ri >> O «l 63. Areitag, den 31. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. - (Nachdruck verboten.! Erstes Buch. 1. Kapitel. Bräutigam und Braut. Zitternd spielte des Feuers Schein auf dem blauen, liliendmchzogenen Teppich, auf den weißen Möbeln, den goldverzierten Tapeten. Blausetdene Gardinen verhüllten die Fenster. Auf dem geöffneten Piano liegen Musikalien zerstreut, und vor demselben steht ein schönes, zürnendes Mädchen, Jnez Chateron. ES war am 29. August, ein Tag, dessen sich Miß Chateron lebenslang erinnerte. In den großen Sälen von Chateron Royals ist eS kalt; selbst wenn die Augustsonne glüht, so flackert auch letzt das Feuer lustig in dem Kamin. Mit gefalteten Brauen blickte die junge Dame vor sich hin, ein schlankes, dunkles Mädchen von etwa neunzehn Jahren, Sir Victor Chaterons verlobte Braut. Er war ein begünstigtes Glückskind, jung, schön, gesund, mit eine« jährlichen Einkommen von zwanzig- tausend Pfund. Jnez liebte den Bräutigam mit all der Gluth ihres südlichen Blutes. Bon der Mutter, einer Castilierin, hatte sie den spanischen Namen, die dunkle Schönheit, das heiße, überwallende Herz. In eine« Monat soll sie vermählt werden; und doch jetzt, wo die Nacht hereinbricht, der Wind in die Bäume heult und die Zweige der großen Ulme gespenstisch an die Scheiben pochen, steht sie da, voll zürnender Ungeduld. Als sie zehn Jahre zählte, folgte ihr englischer Vater der Mutter ins Grab. Jnez kam nach Chaterons Noyals und herrschte seitdem dort mit ihrem aufbrausenden Temperament. Sie kam nicht allein. Ihr einziger Bruder Juan, ein großer zwölfjähriger Junge mit blauschwarzem Haar, wild glitzernden Augen und diabolisch schönen Zügen, begleitete sie. Er blieb nicht lange. Zur Freude der ganzen Umgebung war er so plötzlich, wie er erschienen, auch verschwunden und seit Jahren nicht mehr gesehen. Passend und mit Vorliebe nennt sie ihr Bräutigam ^eine maurische Prinzessin". Wie sie so dasteht in dem schleppenden, rothseidenen Gewände, dem funkelnden Rubin- kreuze auf der Brust, scheint wildes Feuer von ihr auszustrahlen. DaS große Haus ist still wie das Grab. Draußen stürmt der Wind und schleudert schwere Tropfen gegen die Scheiben, innen macht sich nur das leise Knistern des Feuers hörbar. Es schlägt sieben Uhr. Jnez richtet sich auf. „Sieben Uhr", flüsterte sie, „und um sechs Uhr sollte er da sein. Wie, wenn er mir trotzte und nicht käme?" Sie tritt an's Fenster, zieht die Gardinen zurück und blickt hinaus. Aber sie steht nichts, als das Schwanken der sturmgepeitschten Bäume. „Ob er es wohl wagt, mich zu trotzen?" Ihr Auge fällt auf zwei große Bilder, das eine eine sanfte, liebliche Frau, das andere ein lächelnder, blonder, blauäugiger Jüngling, Sir Victor Chateron und seine Mutter. „An Deinem Sterbebett versprach er auf den Knieen, mich zu lieben", wendete sie sich leidenschaftlich an Lady Chaterons Portrait, „er hüte sich, jetzt das Gelübde zu brechen l" Wie drohend hebt sie die juwelengeschmückte Hand empor. Da ertönt das langersehnte Geräusch nahender Wagenräder. Des Schlosses Gebieter kommt. Jnez steht bleich wie eine Marmorstatue; sie liebt ihn, Monatelang hatte sie sich nach seinem Anblick, dem Klänge seiner Stimme gesehnt, und nun kam er, ihr Geschick zu bestimmen. Der feste wohlbekannte Schritt näherte sich. Ihr Auge glüht, ihr Mund öffnet sich halb — sie hat Alles vergessen, nur nicht ihre Liebe. Die Thür wird ungestüm aufgerissen, und lächelnd steht Victor Chateron vor ihr. „Guten Abend, Jnez", rief er, sie leicht umarmend, „wie geht es Dir? Ich freue mich, Dich wieder zu sehen und finde, daß Du prächtig aussiehst. Warum können wir nicht Alle maurische Prinzessinnen sein und uns in Purpur kleiden?" Nachlässig warf er sich in den Lehnstuhl am Kamine und beugte das blonde Haupt zurück. „Eine Stunde zu spät, nicht wahr? Tadle die Eisenbahn» nicht mich, und obendrein daS verteufelte Wetter." Das junge Mädchen zieht sich vor ihm zurück, ein harter Ausdruck lagert sich über ihre Züge. Sir Victors Benehmen sagt genug. Er blickt nicht sie an, sondern ins Feuer und spricht nervös aufgeregt. Das Antlitz trägt einen weibischen Ausdruck, selbst 478 der Schnürrbart kann den unschlüssigen Zug um den Mund nicht verbergen. Und während er schnell spricht und nachlässig mit der Uhrkette spielt, spiegelt sich in den blauen Augen etwas wie Furcht. Und dem Manne hatte das starke, dunkle Mädchen ihr Herz und Geschick anheimgegeben! „'S ist eine wahre Freude wieder zu Hause zu sein. Du glaubst nicht, welch' heimischen Eindruck das Zimmer bei meinem Eintritte auf mich machte, eS erinnert mich an vergangene Zeiten, an meine Mutter und die Cousine mit dem Zigeunergesichtchen." Jnez lehnte am KaminsimS und blickte ihn fest an. „Ich freue mich, daß Sir Victor Chateron sich vergangener Zeiten, seiner Mutter und seiner Zigeuner- Cousine erinnert", spricht sie endlich, »aus seinem Benehmen konnte das allerdings nicht geschlossen werden." „Das wird hübsch werden", dachte der junge Mann, „wenn Jnez so die Lippen schließt und solche Blicke entsendet, bedeutet es Krieg bis auf's Messer." „Du hättest am ersten Juli hier sein sollen", fährt ste fort, „nun ist der August zu Ende. Jeder Tag war für mich eine Beleidigung. Und selbst jetzt wärst Du nicht da, hätte ich Dir nicht in einer Weise geschrieben, die Du nicht zu mißachten wagtest. Du bist einfach gekommen, weil Du nicht den Muth hattest wegzubleiben." Noch fließt etwas von dem kühnen Sachsenblute in seinen Adern. Er schaute voll auf ste. „Nicht wagen? Du führst eine starke Sprache, Jnez, aber ich entschuldige ste mit einem erregbaren Temperament, daS von jeher zu Hyperbeln geneigt war. Ueber- dies ist Reden ein Privilegium der Damen." „Dem Manne geziemt freilich die That. Ich fange an zu glauben, Du seiest weniger als ein Mann. DaS Blut der Chateron hat manch' schlimmen Charakter erzeugt, jetzt hat eS AergereS hervorgebracht, einen Ver- räther, einen Feigling." Glühenden Blickes springt er auf, sinkt aber sofort Wieder zurück. „Meinst Du mich?" -Ja." „Wieder eine starke Sprache. Von wem erbtest Du wohl die zweischneidige Zunge? Sicher von Deiner spanischen Mutter, die Frauen unseres Geschlechtes waren nie so. Aber selbst Du könntest zu weit gehen, Jnez. Erkläre Dich, warum nennst Du mich einen Verräther NNd Feigling? Wir müssen uns gegenseitig verstehen." Er ist bleich, sein Auge funkelt unheilvoll. „Wir werden uns auch verstehen, bevor wir uns irennen, und Du sollst sehen, ob Du mit mir nach Belieben spielen darfst. Erinnerst Du Dich, was der 23. September sein soll?" „Mein Gedächtniß ist treu", entgegnete er kalt, „eS hätte unser Hochzeitstag sein sollen!" Bei diesen grausamen Worten weicht jede Spur von Farbe aus ihrem Gesichte, der Augen Gluth erlischt, Schrecken spricht aus ihnen. Sie liebt den Mann, den sie so bitter getadelt, und er sagt: „eS hätte sein sollen". „Himmel, Jnez, Du wirst doch nicht ohnmächtig? Was hab' ich gethan? Komm', setz' Dich!" Er hat sie in die Arme genommen. Einst hatte er die schwarzäugige Cousine geliebt und gefürchtet, jetzt, Po sein Zorn verraucht ist, fürchtet er sie wieder. „Hätte sein sollen", flüsterte sie, »Viktor, heißt dgs, haß es uie sein soll?" Er wendete sich von ihr — Scham, Gewissensbisse, Furcht im Gesicht. Sie hielt sich an dem Stuhl, als wäre er ihre letzte Hoffnung. „Nimm Dir Zeit, ich kann warten", hauchte sie, „ich habe so lang gewartet, was schaden ein paar Minuten? Ueberlege, bevor Du sprichst. Meine Zukunft, mein ganzes Leben hängt an Deinen Worten. Hast Du bedacht? „Hätte sein sollen", sagtest Du, heißt das, daß eS nie sein soll?" Keine Antwort. Mit abgewandtem Antlitz steht er wie der Schuldige vor seinem Richter. „Laß mich die Vergangenheit zurückrufen, während Du überlegst. Erinnerst Du Dich des Tages, wo ich und Juan aus Spanien kamen? Ich sehe Dich noch, ein kleiner, flachshaariger Junge im violetten Sammt. So hatte ich noch kein Kind gesehen. Wir wuchsen zusammen auf und waren glücklich, bis ich sechzehn und Du zwanzig Jahre zähltest. Nun kam unser erster Schmerz, Deiner Mutter Tod." Noch steht er schweigend, bedeckt aber das Gesicht mit der Hand. „Erinnerst Du Dich der Nacht, da sie starb? Wir knieten an ihrem Bett, draußen stürmte eS, wie heute. Dort empfingen wir ihren letzten Segen, vernahmen ihren letzten Wunsch. Weißt Du, Victor, welcher Wunsch das war?" Sie streckte ihm die Arme entgegen, er aber bewegte sich nicht. „Mit sterbender Hand gab sie unsere Hände zusammen, ihr brechender Blick richtete sich auf Dich. »Jnez ist mir. Dich ausgenommen, das Theuerste hienieden", sprach sie, „versprich mir, mein Sohn, ste zu lieben, zu schützen Dein Leben lang. Sie liebt Dich, wie keine Andere Dich je lieben wird, versprich mir, sie heut' über drei Jahre zu ehelichen." Und Du bedecktest ihre Hand mit Küssen und Thränen und versprachst. Wir trennten uns. Du begabst Dich nach Oxford, ich ging in ein Institut nach Paris. In der Scheidestunde betraten wir Hand in Hand ihr Zimmer, küßten das Kissen, auf dem sie sterbend geruht, und knieten wie damals an ihrem Bette. Du stecktest den Ring an meinen Finger und erneuertest daS Gelübde, daß über drei Jahre, am 23. September, ich Dein Weib werden sollte." Ste küßte den Ring. „Lieber Ring", fuhr sie weich fort, „Du warst in der langen Zeit mein einziger Trost. Bet all der Kälte und Vernachlässigung blickte ich auf Dich und wußte, daß er das der Lebenden und der Todten gegebene Wort nicht brechen würde. Voriges Jahr kam ich aus dem Institute zurück. Du bewillkommnetest mich nicht, bestimmtest den ersten Juni für Dein Kommen und brachst Dein Wort. Ermüden Dich all die Details? Ich muß sprechen. Den Gerüchten, die über Dich zu mir drangen, glaube ich nicht und erwähne sie nicht, Du magst schwach sein, aber Du bist ein Ehrenmann, und Du wirst Wort halten. — Warum veranlassest Du mich, Dir harte Redm zu halten? Victor, ich hasse mich selbst darob, und doch stachelt mich Deine Vernachlässigung auf'S Aeußerste." Wieder streckte sie flehend die Hände aus. „Sieh, ich liebe Dich, damit ist Alles gesagt; ich vergebe die Vergangenheit, nur komm' zu mir. Dein Verlust bräche mir daS Herz." Er aber bebte zurück vor der Berührung der weichen Hand. X 47S „Laß Mich gehen, Jnez, eS kann nicht sein. Du weißt nicht, was Du verlangst." Sie weicht zurück. „Kann nicht sein?" wiederholte sie. „Nie, nie! Ich bin, was Du mich genannt, ein Verräther und Feigling. Als Meineidiger stehe ich vor Gott, meiner Mutter und Dir. ES kann nicht sein, ich bin schon vermählt." DaS furchtbare Wort ist gesprochen, sie scheint es nicht zu fassen. Alles bleibt todtenstill, nichts als des Sturmes Wüthen, des Regens Prasseln, des Feuers Knistern macht sich hörbar. „Ich bitte Dtch nicht um Vergebung", fährt er nach einer Pause fort, „es ist Alles vorbei. Ich traf und liebte sie. Seit sechzehn Monaten ist sie mein Weib, und ich habe einen Sohn. Sieh mich nicht so an, Jnez, ich bin ein Schurke, aber —" Ueberwältigt von ihre« Anblick, bricht er zusammen. Wie lange die folgende Pause dauerte — er wußte eS nicht. Er sah, wie sie zum Bilde seiner Mutter sich wandte und die seltsamen Worte sprach: „Er schwur an Deinem Todtenbette, sieh, wie er seine Eide hält!" Ohne eine Silbe an Sir Victor zu richten, wendet sie sich zur Thüre. Auf der Schwelle blickt sie um. „Ein Weib und einen Sohn", sprach sie deutlich und langsam, „bringe sie heim, Victor, ich werde mich freuen, sie zu sehen." 2. Kapitel. Gattin und Erbe. In eine« eleganten Hause, nahe dem Russe! Square, erwartet eine junge Dame ungeduldig Sir ChateronS Rückkehr. Es ist ein sonniger Tag, aber selbst der Sonne lichte Strahlen vermögen in ihrem Antlitz keine Makel zu entdecken. Sie ist anmuthig mit dem goldenen Haar, den azurblauen Augen, dem feinen Gestchtchen. Die zierliche Gestalt mag wohl in zwanzig Jahren eine dicke, behäbige, englische Matrone sein, jetzt aber ist sie so tadellos wie ihr Anzug. Ein weißes, mit prächtigen Spitzen geschmücktes Kleid umgibt sie wie eine Wolke, den Hals ziert ein Perlenband, die Finger find juwelen- gepanzert, das lose Haar hält ein blaues Band zusammen. Wenn je ein Aristokrat Entschuldigung hatte für die Thorheit einer Mißheirath, war dies bei Sir Victor Chateron der Fall, eS war aber auch eine großartige Mißheirath. Vor sechzehn Monaten promentrte er am Strand, sein Auge fiel auf das blonde Antlitz im wallenden Haar, und sein Schicksal war auf ewig besiegelt, seinem Gedächtniß entschwand die dunkle Jnez auf immer. Der blendenden Grazie irdischer Name war Margaretha Dobb. DaS allein mochte den glühendsten aristokratischen Verehrer abkühlen, an Sir Victor ging eS spurlos vorüber. Der junge Mann war excentrisch, selbstsüchtig und unbeständig, Wunsch und Erfüllung waren bei ihm unzertrennlich. Von der Wiege an hatte die Mutter ihn verzogen, später verdarben ihn willfährige Diener und Jnez' grenzenlose Liebe. Wie im Trau« ließ er sich dem Mädchen vorstellen. Man sagte ihm, sie sei eines wohlbestallten Londoner Seifensieders einzige Tochter, er aber träumte fort. Ihres Vaters Werkstätte war in einem der häßlichen Stadttheile, sie aber batte so viel natürlichen Stolz und Selbstachtung, als flösse blaues Blut in ihren Adern. Acht Tage später warb er um sie — und ward angenommen. Wie sollte auch einer Seifensieders Tochter einen Baron abweisen? Dennoch schwindelte er vor Furcht, als sie ob seiner Worte erbleichte. Sollte nicht jedes Mädchen bei solcher Frage erröthen? Aber sie beseligte ihn mit ihre« Jawort, und die Freude der Scifenstederfamilie spottete jeder Beschreibung. Sie verbeugten sich buchstäblich vor ihm, der biedere Londoner Bürger und sein behäbiges Weib verehrten den Boden, den er betreten, mißachteten ihre Mitbürger und trugen die Nase höher denn je. In sechs Wochen war Miß Dobb Lady Chateron. Die Trauung war still und geheim, nur die Eltern der Braut und zwei Zeugen waren zugegen. Er liebte die Verlobte rasend, schämte sich aber doch ihrer Familie und fürchtete Jnez. Dem ehrbaren Seifensieder genügte, daß die Ehe rechtsgültig sei, seine Tochter eine vornehme Dame und er selbst der Großvater künftiger Barone. Die Braut sagte in ihrer Schüchternheit wenig, sie liebte den glänzenden aristokratischen Verlobten und war froh, noch nicht in den Glanz des neuen Lebens zu kommen. Er nahm sie mit in die Schweiz, nach Deutschland und Frankreich, vermied mit andern Reisenden in Berührung zu kommen, und eS folgten zehn Monate namenlosen Glückes. Der Gedanke an Jnez war der einzige bittere Tropfen in seinem Wonnebecher. Gefürchtet hatte er sie sein Leben lang, jetzt war sie ihm unheimlich. Sie kehrten zurück. In Nussel Square erwarteten sie häusliche Gemächer und sie führten ein behagliches Stillleben und empfingen außer dem Hauptmann Croll keine Besuche. Vier Monate später wurde ein Sohn geboren. Als Lady Chateron das Kind betrachtete, begann sie zu überlegen. Amme und Gatte sind Antagonisten, und da Erstere zur Zeit alles beherrschte, wurde Letzterer verbannt. Und Lady Chateron wurde unwillig, daß der Erbe von Chateron RoyalS in London das Licht der Welt erblicken, daß sie selbst wie eine Nonne in klösterlicher Zu- rückgezogenheit leben sollte. „Du hast keine Verwandten, als Deine Cousine-, sprach sie kühl, „bist Du Herr im Haus oder sie? Furchtest Du die Dame, die so lange Briefe schreibt, welche ich nicht lesen darf, wagst Du Deine Frau nicht in Dein HauS zu führen?« Er hatte etwas von der Geschichte seiner Verlobung mit seiner Cousine Jnez gesagt, nur nicht die nackte Wahrheit von seinem häßlichen Verrath. Des Seifensieders Tochter hatte mehr Seelenadel als der Baron. Wäre ihr die Wahrheit bekannt gewesen, sie hätte ihn gründlich verachtet. „Das Geheimniß währte lange genug«, sagte Lady Chateron entschlossen, „ich will wissen, ob Du Dich meiner schämst, oder sie fürchtest. Bringe mich heim und anerkenne Deinen Sohn.« „Du hast Recht", entgegnete Sir Victor kleinlaut, „und ich werde Euch nach Chateron RoyalS bringe», sobald Du reisen kannst." Drei Wochen später kam der Brief, der seine Rückkehr befahl. Die Stunde war gekommen. Entschlösse» reiste Sir Victor mit dem nächsten Zuge ab, um dem gefürchteten und gekränkten Weibe zu begegne». * * Des Nachmittags Sonne sinkt. Wenn Sir Victor heute zurückkehrt, muß er in wenigen Minute» kommen. 480 — Sie sah auf die Uhr. Ein Wagen fährt vor und bäld umfängt sie liebend des Gatten Arm. „Wie geht's, lieb Herz, noch immer bleich? Nun, die Luft von Cheshire soll Dich stärken. Wie befindet sich mein Sohn und Erbe?" Und mit väterlicher Liebe beugt er sich über die Wiege. „Endlich", flüsterte sie leicht erröthend, „wann reisen wir?" „Morgen, wenn Du willst. Je eher, desto besser." Er sagte es mit erzwungenem Lächeln. Ihre Stirn umwölkte sich. „War Deine Cousine sehr böse, sehr überrascht?" „Ich glaube Beides. Die Wahrheit zu gestehen, sah ich sie nur einmal, und das Zusammentreffen war so unerquicklich, daß ich am andern Tage wieder fortging. Willst Du morgen reisen, so schreibe ich einige Zeilen an Croll, um ihn in Kenntniß zu setzen." Er schob einen kleinen Schreibtisch vor, blieb ungeschickter Weise hängen, und der Tisch fiel krachend um. , ^ DaS Kind schrie auf, die junge Mutter flog zur Wiege, und er kauerte sich nieder, um all die Dinge aufzuheben, die auf dem Boden zerstreut lagen. 7 Plötzlich hält er etwas von sich wie eine Schlange. Anscheinend ein sehr harmloses Ding, die Photographie eines Mannes. Entsetzt starrt er das Bild an. „Guter Gott!" hört sie ihn stöhnen, blickt auf, erkennt das Bild von der Rückseite und beugt sich erbleichend nieder über das Kind. „Meta", begann Sir Victor ernst, „was bedeutet daS ?" „Still, Liebchen, still! Bitte, sprich nicht so laut, Victor, das Kind soll einschlafen." „Me kommt Juan ChateronS Photographie hieher?" Ihr Athem stockt, des Gatten Ton ist unheilvoll. Anfangs wagt sie nicht ihn anzusehen, bald aber naht sie sich ihm und blickt ihm über die Schulter. . - »Ist 3ua» ChateronS Bild noch hier? Ich glaubte eS längst verloren." Wie konnte ich auch so thöricht sein, eS zu behalten, denkt sie im Stillen. „Du kennst also Juan Chateron und sagtest mir nie etwas davon?" „Sei doch vernünftig, Victor, ich hätte viel zu thun, wollte ich Dich mit allen alten Bekannten auf dem Laufenden erhalten. Ja, ich kannte Juan Chateron obenhin, ist daS ein Verbrechen?" „Ja", sprach Sir Victor drohend, „ja, ich möchte keinen Hund, den Juan Chateron früher besessen. Ihn zu sehen ist Befleckung, ihn zu kennen Schande." „Schande?" „Ja,- Schande. ES ist das widrigste, gemeinste Subjekt, das je einen alten Namen besudelte. Ich befehle Dir, zu sagen, ob Dir der Mann etwas war?" „Und wenn, was dann? Habe ich feine Sünde zu verantworten?" fragte sie stolz. „Mehr oder minder haben wir alle unserer Freunde Schuld zu verantworten. Woher hast Du daS Bild? Was war er Dir? Liebtest Du ihn? Um'sHimmels- wtllen, Meta, nur das nicht!" „Und warum nicht? Ich sage nicht, daß dem so «Wesen, wenn aber ja, waS dann?" „Was dann? Dann könntest Du nie mehr auf Wirre Liebe rechnen!" „Sag' das nicht, Victor", rief sie abwehrend, „aber ich habe ihn ja auch nie geliebt, nie, nie!" Zitternd Är Furcht fließ sie die Worte heraus. So hatte sie den Gatten nie gesehen, so nicht sprechen gehört, obwohl er schon öfters Eifersucht verrathen. „Sprichst Du die Wahrheit?" „Gewiß. O, sieh mich nicht so an." „Wie kam das elende Bild hierher?" „Er gab es wir, ich kannte ihn kaum, wie wußte ich, daß er ein Schurke sein, daß es unrecht, sein Bild zu haben? Mir schien er gut; was that er?" „Frage lieber, was er nicht that. Jedes Gebot hat er mit Füßen getreten, jedes göttliche und menschliche Recht verachtet. Uns allen, selbst seiner Schwester ist er seit Jahren todt. Meta, kann ich glauben — ?" „Ich habe Dir's gesagt, glaube was Du willst." Sie wandte sich weg, sie wußte, daß Eifersucht und Zorn nur seiner Liebe zu ihr entspringen, daß es ihm peinlich ist, sie zu quälen, obgleich er es oft thut. Als sie über das Kind sich beugte, wich die Eifersucht einem Paroxismus der Liebe. „Vergib mir, Meta, ich wollte Dich nicht kränken, aber der Gedanke an den Mann — pfui! UebrigenS ist es Thorheit, auf Dich, «ein Täuschen, eifersüchtig zu sein. Komm' küsse mich und wirf die Schlange zum Fenster hinaus. Nur wollte ich, Du hättest es mir gesagt." Er zerriß das unselige Bild und warf es zum Fenster hinaus. Sie versöhnte» sich, aber die Gluth lohte fort unter der Asche und die Thorheit ihrer Vergangenheit fängt an, sich an der jungen Frau zu rächen.- 3. Kapitel. Ladh Chateron'S Einzug. Spät an einem Septembernachmittag brachte Sir Victor Gattin und Sohn nach Chateron NoyalS. Gattin und Sohn! Die Umgebung war verblüfft. Und er hatte Jnez Chateron hintergangen, hatte heimlich eine Seifensiederstochter geheirathet, und als er das Geheimniß nicht länger zu bewahren vermochte, brachte er Gattin und Sohn heim. Der Adel war niedergeschmettert. Hielten sie sich noch öesuchsfähig? Wohl kann der Reichthum den Adel gewissermaßen ersetzen, eine Grenzlinie aber gab es doch; des Seifensieders Tochter konnten sie nicht empfangen. Dennoch wurden alle Anstalten getroffen, und der Schwärm der Dienerschaft empfing die Ankommenden feierlich. Wenn das junge Ehepaar bleich und schweigend war, wer sollte sich wundern? Sir Victor hatte die Gesellschaft ignorirt, nun war die Gesellschaft an der Reihe. Lady Chateron fühlte zudem eine gewisse Scheu vor der Cousine ihres Mannes. Als des alten Schlosses hohe Tbürflügel sich dröhnend hinter ihr schloffen, empfand sie namenlose Angst. „Ich fürchte mich, Victor", flüsterte sie; Sir Victor lachte gezwungen. „Fürchten, wovor? Vor der weißen Dame, die zweimal des Jahres im großen Thurm spukt? Gleich allen andern Familien haben wir unser Gespenst, daS wir um nichts hergeben; doch davon ein ander Mal." Da waren sie; bleich schritt er durch die Halle, Meta klammerte sich ängstlich an ihn. Lächelnd begrüßte er die Dienerschaft, stellte MrK. Marsh und Mr. Hooper feiner Frau vor und fragte nach Miß Jnez. Sie fei ganz wohl und erwarte ihn im Salon, lautete die Antwort. 481 - ES war der größte Saal des HauseS; fie begaben sich dahin, die Amme folgte mit dem Kinde. Lady Cha- terons Schönheit und Sanftmuth hatten bereits der Dienerschaft Herzen gewonnen. „Sie wird eine gütige Herrin sein", dachte Mrs. Marsh, «wenn fie je Gebieterin wird im eigenen Hause." Der Salon war glänzend erleuchtet, und im volle» Lichtglanz empfing Jnez Chateron die Ankommenden. Sie sah bezaubernd aus in dem goldigen Seidenkleide, geschmückt mit funkelnden Brillanten. So sah Sir Victor fie wieder und hob wie geblendet die Hand zum Auge. Dann führte er seine Gemahlin vor. «Cousine, das ist meine Frau Meta." In den einfachen Worten lag ein gewisser Pathos. Znez verbeugte sich wie eine Fürstin. „Meta ist ein hübscher Name", lächelte sie, „und Deine Frau ist gleichfalls hübsch, ich gratulire Dir ob Deines Geschmackes, Victor." In der jungen Dame ganzem Wesen lag unerträglicher Hohn. Meta bot ihr die Hand, sie nahm nicht die geringste Notiz davon. „Ei, da ist das Kind, das muß ich sehen." Sie lüftete den Schleier und betrachtete den Säugling. «Der Erbe von Chateron Noyals ist ein netter dicker Junge; wem gleicht er? Dir nicht, Victor. Ist er vielleicht schon getauft? Zweifelsohne gibst Du ihm «ach alter Ahnensitte der Mutter Familiennamen. Deine Mutter war eine Marquise St. AlbanS und Du heißest Victor St. AlbanS Chateron. Laß den guten Brauch nicht abkommen und nenne das Kind Victor Dobb Chateron." Das Blut schoß dem Baron ins Gesicht, aber er schwieg. Zu seinem Staunen wandte sich Meta mit blitzenden Augen an die Cousine. «Und wenn er so hieße, was dann? ES ist ein ehrlicher Name, dessen sich Niemand zu schämen braucht. Meines Mannes Mutter mag die Tochter einer Marquis gewesen sein, ich bin die Tochter eines Handwerkers, und der Name, der mir genug war, wird eS auch für meinen Sohn sein. Ich muß erst lernen, daß im ehrlichen Handel Schmach liege." „Zweifelsohne, Sie werden gewiß noch Vieles zu kernen haben. Sage übrigens Deiner Frau, daß eS angezeigt wäre, ihre Stimme nicht so hoch zu erheben. Das arme Kind kann freilich nichts dafür, eS ist nur Folge ihres Standes, ihrer Erziehung. In einer Stunde läutet die Tischglocke, bis dahin gehabt Euch wohl." Das war Meta's Willkomm. Zwei Stunden später schritt ein junger Mann rasch die Allee entlang, die nach Chateron Royals führt. Es war finstere Nacht, er aber kehrte sich weder daran, noch an die ihn umgebende Oede und schritt pfeifend dahin. Düster zeichnete sich das Schloß am Horizont ab. «Vor vier Jahren", sprach er finster, „warfst Du Mich wie einen Hund vor die Thüre, edler Baron, schwurst mich ins Zuchthaus zu bringen, wenn ich je wiederkäme, und ich gelobte, Dir's bei Gelegenheit zu vergelten. Die Gelegenheit ist da, Dank der kleinen Meta, die jetzt Herrin ist. Sie ist hoch hinaufgekommen, des Seifensieders Tochter, will sehen, wie der stolze, eifersüchtige Mann mich aufnimmt." Er ließ den Thürklopfer erdröhnen; ein würdiger Greis in schwarzem Rock und seidenen Strümpfen öffnete. „Junker Jüan!" schrie er auf, als der Fremde aus dem Schatten trat. «Wie geht's, altes Haus?" lachte dieser und schüttelte derb des Hausmeisters Hand, „hast Du kein Wort des Willkommens, alter Schwede, Freund meiner Kindheit? Bist Du betäubt vom Anblicke des verlorenen Sohnes? Ist die Herrschaft oben im Speisesaal?" „Ja", stammelte der alte Hooper entsetzt, «Gut, ermüde Deine alten Beine nicht, ich kenne den Weg." Er eilte die Treppe hinan und betrat einen Augenblick später den Speisesaal, wo alle Anwesenden bei seinem Anblick erschrocken aufsprangen. Er nahm eine theatralische Stellung ein. „Scene: Speisesaal des berüchtigten Don Juan» tremulirende Musik, herabgeschraubte Lampen und herein tritt des tugendhaften Don Pedro Statue", lachte er. «Ihr erwartet mich wohl nicht? Nicht wahr, eine angenehme Ueberraschung? Baron, Ihr Diener. Bedaure zu stören, aber man sagte mir, meine Frau sei hier, und so kam ich natürlich. Wer hätte gedacht, daß ich Dich treffen würde als geehrten Gast? Küste mich doch, Meta, und sag', daß Du Dich freust, Deinen lieben Mann wieder zu haben." Er schritt auf sie zu, ehe Jemand Worte, fand und beugte sich zu ihr, als sie stöhnend das Haupt sinken ließ und bewußtlos zurückfiel. (Fortsetzung folgt.) -- Prokopins Divisch. Zu seinem 200jLhrigen Geburtstag (1. August 1696) VSNA.G. Ein Beitrag zur Geschichte des Blitzableiters. (Nach der Geschichte deö Blitzableiters von Dr. Hch. Meidlnger.j * Manche haben Prokop Divisch (auch Diwisch geschrieben) als den Erfinder des Blitzableiters bezeichnet, als denjenigen, der überhaupt den ersten Blitzableiter errichtet habe; dem aber ist nicht so, denn man darf Benjamin Franklin nicht vergessen. Divisch hat nach bestem Wissen neue Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht und praktisch verwendet; Dank hiefür hat er zu seiner Zeit schon blutwenig geerntet, und nahezu vergessen und verschollen wäre er, wenn nicht gerade besonders in unserem Jahrhundert sein Andenken aufgefrischt worden wäre. Er war Kanonikus in Brenditz in Mähren und lebte von 1696 bis 1765. Ein großer Kenner der Elektrizität, hatte er sich schon frühzeitig mit Experimenten beschäftigt und um das Jahr 1750 in Wien großes Aufsehen erregt mit seinen Kenntnissen auf dem Gebiete der Elektrizität, und damals schon hatte er die Wirkungen der Spitzen studirt. Der Tod NichmannS im Jahre 1753 gab ihm Gelegenheit zu einem Schreiben an die Präger Zeitung, in dem er auseinandersetzte, in welcher Weise der Versuch ohne Lebensgefahr für den Beobachter hätte angestellt werden sollen; auch kam er hiednrch auf den Gedanken, durch eine ganz eigenthümliche, von ihm als meteorologische oder Wettermaschine bezeichnete Vorrichtung die Gewitter zu zerstreuen und unschädlich zu machen. Er stellte die Maschine im Jahre 1754 in der Nähe seines Pfarrhauses auf einem Gerüst in der Höhe von 130 Fuß auf; dieselbe bestand aus einer eisernen Stange mit horizontalem Kreuz, von dessen Enden vierhundert Drahtspitzeu senkrecht in die Höhe ragten, die Eisentzange — 482 wär mit betn Boden durch drei Ketten verbunden. Leider hat der Erfinder über diese Maschine nichts veröffentlicht, fie stand sechs Jahre, als die Bauern sie zertrümmerten, weil sie im Aberglauben wähnten, dieselbe sei an der Trockenheit schuldig, welche damals herrschte. Die Oberen gestatteten dem Erfinder eine Neuherstellung nicht, und fie wurde auch an einem anderen Orte nicht mehr er» stellt. In den Tagesblättern kamen Artikel für und gegen die Maschine, die nähere Einrichtung blieb auch in Fachkreisen im Großen und Ganzen ein Geheimniß. Als der Erfinder mit Tod abging, wurde eine von ihm verfaßte mystische Schrift von Oetinger, württembergischem Superintendenten, herausgegeben; es findet sich darin aber bloß der Hinweis auf die Wettermaschine. Pfarrer Fricker führte in einer weiteren Schrift aus, Divisch habe sein Gerüst derart gemacht, daß die elektrische Kraft deS Gewitters in der Höhe ohne Schläge durch bloße Ex- halation zertheilt und ausgelöscht wurde. Petzel hat in einem seiner Werke die komplizirte Herstellung des Spitzen- kreuzeS beschrieben und Berichte über die Wirkung der Wettermaschine bei herannahendem Gewitter beigefügt, wie sie nach den Aufzeichnungen Divisch's von den Blättern veröffentlicht wurden. An Professor Euler in Berlin hatte der Erfinder der Wettermaschine Mittheilungen über dieselbe und übe^ ihre Erfolge während eines Sommers, alle Gewitter fern zu halten, gemacht. Auch Zeitgenossen von Divisch machten diese Mittheilungen an Euler, der es nicht für unmöglich hielt, „Wolken ihrer elektrischen Kraft zu berauben und den Donnerschlägen zuvorzukommen". Professor Tetens in Kiel ist mit seinem Urtheil über die Erfindung Divisch's gleich fertig; er fällt nämlich folgendes — wohl ziemlich schnelles — vernichtendes Urtheil: „Schon die erste Schrift von Divisch, die mir zu Handen kam, ließ es nicht zweifelhaft, daß dieser Prokopius ein Phantast gewesen sei und in der Elektrizität ungefähr das, was Theophrastus Para- celsus in der Medizin war. Ich gestehe also, daß ich jetzt eben so stark an der Wahrheit der von ihm angeführten Erzählungen zweifle, als an der Nichtigkeit der Erzählungen von des Paracelsus Wunderkuren und Goldpulver." Auch Professor Groß in Stuttgart glaubt nicht an die Wirksamkeit der Erfindung von Divisch, wohl aber Gcheimrath Lichtenberg in Gotha. Divisch legte seine Erfindung dem Kaiser Franz vor mit dem Vorschlag, mehrere Wettermaschinen zu fertigen und an verschiedenen Orten aufzustellen, die Wiener Mathematiker aber standen der Angelegenheit sehr skeptisch entgegen, und die Sache zerschlug sich. Daraus aber, daß der Erfinder es wagte, sogar seinem eigenen Landesherr« seine Erfindung vorzulegen, dürfte doch geschlossen werden, daß er von den Wirkungen derselben überzeugt war, sonst wäre dieses Vorgehen doch etwas zu kühn gewesen, für einen Geistlichen möchten wir sagen gewissenlos. Wenn darum auch Meidinger den Stab über Divisch bricht, so könnte man fast denken, daß besonders die deutschen Gelehrten deßhalb nichts Gutes an Divisch und seinen Experimenten lassen, eben weil er ein Geistlicher war, denn von diesen soll ja bekanntlich nicht erst von gestern an nichts Gutes kommen. Letzterer sagt u. A.: „Mit Recht wurde von den Mathematikern WienS die Förderung des Projektes zurückgewiesen, dasselbe war fast werthlos (fast!). Die Anlage war zu kostspielig, die vielen überflüssigen Spitzen konnten ihren Zweck nicht erfüllen. Dabei waren die drei Ketten überflüssig, eine hätte genügt; die Bodenleitung war mangelhaft, da die Ketten bloß bis zu dem Boden herabhingen; der Schutzkreis war zu weit angewiesen. Divisch ist nur Dilettant, bei seiner Maschine fehlte es an allem, das Prinzip war irrig, die Ausführung war ungenügend, die Sache selbst verdient nicht die Beachtung." Dieses Urtheil ist hart und, soferne man bedenkt, daß Divisch die Geheimnisse seiner Erfindung mit in'S Grab genommen, wohl zu hart. Wenn vo« gleichen Experten gesagt wird, daß, wenn Divisch von der Brauchbarkeit seiner Maschine überzeugt gewesen wäre, er doch eine Beschreibung derselben veröffentlicht hätte, so ist das schnell gesagt und niedergeschrieben; es gab schon große Männer, welche trotz der Brauchbarkeit ihrer Erfindungen nichts veröffentlicht haben. Sodann steht fest, daß die Opposition gegen Divisch's Erfindung zu seinen Lebzeiten nicht von Naturforschern ausging, sondern nur allein vom abergläubischen Volk, und weiter steht fest, daß Divisch von den Fachmännern auch Lob, mitunter großes Lob, erntete; wie ihn z. B. Fließ „den Franklin Europa's" nennt. Verdienste sind ihm sicher nicht abzusprechen auf dem Gebiete der Blitzableiter, dies dürfte für den unparteiischen Betrachter und Forscher sicher fein. Endlich sei noch erwähnt, daß Divisch mit seinen Anschauungen, daß es möglich sei, die Gewiiterbildung lokal zu verhüten, nicht allein in der Geschichte dasteht. Verschiedene Männer kamen auf den gleichen Gedanken, zumeist in Verbindung mit dem weiteren, die Hagelbildung zugleich zu unterdrücken, wie z. B. Ausgang des letzten Jahrhunderts Böckmann, Fischer, Bertholon und anders. - o - Die Parfumeriefabrikation m Grasse. Von Dr. Gustav Zacher-Hainburg. (Schluß.) Welch ungeheure Mengen Pflanzen angebaut werden müssen, um die zur Darstellung der im Handel verlangten Parfumpomaden erforderlichen Blumen- und Blüthenquantitäten zu erhalten, kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man vernimmt, daß 1000 Kilogramm Jasminblüthen 30,000 Pflanzen auf 1500 Quadratmeter Boden und 1000 Kilogramm Nosenblüthcn 5000 Rosensträucher erfordern, die 1800 Quadratmeter Gartenland für sich beanspruchen, und daß demnach nach der amtlichen Statistik um Grasse und Nizza etwa folgende Quantitäten Blumen jährlich geerntet werden: Grasse Nizza Orangenblüthen 2,000,000 Kilogv. 1,800,000 Kilogr. 1 , 000,000 , - Nosen Veilchen Jasmin Tuberosen Cassien Jonquillen_ 3,495,000 Kilogr. dazu Akazienblüthen Reseda 150,000 200,000 80,000 50,000 15,000 1 , 200,000 200,000 180,000 60,000 30,000 20,000 3,510,000 Kilogr. Die Anpflanzung der Blumen geschieht auf großen, mächtigen Nückenbeeten, die in gewissen Abständen behufs des Angießens der Pflanzen mit schmalen Quer- gängen versehen sind und sonst durchaus nichts Eigen» 483 thümliches bieten. Die Ernte beginnt im März mit dem Veilchen, dann folgen die Rosen- und Orangenblüthen im Mai und Juni, denen sich Jasmin, Tuberosen und Jonyuillcn im Juli, August und September anschließen und ganz spät im Oktober noch die Cassiablüthe sich zugesellt. Um nun die ätherischen Oele, die eben die Träger des Wohlgeruchs sind, den frisch gepflückten Blüthen zu entziehen, ist man auf die Verwendung eines sehr prosaischen Mittels angewiesen, nämlich des Schweinefettes, das bisher durch kein pflanzliches Oel oder Fett genügend hat ersetzt werden können. Ohne dasselbe wäre es nach dem heutigen Stande der Parfumerie-Kunst und der Chemie ganz unmöglich, den zarten Duft des Veilchens oder Jasmins zu conserbiren, da Oele sich zum Extra- hiren nicht eignen. Gerade von der untadelhaften Reinheit dieses Fettes hängt nun aber das Gelingen des ganzen weiteren Extractions-Processes ab, und daher wird dasselbe auch auf das Sorgsamste untersucht und zubereitet. In den letzten Wochen des Jahres bringen die Händler aus den Bergen herunter die pannss (Bauchfett) frisch geschlachteter Schweine, und jede Fabrik kauft davon nach Bedarf; die kleineren begnügen sich mit einigen Hundert Kilo, die großen dagegen nehmen wohl 20,000 Kilo und mehr. Nach genauer Besichtigung der erhaltenen Waare wandern diese panuss in eine Maschine, welche sie in ganz kleine Stücke zerschneidet. Von da kommt das Fett in große hölzerne Bottiche, wo es gewaschen, d. h. unter beständigem Zusatz von frischem Wasser mehrere Stunden lang mit massiven hölzernen Stößeln kurz und klein gestampft wird, bis das Wasser auch das geringste Anhängsel von Fleisch- und Blutrückständen entfernt hat. Diese Manipulation ist von größter Wichtigkeit, und die peinlichste Sorgfalt wird darauf verwendet, denn ohne diese Vorsichtsmaßregeln könnte leicht bei der großen Sommerhitze und der oft jahrelangen Lagerung der Waare ein großer Lagerkessel voll parfumirten Fettes ranzig und damit völlig unbrauchbar werden. Das so gereinigte Fett wird nun zerschmolzen, wobei wiederum mit aller erdenklichen Vorsicht zu Werke gegangen werden muß, und endlich wird es in großen Blechbüchsen von mehreren Hundert Kilo Inhalt im kühlen Keller bis zum nächsten Frühjahr aufbewahrt. Bei dem Schmelzen wird auch noch ein kleiner Bruchtheil Ochsenfett zugesetzt, um dem fertigen Fabrikate mehr Consistenz zu geben. Das Abpflücken der voll erblühten Blumen wird von Frauen besorgt, und die Ernte der Veilchen allein z. B. dauert volle drei Wochen. Centnerwcise wandern nun die gepflückten Blüthen in die Fabriken, wo der Werkmeister mit der Liste seiner Lieferanten in der Hand im Wägeraum die ihm von den Bauernfrauen in Körben und Säcken gebrachte Waare in Empfang nimmt. Hier werden die Blüthen geprüft, da nur frische und ungestielte verwendet werden können, dann gewogen und gesiebt, um alle anhaftenden Erdtheilchen möglichst zu entfernen. Alles Welke wird unbedingt zurückgewiesen. Vom Wägeraum gelangen die Blüthen, Veilchen In diesem Falle, in den Pomade-Saal, wo mächtige Blechgefäße, zur Hälfte mit flüssigem Schweinefett gefüllt, stehen. Nasch werden die Blumen nochmals gewogen, und jeder Kessel bekommt sein bestimmtes Quantum; und nun entschwinden die Kinder Flora's unseren Blicken, denn zwei Arbeiterinnen, meist Piemon- tesett-Frauen, nehmen je einen solchen Kessel und fangen an, mit großen hölzernen Kellen die nur langsam erstarrende Masse durcheinander zu rühren, bis das Fett wieder geronnen ist; alsdann werden die Kessel sorgfältig gedeckt und so über Nacht stehen gelassen, Während dieser Zeit entsteht nun innerhalb dieses Blumenfettkuchens eine Art Gährung, bei welcher den Blumen aller Duft von dem Fette entzogen wird, das diesen innig mit sich verbindet. Die Blume hat nicht nur ihre Schönheit und Form, sondern auch ihren Geruch verloren und wird am folgenden Tage aus der Masse als unbrauchbar für die weiiere Verwendung in der Fabrikation entfernt. Der wieder flüssig gemachte Blumenbrei wird nämlich in große Preßtuchsäcke gefaßt und 10—20 solcher Säcke mit ihrer duftenden Last unter mächtige, von Dampfkraft getriebene, hydraulische Pressen gebracht. Mit einem Druck von 300 Kilogramm auf den Kubikeentimeter wird während einer halben Stunde gepreßt und durch diesen ungeheuren Druck der Blume auch noch das letzte Nestchcn von Geruch entzogen. Langsam rinnt das Fett ab, wird aufgefangen, gerinnt von neuem und ist nun die fertige Handelswaare, die „Pomade", d. h. der versandfähige Träger des Veilchengeruches. Der in den Säcken zurückbleibende Blumenkuchen wird zum Düngen der Felder wieder benutzt. Diese vom Grasser Fabrikanten „Pomade" genannte Verkaufswaare bildet neben den ätherischen Oelen, deren Gewinnung die bekannte, durch einfaches Extrahiren mittels Oliven-Oels zweiter Qualität, ist, seinen Haupthandelsartikel und kostet etwa 20—25 Francs per Kilo. Was man sonst im gewöhnlichen Leben unter „Pomaden" versteht, etwa unsere Haar-Pomaden, hat mit dieser Poniade durchaus nichts zu thun, da jene nur als ganz minderwerthige Nebenproducte der eigentlichen Parfumerie- Pomaden abfallen. Die bisher geschilderte Fabrikations-Methode der Parfnmerien nennt man luaosrnticm oder prooöäe okauä, das „heiße Verfahren", und diesem unterliegen außer dem Veilchen auch noch die Rose, Cassie und die Orangcnblüthe, doch müssen alle diese Blumen, da sie auch noch saftgrüne Theile, wie Kelch und Stiel, bei ihrer Ablieferung tragen, die dem Fette einen herben Beigeschmack (goüt äs vsrt) geben könnten, behufs Trennung von diesen unbrauchbaren Theilen einem besonderen Verfahren, das man tria^s nennt, unterworfen werden, was bei den Unmassen, die in einzelnen Fabriken zur Verarbeitung kommen, oft 150,000 Kilogramm Rosen und ebenso viel Orangenblüthen in den beiden Monaten Mai und Juni, wahrlich keine Kleinigkeit ist. Zu diesem Zweck sind in dem Triage-Saal lange Reihen von Tischen und Bänken aufgestellt, auf welch erstere die Blumen oft meterhoch aufgeschüttet werden. Oft muß sogar der Fußboden aushelfen, wenn die Ernte ausnehmend ergiebig war. Hunderte von Weibern und Kindern finden hierbei eine ziemlich lohnende Beschäftigung, welche einfach im Entfernen der grünen Bestandtheile, des Kelches und des Stieles, besteht. Die abgelösten Blumenblätter werden in Körken gesammelt und machen dann die bei der Verarbeitung der Veilchen oben beschriebene Procedur ebenso durch. Andere Blumendüfte, wie der des Jasmin- sind zu delicat, um diesen Proceß aushalten zu können, und hier tritt ein anderes Verfahren an die Stelle des pro- cöäs ollauä, der xrooeäs troiä, das „kalte Verfahren", auch övüeura^v genannt. In einer großen Fabrik erfordert diese Art der Darstellung des Jasminparfums und anderer in dieser Hinsicht verwandter Blumen 30—40,000 massive quadratische Holzrahmen, deren jeder eine starke Glasscheibe von etwa 30 gm umschließt. Jede dieser Scheiben wird mit einer dünnen Schicht kalten Fettes bestrichen, die Fettschicht wird mit einer groben hölzernen Gabel gefurcht, um so möglichst viel Oberfläche zu bieten, und dann wird ein gewisses Quantum Blumen darauf gelegt, welche an dem Fette festkleben bleiben. Diese Nahmen werden nun, mit der Fettseite nach unten, im kühlen Keller aufbewahrt bis zum nächsten Morgen, wo dann. die erste Lage Blumen einer neuen Platz macht. Dieses Verfahren wird so lange fortgesetzt, bis jeder Nahmen seine durch Versuche bestimmte Menge Blumen ausgesogen hat. Dann erst wird das nunmehr parfumirte Fett abgekratzt, unter mäßiger Wärme im kmiu marls geschmolzen und im Lagergewölbe aufbewahrt. Um nun endlich den Aussud oder das unter dem Namen „Riechwasser" bekannte Product herzustellen, bedarf es einer weiteren Manipulation, welche darin besteht, daß das parfumirte Fett in 99" Alkohol „gewaschen" und so seines gesammten Parfums beraubt wird. Wie die Blume der Natur, so hat das Fett dem Menschen als Träger des Duftes dienen müssen; die Blume wandert in die Düngergrube, das Fett nach dem letztgeschilderten Verfahren in die Seifenfabrik, nur das Parfum, die Seele der Blume, bleibt zurück, um Tausende und Abertausende in fernen und fernsten Ländern mit seinem Dufte zu ergötzen. Selbstverständlich kommt zur Verfeinerung und Erweiterung der Tonleiter der Gerüche noch eine große Anzahl ätherischer Oele zur Verwendung, mit deren Hilfe der Fabrikant-Parfumenr unter allen erdenklichen exotisch klingenden Titeln neue Gerüche combiniren kann; aber es dürsten doch nur äußerst wenige Niechwasser existiren, denen nicht der eine oder andere jener natürlichen Blumengerüche zu Grunde gelegt wäre. >, > ^ H v - l ^- AKLesLsr. Eine großartige elektrodynamische Kraftanlage wird jetzt zur Licht- und Triebkraft-Erzeugung zu Lyon geplant, die jener der Niagarakraftanlage wenig nachstehen wird. Durch Ausnutzung der RHSne-Gefälle denkt man nach einer Mittheilung des Internationalen Patent- BureauS Carl Fr. Reichelt, Berlin 6, mittelst zwanzig Turbinen gegen 20,000 Pferdestärken nutzbar zu machen (die Niagara Power Company arbeitet zur Zeit mit 15,000 Pferdestärken), welche Kraft in Elektricität umgesetzt durch fünf Hauptleitungen den zahlreichen industriellen Etablissements, Privathäufern und der öffentlichen Beleuchtung zugängtg gemacht werden soll. Die mit der Ausarbeitung des Voranschlages betrauten Ingenieure behaupten, daß auf diese Weise die BetrtebS- krast um 40 Procent billiger wie durch die besten Dampf- Maschinen erhalten werden könnte. Boshaft. Wirth: VHier, Herr Amtsrichter, gebe ich Ihnen zum Abschiede noch eine Nasche Wein zum Besten!" — Amtsrichter: „Aber, lieber Herr Mahlmann, machen Sie mir den Abschied doch nicht so sauer!" Einsame Wächte. Die Schatten werden länger schon, Es steigt die Nacht auf ihren Thron, Sie breitet still die Hände aus: Da lieget dunkel Dorf und HauS, Sie löschet, waS vom Tag noch glüht, Sie wieget ein, WaS singt und blüht. Bis alle Kreaturen schlafen Und müde von des Tages Streit In uächt'ger, kühler Einsamkeit Ausruhen wie das Schiff im Hafen. O scgenSmächtige Einsamkeit! Wie wird in dir das Herz so weit! Von ferne her auf gold'ner Bahn Die Geister der Erinnerung nah'n. Die Geister aus der Kinderwelt, Hell funkelnd wie das Sternenzelt, Die aus des Lebens Maientag, Aufjauchzend wie der Lerchenschlag. Und wem der Tod ein Liebstes nahm, Den überkommt's jetzt wundersam, Wir schauen in der stillen Zeit Die Lieben aus der Ewigkeit, Wie sie im wallenden Gewand Hinschrciten durch ein grünes Land, Daß oftmals Sehnsucht uns durchglüht^ Die uns von hier zum Vater zieht, Zum Vater oben, den im Rund Umstehet ein verklärter Bund. Zur Gottheit treten wir hinan, Bekennen still, was wir gethan, Und rufen zitternd nach Erbarmen, Da säuselt es wie FricdenSweh'n, Da ist eS, als ob Engel geh'n, Wir finden Gott und ruh'n in seinen Artuen. Du fandest Gott, Du fandest Dich, Dein echtes Wesen, wahrstes Ich. In solch' einsamer Träumerei Hast Du auch Deine Stunde frei, In Thränen löset sich das Leid, Zur Freundin wird die Einsamkeit, An deren Brust die Seele klagt, In deren Ohr sie alles sagt; Ja, nur die schweigend stille Nacht Thut kund des Schmerzes heilige Macht, Wir beugen uns in Gottes Zucht, Die unö zum Frieden heimgesucht. Und wie den Aar der stolze Flug Hinwegträgt über Karst und Pflug, So tragen uns des Geistes Flügel Dann aus der kalten Nüchternheit Hin über Noth und Drang und Zeit Nach Edens magisch Hellem Hügel. D'rum komme Du, o ernste Nacht, Wenn uns die Sonne nicht gelacht, Noch hangt die Scholle zwar am Fuß, Noch drückt den Geist das Soll und Muß; Komm', Stunde, die schon oft im Flug Mich über daö Gemeine trug! Komm', Einsamkeit! du bist der Bronnen, Draus holen wir uns Kraft und Licht Für unseres Tages Amt und Pflicht Und für das Herz, wenn ihm sein Glück zerronnen. Adolph Müller.' > - -- , . , Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 62: Weiß. Schwarz. 1. S. L7—b'S K. 65-V5 (L.) 2. D. L8-V4: K. V5-66 (L6)od. ander» S. S. kö-L7 (D- L4-L4 oder 64) Matt. L. 1.l. . . . K. 65-66 2. wie oben beliebig. 3. D. L4-64 (S. §5-L7) Matt. Andere Varianten leicht.