« 68 . 1896. „Augsburger PostMung^. Dinstag, den 18. August Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS^^rabherrin Augsburg on Millfield, einer etwa fünf Meilen von Sandypoint entlegenen Fabrikstadt, nach Hause. Am frühen Morsien war sie mit einem Nachbar herübergefahren, um sich ein Kleid zu kaufen, und da sie den Weg gut kannte, machte sie sich gegen Abend auf den Heimweg. Den Merino trug sie als Talisman gegen Wind und Witter im Arm, unb voll froher Gedanken darüber, wie hübsch der Stoff sie kleiden würde, eilte sie flüchtigen Fußes dahin. Noch aber hatte sie kaum den dritten Theil des Weges zurückgelegt, als der Schnee in großen Flocken herniederzuwirbeln begann. Entsetzt blickte sie auf; es war ein Feldweg, der über Berg und Thal führte und den sie nicht zu finden vermochte, wenn es schneite. Die Nacht nahte schnell. Was war zu thun? Die Klugheit rieth ihr, umzukehren. Jugendliche Ungeduld und Uebermuth aber riefen „Vorwärts!" Sie eilte weiter; der große Haushund Bruno war ihr einziger Begleiter. Schneller und dichter fielen die Flocken, es wurde ein Schneesturm. Sollte sie umkehren? Furcht kannte sie nicht, mit Bruno's Hülfe glaubte sie den Weg zu finden, und so hüllte sie sich fester in ihren Shawl und ging muthig vorwärts. Wieder war eine Meile zurückgelegt, aber es war Nacht geworden, der Schnee fiel noch immer, und zwei englische Meilen lagen noch zwischen ihr und der Heimath. Ihr Herz begann zu pochen, Bruno suchte ängstlich, der Weg war förmlich im Schnee begraben, das Gewirbel der fallenden Flocken blendete sie, das Waten ermüdete sie furchtbar. Wenn sie sich verirrte und die Nacht herumliefe? Wenn sie nur irgendwo Licht sähe, sie wollte darauf zugehen und Schutz suchen vor Nacht Nacht und Sturm. Umsonst — es war nichts zu sehen. Vorwärts I Horch! Was war das? Bruno spitzte die Ohren. Unfehlbar ein Schrei, ein Angstschrei. Schwach und klagend tönte er auS der Ferne zu ihr. Edith zauderte nicht. Wie oft schon hatten Fremde diesen Weg gemacht und waren erfroren gefunden worden. „Such', Bruno, such', alter Bursche!" rief sie dem Hunde zu und wandte sich nach der Richtung, aus welcher der Hülferuf gekommen. „Wo sind Sie?" schrie sie laut hinein in die Nacht. „Hier!"klang es schwach über denSchnee, „hierlinks." Sie eilte vorwärts. Wo sie war, wußte sie nicht. Plötzlich sah sie im Schnee die dunkle Gestalt eines Mannes liegen. „Wie kamen Sie daher?" fragte sie und berührte des Fremden kaltes Gesicht. „Ich war auf dem Wege nach Sandypoint", entgegnen er schwach, „die Nacht überraschte mich, ich verlor den Weg, glitt aus und brach wohl den Fuß. Ich hörte Sie dem Hunde rufen und versuchte zu schreien. Wenn Sie nur am nächsten Hause sagen wollten, daß —" 518 Die Stimme erstarb. Das nächste Haus, wo war es § In einer halben Stunde war der Aermste erfroren, wenn ,r?e ihn allein liegen ließ; was sollte sie thun? Sie riß eiln Black aus ihrem Notizbuch und schrieb darauf: „Folgt kommt sogleich I" Dann befestigte sie es an ihrem Taschentuche und band dieses um des Hundes Hals. „Geh' heim, Brvmo, geh' heim und hole Papa." Die großen, klugnn Augen blickten sie an, sie schob ihn mit beiden Händen fvirt, und Bruno verstand sie. Nun war Edith allein »mit dem Erstarrenden, allein auf dem Schneemeere. Sie .hatte Zündhölzer gekauft, und neugierig, wie der Fremde au-^b-he, zünvete sie eines an. Es leuchtete zwei Sekunden und e-.rlosch. Sie hatte ein bleiches Gesicht mit geschlossenen Augen und schmerz- verzerrten Lippen gesehen. „Sie dürfen nicht schlafen", rief sie, ihn rüttelnd, „hören Sie!" „So — darf ich nicht?" fragte er schläfrig. „Sie erfrieren sonst; suchen Sie aufzustehen, sick wach zu erhalten. Ich schickte den Hund heim und will bei Ihnen bleiben, bis Hülfe kommt. Schmerzt Ihr Fuß sehr?" „Jetzt nicht — aber — ich bin — schläfrig und —" „Ich sage Ihnen, Sie dürfen nicht schlafen", und sie rüttelte ihn so heftig, daß er sich aufrichtete. „Sie müssen wach bleiben und mit mir reden." „Reden? Es ist sehr schön, daß Sie bei mir bleiben wollen, aber ich darf es nicht dulden, Sie würden selbst erfrieren." „Nein, mir fehlt nichts, und hätten Sie den Fuß nicht verletzt, so hätte es bei Ihnen keine Gefahr. Wenn ich nur etwas für Sie thun könnte; ich will Ihre Hände reiben, um Sie wach zu halten und etwas um Ihre Füße hüllen." Und mit hochherziger Selbstaufopferung entfaltete sie den granatrothen Merino und wickelte ihn um des Fremden Stiefel. „Sie sind zu gütig; wenn ich gerettet werde, habe ich Ihnen das Leben zu verdanken. Wie heißen Sie?" „Edith." „Ein hübscher Name, eine angenehme Stimme. Bitte, reiben Sie die andere Hand. Ich fühle mich schon besser." Edith blickte erstaunt auf den Fremden, das Abenteuer reizte ihren Sinn für Romantik. „Sind Sie hier fremd?" fragte sie. „Ja, und es war recht thöricht von mir, in diesem Sturm einen Weg finden zu wollen. Aber wäre es nicht besser, Sie gingen heim, Sie könnten sich sonst erkälten?" Diese Besorgniß um sie, in all' seiner Gefahr, rührte sie. Mit mütterlicher Zartheit beugte sie sich über ihn: „Mir ist warm, und ich habe nichts zu fürchten; wenn Sie übrigens glauben, ich würde irgend Jemand mit gebrochenem Bein dem Tod überlassen, so verkennen Sie mich. Ich bleibe bei Ihnen bis zum Morgen." Er drückte ihr dankbar die Hand. Bald aber stöhnte er laut und fiel in Ohnmacht. In unsagbarer Angst rieb sie Gesicht und Hände, rüttelte ihn und suchte ihn aufzurichten; aber stumm und regungslos lag der Fremde im Schnee. So verstrich eine Stunde, ihr däuchte es eine Ewigkeit. In ihrem ganzen Leben gedachte sie der Nacht. Aber Hülfe kam. Durch die Todtcnstille erschollen Stimmen. Laternen- licht beschien die Schneefläche, und Bruno sprang in mächtigen Sprüngen freudig bellend auf sie zu und leckte ihre Hände. Sie waren gerettet. Schwindelnd sank sie in des Vaters Arme. Einen Moment schien alles sich zu drehen, dann sprang sie gefaßt auf. Der Fremde wurde in Mr. Darrells Haus getragen. Seine Füße waren erfroren, das Bein nur geschwollen, er selbst ohnmächtig. „Geh' zu Bett", sagte die Stiefmutter zu Edith, „damit Du nicht auch krank wirst, der Fremdling wird mir ohnehin für die nächsten vier Wochen eine schöne Last sein." „Ja, geh' zu Bett, Dithy", fügte der Vater bei and küßte sie zärtlich, „Du bist ein wüthiges Kind und rettetest sein Leben. Ich bin stolz auf Dich." Fünf volle Wochen dauerte es, bis der junge Mann wst Krücken umhergehen konnte. Er hatte in Fieber- )elinr-n gelegen, und Edith war meistentheils die Krankenpflege zugefallen. Sie schien es natürlich zu finden. In den schlimmsten Stunden vermochte der Ton ihrer Stimme, die Berü-hrung ihrer Hand ihn zu besänftigen. Oft rief er nach s einer Mutter und Trixy. „Wer: war Trixy?" fragte sich Edith mit unerklärlicher Angsir. Noch ÜMmer wußte die Familie nicht, wer der Kranke war. Seine.: Kleider und Wäsche waren fein, er hatte eine werthvaster Uhr und Kette und einen prachtvollen Diamantring/ Papiere, Briefe und Karten bei sich. Seine Wäsche war r»it R. S. gezeichnet. Die Aprstssonne beleuchtete das Gemach, in welchem der Fremde bleich und abgemagert im Fauteuil saß. Edith arbeitete eifrig im Blumengarten, Mr. Darrcll trat ein und bat den Gast, seinen Namen zu nennen, daß man seine Familie benachrichtigen könne. „Meine Fam.stie? Sie sind sehr aufmerksam, aber wahrlich, meine Leu-te lassen sich meinetwegen kein graues Haar wachsen, sie find an meine Abwesenheit und mein Schweigen gewöhnt. Nächste Woche will ich übrigens selbst ein paar Zeilen schreiben. Mein Name ist Rudolf Stuart." „Stuart?" sagte Mr. Darrell, „ein Sohn des Banquiers Stuart in Nxw-Iork?" „Ja, James Str-art ist wein Vater! Kennen Sie ihn?" j Des Hausherrn Ge.stcht wurde ernst. „Ihr Vater ist Geschwisterkind mit Edith's Mutter. Hörten Sie nie von Levra Stuart reden?" „Die Friedrich Darrell heirathete? Freilich! Und Sie sind Mr. Darrell; ist's möglich, daß ich das Glück habe mit Ihnen verwandt zu sein?" „Mit meiner Tochter, wenn sie wollen, nicht mU mir. Ihre Familie hat/thr Anathema über mich ausge" sprachen, und ich werde mich nicht aufdrängen. Komm, Edith, und vernimm die Kunde." Das junge Mädchen warf den Spaten weg und kam lachend mit beschmutzten Händen herein. „Was gibt's? Hat nnser Gast den Fuß verrenkt?" „Das nicht." Und er theilte ihr t,ie eben gemachte Entdeckung mit. „Es ist ein Feenwürchen, wo schließlich Jeder ein Anderer wird", rief Edi^ freudig. „Sie sind also mein Cousin; und r " ^ „Trixy ist meine Schwester; woher wissen Sie etwas von ihr?" „Sie riefen im Fieber oft nach ihr." Edith Darrcll und Rudolf Siuart trafen sich selten, ohne sich zu zanken, sie sagten sich unverhohlen ihre Meinungen und waren stets kampfbereit. Dem jungen Mann schien das zu gefallen, sein Fuß wurde zusehends kräftiger, und doch verschob er die Abreise wieder. Ende April schlugen Rudolf und Edith die letzte Schlacht und schieden. Er kehrte in die Welt zurück, für sie begann wieder das düstere, öde Leben. Rudolf erzählte seinen Eltern die jüngsten Erlebnisse, und es entstand eine lebhafte Correspondenz zwischen Edith und den neuen Verwandten. Beatrice besonders schrieb oft, und viel und es gestaltete sich allmählich ein inniger Verkehr. Im Laufe des Sommers kam Rudolf auf vierzeft Tage nach Sandypoint zum Fischen, und der B"ffu, ^WWWW Herzog PHM"" M cleany »nd seine Kraut ildete eine Oase in Ed..^ » Wieder stritten sie die ganze Zeit und suchten sich doch immer. Nach seiner Abreise begannen die c'den Tage, das Kochen, Putzen und Flicken wieder, bis es dem Mädchen unerträglich wurde. So vergingen zwei Jahre'; Edith zählte achtzehn und war des Lebens müde. Und eben als ihr Ueber- druß greifbare Formen anzunehmen begann, kam Rudolf mit dem Briefe seiner Mutier, und von der Stunde an datirte sich die Geschichte von Edith Darrell's Leben. 3. Kapitel- Trixy's Gesellschafterin. Vierzehn Tage genügten zu den nöthigen Vorbereitungen für Edith's Abreise. Mr. Darrell hatte eingewilligt; was konnte er dem Liebling abschlagen? Und so verbarg er den Schmerz ob ihres Verlustes, so gut er es vermochte. Mrs. Darrell war froh, die Stieftochter, mit der sie stets in bewaffnetem Frieden lebte, los zu werden. „Es spricht sehr für Deine Liebenswürdigkeit, Ditbft/, neckte Rudolf, „daß man Deine Abreise hier so beschleunigt. Die vier kleinen Darrell's laufen im 'Hause umher mit dem Jubelgeschrei: „Dithy geht,,churrahl" Deiner Stiefmutter Gesicht strahlt vor Vergnügen, und selbst die Zöglinge scheinen sich erleichtert zu /fühlen. Deine Abreise muß wirklich ein unendlich angenehmes Ereigniß für Alle sein." Er lehnte sich zurück - .ud betrachtete die Cousine. Sie ließ die Arbeit sinkert. „Ich wundere mickh nicht, daß Du das sagst; ich weiß selbst, daß i> Europa nicht in Scene gesetzt wird, um Dich und Trixy zu verheirathenl" „Wirklich?" „Es befinden sich wohl viele Adelige auf Reisen, die ihre Kronen durch einen Bund mit dem Reichthum vergolden lassen wollen. Wohl manche Dame wartet auf das höchste Gebot." „Gleich Edith Darrell." „Ja, es ist ganz schön von Liebe zu reden und von der Oede des Lebens ohne ihren Glanz. In der Hinsicht haben mir aber die Romane den Kopf nicht verdreht; ich glaube, daß, wenn man Niemand liebt, als sich selbst, kein menschliches Wesen einen elend machen kann." „Eine Ansicht, deren Wahrheit Deinem Egoismus gleichkommt." „Die Egoisten aber kommen am besten durch die Welt, und ich gestehe, daß ich selbstsüchtig, weltlich, ehrgeizig und herzlos bin." „Ein unnöthiges Geständniß, mein Kind, die Thatsache ist dem oberflächlichsten Beobachter klar. Doch, ernsthaft gesprochen, angenommen, ich liebte Dich, Edith, ich läge zu Deinen Füßen, ich beschwört« Dich, Edith, mein Weib zu werden, würdest Du mich abweisen ob meiner Abhängigkeit vom Vater und meiner leeren Börse?" Er erfaßte ihre Hand und hielt sie trotz ihres Widerstrebens. „Ganz gewiß, und wenn Du mein ganzes Herz fülltest. Als ob ich nicht wüßte, was aus sogenannten Liebesheirathen wird! Meine eigene Mutter verließ die Hetmath und den Comfort des Lebens und heirathete Papa. Lange Jahre der Armuth kamen, aber sie zehrte ab und starb. Ich war, so lange ich denken kann, unzufrieden mit meinem Loos und strebte nach dem Glanz der Welt, der nur durch Heirath mir erreichbar wird. Bietet sich keine erwünschte Partie, so gehe ich als Edith Darrell zu Grabe." „Was kaum geschehen wird. Mädchen, die aus egoistischen, weltlichen Motiven suchen, erreichen gewöhnlich ihr Ziel. Ich wünsche Dir allen möglichen Erfolg bei Deinem lobenswcrthen Beginnen. Es ist gut, daß wir uns vom Anfange an verstehen, sonst könnte ich mich eines Tages versucht fühlen, mich zum Narren zu machen. Aber wo, um Himmelswillen, lerntest Du so hart, so unweiblich zu sein?" „Ist das unweiblich? Wenigstens bin ich ehrlich. Mein eigenes hartes Leben lehrte es mir, Bücher zeigten es mir, ich lernte es von meiner Mutter, hörte es von der Stiefmutter und fühle mich alt und müde mit achtzehn Jahren. Je nachdem mein Schicksal fällt, werde ich gut oder böse werden. Aber laß mich doch hier, wenn Du Dich vor mir scheust, sage Deiner Mutter, ich passe nicht zur Gesellschaft Trixy's." „Dich hier lassen? Warum nicht garl Was geschehen ist, ist geschehen. Ich gehe nicht ohne Dich, Du amüstrst und interessirst mich, bist mir eine Studie, so ganz anders als andere Mädchen. Nur bitte ich Dich, behalte Deine Offenheit für Deinen harmlosen Vetter und verbirg' sie vor der Welt. Millionäre gehen nicht in die Falle, wenn diese nicht unter Rosen sich versteckt. Komm', lass' uns einen Spaziergang machen, wer weiß, wann wir wieder den Sonnenuntergang an der klassischen Bucht von Sandypoint sehen." Sie gingen hinab zur Küste. Fischerboote schwammen auf den goldenen Wellen d em Ufer zu, froher Gesang hallte herüber. „Es erinnert mich an den Aprilabend vor zwei Jahren, wo wir uns hier verabschiedeten", sprach Rudolf, „damals weintest Du, weißt Du's noch? Du zähltest eben e^rst sechzehn Jahre und wußtest eS nicht besser, jetzt würdest Du wohl um keinen Mann der Welt mehr weinen." „Wenigstens nicht um Dich", lachte sie. „Und wenn ich wieder draußen läge im Schnee, riSkirtest Du wohl Dein Leben nicht wieder?" „Lebew. risktren? Unsinn. Uebrigens so herzlos und weltlich ich iauch geworden sein mag, ich glaube nicht, daß ich Weggänge und einen Unglücklichen sterben ließe." „Edith, -ich ahne, daß ich Dich eines Tages hassen werde. Ich hätte nicht viel gelitten, hättest Du mich damals erfrieren lassen; nun aber ahne ich, daß ich erst Dich lieben, von Dir hintergangen, Dich hassen und unsägliche Qualen ^erdulden werde." „Welch' ein Prophet! Wie wäre es übrigens, wenn wir das unangenehme Gespräch aufgäben? Dort ist ein Schiff; willst Du Dich mit Steuern befassen, so rudere ich Dich zum letztem Male über die Bai." Sie stoßen ab; , Rudolf drückt den Hut tief in die Augen und steuert, L-dith rudert eifrig. Schweigend fahre-n sie dann dahin. Der Purpur der untergehenden Soune erbleicht, die Nacht sinkt besternt hernieder. Es ijst die letzte Nacht ihres Bleibens in Sandypoint. Edith beobachtete das Aufgehen des Mondes und flüsterte lesise vor sich hin. „Was murmelst Du da?" „Ich wünsche mir etwas, das thue ich immer, wenn Neumond ist." „Einen reichen Gatten, natürlich. Wie wäre eS, wenn Du den Baron siechtest?" „Welch' vulgäre Sprechweise! Nein, ich lasse ihn Trixy. Wenn Du aber genug Mond- und Sternenlicht genossen, rudere ich heimwärts, ich habe Hunger." Sie fahren an's Ufer. Arm in Arm gehen sie den felsigen Pfad hinan. „So endet das aflte Leben", flüsterte Edith, „eS ist mein letzter Abend im elterlichen Hause, ich sollte wohl traurig sein, aber ich bin's nicht. Ich fühle mich sehr, sehr glücklich." Rudolf erfaßte ihre Hand. „Gedenke Deines Versprechens: was immer das neue Leben Dir bringen Mag, mich darfst Du nicht tadeln." 521 Der erste Zug von Sandypoint nach Boston entführte Edith Darrell und Rudolf Stuart. Die Frau des Müllers von Sandypoint reist nach New-Iork und hat die Rolle der Dame de Garde übernommen. Am M Die Ktalue des am 13. Juli enlhülllen Denkmals der Jungfrau von Vrlrans vor der Kathedrale in Uhrims. Modellirt von Paul Dubois. folgenden Tag ist Beatricen's Geburtstag, zu dessen Feier sie rechtzeitig eintreffen wollen. Am Ziele der Reise angekommen, verabschiedeten sie sich von Frau Rogers, bestiegen einen Wagen und rollten der prächtigen Heimath entgegen. Edith lehnte sich zurück, ihr Herz klopfte. Plötzlich streckte sie, wie ein hülf- loses Kind, Rudolf die Hand entgegen. „Mir ist furchtsam und scheu zu Muthe, verlaß mich nicht, mir ist als wäre ich verloren im fremden Lande." „Beruhige Dich, Dithy, ich verlasse Dich nicht." Der Wagen hält, Rudolf führt die Cousine durch die prächtigen Hallen in einen luftigen Saal, wo drei Personen beim Frühstück sitzen. Einen Moment fühlte sich Edith wie geblendet. Die Familie hat sich erhoben. Ein ehrwürdiger, alter Herr mit einem glänzenden Kahlkopf schüttelt ihr die Hand und bewillkommt sie, eine bleiche, kränklich aussehende Dame und ein großes, blühendes Mädchen küssen sie. Edith ist's, als besänge sie ein Traum. „Ich will Dich selbst in Dein Zimmer führen", rief Beatrice, „hoffentlich gefällt Dir's, ich ließ es ganz nach meinem Willen einrichten. O, wie freue ich mich, daß Du gekommen bist, ich habe Dich jetzt schon lieb. Und wie hübsch Du bist! Sieh', da ist Dein Zimmer, gefällt es Dir?" Edith war entzückt, und Beatrice führte sie im ganzen Hause herum und zuletzt in ihr Zimmer, wo sie ihr Ballkleid entfaltete und dessen Reiz pries. „Wenn das den Baron nicht fängt", lachte sie triumphirend, „so weiß ich nicht mehr was. Und sieh', das sind die Perlen, sind sie nicht prachtvoll?" „O Beatrice, was bist Du für ein Glückskind!" „Weil ich Perlen habe? Als ob Du nicht auch Diamanten und Perlen haben würdest l Du machst natürlich eine gute Partie, Brünetten sind jetzt Mode, und Du siehst bet Gaslicht gewiß schön aus. Was wirst Du heute Abend tragen?" „Ich habe nichts als ein weißes Mullkleid, und das paßt nicht für Eure Salons." „Mull paßt jetzt wohl für ein junges Mädchen, ich trug ihn viel in meiner ersten Saison. Ich fühle mich schrecklich alt heute. Einundzwanzig Jahre! Wahrhaftig, ich muß etwas anfangen, ehe der Winter kommt. Wollen wir das Kleid besehen? Ich habe ein ambrafarbiges Kleid, das ich nur einmal trug und das Dich trefflich kleiden würde. Nun, Du bist doch nicht böse?" „Gewiß nicht", entgegnete Edith erglühend, „wenn mein Mullkleid paßt, trage ich es, wo nicht, so bleibe ich in meinem Zimmer. Wohlthaten aber nehme ich nicht an." „Wohlthaten? UnsinnI Wer hat je an so etwas gedacht? " (Fortsetzung folgt.) --- 522 Die alte Wallfahrtskirche zu Vilgertshofen. (Mit Bild.) Im Kreise Oberbayern, im k. b. Bezirksamt Landsberg, nördlich von Epfach, zwischen Pflugdorf und Reich- ling, liegt in der kathol. Pfarrei Stadl am rechten Lech- ufer, gegenüber der Eisenbahnstation Asch-Leeder, der Weiler Vilgertshofen mit seiner alten Wallfahrtskirche, einem der schönsten Denkmäler deutscher Baukunst. Das hohe Alter von Vilgertshofen ist verschiedentlich bezeugt, und schon in den ersten Jahren, als das Christenthum in Bayern Eingang fand, soll an der Stelle, wo heute die große, schöne Kirche steht, ein Castrum gestanden haben, eine Tradition, die dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt, daß die Lage der Kirche als eine solche ins Auge fällt, wie sie für ein Kastell jener Zeit geeignet war, auf einem Hügel, der gegen Osten und Süden steil abfällt, gegen Norden und Westen aber sich in einer Hochebene fortsetzt, die sich bis an den Lech ausdehnt, der bei Mund- raching eine starke Krümmung macht. Der Ort und die Kirche werden zum ersten Male in dem Kalen- darium des Wes- sobrunner Abtes Benedikt ('s 943) erwähnt. Ueber den Ursprung des hölzernen Marienbildes (einer Pietü) in Vil- gerlshofen ist nichts Näheres bekannt. Dem Stil nach stammt dasselbe aus der Zeit der Spät- gothik, aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Die in der Kunst des Sengens und Brennens bewanderten Schweden fanden die Figur und warfen sie ins Feuer; sie verbrannte aber nicht, sondern wurde nur stark beschädigt. Cölestin Leutner (1753) berichtet über den Zustand der Statue vor dem 30jäh- rigen Kriege in folgender Weise: „Die schmerzhafte Gottesmutter sitzt unter dem Kreuz und hält den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß. Die Statue galt als Kunstwerk der Plastik, war eine Zeit lang verloren und wurde nach ihrer Wiederausfindung so kunstfertig bemalt, daß man im Zweifel war, ob dem Maler oder dem Bildhauer der Vorzug gebühre ..." Um sie etwas höher zu stellen, fertigte man 1618 einen Sockel an, auf dem sie befestigt wurde. Da die Kirche im Laufe der Zeit zu klein geworden war, so wurde 1281 von Abt Ulrich III. eine neue und größere gebaut. Zu dieser Zeit waren jedoch schlimme Zeiten im Lande; die Fehden zwischen den Herzögen Rudolph und Ludwig von Bayern, der Krieg des Kaisers Ludwig mit Friedrich dem Schönen von Oesterreich, in welchem 1315 Landsberg eingeäschert und Liessen zerstört wurde, ließen auch Vilgertshofen nicht unberührt. Nach dem 30jährigen Kriege hob sich die Wallfahrt wieder, namentlich unter dem würdigen Pfarrer Nikolaus Praun, der kurz vor seinem Tode (1682) nach Augsburg reiste und bet dem dortigen Ordinariat eine Vorstellung einreichte, in welcher er erklärte, daß bei der großen Anzahl von Kommunikanten, die sich jährlich in Vilgertshofen einfinden, diese Wallfahrt am besten dem Kloster Wessobrunn, zu dem sie vor dem 30jährigen Kriege gehörte, wieder zugewiesen werde, was nach seinem Tode auch geschah. In Wessobrunn regierte damals Abt Leonhard Weiß von Fürstenfeldbruck, aus der Bürgerfamilie, die heute noch das Post-Anwesen inne hat. Er übernahm die Kirche von Vilgertshofen und ließ sie in den Jahren 1687 bis 1692 durch den Baumeister Johann Schmuzer aus Wessobrunn um die Summe von 30,000 Gulden neu aufbauen. DieKirche faßt 6000 Menschen und ringt heute noch jedem Beschauer Bewunderung ab. Sehr viel für die Kirche that der Nachfolger des Erbauers Abt Virgilius Z Dallmayr.Er ließ das hölzerne Priesterhaus abbrechen und durch einen neuen Steinbau ersetzen, worauf er die Pfarrei von Jssing nach Vtl- gertshofen verlegte. Dies blieb so bis zur Säkularisation im Jahre 1803, in welchem Wessobrunn vom Staate eingezogen und die Kirche von Vilgertshofen — zum Abbruch bestimmt wurde. Allein trotz der wiederholten Abbruchbefehle blieb dieselbe stehen. Die Kirche zu Vilgertshofen ist in Kreuzesform erbaut. Den Chor umgiebt ein Umgang, der in den untern, nur durch Thüren mit dem Prcsbyterium verbundenen Theilen Sakristeiräume enthält, oben aber in hohen Bogensiellungen gegen die Kirche sich öffnet. Westlich schließen sich an den länglich rechteckigen Mittelraum zwei Thürme an, hinter welchen eine abgerundete Vorhalle mit 3 Eingängen folgt. Ausgebaut ist nur der Südthurm. In der Vorhalle befindet sich eine auf 6 Säulen ruhende Musiktribüne, welche von den Thürmen aus zugänglich ist. Von dem innern Kirchenraum wird die Vorhalle durch ein großes eisernes Gitter abgeschlossen. Die Wandgliederung des Innern der Kirche besteht 1896. 523 in korinthischen Mastern, welche Gesimsstücke tragen. Des weiteren sind 10 große Nischen angebracht, vor welchen überlebensgroße Gipsstatuen stehen von solchen Heiligen aus dem Benediklinerorden, welche sich durch besondere Verehrung der Gottesmutter ausgezeichnet haben. Die leeren Flächen des Gewölbes und zum Theil auch die Wände überzieht eine reiche Stuckdekoration. Erleuchtet wird die Kirche durch 20 große Haupt- senster, unter denen je wieder ein kleines rundes Fenster angebracht ist. In der Vorhalle ist rechts das Wappen des Abts Beda von Wessobrunn (1743—1760), der die Kanzel und den Stephansaltar in Vtlgertshofen stiftete. Die Kanzel wie auch der Stephansaltar sind beide vorzügliche Arbeiten. In der nördlichen Seitenkapelle befindet sich ein Der Choraltar hat kein Gemälde. Er wird durch zwei hochanstrebende Säulen gebildet, die sich zur Decke emporheben, und durch diese hindurch erblickt man den Altar auf der Emporkirche, so daß dessen Altarbild auch zugleich für den untern Altar dient. Dieses Bild stellt die Himmelfahrt Mariä dar und hat wenig künstlerischen Werth, dagegen macht das Deckengemälde des Chores, die schmerzhafte Mutier Gottes darstellend, auf den Beschauer einen geradezu überwältigenden Eindruck. Das Deckengemälde des Hauptraumes stellt ein großes Kreuz im Strahlenkranz vor. Zur Seite ober den beiden > Emporkirchen sehen wir den Gruß des Engels, die Geburt Christi, die Anbetung der Engel, die Beschneidung, die Flucht nach Aegypten und den Gang Mariä zu Elisabeth. Zwischen den Mastern an der Ost- und Westseite des Mittelbaues öffnen sich Bögen mit vortretenden Bal- . Dilgrrtshofen. Original-Aufncihme von Max Merz, Photograph in Diessen-Weilheim. ^Dervielfältigungtzrecht vorbehalten. Altar zu Ehren des heil. Ulrich. Das Hauptgemälde stellt den hl. Ulrich dar, wie er neben dem Kaiser Otto zur Hunnenschlacht ausreitet; im Hintergrund sieht man das Lechfeld. Unter diesem Bilde ist ein anderes, die Hunnen vorstellend, wie sie im Jahre 955 das Kloster Wessobrunn ausplündern und den Abt Thiento mit 6 Mönchen auf dem Kreuzberg enthaupten. Ober dem St. Ulrich- und St. Benno-Altar ist das Bildniß des letzteren als Schutzpatron von Bayern angebracht. Auf dem Tabernakel des Choraltars ist das aus Holz geschnitzte Gnadenbtld vom Ende des 15. Jahrhunderts aufgestellt; dasselbe ist mit Kleidern behängen und stellt die schmerzhafte Goitesmutter vor, wie sie den Leichnam Jesu nach der Abnahme vom Kreuz auf dem Schoß hält, auf goldenen Wolken thronend. kons. Die Brüstungen der Cboremporen zeigen Darstellungen von Gnaden und Heilungen, die auf die Fürbitte der Gottesmutter erlangt wurden. Die Außenseite der Kirche, welche ein Barockbau ist, zeigt schöne toskanische Pilaster und Gesimse. Die Kirche ist aber nicht nur künstlerisch werthvoll, sie ist auch von besonderem kunstgeschichtlichen Interesse als ein Werk der Wessobrunner Stuccatoren. —- Zu unseren Bildern. Die Derlodung des Herzogs Philipp von Drleans Mit der Erzherzogin Maria Dorothea von (Oesterreich. Am 15. Juli fand auf dem Schloß Alcsuth, d.r Sommerresidenz der Eltern der Braut, der Ringwechsel zwischen dem französischen Thronprätendenten Herzog Ludwig Philipp Robert 524 von Orleans und der Erzherzogin Maria Dorotbea Amalia, der ältesten Tochter des Honved - Obercommandanten Erzherzogs Joseph und der Erzherzogin Clotilde, einer Prinzessin aus dem Hause Sacbsen-Coburg und Gotha, statt. Die Vermählung wird im Oktober in Wien gefeiert werden, und das Ehepaar wird seinen Sitz in England aufschlagen. Die Verlobten wurden durch gegenseit-ge Neigung zusammengeführt, und die Politik spielt bei d-esem Ehebündniß nur insoweit eine Rolle, als der Herzog von Orleans, als anerkannter Führer der monarchischen Partei in Frankreich und Thronprätendent, in näherer oder fernerer Frist vielleicht dereinst berufen sein wird, den französischen Thron zu besteigen, als dessen legitimen Erben er sich betrachtet. Es ist seit lange bekannt, daß die am 14. Juni 1867 geborene Erzherzogin Maria Dorothea eine durch hervorragende Begabung und edle Charaktereigenschaften wie nicht minder durch Schönheit ausgezeichnete Dame ist. Sie zeigte seit ihrer frühesten Jugend einen ernsten Drang nach tieferer wissenschaftlicher Ausbildung und wußte es durchzusetzen, daß ihre Erziehung dem gelehrten Abt Holdhazy, dem Gouverneur ihrer Brüder, übertragen wurde, dessen eifrige und gelehrige Schülerin sie selbst in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Disciplinen war. Aber auch in der Malerei und Musik hat sie sich zur Künstlerschaft emporgearbeitet. Gemälde von ihrer Hand, namentlich Landschaftsbilder, fanden auf Wiener und Budapester Ausstellungen den Beifall der Kenner; von ihr componirte Lieder und Tänze sind im ganzen Ungarland populär geworden. Auch als dramatische Künstlerin hat sie in engern Kreisen bewundernde Anerkennung gefunden. Ihre Liebenswürdigkeit, Güte und Mildthätigkeit werden durch zahlreiche im Volksmunde cursirendc Anekdoten illustrirt. Der durch einen Jagdunfall herbeigeführte Tod ihres heißgeliebten Bruders Ladislaus hat sie so rief erschüttert, daß sie'monatelang in tiefster Zurückgezogenheit lebte und nur mit Mühe von dem Entschlüsse abgebracht werden konnte, den Frieren eines Klosters aufzusuchen. — Der am 6. Februar 1869 geborene Herzog Philipp von Orleans trat zum ersten Mal in die Oeffentlickkeit, als er seinen Vater, den Grafen von Paris, nach Frohsdorf an das Todtenbett des Graten von Chambord begleitete. Er erhielt unter den Augen seines Vaters eine sorgfältige Erziehung, abiolvirte eine englische Cadettenschule und diente kurze Zeit als Offizier in der anglo-indischen Armee. Großes Aufsehen erregte es, als er, ohne Wissen seiner Familie, als Verbannter in Paris erschien und, auf sein Recht als französischer Staatsbüraer pochend, verlangte, seine Dienstpflicht in der französischen Armce erfüllen zu dürfen. Er wurde zu zweijährigem Gefängniß verurtheilt, aber vom Präsidenten Carnot nach dreimonatlicher Haft begnadigt. Nach dem am 8. September 1894 erfolgten Tode seines Vaters trat in der Lebenshaltung des in jugendlichem Ungestüm dahinlebenden Prinzen eine Wendung ein; er übernahm die Rolle eines Prätendenten und führte sie seither mit unleugbarer Würde und Schneidig- keit durch. Seine Anhänger, deren Zahl in steter Zunahme begriffen ist, rühmen ihm Thatkraft und Scharfblick nach. Er hat das „alte Cabinet", das unter seinem Vater die Propaganda leitete beseitigt, und junge Kräfte an seine Seite gezogen. Die Zukunft wird lehren, welchen Einfluß seine geistig hochstehende Gemahlin auf das dermalige Oberhaupt der „maison äs Kranes" ausüben wird. Auch in der relativ bescheidenen Rolle der Gattin eines Thronprätendentcn kann die begabte Tochter des Erzherzogs Joseph zu historischer Größe emporwachsen. Dias Jeanne d'Arc-Denkmal in Rheims. Im Jahre 1886 faßte die Akademie der alten Bischofsstadt RheimS den Beschluß, der Jeanne d'Arc ein Reiterstandbild zu emchten, um die Erinnerungen an den 17. Juli 1429 zu verewigen, wo Jobanna Karl VII., den Siegreichen, in der altberühmten Kathedrale dieser Stadt von dem Erzbischof Regnault de Chartres batte krönen lassen, nachdem die Rathsherren von Rbeims am Taae vorher dem mit seiner Armee vor den Thoren lagernden französischen König ihre Unterwerfung angezeigt batten. DaS war der Höhepunkt des Lebens und Wirkens der Jungfrau von Orleans, und von da ab ging es schnell mit ihr abwärtts. Deswegen hat Rheims nun eine historische Pflicht erfüllt, wozu es seit der Anregung des Gedankens immerhin zehn volle Jahre bedurfte. Die rbeimser Akademie beauftragte den bekannten Bildbaucr Paul Dubois, auch Dubois-Pigalle genannt, mit der Ausführung des Denkmals, welches 150 000 Francs kostete. Jeanne d'Arc zeigt sich auf ibrem Streitroß, das ener- gifch vorwärts schreitet. Sie hat es fest im Zügel. Ihre zarte, schlanke Gestalt steht fast aufrecht in voller Rüstung in den Steigbügeln. In der Rechten hält sie triumphirend das Schwert. Der Blick ist nach oben gerichtet und aibt Zeugniß von dankbarer Befriedigung über die vollbrachte Aufgabe und von glaubensstarkem Gottvertrauen. Die Gesammtwnkung des Standbildes ist anmuthig und kraftvoll zugleich. Nur der Kritiker kann sicb nicht ganz einverstanden erklären mit der Auffassung des Künstlers, denn er weiß, daß Jodanna sowohl bei ihrem Ein- als Auszug, bei der Krönung in der Kathedrale wie während ihres ganzen Aufentbalts in Rheims ihre historische Standarte keinen Augenblick aus der Hand ließ, und darum wundert er sich, sie nun auf dem freien Platz vor dem altehrwürdigen Bauwerk, dem sie den Rücken zukehrt, und aus dem sie hcrauszureiten scheint, mit dem Schlrcktsckwert in der Hand vor sich zu sehen. Der Sockel trägt vorn dieJwchrift: „4. äsanns ä'.4re. Kdeims. Vranee. — Lonserixtion onverts xar 1'aeaäsmis äs Rirsims. 1886 — 1896." Auf der Rückseite liest man das Datum: „17. äuiliet 1429". Trotzdem wurde das Denkmal merkwürdigerweise nicht am 17., sondern am 15. Juli feierlich enthüllt; aus welchen Gründen, ist bis jetzt unbekannt geblieben. Der Präsident der Republik, Faure, wobnte persönlich der Feier bei, die sich in jeder Beziehung zu einer imposanten gestaltete. Harrtet Reecher-Zilowe ch Die Verfasserin von ..Onkel TomS Hütte", wohl die einflußreichste und erfolgreichste Schriftstellerin, die je gelebt hat, die Sklavenbefreierin Frau Harriet Beecher-Stowe, ist zu New- Aork im Alter von 84 Jahren gestorben. Im Jahre 1851 war es, als sie für die Zeitschrift „National 8va" ihre weltbewegende Erzählung „Undo Vom's dabin" lieferte, die im nächsten Jahre als Buch erschien und nicht nur in Amerika, sondern in allen Eidtheilen eine derartige Sensation erregte, daß sie rascher und weiter verbreitet wurde, als die Schriften aller jener bedeutenden und berühmten Schriftstellerinnen, mit deren dichterischen Leistungen die schlichte, rührselige Erzählung der Verstorbenen nickt entfernt verglichen we: den darf. Der Erfolg der genannten Erzählung war beispiellos; in Amerika ist sie in nahezu einer Million Exemplaren verbreitet, in England erschien sie in etwa vierzig Auflagen, in Deutschland in fünf verschiedenen Ueber- setzungen und Bearbeitungen, die alle denselben großen Erfolg beim Publikum batten. Dieser fast zufällige ungeheure Erfolg von „Onkel Toms Hütte", der mehr in dein Stoffe und in der Tendenz als in dem Werthe des Buches begründet war, erhob Mrs. Harriet Beecher-Stowe nnt einem Schlage zu einer Welt- berühmtbeit, der ihre sonstige literarftche Befähigung aber nicht gewachsen war und die ihr deßhalb zeitlebens unbehaglich blieb. Ihre weiteren Schriften, meist religiöse Dichtungen, sind unbekannt geblieben, und selbst ihre kühnen Byron-Enthüllungen verloren sehr bald das Interesse der Leser. Harriet Beecbcr war am 14. Juni 1812 als Tochter eines Predigers in Connecticut geboren und hatte in ihrer Jugend reichlich Gelegenheit, das Elend der schwarzen Sklaven von Grund aus kennen zu lernen. Sie bildete sich für das Lehrfach aus, hcirathete 1836 den Professor Calvin Ellts Stowe und schrieb fünfzehn Jahre später ihr zweibändiges Hauptwerk, das einen Einfluß auf den Gang der Weltgeschichte nahm wie kaum ein anderes Buch, und das ihr auch reicke pekuniäre Erträge brachte, wiewohl der Schutz und der Ertrag geistigen Eigenthums noch nicht auf der heutigen Höhe standen. Auch für die Jugend bearbeitete sie den dankbaren Stoff unter dem Namen: „ü. xesp into linde l'om's eabin, kor dülären", und rief damit jene unzähligen Jugendbücher in die Erscheinung, die die Schicksale Onkel Sis — so hieß der Held der Erzählung ursprünglich — in allen Sprachen der Welt erzählen. Auch eine Dramatisirung von „Onkel Toms Hütte" wurde viel gespielt und war jahrelang das Haupt- repertoirestück der Neaertruppcn. Der Hauptheld der Erzählung war ein cewisser Josiah Hewon, ein Vollblutneger mit ver- krüpvelten Armen; die grausamen Züchtigungen seitens eines Sklavenaufsebers batten dieses Gebrechen verschuldet. Der Rubin von „Onk l Toms Hütte" erstreckte sich aucb auf Henson, der späterhin Prediger einer farbigen Gemeinde wurde, große Reisen machte und selbst in Windior Castle vom englischen Hofe empfangen wurde. Seine Selbstbiographie wurde von Mrs. Beecher- Stowe herausgegeben. Nach dem Tode ibres Gatten, der seine Professur niedergelegt und zuletzt ein literarisches Wochenblatt „Asartb anä doms" redigirt hatte, lebte sie in stiller Zurück- gezogenbeit, die .Irüchte ihres berühmten Backes, au welches sie zuletzt gar nicht mehr erinnert werden mochte, genießend, in Connecticut, schließlich in New-Aork, wo sie am l. Juli b. I. gestorben ist.