener von Dr. Otto N. Witk in Charlottenburg herausgegebenen illustrirten Wochenschrift, welche sich mit bestem Erfolge bestrebt, weitere Kreise über alle Fort- schritte auf dem Gebiete der Industrie, des Gewerbes und der Wissenschaft aus dem Laufenden zu erhalten. W 474 raubend war und bei dem selteneren Vorkommen einzelner Parfumpflanzen oder -Träger auch sehr kostspielig sich stellte, in beliebiger Menge und verhältnißmäßig bedeutend billiger künstlich herzustellen; wenn man trotzdem zur Herstellung einer großen Anzahl und gerade der feinsten Parfums auch heute noch die Benützung der natür- lichen Quellen derselben, der Blumen, bevorzugt, so liegt das daran, daß wir noch lange nicht alle in der Natur vorkommenden Wohlgerüche künstlich auf chemischsynthetischem Wege darstellen können. Da das Thierreich und das Mineralreich nur verschwindend wenige aromatische Stoffe erzeugen, sehen wir uns bei der Parfumeriefabrikation hauptsächlich aus das Pflanzenreich angewiesen, das uns dafür aber auch eine fast unbegrenzte Leiter von Wohlgerüchen der verschiedensten Arten liefert. Aromatische Stoffe enthält fast jedes Gewächs, und ztvar oft in seinen verschiedenen Theilen wie Wurzel, Stengel, Blüthen, Blättern und Früchten wesentlich verschiedene. Doch spielen bei der Parfum- Fabrikation die Blüthen der Pflanzen die erste Rolle, und gerade bei der Gewinnung der Parfums aus den Blüthen oder, besser gesagt, den Blumenblättern hält man noch heute die seit Alters her bewährten Wege fast unverändert ein, wenn man natürlich auch, wo es angängig, die Hilfsmittel der modernen Chemie und Technik durchaus nicht verschmähte. Diese conservative widerlegende Vorurtheil mit, daß nur die unter einem milden, südlichen Himmel gedeihenden Blumen das zur Par'umbereituug passende und sie lohnende Aroma in vollem Maße besäßen, so daß man z. B. in Deutschland, das in der Reihe der Parfums verarbeitenden Länder Die Kunsthalle. Seite der heutigen Parfumfabrikation äußert sich ferner auch noch darin, daß sich der Kreis derjenigen Pflanzen, die man bei derselben verwendet und der ein ziemlich eng gezogener war, durch die Verwendung bisher nicht benutzter Gewächse nur unwesentlich erweitert hat. Dabei wirkte übrigens auch das wie alle anderen schwer zu Das Weinhaus. eine der ersten Stellen einnimmt, erst in den letzten Jahrzehnten ernstliche Versuche gemacht hat, auch den Duft unserer zahlreichen, gewürzhaft riechenden, einheimischen Blumen in das Bereich der Parfumfabrikation einzubeziehen. Diese Thatsache ist um so auffallender, wenn man bedenkt, daß z. B. der Duft unseres bescheidenen nordischen Veilchens anerkanntermaßen für bedeutend zarter und feiner gilt, als der seines prunkhaften südländischen Verwandten. , Allerdings wird man einwenden Q hören, daß unser Klima für Blumenculturen im Großen, wie sie an der Riviera betrieben werden, nicht geeignet sei. Dieses ist aber auch wieder nur ein ganz unbegründetes Vorurtheil, da es sich durchaus nicht einsehen läßt, warum bei uns seit jeher oder doch schon seit Jahrhunderten einheimische Pflanzen nicht ebenso gut im Großen wie im Kleinen cultivirt werden könnten, und die in der Umgebung Leipzig's vor mehreren Jahren von einer dortigen Firma unternommenen Versuche, Rosen behufs Gewinnung von Rosenöl im Großen zu ziehen, haben jenes Vorurtheil durch den dabei erzielten praktischen Erfolg glänzend widerlegt. Mißerfolge können derartige Versuche, die schon aus nationalökonomischen Gründen durchaus zu befürworten.^und zu unterstützen wären, jedenfalls nur dann haben, falls man Züchtungsversuche mit Pflanzen unternimmt , die unser Klima in seinen oft bedeutenden Schwankungen nicht vertragen, oder falls man glaubt, das im Süden erprobte und bewährte Anbauverfahren ganz unverändert auf unseren Himmelsstrich und aus 475 unsere Heimathspflanzen übertragen zu dürfen. Auch hier müssen Zeit und Erfahrung den Lehrmeister machen, was ohne Aufwand an Arbeit, Zeit und Geld natürlich nicht abgehen wird. Jedenfalls sind wir aber überzeugt, daß gewisse Parfums sich in unserem deutschen Vaterlande ebenso gut und auch in beliebiger Menge und nicht theurer werden herstellen lassen wie im Süden, in Italien und Frankreich, wodurch selbstverständlich unsere ganze Parfumfabrikation dem Auslande gegenüber wesentlich an Selbstständigkeit und Konkurrenzfähigkeit gewiunen würde, ganz abgesehen davon, daß die heute nach Italien, Frankreich, der Türkei u. s. w. wandernden Geldsummen den nationalen Wohlstand erhalten helfen und zum großen Theile unserer arbeitenden Bevölkerung zu Gute kommen würden. Ebenso unterliegt es keinem Zweifel, daß unsere Parfumfabriken genau ebenso gut die verschiedenen Parfumpomaden aus den von ihnen selbst cultivirten Blumen darstellen könnten wie die Fabriken an der Riviera und in Südfrankreich, und dabei hätten sie außerdem noch die Bürgschaft, wirklich unverfälschte, reine Waare zu erhalten, was gerade bei der aus dem Auslande bezogenen Handelswaare in Folge der schwierigen Controle durchaus nicht immer derFall ist. Um nun den Lesern eine genaue Vorstellung davon zu verschaffen, in welcher Weise die Gewinnung der aromatischen Stoffe in den Parfumerie- Fabriken Italiens und Frankreichs vor sich geht, wollen wir im Folgenden mit ihm einen Gang durch eine solche in dem französischen Orte Grasse antreten, auf dem er uns freundlichst begleiten mag. Das bei Cannes im Departement der Seealpen gelegene, sonst wohl kaum bekannte Städtchen Grasse liegt an der so überaus herrlichen Riviera, 3 Meilen vom Meere entfernt, am Südabhange eines Ausläufers der oben genannten Alpenkette. Historisch merkwürdig ist dieser Gebirgsausläufer durch die Revue, die Napoleon 1. hier nach seiner Rückkehr von Elba im Jahre 1815 aus dem Plateau desselben hielt. Zwei hochragende dunkle Pinien bezeichnen noch heute diesen denkwürdigen Platz. Durch diesen Bergzug wird der kalte Nordwind vollständig von dem Thale abgehalten, das in seiner Tiefe das von Olivenbäumen, Orangehaiuen und Blumenfeldern rings umgebene, etwa 14,000 Seelen zählende Städtchen Grasse birgt. Nur nach Süden öffnet sich die Gebirgs- einsenkung, und so hat hier die Natur selbst ein großartiges Treibhaus eingerichtet, und mit viel größerem Rechte als die blühende Touraine kann die Umgebung von Grasse auf den Namen eines „Gartens Frankreichs" Anspruch erheben. Besonders in dem durchsichtigen, leuchtenden Mondschein, wie er den Nächten des Südens fast ausschließlich eigen ist, scheint diese Landschaft mit ihren sanft im Seewinde ihr stolzes Haupt wiegenden Palmen, den Myriaden von Glühwürmchen, die' wie goldene Pünktchen die bunten Riesenteppiche der weit ausgedehnten Blumenfelder durchwirken, dem ferneher tönenden schmelzenden Gesänge der Nachtigall uns in ein fernes Feenland zu versetzen. So poetisch dieser Anblick jedes Gemüth stimmen mag, ebenso nüchtern und abstoßend muß der Besuch der Stadt selbst auf uns einwirken. Ganz Grasse scheint durch sein Aeußeres und ebenso durch sein Inneres, hier vielleicht in noch höherem Grade als dort, es geradezu darauf angelegt zu haben, uns aus jenen Träumen von einem Feenlande energisch herauszureißen, und unter den an und für sich schon nicht im Rufe der Sauberkeit stehenden südlichen Städtchen behauptet Grasse unbestritten > einen der wenig beneidenswerthen ersten Plätze. Das ganze Städtchen besteht nur aus einem Durcheinander von schmutzigen, übel riechenden Gäßchen, Höschen, Treppen und Durchgängen, wie selbst die verwegenste Phantasie es sich unheimlicher und abstoßender nicht ausmalen kann. Wären nicht die freundlichen, heiteren und zuvorkommenden Einwohner da, so könnte man fast auf die Vermuthung kommen, daß dieses Städtchen der liebe Herrgott in seinem Zorne geschaffen habe, und wenn man dann bedenkt, daß hier die später alle Welt mit ihrem entzückendenDuste erquickenden Wohlgerücheihren Ursprung nehmen, so kann man wohl mit vollster Ueberzeugung den Satz unterschreiben: Die Extreme berühren sich. Neben Grasse wird die Blumeucultur im Großen noch in den Umgebungen von Cannes, Nizza und Nimes getrieben, und wenn auch nur 7 Blumen hauptsächlich im Großen gezüchtet werden, so hat doch jede derselben, je nach der Bodenbeschaffeuheit der Umgebung dieser Städtchen, ihren besonderen Verbreitungsbezirk, wo dieselbe in untadelhafter Qualität und als Specialität gebaut wird. L-o erzeugt Grasse hauptsächliche Akazien-, Jasmin- und Orangenblüthen, Rosen und Tuberosen, Nizza Veilchen und Reseda, die besser auf etwas gebirgiger Höhe gedeihen, während der Anbau von Thymian, Rosmarin und anderen gewürzigen Kräutern sich auf die Umgebung von Nimes conceutrirt. Nebenbei sei noch bemerkt, daß Citronen-, Bergamotte- und Orangen-Oel aus Süditalien, Lavendel- und Pfefferminzöl aus England bezogen werden, während das kostbare Rosenöl, meistens aber schon verfälscht, der Orient und die europäische Türkei liefern. Auf die mit der Gewinnung von Rosenöl in Deutschland gemachten Versuche wurde schon oben hingewiesen. (Schluß folgt.) Das Armeemuseum. Die Bayerische Landesausstellung zu Nürnberg. Mit Illustrationen.) Die Sehenswürdigkeiten von Nürnberg sind in diesem Jahre um eine vorübergehende vermehrt worden, wir meinen die Bayerische Landes-Jndustrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung, die sich eines außerordentlich regen Besuches zu erfreuen hat und diesen in der That verdient. Mag uns der Leser auf einem kurzen Gang durch die Ausstellung folgen. Schon die Eingänge machen einen freundlichen Eindruck; die weißen Portale heben sich prächtig von dem dunkelgrünen Hintergrund ab, den der städtische Hauptpark bildet. Diesen Park durchschreiten wir zuerst auf schattigen, von hundertjährigen Kastanien- und Ltndenbäumen eingesäumten Wegen. Wir kommen auch am Rosengarten vorbei, der von mächtigen Bäumen und üppigem Strauchwerk umrahmt ist; er steht in voller Blüthe, unbeschreiblicher Duft entströmt den ungezählten Tausenden von Rosen, die in zartestem Weiß und CrSme, im duftigsten Rosa bis zum feurigsten und dunkelsten Noth schimmern. Hier und dort taucht zwischen den Bäumen eine anscheinend aus zierlichem Gitterwerk gebildete Kuppel vor unsern Augen auf. Schließlich gelangen wir in eine Statuenallee; wir befinden uns dem Jndustriegebäude gegenüber. Der erste Blick fällt über eine lustig sprudelnde Fontäne und sorgfältig gepflegte, geschmackvolle gärtnerische Anlagen hinweg auf oas monumentale Eingangsportal, das von einem luftigen Thurm und einer durchbrochenen Kuppel gekrönt wird. Hier ist eine reizende Farbenzusammenstellung bemerkbar. DaS Portal und der Thurm sind, wie alle andern Bauten, weiß gehalten, nur bet Ersterem kam etwas Gold für Inschriften, Wappen und Medaillons zur Verwendung; die Farbe des Gitterwerks der Kuppel ist golden und mattgrün. Ueberlebensgroße allegorische Gruppen, von hervorragenden Künstlern modellirt, zieren das Portal. Nachdem wir es durchschritten haben, gelangen wir in eine etwa 24 Mtr. breite und 150 Mtr. lange Wandelhalle, deren Inhalt aus einigen Obelisken, einer Fontäne, grünem Gesträuch, Blumen, Rasengärtchen und Bänken besteht. Links und rechts von diesem Wandelgang zweigen die Hallen ab, die den acht Kreisen des Königreichs zur Ausstellung der Producte ihrer Industrien und des Bodens eingeräumt sind. Die Haupteingänge zu den einzelnen Kreisabtheilungen sind künstlerisch ausgeführte Portale; bet verschiedenen derselben gelangte die Haupteigenart des zugehörigen Kreises symbolisch zur Darstellung. Die territoriale Eintheilung, an Stelle der gruppenweise«, hat ohne Zweifel einen verstärkten Wettbewerb zwischen den einzelnen Kreisen und eine reichere Beschickung der Ausstellung zur Folge gehabt, da der kleinere Gewerbetreibende nicht zu fürchten brauchte, von der Masse der größer« Concurrenten erdrückt zu werden. Die Fayade des Hauptgebäudes bilden, wie wir in der Abbildung sehen, Säulengalerien, die sich zu beiden Seiten des Portals hinziehen und an den Flügeln vorbiegen; gekuppelte Pylonen schließen sie ab. Die Fortsetzung des rechten Flügels führt uns zum Gebäude der staatlichen Anstalten, des Unterrichts und Verkehrs. Parallel zu diesem Bau liegt die Maschinenhalle. Die reichhaltigen Collectionen auf allen Industriegebieten legen ein glänzendes Zeugniß von der Leistungsfähigkeit und Kunstfertigkeit des Bayernlandes ab. (Schluß folgt.) --««Lies—- Allerlei. Neue Erfindung, v. Stumpfwitz: „Haben Sie schon von der neuesten elektrischen Erfindung gehört? Man kann jetzt telegraphiren ohne Leitungsdraht I" v. Pumpwitz: „Alte Geschichte I Immer, wenn ich keinen Draht habe, telegraphire ich an meinen Vater I" Zerstreut. Dienstmädchen: „Herr Professor, soeben ist ein Stammhalter angekommen." — Professor: „Schön! Man gebe dem Dien st mann ein gutes Trinkgeld!" --ss-sr-es-- Wie die Men jungen, so zwitschern die Jungen. „He, Werner!" rief des Schloßhcrrn Kind Mit reiner, frischer Mädchenstimme; „Sei wieder lieb, komm' her geschwind" — Wie lachte schelmisch da der Schlimme! Und von der Stirne blüthenweiß Strich Werner sich die Locken eilig; „Nicht beugt mich", sprach er, „sremd' Geheiß, Nur eig'nen Willen acht' ich heilig. Gehorsam ist des Weibes Pflicht, Dem freien Manne ziemt er nicht!" Schön Hildchen war mit Recht empört; „Ei!" rief sie, „solchen Trotz zu wagen! Nein, dieses Wort ist unerhört — Wer wollte da von Bildung sagen? Ist dies der Fortschritt uni'rer Zeit, Daß Männerstolz sich maßlos brüstet, DeS WeibeS Würde steck entweiht Und gegen Pflicht und Brauch sich rüstet? Verachtung sei hinfort Dein Lohn!"- Sie wandte sich und ging davon. Maximilian Dnrsch. -. 4 v -, ->- Schachaufgabe. Schwarz. ^ 8 0 v 8 ? U Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 60: Weiß. Schwarz. 1. K. 84—04 beliebig. 2. D. oder K. durch Abzugsschach Matt. --SWZS--