Freitag, den 14. August -er 6?. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 12. Kapitel. Der Tragödie erstes Ende. Etwa acht Tage nach Lady ChateronS Begräbniß steigerten einige Ereignisse die Aufregung auf Aeußerste. Zunächst erfolgte Miß Chaterons Verhör vor der Polizeibehörde und ihre Uebersiedelung ins Gefängniß bis zur Assisen-Verhandlung. Bleich und stolz nahm sie Platz auf der Anklagebank, äußerlich unbewegt überschaute sie das Meer von drohenden Gesichtern. Auch ihre wenigen Freunde waren zugegen. Deren Zahl war gering, weil allgemein angenommen wurde, daß, wenn sie auch den Todesstreich nicht selbst geführt, sie doch des Bruders Helferin gewesen. Jane Pool's Aussagen gegen sie waren bitterer, verderblicher denn je. HooperS widerstrebende Worte zeugten ebenfalls gegen sie. Nach zwei Tagen wurde Jnez Cha- teron wieder ins Gefängniß gebracht, um wegen Mordes vor den nächsten Asstsen angeklagt zu werden. Trotz aller Anstrengungen der Chesholmer und Londoner Polizei wurde von Juan Chateron keine Spur gefunden. Sir Victor hatte die Krisis glücklich überstanden, er sollte leben, ohne das geliebte Weib, das in der Ahnengruft ruhte. Der Erbe von Chateron Royals war nach Powys Place gebracht worden, um dort unter seiner Großtante Obhut erzogen zu werden. Eines Tages erhielt Lady Helena einen Brief in offenbar verstellter Handschrift. Das Couvert enthielt ein an Jnez Chateron adresstrtes Schreiben. Sie fuhr am folgenden Tage ins Gefängniß und überreichte dasselbe schweigend ihrer Nichte. „Gott sei Dankt" flüsterte diese. „Es ist von Juan, natürlich; darf ich's lesen? Kommt er nun-" „Kommen?" rief Jnez erstaunt, „gewiß nicht, er ist Gottlob in Sicherheit." „Und läßt Dich an seiner Stelle leiden, und Du dankst dem Himmel dafür? Gib mir den Brief." ^„Am Bord der drei Glocken. Liebe Jnez, Du siehst, ich entkam glücklich in meiner Verkleidung. In zwanzig Minuten lichten wir die Anker nach Westindien. Ich las die Zeitung und bedaure, daß man Dich eingezogen hat. Wenn ich dennoch wegbleibe, geschieht's nur, weil ich weiß, sie können Dich nicht verurthetlen, sonst käme ich gleich und gestünde Alles. Der Baron hat den Gehirntyphus, wenn er stirbt, ist nur der Junge zwischen mir und der Nachfolge. Bisse auch der ins Gras, so wäre ich ein feiner Baron. Natürlich denkt er nicht daran. Mich verfolgt das Geschick, und ich werde ein armer Teufel bleiben lebenslang. Schreibe mir an Bord der drei Glocken nach Martinique, damit ich wisse, wte's in England geht. I." Zürnend ballte Lady Helena den Brief zusammen. „Und für den herzlosen Schurken duldest Du all' das? Jnez, ich befehle Dir, zu sagen was Du weißt." „Ich sagte vor Gericht, was ich zu sagen hatte. Reden hilft nichts." Die Tante zerriß den Brief. „Und Du sollst doch gerettet werden", sprach sie leiser, „Du darfst nicht vor dem Schwurgericht stehen." Miß Chateron blickte auf die starkvergitterten Fenster. „Ich möchte wohl gerettet werden, wenn ich eS könnte, ohne zu sprechen; mich tödtet's, soll ich nochmals auf die Anklagebank." Zwei Tage später hatte Lady Helena eine geheime Unterredung mit dem Gefängnißwärter. Auf dem Tische lagen Wechsel im Betrage von fünftausend Pfund. Der Mann saß mit gefalteten Brauen da. Jahre lang war er in Lady PowyS' Familie bedienstet gewesen. Ihr Einfluß hatte ihm die Stelle verschafft, sein Weib war krank, seine Familie zahlreich; fünftausend Pfund waren eine große Versuchung. „Sie riskiren nichts", flüsterte Lady Helena, „man kann Sie nur wegen Vernachlässigung Ihrer Amtsverrichtung tadeln, und selbst wenn Sie die Stelle verlieren, bietet diese Summe Ihnen mehr als genügenden Ersatz. Denken Sie an meine Nichte, was ihr Leben bisher gewesen, waS es künftig sein soll. Und sie ist schuldlos, ich schwöre es. Auch Sie haben Töchter, —' vergessen Sie das nicht." Er reichte ihr die Hand. „Genug, Mylady, es geschehe." Vier Tage später enthielt der „Courier" Folgendes: „Miß Jnez Chateron ist aus dem Gefängnisse entflohen. Als der Unterwärter mit dem Frühstück kam, fand er das Gefängniß leer. Die Fenstergitter waren durchfeilt, eine 510 Strickleiter und Freundeshülfe thaten das UeLrige. Der Oberwärter wird beargwohnt, weil er in seiner Jugend im Dienste der Familie Powys stand. Er erklärt, Abends nichts Verdächtiges entdeckt zu haben. Wenn noch ein Beweis der Schuld fehlte, liefert ihn die Flucht. Die Polizei ist in voller Thätigkeit, um der Flüchtigen wieder habhaft zu werden." Die Flucht erregte womöglich noch mehr Sensation als der Mord. Der Wärter befand sich in Gefahr gelyncht zu werden, weil das Volk den Sachverhalt durchschaute. Im Dunkel der Nacht entkam auch er mit seiner Familie uach London. Die Zeit verging. Der Oktober war zu Ende, und noch keine Spur von den Flüchtigen gefunden. An ihrer Schlauheit scheiterten die Bemühungen der Polizei. Die erste Novemberwoche brachte neue Kunde. Sir Victor hatte Chateron Royals verlassen. Die Familie Powys begab sich mit dem Kinde und dessen Amme nach dem südlichen Frankreich, weil des kleinen Victor Gesundheit es verlangte. Das Schloß wurde der Aufsicht der Mrs. Marsh und des Mr. Hooper, den Ratten, Mäusen und der Unbill des Wetters überlassen und das Mordzimmer für immer geschlossen. So endete für die Gegenwart die Tragödie von Chateron Royals. Bruder und Schwester hatten sich dem Gesetz entzogen, Lady Chateron lag stumm mit gefalteten Händen in der Gruft, ein Monument kündete Namen und Alter. Doch der Mord will an's Licht; wenn auch langsam, folgt die Strafe sicher, es kommt ein Tag der Wiedervergeltung, schrecklich und furchtbar für den Mörder von Meta Chateron. Zweites Buch. 1. Kapitel. Miß Darrell. Mit unaufhörlichen Regengüssen reihte sich der März dem strengen Januar und Februar und brachte mit seinem Schmutze, seinen nassen Frühlingslüften und seinem einförmigen Wolkendach alle Menschen in Verzweiflung. Wenn Du die ganze Küste zwischen Maine und Florida absuchtest, Du fändest kein düstereres und schmutzigeres Städtchen als Sandypoint in Massachusetts. Es besteht aus einigen kothigen Straßen, weißgetünchten Häusern mit rothen Thüren und hellblauen Läden. — Ein halbes Dutzend Krämereien, ein Schulhaus, zwei Kirchen, eine Markthalle und drei Wirthshäuser bilden die öffentlichen Gebäude. Im Rücken hat es den Urwald, vor sich die See. Diese war heute ganz in Nebel gehüllt, dumpf schlug die Brandung an die Felsenriffs, schwer und dunkel stand der Forst im Hintergründe; wer aber soll den Zustand der Straßen beschreiben? Und noch schien das Wetter nicht Lust zu haben, sich zu ändern. Es war zehn Uhr Vormittags. Die Straße war leer, Thüren und Fenster geschlossen. Plötzlich tauchte am Ende derselben ein junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren in Begleitung eines nassen Köters auf. Sie war aus einem unscheinbaren Häuschen an der Küste getreten nnd durchwatete den Schmutz, ohne sich des Schutzes eines Regenschirmes zu erfreuen. Ihrem schäbigen Gewände, den alteil Filzhut mit den rothen Blumen hatten Wind und Regen ohnehin längst zerzaust, mochte das Unwetter nichts anhaben. Und doch war es ein hübsches Mädchen, mit großen schwarzen Augen, regelmäßigen Zügen und hoher, schlanker Gestalt. Stelle aber Venus im Negensturm auf eine kothschwimmende Straße, hülle sie in fadenscheinigen Alpaka, einen abgetragenen Shawl, und sieh Dir dann Deine Anadyomene an. Edith Darrell leidet zur Zeit an all' diesem Unge» mach, sieht obendrein mürrisch aus und hat sich momentan offenbar um ihre persönliche Erscheinung nicht gekümmerr. Rastlos schreitet sie dem Orte ihrer Bestimmung, einem alten Kramladen, zu, dessen Besitzer mit einem herzlichen „Guten Morgen, Miß Darrell, womit kann ich Ihnen dienen?" sie begrüßte. Sie verlangte die nöthigen Waaren, verließ das Lokal mit kühlem Nicken und wandte sich der Post zu. Selbst der alte Posthalter ermannte sich bei ihrem Anblick zu einem Lächeln; sie mußte, wenn bei guter Laune, eine allgemein beliebte Persönlichkeit sein. „Briefe für Sie? Ja, Miß Edith, hier ist ein Schreiben aus NewDork." Erröthend griff sie darnach, aber es war eine Mädchenschrift, und das blaue Siegel trug ein sentimentales Motto. „Von Trixy", flüsterte sie, „und ich hatte gehofft — wissen Sie gewiß, Herr Posthalter, daß sonst nichts für mich eingelaufen ist?" „Ganz gewiß, Fräulein." Sie wandte sich nach kurzem Gruß, ihre Züge verfinsterten sich. „Er ist wie alle andern", dachte sie bitter, „aus den Augen, aus dem Sinn. Wie thöricht zu hoffen, daß er mein gedächte." Mit eiligen Schritten machte sie sich auf den Heimweg und sah bald das elterliche Haus, ein einsames, auf einem Riff stehendes Gebäude vor sich liegen. Ein Weg führte dahin, ein anderer uach dem Strand unten. Sie blieb stehen und schaute mürrisch zu dem Haus hinauf. „Wenn ich heimgehe, muh ich kochen oder flicken. Meine theure Stiefmutter hat Wäsche, und ich weiß, was das zu bedeuten hat. Nein, selbst im Regen ist's besser als daheim." Sie schlug den entgegengesetzten Pfad ein und gelangte zn einem Felsenvorsprung, der ziemlich vor dem Wetter geschützt war. Dort setzte sie sich und erbrach den Brief. Der Brief lautete: „Ncw-Aork, den 13. März 18— Vor einer halben Stunde kam ich von einem glänzenden Ball nach Hause und will Dir, liebste Dithy, von dessen Glänze erzählen, so lange alles faröenhell in meiner Erinnerung prangt. Der Ball ward zu Ehre» vornehmer englischer Gasts, Lady Helena Powys von Powys Place, Cheshire, und Sir Victor Chateron von Chateron Royals, Cheshire, gegeben. Wie prächtig die Titel klingen! Meine Feder ist stolz, die Namen zu schreiben. Lady Helena! o Dithy, wie herrlich muß es sein „Mylady" zu heißen! Du fragst was ich trug? Ein grünes Seidenkleid unter weißem Tüll gerafft mit Maiglöckchen und Gras. Das Gleiche hatte ich im Haar. Ein verführerisches Costüm, meinst Du. Nun, ich sah gut aus, tanzte die ganze Nacht, und was mein Hoch- entzücken bildet — dreimal mit dem Baron! Ueber sein Tanzen kann ich nicht viel sagen» aber er ist entzückend, 511 Dithy, herrlich! Ist es auch anders denkbar bei einem Baron? Er hat einen unbeschreibbaren, unnachahmlichen englischen Accent, ist sehr jung, sehr hübsch und sehr blond. Er trägt einen Zwicker, daS allein sieht meiner Ansicht nach, schon distinguirt aus, und es gehört zum guten Ton, kurzsichtig zu sein. Warum sie in New- Dork sind, höre ich Dich fragen. Lady Helena wurde ihrer Gesundheit halber eine Seereise verordnet, und ihr Neffe begleitete sie. Mylady ist eine dicke sechzigjärige Matrone, eine Tochter des seligen Marquis St. AlbanS und seit Kurzem verwitwet. Die Familie ist ungeheuer reich, Dithy. Niemand vermag sich mit ihnen zu messen. Natürlich machen alle Damen Sturm aus den Baron. O Dithy, wenn er sich für mich interessirt, mich zur Lady Chateron macht, ich stürbe wohl aus Glückseligkeit, wie Lord Berleighs Braut in der Geschichte. Denke Du läsest in der Zeitung: „Vermählt durch den Reverend Blank im Hause des Vaters der Braut Sir Victor Chateron, Baronet von Chateron Noyals, Cheshirc, England, mit Beatrice Marie Stuart, einziger Tochter des James Stuart, Esquire, Bankier der 5.Avenue, New-Iork. Keine Karten." O Dithy, es macht mir den Kopf verrückt. Und doch ereigneten sich schon seltsamere Dinge. Nächste Woche ist mein Geburtstag, und Mama gibt eine große Gesellschaft, wozu Lady Helena Powys und Sir Victor gebeten sind. Ich werde rosa Seide mit echten Spitzen tragen und eine Perlengarnitur, für die Papa jüngst tausend DollarS bezahlte. Verfehlen Perlen und Spitzen ihren Zweck, so habe ich noch ein anderes Project. Lady Powys kehrt in der ersten Maiwoche nach England zurück, und wir gehen mit dem gleichen Schiff, Papa, Mama, Rudolf und ich. Ist das nicht reizend? Wenn Du kämest, könntest Du ein Buch über unsere Erlebnisse schreiben. Doch, im Ernst, Edith, ich wünsche, daß Du mitgingest. Es ist eine Schmach, daß Du in dem Sandypoint lebendig begraben sein sollst, Du mit Deinem Geist, Deiner Bildung, Deiner Schönheit! Wenn ich den Baron heirathr, nehme ich Dich mit nach England, und Du sollst dort glücklich leben. Aber ich habe ja wieder vergessen, von dem Ball zu reden. Ganz New-Nork war dort. Die Musik herrlich, das Gedränge furchtbar, das Souper himmlisch. Sir Victor gefallen die Amerikanerinnen, wie wäre das auch anders möglich? O, der Winter war köstlich, alle Abend irgendwo Gesellschaft und der Schlittenpartien kein Ende. Ich habe ein prachtvolles Schlittschuhcostüm von violettem Sammt mit Hermelin; Worte können c§ kaum beschreiben! Horch l da schlägt es fünf Uhr und die Dämmerung bricht an. Schnell ins Bett. Mit endloser Liebe und zahllosen Küssen Deine Beatrice." Edith ließ den Brief sinken und sah hinaus in die graue, sturmgepeitschte See. Das war ein Leben, nach dem sie sich gesehnt, das sie erträumt, für das sie die Hälfte ihres Daseins hingegeben Hütte: Bälle, Opern, Seide, Perlen, Atlasschuhe und Triumphe der Schönheit. Sie dürstete darnach, wie der Blinde nach dem Licht, sehnte sich unsagbar nach den blendenden Hallen, den strahlenden Festen. Sie war jung und schön. Die Natur hatte sie für des Lebens Glanz und Pracht geschaffen, das Schicksal aber hat sie htnauSverpflanzt an die öde, trostlose Meeresküste. Der Regen fiel, der Wind blies ihr ins Gesicht — sie achtete es nicht. Ihr Herz war voll Aufruhr und Bitterkeit. Veairicens Vater war ihrer verstorbenen Mutter Vetter gewesen; warum gehörte Beatrice zur Geldaristokratie, während sie unter den Armen vegetirte? Die Glorie der Welt, die Fleischtöpfe Egyptens, der Purpur, der Damast: ihr Herz sprang fast vor Sehnsucht. Ihr ganzes Leben war voll Armuth gewesen, in schäbigen Kleidern mußte sie in Schmutz und Regen Kommissionen für die Stiefmutter besorgen. Verzweifelnd blickte sie auf die tosende See. In Gedanken versunken, beachtete sie nicht die sich nahenden Fußtritte. Plötzlich schloffen sich zwei behandschuhte Hände über ihre Augen, und eine sanfte Männerstimme sagte: „Wüßte ich doch die Gedanken zu nennen, die ein Mädchen durchtobten, wenn es im Regen auf einem Felsrtff sitzt!" Sie sprang auf und blickte verwundert um. „O, Du bisi's, Rudolf!" rief sie und streckte ihm leuchtenden Auges beide Hände entgegen. „Was hast Du denn eigentlich, Edith, wenn ich der Mann im Monde wäre, könntest Du mich nicht ärger anstarren. Hast Du, wenn ich solch' zartes Thema berühren darf, den Verstand verloren, weil Du bei dem scheußlichen Wetter hier sitzen bleibst, um bis auf die Haut durchnäßt zu werden?" Es war ein hübscher, junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, fein gekleidet und mit jenen unbeschreiblichen Manieren, welche die goldene Juaend New- Jorks auszeichnen. „Warum siehst Du mich so sonderbar an, Dithy", begann er nach kurzer Pause wieder, „warum sagst Du nicht, daß Du Dich freust, mich zu sehen?" „Nun, natürlich freue ich mich, überrascht aber hat «ich Dein Kommen, denn ich laS eben einen Brief Deiner Schwester, und sie sagt kein Wort davon.". „Aus dem einfachen Grunde, weil sie nichts davon wußte. Aber laß Dich einmal ansehen, Du bist ja zum Schatten abgemagert, ist das die natürliche Folge meines Fortgehens?" „Ohne Zweifel, ohne Dich ist das Leben selbstverständlich unerträglich, was ich aber auch verloren haben mag, Dein Eigendünkel ist sich gleich geblieben." „Versteht sich, meine Vorzüge sind ebenso dauernd als zahlreich. Uebrigens bist Du weniger herzlich als sonst, woher kommt das?" „Ich las eben Trixy's Brief, und der flößte mir natürlich ungeheueren Respect vor der ganzen Familie ein. Wie konnte ich es wagen, dem Busenfreund eines BaronS in familiärer Weise zu nahen?" „Aha, hat Trixy Dir dummes Zeug geschrieben? Ich weiß nicht, ob es merkwürdiger ist, zwanzig Seiten nichtssagender Phrasen zu schreiben, oder sie zu lesen? Der Brief enthält wohl nur Lobgesängc auf Sir Victor? Gut, er ist ein Aristokrat vo« reinsten Wasser, ein Baron mit jährlich so und so viel Pfund Renten und mehr Grundbesitz und Häusern, als Du mit Deinen beschränkten Rechenkenntnissen zählen könntest. Er ist blond, also ein völliger Gegensatz zu Dir, Edith, hat einen keimenden Backenbart und geht meist in einem dunklen Oxfordanzug und einem runden Filzhut durch's Leben. Uebrigens gefällt mir der junge Mann; nur sehe ich nicht recht ein, warum die Götter ihm allein ihre Gunst geschenkt haben, mir aber nicht! Willst Du noch mehr wissen?" 512 „E8 genügt, daß er Dir gefällt. Und Lady Helena?* „ES ist eine gewichtige, ehrwürdige Matrone in schwarzer Seide und Spitzen, welche den Boden verehrt, auf dem ihr Neffe gegangen. Denke einmal, Du armes Uankeemädchen, sie ist die Tochter eines Marquis, Peereffe von England und erröthe, daß Du keine Ahnen hast. Doch warum wiederkäuen, was Trixy Dir ohnehin geschrieben hat. Du magst eine Najade sein und fähig im ewigen Wasserstrom zu leben, ich aber bin sterblich und dem Rheumatismus unterworfen, Durch alle Poren meiner Patentsttefel dringt das Wasser, eS rinnt in Strömen von den Kleidern, und wenn Du nicht noch einmal Lust hat, mich während des Fieberanfalles zu Pflegen, schlage ich vor, uns zu entfernen.* „So komm' nach Hause." „Sehr gern, aber Du hast mich ja noch gar nicht gefragt, weshalb ich hier sei?" „Um zu jagen?" „Im März? Gott bewahre." „Zu fischen?" „In heißen Augusttagen ist das eine angenehme Beschäftigung, jetzt danke ich dafür. Nein, ich komme ob Besserem, ich komme Deinetwegen." „Rudolf l« „Ja, ja, hier habe ich ein Billet, wenn's in dem Regen nicht zu Grunde ging. Trixy hat Dir doch von dem projektirten Ausflug nach Europa geschrieben?" „Und?" — In athemlosem Interesse heftete sie ihre Augen auf ihn. „Hier ist das Billet." Sie riß es auf und laS mit pochendem Herzen: „Liebe Edith, wir wollen im Mai nach Europa gehen. Da Du der französischen und deutschen Sprache mächtig bist, wärest Du eine unschätzbare Erungenschaft für uns, und ich lade Dich ein, uns zu begleiten. Dein Vater hat hoffentlich nichts dagegen einzuwenden, er wird einsehen, daß die Reise für Dich nur Vortheile in sich schließt. Empfiehl mich Deinen Eltern und komme so bald als möglich zu Deiner Dich liebenden Tante Charlotte Stuart." Edith blieb wie geblendet stehen. „O, Rudolf! Rudolf!" war Alles, was sie in ihrer freudigen Ueberraschung hervorbrachte. „Ich wußte nicht, daß meiner Mutter Briefe solch' angenehme Wirkung haben", lachte er, „wie herrlich muß der Beruf des Briefträgers sein! Du gehst also mit?" „O, Rudolf, ist denn etwas Anderes denkbar?" „Wird Dein Vater es erlauben?" „Armer Papa, er wird mich verm'ffen, aber er wird es mir nicht abschlagen. Und Dir, Rudolf, Dir habe ich ^as Glück zu verdanken", jubelte sie wonnetrunken. Er blickte ihr innig ins Auge und vergaß zu spotten. „Und glaubst Du, armes Kind, daß in der Welt außerhalb dieser Meeresküste alles Sonnenschein sei und Luft? Gut, behalte die Meinung, sie wird bald genug vergehen. Was Dir aber auch das neue Leben bringen mag, ich bitte Dich, mir nie vorwerfen zu wollen, daß ich die Ursache war, weshalb man Dich aus dem alten gerissen." „Nie", sagte sie. Und sie hielt Wort. In all' der Trauer, der Schmach der Zukunft wäre sie nie zurückgekehrt, tadelte sie ihn nie. Schweigend schritten sie dahin und standen bald an der Thür des Hauses, das Edith Darrell achtzehn Jahre lang ihre Heimath genannt, das sie fürder nie mehr so nennen sollte. Wie verklärt war das junge Mädchen, ihre Lippen lächelten, ihr Auge glänzte. „Bis wann soll ich zur Abreise bereit sein?" fragte sie unter der Thür. »Je eher, desto besser." (Fortsetzung folgt.) —--- I"» .., — -- Eine Donaicherle. Der bekannte Feuilletonist der Köln. Ztg., Freiherr v. Perfall, hat sich auf der Rückreise von den Moskauer Krönungsfeierlichkeiten einige Tage in Passau aufgehalten und seine dort empfangenen Eindrücke in nachfolgender, anziehender Plauderei niedergelegt: Auf der Heimfahrt zwischen Krakau und Wien fiel mir ein, daß ich von dem kleinen bayerischen Grenzstädtchen Paffau a. d. D. schon so viel Gutes gehört hatte, und es schien mir ganz zweckmäßig, mich gleich beim Eintritt ins deutsche Vaterland ein bißchen zu verschnaufen und in göttlicher Faulheit ein paar Tage zu verthun. An mein Handwerk wollte ich gar nicht denken. Der liebe Gott hat die Welt nicht bloß deßhalb so schön gemacht, damit die Feuilletonisten etwas zu schreiben haben. Aber dieses Passau ist ein so entzückendes Nest, ein so feines Donau- perlchen, daß ich die Freude, die ich dort hatte, nicht für mich allein behalten kann. Gewiß gibt es viel großartigere landschaftliche Schönheiten, aber nicht viele Orte, über die so viele Lieblichkeit ausgegossen ist. Um landschaftliche Schönheit handelt es sich nämlich. Zwar ist die Stadt ein uralter Bischofssitz, der neben St. Gallen, Bamberg und Negensburg in der Culturgeschichte des frühen MittclalterS eine sehr bedeutende Rolle spielt. Aber was sich an geschichtlichen Denkwürdigkeiten findet, ist nicht so wichtig, um etwa gleich nach Krakau dem nicht fachmännischen Leser ausführlich geschildert zu werden. Eine Landzunge streckt sich zwischen den beiden Thälern vor, in denen Jnn und Donau einherfließen, um an der Spitze dieser Zunge sich zu verbinden. Da steht Paffau mit dem verbauten, hoch aus den eng gedrängten Häusern aufragenden Dom. Die Häuser sind schmuck und blank, eS gibt Ausblicke in Seitengäßchen und auf bergab führende Treppenpfade, die an Italien mahnen. Barfüßige Jungen und Mädels mit dunklen Augen schwatzen eine besondere Abart des bayerischen Dialekts, Bauern- fraucn mit schwarzseidenen Tüchern, die, eng um den Kopf gelegt, in mächtig langen Zipfeln auf den Rücken fallen, wandeln neben Honoratiorentöchterchen im modischen Sommerkleidc einher. Auch hier wird bei offenen Fenstern schlecht Clavier geklimpert, und radfahrende Touristen steigen vor einem der zahlreichen Wirthshäuser ab. Droschken fehlen, aber der für alle bayerischen Städte außer den allerkleinsten Landstädten charakteristische Dienst- mann ist in mehreren Exemplaren vorhanden, und einer geleitet mich durch das Gäßchengewirr nach dem Rathhaus. Innen reich mit schönen Gemälden in den Hauptsälen ausgestattet, trägt es außen einen stattlichen gothischen Thurm, im obern Theil bemalt und das Ziegeldach mit hübschen Eckthürmchen flankirt. Im Erdgeschoß ist die „Rathskeller" genannte Wirthschaft, in der eS einen guten Pfälzer Wein gibt. Den trinkt man an einem der Tische vor dem Hause und sieht über den 513 — kleinen Platz auf die Donau und hinüber auf das andere Ufer, wo der baumbeschattete Bergrücken felsunter- mischt hoch aufsteigt und von dessen vorderstem Ende die Feste Oberhaus mit Mauerwerk und schloßartigem Gebäude uiederschaut. Ein weißer Passagierdampser der Donau-DampfschifffahrtSgesellschaft fährt eben vom Landungsplatz unter Glockengebimmel bergwärts gegen Ne- gensburg mit zahlreichen Gästen auf dem Berdecke. DaS Bild braucht vor dem Rheins sich nicht zu schämen; nur ist die Donau hier nicht sehr breit, was wieder den Vortheil hat, daß das saftige Laubgrün des Ufers näher aus Auge rückt. Natürlich muß «an auf die andere Seite hinüber, den Blick von oben auf die Stadt zu genießen. Ueber einen Kettensteg geht es. Den in den Fels gesprengten Straßendurchgang, der zunächst vor uns liegt, lassen wir einstweilen beiseite und klettern den Stufenpfad. der sich dicht unten am Bergrücken bietet, empor. Da sind Strom und Stadt zu unsern Füßen, weit drüben über der Stadt hohes Berggelände mit grünen Matten, oben auf der Höhe dunkle Fichtenwälder. Nach Oesterreich geht eS dort hinüber. Lauschiger Schatten umfängt uns, dann öffnet sich von Zeit zu Zeit der Busch wieder und zeigt aufs neue Strom und Stadt im Thals. DaS ist ein erquickender Spaziergang, voll traulich beschaulicher und dabei bunt belebter Anmuth, den der glückliche Passauer so zu sagen vor dem Hause hat. Wir machen denselben Weg zurück, und jetzt durchschreiten wir das Felsenloch, denn wir wollen auf die Feste hinauf. Da kommen wir an das Ufer der kleinen Jlz. Die Jlzvorstadt zieht sich jenseits zwischen Fluß und Fels die Fahrstraße entlang, die Feste geht mit ihrem Mauerwerk hier tief gegen das Thal herab, und da hier daS Gestein besonders mächtig aus dem Grünen bricht, erhält man das romantische Bild einer mächtigen Felsenburg. Tinienschwarz fließt die Jlz in die Donau hinein, und auf eine gute Strecke sieht man im Strome noch schwarze, flockig sich zertheilende Flecke, wie sie Tinte bildet, die man in klares Wasser schüttet. Oben am Berge angelangt gehen wir durch das Festungsthor an der Wache und der Cantine vorbei unter schattigen Bäumen dem AuSsichtSthurm zu. Oberhaus dient als Militär- Strafanstalt und in einer besondern Abtheilung als Asyl für Duellanten und für Journalisten, die das Preßgesetz falsch ausgelegt haben. Der AuSsichtSthurm erhebt sich zwischen den alten Befestigungswerken in einem kleinen, buschigen Gärtchen. In seinem Erdgeschosse sind allerlei Erzeugnisse der Hausindustrie des Bayerischen Waldes znm Verkauf ausgestellt, denn der „Waldoerein", der sich die Propaganda für jene eigenartige Gebirgsgegend angelegen sein läßt, hat ihn erbaut. An den Thurmwänden zu beiden Seiten der Holztreppe finden sich malerische Anordnungen von alten Fahnen, Trommeln, Waldhörnern, Jagdspeeren, ausgestopften Eulen und Falken zwischen Tannenttschen. Jetzt auf der Plattform schauen wir weit in herrliches Land. Im Thale überblicken wir die drei Wasserläufe der Donau, der Jlz und des Jnns, wie sie Stadt und Vorstädte durchziehen und an der Landspitze sich vereinen. Dabei werden wir leicht irre. Fast will es uns scheinen, als müsse der schmälere und trägere Fluß dicht unten am Berge der Jnn sein und die breite, schnell dahin- schießende Wassermenge die Donau. Dem ist aber nicht so. Der Sohn der Tiroler Berge ist ein gar ungestümer Freier, auch nach der Vermählung hat er noch eine Strecke weit die Uebermacht und reißt die Donau zu rascherm Laufe mit sich fort. Wie es in mancher Ehe gehen soll, so geschieht es eben auch hier. Bald merkt man nichts mehr vom Ungestüm des Herrn Jnn, Frau Donau hat ihn so gezähmt, daß von ihm gar nicht mehr die Rede ist. Am östlichen Horizonte ziehen sich, bläulich überhaucht, die mit dunklen Fichten überdeckten Berge des Bayerischen Waldes feierlich ernst dahin, im Südwesten aber sehen wir die Spitzen, Zacken und Grate der Alpen des Salzkammergutes mit ihren Schneerinnen als wirres Steinmeer zum Himmel ragen. Dazwischen dehnt sich weithin wiesenreiches, wald« durchzogenes Hügelland in lieblich weichen Bildungen von Hängen und Mulden mit hellschimmernden Gehöften auf grüner Matte am Rande der weißschimmernden sich hin- durchschlängelnden Straßen. Die Stadt, die Flüsse im berg« umgebenen Thale, daS Waldgebirge, die schneeumgürtrte Alpenwelt, das lachende Hügelland — das ist ein Reich, dessen das Auge nimmer satt wird. Da und da und dort und dort ist ein steiler Hang, ein hochgelegener Wiesenfleck, wo's ganz herrlich wäre, sich ein Häuschen zu bauen, von dessen Altan «an hineinschauen könnte in diese schöne Welt, wenn eben die Sprache nicht so schicksalsschwere Worte, wie „wenn", „aber", „möchte" und „könnte" hätte. Während ich lange auf der die Plattform umrandenden Bank saß, fragte ich wich immer wieder, warum dieses schöne Fleckchen Erde so wenig bekannt ist, warum nicht diese Hänge und Bergrücken von Villen besät sind. Passau hat sehr unglückliche Eisenbahnverbindungen. Nach der bayerischen Hauptstadt fährt nicht ein einziger unmittelbarer Schnellzug, sie ist erst in fünf Stunden erreichbar. Allerdings liegt Passau an der Linie Köln-Wien und hat in der That bessere Fühlung mit Wien als mit München, aber die Mehrzahl der die durchgehenden Züge benutzenden Reisenden haben ein weites Ziel und denken nicht daran, an dem Städtchen, das noch dazu auf der Bahnseite seine Reize gar nicht entfaltet, Rast zu machen. Engländer, die auf der Donau von Regensburg nach Wien fahren, halten sich zuweilen in Passau auf. Sonst aber ist es der gewaltige Wettbewerb der Alpen, der das liebliche Passauer Thal nicht aufkommen läßt. Freilich sind von Passau aus zwei- und dreitägige Touren in die schönsten Gegenden des Salzkammerguts sehr bequem zu wachen, liegt doch die Stadt zum Hochlande, wie etwa Köln zur Etsel, und der schöne Bayerische Wald ist ebenso günstig gelegen. Aber der weit hergereiste Norddeutsche will möglichst mitten im Hochgebirge die Sommerfrische verbringen, mit den Niesen spielen. Dem Münchener aber ist die Gegend, wie gesagt, ungünstig gelegen, abgesehen davon, daß er erst recht sich nur im Hochlande wohl zu fühlen glaubt. Man verdächtigt in Passau sogar die bayerische Eisenbahnpolitik, daß sie die Stadt und den Bayerischen Wald so knapp halte, um den großen Sommerfrischen des oberbayerischen Gebirges, an die sich allerlei Münchener Interessen knüpfen, nicht etwas vom Fremdenverkehr zu entziehen. Gleichviel, ich habe, weg- müdc, nach langer Fahrt in Passau mit ein paar Athemzügen neue Lebensfrische mir geholt, habe nach allerlei mächtig auf die Phantasie wirkenden Eindrücken hier jene Seelenfröhlichkeit gefunden, die nur von der Natur kommt, und bin erst recht stolz auf mein Vaterland geworden, da ich diese herrliche Eingangspforte des deutschen Reiches sah. Dabei war mein Aufenthalt gar nicht so lange, 514 daß ich alle die schönen Punkte, die — der Charakter der Landschaft zeigte es — hier zu Dutzenden in allen Windgegenden liegen müssen, hätte besuchen können. Auf der Jnnseite bin ich noch gewesen, auf der Höhe des kleinen Wallfahrtsortes Mariahilf, von wo das gedrängte Bild der Stadt, der Feste und der jenseitigen Berge sich wieder in neu geartetem Reize bietet. Auf diesem Spazier- gange begegnete mir eine Gruppe von Bauersleuten beiderlei Geschlechts. Aufrecht schritten sie einher, muntern Blickes gaben sie mir ihr „Grüß Gott!" und ich dachte an die Gestalten der russischen Wallfahrer, die ich, noch keine Woche war es her, in Kiew gesehen hatte. Welch ein Unterschied, viel, viel größer als der dieser bayerischen Bauern von Fürsten und Grafen. Endlich Habs ich in der Jlzvorstadt ein Wirthshaus entdeckt, wie es so echt nur in Geschichten, die gar nicht mehr Mode sind, vorkommt. An den Fels lehnt sich das stattliche, hellgrüne Haus mit den dunkelgrünen Fensterläden, über der Fahrstraße drüben, dicht am Flusse, ist der schattige Garten mit den Lauben von wildem Wein. Da sitzen die Passauer Honoratioren beim Abendschoppen, und die alte Frau Wirthin mit dem landesüblichen seidenen Kopftuche plaudert mit ihnen. Die Feste schaut vom andern Ufer herüber, junge Mädchen gleiten im Kahn über den dunklen Fluß, lachend und scherzend. Konnte das nicht irgendwo in den Rhcinlanden sein? Mir kam während meines Passauer Aufenthalts mehrmals derselbe Gedanke. --SLS-"—-- Eine neue Augenofleralion. Ueber eine neue Augenoperation durch den Hamburger Augenarzt Pros. Dr. Deutschmann gehen Mittheilungen durch die Blätter. Darnach ist Pros. Dr. Deutschmann die Heilung der bisher für unheilbar gehaltenen Erblindung in Folge von Netzhautablösung durch Einführung des Augen- ! glaskörpers lebender Kaninchen gelungen, und es sind durch Professor vr. Deutschmann bereits zahlreiche Kranke durch dieses sein Operationsverfahren geheilt worden. Während die einen Blätter diese Notiz eines Wiener Journals kommentarlos reproduziren, setzen andere Zweifel in die Richtigkeit der Mittheilung. Wie die „Hamb. Nachr." schreiben, handelt es sich nun durchaus nicht um etwas Neues, wenn auch in Laienkreisen wenig Bekanntes. Schon seit vielen Jahren hat sich Pros. Dr. Deutschmann eingehend mit der Erblindung durch Netzhautablösung beschäftigt und weitgehende Untersuchungen im Interesse der Heilung dieser bisher als unheilbar erschienenen, für ihre Opfer furchtbaren Krankheit angestellt. Die Resultate dieser seiner Bemühungen legte er nieder in einem in dem bereits im April 1895 erschienenen 20. Heft der »Beiträge zur Augenheilkunde", herausgegeben von Prof. Dr. N. Deutschmann erschienenen Artikel „Ueber ein neues Heilverfahren bei Netzhautablösung." Nachdem der Verfasser zunächst über seine von überraschend günstigen Erfolgen begleitete Behandlung der Netzhaut- ablösung durch Netzhautglaslörpcr-Durchschneidung in elf Fällen, die sich auf den Zeitraum von 1890 bis 1895 vertheilen, berichtet, kommt er zur Darlegung der Heilung durch Einführung des Augenglaskörpers lebender Kaninchen. Diesen Aufzeichnungen entnehmen wir folgende Sätze: „Sollte irgend eine Besserung resp. wemgstens eine partielle Wiederanlcgung der Netzhaut erreicht werden können, so war dies einer einfachen Ueberlegung nach nur unter folgenden Bedingungen möglich: 1) die im Bulbus (Augapfel) jetzt frei zirkulirende Flüssigkeit mußte abgelassen werden; 2) der präretinals (vor der Netzhaut befindliche) Raum mußte mit einer Flüssigkeit angefüllt werden, die, nachdem die Retina durch den Strom der abfließenden Masse der Aderhaut möglichst genähert war, sie weiter an die letztere andrückte; 3) durch die Möglichkeit längeren Verweilens im Bulbus sie auch einige Zeit angedrückt hielt; 4) durch Erregung schwacher entzündlicher Vorgänge zunächst zu einer Verklcbung, späterhin zu einer Verwachsung von Netzhaut und Aderhaut führte; 5) dabei doch nicht so different war, daß sie direkt schädigend auf die Elemente der Netzhaut resp. des Uvealtraktus einwirkte; 6) vollständig aseptisch war resp. aseptisch herzustellen war, ohne etwa dadurch an Wirksamkeit einzubüßen. — Das scheint nun in der Thai etwas viel verlangt, und doch sagte mir eine einfache Ueberlegung, daß eine solche Flüssigkeit in dem frischen, normalen Glaskörper des lebenden Thieres gegeben sein dürfte. Da der Zustand des linken Auges des Patienten absolut unverändert schlecht war, so nahm ich die Operation, wie ich sie mir theoretisch ausgebucht hatte, vor." Weiter schildert nun Professor Deutschmann, wie er dabei zu Werke ging: „Der Kaninchenbulbus wurde auf daS Penibelste von allen anhängenden Muskel- und Binbchautsetzcn frei präparirt, ganz flüchtig in schwacher Snblimatlösung abgespült, hinterher mit heißem, sterili- sirtem Wasser abgcwaschen und nun mit der Scheere, vom Optikusstumpf ausgehend, die Augenhäute am Hinteren Pole nach rechts und links eingeschnitten; bei minimalem Druck quoll der zähe Glaskörper heraus, vermengt mit einigen Tropfen wasserklarer Flüssigkeit, die zum Theil wohl Kammerwasser ist, wie ich glaube, und wurde in einem durch Hitze vorher sterilisirten GlaL- schälchen mit eingeschliffenem Deckel aufgefangen; daS Schälchcn war nach vollendeter Dcsinfcction im Sterilisationsapparate bis auf 40 Grad Celsius wieder abgekühlt. Ich setzte nun einige Tropfen durch Kochen steri- lisirter ^procentiger Chlornatriumlösung, noch warm, hinzu und stellte durch Verrühren derselben mittels steri- lifirten Glasstabes mit dem Kaninchenglaskörper aus letzterem eine halbflüssige, etwas grauweiße, leicht flockige Masse her. Nun ließ ich durch einen Schnitt mit dem zweischneidigen Linearmcsser in den Bulbus des Patienten von unten und innen her die vermuthete blutigferiöse Flüssigkeit abfließen. Sobald dies geschehen war, sog ich in eine sonst gewöhnliche, nur mit Asbeststempel und Glaskanüleansatz versehene Pravaz'sche Spritze, die vorher durch Kochen sterilisirt war, während sie noch circa 38 Grad Celsius warm war, den Kaninchenglaskörper auf und injizirte mittelst einer neusilbernen scharfen Kanüle von der gewöhnlichen Stärke (wie solche den Pravaz'sche» Spritzen beigegeben sind), die natürlich vorher gleichfalls ausgekocht war, ca. 1,5 Theilstriche in den Bulbus des Patienten. Ich stieß zu diesem Zwecke die Kanüle von außen unten her dicht vor dem Acquator in schräger Richtung in das Auge ein, was bei der Weichheit desselben seine Schwierigkeiten hatte, aber doch ganz gut gelang. Darauf zog ich, nachdem ich die gewünschte Menge unter sanftem Druck in den Bulbus entleert hatte, langsam und vorsichtig die Kanüle zurück; eS floß nichts von 515 der injizirken Flüssigkeit ab. Der Augendruck war nach Vollendung des Eingriffes, der völlig schmerzlos für den Patienten verlief, normal; die Pupille, die absichtlich vorher durch Atropin nicht erweitert gewesen war, hatte sich entschieden vergrößert. Der Patient wurde mit gewöhnlichem einseitigem Druckverband zu Bett gebracht. Das Auge besserte sich unter leichten Schwankungen von Tag zu Tag. Seit Ausführung der Operation ist nun (im April 1895) über ein Jahr vergangen, und das Sehvermögen hat sich noch weiter gebessert." Nachdem Herr Professor Deutschmann noch Berichte über weitere glücklich verlaufene Operationen derselben Art geschildert, kommt er zu dem Schlüsse: „Ich glaube, man wird zugeben müssen, daß die Heilmethode in allen diesen Fällen an sonst der Erblindung überlieferten Augen so viel geleistet hat, daß ein Versuch mit derselben nicht nur gerechtfertigt, sondern Pflicht ist. Schiebt sie, auch den ungünstigen Fall eines späteren Rezidivs (Rückfalls) angenommen, die Erblindung auf einige Jahre hinaus, so wäre selbst dies ein für derartige Unglückliche resp. von derartigen Unglücklichen gewiß anzuerkennender Gewinn, abgesehen davon, daß sich bei einem etwaigen Rezidiv dieses Heilverfahren natürlich sofort wieder in Anwendung bringen ließe." KZZVVLSZ« Altvaterischer Stil. Die guten alten Zeiten, welche von so manchem herbeigewünscht werden, haben doch auch so manche Schattenseite gehabt und sich durch manche Eigenschaften ausgezeichnet, welche man nicht gerade als über alles Lob erhaben bezeichnen kann. Eine solche recht bedenkliche Eigenschaft, wie sie jetzt, dank den guten Schulen, selbst nicht «ehr in den untersten Schichten des Volkes vorkommen würde, war der Mangel im Stilisieren; von diesem aber dürfte folgende Probe aus einem Zeugniß, welches ein Richter einem Nachricht« allen Ernstes ausstellte, ein ganz besondes schlagender Beweis sein. Dies Zeugniß lautet unter Weglassung einiges unnöthigen Beiwerkes wörtlich wie folgt: „Daß der Nachricht« von Pekelnberg, I. St., den p. p. Sch. nicht nur wohl und zu meinem besondern Vergnügen enthauptete, sondern auch vordem einen Beisassen über die Maßen wohl gehenkt, also daß man in dergleichen Fällen sehr gut von ihm bedient wird, ein solches bescheinige ich hiemit. Den 9. Januar 1709. N. N-" Wie theuer baS Leben beim Militär ist. Drei Väter klagen einander auf der Rückkehr aus dem Badeorte R. im Eisenbahnwnggon ihr Leid, wie theuer das Leben beim Militär sei, wo Jeder von ihnen einen wohlgerathenen Einjährigen stehen hat. Papa Nr. 1 blickt finster drein und spricht: „Bei der Kavallerie dient er, mein Sohn, und im letzten Monat hab' ich ihm 1000 Mark schicken müssen, weil er ein ürarisches Pferd zu Schanden geritten hat und ersetzen mußte." Papa Nr. 2 schlägt eine bittere Lache auf und sagt: „Und das genirt Sied Lumpige 1000 M.d Mein Sohn, hören Sie, hat mir's nicht so billig gethan. Freilich dient'er bei der Artillerie. Letzten Freitag bekomm' ich von ihm eine Rechnung üb« 11,400 M. — eine Kanon' hat er zerbrochen . . Papa Nr. 3 springt mit gesträubtem Haar von seinem Sitze auf und schreit verzweifelt: „WaS ist all' das im Vergleich zu dem Geld, das ich werde bezahlen müssen I Mein Herr Sohn dient bei der Marine.- In der vorigen Woche befiehlt ihm fein Admiral: „Kraxeln Sie auf den Masibaum hinaufl" Mein Sohn gehorcht natürlich, er kraxelt und kraxelt, und wie er ganz oben ist, füllt er mir herunter und zerbricht mir den ganzen Meeresspiegel. Gott weiß, was ich werd' zahlen müssen ..." — Es ist unglaublich, wie theuer das Leben beim Militär ist! » Die zehnGebote für denSommerfrischler. 1. Achte den Bauernstand und seine Grundsätze; denn ohne Bauern gibt es keine Herren; er ist die Stütze des Thrones. 2. Steh' früh auf und leg' dich zeitlich nieder, dann wird dich kein Lärm stören. 3. Verehre das Rindvieh, insbesondere die Kühe und störe' ihre Freiheit nicht, denn nur so bekommst du Milch und Butter, welche dir so angenehm sind. 4. Schmähe nicht über die Dünger- hausen; durch sie kleiden sich die Felder und Wiesen immer im frischen Grün. 5. Störe nicht den Herzensfrieden der Landmädchen. 6. Sei bescheiden in deinen Ansprüchen, denn je weniger du begehrst, desto zufriedener bist du. 7. Spotte nicht über Einfalt und Natürlichkeit der Landleute, du kannst von ihnen lernen. 8. Verpeste nicht mit Moschusgestank die würzige Bergluft. 9. Wenn du ein Christ bist, so feilsche nicht. 10. Sei nicht stolz; der Bauer urtheilt scharf und richtig, indem er sagt: „Dummheit und Stolz wachst auf oan Holz!" » EineNiesenuhr. Als größte Uhr der Welt dürfte wohl mit Recht die im Thurme des Rathhauses zu Philadelphia untergebrachte zu bezeichnen sein. Das Zifferblatt derselben besitzt einen Durchmesser von 10 ru, während der Minutenzeiger eine Länge von 4 w, der Stundenzeiger eine solche von 2^/z ru ausweist. Die Glocke für das Schlagwerk hat ein Gewicht von circa 25,000 und ist zum Aufziehen der Uhr eine eigene Dampfmaschine, die in dem Thurm untergebracht ist, erforderlich. Der Größe der Uhr entsprechend, ist dieselbe so hoch aufgestellt, daß sie von allen Punkten der Stadt sichtbar erscheint, und wird dieselbe nachts elektrisch beleuchtet, um auch bei Dunkelheit allseitig gesehen zu werden. Praktische Wissenschaft. Frau: „Aber, Männchen, was machst Du denn da l Du solltest mir doch die Ente tranchiren." — Professor: „Ja, ich Photographire sie eben mit X-Strahlen, um mich über das Knochen- Gerüst zu orientirenl" Schlimm und schlimmer. Herr: Fräulein R. singt auch nicht mehr so gut, als vor Jahren!" — Fräulein: „Ach, es muß schrecklich sein, wenn eine Sängerin merkt, daß sie ihre Stimme verloren." — Herr: „Noch schrecklicher aber, wenn sie es nicht merkt." Schöne Aussicht. A.: „Ich habe jetzt eine Stelle in einer Pulvermühle." — B.: „Dableiben Sie nur, lieber Freund. Sie haben da alle Aussicht, eines Tages in die Höhe zu kommen." Ländliche Diagnose. Bauer: I woaß uet, was dös is, Bader, an Katarrh hob' i, an Husten und überall reißt's mil — Bader: Lös macht nix. Woaßt, 516 wer bei dem Sauwetter net krank is, der is überhaupt riet g'sund. * Am Jägertisch. Jäger: «Herr Nachbar, Sie dürfen es glauben, ich spreche die reine Wahrheit." — Nachbar: „O geben Sie sich keine unnöthigc Mühe, man verlangt von keinem Menschen daS Unmögliche." » KindlicheSparsamkeit. Julius sstolz zu seinem Freunde Alphonsj: „Mama gibt mir jeden Tag zwei Pfennige dafür, daß ich meinen Leberthran einnehme." — Alphons: „Und was machst Du damit?" — Julius: „Die spare ich zusammen, bis es eine Mark geworden ist." — Alphons: „Nun, und dann? ..." — Julius: „Dann kauft mir Mama wieder eine Flasche Leberthran dafür." « Geographie-Examen. Lehrer: „Welche Veränderungen bemerken Sie an der Karte von Europa in den letzten zehn Jahren?" — Schüler: „Sie ist zweimal frisch lackirt worden." » Aus der Schule. Lehrer: „Kann mir Jemand sagen, wer Ganymed warL" — Pept sSohn des LöwenwirthSj: „Der.der war Zählkellner im Olymp." , Selbstgefühl. „.... Ihr Garten ist prächtig, Hetr Commercienrath.und diese hexrWe Luft!" - 2 - „Ja. rneUre Luft ist gut!" -«-—-- Äbenäkieä. Wie traulich klang Das Thal entlang Des Aveglöckleins FriebMZgkuß! Das Glöcklein schwieg, Und niedersticg Der Himmelswonne Vollgenuß. Stillfeiernd blickt Und fricdbcglückt Empor die tageSmübe FlUt; Und aller Klag' Und aller Plag' Vergessend ruht die Creatur. Nur Amselschlag Im nahen Hag Tönt klagend durch die Menbruh; Und neigend lauscht "" Und leise rauscht Des Waldes Wunberwelt dazu. Da plötzlich regt Sich's und bewegt Sich'S mächtig wallend in der Brüst; Die Thräne bricht — O störe nicht Des HimmclsfriebenS sel'ge Lust! 1. ll. -—7"---SWNS--- Goldköruer. , . Weiln ich hasse, so nehme ich mir etwas; WEN ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Schiller. Weine dich aus im Schmerz, bann greif' entschlösset zur Arbeit; Mas die Thräne nicht löst, löst, dich erquickend, der Schweiß. Frei muß ich denken, sprechen und athincn Gottes Luft, Und wer die drei mir raubet, der legt mich in die Grufk ' -—"-.---lt-Wr-». - — lntSI-N3.tl0N3.l6S st/lsi'stsl'-l'ul'nisi' iii Niir«k»6LA. IVir tbeilen biermit äis Zweite kartis aus äivssm bleister-Turniers mit. (blacbärnek verboten, äa äas Rsebt äer kublication von äem 8ebacbelub Xürnbsrg vorbebaiteN wuräs. D. Xsä.) II. (S-ssx-Lsll: s.222. 2S. LSSS-) k'ranLösiselis Lröü'nunx. dc liVeiss: ikMsdus's (Amerika). 8ebwarr: l-ssks«» (Lnglanä). -S ^ IVsiss: PUIsbui-v (Amerika). 8ebwarr: l-ssksi> (Lnglanä). 1 e2—e4 s7—e6 26 8. 14—e6 D. a4—ä? 2 ä2-ä4 ä7-ä5 27 8. e6X0ä8 T. a8Xä8 8 8. bl—c3 8. g8-k6 28 D. e3—«5 T. ä8—c8 4 e4—e5 8. g6-ä7 29 D. e5XDs7 X. e8Xe7 5 k2—k4 o7—e5 30 D. 12—e3 T. c8—e8 e ä4Xeö 8. b8-e6 31 D. e3—g5f X. e7—17 7 a2—a3 8. ä7X°5 32 T. 11—ei TXTt 8 b2—b4 8. cö—ä7 33 DXT T. b8—e3 9 D. ll—ä3 a7—a5 34 D. cl—sl b4—b3 10 b4- b5 8. e6-b8 35 §2XK3 1. e8—g8j 11 8. gl-13 8. ä7—c5 36 X. gl-12 aö—a4 12 D. e1-e3 8. b8-ä7 37 v. sl—b4 T. g8—g6 13 0 -0') g7—g6 38 X. 12—13 8.4 23 14 8. c3—e2 D. 13-«7 39 v. b4Xa3 T. g6Xbk 15 D. äl-el 8. ä7-l>6 40 D. a3—«5 T. b6-e8 16 8. l3-ä4 D. «8—ä7 41 D. cö—e7 X. 17-6? 17 D. ei—k2 8. b6 - a4 42 X. 13-14 b7—b6 18 T. al—bl b7—b5 43 b3—b4 T. e6—c8 19 b7-b6 8. c5Xä3 44 D. e7—b8 D. ä7—e8 20 c2Xä3 D. s?Xa3 45 X. 14X15 T. e6—b8 21 14-15 göXIS 46 D. b8-e?t X. e7—18 22 8. e2-l4 1i5-b4 47 v. c7—ä8 b6—bö 23 T. bl-al D. a3—e7 48 sö—s6 I. K6—b? 24 T. a1Xa4 D. ä?Xa4 49 X. 15—e5 b5-b4 25 8. ä4X«6 l?Xe6 SO D. ä8-ä6t aulgsgebeo. *) Kleine Koebaäs. _ Anmerkung. In obiger kartis bat äer jugenälicbs — 23zäbrigs — amerikanisebs Llsister, welcber, nebenbei bemerkt, im 1895er internationalen Turnier eu Uastings äen I. kreis errang, seinen kübnen ^.ngritk vom Beginn bis rum Lnäs mit leinen Oplerkombioationen siegrsieb äurebgelübrt; liessen gewaltiger 6egner musste trotr taxlerer Vertbeiäigung naek äem 50. 2ugs äis Vaklen strecken. Diese glänrenäe kartis äürlts bis jstrt äis meiste äll- wartscbalt auk äsn Kotbscbilä-kreis baden. Lins weitere, sebr elegante kartis rwiseben äem österreiebiscben bleistsr Llbin nnä äem Ungarn Lbaroussk lolgt in einer äer näcbsten Uuwwern. _ X. Holm ann. Vsiss. Ltellung naeb äem 25. 2ugs. X -— -—-»SLAWS--