/L 65. Kreitag, den 7. August 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag d-S Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau V.Berlepsch. (Fortsetzung.) Die Amme wurde ganz vergessen. Einen Moment wich auch Jnez zurück vor dem Sturm, den sie heraufbeschworen; dann begegnete sie trotzig den zornfunkeln- den Augen. „Nicht alle Seifenfkederstöchter aus ganz England sollen mich aus Chateron RoyalS vertreiben. Es war meine Heimath zu einer Zeit, wo man Sie nicht als Küchenmagd hereingelassen hätte. Ich bin Jnez Chateron, und nicht alle Dobbs, die je den illustren Namen getragen, werden mich fortbringen. Gehen Sie doch, wir wollen sehen, wer in Chateron Noyals gebietet!" Zürnend rauschte sie aus dem Zimmer, und Jane Pool, die Amme, die bereits zuviel gehört zu haben glaubte, stahl sich leise zur anderen Thür hinaus und begab sich in die Gesindestube, wo sie im Vertrauen die eben erlebte Scene einer Freundin mittheilte. Eine halbe Stunde brauchten sie, das Thema zu diskutiren, dann erhob sie sich, um das Kind für die Nacht herzurichten. Sie pochte an die Thür des Kindszimmers. Keine Antwort. Zweifellos war die Dame fortgegangen. Jane Pool trat ein und fand sie, zu ihrem Erstaunen, am weit geöffneten Fenster, umflossen vom Mondlicht, schlafend im Fauteuil. Die Amme schlich näher. Ladh Chateron war bleich, ihre Lippen bebten, die Wimpern waren noch thränennaß. Sie hatte sich in den Schlaf geweint. „Armes Ding", flüsterte Jane Pool, „'S ist eine Schwach, daß Sir Victor seine Frau von Miß Chateron so quälen läßt, ich möchte um keinen Preis der Welt an ihrer Stelle sein." Die ganze Dienerschaft liebte und bedauerte die schöne junge Herrin. : Leise legte die Amme einen Shawl um die Schulter der Schlafenden, nahm das Kind und schlich aus dem Zimmer. Bis sie den kleinen Victor gespeist und zur Ruhe gebracht hatte, verging wieder etwa eine halbe Stunde. Die Thurmuhr verkündete ein viertel nach sieben Uhr, als Jane Pool die Treppe herabkam. „Ladh Chateron könnte sich erkälten, 's wird besser sein, ich wecke sie auf", sagte sie sich. Während sie zaudernd vor der Thüre stand, öffnete sich diese, und Miß Chateron kam heraus. Sie war auffallend bleich und sah in dem rothem Tuche, das sie um sich geschlungen, wahrhaft dämonisch aus. „Was wollen Sie hier?" fragte sie stolz, „wo ist das Kind?" „Es schläft, und ich wollte die gnädige Frau wecken, der Zug möchte ihr schaden." „Lassen Sie Mylady in Ruhe und kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten", entgegnete Miß Chateron scharf, „sie schläft noch und Sie haben sie jedenfalls nicht zu stören!" Jane Pool gehorchte. „Wollte Gott, sie würde morgen fortgeschickt, aber ich hege meinen bescheidenen Zweifel." Mit diesem Gedanken begab sie sich wieder in die Gesindestube, wo sie Lady Chaterons Zofe traf, die eben mit der Haushälterin Thee trank. Sie erzählte, was sie soeben erlebt. „Was that Miß Chateron drinnen?" fragte die Zofe, „gewiß nichts Gutes. Sie haßt Mylady wie Gift. Ich fürchte aber das Fräulein nicht und werde meine Herrin aufwecken." Sie ging und pochte, wie die Amme gethan. Wieder erfolgte keine Antwort. Sie schlich hinein. Hoch am Himmel leuchtete der Mond und tränkte Mit seinem Licht das Zimmer. Noch stand der Fauteuil am offenen Fenster, und Lady Chateron saß regungslos darin. „Mylady", sprach Mary leise, „bitte, stehen Sie auf." Keine Antwort. Keine Bewegung. Sie beugte sich über sie. „Bitte, Mylady, Sie könnten sich zu Tode erk—" Sie stieß einen herzzerreißenden Schrei aus. Um sie zu wecken, hatte sie die Haud auf jene der Dame gelegt und sprang entsetzt zurück. Ja sie schlief — den Schlaf, der kein Erwachen kennt. Sir Victors schöne Gemahlin lag im Mondschein — todt. Todt! Blut klebte an dem weißen Kleide, dem blauen Shawl, an Marh's Hand, Blut, das langsam unter der linken Brust hervorquoll. Meta Lady Chateron lag todt und kalt vor ihr — tückisch ermordet. 7. Kapitel. Im KindSzimmer. Einen Augenblick steht sie wie gelähmt, ihr Schrecken findet leinen Laut, dann stürzt sie hinaus wie wahnsinnig unter die entsetzte Dienerschaft. „Ermordet!" schrie sie auf. Alles umdrängt sie und fragt. Ihre einzige Antwort ist: „Ermordet!" „Wer ist ermordet? Was? Wen meinst Du?" tönte es untereinander. „Mylady! Mylady!" Sie geberdet sich wie wahnsinnig, an ihrer Hand klebt Blut und mit schrecklichem Schrei sinkt sie bewußtlos nieder. „Mylady?" flüsterten die Uebrigen entsetzt, „ermordet ?" „Laßt uns nachsehen", sprach Mr. Hooper mit Amtsmiene, „wir müsser erfahren, was sie meint." „Mylady war im KindSzimmer", bemerkte die Amme. An der Schwelle zögern sie einige Sekunden, ihr Muth nimmt ab. Und doch ist nichts Erschreckendes da, nur das silberne Mondlicht und die regungslose Gestalt im Fauteuil. Warum hält ein Grauen sie zurück? „Gehen wir hinein, im Namen Gottes", sprach Hooper mit bebender Stimme, „es kann ja nicht sein, wie sie sagt, o, mein Gott, nein!" Vorwärts schleichen sie, als fürchteten sie, die Schlä- ferin zu wecken, die nur des jüngsten Tages Tuba aufschrecken wird. Athemlos beugten sie sich über sie. O, Himmel, es ist Blut auf dem Kleide, aus dem Teppich, es tropft langsam aus der Todeswunde. Der alte Hooper nimmt ihre Hand zwischen die bebenden Finger; des Todes Marmorkälte hat sich ihrer bereits bemächtigt. Nie hat ihr Antlitz schöner, ruhiger, friedensreicher ausgesehen, als im zauberischen Strahl des Mondes. Aschgrau richtete sich der Alte auf. „Es ist wahr", stöhnte er, „sie ist todt, ermordet." Schluchzend bedeckt er sein Gesicht. „Wer wird eS Sir Victor sagen, o mein lieber, junger Herr!" Niemand spricht. Vor Schrecken sind alle wie gelähmt. Ermordet in ihrer Mitte, in ihrem friedfertigen Hause. Endlich fragte eine dumpfe Stimme: „Wo ist Miß Jnez Chateron?" Niemand weiß, wer spricht, Niemand kümmert sich darum, Niemand wagt zu antworten. „Wo ist Miß Jnez Chateron?" lautet die Frage weiter. Etwas in dem Tone, etwas in der folgenden Stille scheint den Alten aufzuraffen. Seit seinem zehnten Jahr war er in Chateron Royals, die Ehre der Familie ist die seine. Er wendet sich zürnend. „Wer war das? Natürlich weiß Miß Jnez nichts davon!" Niemand hat sie beschuldigt, aber unbewußt vertheidigt er sie schon. ' «Uebrigens muß man es ihr sofort mittheilen, und sich will das selbst thun. Zieh' die Gardinen zu, Eduard, «nd zünde Licht an." Er verläßt das Zimmer. Me- Kanisch gehorcht der Diener. Niemand sonst bewegt sich? Doll strömt das Licht aus die bleiche Gestalt, die furchtbare Wunde. v . Der Hausmeister begab sich zu Miß Chateron. Möchte sie noch so stolz und hochfahrend sein, ihm war^ sie zu theuer. Er trug sie oft auf den Armen, ein kleines, lachendes, schwarzäugiges Kind. Bange Fuxcht erfüllt ihn. „Sie haßt Mylady", dachte er, „alle Welt weiß das. Was wird sie sagen, wenn sie die grause Kunde hört?" Er klopfte. Keine Antwort. Er klopfte wieder und fragte: „Sind Sie innen, Miß Jnez, so öffnen Sie um'S Himmelsvillen l" „Herein!" antwortete eine Stimme. Er weiß nicht, ob es Jnez' Stimme ist. Das Zimmer ist dunkel, selbst das Mondlicht erhellt es nur schwach. Eine Gestalt sitzt oder kauert vielmehr am Fenster wie aufgelöst vor Schmerz. Er erkannte das Haar, das rothe Luch, das Gesicht kann er nicht sehen. „Ich bringe böse Zeitung, Miß Jnez", spricht Hooper bebend, „ein Mord wurde vollbracht!" Keine Antwort. Wenn sie hört, achtet ste's nicht. Schweigend blickt sie hinaus in die Nacht. „Hören Sie mich, Miß Jnez?" frug er wieder. „Ich höre Sie." Wie Eis fällt es von ihren Lippen. Das schwache Auge wendet sich nicht vor» Fenster, die Hand umklammert den Stuhl. „Mylady ist todt, wurde grausam ermordet, o Miß Jnez, was ist zu thun?" Keine Antwort. Ihre Lippen bewegten sich sprachlos. Des treuen Dieners Herz erfüllt furchtbare Angst. „Sie müssen kommen, Fräulein", ruft er schmerzlich, „man erwartet Sie unten. Es ist Niemand da als Sie, Sir Victor ist fort und —" Seine Stimme bricht, er weint wie ein Kind. „O mein armer, junger Herr!" fährt er schluchzend fort, „ey liebt jeden Fleck Erde, den ihr Fuß berührt. O, wer soll es ihm sagen?" Sie erhebt sich mühsam, als wäre sie steif und kalt, aus ihren Augen spricht Schrecken, ihr Gesicht ist geisterbleich. „Wer soll es Sir Victor sagen?" wiederholte der Alte, „der Schrecken wird ihn tödten. So hübsch und jung, so lieb und gut! O, wer konnte das thun, wer konnte es?" Jnez wollte sprecyen, die bleichen Lippen aber schienen kein einzig Wort bilden zu können. „O, sagen Sie, was zu thun ist, Miß Jnez, NUN sind Sie die Herrin." ' Sie bebt wie geschlagen zurück. „Sollen wir nach Sir Victor schicken?" „Ja", flüsterte sie, „schicken Sie nach ihm." Es ist nicht ihre Stimme, entsetzt sieht sie der Alte an. „Wollen Sie nicht mit herunterkommen, Fräulein?" Er fürchtet eine Abweisung, sie aber weigert sich nicht. Die Dienerschaft steht gedrängt im Zimmer. Schreckliche Ruhe lastet auf Allen. Als Miß Chateron eintritt, heftet sich jedes Auge auf sie. Sie sieht nichts. Wie im Traume nähert sie sich und blickt auf die todte Gebieterin von Chateron Royals. Weder Mitleid noch Thränen hat sie. Lange steht sie so kalt und äußerlich ruhig, und es heften sich so drohende Blicke auf sie, daß Hooper es für gut findet, sich vor sie hinzustellen. „Geben Sie Ihre Befehle, Miß Jnez", fleht er, „soll ich sofort nach Sir Victor schicken?" ^ ' «Ja, thun Sie das, schicken Sie auch nach CheS- — 495 hol« UM einen Arzt und lassen Sie auf der Polizei Anzeige erstatten." «Auf der Polizei?" „Natürlich", entgegnete sie schroff, „ein Mord wurde begangen, der Mörder muß gefunden werden." Ihr alter Stolz kehrte etwas zurück. „Das Zimmer soll nun geräumt werden, Niemand berühre die Leiche, bis Sir Victor kommt. Eduard, reiten Sie, so schnell Sie können, nach Powys Place." „Und soll ich's Sir Victor sagen?" »Ja, sagen Sie's ihm." Er geht. Sie wendet sich an einen Andern. „Und Sie reiten nach Chesholm, holen Doctor Done und benachrichtigen die Polizei. Die Uebrigen gehen. Wo ist das Kind?" „Oben im Schlafzimmer", antwortete Jane Pool mürrisch. „Gut, gehen Sie hinauf und bleiben Sie bei ihm. 'Ich begebe mich auf mein Zimmer; wenn Sir Victor kommt, wird er weitere Befehle ertheilen, ich kann nicht mehr thun." Sir ging. Bedeutungsvoll sah ihr die Amme nach. „Nein", zischte sie, „Sie haben genug gethan." „Sill, Jane", flüsterte Mary angstvoll. Es war noch keine direkte Anklage, aber sie verstanden sich. „Wirst sehen, ob ich schweige, wenn die Zelt zum Sprechen kommt. Was hat sie fünfzehn Minuten, ehe Du die Herrin todt fandest, im Kindszimmer zu thun? Warum wollte sie mich nicht hineinlassen? Weshalb log sie, die gnädige Frau schlafe noch? Schlafen! Armes Ding: daß sie hier so grausam ermordet werden sollte, während wir uns unten freuten. Und hätte ich nicht das Kino fortgenommen, es wäre-" O Jane!" „'S ist doch so. Die die Mutter getödtet, haßt das Kind. Wenn die Zeit kommt, rede ich, und wäre sie tausend Mal eine Lady." „Sprich nicht so, Du machst mir das Blut erstarren." „Und, Mary, wo ist der Dolch?" «Welcher Dolch?" „Der Dolch mit dem goldenen Griff und dem großen Nubin, den Mylady als Papiermesser benutzte? Ich schwöre, ich sah ihn im Mondlicht funkeln, als ich das Kind forttrug, wo ist er jetzt?" „Fort? O, Jane, glaubst Du —" „Sie ist ins Herz getroffen, und es ist nicht viel Blut da. Das teuflische kleine Ding hat die That vollbracht, und es lag bereit, als hätte es der Satan hingelegt. Arme Lady Chateron, daß ihr Spielzeug ihr das Leben nehmen wußte!" Während sie so im Zimmer flüsterten, kauerte Jnez im Stuhl und preßte die Hände vor's Gesicht. Todten- stille herrschte im ganzen Hause, und sie starrte regungslos vor sich hin, bis es elf Uhr schlug und Rosseshufe die Allee entlang dröhnten. Schauder durchzitterte sie, sie hob das bleiche Antlitz. Dir Ruhe vor dem Sturm war vorüber. Sir Victor Chqjeron war angekommen. 8. Kapiiel. In der Dunkelheit. ^ Eduard galoppirte nach Powys Place. In Mond- fluihcn gebadet lag das stolze Schloß bald vor ihm. Nur die oberen Fenster, wo der Kranke ruhte, waren beleuchtet. In einem schwach erhellten Zimmer schlief Sir Victor auf dem Sopha. Zwei Stunden haite er am Krankenbette gewacht und sich dann auf der Tante Bitten zur Ruhe begeben. Plötzlich hörte er seinen Namen und fuhr erschrocken auf. War die heisere Stimme die der Tante? Was bedeutet ihr todtenbleiches Gesicht? Er sprang auf und starrte sie an. „Victor!" rief sie klagend, „o, warum sandte ich nach Dir in dieser schrecklichen Nacht! Meta —" Ihre Stimme versagte. „Meta? Was ist mit ihr?" Sie verhüllte das Gesicht und brach in Weinen auS. Der Bediente trat vor. „Sagen Sie's, Eduard, ich kann es nicht." „Ich bringe schreckliche Kunde", begann derselbe, „und weiß nicht, wie ich's Ihnen mittheilen soll, Sir Victor; aber ich fürchte, Mylady ist todt." „Todt?" wiederholte er mechanisch und stierte den Sprecher an. „Todt, Sir Victor, ermordet!" Ohne Antwort flog der Baron wie ein Blitz zwischen ihnen durch und wie wahnsinnig die Treppe hinunter. Lady Helena und Eduard eilten ihm nach, ehe sie aber den Hof erreichten, jagte er schon auf des DienerS Pferd dahin. Sie riefen ihn, er achtete es nicht, wie toll stieß er dem Pferde die scharfen Sporen in die Flanken und sauste pfeilschnell davon. „Folgen Sie ihm und suchen Sie ihn einzuholen", gebot Lady Helena, „o mein Gott, wer kann es gethan haben? Wissen Sie gewiß, daß es kein Irrthum ist?^ „Ich weiß es gewiß, ich sah die Leiche." Händeringend wandte sich die Dame von ihm ab. „Satteln Sie mein Pferd und eilen Sie ihm nach, ich folge bald." Sie begab sich zu ihrem Gatten, der sich bereits wieder besser befand und ruhig einige Stunden der Wärterin anvertraut werden konnte. Um ein Uhr Nachts kam Lady Helena nach Chateron Royals. Mondumglänzt strebten die schlanken Thürme himmelan, krystallen funkelten die Bogenfenster, friedvoll lag die Gegend — und hier war ein Mord begangen worden! Beim Eintritt inS Schloß begegnete ihr die Haushälterin, und der Anblick der rothgeweintcn Augen ließ die schwache Hoffnung, es mochte ein Irrthum vorliegen, ersterben. „Jst's wirklich wahr?" MrS. Marsh antwortete durch einen Strom von Thränen. Sir Victor liebenswürdiges Weib halte aller Herzen gewonnen. „Es ist wahr! Der Herr erbarme sich unser; im eigenen Hause, in Mitte ihrer Dienerschaft wurde sie ermordet. Mir ist, als hätten wir alle Theil an der Schuld. Warum weckten wir sie nicht oder schloffen das Fenster! Das Scheusal kam doch durch daS Fenster herein. Ich wollte Sie sprechen mit der Amme; Lady Powys", fuhr sie leise fort, „sie macht schreckliche Andeutungen. Es liegt am Tag, daß sie Miß Jnez im Verdacht hat." „Großer Gott!" rief die Dame zurückbebend. »Ich sage es ja nicht, behüte der Himmel. Jane — 496 — Pool aber haßte Miß Jnez von Anbeginn und liebte Mylady. Man mußte sie ja lieben, die arme junge Frau, sie hatte ein gutes Wort und ein freundliches Lächeln für Jeden. Und Sie kennen Miß Jnez, gnädige Frau, sie ist stolz und hochfahrend. Der Amme Gerede aber könnte ihr schaden." Stolz richtete sich Lady Helena auf. „Ich werde nicht mit ihr sprechen, Jane Pools Argwohn kann meiner Nichte nicht schaden. Die bloße Annahme ist Beleidigung. Miß Chateron, daß ich so etwas nur sagen muß, ist über jeden Verdacht erhaben." „Ich glaube es ja, aber ich möchte doch, daß Sie Mit der Amme sprechen. Sie wissen nun alles, Lady Powys, Jane sah Miß Jnez eine Viertelstunde, bevor wir die Dame todt fanden, aus dem Kindszimmer kommen, sie wollte hinein, Miß Jnez duldete es nicht. Inspektor Darwin ist schon hier, die Amme muß ihm einen Wink gegeben haben, denn er beobachtet Miß Jnez in einer Weise, die mir das Blut erstarren läßt." „Stillt" rief Lady Helena, „ich will kein Wort Mehr hören; wo ist Miß Jnez?" „In ihrem Zimmer, und verzeihen Sie meine Kühnheit, Mylady, aber ich glaube, sie argwöhnt. Anfangs war sie wie niedergeschmettert, jetzt gleicht sie mehr wieder sich selbst. Wollen Sie nicht erst die Todte sehen und Sir Victor?" Lady Helena erbleichte. „Ist Sir Victor bei ihr?" „Ja, und er sieht aus wie blödsinnig, ich fürchte wich, ihn anzusehen. Wenn er nur spreche, weinte, oder dem Mörder nachspürte, aber er fitzt wie versteinert da." „Wo ist sie?" „Im weißen Salon. Die Doktoren haben sie dahin gebracht, und Sir Victor ist allein bei ihr." Lady Helena ging. An der Thüre zögerte sie, um sich für den Anblick zu stärken. Der Salon war mit Wachskerzen erleuchtet, auf einer improvisirten Bahre lag eine verhüllte Gestalt. Daneben saß Sir Victor beinahe ebenso regungslos, kalt und bleich. Sein Auge war auf die Leiche gerichtet mit einem leeren Blick, der das Blut erstarren machte. „Victor!" rief die Tante entsetzt, „um Himmelswillen, sieh mich an." Sein stieres Auge hob sich voll namenloser Verzweiflung zu ihr. „Sie ist todt" — stöhnte er, „todt — und ich verließ sie wohl und glücklich, damit sie ermordet würde — ermordet I" Schwer fielen die Worte von seinen Lippen, dann sah er wieder auf das Leichenantlitz und versank in dumpfes Brüten. Mit steigender Angst betrachtete sie ihn. Hatte seines Weibes Tod ihn verrückt gemacht? '„Victor, ermanne Dich! Deine Meta wurde ermordet, geh' und suche den Mörder!" „Ihren Mörder?" sprach er, unnatürlich ruhig, „ihren Mörder? Ist es nicht seltsam, daß Jemand es vermochte, sie zu tödten? Ich muß den Mörder finden. Himmel! was hilft mir der Mörder, der bringt sie nicht wieder zum Leben. Sie ist todt, sag' ich — todt!" Er kniete neben die Leiche, zog die Hülle zurück und deutete auf die kleine Stichwunde. - i^Steh", klagte er, '„durch'S Herz, mitten durch's Herz. Sie litt nicht, sagen die Doktoren. Durch's Herz» als sie schlief. O mein Liebchen, mein gutes Weib!" Er küßte die Hände, das Haar, zog stöhnend die Hülle wieder über die Leiche und begrub das Gesicht darin. „Laß mich allein!" schrie er wild auf, „mein war sie im Leben, mein allein! Juan log; mein ist sie auch im Tode, mein Weib, meine Meta!" Lady Helena zögerte. Plötzlich sprang er auf Mit hochgeröthetem Gesicht. „Verlasse mich, sage ich, weshalb kommst Du hierher? Verlasse mich, ich befehle es. Hier bin ich Herr I" Entsetzt wich sie zurück. Ihre gräßliche Furcht begründete sich; der Schlag hatte Sir Victors Geist zerrüttet, man konnte nichts thun als gehorchen und ihn besänftigen. „Ich will ja gehen, lieber Victor, sag' mir nur, ob man nach ihren Eltern schicken soll?" „Nein, sie können sie nicht wieder zum Leben bringen. Niemand kann es. Ich brauche sie nicht, brauche Niemand. Meta ist mein, sag' ich, mein allein!" Er machte eine gebieterische Bewegung, und Lady Helena ging. Wie sollte all' das enden? Der geheim- nißvolle Mord, der schreckliche Verdacht gegen Jnez, des Neffen Geistesstörung. „Gott steh' uns bei! Was thaten wir, daß solches Leid uns trifft?" „Tante Helena!" Sie blickte um, Jnez stand vor ihr mit entschlossenen Augen und eisigem Gesicht. „Ich warte auf Dich, man sagte mir, Du seiest dort." Sie wies schaudernd auf die Thür. „WaS sollen wir thun?" „O, frage mich nicht", seufzte Lady Powys, „ich bin betäubt von all' dem Schrecken." „Der Untersuchungsrichter ist bereits da; morgen wird das Verhör beginnen." Die Tante sah sie erstaunt an, der kalte Ton verletzte sie. „Hast Du ihn gesehen?" fragte Jnez leise. „Ich fürchte, er verliert den Verstand." Miß ChateronS Lippen kräuselten sich verächtlich. „Das Gehirn der Chaterons war nie als besonders ausdauernd bekannt. Mich sollte es nicht Wunder nehmen." „Wer kann es gethan haben?" Diese Frage vermochte Lady Helena nicht über ihre Zunge zu bringen. Wußte Jnez von dem gegen sie gerichteten Verdacht? Konnte sie es wissen und so kalt sein? „Ich vergaß, mich nach Onkel Gottfrieds Befinden zu erkundigen", sprach das junge Mädchen nach einer Pause, „es geht ihm wohl besser, sonst wärest Du nicht hier.", „Ja, er befindet sich besser. Aber sag' mir, Jnez", stieß sie hervor, „wer kann den Mord begangen haben? Hegt man keinen Verdacht?" „Allerdings! Die Dienerschaft hat mich in Verdacht." „Jnez!" „Sie haben nicht so Unrecht", fuhr sie kalt fort, „es ist unleugbar, daß ich und Mylady auf schlechtem Fuße standen, ich haßte sie von ganzem Herzen. Eine Viertelstunde, bevor man die Leiche fand, hat man mich aus dem Zimmer gehen sehen. Jane Pool behauptet, ich hätte ihr verboten einzutreten. Das mag wohl sein. Eine Stunde vor dem Morde stritten wir heftig, die Amme war zugegen, und so spricht alle Wahrscheinlichkeit gegen mich." „Aber — Jnez —" 497 „Jane Pool theilte ihre Ansicht dem Untersuchungsrichter mit; ich ging auf sie zu, sie zerstoben wie gepeitschte Hunde. Es ist Befehl gegeben, daß Niemand das Haus verlasse. Finden sie mich schuldig, so weine nicht, es würde mir nur Deinetwegen leid thun, und weil es unseren Namen schändet." „Barmherziger Gottl Es ist gerade, als wäret Ihr Alle im Bunde, mich verrückt zu machen." Jnez seufzte. „Ich sage nur, daß morgen das Verhör beginnen und Jane Pool alles Mögliche zu meinem Nachtheile aussagen wird. Glaubst Du, daß Sir Victor erscheint?" „Der erscheint wohl nirgends mehr, es genügt, einen kräftigen Mann verrückt zu machen." Jnez Chateron lächelte eigenthümlich. „Er wird eS überleben", bemerkte sie verächtlich, „Männer sterben wohl, aber nicht aus Liebe." «Jnez, sag' mir, ist es wahr, daß Juan zurückkam, daß er hier gewesen?" „Ja." „Es geht ein Gerücht, das behauptet, es habe Streit stattgefunden, weil er alte Rechte auf Meta geltend zu Machen suchte, und Victor habe ihn fortgejagt." „Auch das ist wahr. Und seitdem strich er umher, wie Du es nennst, um mir Geld abzupressen, ich aber gab ihm keines. Was liegt an all' dem?" „Ist er fort?" „Ich hoffe es." „Gut, ich fahre nun heim, um nach meinem Mann zu sehen, morgen komme ich wieder." Unterdessen gestaltete sich die Sachlage nur immer finsterer für Miß Chateron. Der Untersuchungsrichter notirte ominöse Dinge. Sie hatte Sir Victor geliebt, sein Weib gehaßt, Lady Chateron hatte gedroht, sie aus dem Schlosse zu jagen. Als Jane Pool mit dem Kind das Kindszimmer verließ, hatte Mylady friedlich geschlummert, der Dolch lag auf dem Tisch. Eine halbe Stunde später begegnete die Amme Miß Chateron auf der Schwelle und hieß sie um ihre Angelegenheiten sich kümmern. Fünfzehn Minuten nach diesem Ereigniß fand die Zofe die Lady ermordet. „Es wäre nicht die erste Dame, welche die Rivalin ermordet", dachte der Richter, „wenn nur der Dolch zu finden wäre?" Zwei Polizisten wurden heimlich beordert, ihn zu suchen, obwohl wenig Aussicht vorhanden war, ihn zu finden. Der Untersuchungsrichter selbst schlich wie eine Katze durch das Haus. Auf seiner Wanderung gelaugte er auch in den Stall, wo ein junger Bursche nachdenklich auf dem Stroh saß. „Hat was auf dem Herzen", denkt der Richter und setzt sich freundlich neben ihn auf eine Kiste. „Nun, Mann, was fehlt Ihnen?" Der Bursche läßt sich nicht lange drängen. Er hat am vorigen Abend in der Nähe des Lor- keerhaines streitende Stimmen vernommen, durch die Zweige geblickt und Mylady und einen großen, schwarzen Mann gesehen. Sir Victor sei es entschieden nicht gewesen, aber er glaubte den Herrn erkannt zu haben, der am Abend vor der Herrschaft Heimkehr plötzlich erschienen und auch später im Park gesehen worden war. Seiner Ansicht nach hätten die Beiden über Geld gestritten. Der Fremde wollte Gold oder Juwelen; die Dame drohte ihn ins Zuchthaus zu bringen, und er selbst sei aus Furcht davongelaufen. Dem Untersuchungsrichter war diese Nachricht sehr erwünscht. Sie verwickelte die Sachlage. Vor fünf Minuten hatte es für Jnez sehr bedenklich ausgesehen, jetzt war das anders. Wer war der Mann? War eS ihr Bruder? Jimmy vermochte das nicht zu sagen. „Wenn Sie Mehreres darüber hören wollen, gehen Sie zu Mr. Hooper." Der Jurist folgte dem Rath und forschte gewandt den alten Hausmeister aus. Juan Chateron war ein un gerathener Mensch, war am Abend vor Lady Chaterons Ankunft erschienen, habe den Weg in den Speisesaal erzwungen und sei schließlich zum Gehen veranlaßt worden. Diese Mittheilungen wurden aus dem alten Diener förmlich herausgepumpt. Mr. Ferrick, der Richter, erwägt all' das. Der Vagabund Juan Chateron folgt der Dame nach Chateron Royals, wird fortgejagt, belauert das Haus; ein Mann, dessen Beschreibung auf ihn paßt, wird im Streit mit der Dame gesehen, er verlangt zwei bis drei Stunden vor dem Morde Geld von ihr, das Fenster, an dem sie saß, öffnet sich auf den Nasen, ist leicht ersteigbar, der orientalische Dolch liegt ganz handlich. „Wer ist nun schuldig", fragte sich Mr. Ferrick, „der Bruder oder die Schwester?" Er beauftragte einen Mann, Juan Chateron nachzuspüren. Langsam verstrichen die Stunden, sonnig erhebt sich der junge Tag. Der weiße Salon ist verdunkelt, innen weilt der Herr allein mit der Leiche. Jnez war noch nicht bei ihm gewesen. Noch immer sitzt er regungslos in apathischer Ruhe. Sobald aber Jemand versucht, ihn wegzubringen, springt er auf wie ein gereizter Löwe. Als es dunkelte, hörte Lady Helena ihn leise mit der Todten reden und in gräßliches Lachen ausbrcchen. Sie tritt ein. Er kniet neben der Bahre und hält die Leiche im Arm. „Komm', Meta, es ist eine herrliche Nacht, und Du gehst gern im Mondlicht spazieren. Erinnerst Dn Dich der Nacht in Margate, wo wir am Meeresufer wandelten? Sonst lagst Du nicht so kalt und steif und still. Steh auf, Meta, ich bin des Wartens nun müde." Er hebt sie auf. Entsetzt hält ihn die Tante fest. „Um Himmelswillen, Victor, laß sie liegen, weißt Du denn nicht, daß sie todt ist?" Er blickt schmerzvoll auf, wie ein stumpfes Thier. „Todt!" schreit er und stürzt ohnmächtig über sie. Lady Helena ruft um Hülfe. Der Arzt findet des Barons Zustand bedenklich und fürchtet einen Gehirnthphus. Bleich und still erscheint Jnez und seht sich an'S Krankenbett. Der weiße Salon ist verschlossen. Lady Powys hat den Schlüssel. Ein einziges Licht brennt darin. Ein Polizist tritt triumphirend zu dem Untersuchungsrichter. Er hat den Dolch gefunden. Das ist mehr, als erwartet wurde. „Wo fandest Du ihn?" „Neben dem Parkthore ist eine förmliche Wildniß von Gesträuch und Gestrüpp, dorthin wurde er geworfen." 49 » „Pfuscher!" brummte der Richter, .es ist schlimm genug, ein Mörder zu sein, warum auch noch ein Dummkopf?" Der Dolch hat unzweifelhaft den Todesstoß geführt; er war bis an den Griff mit Blut überkrustet, aber offenbar hat ihn eine feste, sichere Hand geführt. „Das konnte keine weibliche Hand", sagte sich Mr. Ferrick, „außerdem brauchte man mindestens fünfzehn Minuten vom Schlosse bis zum Parkthor, und zwischen der Zeit, wo Jane Pool Miß Chateron auf der Schwelle des KindSzimmers traf und Mary die Leiche fand, lag nur eine Viertelstunde, ganz abgesehen davon, daß das Fräulein notorisch an dem Tage das Haus nicht verlassen hatte. Und wenn je sie in der Nacht ausgestiegen wäre, um das Mordwerkzeug zu verbergen, war es wahrscheinlich, daß sie es gerade dahin that, wo man es finden mußte? Unentschlossenhcit traue ich ihr zu, nicht aber Dummheit. Sie mag wissen, wer den Mord vollbrachte, sie selbst aber that es nicht." Während der Nacht regnete es, melancholisch nickten die Bäume, klagend heulte der Wind. Etwa um neun Uhr verläßt Jnez das Krankenzimmer und bleibt lauernd und lauschend stehen. Sie hört und sieht nichts. Die dunkle Gestalt des Weibes, das sie seit dem Morde nie ganz aus dem Gesichte verloren, bemerkte sie nicht. Das junge Mädchen hüllt sich fester in ihren Shawl, huscht die Treppe hinab und durch die Settenthür hinaus in die finstere Nacht. Jane Pool folgt ihr und hört ein Signal. Bald darauf glüht eine brennende Cigarre wie ein feuriges Auge durch die Nacht. Klopfenden Herzens schleicht sie näher und erblickt eines Mannes hohe Gestalt und ein schlankes Weib. „Ich sage Dir, Du mußt gehen", hört sie Jnez deutlich sagen, „ich bin schon beargwohnt, glaubst Du noch länger entwischen zu können? Wenn Du Gefühl hast für Dich und mich, o gehe! Wenn sie Dich finden —" „So kann es auch nicht schlimmer werden. Uebri- geus geh' ich, wenn Du mir Geld gibst." „Hier hast Du Alles, was ich habe, meine Juwelen und Alles. Es genügt, um Dir Jahre lang eine sorgenfreie Existenz zu verschaffen. Geh' und kehre nicht wieder. Dein Kommen hat Unheil genug angestiftet." Der Mann antwortete unverständlich. „Wie wagst Du, so zu sprechen?" rief Jnez heftig. „Du Elender, den Bruder zu nennen ich mich schäme. Ohne Dich lebte sie noch. Glaubst Du, daß ich's nicht wüßte? Geh', ich will Dich nicht wieder sehen, weder lebend noch todt." Jane Pool steht betäubt. War Jnez doch nicht die Thäterin? Wieder spricht der Mann unhörbar und verschwindet. Einen Moment sieht ihm das Mädchen regungslos nach, dann eilt sie zurück ins Hans. (Fortsetzung folgt.) Wie man in Amerika Reklame macht. * Kaum hatte ich vor drei Jahren die neue Welt betreten, als mich eine wichtige Angelegenheit von New- Dork nach Norjhampion im Staate Massachusetts rief. Meine Aufmerksamkeit wurde natürlich wahrend der Fahrt von zahlreichen neuen Eindrücken in Anspruch genommen. Ich bewunderte z. B. vor Allem den Cvmsort der Eisenbahnwagen und die Blitzesschnelle des Zuges, vereint mit staunenswerther Ruhe in dessen Bewegung. Allein waS meinem Auge wahrhaft fremd erschien, das waren Vorrichtungen von zusammengenagelten Brettern, die, auf Stangen prangend, in größeren und kleineren Entfernungen an meinem Wagenfenster vorüberzusausen schienen. In riesigen Buchstaben war da vor allem zu lesen: 'VVooä's Larsaxarilln. Ich konnte mich nicht leicht täuschen, denn dieselben Worte erschienen wohl hundertmal auf einer Strecke von etwa 75 englischen Meilen. Dann wieder sah ich an einer Art eigens zu diesem Zwecke eingerammter Palissade in gelber oder rother Schrift auf blauem, weißem oder schwarzem Grund „Laxolio" angepriesen. In Meiner Einfalt — denn die Amerikaner betrachten die Herübergekommenen als nicht zu sehr gewitzigt, weßhalb sie ihnen den Namen „Oiesndorn", auf deutsch etwa „Einfaltspinsel", geben — hatte ich einigen Respekt vor sothanen Tafeln und dachte: „Das muß 'mal etwas Großes sein, was da angepriesen wird." Zu meiner Ernüchterung weiß ich nun schon längst, daß die erste Reklame sich auf eine Art edlen Nasses bezieht, die zweite aber den Händen einer putzseligen Hausfrau zu Hilfe kommt. Bald erwartete mich eine neue Ueberraschung: Ein elegant in Dunkelblau gekleideter junger Mann kam würdevoll durch den langen Eisenbahnwagen geschritten. Die Wagen sind nämlich durchgängig, so wie sie in einigen Theilen Deutschlands, wohl auch in Oesterreich theilweise, anzutreffen sind. Er überreichte jedem Passagier ein gelbliches Couvert. Auch ich ward mit einem Exemplare beehrt. Ich träumte schon von einer Höllenmaschine, denn meine Phantasie war nicht mit den freundlichsten Bildern erfüllt. Aber als ich von den Mienen der andern Beschenkten nichts Schreckbares ablesen konnte, öffnete ich mein Couvert. Damals wußte ich nämlich noch nicht, daß man den Gesichtszügen des Amerikaners überhaupt nichts cntlesen kann. Ich öffnete also. Aber da lag nur ein zweites Couvert vor meinem neugierigen Blicke. Doch ward mir die Genugthuung zu Theil, darauf zu lesen: tieklinF is insiäs«, was zu gut deutsch meint: „Der Kitzel ist innerhalb." Natürlich war nun meine Neugierde gekitzelt, denn ich bin Weib. Also, ich öffnete rasch auch die zweite bergende Hülle. Und was lag da? Staune, Leser, und schaudere —: eine schwarze Gockelfeder. Und als ich diese hochwichtige Entdeckung fachte in die Höhe hob, sah mein thränenfeuchtes Auge die nicht allzu bescheidenen Anpreisungen eines Hotels in Spring- field. — In New-Aork und Brooklyn, diesen Millionenstädten, trifft es sich nicht selten, daß mitten im Gedränge der Hauptgeschäftsstraßen ein komisch gekleideter Mensch auf riesig hohen Stelzen seinen Weg durch die Menge sucht. Seine Kleider sind bedeckt mit buntfarbigen Reklamen irgend eines profitsuchenden Handelshauses. Oder es kommt vor, daß eine wandelnde Glocke die Aufmerksamkeit der dahinrasenden Dollarjäger gewaltsamer- weise auf sich zieht. Die Glocke ist bedeckt mit Reklamen, aber durch zwei oben angebrachte Löcher suchen die Augen des Trägers das Tageslicht. Hier und da sieht und hört man auch Ziegenböcke, auf deren hochedlen Rücken glüh- rothe Decken prangen, stolzen Schrittes einem kleinen Karren voranmeckeru. Aus dem Karren flattert verheißend eine Flagge, und auf ihr — nun ja, eine Reklame. " Das Gemisch der an allen Geschäftshäusern zusammengedrängten Anpreisungen, die manchmal, selbst — 499 inmitten des ernsten amerikanischen Lebens, Zum Lach- kranrpf reizen, ist für das Auge des Fremden geradezu verwirrend. Ich wundere mich nicht, daß Lenau der neuen Welt den Nucken kehrte. Ein komischer Dichter, mehr noch ein Satiriker, fände vielen Stoff hier. So wäre es gar nicht übel, folgende Reklame zum Argument einer Satire zu erkiesen: In Tarrytown, einem reizenden Städtchen am Hudson, war kürzlich folgender Ausdruck einer bescheidenen Seele an so manchem alleinstehenden Baumstämme zu lesen: „Ich spreche Jedem Hohn, der es wagt, mir Coucurrenz zu bieten, denn ich bin der Hauptimporter (Waarenbezieher vorn Auslande) in Herrenkleidern. Joe Cohn." Gar Manches könnte noch berichtet werden, allein die Zeitungen würden es nicht fassen. Eines aber kann nicht unerwähnt bleiben: Selbst die Felsen der CatSkill- gebirge sind nicht sicher vor Reklamen. Ich sah solche kürzlich in riesigen Lettern an Felsblöcken prangen, als ich von dem dahinrasenden Dampfroß zum Ontario-See getragen wurde. Watertown, N.-N. Dr. xlülos. Barbara Nenz. -—.»ss-v-cs-«- Aus Worishofeu. Vor zehn Jahren war dieses schwäbische Dorf in Bayern, wie ähnliche Ortschaften, den Meisten nur dem Namen nach bekannt, in den übrigen Ländern Europas war es gänzlich unbekannt; lag dasselbe ja entfernt von den größeren Verkehrsadern. In stiller, bescheidener Zurückgezogenheit wirkte unter den tausend katholischen Insassen als Pfarrer und zugleich als Beichtvater in dem daselbst befindlichen Dominicancrirrnen-Kloster ein edler, biederer Priester, Sebastian Kneipp, den seine Nachbar-Collcgcn wegen seiner innigen Frömmigkeit, großen Menschcn-Kenntniß und seines ersprießlichen Wirkens hochschätzten, ebenso wie seine Pfarrkinder, denen er Nicht bloß reichlich geistlichen Trost spendete, sondern auch in Krankheiten hilfreich zur Seite stand. Als Pfarrer Kneipp im Jahre 1886 die erste Auflage seines Werkes „Meine Wasserkur" veröffentlichte, zog dieses praktische Werk nicht bloß die Aufmerksamkeit seiner Landsleute, sondern im raschen Tempo bald die der ganzen Welt aus sich. Viele Leidende suchten von dieser Zeit an Hilfe bei diesem Wnndermanne, und die Zahl derselben stieg in einer solchen Weise, daß wohl kein Kur-Ort der Welt in einem Deccnnium eine solche Entwicklung auszuweisen vermag. Als ich im Jahre 1890 das erste Mal hieher kam, hakte Wörishosen nichts weniger als die Gestalt eines modernen Kur-Ortes. Man mußte froh sein, wenn man bei einem Insassen ein bescheidenes Zimmer erhalten konnte. In einem Zimmer des gastlichen Klosters ertheilte Pfarrer Kneipp allen Denen, die bei ihm Hilfe suchten, und es waren dies zumeist Arme und Schwerleidende, Sprechstunden. Die verschiedenen Applicationen, zumeist Güsse und Bäder, wurden in Waschküchen und später in einem notdürftigen Badehause gegeben. Wie hat sich in diesen sechs Jahren Wörishosen geändert! Da die Zahl der hier Hilfe Suchenden auf viele Tausende jährlich stieg und auch die überraschendsten Heilungen stattfanden, sah sich die Gemeinde Wörishosen genöthigt, den kleinen Ort ganz umzugestalten. Es entstanden viele neue Häuser, die den Namen Villa annahmen, ein Name, der vor zehn Jahren den Wörishofern ganz unbekannt war, sowie schöne Hotels, in denen die zahlreichen Fremden eine gute Unterkunft finden. Schöne Gewölbe mit Auslagen und Artikeln aller Art drängten die früheren kleineren Verkaussläden in den Hintergrund. Der Bach, welcher das Dorf durchzieht, hat einen schönen steinernen Quai mit Brücken erhalten. Während vor zehn Jahren das Dorf 1000 Insassen zählte, ist die Zahl derselben bereits auf 1900 gestiegen, wobei die Kur-Gäste nicht eingerechnet find. Die wenigen Briefe, welche hier vordem einliefen, wurden von einem Postboten von Türkheim aus hieher befördert. Jetzt besteht seit Jahren ein Postamt mit fünf Beamten. Nach einer beiläufigen Berechnung lausen durchschnittlich täglich 1000 Briefe ein, und eine gleiche Zahl oder noch mehr gehen durchschnittlich von hier ab. Wir werden nicht viel irren, wenn wir die Zahl der ein- und ausraufenden Briefe, Postkarten und Packete jährlich auf eine Million schätzen. Bald nach Errichtung der Post sah die bayerische Regierung sich veranlaßt, auch eine Telegraphenstation zu errichten, von wo jährlich durchschnittlich 1300 Telegramme abgesendet werden und 1000 einlaufen. Während vor einigen Jahren die Straßen zur Nachtzeit noch keine Beleuchtung hatten, erhellt jetzt das elektrische Licht Straßen und Häuser, um welches viele Großstädte den Ort Wörishosen beneiden könnten« Drei neue Wasserleitungen versehen die Gemeinde und die Badehäuser mit frischem reichlichem Quellwasser. Das Projcct einer elektrischen Bahn, welche die Eisenbahnstation Türkheim mit Wörishosen zu verbinden bestimmt ist, wird Heuer noch zur Ausführung gelangen. Daß ungeachtet der vielen Ktteipp-Anstalten, die in verschiedenen Ländern entstanden sind, der Zufluß von Hilfesuchenden von Jahr zu Jahr sich steigert, dafür sprechen folgende Zahlen: Im Jahre 1894 betrug die Zahl der Kur-Gäste an 10,000, im Jahre 1895 über 10,500. Dazu kommt noch eine größere Zahl von Kranken, die sich oft nur einen Tag oder wenige Stunden hier aufhalten, um den Prälaten Kneipp über ihren Zustand zu consultiren und Anwendungen sich verschreiben zu lassen. In den Sommer-Monaten empfängt der edle, unermüdliche 75jährige Priestergreis bis an 300 Personen täglich; dazu besucht er noch die Schwerkranken in den Häusern und seine Lieblinge, die armen Kinder des Asyls, predigt jeden Sonn- und Feiertag, übt das Amt eines Beichtvaters im Kloster und in seiner Pfarrkirche und erfüllt in gewissenhafter Weise seine feelsorger- lichen Pflichten. Wer die Kur-Liste durchblättert, der findet Kur-Gäste nicht bloß aus allen Ländern Europas, vom höchsten Norden bis zum Süden, sondern auch Hilfesuchende aus allen fünf Welttheilen, angefangen von den höchsten Kreisen der menschlichen Gesellschaft bis hinab zu dem ärmsten Proletarier, aus allen Ständen und Geschlechtern. Greise, Männer, Frauen, Jünglinge, Mädchen bis herab zu den Säuglingen kommen nach Wörishosen, um von den Leiden der verschiedensten Art befreit zu werden. Ein großes Contingent stellt der geistliche Stand. Cardinäle, Bischöfe, Prälaten, bis herab zum Landkaplan, Priester und Laienbruder aller Orden und Congregationcn der katholischen Kirche, Protestanten und Juden suchen diesen edlen Menschenfreund auf und werden ohne jeglichen Unterschied empfangen und behandelt. Im ve» gangeiten Sommer weilten nicht selten zu gleicher Zeit an 300 Geistliche aus allen Ländern der Erde hier — ein deutlicher Beweis, wie aufreibend das Berufsleben eines Priesters ist. Ueber 16,000 heilige Messen wurden im Vorjahre von den anwesenden Priestern hier gelesen. Mustert man die gegenwärtig hier weilenden Kur-Gäste, so finden wir Fremde aus Rußland, Frankreich, England, Italien, von Deutschland und Oesterreich nicht zu reden. In der Wandclbahn begegnen sich ein orientalischer Bischof aus Klcin-Asien, ein Missionär, der im Caplande unter den Kaffer-Negern seine Gesundheit eingebüßt, ein amerikanischer Pfarrer, der binnen Jahresfrist zweimal den Ocean durchschifft hat, um hier Heilung zu finden, ein Missionär der Salcsianer aus dem Feuerlande, ein rumänischer Fürst mit seinem Kinde, das von den Pariser Aerzten als unheilbar erklärt wurde und bereits auf dem Wege der Besserung ist. Hie und da begegnet man Blinden, Lahmen, Epileptischen und mit dem Veitstänze Behafteten, namentlich vielen Lupus-Kranken, die fast Alle geheilt werden. Würde Prälat Kneipp irdischen Vortheil suchen, so könnte derselbe leicht ein Millionär sein; und doch dürfte man nicht leicht einen ärmeren Priester finden als diesen edlen Wohlthäter. Er besitzt nicht einmal eine Kleidung zum Wechseln, und die er auf seinem Körper hat, wird ihm geschenkt. Bekanntlich nimmt er von den armen Kranken nicht bloß keinen Pfennig, sondern nicht einmal geschieht es im Tage, daß er solchen Elenden das Geld zur Heimreise gibt. Das Almosen, das Reichere ihm - geben, sowie das Honorar für seine Werke verwendet er > ausschließlich für humanitäre Zwecke. So erbaute er allein das Sebastiane» oder Priesterhaus und übergab dasselbe in das Eigenthum der Barmherzigen Bruder, die einen großen Pavillon hinzubauten, in welchem sich Fremdenzimmer, Sprechzimmer, Wandelbahn und die Bade-Anstalt befinden. Auf der Anhöhe prangt ein herrlicher Ziegelrohbau, das Kneipp'sche Kinder-Asyl, von ihm um 150,000 Mark erbaut, in welchem 120 Kinder von 2 bis 18 Jahren die sorgsamste Pflege von Seite der Franciscanerinnen erfahren. Nicht ohne stille Wehmuth durchschreitet man die reinlichen Räume, in welchen man diesen armen Kindern, mit den verschiedensten Krankheiten und Leiden behaftet, begegnet. Es gibt fast keine Krankheit, die hier nicht vertreten wäre, Kinder im zartesten Alter, die nicht selten die Sünden ihrer Eltern büßen, werden hier mit mütterlicher Sorgfalt behandelt und erhalten nebst der körperlichen Pflege auch einen entsprechenden Unterricht. Neben diesem Kinder-Asyl erhebt sich ein zweiter dreistöckiger Rohbau, welcher noch nicht ganz vollendet ist und den Prälaten 200,000 Mark kostete. Derselbe war für Lupus-Kranke bestimmt; allein da ihm von einer Seite, von der man es am wenigsten erwarten sollte, die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, will er es für ein Frauen-Spital bestimmen. Welche Verbreitung die Kneipp'schen Bücher gefunden, erhellt am besten aus der Thatsache, daß die Wasser-Kur bereits in der sechzigsten deutschen Auflage und daneben in fünfzehn verschiedenen Uebersetzungcn erschienen ist und das Werk „So sollt ihr leben" soeben die dreißigste Auflage erlebt hat. Wo ist je ein Werk in der Welt binnen zehn Jahren in so vielen Auslagen erschienen? Außer dieser tagtäglichen aufreibenden Thätigkeit hält Prälat Kneipp täglich abends *^5 Uhr einen populären Vortrag über verschiedene Krankheiten und deren Heilung, über zweckmäßige Kleidung in gemeinverständlicher instruktiver Weise, dem sämmtliche Cur-Gäste mit größter Aufmerksamkeit beiwohnen. Diese einstündigen Vortrage, die im Winter in einem Glashause gehalten werden, sind in der Regel mit interessanten Fällen, Beispielen und Vergleichen gewürzt und tragen zur Aufklärung der Massen sehr viel bei. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Gemeinde Wörishofen einen neuen großen Friedhos mit einer schönen Umfassungsmauer erbaut hat und demnächst mit sehr großen Kosten den Ort mit Kanälen versehen wird. Viele Hunderte und Tausende leidender Erdenpilger sind im Laufe der Zeit hiehcr gewandert, und die Meisten haben Heilung oder doch wenigstens Linderung in ihren schweren Leiden gefunden. Alle ohne Ausnahme, welch Standes und welcher Religion immer, zollen diesem edlen Wohlthäter der Menschheit den Ausdruck innigster Dankbarkeit und Verehrung. Das Oberhaupt der Kirche, Papst Leo XIII., hat diesen Priestergreis in Anerkennung seiner barmherzigen Verdienste zu seinem Gcheimkämmerer ernannt und ihn bei seiner Anwesenheit in Rom mit einer Auszeichnung empfangen, wie sie einem einfachen Priester wohl noch nie zu Theil wurde. Der Patriarch von Jerusalem hat ihn kürzlich zum Commandeur des Ordens vom Heiligen Grabe ernannt, gewiß eine sinnreiche Auszeichnung für einen Mann, der so viele Tausende . dem nahen Tode entrissen und ihnen die Freude der j Auferstehung von ihren Leiden bereitet hat. Und welche Anerkennung wurde diesem edlen Greise von der Regierung feines Landes zu Theil? Wohl nie hat je ein Mann dem bayerischen Staate solche materielle Vortheile verschafft, als Prälat Kneipp, ganz abgesehen von seiner Thätigkeit. Bisher hat die bayerische Regierung nicht daran gedacht, diesem Priester auch nur ein Zeichen der Anerkennung zu geben — wohl aus Furcht vor den Männern der mcdicinischen Wissenschaft. Zum Glücke ist Prälat Kneipp nicht der Mann, welcher nach Menschengnnst und äußeren Ehren hascht. Sein Wirken fließt aus der reinsten katholischen Humanität, und seine größte Freude und Stolz ist, wenn er den Elendesten und Acrmstm seiner Mitmenschen seine Hilfe kann angedeihen lassen. Es wäre fast Schade, wenn der himmlische Lohn, der diesem frommen, demüthigen Priestergrcis gewiß beschicken sein wird, durch irdischen Lohn getrübt würde. Darum möge Gott ihn bis an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens zum Wohle der leidenden Menschheit erhaltenl - - Hoffnungsfroh. „Was habe ich gehört? Ihr Kassier ist mit einem bedeutenden Betrage und Ihrer Tochter dnrchgebrannt?" — „Na, na, es ist nicht so arg. Er schreibt mir soeben, er werde mir alles zurückzahlen; die Tochter hat er mir schon zurückgeschickt." Kurz angebunden. Chef: „Nun, was sagte der Baron, als Sie ihm die Rechnung vorzeigten?" — Commis: „.Johann', weiter nichts!" ——-