^ 71 . Ireilag, den L8. August 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 10. Kapitel. Wie Trixy es aufnahm. ES »lochte halb ein Uhr gewesen sein und Trixy faß allein und düster in ihrem Zimmer. Edith trat ein, schön und leuchtend wie der junge Morgen. „Guten Tag, Trixy, wie geht'S mit Deinem Fuß?" „Er thut sehr weh", entgegnete sie barsch, „es ist ein Unsinn, spiegelglatte Böden herzustellen. Seit wann bist Du auf?" — „Seit zehn Uhr." „Warst Du im Garten?" Im" ^Sa'hst Du Sir Victor?" «Ja." „Hat er nach mir gefragt? „Natürlich", entgegnete Edith, obwohl der Varon ganz vergessen hatte, daß Beatrice Stuart existirte. „Er ist ein sehr aufmerksamer Wirth", rief Beatrice bitter, „er weiß, daß eine Dame krank liegt, und steht nicht einmal nach ihr." „Aber, liebe Trixy, die Herren besuchen doch die Damen nicht in ihrem Zimmer, das schickt sich nicht." „Sage mir, Edith, ob er etwas sprach — Du weißt schon was." „Dich zu heirathen? Nein, Trixy, nicht ein Wort." Sie stellte sich hinter den Fauteuil und schlang ihre Arme um des jungen Mädchens Hals. „Glaubst Du nicht, es könnte in Killarney ein kleines Mtßverständniß obgewaltet haben?" „Mißverständniß? Ich verstehe Dich nicht", rief sie mit steigender Angst, „um Himmelswillen, komm' herüber, daß ich Dich sehen kann, stehe nicht wie ein böser Geist hinter mir." „Sei nicht böse, Trixy, ich habe etwas Unangenehmes zu sagen, und ich fürchte mich. Es war ein Mißverständniß damals." „Wie könnte es eines sein. Er sagte mir, daß er liebe, daß er einen Rivalen fürchte, mit Papa und Mama sprechen wolle; wo sollte da ein Mißverständniß möglich sein?" ' „Ja, Trixy, es ist doch so. Sir Victor wird heute Mit Deinen Eltern sprechen, aber nicht über Dich." „Edith!" Sie sprang auf mit bleichem Gesichte und mit funkelnden Augen. „Was willst Du sagen?" Edith umschloß sie fester und legte schmeichelnd die Hände an ihr Gesicht. „In dem Boote auf dem See von Killarney sprach Sir Victor von mir." „Von — Dir?" tönte es von Beatricen's erbleichenden Lippen. „Ja, meine Liebe, von mir, und er glaubt noch heute, daß Du ihn so verstanden. Set mir nicht böse, ich kann nichts dafür. Er warb gestern um mich." „Um Dich?" fragte Trixy wie betäubt, „und Du wiesest ihn ab?" „Ich nahm ihn an." Eine Pause folgte. Beatrice war leichenblaß vor Zorn, Enttäuschung und Erstaunen. Endlich brach sie in einen Strom von Thränen aus. „Trixy, liebe Trixy, weine nicht, ich wußte nicht, daß Du ihn liebtest." „Ihn lieben?" rief sie mit blitzenden Augen, „ich liebe ihn nicht; was aber brauchte er so zu schwätzen und Anspielungen zu machen?" „Es war freilich sonderbar, daß er überhaupt mit Dir dämm sprach, aber, siehst Du, er meinte, Du hättest ihn recht verstanden." „Ihn recht verstanden? Die Engländer sind lauter Narren und Sir Victor der größte darunter." „Weil er mich heirathcn will?" „Ja, gerade deshalb, Du kümmerst Dich keinen Deut um ihn." „Kümmertest Du Dich um ihn, als Du sein Weib werden wolltest?" „Jedenfalls mehr als Du, ich liebte wenigstens keinen Anderen." „Und wen liebe ich?« „Rudolf. Leugne es, wenn Du es wagst." Sie blickte Edith an. Ihr zorniges Auge, ihr ganzes Wesen glich so sehr Rudolf, daß sie momentan die Fassung verlor. Sie senkte die Augen. „Laß uns nicht streiten um eines Mannes willen, den wir Beide nicht lieben, wir, die wie Schwestern waren." 542 «Wie — Schwestern!" rief Beatrice bitter, »ich glaube, Du betrügst und intriguirst." „Beatrice!" „O, ich weiß was ich sage. Ehe Du nach New- Aork kamst, schenkte der Baron wir Aufmerksamkeit, und wäre ich nicht seekrank geworden, so hätte er mich gefreit. Auf dem Schiffe aber locktest Du ihn an Dich, ko- kettirtest dann mit Rudolf, um Sir Victor zu reizen. Du bist ein kluges Mädchen, Dein Plan ist gelungen, und ich wünsche Dir Glück." „Ich nehme mir nicht die Mühe, Deine Anklagen zu leugnen, Du weißt, daß sie falsch sind. Weder in New-Aork, noch aus dem Boote, noch sonstwo suchte ich Sir Victor auf. Wäre er ein Prinz gewesen, ich Hütte eS nicht gethan. Du kannst auch zu weit gehen, Trixy. Er erwies mir die Ehre, um mich zu werben, und ich nahm ihn natürlich an. Ich konnte nicht anders handeln. Und wenn er in Killarney Unsinn schwätzte, bin ich nicht dafür verantwortlich. Er glaubt, klar gesprochen zu haben, und ahnt nichts von einem Mißverständniß. Uebrigens will ich Dich jetzt verlassen, denn ich will mit Dir nicht streiten." Ihre Stimme brach. Sie wandte sich zur Thür, und Trixy wurde das Kleinliche ihres Betragens klar. Ihr großmüthiges Herz tadelte eS. „Bleibe, Edith, ich will auch nicht mit Dir streiten, und es ist verächtlich und erbärmlich, wenn ich nun um einen Mann weine, der keinen Funken Interesse für mich hat. Als ich Dir damals Mittheilung machte, gratu- lirtest Du mir, laß mich erst zu mir selbst kommen, und ich thue es auch. Die ganze Sache aber kommt so unerwartet, weil ich glaubte, Du liebtest Rudolf. „Freilich liebe ich ihn wie einen Bruder." „Wie einen Bruder, Unsinn! Liebet Ihr Euch wirklich nicht seit zwei Jahren!" Edith lachte. „Eine absurde Frage. Ich glaube, weder ich noch Dein Bruder können sich ernstlich verlieben. Er fände es fieberhaft und ermüdend, und ich — wenn Liebe jene Bücherleidenschaft ist, welche die Leute nicht essen und nicht trinken läßt, kannte ich sie nie?" „Aber Du liebst Rudolf." „Ja, ich liebe ihn so sehr, daß ich ihn nicht hei- rathen und zu Grunde richten möchte. An dem Tage, wo wir mehr als Freunde wären, würde sein Vater ihn enterben, und der Vater ist nicht der tobende Alte in der Komödie, der vier Akte lang wüthet und in dem fünften seinen Segen gibt. Rudolf und ich sind vernünftig, wir haben uns die Hand gegeben und uns gelobt, gute Freunde bleiben zu wollen." „Und weiß Sir Victor von diesem vetterlichen Uebereinkommen?" „Set nicht sarkastisch; ich habe Sir Victor nichts zu gestehen, und wenn ich verheirathet bin, soll weder Dein Bruder noch ein Anderer Platz in meinem Herzen finden." „So! Und wann soll die Hochzeit sein?" „Das weiß ich nicht; es mag lange dauern. Natürlich widersetzt sich Lady Helena." „Und fürchtest Du sie nicht?" „Nein, sie ist seine Großtante, seine einzig lebende Verwandte, aber er ist majorenn und kann handeln wie er will." Stolz wie eine Königin wandte sie sich zur Thüre. „Diesen Nachmittag soll eine Spazierfahrt stattfinden. Du wirst hinunter getragen werden und Hauptmann Hammond als Dein Kavalier fungiren." „Und Du?" „Sir Victor fährt mit." „Allein natürlich", sprach Trixy mit bitterem Höhne. „Natürlich allein", entgegnete Edith kalt und verließ das Gemach. 11. Kapitel. Wie Tante Helena eS aufnahm. Aber die Spazierfahrt kam nicht zu Stande, denn während zwischen Edith und Beatrice sich die unangenehme Scene abspielte, ereignete sich eine ähnliche in einem andern Zimmer des Schlosses. Lady Helena hatte sich in ihr Zimmer begeben, um nach der Morgcnpost, die ihr mehrere Briefe gebracht, zu sehen. Einen derselben ergriff sie begierig. Er trug das Postzeichen von London und sie erbrach hastig das Siegel. Während sie in des Schreibens Inhalt sich vertiefte, klopfte es, und ihr Neffe trat ein. Schnell zerknitterte sie den Brief, versteckte ihn und sah ihm lächelnd entgegen. Victor war ihr Augapfel, ihres Herzens Liebling. „Störe ich? Bist Du beschäftigt?" „Nein, Victor, ich wollte eben mit Dir über die Einladungen zum Ball sprechen; kommst Du deshalb?" „Nein, Tante, ich habe Dir Wichtigeres zu sagen." Sie faßte ihn näher inS Auge. Sein Antlitz war geröthet, sein Auge glänzte, glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Du siehst ja ganz strahlend aus." „Ich habe Grund dazu, Tante, gratulire mir, ich bin der glücklichste Mann der Erde." „Und worin besteht dieses Glück?" „Erräthst Du es nicht? Ich glaubte, Frauen seien in dieser Hinsicht sehr scharfsichtig. Hast Du wirklich keine Ahnung?" Sie erbleichte jedoch. „Ich werde wich verheirathen." Sir Victor hielt inne, denn mit einem Angstruf erhob sich Lady Helena. Hätte er gesagt, „ich werde gehängt", ihre Bestürzung konnte nicht größer sein. Wie um einen Schlag abzuwehren, streckte sie die Hände aus. „Nein, nein, nicht heirathen! Um HimmelSwillen, Victor, sage das nicht." „Tante Helena!" „Es kann ja nicht sein, Du kanttst nicht heirathen wollen, was brauchen Jungen von dreinndzwanzig Jahren Frauen." Er lachte gutmüthig. „Ich halte Jungen von breiundzwanzig Jahren für ziemlich erwachsen und selbstständtg; mein Vater war ebenso alt, als er Gattin und Kind nach Chateron Royals brachte." Sie sank in einen Stuhl. „Du bist bleich, Tante, und mein vorschnelles Sprechen hat Dich erschreckt. Soll ich Wasser holen?" „Nein, bleibe! Gib mir Zeit nachzudenken." Er setzte sich; jede Scene war ihm peinlich, und der Anfang versprach nichts Gutes. Die alte Dame schwieg einige Minuten, unbewußt aber flüsterten ihre Lippen: „Die Zeit kam, die Zeit ist gekommen!" Sir Victor brach selbst das Schweigen. „Ich verstehe Dich nicht, Tante, und Deine Auf- 843 fassung Meiner Mittheilung gefällt mir nicht. Du mußtest Dich doch mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß ich eines Tages heirathen würde, gleich andern Männern. Die Zeit ist gekommen, wie Du selbst sagst; ich sehe darin nichts Entsetzliches." „Aber nicht so bald",stöhnte sie, „oVictor, nicht so bald." „Dreiundzwanzig Jahre ist nicht zu bald, und ich liebe meine Braut von ganzem Herzen. Dank dem Himmel, daß sie mich angenommen hat, ich möchte ohne sie nicht leben." „Wer ist sie? Natürlich Lady Arabella." „Es ist Miß Darrell." Lady Helena starrte ihn entsetzt an. „Miß Darrell, die Amerikanerin? Du scherzest wohl, Victor?" „Ueber solche Dinge werde ich nie scherzen, Tante. Diesen Morgen machte mich Miß Darrell zum glücklichsten Mann der Welt, indem sie meine Werbung annahm. Aber, Tante, Du mußt es ja längst vermuthet, gesehen haben." „Ich sah nichts, ich bin eine alte, blinde Frau." Wieder folgte eine Pause, daS Wesen der Tante war m entruutbiaend. „Ich liebte Edith vom ersten Moment des Sehens", begann er wieder, „und ich mag nicht daran denken, was ohne sie mein Leben gewesen wäre. Du aber warst meine Mutter, so lange ich denken kann. Du wirst jetzt mein Glück durch Deinen Widerspruch nicht trüben wollen." "'""„Aber ich widerspreche ganz entschieden, mehr noch, ich verbiete die Heirath. Du bist zu jung; wenn Du dreißig Jahre alt bist, ist's früh genug an derlei zu denken. Reise, besieh Dir die Welt, geh' in den Orient, wie Du oft gesagt, nach Afrika, wohin Du willst. Niemand kennt sein eigenes Herz im lächerlichen Alter von dreiundzwanzig Jahren." ^ Sir Victor lächelte ruhig und entschlossen. „Ist meine Jugend also Dein einziger Einwand?" „Nein, ich habe deren mehr, die Idee ist in jeder Hinsicht verwerflich, und ich widersetze mich ganz entschieden. Du sollst nicht eine Amerikanerin ohne Familie und Stellung, die Du erst einige Wochen kennst, von der Du absolut nichts weißt, heirathen. Der bloße Gedanke ist absurd." Des Barons Stirne faltete sich. „Ich bin mein eigener Herr, will aber al? Deine Einwände beantworten, weil ich das schuldig zu sein glaube." „Miß Darrell steht unter Dir", zürnte Lady Helena, „die Chateron haben immer vornehm gehetrathet. Deine Großmutter war die Tochter eines Marquis." „Und meine Mutter die Tochter eines Seifensieders. Vergessen wir das nicht." „Warum sprichst Du mir von ihr? Du weißt, ich kann es nicht ertragen. O, warum sahst Du je die fremde Abenteurerin, warum kam sie je in unsere Nähe?" Lady Helena erregte sich furchtbar in einer dem Neffen ganz unerklärlichen Weise. „Du gehst zu wett, Tante", sprach er langsam, „Miß Darrell ist keine Abenteurerin, sie hat in keiner Weise mich zu gewinnen gesucht, und meines Glückes einziger Schatten ist, daß sie mich nicht liebt, wie ich sie liebe. Frei und offen gestand sie mir das, aber ich vertraue, daß meine Liebe Gegenliebe erzwingen wird. Jedenfalls ist es mein fester Entschluß, sie in thunltchster Bälde zu heirathen." Sie blickte ihn an, in seinen Zügen lag eiserner Wille. „Ich hätte wissen können", sagte sie bitter, „er ist seines Vaters Sohn. Dieselbe Hartnäckigkeit, dieselbe Verschlossenheit gegen jede Warnung. Früher oder später mußte es kommen, aber so früh." Langsam rollten Thränen über ihre bleichen Wangen, und das wirkte mehr als Worte. „Weine nicht, Tante, Du betrübst mich, und ich glaube. Du solltest mich nicht in dieser Weise tadeln. Ich liebe Edith, und damit ist Alles gesagt." „Du liebst sie? Armer, armer Junge." „Ich glaube kein Mitleid zu verdienen. Sage mir lieber einen vernünftigen Grund für Dein Benehmen." „Einen vernünftigen Grund?" „Nun, natürlich, glaubst Du nicht, daß ich sehe. Du habest noch einen andern Grund? Laß einmal hören. Sorgen sind wie die wilden Thiere, blickt man ihnen fest inS Auge, so ergreifen sie die Flucht. Weshalb sollte ich mit dreiundzwanzig Jahren nicht heirathen? Wäre mein Alter auch ein Hinderniß, wenn ich z. B. um Lady Arabella würbe?" „Du sollst gar nicht heirathen." „Was? Als alter Hagestolz zusGrabe gehen, daS ist doch etwas zu viel für eine vernünftige Dame." „Da ist nicht zu spaßen, Victor, es wäre besser Du heirathetest nicht, besser, der Name Chateron verschwände vom Erdboden." „Tante Helena!" „Ich weiß, waS ich sage, Victor, und Du würdest Mir beistimmen, wüßtest Du, waS ich weiß." „Laß mich denn Alles wissen und selbst urtheilen. Sobald Du mir ein vernünftiges Hinderniß sagst, mich überzeugst, daß eS unrecht sei vor Gott und den Menschen, wenn ich sie heirathe, so will ich sie aufgeben, so namenlos ich sie auch liebe." „Würdest Du eS thun, Victor, hättest Du die Kraft hiezu? Gott weiß, ich Möchte nicht hart sein, möchte Dich gern glücklich sehen, aber-" „So sage mir Alles und laß mich urtheilen." „Ich weiß nicht, was ich thun soll!" rief sie erregt, „ich versprach ihr, Dir's zu sagen, nun aber der Tag gekommen, kann ich es nicht." Er erbleichte in unbestimmter Furcht. „Du mußt, Tante, und ich bin kein Kind mehr, das vor Schreckgespenstern erschrickt. Welch' furchtbares Geheimniß birgt sich hinter all' dem?" „Ein furchtbares Geheimniß, ja, Du hast es gesagt." „Spielst Du auf meiner Mutter Tod an? Kanntest Du die ganze Zeit ihren Mörder und verbargst ihn?" Keine Antwort. Sie bedeckte das Gesicht und wandte sich ab. „Habe ich Recht?" Sie sprang auf. „Laß mich, Victor, dreiundzwanzig Jahre laug bewahrte ich das Geheimniß, glaubst Du, Du könntest es mir in einem Moment abringen? Welches Recht hast Du, mich zu fragen? Wüßtest Du Alles, so wüßtest Du, daß Du kein Recht hast, ein Weib an Dich zu ketten, kein Recht selbst auf den Namen, den Du trägst." Er stand erbleichend auf. Sprach Lady Helena im Wahnsinn? Ehe er noch zu sprechen vermochte, pochte es, und ein Diener brachte ein Billet. „Eine Dame wünscht Mylady in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen", meldete er. „Ich kann Niemand empfangen." 544 — „Mhlady entschuldigen, die Dame sagt, Sie würden sie sicher empfangen, lesen Sie das Billet." Lady Helena riß es auf und überflog die wenigen Zeilen, welche die Unterschrift „Jnez" trugen, mit einem Ausdruck der Erleichterung. „Führen Sie die Dame sofort herein." „Vergib, wenn ich in meiner Erregung Ungebührliches sagte", wandte sie sich, nachdem der Diener sie verlassen, an den Neffen, „gib mir Zeit und Du sollst bald hören, was Du wissen mußt. Diese Dame kommt sehr gelegen." „Soll das heißen, daß die Fremde Deine Vertraute ist und auch die meine werden soll, daß Du sie konsul- tiren willst, ehe Du mir das Geheimniß mittheilst, von dem mein Lebensglück abhängt?" „Ja, und Du wirst Alles verstehen. Die Dame gehört zu unserer Familie; mehr kann ich vorerst Dir nicht sagen. Geh' nun, Victor, Morgen womöglich sollst Du die Wahrheit hören." Er verbeugte sich kalt und ging. Was bedeutet all' das? Bisher war sein Leben friedlich verlaufen, nun tauchten auf einmal Familiengcheimnisse auf. „Mag der Morgen bringen, was er wolle", sagte er entschlossen, „Edith Darrell wird mein Weib." 11. Kapitel. Am Tage des heiligen Patrick. Beim Hinabgehen begegnete er einer schlanken, großen, tiefverschleierien Dame. Wer mochte sie sein? Er verbeugte sich und eilte vorüber, um Edith aufzusuchen. Des Mädchens Auge war scharf, und Sir Victor verstand es nicht, sich zu verstellen. „Lassen Sie sich wahrsagen, Sir Victor", lächelte sie, „ich sage Ihnen die Vergangenheit aus den Linien der Hand. Sie waren bei Lady Helena, theilten ihr Ihre Werbung mit und baten um ihren Segen; Sie wurden natürlich entrüstet abgewiesen." Der Baron erröthete. „Ich hielt Sie stets für eine Zauberin, nun weiß ich es gewiß. Können Sie die Zukunft prophezeien?" „Vielleicht; Lady Helena wird darauf bestehen, daß Sie das arme, unbekannte Mädchen aufgeben; sie wird triftige und vernünftige Gründe dafür vorbringen, und Sie werden mir eines Tages erklären, daß Sie bedauern, einen Mißgriff gemacht zu haben, und mich bitten, Ihr Wort zurückzugeben. Edith Darrell wird wieder in das Dunkel zurückkehren, aus dem sie gekommen." Er lachte; sie hatte seine Sprechweise genau nachgeahmt. Dann sprach er ernst und tadelnd: „Und so kennen Sie mich nicht besser? Ich liebe meine Tante sehr, aber alle meine Tanten der Welt könnten mich nicht von Ihnen trennen." „Vielleicht wäre eine solche Trennung für uns Beide besser. Werden Sie nicht böse, Sie wissen wie ich's meine. Ich bin nicht von aristokratischer Abkunft, mein Vater hat ein Knabenpensionat, ich bin eigentlich Miß Stuarts Gesellschafterin, jedenfalls nur eine arme Verwandte. Seien Sie weise, Sir Victor, so lange es Zeit jst, lassen Sie sich warnen, bevor es zu spät ist. Ich verspreche nicht zu zürnen, ja sogar Ihre Vernunft zu bewundern. Lady Helena war Ihnen eine Mutter, es lohnt sich nicht, sie meinetwegen zu kränken. ES gibt Dutzende von reichen, schönen, adeligen Mädchen, die Sie lieben werden. Geben wir uns die Hand und scheiden wir." Mit ungezwungenem Lächeln reichte sie ihm die Hand, die er mit Küssen bedeckte. „O, Edith, wie leicht sprechen Sie vom Scheiden! Ich aber lasse Sie nicht. Sie mein Weib zu nennen, ist meines Lebens Hoffnung. O, daß Sie wüßten, wie ich Sie liebe, wie leer und werthlos mir die ganze Welt ist ohne Sie. Es könnte für mich nichts Schrecklicheres geben, als Ihren Verlust." „Sie lieben mich also sehr?" „Ich stürbe für Sie, Edith!" „Sterben Sie nicht", lächelte sie hold, „leben Sie für mich, ich glaube, es ist nicht hart, Sie lieben zu lernen." „Sie wollen also nicht mehr vom Scheiden reden Sie wünschen es wirklich nicht?" „Hätte ich dann Ihre Werbung angenommen? Wenn wir uns je trennen, geschieht es von Ihrer, nicht von meiner Seite aus." „Von meiner Seite?" lachte er glücklich, „und wenn Sie sich frei glauben, will ich Sie sofort binden." Er zog ein kleines Etui hervor. „Sehen Sie, Edith, diesen Ring trugen die Frauen unseres Geschlechts seit zweihundert Jahren, es ist der Verlobungsring der Chaterons." Ihr dunkles Auge funkelte bei diesem Anblick. ES war ein wundervoller, großer Solitaire, wie ein in Gold gefaßter Wassertropfen. „Es knüpft an diesen Ring sich die Sage, daß die Braut eines Chateron, welche ihn nicht trägt, ein unglückliches Leben führt und eines unseligen Todes stirbt. Sie begreifen wohl, daß es nöthig ist, ihn eifrig zu tragen." Sie hob gedankenvoll ihr Auge. „Trug ihn Ihre Mutter, Sir Victor?" Er erbleichte. „Nein, mein Vater heirathete sie heimlich und dachte nicht an den Ring. Führen ein unglückliches Leben und sterben eines unseligen Todes", fuhr er fort, „sie trug ihn nie, und bei ihr traf es ein." „Ein seltsames Zusammentreffen", sagte Edith und betrachtete den blitzenden Stein an ihrer Hand, der Hand, die noch vor zwei Monaten im alten Hause am MeereS- gestade gewaschen und gearbeitet hatte. „Sprechen wir nicht von meiner Mutter", bat er, „mir ist es furchtbar, an ihren Tod zu denken." „Wissen Sie, daß ich gern Chateron Royals sehen möchte?" bat sie, „darf ich?" „Ich bin glücklich, Ihnen Ihre künftige Heimath zu zeigen, und wenn Sie soweit gehen können, wollen wir uns gleich auf den Weg machen und zu Tische wieder herüberführen." Es war ein herrlicher Weg über Felder und duftende Wiesen und entlang die stille Landstraße, auf der einst ein anderer Sir Victor auf ewig von dem geliebten Weibe fortgeritten. Vergoldet von den Sonnenstrahlen, umrauscht von alten Bäumen, zeigten sich Chateron RoyalS epheuum- wundene Mauern und hochaufstrebende Thürme. Furchtlos äs'te das Wild, Perlhühner stolzirten umher, ein Pfau flog aufgeschreckt empor. Ueberall feierliche Ruhe. „Willkommen in Chateron Royals, willkommen als dessen Herrin, meine liebe Braut", sprach Sir Victor innig. Sie hob den thränenvollen Blick zu ihm. Wie gut war er, wie dankbar mußte sie ihm sein! 545 Ein aller Diener ließ sie ein. An des Verlobten Arm durchschritt Edith die langen Zirnmerreihen, riesige Hallen, Salons und Gemäldegalerien. Welch' kolossales Gebäude! Sie betrachtete die funkelnden Rüstungen, bis ihr die Augen schmerzten. Voll scheuen Staunens durchschritt sie den Ahnensaal, wo ein halbes Hundert Cha- teronS düster auf sie herabsahen. Einst sollte auch ihr Bild hier prangen. Die Frauen, die sie sah, lagen vermodert in der Ahnengruft, einst würde man auch sie kalt und starr darunter legen und ihr ein Marmordenkmal errichten. Sie schauderte und athmete tief auf, als sie wieder an die frische Lust kamen. „Es ist ein wunderbarer Besitz", sprach sie, „aber ein Zimmer haben Sie mir noch nicht gezeigt, und ich fühle ein krankhaftes Verlangen es zu sehen. Sind Sie böse, wenn ich darum bitte?" „Ihnen böse? Sprechen Sie." „Es ist das Zimmer, wo — o, verzeihen Sie, ich hatte nicht darum bitten sollen." „Doch, und Sie sollen es sofort sehen. Ich bin in manchen Dingen feige." Sie standen auf der Schwelle. Es war finster, die Läden geschlossen, die Vorhänge heruntergelassen, wie es feit jener schrecklichen Nacht gewesen. Nichts war verändert. Dort stand die Wiege, dort der Tisch, auf dem der Dolch gelegen, dort der Stuhl, auf dem Meta Cha- teron den Todesschlaf begonnen. Todtenstille lag über Allem. Edith zog Victor mit sich fort. „Wer that es?" fragte sie, als sie wieder unter dem blauen Himmel standen. „Ja, wer? Tante Helena weiß es." Gesicht und Ton waren ernst. „Wie konnte man ungerächt sie im Grabe liegen lassen? Ohne Zweifel hat es ein Chateron gethan, und um des Namens Ehre zu retten, ließ man den Mörder unentdeckt." „Ich glaube nicht, daß es Jncz war." „So war es ihr Bruder; lebt er noch?" „Soviel ich weiß, lebt er, und ich habe im Sinne ihn der Gerechtigkeit zu überweisen." „Sprechen wir nicht von der Sache, es macht Ihnen Schmerz; aber wenn ich je Herrin des Schlosses werde, lasse ich da§ Zimmer zumauern." „Wenn Sie die Herrin werden, wann wollen Sie eS sein?" „Wer weiß; vielleicht nie. Ich kann mir nicht denken, daß ich es je werde." , „Bitte, bestimmen Sie den Tag, heute ist der letzte Mai, darf ich die erste Woche im Juli nennen?" „Nein, auch nicht die erste Woche im August; weshalb die Sache überstürzen?" „Warum verzögern? Ich ertrage es nicht?" „Ich werde Sie nicht heirathen, so lange Lady Helena nicht ihre volle freie Einwilligung gibt." „Das wird sie binnen einer Woche thun. Wenn Sie mich nur ein wenig lieb hätten, so gebrauchten Sie nicht derlei Einwände." „Doch; man heirathet nicht so stürmisch, zudem habe ich Mrs. Stuart versprochen, den ganzen Sommer auf dem Kontinent französisch und deutsch zu reden." „Als meine Braut ändert sich das, Sie werden das selbst einsehen." „Allerdings." „Sie erweichen, ich seh' es an Ihrem Gesicht", flehte er, „o, Edith, lassen Sie es wenigstens dke erste Woche des September sein." Sie lächelte wie damals, als sie ihm ihr Jawort gab. „So sei es denn; sprechen Sie aber nicht mehr von dem Eigensinn der Frauen." „Gut, die Trauung findet am ersten September statt, am Tage des heiligen Patrick." (Fortsetzung folgt.) - — - - Vor 100 Zähren. A« 30. August findet im benachbarten Lechhausen eine bemerkenswerthe historische Gedenkfeier statt. An genanntem Tage Vormittags 11 Uhr wird nach vorausgegangenem Gottesdienste eine Gedenktafel enthüllt, welche dem Andenken an den vormaligen Hohenlohe'schen Oberlieutenant FranxoiS de Bouchö gewidmet ist, welcher vor 100 Jahren als Fremder mit seiner Gattin durch Lechhausen auf der Reise begriffen war und bei Gelegenheit der Netirade der kaiserlichen Truppen und des Vorrückens der französischen Armee unter Mo- reau dem Orte Lechhausen ganz außerordentliche und beträchtliche Dienste geleistet hat. Herr Gemeinde-Sekretär Reich! hat über die damaligen Vorgänge eine längere geschichtliche Abhandlung veröffentlicht, der die Abendzeitung Nachstehendes entnimmt. Die Nheinarmee, welche, wie kürzlich auch in einer historischen Neminiszenz im „Sammler" geschildert, ihren Marsch vom rechten Donauufer her durch Brand und Plünderung bezeichnete, schien auch den Ortschaften am Lech und an der Jsar gleiches LooS bereiten zu wollen. Lechhausen lief dabei Gefahr, wenn auch nicht gänzlich vernichtet zu werden, doch zu verarmen, und an Stelle der jetzigen blühenden Gemeinde wäre vielleicht ein unansehnlicher Ort. Die Rettrade der kaiserlichen Truppen war allgemein. Unter heftigem Geschützfeuer setzten die Franzosen über den Lech. Für Lechhausen kamen schwere Stnnden. Die Geschosse schlugen in die Mauern, und manches Haus stand schon in Flammen, als der erste Schwärm Franzosen plündernd, mit den Waffen in der Hand, die Straßen des Ortes überfluthete. Auf das kurfürstliche Mauthamt war eine Rotte, reiche Beute ahnend, zuerst eingedrungen. Eigenthümlicherweise erregte das zahlreiche Mobiliar der ver- wittweten Grenzmauthnerin von Stubenrauch, welche nebst einer 60jährigen Magd die einzige Vertheidigung des Mauthamtes bildete, in so hohem Grade das Gefallen der Rotte, daß sie, die Mobilien sämmtlich raubend, von einer Plünderung der Mauth absah. Allmälig füllte sich der Ort, Plünderung und Mißhandlung wurde bald allgemein. Der Jammer der Bewohner, die durch fortwährende Einquartierung der kaiserlich-königlichen Truppen ohnehin schon schwer gelitten, kannte keine Grenzen. In der breiten Straße war ein großer Tumult. Geplünderte, welche, jammernd sich um ihr Eigenthum wehrend, mit Kolbenschlägen zurückgetrieben wurden, riefen einen Mann um Hilfe an, der bereits andere zu schützen schien. Dieser, von stattlicher Figur, in Zivtlkleidern, einen Degen in der Faust, war bemüht, gegen Hunderte Bajonnete die bei ihm Hilfe Suchenden zu schirmen. Mit erregter Stimme machte er den Franzosen in ihrer Sprache heftige Vorwürfe über ihr brutales Vorgehen. Es schien nicht ohne Wirkung zu bleiben, da ein großer Theil der Soldaten murrend abzog. Dieser Mann sollte Lechhau- 848 seris Beschützer sein. ES war der seit einigen Tagen in dem oberen WirthShause nächst dem kurfürstl. Mauth- amte wohnende französische Emigrant Fran^oiS de Bouchs. Auf einer Reise durch Bayern mit seiner der Niederkunft nahen Gattin begriffen, war er durch das rasche Vordringen der Franzosen veranlaßt worden, in Lechhausen Quartier zu nehmen. Bouchs, aus einer lothringischen Adelsfamtlte stammend, deren Besitzthum durch die Revolution zerstört war. trat in das Regiment, welches Ludwig Fürst v. Hohenlohe-Waldenburg, Marschall und Pair von Frankreich, für das Emigrantenheer organisirte und gegen die Republik führte. Nach dem siegreichen Sturm der Verbündeten unter Wurmser auf die Weißenburger Linien, 13. Okt. 1793, wurde Bouchs Lieutenant. Als das Kriegsglück sich wendete und schon am 16. Dezember Ptchegru die Oesterreichs und Preußen bei Weißenburg schlug und zum Rückzug über den Rhein zwang, folgte Bouchs dem Fürsten Hohenlohe nach dem Kriegsschauplatz in den Niederlanden. Als Lieutenant im Hohenlohe'schen Regiment focht derselbe in den Kämpfen bei Nimwegen, Tiel und wurde bei Bommel Oberlieutenant. Aber die Sache der Oesterreichs stand auch hier schlecht. Im Januar 1795 zog Ptchegru, von den Holländern mit Jubel empfangen, in Amsterdam ein. Nachdem Erzherzog Carl das Oberkommando der Reichs» armee am Rhein übernommen und Fürst Hohenlohe in dessen Dienste trat, nahm auch Bouchs, als das Regiment sich auflöste, seinen Abschied. In diese Zeit fällt seine Verheiratung und ein längerer Aufenthalt in der Pfalz. Sein erwähntes Verweilen in Lechhausen sollte diesem Orte zum großen Glück gereichen. WaS BouchS alles zum Wähle dieser ihm gänzlich fremden Gemeinde mit steter Lebensgefahr aus purer Nächstenliebe unternahm, ist aus verschiedenen Zeugnissen zu ersehen, welche sich in höchstem Maße anerkennend über sein Vorgehen aussprechen. So heißt eS u. a. am Schluß eines Zeugnisses der Theresia von Stubenrauch, verwittw. Grenz- Mauthnerin von Lechhausen, ä. ä. 1V. Oktober 1796: »Ich und eine alte 60jährige Magd waren einzig und allein, die wir in unserm versperrten Hause schon sicher und alles überstanden zu haben glaubten, da ich eben im obern Zimmer die zerstreuten Geräthe wieder zu sammeln beschäftigt wax, als zum zweitenmal 5 robuste Kerle mit schrecklichen Drohungen zu den Fenstern hereinfliegen. Von aller Welt verlassen, tu einer unbeschreiblichen Betäubung wie von Sinnen rannte ich auf die Straße. Die Vorsehung führte mich zu Herrn Bouchs, den ich allen Leuten beibringen sah. Mit gen Himmel gerungenen Händen sprach ich ihn um seine Hilfe an. Aber er ließ sich nicht lange bitten. Die Kerle zwang er auf der Stelle, ihres heftigen Widerspruches ungehindert, da hinaus zu steigen, wo sie hereingestiegen waren; sie durften nicht ein Stück mehr berühren, und von dieser Stunde an widerfuhr mir unter seinem unablässigen Beistand kein Leid mehr. Er versah mich mit dem besten Rath, wie ich das Gerettete gegen fernere Nachstellungen in Sicherheit bringen solle und wirklich brachte; obgleich eine Horde von wenigstens 100 Köpfen dasselbe anzufallen drohte, unter die er sich aber mit eigener Lebensgefahr wagte und durch seinen entschlossenen Muth, durch seine geistvollen Vorstellungen, durch seine eigenthümliche Würde und Ansehen, wofür der tollste Pöbel zurückbebt, siegreich bewirkte, daß sie von ihrem verruchten Beginnen abstund. So vertrieb er eine andere Räuberbande, die schon mitten in der Nacht ins Haus eingedrungen war. Ich würde die Grenzen eines gewöhnlichen Attestats weit überschreiten müssen, wenn ich alle seine preiswürdige» Handlungen sollte erzählen wollen. Eine dankbare Thräne entquillt mir, und ein unerklärbarer Schmerz durchgingt meine Seele, daß mir meine Glücks-Umstände nicht erlauben, seine unaussprechlichen Wohlthaten anders als nur mit dieser vergelten zu können. Der Himmel sei sein Belohnn." Josef Graf von Königsfeld, Propst zu Altenötting, und Max Graf von Seinsheim bezeugen, daß Bürger von Lechhausen zu ihnen gekommen seien und erzählten, daß sie die ihnen, den Bürgern, durch Herrn Bouchs beim Durchmarsch der Franzosen erwiesenen, öfters sogar unter Lebensgefahr bezeugten außerordentlich guten und beträchtlichen Dienste nicht genug rühme« konnten, ja dieselben bekräftigten sogar, daß sie ihre und ihres Wohnortes Erhaltung nach Gott Herrn Bouchs zu verdanken haben und nur bedauern, daß" ihre Vermögensumstände nicht zureichen, um demselben deßhalb dankbar genug sein zu können. Daß Lechhausen in der That zur damaligen Zeit enorme Ausgaben machen mußte, möge aus einer Spezifikation vom 10. September 1796 hervorgehen, laut welcher die Gemeinde Lechhausen in einem Zeitraum von vierzehn Tagen für Brod, Wein, Branntwein, Haber, Heu, Stroh, Bier und Fletsch an die Kaiserlichen und Franzosen 3109 Gulden 40 Kreuzer verausgabte. Diese Summe erscheint natürlich viel bedeutender, wenn man die billigen Preise der Lebensmittel von damals bedenkt; denn es kosteten: 1 Laib Brod 3 Kreuzer, 1 Maß Bier 4 Kreuzer, 1 Pfund Fleisch 3 Kreuzer, und sind 12,000 Pfund Brod mit 498 Gulden berechnet worden. An Quartierlast hat Lechhausen ge- tragen Kaiserliche und Franzosen 23,568 Mann und ; 12,831 Pferde. Der Verlust an Vieh betrug 1200 Stück. ! Nachdem Bayern einen für dasselbe höchst ungünstige» ! Frieden mit Moreau zu Pfaffenhofen, 7. September 1796, k zu Stande gebracht, räumten die republikanischen Truppen das Land, und Bayern athmete, allerdings nur für kurze Zeit, wieder freier. Bouchs verließ, nachdem sich seiner Reise kein Hinderniß mehr bot, mit seiner Gattin Lechhausen. Die ganze Gemeinde gab ihm mit Dankesthränen das Geleite. Familienverhältnisse bewogen denselben später, in München sein Domizil zu nehmen. AIS bald darauf auch Pfalzgraf Maximilian als Kurfürst von Bayern, vom Volke jubelnd begrüßt, in München einzog, erfolgte die Ernennung des Oberlieutenants v. Bouchß zur kurfürstlichen Suite. Die kommende höchst kriegerische Zeit hätte dem tapferen Offizier eine glänzende Zukunft eröffnet, hätte ihn nicht nur zu bald ein gar trauriger Tod im schönsten Mannesalter erreicht. Von einer Soirse der Kurfürstin heimkehrend, erkrankte er in derselbe» Nacht und starb nach wenigen Wochen an einer Gehirnkrankheit. — Hundert Jahre sind nun seit diesen Ereignissen verflossen. Der einzig noch lebende Enkel des Ober- lieutenants Frangois de Bouchs, der kgl. bayerische Hofglasmaler und Commercienrath Herr Carl deBouchä in München, will der Feier anwohnen, welche, wie Eingangs erwähnt, am 100jährigen Gedenktage der rühmlichen That seines Großvaters, am 30. August dS. Js., begangen werden soll. * » Auch Friedberg hat vor 100 Jahren vor den Franzosen gezittert, ist aber nicht so glimpflich weggekommen, eS wurde geplündert. Der 24. August, St. Bartholomäus- tag, ist dieser Schreckenstag. Die Wogen der großen französischen, welterschütternden Revolution gingen damals sehr hoch. Der Convent sandte seine 14 stehenden Heere nach allen Richtungen aus. Auch Bayern und die damalige freie Reichsstadt Augsburg bekamen den Besuch dieser ungebetenen Gäste. General Moreau leitete vom Ulrichsthurme aus den Lech-Uebergang, den der General Van- Lamme befehligte. Die Franzosen durchschwammen den Lech, das Gewehr und den Säbel, welcher an einem Strick befestigt war, hochhaltend, um 10 Uhr. Der damalige Bürgermeister Andreas Strixer und noch einige Raths- Witglieder gingen denselben bis an den Fuß des Berges entgegen, dem General eine werthvolle goldene Uhr anbietend, welche derselbe zurückwies mit den Worten: „Es nützt Alles nichts, Ihr werdet geplündert!" Darauf begann die Plünderung und dauerte von 12 bis 4 Uhr. Dabei kamen viele Kleidungsstücke, auch Pelzhauben der Frauen, in das Bivouac, das die Krieger bezogen hatten. i Es war ein fürchterlicher Schreckenstag. Die Thurmuhr , wurde gestellt. Die Leute hielten ihr Mittagsmahl, bestehend in einer Wassersuppe, in den Kellern. Hierauf drohten die Franzosen die Stadt an den vier Ecken anzuzünden. Es mußte eine große Brandschatzung erlegt werden. Deßwegen gelobte man, einen Dankgottesdienst > am Sonntag vor dem Feste des heil. Bartholomäus in Unseres Herrn Ruhe abzuhalten. Der Dankgottesdienst .am 16. August in der prächtigen Wallfahrtskirche war .sehr schön und erbauend, der Kanzelvortrag des hochw. Herrn Stadtpredigers Alberstötter ausgezeichnet. (Nach dem Frdb. Gmdeb.) Der Finger Gottes. Ludwig Riebt erzählt in seinen interessanten „Lebens- ^ erfahrungen eines Convertiten aus dein Volke" folgende ! Gottesgerichte: Mein Hauptmann und Compagniechef, ein sonst sehr gemüthlicher, heiterer und namentlich auch bei seinen Untergebenen wegen seiner Milde beliebter Officier, ledig Und katholisch getauft, der von der Pike auf gedient Hatte, war ein erbitterter Feind seiner Kirche und der Priester. Er bildete sich nicht wenig darauf ein, schon eine sehr lange Reihe von Jahren, ich glaube seit seiner ersten hl. Commnnion, die hl. Sakramente nicht mehr empfangen zu haben. Derselbe wurde auf einen öffentlich ausgesprochenen, wahrhaft entsetzlichen Priesterhaß plötzlich und auf die schauderhafteste Weise von einem Gottesgericht betroffen. Die Compagnie marschirte nämlich zum Scheibenschießen, es war, soviel ich mich noch erinnere, der 16. August 1857, auf den großen Epercierplatz. Bei dieser Gelegenheit passirten wir die Hintere Schlohstraße zu Ludwigsburg. Der jetzige Pfarrherr in Hundertsingen, der hochw. Herr Professor Nestle, war damals Vicar in Ludwigsbnrg. Dieser ging, mit der Sutane bekleidet und dem Cingnlum umgürtet, die Straße hinab zur katholischen Kirche im königlichen Schlosse, um dort das heilige Meßopfer darzubringen. Der Anblick dieses Priesters in seiner Kleidung versetzte den Hauptmann sin eine wahre Wuth. Er schimpfte darüber, daß man die katholischen Geistlichen in einer protestantischen Stadt in einer solchen Kleidung auf der Straße passiven lasse; dies sollte von der Polizei verboten und gesetzlich nicht geduldet werben, weil es eine „freche Herausforderung" (!) sei; ihm sei heute der ganze Tag verdorben. Der Oberfeldwebel Hofmann, ein gut katholisch gesinnter württem- bergischer Franke, bat den Hauptmann, er möchte doch nicht vor der Mannschaft in solcher Weise über die Priester seiner Kirche sprechen und das religiöse Gefühl der katholischen Soldaten so tief verletzen. Der Oberfeldwebel sprach dies ganz ruhig. Auf diese berechtigte Bemerkung hin kam eine Fluth von Schimpfwörtern über die Lippen des Hauptmanns, ja er vergaß sich in seinem Toben so weit, daß er den fürchterlichsten Ausdruck gebrauchte, er möchte dem nächsten Priester mit seinem Säbel im Gedärme herumbohren, und bezeichnete an seinem Leibe eine Stelle, wo er dies thun wollte. Jetzt sagte der Oberfeldwebel mit erregter und feierlicher Stimme: „Herr Hauptmann, He wären vielleicht noch froh, wenn ein Priester in Ihrer letzten Stunde zu Ihnen käme!" ' .,So etwas wird bei mir nie vorkommen, vor so etwas will ich behütet bleiben", entgegnete der unglückliche Officier. Wir marschirten in die große Allee ein. Kaum 150 Schritte von der Stelle, wo der Hauptmann die entsetzlichen Worte gebrauchte, fühlte er ein entsetzliches ' Stechen in seinen Eingeweiden, gerade an der Stelle, die er zum Durchbohren der Priester bezeichnet hatte. Fürchterliche Schmerzen nöthigten ihn, die Compagnie zu verlassen. Er gab dem Oberfeldwebel den Befehl, da er die Compagnie-Officiere vom Ausrücken dispensirt hatte, nach dem Scheibenschießen ihm den Schießrapport zu bringen. Das war nun nicht mehr möglich und nöthig, wie wir weiter hören werden. Der Hauptmann eilte, wie von Furien gegeißelt, von den gräßlichsten Schmerzen getrieben, nach Hans, wo sein alter, protestantischer Diener mit Entsetzen seinen ^ Herrn kommen sah. Diesem rief er schon von Weitem ! zu: „Johann, ich bitte Dich, eile, so schnell Du kannst, und hole den katholischen Stadtpfarrer, er möge gleich Alles mitnehmen, was zum Versehen nothwendig sei, aber ja recht eilen." Der Bediente wollte schleunigst den ' Befehl des Herrn vollziehen, allein der Hauptmann fiel mit einem entsetzlichen Aufschrei auf den Boden feines Zimmers und war sofort eine Leiche. Sein Aussehen sei alsbald ein entsetzenerregendes geworden. Man kaun sich den Schrecken und das Staunen der Compagnie denken, als dieselbe vom Scheibenschießen nach Hause kam und den schauerlichen Tod des Hauptmanns erfuhr. Mehrere Protestanten der Compagnie, Katholiken gab es nicht viele, meinten: „Den hat unser Herrgott gleich beim Wort gepackt."- Lei meinem Regiment, in meiner zweiten Kapitulation, nachdem ich schon zur katholischen Kirche übergetreten war, war ein Feldwebel (Sergeant) Namens Fidelis Müller, aus Hochdorf, O.-A. Waldsee, gebürtig. Derselbe hatte sehr fromme Eltern und war streng in kirchlichen und sittlichen Grundsätzen erzogen. Er erlernte das Schreinerhandwerk und kam in die Fremde. Wie er mir selbst gestand, war er rein und unverdorben, voll kindlichen Glaubens in die Fremde gegangen, habe lange Zeit die kirchlichen Gebräuche und Gebots auf's gewissenhafteste beobachtet, bis ihm einmal zufällig Waiz- manns Gedichte in die Hände gefallen seien, diese hätten ihn sehr angesprochen, besonders hätte ihm der oberschwäbische Dialekt seiner Heimath gefallen. Schließlich wurde er ein begeisterter Verehrer Waizmanns, aber auch ein Verächter der Kirche, der die heiligen Sakramente nicht mehr empfing und ein recht ungebundenes Leben führte. Mittlerweile kam er zum Militär; er hatte sehr gute Talente und wurde bald befördert. Von der Kirche sprach er nie anders als mit Spott und Hohn, und dekla- niirte stets Waizmanns wüste Possen zum allgemeinen Aergerniß. Ich hatte deshalb manchen Verdruß und vielen heftigen Streit mit ihm. In der Christnacht des Jahres 1864 war er Commandant der Kasernwache zu Stuttgart. Nachts 12 Uhr weckte er die Frau des Profosen mit einem solch frivolen Spott über das hochgebenedeite Christkind, daß mich jetzt noch ein Schauer durchrieselt, wenn ich daran denke. Jedoch die Gerechtigkeit Gottes gebot ihm Halt! Bis hierher und nicht weiter! Als er von der Kasernenwache abkam, war er leidend und mußte bald darauf als gefährlich krank in das Spital gebracht werde». Auch hier witzelte und spöttelte er fortwährend und wies den Empfang der hl. Sakramente höhnisch von sich. Doch auf einmal besann er sich eines andern, eines bessern. Er verlangte aus freien Stücken die hl. Sakramente und legte unter lautem Schluchzen eine zweistündige Beichte ab. Es war hohe Zeit. Kaum hatte er die hl. Sakramente empfangen, > so trat eine Erstarrung bei ihm ein. Er öffnete schauerlich und weit den Mund, die Zunge, die Gott, seine Kirche und Priester so oft gelästert hatte, hing entsetzenerregend über das Kinn herab. Vollständig, das sah man ihm an, war er bei Bewußtsein; so oft man zu ihm kam, sah er einen mit Thränen in den Augen an und wollte sich mit dem Kreuzeszeichen bezeichnen, was er aber nicht mehr konnte. Endlich nach acht Tagen erlöste ihn der Tod von seinen entsetzlichen Leiden. Diesen Anblick, aber auch die Leichenrede, die ihm der nunmehrige hochwürdige Herr Domkapitular Zimmerle hielt, der damals Kaplan in Stuttgart war, werde ich nie wieder vergessen. — Es war im Jahre 1869, als ich Forstgehilfe war. Eine halbe Stunde von meinem ständigen Posten war ein Dorf, das ich bei meinen Gängen im Walde passiren mußte. In diesem wohnte ein vermögender und weit bekannter Frucht- und Viehhändler, der viel Geschick für Handel und Wandel, aber auch eine ebenso große Feindseligkeit gegen die Kirche und die Geistlichkeit zeigte, über welche er öfter in der unfläthigsten und unsittlichsten Weise spottete, besonders wenn er zufällig in ihre Gesellschaft kam. Er war ein eifriger Leser der damals in Ulm erscheinenden kirchenseindlichen Zeitungen „Kirchen- fackel" und der „Ulmer Schnellpost' . Aus diesen schöpfte er seine eingebildete Weisheit und seine Kirchenfeindlich- keit. Er handelte genau nach dem Grundsatz, der auf dem Begräbnißplatz der „Freireligiösen" in Berlin am Thore angebracht ist: „Macht hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibt's, kein Wiederseh'n." Ich verbat mir öfter seine Gesellschaft und Zudringlichkeit; denn seine einzige Unterhaltung war, Gott, seine Kirche und die Priester zu beschimpfen und zu lästern. Eines Abends, als ich vom Walde heimkehrte, hungrig, durstig und sehr erschöpft war, es war an einem sehr heißen Tage des Monats August, kehrte ich in dem Garten einer an der Straße gelegenen Wirthschaft ein., Ich saß allein an einem Tische in der Ecke des Gartens.' Zu meinem größten Acrger sah ich aus einmal den Genannten am obere» Ende des Tisches sitzen, denn ich wußte mit Bestimmtheit, baß er sich wieder an mich machen werde. Ich nahm mir deshalb fest vor, gegen seine gewöhnlichen Provokationen mich ganz still zu verhalten und ihn mit Verachtung zu strafen. Richtig, meine Vermuthungen täuschten mich nicht. Kaum sah er mich, so rückte er in nieine Nähe. In der frivolsten Weise suchte er mich durch seine kirchenseindlichen Reden zu reizen. Zuerst ließ ich seine faden Reden zu einem Ohr herein und zum andern hinaus.. Allein schließlich wurde mir die Sache zu bunt, und ich verbat mir allen Ernstes jeden weiteren Discurs. Dies machte ihn nur noch zudringlicher. Ich erzählte ihm nun die vorerwähnte Geschichte meines Hauptmannes, um ihm nahe zu legen, wie Gott oft plötzlich die Kirchen- und Priesterfeinde strafe. Er sagte, dies sei bloßer Zufall, worauf ich erwiderte, es könne ihm vielleicht auch noch so ergehen, daß er vergeblich nach einem Priester verlangen werde; er jedoch brach auf meine Erwiderung in die schrecklichen Worte aus: „Eher soll mir der T.. wenn es einen gibt, als ein Pfaff an mein Sterbebett kommen!" Die Haare standen mir bei diesen Worten vor Entsetzen zu Berge, ich schrak zusammen und ging fort mit den Worten: „Herr E., es ist schrecklich, in die l Hände des lebendigen Gottes zu fallen! Was der Mensch säet, das wird er ernten!" Er rief mir noch höhnisch nach: „Es ist nur gut, daß Sie kein Pfaff geworden sind, Sie haben eine besondere Gabe, die Leute fanatisch, dumm und abergläubisch zu machen!" Tief in der Seele schmerzte mich die höhnische Verblendung dieses alten Mannes, und ich war jenen Abend so aufgeregt, daß trotz der großen Ermüdung kein Schlaf in meine Augen kam. Immer und immer wieder kamen mir die entsetzlichen Aeußerungen des Frucht- und Viehhändlers in's Gedächtniß. Aber diesem ging es nicht so gut, und er mußte bald erfahren, daß Gott seine unbefleckte Braut, die hl. Kirche, nicht ungestraft beleidigen läßt. Ihm ging es weniger gut als meinem Hauptmaune, der doch noch einen Priester verlangen konnte. Noch in derselben Nacht, kaum einige Stunden nach obigem Auftritt, fiel er in ein Delirium, > aus welchem er nicht mehr kam. In seinen Phantasiern sah er nur schreckliche und schwarze Kobolde, auch den Priester, der ihm die hl. Oelung spendete, sah er als einen solchen an. In diesem Zustande starb er nach > wenigen Tagen, ohne mehr zum Bewußtsein gekommen zu sein. Als man ihn beerdigte, war ich gerade im Walde und hörte das Grabgeläute. Ich muß es gestehen, es überkam mich ein großer Schauer, und ich mußte unwillkürlich an das denken, was zwölf Jahre vorher die Soldaten beim Tode meines Hauptmannes sagten. Doch hoffen wir noch das Beste für seine arme Seele; vielleicht ist er, unsichtbar der Umgebung, doch zu lichten Augenblicken gekommen und hat die Gnade einer vollkommenen übernatürlichen Reue erhalten; viele derartige Beispiele erzählt ja die Geschichte des Reiches der Gnade. -—-SW8-S--- Goldkörner. Ein neuer Rock und ein neues HauS, Gar stattlich nehmen sich beide aus, Doch sollen sie uns behagen, Dann müssen wir unter Lust und Leid Im Hause erst wohnen längere Zeit Und den Rock eine Weile tragen.