»r « 69. Ireitag, den Ll. August 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) Der Tag verstreicht; die Damen ziehen sich zurück, um Toilette zu machen. Edith lehnte jede Hülfe ab und kleidete sich selbst höchst einfach in weißen Mull und einen Korallenschmuck ihrer Mutter. Sie steht sehr hübsch aus und weiß es. Beatrice rauschte herein, glänzend in Rosa-Seide, das blonde Haar in künstlichen Pyramiden aufgebaut und mit Camelien beladen. „Wie sehe ich aus, Dithy? Steht mir die Farbe? Und Du bist ja herzig, wer hätte geglaubt, daß sich die einfache Toilette so hübsch machte?" Sie eilt fort, Edith ist wieder allein, sie steht zum Fenster hinaus auf das Nachtleben der großen Stadt. Wagen um Wagen fährt vor, es überkommt sie im Gewirr dieses Lebens ein Gefühl der Verlassenheit. Ist es die alte Unzufriedenheit, die sie beschleicht? Wenn nur Rudolf heraufkommen dürfte, neben ihr sitzen und plaudern und rauchen, welche Wohlthat wäre das. Ohne ihm fühlt sie sich allein und unzufrieden. Während sie so nachdenkt, pocht es, und die Zofe tritt mit einem herrlichen Bouquet ein. „Eine Empfehlung von dem jungen Herrn, er erwartet Sie am Fuße der Treppe, um Sie in den Ballsaal zu führen, Fräulein." „Danke, sagen Sie Mr. Stuart, daß ich sofort erscheinen werde." Das Mädchen geht. Lächelnd betrachtete Edith die Blumen. „Lieber, guter Rudolf", flüsterte sie, „was würde aus mir ohne ihn." Sie wählt einige Blüthen, flicht sie kunstreich ins Haar und eilt hinab. Rudolf erwartet sie lächelnd und führt sie in den glänzenden Saal. Blumen, Gas, Juwelen, schöne Frauen, elegante Männer überall. Edith ist's, als träume sie. Einen Augenblick später befindet sie sich unter den Tanzenden, und nun glaubt sie im Himmel dahinzu- schweben. Sie wird Herren und Damen vorgestellt, ein Tänzer nach dem andern erbittet sich die Ehre einer Tour, bis sie endlich müde und erhitzt in einem Fauteuil ruht. Rudolf nähert sich mit einem blonden, jungen Mann Von freundlicher Erscheinung. Instinktiv erkennt sie ihn. „Edith, da bist Du ja, erlaube mir. Dir Sir Victor Chateron vorzustellen." 4. Kapitel. Unter dem Gaslicht. Zwei dunkle Augen blickten ernst auf Sir Victor. Beide verbeugten sich und murmelten ein paar nichtssagende Worte, und Edith Darrest ist mit dem Baron bekannt. Mit einem Baron! Gestern noch glättete und flickte und kochte sie zu Hause, heute ist sie im Ballsaal, umfunkelt von Diamanten, und ein fabelhaft reicher, adelsstolzer Baron bittet um die Gunst des nächsten Walzers. War eS ein Traum, und würde sie erwachen und der Stiefmutter schrille Stimme hören, die sie zur Hülfe in die Küche entbot? Was soll sie dem Baron sagen? Noch ist dem jungen Mädchen von Sandypoint die Gcscllschaftssprache Sanskrit, und sie zittert beinahe, während sie mit dem Fächer spielt. Sir Victor lehnt sich leicht an die Lehne ihres Stuhles und denkt, welch' reizendes Mädchen sie sei für eine Brünette. Brünetten sind nicht seine Passion, er hat sein Ideal und sieht in ihm die künftige Lady Chateron. Im fernen England weilt eine blonde, blauäugige Grafentochter, für ihn der Inbegriff edelster Weiblichkeit. An sie denkt er, ihr Bild schwebt ihm vor, als die Musik in donnernden Accorden intonirt. Wieder wendet er sich zu Edith, und in den Pausen des Tanzes unterhält er sich mit ihr über die bevorstehende Reise nach Europa. DaS junge Mädchen verliert die Schüchternheit, die sie erst befangen hatte, und wird wieder sie selbst. „Darf ich Sie meiner Tante vorstellen, Miß Darrell?" sagte der Baron am Ende des Tanzes, „sie wird Sie gewiß recht lieb haben." Erröthend nimmt Edith seinen Arm. Seine Artigkeit ist zweifelsohne nur Form und Gewohnheit, aber ungemein schmeichelnd. Jetzt schien es, als kenne er keine andere Dame der Schöpfung, als Miß Darrell. Langsam schreiten sie durch die glänzenden Räume, viele Augen heften sich auf sie; Jeder kennt den blonden Baron, den Meisten ist die dunkle Dame fremd. „Wer ist wohl das schöne, junge Mädchen?" fragen sich die Herren. „Wer ist das Mädchen in dem ärmlichen Mullkleid und den altmodischen Korallen?" flüstern sich die Damen zu; alle staunen, als sie die Antwort vernehmen: „Eine arme Cousine vom Lande, die als Beatricens Gesellschafterin mit nach Europa geht." Edith bemerkt die Blicke und erglüht. Stolz hebt sie das Haupt, sie fühlt, was über sie gesprochen wird, und kontrastirt des Barons Artigkeit mit dem sehr verletzenden Gegaffe der Anderen. Sir Victor intereffirt sie, eS liegt ein Schatten über seinem Wesen, und was konnte das Leben ihm geboten haben, als Sonnenschein und rosiges Licht? Neben Mrs. Stuart und einem fremden, besternten Herrn aus Washington sitzt eine ältliche Dame auf einer Art Ehrenthron, ihr stellt Sir Victor Miß Darrell vor, und das gütige Auge der englischen Matrone wendet sich dem schönen amerikanischen Mädchen zu. Nach einigen freundlichen Worten der Tante aber entführt der Baron sie wieder in den Ballsaal, und sie schwebt dahin in der duftgeschwängerten Atmosphäre, umwogt von den Klängen des Faustwalzers. Athemlos wirbelt Trixy an ihr vorüber, nickt lächelnd ihr zu und denkt, wenn es nur ewig währte. Aber wir Alle wissen, daß des Lebens goldene Momente fliegen. Die Stunden entrinnen. Einmal findet sich Edith neben Lady Helena, die mütterlich zu ihr spricht und des Mädchens ganzes Herz gewinnt. Sir Victor lehnt sich über der Tante Stuhl und hört ihr lächelnd zu, ihr Ton ist ein zärtlicher, wenn sie mit ihm spricht; es ist klar, daß sie ihn wie eine Mutter liebt. Bald ist alles vorüber. Wagen um Wagen fährt ab. Trixy's Geburtstagsfeier, Edith's erster Ball und der erste Abend ihres neuen Lebens — alles vorbei. 5. Kapitel. Alte Nummer des „Chesholm Courier". „Sir Victor hat viermal mit mir getanzt, Dithy, hörst Du, viermal." „Ja, ich höre." „Du siehst aber nicht so aus. Sag' einmal, sind vier Tänze nicht vielversprechend?" fragte Beatrice lebhaft, „ich versichere Dich, mir bricht das Herz, wenn er Mich nicht zur Lady Chateron macht." Miß Darrell hatte nur ein schwaches Lächeln. Sie lag im Salon in den Tiefen eines schwellenden Fauteuils, als hätte sie von jeher in solchen gelegen. Prächtig stach ihr dunkler Teint von den rothen Kissen ab. Im Schaukelstuhle daneben sitzt Trixy, der vollendete Typus einer jungen Dame New-Aorks. Sie kon- trastiren auffallend: Blondine und Brünette, Glanz und Bescheidenheit, Mode und klassische Einfachheit. Drinnen der reizend möblirte Salon, draußen der graue, sturm- durchheulte April-Nachmittag. „Als Tochter des Hauses mußte er mich natürlich öfter engagiren", fuhr Beatrice, Alles erwägend, fort, „doch glaube ich nicht, daß er viermal mit mir getanzt hätte, wenn-Edith, wie oft tanzte er mit Dir?" „Wie oft, was? Verzeih', ich verstand nicht, was Du gesagt." „Du schläfst ja halb; einen Pfennig für Deine Gedanken." „Sie sind keinen Heller werth. Was fragtest Du eben?" „Wie oft hat Sir Victor mit Dir getanzt?" „Ich glaube, dreimal." „Und mit mir tanzte er viermal und führte mich zum Souper. O, Dithy, der Gedanke, Mylady zu werden, macht mich verrückt." „Warum denkst Du denn daran? Beherzige Du lieber den Spruch vom Hühnchen zählen, ehe die Eier gelegt sind. Uebrigens mag sich die Sache noch immer gestalten. Sir Victor ist sein eigener Herr und kann thun was er will." „Allerdings, aber die Engländer geben ungeheuer viel auf Geburt und Blut, und wir haben das nicht. Es ist schön, daß Papa seinen Namen mit „u" statt mit „ew" schreibt und folglich für einen Abkömmling der schottischen Königsfamilie gilt, er schrieb auch jüngst nach England um ein Familienwappen. Warum lachst Du, Edith? Ich sage Dir, wir werden unsere Briefe bald mit einem Greife oder einem Thiere siegeln. Freilich ändert das nicht die Thatsache, daß Großpapa als Auskehrer in einem Laden begann und bis zur Revolution arm war. Lady Helena und Sir Victor sind sehr artig, wenn's aber zum Heirathen, kommt ist's ganz was Anderes. Aber, ist Sir Victor nicht hübsch? Haben seine Augen nicht den melancholischsten Ausdruck, den Du je gesehen?" „Das ist richtig, am Ende ist er ein Opfer unglücklicher Liebe." „Als ob das bei einem reichen Baron je der Fall wäre? Nein, Edith, es ist etwas viel Aergeres," fuhr Beatrice ernst und geheimnißvoll fort. „Aergeres? Mein Gott, es kann doch nichts Aergeres geben. Was ist's denn?" „Mord!" Edith Darrell riß die Augen auf. „Du willst doch nicht sagen, daß wir die ganze Nacht mit einem Mörder getanzt?" „Sei keine Thörin! Hab' ich behauptet, daß er Jemand getödtet? Nein, der Mord wurde begangen, als er noch ein Kind war." „Ein Kind war?" „Ja, seine Mutter wurde im Schlafe ermordet und man weiß noch nicht, wer eS gethan hat." „Erzähle doch, das klingt ja ganz interessant." „Gut; sein Vater, auch ein Sir Victor, heirathele die Tochter eines gewöhnlichen Geschäftsmannes. Damit läßt sich anfangen, ich bin auch die Tochter eines Geschäftsmannes. Hoffentlich setzt sich aber die Ähnlichkeit nicht auch nach der Heirath fort." „Das wäre höchst unangenehm für Dich, aber weiter, die Sache interessirt mich." „Er war aber auch verlobt, und zwar mit seiner Cousine Jnez Chateron, einer stolzen, schönen Brünette von sehr heftigem Temperament. Sir Victor scheint sie gefürchtet zu haben, und nicht mit Unrecht. Nachdem er etwa anderthalb Jahre verheirathet war und der jetzige Sir Victor drei Monate alt war, brachte er Gattin nnd Kind nach Hause. Heftige Scenen waren die Folge, und sechs Wochen später fand man die arme, junge Frau im Schlafe erdolcht. Sir Victor war zur Zeit abwesend und verfiel in Wahnsinn, als er es hörte. Miß Jnez Chateron hatte kurz vor dem schrecklichen Ereigniß mit der unglücklichen Frau Streit gehabt, sie hatte auch einen Bruder, der behauptete, vor Sir Victor mit dessen Gattin vermählt gewesen zu sein, es war eine verwickelte Geschichte, klar war nur, daß die Arme ermordet und Juan Chateron entflohen war." 627 „Im ganzen aber scheint es eine reine Familten- sache gewesen zu sein, und darin liegt ein Trost. Was geschah mit Miß Jnez?" „Sie wurde ins Gefängniß gesetzt, entfloh und blieb verschollen." „Aber woher weiß Du das Alles? Hat er Dir schon so bald seine Familienchronik ins mitleidige Ohr geflüstert?" „Nein, aber Mr. Hampson, ein uns bekannter Engländer, stammt ebenfalls aus Cheshire und hält noch heute den „CheSholm Courier"; durch ihn erfuhren wir Alles, ja, wir erhielten sogar die betreffenden Nummern." „O bitte, laß mich sie sehen." „Ja, ich will sie holen, es interesfirt mich selbst, sie wieder einmal durchzulesen." Beatrice kehrte bald mit einem halben Dutzend vergilbter Zeitungen zurück; es war der „Chesholm Courier" vor dreiundzwanzig Jahren. Beide Mädchen vertieften sich so sehr in dessen Spalten, daß sie es überhörten, als die Thüre geöffnet und Sir Victor gemeldet wurde. Bei seinem Eintritt sprangen sie, die Nöthe des Schuldbewußtseins im Gesicht, auf. Er näherte sich lächelnd. Trixy hatte das ZeitungSblatt noch in der Hand. Sein Blick fiel darauf, er las die in fetter Schrift gedruckten Worte: „Die Tragödie von Chateron Royals". Das Lächeln verschwand, Sir Vitors Lippen erblaßten, dann blickte er Mr. Stuart voll inS Gesicht. „Darf ich fragen, woher Sie die Zeitung haben?" fragte er ruhig. ^ „O, ich bedaure sehr — — ich wußte nicht — ich wollte nicht-verzeihen Sie, Sir Victor, wenn ich Ihre Gefühle verletzte." „Das wollten Sie natürlich nicht, Miß Stuart; erlauben Sie mir daher nochmals die Frage, woher Sie das Blatt bekamen?" „Es wurde uns von einer Dame geliehen, deren Vater aus Cheshire stammt. Ich wollte, es wäre nicht geschehen." „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Fräulein, Sie sind durchaus nicht zu tadeln. Ich hoffe, Sie und Miß Darrell haben sich von den Anstrengungen des Balles erholt?" Er setzte sich. Zwei dunkle Augen begegneten ihm, aber Edith sprach kein Wort. Beatrice machte verzweifelte Anstrengungen, den rechten Morgenbesuchsgesprächston zu finden. Umsonst, auf allen lag der Bann deS „Chesholm Courier", und es war eine Erleichterung, als Sir Victor sich zum Gehen erhob. „Lady Helena läßt sich empfehlen", sprach er, „sie interesfirt sich sehr für Sie, Miß Darrell, und hofft, Sie Beide heute Abend in der Oper zu sehen." „Gewiß", entgegnete Beatrice, „empfehlen Sie uns der gnädigen Frau." Der Baron verbeugte sich. „Da geht meine letzte Hoffnung", seufzte sie und blickte ihm trübe nach, „warum auch holte ich die elenden Zeitungen? Nun wird er mich nie mehr ansehen können." - „Das sehe ich nicht ein", rief Edith, „wenn ein Mord begangen worden, bleibt das kein Geheimniß. UebrigenS scheint der junge Mann es tief zu fühlen, und ich bedaure ihn sehr." „Bedaure ihn so viel Du willst, nur liebe ihn nicht. Als Rivalin kann ich Dich nicht brauchen, viel lieber als Schwägerin. O, brauchst nicht zu erröthen, ich sah es gleich, wie die Aktien standen, und Rudolf ist kein übler Junge. Da läutet es schon wieder, nun geht's so fort bis in die Nacht." Und so war es auch, ein Herr erschien nach dem andern, um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Edith's Kopf schmerzte förmlich, und die Zunge war wie gelähmt von all' den Albernheiten der Gesellschaftssprache. Gegen Abend brachte ein Diener zwei Schachteln mit Sir Victors Empfehlungen. Die an Beatrice adressirte enthielt ein reizendes Bouquet von weißen Rosen, Lilien und Jasmin, die für Edith bestimmte einen Strauß von rothen und weißen Camelien. „Für die Oper!" rief Beatrice mit funkelnden Augen, „wie edel das von ihm ist." „Möcht' wissen, warum er Dir weiß sandte?" fragte Edith, „wohl ein Symbol fleckenloser Unschuld; und trage ich etwa Aehnlichkeit mit der Cameliendame? Wenn die Blumensprache wahr ist, magst Du noch hoffen." Zwei Stunden später rauschte die Familie Stuart in ihre Loge. Miß Stuart trug ein filbergraues Seidenkleid und hielt das jungfräulich weiße Bouquet in der Hand. Miß Darrell hatte das weiße Kleid von gestern, einen rothen Theatermantel und das Camelienbouquet. Die Primadonna sang eben, Edith lehnte sich vor und vergaß alles um sich her vor Entzücken. Eine Legion von Operngläsern richtete sich auf ihre Loge. Beatrice war bekannt, wer aber war das dunkle Mädchen? Der Vorhang fiel. Edith lehnte sich mit einem Ausruf der Bewunderung zurück und begegnete Sir Victors Blick. „Sie wußten nicht, daß ich hier sei", lächelte er, „und Sie waren so hingerissen, daß ich Sie nicht ansprechen wollte. Einst hatte es mich auch begeistert, aber die Tage sind bei mir vorüber." „ES ist wohl guter Ton, jeder Neigung abgestorben zu sein? Halten Sie mich für so kindisch und so unwissend, als Sie wollen, aber ich gestehe, daß ich Bla- strtheit nicht für einen Vorzug halte." „Wenn aber Blasirtheit Normalzustand geworden? Unser Publikum ist übrigens enthusiastisch genug, sie haben die Künstlerin herausgerufen." Der Sängerin Erscheinen verdoppelte den Applaus- Sie sang Wagners Lied an den Schwan. Sir Victor fühlte sich ergriffen, Edith athmete kaum. Als der letzte Ton verklungen, der Zauber gebrochen war und daS Haus von einem Beifallssturm erschüttert ward, wandte sich Edith mit bebenden Lippen, das brauen Auge voll Thränen zum Baron. Er beugte sich über sie. Rudolf Stuart beobachtete die Beiden. Sein Antlitz aber verrieth keine innere Bewegung, als er am Schlüsse der Oper seiner Mutter den Arm bot. In der Nacht verfolgte Sir Victor Chateron ein braunes, von Thränen umflortes Augenpaar. Edith setzte die Camelien sorgfältig ins Wasser. Sie träumte, sie stünde in Scharlach gekleidet, mit rothen Camelien gekrönt an Sir Victors Seite am Traualtar, als die Thüre sich öffnete, die ermordete Lady Chateron hrreinschritt und sie in Geisterarmen entführte. Sorch' aufregende Träume störten Miß Darrell'S Schlummer. 628 6. Kapitel. Eine Mondnacht. Am zehnten Mai sollten die Familie Stuart und Sir Victor und Lady Helena nach Europa abreisen. Für Edith Darrell waren die letzten Wochen nur eine Kette von Aufregung und Entzücken gewesen. Oper, Schauspiel, Diners, Abendgesellschaften, Spazierfahrten, Alles hatte sie mitgemacht, ihre Garderobe war vervollkommnet, das weiße Mullkleid hatte durch des alten Onkels Stuart Güte einen Zuwachs von einem halben Dutzend Seidenroben erhalten. Selbst einen Nubin- schmuck hatte er seiner Nichte gegeben, und obwohl sie sich sträubte, er bestand auf der Annahme, und sie nahm sich ungewöhnlich schön aus mit dem funkelnden Gestein. Am letzten Abend vor der Abreise war die Familie Stuart zu einem Feste bei Mrs. Fatrmann gebeten, einer jungen, verwittweten Dame, deren auffallendes Kokettieren mit Rudolf für Edith stets ein Dorn im Auge war. Sie weigerte sich zu gehen. „Ich fühle mich ermüdet und abgespannt und bleibe bei Tante Lotte zu Hause." Und so fuhr Beatrice in Begleitung von Vater und Bruder ab. Edith setzte sich an's Piano, sie sah in dem grünen Seidenkleide mit schwarzen Spitzen und der halb entblätterten Rose im Haar sehr hübsch aus. Wenigstens dachte das der junge Mann, der unbemerkt eingetreten war. Tante Lotte nickte im Fauteuil. „Wo kommst Du her, Rudolf", rief sie plötzlich auffahrend, „ich glaubte Dich bei Mrs. Fairmann." „Dort war ich auch; ich kam, sah und ging. Nun bin ich da, wenn Du und Dithy mich haben wollten." „Wir fanden uns ganz behaglich ohne Dich", ent- gegnete Mrs. Stuart, „wir hatten wenigstens Frieden, was nicht der Fall ist, wenn Du und Edith zusammenkommen. Du darfst nur unter der Bedingung bleiben, daß Du nicht streitest." „Ich streiten?" rief Rudolf und zog die Brauen in die Höhe, „aber, liebe Mntter, Du bist doch eigenthümlich befangen, wenn Du nicht einstehst, daß Edith ganz allein daran Schuld ist. Mein Grundsatz ist, mit Niemand zu streiten, weil es der Verdauung schadet und ermüdet." „Was thut Trixh?" fragte Edith lachend. „O, sie befindet sich in des Barons Nähe so wohl wie der Fisch im Wasser, übrigens erkundigte sich Sir Victor mit einer mir unwillkommenen Wärme nach Dir. Ein Baron als Schwager ist gut, ein Baron als Nivale wird nicht geduldet. Uebrigens könntest Du etwas singen, Dithy." Miß Darrell trat an's Klavier, sie war im innersten Herzen wohl befriedigt. Rudolf hatte den Ball und Mrs. Fairmann verlassen und war bei ihr. Sie konnte sich's nicht mehr leugnen, daß sie Rudolf liebte. In jüngster Zeit war es ihr aufgefallen, daß auch der Baron ihr auffallende Aufmerksamkeiten erwies, sollte er um sie werben, so würde sie natürlich ihm ihr Jawort geben, lieber konnte sie aber nur Rudolf. Es war ein herrlicher Abend. Mrs. Stuart nickte friedlich im Lehnstuhl. Rudolf neckte seine Cousine unbarmherzig, bis sie ärgerlich vom Stuhle aufsprang. „Zu sagen, daß ich wie eine Katze singe, ist doch zu arg, ich spiele nie wieder vor Dir." Ngch einem Wortwechsel, in dem sie wie gewöhnlich schmählich geschlagen wurde, setzte sie sich jedoch wieder und sang und spielte bis zwölf Uhr. Edith weckte Mrs. Stuart. „Komm', Tantchen. es ist spät geworden, und wir haben morgen einen schweren Tag vor uns. Gute Nacht, Rudolf." Sie nahm die schläfrige Tante bei« Arm und führte sie hinauf. Rudolf sah den Beiden nach. Edith's liebreiche Stimme hallte zurück: „Und Karl ist mein Geliebter, Mein Schätzchen, meine Lust, Ja, Karl ist mein Geliebter, Hat's selber nicht gewußt." Alles Neckische in ihrem Wesen brachte sie bei Rudolf zum Vorschein, mit Sir Victor sprach sie stets vernünftig und ernst. Der letzte Tag kam. Im Glänze der herrlichen Maisonne löste das Schiff Mittags zum Abschiedsgruße die Geschütze und dampfte der alten Welt entgegen. Edith lehnte sich über die Brüstung und betrachtete das zurückweichende Ufer. „Adieu, Heimath", seufzte sie, eine Thräne i« Auge, „wer weiß, ob ich Dich wiedersehe?" Keine Hand lüftete den Schleier der Zukunft, und es war gut. Die Tischglocke läutete, Alles strömte in den Speisesaal, wo zwei lange mit Krystall und Blumen geschmückte Tafeln standen. Wie schön war eine Seereise; aber Seekrankheit — bah ein Hirngespinnst. Nach dem Mahle suchte Rudolf ein besonderes Plätzchen für Edith aus; Beatrice paradirte an Sir Victors Seite auf dem Verdeck. Mrs. Stuart und Lady Helena begaben sich in Erwartung der kommenden Leiden in die Damenkajüte. Der Nachmittag verstrich, die Sonne sank, es erhob sich ein Wind, die See erwachte. Eben wankte Beatrice,. von Sir Victor geführt, bleich wie der Tod, an Edith vorüber. „O, Edith — mir wird schlecht — mir ist — als wär' ich — todt — als-" Sie riß sich vom Baron los, sprang zur Seite und Edith's dunkles Auge blickte lächelnd in Sir Victor's blaues. Dann eilte sie an Trixy's Seite und führte die bleiche Heldin in die unteren Regionen, woraus sie fünf ganze Tage nicht erstand. Das Wetter war schön, aber die See ging hoch und Jedermann fühlte sich ziemlich krank. Ein Tag Tribut von Edith genügte dem alten Neptun, später fühlte sie nie mehr etwas. Sie beschäftigte sich viel mit der Pflege der Tante und Beatricens. Letztere litt überdies an den Qualen der Eifersucht. „Ob wohl Sir Victor mit den Damen auf dem Verdeck spazieren ging?" O, es war schmählich, so daliegen zu müssen, ohne den Kopf hoch tragen zu können. Bei solchen Reflexionen hob sie ihn gewöhnlich, aber der Effekt war jammervoll. Ehe sie die hohe See erreichten, war es Vollmond, und keine Worte malten Edith's Entzücken. Vielleicht war es Mitleid mit Trixy, daß sie ihr nichts sagte von den vielen Spaziergängen, die sie mit dem Baron machte; wie sie, über die Brüstung gebeugt, die Sonne blutigroth ins Meer sinken und auf der anderen Seite die silberne Diana wie eine zweite Aphrodite den Fluthen entsteigen sahen; wie sie bei Tisch zusammensaßen er, ihr vorlas und sie freundschaftlich vertraut wurden. In zwei 629 Tagen wird man zur See bekannter als zu Land in zwei Jahren. War von Seite des Barons all' das nur Höflichkeit? Die eigenen Gefühle vermochte sie wohl zu analystren; von Liebe fühlte sie nicht die mindeste Spur. Rudolf Stuart beobachtete Alles. „Der Wille des Herrn geschehe", sagte er sich, „Seekrankheit ist schlimm genug, ohne das grünäugige Monstrum." Eines Abends begab sich Miß Darrell auf's Ver- deck, es war ziemlich leer. Mit magischem Licht versilberte der Mond die endlos wogende Fläche. Das junge Mädchen nahm einen Feldstuhl und setzte sich hinter das Radhaus. Wie großartig war daS stern- wimmelnde Firmament, der schrankenlose Ocean mit den meilenweiten silbernen Streifen. Ein eisiger Wind strich über das Verdeck, Edith aber achtete es nicht, sie war versunken in die Schönheit des Strahlen streuenden Mondes. Leise begann sie zu singen. Ein Schritt nahte. Es war Sir Victor. Edith erwachte aus ihren Träumereien und bewillkommnete ihn. „Ich hörte singen, Miß Darrell, und glaubte eine Najade triefend den Fluthen entsteigen zu sehen. Es ist eine wunderbare Nacht, aber fürchten Sie nicht, sich zu erkälten?" „Ich erkälte mich nicht." „Es ist halb zwölf Uhr, wissen Sie das? Alle Lichter sind gelöscht." „Guter Gott!" rief Edith aufspringend, „was wird Trixh sagen? Mondscheinbetrachtungen scheinen vollständig zu absorbiren; ich glaubte, es sei zehn Uhr." „Warten Sie einen Moment, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Fräulein." Edith's Herz pochte, als Sir Victor aber sprach, fühlte sie sich sofort enttäuscht. „Es betrifft die alten Nummern des Chesholm Courier", begann er, „und die Tragödie von Chateron Nohals. Dreiundzwanzig Jahre sind seitdem verflossen, ich lag damals in der Wiege, und ich fühle noch denselben Schmerz, wenn ich davon spreche, als wäre es erst gestern geschehen." „Warum denn davon sprechen? Ich habe kein Recht eS zu hören." „Vielleicht nicht, und doch wollte ich die ganze Zeit mit Ihnen davon sprechen. Wer weiß, ob zwischen unS nicht eine geistige Verwandtschaft besteht?" Edith erröthete. „Es war so geheimnißvoll", fuhr Sir Victor fort, „und es ist noch in unergründliches Dunkel gehüllt. Meine Mutter war so jung, so schön, so gut, und es ist so schrecklich zu denken, daß eine menschliche Hand sich gegen ein solches Wesen mordend erheben konnte. Und doch ist es geschehen." „Es ist eine grausige Geschichte, aber man liest deren täglich in den Zeitungen. Sie sagen, das Verbrechen sei noch in unergründliches Dunkel gehüllt, dem „Chesholm Courier" schien eS nicht so." „Sie meinen Jnez Chateron; sie war unschuldig." „Wirklich?" „Sie wußte nur, wer es gethan, und verhehlte es. Das weiß ich gewiß." „Ihr Bruder Juan natürlich?" „Das ist nicht so sicher. Meine Tante glaubt an dessen Unschuld." „Wer war dann der Mörder?" „Ja, wer?" sagte der Baron traurig, „vielleicht erfahren wir das nie." „Doch, wir werden eS erfahren", sprach sie mit prophetischer Ruhe. „Meine Tante vermag noch jetzt nicht von der Sache zu sprechen; waS ich weiß, erfuhr ich von Anderen. Bis zu meinem achtzehnten Jahre wußte ich gar nichts. Meiner Mutter entsinne ich mich natürlich nicht; meine fernste Erinnerung ist, daß sich eine junge, schöne Frau über mein Bett beugte und mich weinend küßte. Meine Mutter war blond, das Gesicht aber, dessen ich mich entsinne, ist dunkel. Sie lachen wohl über den Träumer?" Sie blickte innig zu ihm auf. „Ich hoffe, Sie denken besser von mir; eS ist heut' zu Tage selten genug, Männer mit verehrungsvollem Andenken von ihrer Mutter sprechen zu hören, sei diese nun lebend oder todt." Der Baron schien entwaS sagen zu wollen, besann sich aber sofort und fuhr mit völlig verändertem Ton fort; „Aber, ich lasse Sie hier, egoistisch in der Kälte; bitte, Fräulein, nehmen Sie meinen Arm. Ich weiß nicht, warum ich mit Ihnen sprach; mit Andern wäre es mir unmöglich gewesen. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme." Er verbeugte sich an der Kajütenthür und verschwand. Ernst und gedankenvoll trat Edith ein. Beatrice schlief und ahnte nicht die verrätherischen Vorgänge. Edith beugte sich über sie; war ihr Thun ehrenhaft? „Arme Trixyl" seufzte sie und küßte leise ihre Stirn. Am folgenden Morgen beobachtete Rudolf Miß Darrell beim Frühstück mit unheilvoller Miene. Nach demselben führte er sie auf's Verdeck. „Warum warst Du gestern mit dem Baron zu solch' ungewöhnlicher Stunde oben?" fragte er schmollend. „Woher weißt Du das? Hast Du spionirt?" „Nein, ich schlief; ich geistere nicht in mitternächtlicher Weile umher." „Woher weißt Du das dann?" „Von einem Offizier deS Verdeckes." „Der könnte sich bessere Beschäftigung suchen, sag' ihm das mit meiner Empfehlung." „Du leugnest also nicht, daß Du hier oben warst?" „Nein." „Mit Sir Victor allein?" „Mit ihm allein." „Wovon spracht Ihr?" „Von Dingen, die ich zu Deiner Erbauung nicht wiederholen kann. Hast Du mehr zu fragen?" „Warb er um Dich?" „Nein", seufzte sie, „solches Glück blüht nicht für Edith Darrell." „Würdest Du ihn heirathen, wenn er um Dich würbe?" «Ob ich ihn heirathete? Bitte, frage doch vernünftigere Sachen." „Würdest Du ihn heirathen?" „Aergere mich nicht, Rudolf, sprich lieber vom Weiter, ist's nicht ein herrlicher Morgen?" Rudolf Stuart aber läßt sich nicht irre machen. „Antworte! Würdest Du Sir Victor heirathen/ wenn er um Dich werben würde?" Sie blickt den Mann, den sie liebt, fest an. „Wenn Sir Victor um mich wirbt, werde ich sein Weib? 630 7. Kapitel. Kurz und sentimental. Zwei Tage später zeigte sich am fernen Horizont Irlands felsige Küste. Mittags sollten sie in Queenstown landen. Rudolf summt ein Liebchen vor sich hin; so lange Edith nicht Lady Chateron ist, verbannt er Verzweiflung und Trübsinn. Sie selbst sprang auf mit einem Schrei des Entzückens. „O steh, Trixy, endlich ein Land meiner Träume, endlich grün Erin!" »Ich sehe", entgegnete Beatrice schläfrig und schlüpfte aus der Hängematte, „ich halte noch nicht viel davon. Ein Haufen zerklüfteter Felsen und auch nicht grüner als die Heimath." Seit drei Tagen war die Seekrankheit überstanden, sie konnte bei Tische erscheinen und an Sir Victors Arm auf dem Verdeck wandeln. Als hätte sie ein Recht, fing sie da wieder an, wo sie aufgehört. Seit der Mondnacht. von der glücklicherweise Trixy nichts wußte, waren zwischen dem Baron und Miß Darrell nur gleichgültige Worte gewechselt worden. Beatrice Stuart nahm ihn vollkommen in Beschlag, und ohne zu wissen wie, befand sich .der junge Engländer immer an ihrer Seite, unfähig von ihr loszukommen. Edith sah es und lächelte. „Heute mir, morgen Dir", dachte sie, „Trixy ma- növrirt wirklich so gut, daß es schade wäre, sich einzumischen." ' In den letzten Tagen war Rudolf ihr Kavalier. Beide nahmen das Gute, das sich ihnen bot, und sorgten nicht für den Morgen. Sie landeten, brachten eine Stunde in Queenstown zu, begaben sich dann nach Cork, wo sie zwei Tage weilten, Blarney Castle besuchten und sich nach Killarney aufmachten. Und immer noch war Sir Victor Trixy's Gefangener, immer noch hielten Rudolf und Edith ihre heilige Allianz. Lady Helena beobachtete ihren Neffen und die amerikanische Erbin, und ihr feines Gefühl sagte ihr, daß ihm von dort keine Gefahr drohe. „Wäre es die Andere", dachte sie, „aber es ist klar, wie die Sachen zwischen ihr und Cousin Rudolf stehen." Durch ganz andere Brillen betrachtete der alte Mr. Stuart die Sachlage. Es war seines Lebens Traum, seine Kinder mit der britischen Aristokratie zu vermählen. „Reichthum haben sie genug", sagte er sich stolz. „Jedes soll eine Million haben, und ihre Abkunft ist der besten würdig, denn das Blut der Stuart fließt in ihren Adern"; daß sein Vater noch Stewart unterzeichnet, das wollte er vergessen. Ueber die Fortschritte seiner Tochter lächelte der alte Herr vergnügt, des Sohnes Benehmen erzürnte ihn. „Bedenke, woran Du bist, junger Mann", sagte er eines Tages, „ich habe ein wachsames Auge auf Dich. Ich habe nichts einzuwenden gegen gewöhnliche Aufmerksamkeit für Fred Darrells Tochter, aber hüte Dich vor Thorheiten, verstehst Du? Wenn Du nicht hetrathest, wie ich will, gebe ich Dir keinen Schilling." Rudolf sah seinen Vater mit eigenthümlicher Miene an. „Beruhige Dich, Vater, ich heirathe Fred Darrells Tochter nicht, wenn Du das eine Thorheit nennst. Darüber sind wir längst einig." Unterwegs gesellte sich ein Reifender im Etlwagen zu ihnen, ein großer, junger Mann von militärische« Aussehen. „Hammond, beim Zeus, wo kommst Du her, alter Junge?" rief Sir Victor, „freut mich. Dich zu sehen; Hauptwann Hammond, mein Freund, Mr. Stuart aus New-Iork." Der Offizier verbeugte sich, Rudolf lüftete den Hut. „Fürwahr", sprach Ersterer heiter, „wer hätte Dich hier zu treffen geglaubt, es hieß, Du erforschtest Canada." „Einsteigen, meine Herren!" Sir Victor hatte beschlossen, sich neben Edith zu fetzen; was aber ist des Mannes Wille gegen der Frauen Entschlüsse? „Bitte, helfen Sie mir hinauf, Sir Victor, es ist so hoch, und bitte, setzen Sie sich zu mir und zeigen Sie mir die Schönheiten der Natur, man genießt sie viel besser, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird." Was konnte Sir Victor thun? Und fort ging's über Stock und Stein, und die ganze Dorfjugend hinterher. „Was sagst Du zu Trixy's diplomatischem Talent?" flüsterte Rudolf Edith zu; „armes Kind, sie sucht nur des Vaters Gebot zu erfüllen." „Ehre den Vater, auf daß Du lange lebest u. s. w. Schade, daß sie keine Aussicht hat." „Meinst Du?" „Sir Victor, wer ist Ihr ernster Freund?" flüsterte Beatrice. „Es ist der ehrenwerthe Hammond, zweiter Sohn des Lord Glengary und Hauptmann eines schottischen Regiments." Mit neuer Ehrfurcht betrachtete Miß Stuart den großen, schweigsamen Krieger, den Sohn eines Lords. Es war ein herrlicher Tag; die Scenerie geistvoll, Sir Victor aber benahm sich einsilbig und zerstreut Und gab vor, etwas verstimmt zu sein. Hell und laut scholl Edith's Lachen herüber. „Auf der andern Seite wenigstens scheint gute Laune zu herrschen", bemerkte Lady Helena lächelnd, „Edith Darrell ist wirklich ein reizendes Mädchen." Beatrice warf einen Seitenblick auf den Baron. „Es ist eine bekannte Geschichte", sagte sie, „daß Rudolf und Edith nur glücklich sind, wenn beisammen. Ich glaube, mein Bruder wäre ohnehin nicht mit, wenn Edith nicht dabei gewesen wäre." „Es ist also eine alte Neigung?" fragte Lady Helena. „Ja, sehr alt, und Edith wird für mich eine reizende Schwägerin abgeben, glauben Sie nicht, Sir Victor?" Er versucht zu lächeln und etwas Verbindliches zu sagen, aber Beides mißlingt. Mürrisch sitzt er da und horcht auf die lustigen Stimmen drüben, überzeugt, daß auch er Edith Darrell liebe. Im Zwielicht erreichten sie Glengariff und fuhren beim Mondschein nach einer Insel. Ein glücklicher Zufall führt Edith an Sir Victors Seite, und Hauptmann Hammond huldigt Beatrice. Die Eltern, für welche Mondlicht auf der See längst seinen Zauber verloren, Thau und Nacht aber ihre Schrecken behalten haben, bleiben am Lande. Die irischen Bootleute spannen die Segel. Sir Victor hält sich dicht au Edith's Seite. Wie schön sie ist im Silberltcht des Mondes! „Komm' ich zu spät?" fragte er sich, „liebt sie ihren Vetter?^ Edith beobachtete Alles. Hätte sie je ihre Macht über ihn bezweifelt, jetzt war sie derselben gewiß. Sie lächelte und hatte nur Aufmerksamkeit und freundliche Worte für den Baron. „Wenn wir England erreicht haben werden, spreche ich", dachte dieser erleichtert, »Edith Darrell soll mein Weib werden." (Fortsetzung folgt.) -«-SSWSS—- Das internationale Schachmeisterturnier zu Nürnberg. G Das große Ringen auf den 64 Feldern um den schachlichen Siegespreis hat am Montag den 10. August spät Nachts mit der Partie Win - Tarrasch seinen Abschluß gefunden. Der Kamps in Bezug auf den ersten Preis (3000 Mark und ein werthvoller Pokal) war indeß schon am Samstag den 8. August entschieden, als Lasker über Or. Tarrasch in einer von letzterem überaus matt geführten Partie schon am Vormittage siegte. Mit oiesem Siege hatte es Lasker nämlich auf 13'/z Gewinn- partieen gebracht, ein Stand, den keiner seiner Mitbewerber mehr erreichen konnte. Die unerwartete Niederlage gegen Charousek in der letzten Runde war daher für Lasker belanglos. Lasker hat mit dem Gewinn des ersten Preises In diesem so bedeutungsvollen Turnier einen neuen Triumph zu verzeichnen, und zwar einen Triumph, nach welchem er schon lange geizte, da der Gewinn des ersten Preises in einem großen Turnier ihm bisher versagt war, so groß sonst seine Erfolge im Einzelkampse gegen die ersten Spieler seiner Zeit waren. Ganz ungetrübt blieb allerdings auch diesmal ihm der Sieg nicht, da er drei Partien gegen Charousek, Janowski und Pillsbury verloren hat. Namentlich der Verlust gegen Pillsbury wird Lasker nicht glcichgiltig gewesen sein, da dieser junge Amerikaner sich mehr und mehr als der einzige Schachmeister zeigt, der dem ersten Sieger gewachsen zu sein scheint. Die Partie, welche Pillsbury in diesem Turnier dem Champion abrang, war wiederum ein Meisterstück feiner und eleganter Strategie und zählt zweifellos zu den besten Leistungen des Turniers. Einen gewiß ziemlich unerwarteten Erfolg hat der junge Ungar Geza Maroczy aus Budapest zu verzeichnen, der zum ersten Mal an einem Meisterturnier mitspielt und mit 12'/„ Gewinnpartien den zweiten Preis (2000 M.) gewann. Sein Erfolg ist namentlich auch deßhalb bedeutsam, weil er der einzige Theilnehmer ist, der nur eine Partie (gegen Steinitz) verloren hat. Allerdings weist sein Turnierstand eine große Zahl von Remis- partien auf, ein Ergebniß der großen Vorsicht, die er bei seinen Kombinationen walten ließ. Von seinen Gewinnpartien sind namentlich jene gegen Janowski und Pillsbury zu verzeichnen. Den dritten und vierten Preis (1500 und 1000 M.) theilten Pillsbury und Dr. Tarrasch mit je 12 Gewinnpartien. Der junge Amerikaner hat zu Anfang des Turniers etwas lässig gespielt, dann aber eine großartige Spielweise entfaltet, die namentlich in der überaus feinen Gewinnpartie gegen Lasker ihren Ausdruck findet. Pillsbury hat in diesem Turnier zweifellos einen moralischen Erfolg ersten Ranges errungen, indem er alle die großen Matadore Lasker, Dr. Tarrasch, Steinitz und Tschigorin in überlegener Weise aus dem Felde schlug. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit am Anfang hätte er leicht den ersten Preis erstreiten können. An Dr. Tarrasch wurde allseits die frühere Festigkeit und Energie, die seine Spielweise auszeichnete, vermißt. Er spielte sich sichtlich schwer, und seine Partie gegen Lasker zeigt geradezu eint bedauerliche Unsicherheit der Kombination. Fast scheint es, als habe er den Höhepunkt seines Glanzes bereits überschritten. Nur in wenigen Partien, wie gegen Charousek, Tschigorin und Steinitz, machte sich sein früherer Genius bemerkbar. Den 5. Preis (600 M.) hat sich Janowski, der Vertreter Frankreichs, erstritten, dessen ideenreiches Angriffsspiel die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Mit kühn forcirten Angriffen überwand er den schlauen Lasker und den bedächtigen Steinitz, und selbst Pillsbury entging nur mit Mühe der sicheren Niederlage durch ein momentanes Nachlassen seiner Aufmerksamkeit. Steinitz, der ruhmreiche Altmeister, muß sich mit dem 6. Preis (400 M.) begnügen. Wohl gab er auch diesmal glänzende Proben tiefdurchdachter Strategie, aber seine frühere Spannkraft hat ihn sichtlich verlassen, was übrigens bei dem 60jähr. Manne Niemand Wunder nehmen kann. ^ Den letzten Preis (200 M.) theilten Karl Schlechter aus Wien und August Walbrodt aus Berlin mit je 10'/, Gewinnpartien. Beide noch jung an Jahren, befleißigen sich einer überaus vorsichtigen Spielweise, welche die große Zahl Remispartien erklärlich macht, die sie auch diesmal wieder erzielten. Schlechter ist noch vorsichtiger gestorben, als er sich letztes Jahr in Hastings zeigte, woselbst er manches hübsche Angriffsspiel durchführte. Seiner zähen, jeglichen Risikos sich enthaltenden Spielweise verdankt er es, daß er nur zwei Verlustpartien gegen Janowski und Steinitz auszuweisen hat. Walbrodt hatte lange Zeit hindurch einen guten Stand in dem Turnier, bis schließlich seine Spannkraft nachließ. Die rasch sich folgenden Ver« lustparticn gegen Charousek, Teichmann und Blackburne drängten ihn dann in den Hintergrund. An die Preisträger reihen sich zunächst die beiden Russen Michael Tschigorin und Emanuel Schiffers mit je 9'/, Gewinn- partien. Nichts spricht wohl beredter für den geringen Stärkeunterschied der Turniertheilnehmer, als die Thatsache, daß ein so genialer Spieler wie Tschigorin außerhalb der Reihe der eigentlichen Preisträger zu stehen kommt. Es ist daher begreiflich, daß das Comits es nicht über das Herz bringen konnte, Meister seines Schlages ohne jedes Andenken von sich ziehen zu lassen, und daher den beiden Russen noch zwei weitere Preise stiftete. Das geringe Resultat Tschigorins ist übrigens ein erneuter Beweis für die mehr und mehr hervortretende Thatsache, daß gcgm die heranwachsende moderne Schachjugend und ihr nüchternes, berechnendes Spiel mit kühnen Angrisfs- wendungen nicht mehr viel auszurichten ist. Der sprachgewandte, feingebildcte Schiffers hat etwas zäher als sein Landsmann gekämpst, aber seine vielen Remispartien verhinderten auch ihn, einen besseren Stand zu erzielen. Den Preis für das beste Resultat gegen die Preisträger (100 M.) erhielt Harry Blackburne, der den britischen Schachruhm wie gewöhnlich mit Energie und in geistvoller Spielweise vertreten hat. Einen Beweis der ihm noch immer innewohnenden Kraft hat er durch seine Siege über Pillsbury, Tarrasch und Walbrodt gegeben; gleichwohl konnte er nur 9 Gewinnpartien erreichen. Auch für ihn bietet, gleichwie für Tschigorin, der moderne Spieltypus kein Feld mehr für das liebgewonnene, aber riskante Angriffsspiel. Als hauptsächlicher Vertreter der mächtig emporstrebenden Schachjugend ist in diesem Turnier Charousek, ein junger Ungar voll kühner Kombinationen, zu betrachten, der sich nebenbei ebenso als gewandter Theoretiker, wie als feiner Kenner des Endspiels erwies. Er erzielte 8'/z Gewinne, darunter Siege über Lasker, Janowski, Blackburne und Walbrodt und würde vielleicht ein noch besseres Resultat erzielt haben, wenn ihn nicht manchmal der jugendliche Wagemuth zu weit geführt hätte. Marco, der Repräsentant der bei den Zuschauern wenig beliebten Wiener Schule, hat es durch die diesem Typus anhängenden Remisen nur auf 8 Gewinnpartien gebracht. Feiner spielte sein Landsmann Adolf Albin, der zwar nur 7 Gewinnpartien auszuweisen hat, unter denen sich indeß zwei elegante Spiel- proben gegen Steinitz und Charousek befinden, die ihm alle Ehre machen und seine Beiziehung zum Turnier als durchaus gerechtfertigt erscheinen lassen. Bei Winawer, dem findigen Altmeister, machte sich neben der Zahl der Jahre wohl auch der Mangel an entsprechender Uebung geltend. Einen schwachen Trost mag diesem allseits beliebten jovialen Schachmeister der hübsche Sieg über Steinitz bieten, den seine 6'/z Gewinnpartien einschließen. Von Porges, dem Präger Meister, und dem Amerikaner Showalter hätte man ein besseres Resultat erwartet, als die 5»/, Gewinnpartien, welche sie mit Mühe und Noth erreichten. Einen ganz erheblichen Mißerfolg hat auch der deutsche Altmeister Emil Schallopp mit 4*/z Gewinnen zu verzeichnen. Wie leider schon häufig in früheren Turnieren, nahm dieser geistvolle Spieler auch diesmal die Sache zu leicht und verlegte sich zur Unzeit auf theoretische Finten, die meist zu seinem Nachtheil ausschlugen. Den Reigen schließt Teichmann mit 4 Gewinnpartien; dieses ungünstige Ergebniß des talentvollen, in englischen Schachkreisen sehr geschätzten Spielers, ist indeß nicht zum wenigsten auf die andauernde Unpäßlichkeit zurückzuführen, unter welcher Teichmann während des Turniers zu leiden hatte. Den Schlußstand des Turniers gibt die nachfolgende Tabelle: Internationales Schachturnier in Nürnberg. (Stand nach der IN. Runde.) Namen der Schachmeister Albin N «2 § Janowski A Marco Marüczy 8 N- Porges L, <2 d O Schiffers Schlechter Showalter Z Tarrasch Teichmann Tschigorin ^ Walbrodt Winawer ^ Summa Albin . 1 1 0 0 0 V. i 0 0 '/- 1 0 1 0 0 0 7 Blackburne 0 — 0 0 0 1 0 i 1 1 0 1 0 1 1 9 Charousek 0 1 — 1 1 V- 0 '/, 1 0 '/, 1 0 0 0 0 1 -/- 8'/, Janowski '/- '/- 0 — 1 1 0 '/- 1 1 1 1 0 1 0 1 0 1 1 II -/2 Lasker . 1 1 0 0 — 1 '/- 0 1 1 1 1 1 1 1 1 '/, 1 13-/2 Marco . 1 0 0 — 0 '/- 1 '/- 0 0 V, '/- '/- 1 8 Marüczy 1 '/, 1 1 '/- 1 1 1 1 0 '/- '/- -/- 1 12-/, Pillsbury 1 0 '/- '/» 1 1 0 — '/- 1 0 '/, 1 1 1 1 1 0 1 12 Porges . '/, 1 0 0 0 '/, 0 0 '/, '/, 0 '/, i 0 0 0 5'/, Schalopp 0 0 1 0 0 0 0 0 1 — 0 0 1 0 1 0 0 0 4'/- Sckiffers 1 0 '/- 0 0 1 '/, 1 — 1 0 1 '/- 9'/- Sä'lechtcr 1 '/- '/- 0 '/- '/, 1 '/, '/, 0 1 1 1 lO-/, Sbowalter '/, 0 0 1 0 0 0 0 0 0 -/, 1 1 0 0 5'/- Steinitz . 0 1 1 0 0 i 1 0 1 1 -/, 1 1 _ 0 1 1 -/, 0 11 Tarrasch 1 0 1 1 0 1 '/, 0 '/- '/- 1 '/- '/- 1 — 1 1 '/- 1 12 Teichmaun 0 '/. 1 0 0 '/, 0 0 0 0 0 0 0 0 _ 0 1 -/, 4 Tschigorin 1 1 1 1 0 0 1 1 '/- 0 0 0 0 1 _ 0 1 9'/- Walbrodt 1 0 0 0 '/, '/, '/, 1 1 1 '/- 1 '/, '/- 0 1 _ 1 10-/, Winawer 1 0 '/- 0 0 0 0 0 1 1 0 1 1 0 '/, 0 0 — 6'/. ALLssLeZ. Die größte Häuserbesitzerin der Welt ist die Königin von England. Sie besitzt in verschiedenen Theilen des Landes bei 600 größere Häuser, die keine Krongüter, sondern ihr Privateigenthum sind. Außerdem ist sie Eigenthümerin von vielen Pachtgütern, auf denen bei 6000 Wohnungen stehen. Auch die Schlösser OSborne auf der Insel Wight und Balmoral in den Hochlanden sind ihr Privateigenthum. Die Krongüter und Paläste, welche sie und die königliche Familie benutzen, müssen von der Nation unterhalten werden; so kostet der Unterhalt von Hampton Court den Engländern zum Beispiel jährlich bei 30,000 Mk. Dann stehen der Königin auch noch vier Jachten für ihre Reisen auf dem Wasser zu Diensten, von denen die eine die Kleinigkeit von 2,400,000 Mk. gekostet hat. Der Unterhalt dieser Fahrzeuge muß ebenfalls von den Engländern bestritten werden und beläuft sich auf 264,000 Mk. jährlich. ----SLWLS-. - Aerzage nicht! ES ist ein Kampf, ein steter Streit DcS Menschen Erdenpilgcrleben; Von Mühsal, Kreuz und bitt'rem Leid Wird fort des Dulders Herz umgeben. Doch — auf, mein Freund, verzage nicht Auf sturmbewegt-gepeitschtem Meere, Uns führt des Glaubens mächtig Licht, Das Trost und Kraft und Muth gewähre! Und an der Hoffnung grünem Band Gelangen wir zum heiß ersehnten Ziele: Wo ist der Liebe Vaterland, Wo unser Freuden harren viele! ^ Burkarb Auslosung der Schach-Aufgabe in Nr. 66: Weiß. Schwarz. 1. L. 86—61 87—86 (85) 2. 82—84 (83) 86—85 (84) 3. T. 81—82. DieS ist der entscheidende Zug, der ein Matt durch Doppelschach vorbereitet. Schwarz kann nur spielen: K. 84—84 worauf 4. T. 82—84 matt setzt.