1896. „Augsburger Postzritung". M 64. Dinstag den 4. August Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Mar Huttler). Gin furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 4. Kapitel. Ich will nichts hören. Desdemona ist mir treu. Mit furchtbarem Schrei springt Sir Victor vor und reißt die ohnmächtige Frau aus den Armen des piraten- ähnltchen Mannes. „Zurück, höllischer Schurke!" schrie er heiser vor Wuth, „oder bei Gott es geht an Dein Leben. Wie wagst Du, mein Weib zu berühren?" „Ihr Weib? Ihres? Das gefällt mir. Wissen Sie nicht, daß es gegen die Gesetzgebung dieses engherzigen Landes ist, zwei Gatten zu haben? Beruhigen Sie sich, einem Baron geziemt nicht heftige Rede. Wie kommt er dazu, sie sein Weib zu nennen, Jnez?" „Sie ist es." „Der Kuckuck hole mich, wenn sie's ist. Da herrscht ein kleines Mißverfländniß. Ich heirathete Miß Mar- garetha Dobb vor zwei Jahren am 13. Mai zu Glasgow, wann heiratheten Sie dieselbe, Sir Victor?" Der Baron antwortete nicht. Er war bleich vor Wuth und Furcht. Meta lag wie todt da. „Siehst Du, Jnez", wandte sich der Junker an seine Schwester, „ich traf Meta vor zwei Jahren in Schottland, wir liebten uns und wechselten Photographien und Ringe. Du kennst ja selbst das Programm. Die Zeit der Trennung kam; Meta sollte ins Institut zurückkehren, ich eine Reise nach China antreten. Am Tage der Abreise nun wurden wir getraut. Ich leugne nicht, daß wir uns an der Kirchenthüre trennten und nicht wieder sahen, aber sie ist mein, da die Trauung legal war. Sie werden doch nicht eines Andern Weib wollen, Herr Baron?" „Sie kommt zu sich", sprach Jnez. Ihr Auge glühte. Sie kannte des Bruders Lügenhaftigkeit, wenn das aber doch wahr wäre und die Rache so bald sich einstellte? Meta schlug die Augen auf und richtete sich empor. „Was ist geschehen?" Da fällt ihr Blick auf den finstern Gast, und schaudernd verhüllt sie ihr Antlitz. „Fürchte Dich nicht", sprach Sir Victor und blickte herausfordernd den Gegner an, „der Feigling hat eine furchtbare Lüge gesagt, leugne es, Lieb', ich verlange nicht mehr und die Diener sollen ihn hinauswerfen." „Wirklich?" höhnte Junker Juan, „übrigens verstehe ich nicht, Meta, wie der Baron dazu kommt, Dich sein Weib zu nennen, Du kannst Dich doch nicht der Bigamie schuldig gemacht haben?" „Hörst Du's, Meta!" rief Sir Victor voll Angst, „o sprich, der bloße Anblick dieses Menschen macht mich wüthend. Sprich, weise die große Anschuldigung zurück." „Sie kann es nicht." „Ich kann und thue es!" sprach Meta mit blitzenden Augen, „'s ist eine gemeine Lüge. Schicke ihn fort, Victor, es nicht wahr — nicht wahr." „Erlauben Sie mir zwei Fragen an die Dame zu stellen, Sir Victor. Warst Du vor zwei Jahren in Schottland? Ist das nicht Dein Bild? Gabst Du mir nicht den Ring? Denke an die kleine Kirche in Glasgow und leugne, wenn Du kannst." Wie eine Löwin trat sie ihm jetzt entgegen. „Ich leugne es! Wie wagen Sie mit solcher Lüge hierher zu kommen? O höre mich, Victor, und vergib mir. Ich habe Unrecht gethan, Dir nicht sofort Alles zu sagen; aber ich glaubte ihn ertrunken, und meine Eltern widerriethen es, weil sie Dich zu verlieren fürchteten. Ich kannte Juan Chateron in Schottland, glaubte ihn zu lieben und nahm seine Photographie an." „Aha", lachte Juan, „die Wahrheit wird doch siegen. Sage die volle Wahrheit, Meta." „Still! Wagen Sie nicht so mit mir zu sprechen. Als ich die Ferien in Glasgow verlebte, lernte ich Mr. Chateron kennen, und er nistete sich in meine mädchenhafte Phantasie ein. Was wußte ich damals von Liebe? Als ich nach Hause wollte, wechselten wir Ringe und Bilder, und er führte mich in eine einsame Kapelle und ließ mich dort erklären, daß ich sein Weib sein wolle. Niemand außer uns war gegenwärtig. Auf dem Rückwege begegneten wir Papa, wir trennten uns und ich habe ihn nicht wieder gesehen. Beurtheile mich nicht zu hart, Victor, ich war ein Kind und fürchtete ihn. Sobald ich ihn aus den Augen verloren, mochte ich ihn nie mehr. Er schrieb mir, ich antwortete nur ein einziges Mal, um seine Briefe zurückzusenden und zu verlangen, daß er mich in Ruhe lasse. O vergib, mein Gatte, ich bereue so sehr." „Ich glaube Dir, Meta, Dein einziger Fehler war, daß Du mir das nicht längst gesagt. Sie aber, Juan Chateron, sind ein Schuft. Als Sie vor fünf Jahren Wechsel im Betrage von dreitausend Pfund auf meinen 486 Namen fälschten, warf ich Sie hinaus und ließ Sie gehen. Die gefälschten Wechsel aber habe ich noch. Betreten Sie nur noch einmal mein Haus und wiederholen die Lüge, dann beim Himmel, sollen Sie im Zuchthause zu Grunde gehen. Ich schonte Sie damals, Ihrer Schwester und des Namens halber, den Sie tragen und schänden; sobald Sie aber wieder mein Weib verleumden, bringe ich Sie an Ketten und wären Sie mein Bruder. Gehen Siel" Er warf die Thüre wett auf. Frech und mit einer unverwüstlichen Laune blickte Juan auf ihn. „Ei, wer hätte das gedacht? War doch sonst solch ein Milchbart. Ich gebe zu. Sie haben der Wechsel halber Macht über mich, und zwanzig Jahre Zwangsarbeit ist kein Vergnügen. Wenn Meta nicht kommen will, läßt sie's bleiben, aber 's ist schändlich, denn die Geschichte in Schottland war eine Trauung, man mag sagen, was man will. Natürlich zieht sie den reichen Baron dem armen Matrosen vor. Sei Du schwesterlich, Jnez, und besuche mich, ich wohne im Gasthaus zu Hes- holm. Adieu, meine Herrschaften! Wenn ich wieder heirathe, werde ich mich meines Weibes zu versichern wissen." Er ging hinaus, nickte Sir Victor freundlich zu und schüttelte die Haare zurück. „Adieu, alter William!" rief er dem Hausmeister zu, „ich gehe wieder, wie Du siehst. Sehr gastfreundlich ! Man hat mir nicht einmal ein Glas Wein angeboten. Gute Nacht, Kamerad!" Die Thür schloß sich hinter ihm. Er blickte zurück auf die erleuchteten Fenster und lachte. „Wenigstens hab' ich sie ordentlich erschreckt. Die Geschichte von der Heirath ist natürlich Fabel, aber es war doch ein Jux und die Komödie hat noch nicht ausgespielt, denn der blonde Baron ist eifersüchtig wie ein Großtürke. Hoffentlich besucht mich Jnez und gibt mir Geld. Wenn nicht, so muß ich sie aufsuchen." Als er fort war, herrschte Todtensttlle. Lichter brannten, Blumen dufteten, seltene Weine, tropische Früchte winkten, aber ein Gespenst saß zu Tisch. Viel Böses hatte Juan Chateron gethan im Leben, doch kaum verübte er eine ruchlosere That als heute. Aus Jnez' Augen leuchtete unerträglicher Triumph. Sie verabscheute den Bruder, nun aber hätte sie ihn küssen mögen. Die junge Frau hatte ihr Alles geraubt, Reichthum, Stellung, den Mann, den sie liebte, aber auch ihr Pfad war nicht mit Rosen bestreut. Todtenbleich setzte Sir Victor sich wieder an den Tisch. Niemand sprach. Glücklicher Weise begann das Kind zu schreien, und die junge Mutter eilte fort. Sie kehrte nicht wieder. Ueber eine Stunde saß sie an des Kindes Wiege, an seiner Seite fühlte sie sich ruhig und sicher. Ihr bangte vor der Begegnung mit dem Gatten. Sie hatte sich eines Mangels an vertrauender Aufrichtigkeit schuldig gemacht; würde er ihr je wieder Liebe und Vertrauen schenken? Endlich begab sie sich auf ihr Zimmer, fetzte sich an's Fenster und blickte hinaus in die sternenhelle Nacht. „Das ist mein Willkomm in meines Gatten Haus", dachte sie, „und die Thorheit meiner Jugend kehrt wieder mit dem furchtbaren Mai." Sie schauderte. „O, warum sagte ich's nicht? Warum verlangte die Mutter, daß ich es verberge? Sie fürchtete den Baron zu verlieren, und ich war schwach und feige." Er trat ein. „Ist das Fenster offen?" fragte er kühl, „entferne Dich sofort davon, Du möchtest Dich erkälten!" „O, vergieb mir, Victor", flehte sie. Er schwieg einen Augenblick. Wohl liebte er sie leidenschaftlich, aber noch zerrissen Zweifel und Eifersucht seine Seele. „Meta, warum täuschtest Du mich?" rief er endlich schmerzlich, „ich hätte geschworen, Du seiest die Wahrheit selbst, eine fleckenlose Lilie. Der Gedanke, daß ein Anderer sich Dir nahte und gerade Juan Chateron, macht mich verrückt." Sie sank auf die Knie und faltete bittend die Hände. „Ich war ja nur ein Kind, Victor, und wußte nichts von Liebe. Wohl that ich schweres Unrecht, daß ich Dir vie Wahrheit verhehlte, aber Du warst so eifersüchtig, und ich liebte Dich und fürchtete Dich zu verlieren." „Und ich war Baron. Hatte das nicht auch mit Deiner Furcht, mich zu verlieren, zu thun? Oder hat nur Liebe die Unaufrichtigkeit bedingt?" Es war das erste grausame Wort, das er je gesagt, und er bereute es sofort. Sie erhob sich und wandte sich ab. „Ich verdiene das. Einmal sagte ich Dir nicht die volle Wahrheit, warum solltest Du mir jetzt glauben? Das Weib, das Juan Chateron gekannt, könne Dein Weib nicht sein, sagtest Du, und darauf hin sollte ich noch bekennen? Ich verbarg die Wahrheit aus Furcht, Dich zu verlieren. Suche das Motiv worin Du willst. Es steht Dir auch frei über mich zu verfügen, und Du magst mich fortschicken." Sie sah in die Nacht hinaus. Er beobachtete sie ruhig. Sie wegschicken? Sie kannte ihn und wußte wohl, daß er nicht leben konnte ohne sie. Plötzlich umfaßte er sie leidenschaftlich. „Dich wegschicken, mein Lieb! Ich stürbe, verlöre ich Dich!" „So vergibst Du mir! Sieh, nur aus Liebe zu Dir verschwieg ich es", schluchzte sie, „nun aber will ich nie wieder ein Geheimniß vor Dir haben." Sie war noch fast ein Kind, die jugendliche Mutter, und als er das liebliche, flehende Gesicht, die großen, thränenvollen Augen, die bebenden Lippen sah, küßte er sie und vergab. 5. Kapitel. In der Dämmerung. „Keine Worte sind stark genug, Dein Benehmen zu tadeln, Victor. Du hast an Jnez schmählich gehandelt, hörst Du, schmählich, und Du bist der erste, der den Stammbaum verunreinigt hat. Herzogstöchter betraten Chateron Royals als Bräute, und Du hetrathetest die Tochter eines Seifensieders." So sprach Lady Helena Powys, vierzehn Tage nachdem er Weib und Kind heimgebracht, zu ihrem Neffen. Zornig hörte ihr der junge Mann zu. Während der letzten vierzehn Tage hatte Jnez ihm das Leben unsagbar verbittert, endlich war er zur Tante gekommen, um Hülfe zu holen und Trost, und nun wurde er so empfangen. „Das ist zu viel, Tante Helena, das ertrage ich nie, niemals von Dir. Die Abstammung meiner Frau ist der einzige Vorwurf, den man ihr wachen kann. 487 Jnez läßt's an Vorwürfen nicht fehlen, genug, um Jemand rafend zu machen, von Dir hätte ich's nicht erwartet." „Deine Frau beschuldige ich keineswegs, ich habe sie nur einmal gesehen und glaube, sie ist so gut wie hübsch. Gegen Dein Betragen wider Jnez aber muß ich Protestiren und wundere mich, daß sie's so ruhig erträgt." „So ruhig! Barmherziger Gott! Ich wollte, Du sähest es mit an. Sie quält meine Frau mit Nadelstichen und mein schuldiges Gewissen heißt mich schweigen. Seit Meta Chateron Royals betreten, hat sie keine glückliche Stunde mehr gehabt, und daran ist nur Jnez' teuflische Zunge schuld. Sie nehme sich aber in Acht, sie könnte sonst zu weit gehen." „Heißt das, daß Du sie verstoßen willst?" „Ja; Jnez ist meine Cousine, Meta meine Frau. Du würdest Dich um Erstere verdient machen, Tante, wenn Du ihr einen Wink gäbest." Er wandte sich, um zu gehen. „Gut, ich will es thun. Du bist zu tadeln, nicht das arme Kind. Ich werde mit Jnez sprechen und Dir, um Deiner Mutter willen, zu vergeben suchen. Sie hätte es verziehen, wenn Du ihr Herz gebrochen, ich will gleich ihr zu handeln versuchen, Besuche mich am nächsten Donnerstag; wenn ich Deine Frau empfange, empfängt sie sicher die ganze Nachbarschaft." „Ich danke, Tante, Du bist sehr gütig. Wir werden kommen." Er bot ihr die Hand. Sie allein hatte Notiz von seiner Frau genommen. Der Adel der Umgegend hatte beschlossen, es sei unmöglich, des Seifensieders Tochter zu empfangen. Wäre sie noch eine Banquierstochter gewesen, aber eines Seifensieders Tochter, eine heimliche Ehe, der Erbe von Chateron Royals in einer Stadtwohnung geboren und Miß Chateron schmachvoll hinter- gangen, nein, es war zu arg. Sie konnten Lady Chateron nicht besuchen, wenigstens nicht bis sie gesehen, wie Lady Helena Powys sie aufnahm. Es war das die einzige Schwester der seligen Mutter des Barons, und Sir Victor und Jnez sehr zugethan. Der Todten letzter Wunsch war gewesen, daß ihr Sohn seine Cousine hei- rathe. Er hatte es versprochen, und Lady Helena hatte erwartet, daß es geschehe. Wie ein Donnerschlag traf sie folglich die Kunde von seiner Mißheirath. Sie konnte das nicht vergeben und weigerte sich, seine Frau zu empfangen. Als er aber bleich und traurig zu ihr kam, erweichte sich ihr Herz, und ihr Mann, der die junge Frau in Chateron Noyals gesehen, ergriff sofort ihre Partei. „Was geschehen ist, läßt sich nicht mehr ändern", spxach er philosophisch, „und das Klügste ist, zum bösen Spiele gute Miene machen. Zudem ist sie reizend und meiner Treu, ich hätte sie auch geheirathet. Vergib ihm, Frau, junge Leute sind eben junge Leute, geh' und besuche sein Weib." Lady Helena gab nach, die Liebe war stärker als der Zorn. Sie ging, und in dem düsteren Saal von Chateron Noyals schwebt eine kleine Feengestalt mit goldenem, wallendem Haar, blauen Augen und einem solch' kindlichen Wesen, daß ihr ganzes Herz sich sofort mütterlich ihr zuneigte. „Du liebes Kind", sagte sie und küßte sie, als zähle sie erst acht Jahre. „Zeig' mir Deinen Kleinen, meine Liebe." Von der Stunde an waren sie Freundinnen. Dankesthränen im Auge, führte Meta sie in das Gemach, wo ihr Knäbchen schlummerte, und als die Dame es küßte, schwand aller Zorn aus ihrem Herzen. „Sie ist hübsch, artig, gut und eine vollendete Dame", bemerkte sie Jnez gegenüber, „und sie sieht auch recht glücklich aus. Sei nicht hart gegen sie, was kann sie für die Sachlage? Nur Victor ist zu tadeln, das fühlt Niemand mehr als ich. Ein wenig Liebe wäre für das arme blauäugige Kind so wünschenswerth." „Ich weiß, was ich meinem Vetter und seiner Frau schulde, und werde die Schuld abtragen." Lady Helena blickte sie ängstlich an, sie verstand sie nicht. „Ich verlange nicht, daß Du ihr Liebe entgegenbringst, Du vermagst das schließlich nicht, an Deiner Stelle aber würde ich sie in Ruhe lassen. Sie ist ja doch die Frau vom Hause, Du könntest zu weit gehen und dann —" „Würde mich Victor aus Chateron Royals vertreiben. Sagte er das? Verstelle Dich nicht, Tante, ich weiß es -ja doch. Also, wenn ich ihr nicht meinen Platz einräume, soll ich wegen der Seifensiederstochter verstoßen werden? Gut, daß Du mich darauf aufmerksam machtest, ich werde es nicht vergessen." Lady Helena war in Verlegenheit. Des Mädchens ernste Miene erschreckte sie. „Willst Du nächsten Donnerstag kommen? Verstehe wohl, ich dränge Dich nicht. Aus Liebe zu Victor will ich die Sache von der guten Seite nehmen. Ich gebe ein Diner und stelle Lady Chateron vor. Ich muß es thun. Wenn ich sie empfange, empfangen sie Alle. Wenn Du aber lieber nicht erscheinen wolltest, Jnez — —" „Warum sollte ich nicht? Victor mag ein Feigling sein, ich bin es nicht. Ich werde der ganzen Gesellschaft unter die Augen treten, ihr trotzen, wenn sie mich bedauert. Nimm Du die Seifensiederstochter auf, wenn Du willst, aber ich zweifle, ob Du mit all' Deiner Macht sie flott zu erhalten vermagst!" „Das arme Wesen!" dachte Lady Helena, als sie heimfuhr, „'s ist schön, die Herrin von Chateron Noyals zu sein, mit Jnez als Rivalin aber würde ich mich bedanken." Ja, daS arme Wesen! War Sir Victors Dasein verbittert genug, so war das seiner Frau geradezu unerträglich. Jnez wußte sicher zu treffen und trug den grimmigsten Haß in ruhigen, sanften Tönen zur Schau. Sie versäumte keine Gelegenheit. Ihre Zunge war ein zweischneidiges Schwert, und grausam beobachtete sie ihres Opfers Zuckungen. Meta ertrug es; sie liebte den Gatten, er fürchtete die Cousine, und seinethalben ertrug sie es. Einmal nur schrie sie auf: „O, Victor, ich gehe zu Grunde, bringe mich nach London oder wohin Du willst, nur befreie mich von ihr." Er beruhigte sie möglichst, ritt zur Tante, und den Erfolq kennen wir. Der Tag des Diners kam. Meta war ohnehin in Folge des endlosen Spottes, der schmähenden Worte, der stillen Verachtung der Cousine furchtbar aufgeregt, und das Fest wurde für sie zur Qual. Wie, wenn sie durch irgend einen Mißgriff den Gatten beschämte? Warum sollte sie denn überhaupt gehen? „Sei nur ruhig, liebes Kind", schmeichelte Victor, „zieh' ein hübsches Kleid an und schmücke Dich mit 488 Blumen und Perlen; Dein einfaches, liebenswürdiges Wesen wird allgemein gefallen." Als sie eine Stunde später in einem lichtblauen Seidenkleide, Lilien im Haar und Perlen um den Hals erschien, erinnerte sie an eine Fee. Jnez' schwarze Augen blitzten zornig. Mochte auch das Blut des Seifensieders in ihren Adern rollen, keine Fürstin konnte feiner und schöner aussehen. Miß Chateron selbst war pompös in dem weißen Seidenkleide, glühend von Rubinen. Stolzen Hauptes bestieg sie den Wagen. Lady Helena's Säle waren überfüllt; alle Einladungen waren angenommen worden. Alles wollte Sir Victors niedergeborenes Weib sehen und erfahren, wie Miß Chateron die ihr angethane Schmach ertrug. Lächelnd trat Jnez ein. Ihr Wesen schien zu sagen: „Bemitleidet mich doch, wenn ihr's wagt." Ihr folgte an Sir Victors Arm eine zierliche Gestalt. Lady Helena nahm die neue Nichte sofort unter ihre Fittige. Die Anwesenden wurden ihr vorgestellt, Komplimente ihr gesagt. Bei Tische saß sie am Ehrenplatz und war aller Augen Zielpunkt. Sie ertrug es ruhig, ihr Muth stieg, sie sprach unbefangen und eroberte Aller Herzen. „Ich gratulire, liebes Kind", flüsterte Lady Helena ihr zu, „der Anfang ist brillant. Die Herren sind entzückt, die Damen eifersüchtig." Bisher hatte Jnez nicht einen Giftpfeil entsendet; ihre Zeit aber sollte kommen. Nach Tische wurde must- ztrt. Lord Herriker, der jüngste und vornehmste Edelmann der Gesellschaft, nahm Lady Chateron förmlich in Beschlag. Er führte sie an's Piano, sie sang eine schottische Ballade, und Beifallsgemurmel erhob sich. Dazwischen tönte Jnez' sarkastisches Lachen. Capitain Barden schwärmt für sie, lehnt sich über ihren Sessel und erzählt ihr leise, daß Jack Singleton sich jüngst zum Gespött der Menschen gemacht, indem er die jüngste Miß Potter von Potter-Park geheirathet. „Wirklich", lachte Miß Chateron, „hatte der Vater nicht früher einen Kramladen und zog sich, zurück, als er genug Geld zusammengescharrt hatte? Und der arme Lieutenant Singleton hat die jüngste Miß Potter geheirathet? Wen die Götter verderben wollen, dem nehmen sie den Verstand. Nun, das Mädchen ist wohl hübsch und so süß, wie des Vaters Candis, so schmelzend wie dessen Butter. In manchen Familien ist es Sitte, das Wappen der Braut auf dem Familienschtld anzubringen. Ich denke, die Armatur der Familie Potter wäre wohl dann ein weißer Schurz und eine Käse." Unterdrücktes, schreckliches Lachen geht durch den Saal. Sir Victor ist wie mit Blut übergössen, Meta befindet sich noch an Lord Herrikcr's Seite und hat nur Gedanken an Flucht. Fort von dem grausamen Volke, fort von der scharfzüngigcn Jnez. Aengstlich blickt sie auf den Gatten; sollte sie dies ertragen? Er aber ist absichtlich blind und taub, er besaß nicht den Muth, den Handschuh für sein Weib aufzunehmen und der Cousine Schweigen zu gebieten. Nach Mitternacht fuhren die Gäste nach Haus. In Sir Victors Wagen herrschte Todtenstille. Meta lehnte bleich und stumm in der Ecke, Jnez besah sich die Sterne, der Baron zürnte sich selbst, haßte die Cousine und scheute sich, seine Frau anzusehen. Ihr Wesen ist eigenthümlich verändert, ihre Antworten sind kalt und kurz. Nicht ohne Grund verachtet sie den Mann, der nicht den Muth hat, sein Weib vor Verhöhnung zu bewahren. Am folgenden Tage erschien sie weder beim Frühstück noch bei Tische. „Mylady ist ausgegangen", meldete der Lakai, „vor etwa einer halben Stunde schritt sie mit einem Buche dem Lorbcerhain zu." „Ich werde sie suchen, man warte mit dem Essen", befahl Sir Victor, Meta war fort, weil sie nicht mehr mit Jnez Chateron an einem Tische Brod brechen wollte. Wäre das Münchener Bierhalle. MLLü Kind nicht, sie wäre längst aus dem Hause entflohen, wo sie immer die Rache eines Weibes verfolgte. Die Dämmerung senkte sich über die Bäume, finster hebt das Schloß sich vow Horizonte ab. Meta schaudert davor. Nur schmerzliche Tage hatte sie in diesen Mauern verlebt. Selbst ihre Liebe scheint in bitterer Verachtung zu ersterben, wenn sie daran denkt, wie er zu seiner Cousine Verhöhnung geschwiegen. Es ist kalt, sie hüllt sich fester in den Shawl und schreitet langsam auf und Gebäude für staatliche Anstalten und technischen Unterricht. Aus der Bayerischen Landesausstellung zu Ullrnberg 489 nieder. Thränen rollen über ihre Wangen, sie fühlt sich unsagbar allein, dem mitleidlosen Weibe preisgegeben. „O", stöhnte sie, „warum heirathete ich ihn überhaupt ?" „Wenn Sie Sir Victor meinen", spricht plötzlich eine Stimme, „so heiratheten Sie ihn eben, weil er Sir Victor war. Uebrigens kann eine Dame nicht zwei Gatten haben, und Sie wissen, daß ich Ihr gesetzlicher Gatte bin." Entsetzt weicht sie zurück; Juan Chaterons schwarze Gestalt steht in der Dämmerung vor ihr. Nürnberger Bierhalle. „Sie?" schrie sie auf. „Ja, ich I Wäre meine Schwester zu mir gekommen, hätte ich der Gegend wohl lange den Rücken gekehrt, so aber will sie mir nicht einmal die paar hundert Pfund geben, die ich unbedingt brauche. Zu Sir Victor kann ich aus zarten Gründen nicht gehen, folglich komme ich zu Ihnen. Geben Sie mir fünfhundert Pfund, und ich belästige Sie nie wieder." Er trat näher und streckte die große, braune Hand aus. „Zurück, Juan Chateron I" gebot sie, „wie wagen Sie hier einzudringen und mit mir zu sprechen?" „Wie ich's wage? Nicht übel! Wenn ein Mann mit seiner Frau nicht reden soll, mit wem soll er's dann? Es nimmt sich gut aus, wenn die Frau Baronin sich auf's hohe Roß setzen. Rathsamer dürfte sein, mir die fünfhundert Pfund zu geben und mich in Frieden ziehen zu lassen." „Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, rufe ich meinen Mann." „Wollen Sie mir das Geld geben?" fragte Juan und kreuzte herausfordend die Arme. „Ich habe es nicht, und wenn ich's hätte, gäbe ich Ihnen doch keinen Heller." „Sie haben Diamanten", sprach er, auf ihre Hand zeigend, „geben Sie mir diese, oder bei Gott, ich erzähle die Geschichte Ihrer Bigamie in England." „Sir Victor hat Sie in seiner Gewalt, cr wird seine Drohung halten, wenn Sie die häßliche Lüge zu wiederholen wagen." „Werde ich die Juwelen bekommen?" „Nein, gehen Sie oder ich rufe um Hülfe!" „Sie wollen mir also die Ringe nicht geben?" „Nein! Es kommt Jemand, wir wollen sehen, wer sich fürchtet." „Gut, ich gehe, aber ich werde wiederkommen. Bemühen Sie sich nicht, Ihren heloenhaftcn Gatten zu rufen." — Pfeifend verschwand er hinter den Bäumen. „O, mein Gott, was wird morgen geschehen!" seufzte Meta verzweifelnd, „soll ich nie erlöst werden von dem Geschwisterpaar?" Sie wandte sich dem Schlosse zu, als ihr weißes Kleid ganz verschwunden war, tauchte Sir Victor aus dem Schatten hervor und der Mond beleuchtete sein todtenbleiches Gesicht. 6. Kapitel. Im Mondlicht. Er hatte kein Wort gehört, aber er hatte sie beisammen gesehen und das genügte. Wie betäubt stand er, als er seine Frau allein im Dunkeln mit Juan Cha- teron sah. Dieser hatte also Chesholm nicht verlassen, und sie wußte es. Wie oft hatten sie sich schon getroffen, wie, wenn sie doch sein Weib wäre? Wenn die Ceremonie in der schottischen Kirche bindend wäre? Und wenn sie Juan noch liebte? So lange cs ging, hatte Meta die Sache ihm verborgen, hatte ihn getäuscht, that es noch jetzt. So schön und so falsch. Ihm schwindelte. Er lehnte sich an einen Baum. „Ich will zu ihr gehen", sprach er endlich, „und hören, was sie sagt. Theilt sie mir die Begegnung freiwillig mit, so will ich ihr glauben, schweigt sie, so sei es ein Beweis ihrer Schuld." Er begab sich ins Haus. Ein Diener trat ihm entgegen. „Ein Bedienter von Powys Place hat dieses Billet gebracht, Herr Baron; den gnädigen Herrn hat ein Schlag getroffen, und Ihre Anwesenheit wird dringend gewünscht." Sir Victor brach das Siegel und las. Im Speisesaal traf er seine Frau nicht und begab sich in das Ktnderzimmer, wo er sie noch immer gefunden. Sie beugte sich über die Wiege. Die Amme stand in einiger Entfernung. Der Baron gewahrte sie nicht. „Ich erhielt eben ein Billet von Tante Helena, den Onkel hat der Schlag getroffen, und sein Befinden ist kritisch. Ich reise sofort ab und kehre diese Nacht nicht zurück." Kulmbacher Bierhalle. Sie sah ihn erschrocken an. Seine fahle Farbe mochte sich durch das Billet bedingen. Mit einigen Worten des Bedauerns beugte sie sich wieder zum Kinde. „Hast Du mir nichts zu sagen, ehe ich gehe?" Sie hob den Kopf, die Worte schwebten ihr auf derZunge. Aber die Amme war gegenwärtig, und warum ihn jetzt aufhalten, es war klüger, bis morgen zu warten. „Ich habe Dir nur Lebewohl zu sagen und Dich zu bitten, die Tante zu grüßen. Hoffentlich steht's mit dem armen Onkel nichl so schlimm." 490 Sie sah ihn dabei nicht an. Er wandte sich zur Thüre, Zweifel und Eifersucht tobten in ihm. Auf der Schwelle blieb er stehen. Etwas schien ihn festzuhalten. „Adieu, liebes Weib", sprach er mit erzwungenem Lächeln, „Du magst mich für thöricht halten, aber mir bangt, Dich heute Nacht zu verlassen. Gib recht Acht auf Dich, ich werde sobald als möglich wiederkehren." Sie blickte ihm vom Fenster aus nach. „Wie lieb er mich hat, der gute Victor", dachte sie, und als er sich umwandte, warf sie ihm eine Kußhand zu, „wie glücklich könnten wir sein, wären die Geschwister nicht." Bald darauf trat Jnez ein. „Ich suchte Victor und glaubte seine Stimme zu vernehmen. Wie geht es dem Erben von Chateron Royals?" Auch sie bemerkte die Amme nicht und beugte sich mit ihrem gewöhnlichen höhnischen Lächeln über das Kind. „Ob er wohl wirklich der Erbe von Chateron Royals ist? Ich lese eben Walter Scott's „Ehegesetze" und hege meine Zweifel. Wenn Sie Juans Frau sind, können Sie nicht Victors Gattin sein, folglich kann die Legitimität seines Sohnes ange—" Sie endete den Satz nicht. Es war der letzte Tropfen in dem überschäumenden Becher, eine Beleidigung, die nicht zu ertragen war. Mit feuersprühenden Augen trat Lady Chateron vor sie hin. „Sie haben Ihre letzte Bosheit verübt. Unter diesem Dache sollen Sie mir keine weitere Kränkung anthun. Ich bin Sir Victors Gattin und die Herrin von Chateron Royals, das Sie morgen verlassen werden. Sobald mein Mann wiederkommt, gehen Sie oder ich auf Nimmerwiederkehr." (Fortsetzung folgt.) — Die Bayerische Landesausstellung zu Nürnberg. (Mit Illustrationen.) (Schluß.) Die Gebäude sind aus Holz aufgeführt, mit Stuck bekleidet und mit plastischem Schmuck versehen. Bei letzterem zeigt sich ein wohlthuender Einfluß der modernen Richtung. Der Stil ist eine glückliche Modification des Barocks. Das Ganze macht einen ruhigen, harmonischen Eindruck, was wohl auch dem Umstand zuzuschreiben ist, daß die Entwürfe von einem einzigen geschickten Künstler, dem Director des Bayerischen Gewerbemuseums v. Krämer in Nürnberg, herrühren. Abseits von diesem Gebäudecomplex müssen wir im Park noch zwei officielle Bauten, die Kunsthalle und das Armeemuseum, welch' letzteres eine wohlgeordnete Sammlung von Waffen und Uniformstücken enthält, suchen. Von ersterem Gebäude lassen die umgebenden Bäume kaum mehr als die hohe Kuppel und das stilvolle Atrium sehen. Das Armeemuseum, das der Zeichner gleichfalls im Bilde festgehalten hat, ist zwar von bescheidenem Umfang, zeichnet sich aber durch reizende Architektur aus. Die officiellen Ausstellungsgebäude bedecken eine Fläche von 44,000 Quadratmeter. Und nun zu den leiblichen Genüssen! Für diese sorgt eine hinreichende Anzahl von Kosthallen, Restaurants, Cafes und Conditoreten, schmucke und zum Theil sehr ausgedehnte Bauten, die, von Gruppen mächtiger Bäume eingeschlossen, im Park verstreut liegen. Daß in Bayern in erster Linie für die Biertrinker gesorgt wird, ist selbstverständlich. Die Bterhallen sind deßhalb, wie aus den vorstehenden Abbildungen ersichtlich, nicht nur schmuck, sondern auch recht geräumig; sie vermögen Tausende von Durstigen zu fassen. Das originellste Gebäude dieser Art ist aber ohne Zweifel das Weinhaus, das einen von der Zeit arg mitgenommenen Rittersitz, der aus einem Kloster hervorgegangen zu sein scheint, vorstellt. Die ganze Ausstellung trägt einen vornehmen Charakter, und zwei größere Privatunternehmen, eine künstliche Eisbahn und ein trefflich gemaltes Panorama der Schlacht von Bazeilles, die sich in ihrem Gebiet befinden, thun ihr durchaus keinen Abbruch. Nürnberg, im Juli. Oskar Heinrich. Das Geheimniß von Dillingeu. *) (19. Juli 1796.) Von Heinrich Leher. Das Jahr 1796 brachte für Bayern schwere Schicksalsschläge: unser theureS Vaterland wurde überschwemmt von den französischen Heeren; Plünderungen, Brandschatzungen, Raub und Mord, kurz alle Drangsale des Krieges ergossen sich über seine Gefilde. Die politische Lage ist die denkbar traurigste und jämmerlichste. Es fehlt nicht an Lichtblicken, das sind die Ruhmestage von Amberg und Würzburg, an denen Oesterreichs siegreicher Held, Erzherzog Karl, die französischen Heere besiegte und Franken und Bayern von seinen Drangsalen befreite. Heute sei in Kürze des hundertjährigen Gedächtniß- tages eines merkwürdigen Ereignisses erwähnt, welches wohl heute vollständig vergessen ist. Der Schauplatz desselben war die damals der Herrschaft des Fürstbischofs von Augsburg unterstehende Stadt Dillingen; das Datum der 19. Juli 1796. An diesem Tage wäre das gute, harmlose Dillingen bald Zeuge der blutigen Szene eines Königsmordes geworden. Ludwig XVI. von Frankreich hatte sein edles Haupt auf dem Schafott verloren; sein Sohn, der Dauphin, in der Geschichte als Ludwig XVII. vorgetragen, war von dem Schuster Simon zu Tode mißhandelt worden. Erbe der Krone Frankreichs und dessen König war der Bruder Ludwig's XVI., der Gras von Provence, als Ludwig XVIII. geworden; er irrte als Flüchtling in Italien und deutschen Landen umher. Insbesondere war es der Kurfürst von Trier, der sächsische Prinz Clemens Wen- zeslaus, der zugleich Fürstbischof von Augsburg war, welcher ihm Zufluchtsstätte bot. Das Vordringen der republikanischen Heere im Frühjahr 1796 nöthigte den König bald, vom Nheine zu fliehen; er begab sich zuerst zur kleinen Armee, welche mit englischen Hilfsquellen Prinz Conde um sich gesammelt hatte, verließ aber dieselbe in Villingen, als die Nachricht erneuter Niederlagen der Oesterreicher eintraf. Als passender Zufluchtsort erschien zunächst das Augsburger Gebiet, welches, wie bereits erwähnt, ebenfalls dem Kurfürsten von Trier gehörte, mit welchem Ludwig XVIII. in innigster nächst- verwandtschaftlicher Beziehung stand. Die Mutter Ludwigs XVIII., Maria Josefa, war eine Schwester Friedrich Augusts III., Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, dessen Sohn Kurfürst Clemens Wenzeslaus war. Am 19. Juli Abends -^10 Uhr traf Ludwig XVIII. im strengsten Inkognito, nur von drei Dienern begleitet, *) Wir entnehmen diese interessante Skizze der von Herrn Heinrich Leher trefflich redigirten Zeitschrist „Das Bayerland". Verlag vcn R. Oldenbourg in München. 491 in Dilltngen ein und nahm seinen Abstieg in dem heute noch bestehenden Kasthofe zum „goldenen Stern". Es wimmelte in Dillingen von Emigrierten; auch der Bruder des Königs, der Graf von Artois, der später als Kart X. den Thron von Frankreich bestieg, war daselbst angekommen. Der König blieb, wie bereits gesagt, im strengsten Inkognito; keine der Behörden von Dillingen wußte, welch' ein hoher Gast in den Mauern der Stadt verweile. Wir folgen bei Darstellung der Ereignisse des Abends dem Berichte, welchen der Herzog von Villequier dem im Lager zu Ueberlingen stehenden Prinzen von Conds erstattete. Der Herzog schreibt: „Der König arbeitete den ganzen Nachmittag in seinem Gasthause zunächst mit dem Grafen von Avaray, den er mit verschiedenen Briefen als Gesandten fortschicken wollte. Der Graf wollte soeben Se. Majestät den König verlassen, um sich in seine Gemächer zu begeben; es war etwa 10 Uhr Abends. Der König, müde von der Arbeit und von der Hitze, begab sich mit dem Herzog von Fleury ans Fenster. Der Mond schien helle, sein Licht fiel zwar nicht auf daS Haus, aber die hinter dem König auf dem Tische stehenden Kerzen beleuchtetenscharfdessen Haupt. Der König stand ungefähr eine Viertelstunde am Fenster, als plötzlich ein Schuß krachte, der aus einem gegenüberliegenden Bogengänge abgefeuert worden war. Die Kugel traf den König dicht am Scheitel, schlägt in die Mauer und fällt dann ins Zimmer. Auf die Bewegung des Königs schreit der Herzog von Fleury um Hilfe, der Herzog von Gramont läuft herbei, der Graf Fuße; sie glauben, ihr O Gasthof „zum goldenen Stern" in Dillingen. StStle des Attentate» auf König Kudwig XVUl. von Avaray folgt ihm auf dem Gebieter sei tödtlich verletzt, da sie sein Gesicht mit Blut überströmt sehen. Der König aber sagt ganz ruhig: „Meine Freunde, es ist nichts, gar nichts! Ihr seht, daß ich noch aufrecht dastehe, obwohl der Schuß dem Kopie galt." Es war im ersten Augenblicke kein Chirurg da, der des Königs war noch in Ulm beim Train der Armee. Man mußte das Blut stillen, das Haar wegschneiden, um die Tiefe der Wunde messen zu können; es war dies die Aufgabe der drei Kammerdiener Ludwigs, der bei der Operation ganz ruhig blieb und sogar scherzte. Bald darauf erschienen Arzt und Chirurg aus der Stadt und legten den ersten Verband an; um 4 Uhr Nachmittags des nächsten Tages kam der Leibarzt des Königs, der die getroffenen Anordnungen billigte und folgendes Bulletin ausgab: „Die Kugel war gegen den Obertheil des Kopfes gerichtet, die Schädeldecke ist leicht gestreift; der Patient hat kein Fieber; die Verwundung wird ohne ernste Folgen bleiben. Colon, Chirurg des Königs." Es wird folgende Bemerkung des Königs notirt. Als einer der Diener rief: „Ach, mein Herr und Gebieter, wenn der Elende nur ein Haar tiefer gezielt hätte!" „Dann, mein Freund", antwortete kalt Ludwig XVIII., ,dann würde der König von Frankreich heute KarlX. heißen." Militär- und Zivilbehörden von Dillingen haben sich aufs vorzüglichste benommen, sich dem Dienste des Königs und den Nachforschungen nach dem Mörder rastlos hingegeben, letzteres allerdings ohne Erfolg." Diese Bemerkungen sind um so wichtiger, als sie aus dem Munde eines Zeitgenossen die späteren Vorwürfe widerlegen, welche gegen die Behörden Dtl- ltngens erhoben wurden. Die Angaben des Herzogs von Villequier bestätigen in ausgedehntestem Maße, was Professor Dr. Englert im Jahre 1891 auf Grund genauer archiva- lischer Forschungen neuerdings darlegte: die Zurückweisung späterer, gehässiger französischer Berichte, welche die Stadt als einJakobiner- nestschilderten, indem der König aufs unhöflichste empfangen worden wäre, der Magistrat habe die Mörder, Jakobiner, welche dem Fürsten von Landau aus durch den damaligen Konvent nachgeschickt worden seien, in böswilligster Weise entschlüpfen lassen. Der Gastwirth habe zum Andenken des Frevels das Fenster, wodurch die Kugel eindrang, mit einer gelben Glasscheibe versehen und nicht erlaubt, den Fußboden vom Blute zu reinigen. Von allen diesen Behauptungen ist nur die erstere wahr, die gelbe Glasscheibe. Dieses geschah nicht aus Sympathie mit den Jakobinern, sondern aus Interesse für die historische Begebenheit. Das Loch, durch welches die Kugel drang, war bis vor wenigen Jahren - 492 noch vorhanden. In Wirklichkeit thaten die Behörden von Dillingen alles, was in ihren Kräften stand; diePolizei erfuhr erst durch das Attentat, daß der König von Frankreich in Dillingen weile. Sie machte sofort Anzeige bei der fürstlichen Regierung, und noch um Mitternacht wurden die Mitglieder derselben zusammenberufen, um die nöthigen Maßregeln zu berathen. Der Stadt- und Gerichtsarzt nebst einem Chirurgen wurde zur Untersuchung und Hilfeleistung zum König beordert und eine eigene Regierungskommission, bestehend aus einem Oberpolizeikommissär und zwei Regierungsräthen, bestellt, welche nicht nur die gehörige Untersuchung pflegen, sondern auch Maßregeln treffen sollte, wie der Thäter entdeckt und verhaftet werden könnte. Der Stadtkommandant Gardekapitain v. Schütz wurde beauftragt, eine eigene Wache im Gasthof aufzustellen und niemand ohne vorherige Erlaubniß und Untersuchung in denselben einzulassen. Die Stadtthore wurden sogleich gesperrt und mit Wachtposten umstellt; in der Stadt selbst zogen Patrouillen von Bürgern und Militär herum, um etwaige Gefangene festzunehmen. — Die Mühe war vergebens, der Attentäter blieb unbekannt, der Mordanschlag von Dillingen zählt heute noch zu den unenthüllten Geheimnissen der Geschichte. -- Allerlei. Durch die elektrisch geladenen Accumula- toren ist es nunmehr möglich, eine irgendwo in der ^ Welt vorhandene Kraft wie sonst eine Waare, in eine ! Kiste verpackt, beliebig anderswohin zu senden und daselbst zur Wirkung zu bringen. Einen interessanten Beleg dafür gibt uns eine Mittheilung vom Patent- und techn. Bureau von Richard Lüders in Görlitz. Auf die Welt- Ausstellung zu Chicago hatte die Stadt Venedig eine Anzahl der charakteristischen venetianischen Gondeln gesandt, welche, auf den Teichen und Kanälen des Aus- stellungSparkes fahrend, allgemeines beifälliges Aufsehen erregten. Als Gegenleistung hat nun die Ausstellungs- Commisfion den Venetianern eine schöne, durch elektrische Accumulatoren betriebene Bark als Präsent übermittelt, deren Accumulatoren auf den Niagarafall-Werken, wo bekanntlich die riesige Wasserkraft in Elektrizität umgewandelt wird, geladen wurden. Es ist also schließlich die Kraft des Niagarafalles, welche dann auf den Kanälen Venedigs die Gondel bewegt — gewiß eine technische Errungenschaft, von der man sich vor dreißig Jahren nichts hätte träumen lassen. * R Der Tabak kann in diesem Jahre auch ein Jubiläum feiern. Es war im Jahre 1496, als ein spanischer Mönch, Roman Pano, der sich der EntdeckungsExpedition des Christoph Columbus angeschlossen hatte, auf Domingo den Tabak kennen lernte und über diese Pflanze und ihre Verwendung bei den Eingeborenen den ersten Bericht nach Europa gelangen ließ. Der Tabak galt anfänglich als Arzneimittel, bald aber wurde er auch zum Rauchen — Tabaktrinken wurde es genannt — verwendet. Es sind somit 400 Jahre verflossen, seit das Labsal der Raucher, Schimpfer und — Kauer in Europa seinen Einzug gehalten hat. * Ihr Grund. Mutter: „Das war recht unartig von Dir, Edith, uns zu unterbrechen, als ich gestern Abend mit den Damen sprach. Du mußt stets warten, bis wir schweigen, dann darf auch ein Kind einmal reden!" — Edith: „Ja, Mama, das hab' ich auch versucht, aber .Ihr schwiegt ja niemals still!" * Geschäfts-Variante. Kleine Reparaturen erhalten die Kundschaft. -- Aus der „Nachfolge Khristi"?) Eitelkeit ist's, Reichthum suchen Und auf ihn die Hoffnung setzen; Eitelkeit, nach Lobe trachten, Ruhm und Rang und Ehrenplätzen. Eitelkeit ist's, auf des Fleisches Lust und Leidenschaft zu hören Und was sich durch schwere Strafe Später rächet zu begehren. Eitelkeit ist's, langes Leben Sich zu wünschen, statt ein gutes; Immer nur für's Jetzt zu sorgen, Um die Zukunft leichten Muthes. Eitelkeit ist's, das zu lieben, Was verweht wie Wind, der schauert, Aber nicht dahin zu trachten, Wo die Freude ewig dauert. *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.-, Salonband M. 4.50. InisnniLtzionalss IVlSistSn-ststunniSi' in ZinrnIberK. Wir tbeilen einige interessante partieen aus diesem Neister-I'uinisre mit. (blaebdruelc verboten, da das Ueebt der Publication von dem Lcbaebclub blnrnberA vorbsbalten rvurde. U. Red.) I. do Weiss: (Wmsrilra). 8ebvvarr: (Rußland). dL rS Weiss: SieinilL (Amerika). 8 e b vv a r r: I-sskei» (blnAland). i e2-et e7—e6 24 8. I3XIR2 1. e4 - b4 2 d2-d4 d7-d5 25 12—13 1. b4Xb2 3 8. bl—d2 e7-c5 26 v. b6—e7 1'. 1,2-bl-s 4 d4>(e5 In I8XeS 27 L. ssl-12 v. 1,5-b4f 5 8. d2—b3 In e5-b6 28 v. e7—§3 v. !,4>