« 73 . 1896 „Augsburger Pojhritung". Dinstag, den 1. September Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Mar Huttlerl. Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFieifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) Und so sah Sir Victor Chateron nach mehr als dreiundzwanzig Jahren das Wesen, das seines Vaters Untreue elend gemacht. „Victor!" Scheu bot sie ihm die Hand. Der Bann des Mordes hatte immer auf ihr gelastet. Wer wußte, ob er nicht im innersten Herzen sie desselben zieh? „Miß Chateron", sprach er herzlich und ergriff ihre Hand, „ich habe eben erfahren, daß mein Vater lebt, daß Sie Ihr ganzes Leben ihm geweiht; er hat es nicht um Sie verdient, lassen Sie seinen Sohn Ihnen von ganzer Seele danken." „Ich bedarf keines Dankes", entgegnete sie weich, „aber nenne mich nicht Miß Chateron, Victor, sondern „Cousine Jncz". Seit dretundzwanzig Jahren habe ich diesen Namen nicht gehört und Du glaubst nicht, wie seltsam es klingt." „Sie tragen also nicht Ihren Namen?" fragte er überrascht. „Doch hätte ich's ja wissen können, weil Sie - " „Unter dem Banne des Mordes liegen", ergänzte sie mit leichtem Schauer. „Als ich das Gefängniß verließ und mich nach London begab, nannte ich mich Miß Black und lebte in ärmlicher Wohnung in einem der überfüllten Stadttheile. Des Scheines halber nahm ich Näharbeit an. In all' den Jahren war das die trostloseste, elendeste Zeit. Dort verlebte ich vier Monate. Inzwischen war Dein Vater wieder gesund geworden, aber die Furcht, daß sein Verstand zerrüttet, hatte sich bestätigt. Lady Helena wußte nicht, was sie mit ihm anfangen sollte. Wohl gab es Privatirrcnanstalten, aber der Gedanke schien ihr unerträglich. Der Kranke war völlig irre, aber harmlos und ich beschloß, was jetzt meines Lebens Zweck ist. Lady Helena miethete ein entlegenes Haus in der Vorstadt St. John auf viele Jahre für Mr. und Mrs. Victor. Dorthin brachten wir Deinen Vater, und seit seinem Eintritt hat er die Schwelle nicht wieder überschritten. Mrs. Marsh, die alte Haushälterin von Chateron Royals, und Mr. Hooper kamen zu uns und sind noch bei uns, obgleich Beide jetzt alt und schwach geworden. Vom Anfange an, in den Tagen meines jugendlichen Glückes, gehörte mein Leben ihm, ihm soll es gehöen, bis er stirbt, und ich war in den letzten Jahren nicht einmal unglücklich." Voll Mitleid und Bewunderung lauschte der junge Mann ihren Worten. Nicht unglücklich I Gcbrandmarkt, verbannt, alleinige Gesellschafterin eines Irren! Kein Wunder, daß sie mit vierzig Jahren ergraut ist, daß jede Spur von Farbe aus ihrem Gesichte verschwunden war. Vielleicht verrieth sein Blick ihr seine Gedanken. „Nein, Victor, ich bin nicht unglücklich", lächelte sie, „Dein Vater ging mir von jeher über die ganze Welt, und so ist es noch. Er ist nur noch die Ruine von dem Victor, den ich geliebt, und doch bin ich lieber bei ihm, als sonst wo. Und ich war nicht ganz verlassen. Tante Helena kam oft und brachte Dich mit. Mir ist's, als hätte ich Dich erst gestern auf meinen Armen eingeschläfert und jetzt — jetzt sagte man mir, Du wollest heirathen." Er erröthete. „Ich wollte es, aber ich wußte nicht, daß mein Vater lebt, daß Titel und Erbe sein sind. Was wird Edith sagen?" „Liebt Dich Miß Darrell?" fragte Jnez ernst, „ob Du sie liebst, brauche ich kaum zu fragen?" „Ich liebe sie so sehr, daß, wenn ich sie verliere —" er wandte sich ab, „o, daß ich die Sachlage vom Anfange gewußt hätte. Wer weiß wie Alles jetzt endet?" „Glaubst Du, Du müßtest mit Titel und Erbe auch Miß Darrell verlieren?" „Das nicht; Edith ist edel und wahr, aber es ist, als hätte man sie getäuscht, und Verlust von Titel und Erbe ist auch schließlich keinem Weibe gletchgiltig." „Einem liebenden Weibe wohl." „Sie wird mich lieben, sie hat es mir versprochen, und Edith hält Wort." „Also hat sie Dir gestanden, daß sie Dich nicht liebt? Vergib mir, Victor, aber Dein Glück liegt mir am Herzen." „Sie gestand es mir mit edlem Freimuthe, aber Liebe, wie ich sie fühle, erzwingt Gegenliebe." „Nicht immer, Victor, wie glücklich wäre ich sonst gewesen. Liebt sie keinen Andern?" „Nein", entgegnete er, im tiefsten Herzen aber regte sich Eifersucht auf Rudolf Stuart. „Wenn Edith Darrell ist, wie Du sie beschreibst, wird kein Verlust von Titel und Erbe sie Dir untreu 554 machen. Uebrigens verlierst Du Beides nicht und brauchst ihr nicht einmal davon zu sagen." „Ich will vor meiner Verlobten keine Geheimnisse haben. Edith muß Alles wissen, bei ihr wird das Geheimniß so sicher sein als bei mir." „Gut", sprach Jnez ruhig, „Du weißt, was geschieht, wenn zufällig entdeckt wird, daß Mrs. Victor und Jnez Chateron ein und dieselbe Person sind. Doch thue wie Du willst. Dein Vater ist Dir und der Welt so todt, als lege er in der Gruft neben Deiner Mutter." „Meine arme, ermordete, ungerächte Mutter! Sie sind edel und muthig, Cousine, war eS recht, Ihrem Bruder zur Flucht zu verhelfen? Recht, den Mörder unbestraft zu lassen, auf daß Ehre und Name der Chateron unbefleckt bleibe?" Was malte sich in ihren Zügen? Unendliches Mitleid, unendliches Weh. „Mein Bruder," flüsterte sie, wie zu sich selbst, „der arme Juan war von jeher derSündenbock der Familie. Ja, Victor, es war ein grausamer Mord", fuhr sie nach kurzer Pause mit erhobener Stimme fort, „und doch glaube ich, daß wir Recht thaten, den Mörder zu schützen. Lass' das in der Hand des Allmächtigen." „Ich werde mit Ihnen nach London zurückkehren und meinen Vater besuchen." „Nein, das ist unmöglich. Es ist Deines Vaters eigener Wunsch, daß Du nicht zu ihm kommst." „Meines Vaters Wunsch? Aber — —" „Er kann keinen solchen aussprechen, willst Du sagen? In den letzten Jahren hat er lichte Perioden zu eigener Qual." „Glauben Sie also, es sei besser für ihn, irre zu sein?" „Viel, viel besser. Er denkt und leidet dann nicht. Erinnerung ist ihm Qual. Mit dem Gedächtniß kehrt stets die Angst und Verzweiflung jener entsetzlichen Zeit zurück. Hättest Du ihn gesehen wie ich, Du würdest mit mir wünschen, daß sein Verstand auf ewig um- nachtet bliebe." „Das ist schrecklich." „Wenn er bei sich ist, spricht er von Dir, und bei solcher Gelegenheit befahl er, daß Du ihn nicht besuchen sollst, bis —" Sie schwieg. „Bis?" „Bis er auf dem Todtenbette liege. Der Tag kommt bald, Victor. Die kurzen Vernunftzwischenräume verkürzen sein Leben, denn ich kann Dir nicht sagen, was er in denselben leidet. Auf dem Todtenbette sollst Du ihn sehen und die Geschichte von Deiner Mutter Mord erfahren. Ich kehre mit dem Mittagszug zurück, vorerst aber möchte ich Deine Braut sehen. Ich bleibe hier am Fenster, gedeckt vom Vorhang, kannst Du sie nicht unter irgend einem Vorwand hierher führen, auf daß ich sie sehe und selbst urtheile?" „Ich will es versuchen. Darf ich ihr sagen, daß mein Vater lebt? Mehr braucht sie nicht zu wissen." „Meinetwegen; wenn ich sie gesehen habe, sollst Du Dich erst von mir verabschieden." „Ich darf Sie zum Bahnhof begleiten, nicht wahr, Cousine Jnez? Edith soll hier vorüberkommen, wenn sie überhaupt fähig ist, das Haus zu verlassen. Sie erschien Kopfschmerzen halber, nicht beim Frühstück." Sir Victor begab sich in den Salon, Edith war nicht in demselben. „Sie geistert irgendwo im Regen umher", sagte Trtxy, „wahrscheinlich sind nasse Füße ein Hauptmittel gegen Kopfleiden." Er eilte hinaus und sah bald zwischen den Bäumen Edith's rothes Kleid. Ohne Regenschirm wandelte sie bleich im Regen umher. „Edith, Sie werden sich erkälten." „Ich erkälte mich nicht. Schon als Kind lief ich gern im Regen umher, und die kühle Luft soll meinen Kopfschmerz lindern!" Er führte sie langsam in der Richtung des Fensters, wo die Beobachterin stand. „Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Edith, das ich eben erfuhr, das ich keine schlimme Kunde nennen darf und die mich doch beinahe niederschmetterte. Mein Vater lebt." „Sir Victor!" „Lebt, Edith, ist aber hoffnungslos irrsinnig. Heute erst sagte mir's die Tante." Sie war stumm vor Staunen. Sein Vater am Leben, Wahnsinn in der Familie. Das mochte schwerlich Jemand gute Kunde nennen. Sie waren unter dem Fenster. Er blickte hinauf und bemerkte ein bleiches Antlitz. „Wenn Ihr Vater lebt, sind Sie nicht Sir Victor", lauteten Edith's erste kaltgesprochene Worte. Des jungen Mannes Herz krampfte sich zusammen. „Er wird in meine Rechte nie eingreifen, in Wirklichkeit lebend, ist er der Welt todt. Edith, würde es bei Ihnen einen Unterschied machen, wenn ich Rang und Besitz verlöre, würde ich dann auch Sie verlieren?" Der flehende, liebevolle Blick hätte sie rühren sollen, ihr aber war's, als hätte sie einen Stein im Busen. „Ich bin kein sentimentales Mädchen, sondern vielleicht nur zu weltlich. Ja, ich gestehe, daß es einen Unterschied bedingen würde. Ich gestand Ihnen offen, daß ich Sie nicht liebe, und sage Ihnen ebenso offen, wenn Sie nicht Sir Victor wären, heirathete ich Sie nicht. Es ist viel besser, wenn ich ehrlich bin und Sie nicht betrüge. Sie sind tausend Mal zu gut für mich, und wenn Sie sich von mir trennen, thun Sie ganz recht. Ich werde mein Wort nicht zurückziehen, aber ich will offen reden. Wenn Sie fühlen, daß Sie mich nicht hei- rathen können, so sprechen Sie jetzt." Er hörte sie bleich an. „Edith, um Himmelswillen, wollen Sie mich aufgeben ?" „Nein; ich versprach, Sie zu heirathen, und werde Wort halten; wenn Sie aber aufopfernde Liebe von mir erwarten, sage ich offen, daß ich keine zu geben habe. Wollen Sie mich dennoch, so werde ich Ihnen ein treues Weib sein, und mit der Zeit wohl auch ein liebendes." Sie sprachen nicht weiter darüber; er führte sie ins Haus und begab sich zu Miß Chateron. „Sahen Sie sie?" „Ja, es ist ein schönes, stolzes, edles Gesicht, aber—" „Weiter, schonen Sie mich nicht." „Ich mag mich irren, aber etwas in ihren Zügen scheint mir zu sagen, daß sie Dich nicht liebt und nie lieben wird." „Das wird kommen; mit oder ohne Liebe will sie mein Weib werden, und das ist Glück genug für die Gegenwart." „Sagtest Du ihr Alles?" 555 »Ich sagte ihr, daß mein Vater lebt und irrsinnig ist, weiter nichts. Es soll das unsere Pläne nicht ändern, wir heirathen am ersten September." Lady Helena trat hastig ein. „Der Wagen wartet, Jnez, wenn Du den Zug nicht versäumen willst, mußt Du sofort gehen. Soll ich Dich begleiten?" „Nein, Tante", sprach Sir Victor, „ich begleite sie, kehre Du zu den Gästen zurück, sie fühlen sich sonst vernachlässigt." Wenige Minuten später führte der Baron eine tiefverschleierte Dame an den Wagen und stieg mit ihr ein. Als sie an dem Salonfenster vorbeifuhren, rief Trixy: „Wer ist die schwarze Dame, mit der Sir Victor fortfährt? Du mußt das doch wissen, Edith?" „Ich weiß es nicht." „Hat er Dir's nicht gesagt?" ^ „Ich habe ihn nicht gefragt." „Nun, ich hoffe, daß mein Bräutigam einmal keine Geheimnisse vor mir haben wird. Wenn er nun durchginge? Siehst Da, wie schnell der Wagen fährt?" Edith rührte sich nicht. Jnez erreichte mit Mühe den Zug. Als er vorübersauste, winkte sie Sir Victor ein letztes Lebewohl. Wie träumend bestieg dieser den Wagen wieder und fuhr nach Hause. 15. Kapitel. Lady Helena's Ball. Am fünften Juni sollte auf PowyS Place ein großes Diner mit darauffolgendem Ball stattfinden. Zahllose Gäste strömten in die strahlenden Säle, um Sir Victors Braut zu sehen. Die Verlobung war öffentlich angekündigt worden und bildete das Lieblingsgespräch der Gegend. Sir Victor trat in des Vaters Fußstapfen und brachte ein bürgerliches Mädchen als Gebieterin nach Chateron Royals. Das Blut der Dobb machte sich geltend. Eine arme Verwandte reicher Bürgersleute aus Amerika! Die töchtergesegneten adeligen Familien schüttelten das Haupt. Es war traurig, ein altes Geschlecht so entarten zu sehen. Aber in dem Blute der Chaterons lag die Anlage zum Wahnsinn, und das erklärte viel. Arme Lady Helena! Alle Familien der Gegend aber kamen dennoch zum Feste. Sir Victor war immerhin der reichste Baron der Grafschaft und seine Gemahlin eine nicht zu verachtende Bekanntschaft. Zudem trieb sie die Neugier, das amerikanische Mädchen zu sehen, das Sir Victor wie im Sturm erobert hatte. Selbst Trixy war nervös, wenn auch nur wenig, denn Selbstbeherrschung ist der Amerikanerin erste Tugend. Lady Helena war ganz bleich. Wohl war Edith schön und gut erzogen, stolz wie eine Fürstin; wie aber würde sie sich benehmen unter allen mitleidlosen Blicken, die jede Bewegung bewachten, den herzlosen Zungen, die sofort einen Feldzug gegen sie eröffnen würden? „Fühlst Du Dich nicht aufgeregt, Dtthy?" fraate Trixy, „fürchtest Du Dich nicht?" Edith hob verächtlich das dunkle Auge. „Ich sollte mich vor den Leuten fürchten, die heute kommen? Warum nicht gar. Ich weiß so gut wie Du, daß sie kommen, Sir Victors Wahl zu kritistren, ihn zu bedauern, mich eine Abenteurerin zu nennen, weiß auch, daß jede der Damen ihn selbst gern geheirathet hätte, daß ich seinen Geschmack und meinen eigenen Werth zu verfechten habe. Ich hoffe jedoch zu bestehen und selbst den Vergleich mit den Grafentöchtern bei Licht auszuhalten." „Bei Licht, das ist's ja, gerade bei Licht seid ihr Brünetten immer schöner. Möchte wissen, was Lady Arabella Drexel heute tragen wird, ich möcht' gern die schönst- gekleidete Dame sein. Weißt Du, daß Rudolf von Lady Arabella gefesselt ist? Neulich war er ja nach Drexel Court gebeten. Papa sähe es gern, und es klänge wirklich gut in New-Iork zu sagen: „meine Schwägerin Lady Arabella Stuart". Ich hielte es für eine sehr passende Partie für Rudolf." „Wahrhaftig, eine sehr passende Partie! Sie ist zehn Jahre älter als er, was aber macht eine solche Kleinigkeit, wo treue Liebe besteht? Er hat Geld, sie Rang, er ist hübsch und reich, sie hochgeboren und trägt einen schönen Namen. Wie gesagt, eine schöne, passende Partie!" Wieder beugte sich Edith über ihr Buch, ihre Stirn aber wurde finster, der Inhalt mochte ihr mißfallen. „Lies doch nicht den ganzen Tag", rief Trixy ungeduldig, „es ist die höchste Zeit Dich anzukleiden. Was trägst Du?" „Ich weiß es noch nicht; im Grunde ist es einerlei, ich will in Allem gut aussehen." Als die Wagen vorführen, trat Edith kampfgerüstet aus ihrem Zimmer. Sir Victor erwartete sie am Fuße der Treppe. „Gefalle ich Ihnen, Sir Victor?" Er sah sie an wie geblendet. Weiße und rosa Wolken schienen sie zu umhüllen; er wußte nur, daß zwei braune Augen ihm entgegenlachten. „Glauben Sie, daß Sie sich meiner nicht zu schämen brauchen?" fragte sie. „Schämen?" Er lachte darüber und führte sie stolz in die vollen Säle. „Ich will in Allem gut aussehen", hatte sie gesagt und Wort gehalten. Sie trug ein weißes Tüllkleid und Rosen, um den Hals schlang sich eine goldene Kette mit dem diamantenumstrahlten Bilde Sir Victors. An ihrem Finger blitzte der Verlobungsring. So schien sie wie von Wolken umhüllt, und ihr dunkles Auge übertraf der Diamanten Ge- funkel. Lady Helena athmete bei ihrem Anblick erleichtert auf. Beatrice seufzte. „Trüge man auch den Cohinoor, sie würden Einen überstrahlen", dachte sie, und den Hauplmann Hammond Alüert Memann. 556 mit dem Fächer berührend, fragte sie lustig: „Finden Sie nicht auch, daß Edith Darrell das schönste, eleganteste Mädchen im Saale ist?" „Mit einer einzigen Ausnahme, Fräulein." Rudolf war zweifelsohne der hübscheste Mann. Er sah seine Cousine am Arme des Bräutigams und wandte sich zu einer großen, ziemlich verblühten Dame, die ihn eben gefragt, ob alle Amerikanerinnen schön seien. „Ich dachte es, bevor ich Englands Töchter gesehen", entgegnete er, sich verbeugend. O, der Falschheit der Gesellschaft! Eben dachte er, wie bleich und welk Lady Arabella in der grünen Atlasrobe sich ausnahm, und was sein Leben wäre, fügte er sich des Vaters Wunsch. Die Dame selbst aber, die dreißig Sommer gesehen und fünf jüngere Schwestern hatte, war liebenswürdig genug gegen den jungen Amerikaner. Edith Darrell ist gefährlich schön; Sir Victor kennt nur eine Dame im Saale, sein Idol, sein Stolz, seines Lebens Wonne. „Ich bin stolz auf Sie, Edith, Sie übertreffen sich selbst", flüsterte ihr Lady Helena zu, und mit Thränen in den Augen küßte Edith ihr die Hand. Nur einmal tanzt sie mit Rudolf und weiß nicht, schwebt sie auf der Erde oder in der Luft; ihr ist's als sei sie im Himmel. Ob sie wohl je wieder mit ihm tanzt? Im innersten Herzen fühlt sie, daß sie sich gegen den Verlobten versündige, und doch wünscht sie, der Walzer würde ewig dauern. „War das nicht ein reizender Walzer, Rudolf? Niemand findet sich gleich Dir in meinen Schritt." „Hoffentlich lernt es Sir Victor", entgegnete er kalt. Der Junimorgen dämmerte bereits, als Lady Helena's fünfhundert theure Freunde sich zum Aufbruch rüsteten. 16. Kapitel. Der Cousin. Matt und müde kamen die Damen im Laufe des Tages aus ihren Gemächern. „Ich gehe nach Chateron Royals", sagte Sir Victor nach dem Frühstück zu Edith, „wollen Sie mich nicht begleiten, die frische Luft wird Ihnen gut thun?" „Bitte, lassen Sie mich hier liegen, ich bin so müde, so müde." Enttäuscht wandte er sich ab. Edith schloß die Augen und legte sich bequemer hin. Als er fort war, warf Trixy das Buch weg und rief: „O Du herzloses, kaltblütiges Geschöpf!" „Was gibt's? welch' neues Verbrechen habe ich begangen?" „Nichts Neues, 's ist Altes nur im Einklang. Völliger Egoismus ist Dein Normalzustand. Armer Sir Victor, der Dich errungen, armer Rudolf, der Dich verloren! ich weiß nicht, wen ich mehr bedaure." „Du brauchst Dein kostbares Mitleid an Keinen zu verschwenden", entgegnete sie ruhig. „Ich werde Sir Victor ein gutes Weib sein, und Rudolf mag sich mit Lady Arabella trösten." „Edith, hast Du ein Herz? wie kannst Du Dich so verkaufen? Sir Victor ist Dir vollkommen gleichgültig und Du heirathest ihn, meinen Bruder liebst Du und überlässest ihn der Lady Arabella." „Es ist etwas zu spät für solch' zarte Geständnisse; wenn es Dir aber besonders lieb ist es zu wissen, Trixy so gestehe ich Dir, daß ich Rudolf liebe." „Und gibst ihn auf? Wahrhaftig, Du bist ein unlösbares Räthsel. Rang und Titel sind sehr schön, wenn ich aber einen Mann liebte, würde ich ihn heirathen, und wäre er ein Bettler." „Ich glaube Dir, Trixy, aber Du bist eben anders als ich. Ich liebe Rudolf, mich selbst noch mehr. Aber lassen wir das, mein Kopf schmerzt und ich bin müde. Du hast Recht, mich ein herzloses egoistisches Geschöpf zu nennen. Ich werde Sir Victor heirathen und Du magst ihn bedauern, denn er ist ein edler Mann und liebt mich von ganzem Herzen. Dein Bruder aber bedarf Deines Mitleids nicht. Er ist ein guter Mensch und hat mich geliebt, aber er altertrt sich nicht ob meines Verlustes, solange er eine Cigarre hat." „Er kommt, am Ende hat er uns gehört." „Meinetwegen, es wird ihm nichts Neues sein." „Wie schade, daß Ihr Euch nicht vcrheirathet, bezüglich Eures Egoismus seid Ihr wahrlich für einander geschaffen", rief Trixy ärgerlich und verließ das Zimmer. Rudolf warf sich in ein Fauteuil. „Hast Du gehorcht, Rudolf?" „Gehorcht? Ich ging unter dem Fenster auf und nieder und hörte Euch. Offene Geständnisse sind gut, aber, Cousine, Du sollst sie nicht unumwunden machen. Sir Victor hätte es statt meiner hören können." Sie schwieg. „Armer Sir Victor!" fuhr er fort, „er liebt Dich ohne Zweifel abgöttisch, was aber würde er sagen, wenn er das hörte?" „Sag' ihm's meinetwegen, mir ist's einerlei; sag' ihm, ich sei weder seiner noch irgend einen gutes Mannes werth, ich sei blasiert mit neunzehn Jahren, was werde ich mit neunundzwanzig sein! Sag' ihm, daß ich ihn nicht liebe, nie lieben werde, weil ich nur ein halbes Herz besitze und die Hälfte einem Andern gehört. Ich glaube, er gebe mich auf und ich achtete ihn darob. Hast Du den Muth hierzu, so kannst Du dann mich veranlassen, Dich zu heirathen. Du kannst es, und wenn der Honigmonat vorüber ist und die Armuth zur Thür hineinkriecht, werden wir uns hassen und uns mit dem Gedanken trösten, daß wir alles aus Liebe gethan." Sie lachte. „Heute bin ich zu Allem fähig; was sind Liebe, Rang und Reichthum, gesehen durch katzenjämmerliche Brillen?" „Ich verstehe Dich nicht und muß mit Trixy fragen, warum heirathest Du Sir Victor?" „Vielleicht ob des Triumphes, einen Preis zu erringen, um den hundert Andere sich vergeblich bemüht; vielleicht weil er mich liebt, wie kein Sterblicher mich je lieben wird; hauptsächlich aber, weil er Sir Victor Chateron von Chateron Royals mit zwanzigtausend Pfund Renten ist. Da hast Du die nackte Wahrheit. Ich habe ihn lieb, aber ich liebe ihn nicht, demungeachtet aber will ich ihm ein gutes Weib sein und einige Tage vor der Hochzeit wollen wir uns die Hand reichen und uns nicht wiedersehen." „Nicht wiedersehen?" „Wenigstens nicht, bis wir der Thorheit der Vergangenheit lächelnd gedenken können, oder bis eine Mrs. Stuart, vielmehr eine Lady Arabella Stuart existirt, dann aber haben mein Bild und meine Briefe für Dich keinen Werth mehr, und dann bitte ich Dich, gib mir sie zurück." „Wenn Du unter „dann" den Zeitpunkt verstehst, wo ich Lady Arabellas Gatte sein werde, so hast Du vollkommen Recht; bis dahin aber erlaube mir, sie zu behalten. Wir sind verwandt — wie natürlich, daß wir unsere Bilder besitzen. Ich sehe auch, daß Du noch immer die Türkisbroche mit meiner Photographie aus der Rückseite trägst. Gib mir sie, Türkise stehen Dir nicht, ich will Dir dafür Rubinen geben mit Sir Victors Bild." Er streckte die Hand darnach aus. Edith sprang errathend auf. „Ich werde Dir die Bräche nicht geben und will sie behalten, so lang' ich lebe; wie kannst Du so etwas verlangend" Er war ebenfalls aufgestanden, hatte ihre beiden Hände gefaßt und blickte ihr fest in die braunen Augen. einer Hinsicht kein übles Weib sein — eine Zierde für die Gesellschaft, eine verheirathete Coquette. Vor Kurzem noch beneidete ich Sir Victor, jetzt bemitleide ich ihn." Er wandte sich; zum ersten Male hatten Liebe und Zorn sich zum Kampfe bei ihm erhoben. Edith war auf das Sopha zurückgesunken, gedemü- thigt wie noch nie im Leben. Ihn rührte ihr Schweigen. , Er hörte unterdrücktes Schluchzen, und sein Zorn schwand. „O, vergib mir, Edith, ich war grausam, aber ich mußte sprechen. Es war das erste, es soll das letzte Mal sein; es seien die letzten Thränen, die ich Dir erpresse." Die Worte, welche besänftigen sollten, verletzten noch mehr. „Es seien die letzten Thränen, die ich Dir erpresse" — in den Worten lag ein ewiges Lebewohl. Sie hörte die Thüre öffnen, sie schließen und wußte, daß derjenige, den sie leidenschaftlich liebte, sie auf immer verlassen hatte. (Fortsetzung folgt.) Alle Fabrik „Lass' mich, o lass' mich!" bat sie „wenn Jemand käme, die Dienerschaft oder — Sir Victor." Er lachte verächtlich. „Ja, wenn Sir Victor käme und sähe uns! Wie wenn ich ihm die Wahrheit sagte, ihm erklärte, daß Du mein bist durch die Gewalt der Liebe, daß ihm nur sein Titel und Geldrollen Dich erkauft I" War das Rudolf Stuart? Derselbe stets sich selbst- beherrschende und leidenschaftslose Rudolf Stuart? Sie hielt den Athem an; ihr Stolz wich. Hätte er es gewollt, sie würde jetzt Sir Victor sein Wort zurückgegeben und sich ihm gegeben haben. Rudolf wußte es, jedoch plötzlich ließ er ihre Hände los und sagte in bitterem, kaltem Tone: „Wenn ich Dich so betrachte, Edith, in Deiner Schönheit und Deiner Selbstsucht, weiß ich nicht, ob ich Dich mehr liebe oder verachte. Dich heirathen? Nein, Du bist es nicht werth. Für Sir Victor wirst Du in r Augsburg. Die G. Haindl'sche Papierfabrik in Augsburg. ^Mit Illustrationen.^ Die „Offizielle Ausstellungs-Zeitung" der Land es- Ausstellung in Nürnberg veröffentlicht einen interessanten Artikel über die Haindl'sche Papierfabrik in Augsburg, welchem die nachstehenden Illustrationen beigefügt sind. Wir entnehmen der Darstellung folgende Angaben von allgemeinerem Interesse: Gegründet im Jahre 1689, hatte das Unternehmen, besonders in Bezug auf die Wasserausnützung, mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen und konnte bis Mitte dieses Jahrhunderts von keinem Besitzer dauernd zu nutzbringender Frequenz gebracht werden. Das Werk kam im Jahre 1848 in Konkurs und wurde nach einjährigem Stillstand von Georg Haindl erworben. Mit 7 Arbeitern wurde noch im gleichen Jahre mit der Fabrikation begonnen, und schon drei Jahre später, 1852, erfuhr das 558 Geschäft durch den Erwerb und Umbau einer in unmittelbarer Nähe am Stadtbach gelegenen Sägemühle eine wesentliche Vergrößerung. Die dort aufgestellte Papiermaschine kam im Jahre 1854 in Gang, und während im Jahre 1849/50 die Produktion 2000 Zentner betrug, bestes sich dieselbe 1854/55 schon auf 6800 Zentner fertiges Papier. Mit diesem Zeitpunkt trat die Fabrik, auch über die Grenzen Bayerns hinaus, in Wettbewerb mit der Konkurrenz. In die darauffolgenden Jahre fällt die allmälige Herstellung einer vollständigen Neuanlage für Sortirung, Schneiden, Reinigen und Kochen der Hadern und für Lagerung der Rohstoffe. Die Wasserräder wurden zur vortheilhafteren Ausnützung der Waffer- das obere Werk der Haindl'schen Papierfabrik, dessen Wiederaufbau sofort in Angriff genommen und in oer- hältnißmäßig kurzer Zeit ausgeführt wurde, das erste, welches in Süddeutschland, angeregt durch die Rotations- maschtnen der Maschinenfabrik Augsburg, das sogenannte endlose Papier auf den Markt brachte. Bet Gelegenheit der Weltausstellung in Wien 1873, wo die erste rotirende Schnellpresse den Interessenten im Betrieb vor Augen gebracht wurde, war Haindl'sches Fabrikat in Verwendung. Im Jahre 1878 starb Herr Gg. Haindl, der Begründer des Etablissements. Mit ihm schied ein Mann aus dem Leben von hoher Begabung und seltener Arbeitskraft, der sich durch Wissen und Willen aus ein- ^'2. "1 , I >1 > II " 'S, 77ii>' I « ,'is>v, I I . 5, , , , 1 I , , I I IM«" LL'', Hatndl'lche Papierfabrik in Augsburg. kräfte durch Turbinenanlagen ersetzt, und während dem ursprünglichen oberen Werk im Jahre 1866 durch Aufstellung einer Dampfmaschine vermehrte Kräfte zugeführt wurden, erhielt das Werk am Stadtbach in Folge Ankaufs eines benachbarten Anwesens eine Verdoppelung der Wasserkraft und eine zweite Turbine. Die Fortschritte der Technik in der Papiererzeugung machten die Erstellung einer neuen Maschine und der dazu erforderlichen Räumlichkeiten im alten Werke nöthig, und im Jahre 1873 wurde dessen Einrichtung durch eine neue, breite, englische Papiermaschine mit allen Nebenmaschinen ergänzt. Nach kaum vierwonatlichem Betrieb zerstörte jedoch ein großer Brand die ganze Anlage bis auf die Grundmauern. In jene Zeit fällt die Einführung des Rotationsdruckes, und trotz des Brandunglückes war fachen Verhältnissen zu einer unabhängigen, achtunggebietenden Stellung emporgearbeitet hat. Das Etablissement ging an seine beiden Söhne, Friedrich und Clemens Haindl, über, welche ihm bereits in der Geschäftsleitung zur Seite gestanden waren. Im Jahre 1879 erfuhr die Anlage durch eine neue große Papiermaschine und alle Hilfsmaschinen eine vollständige Umwandlung; gleichzeitig wurde eine Compound- Dampfmaschine von 130 Pferdekräften aufgestellt. Von einer für den jetzigen Stand des Etablissements weitgehenden Bedeutung ist die im Jahre 1880 in den Besitz der Firma Haindl durch Kauf übergangene Ehner'sche Papierfabrik, gegründet 1786. Mit der Erhöhung der Wasserkraft wurde sofort eine vollständige Umgestaltung der ganzen Fabrikanlage vorgenomen. 559 Die Fortschritte auf dem Gebiete der Zelluloseherstellung, insbesondere durch dtevon Pros. Mitscherlich gemachte Erfindung der Sulfit-Cellulose, lenkten die Fabrikation des Maschinendruckpapieres in andere Bahnen. ES folgte daher im Jahre 1885 die Erbauung eines Cellulosewerkes. Die maschinellen Einrichtungen erfuhren darauf im Jahre 1891 wiederum eine ganz erhebliche Vergrößerung und Verbesserung. Die Gesammtproduktion des Etablissements an Papier betrug: 1819/50 2000 Ztr., 1860 8500 Ztr., 1870 11,000 Ztr., 1878 26,000 Ztr., 1890 70,000 Ztr., 1895 140,000 Ztr. Das Cellulosewerk erzeugt jährlich durchschnittlich 15,000 Ztr. lufttrockene Cellulose. — Zur Zeit verfügen die drei Haindl'schen Fabriken insgesammt über 900 Pferdekräfle, bestehend in 3 Turbinen mit 4 kleineren Dampfmaschinen zum allgemeinen Betrieb und 3 großen Zwillings- und Werk- und JllustrationSdruck erzeugt. Ferner Schreibpapiere, Stretchpapiere für Bunt-, Gold- und Silberpapiere, weiße und farbige Kartons, mittelfeine und feinste Packpapiere, Hülsenpaptere für Tüben und Cannetten. Noch in diesem Jahre gelangt im unteren Werk, den steigenden Anforderungen des Rotationsdruckes in Bezug auf Brette und Größe der Zeitungsformate Rechnung tragend, die fünfte Papiermaschine neuester, größter Konstruktion zur Aufstellung. Vor kaum einem Menschenalter mit 7 Arbeitern angefangen, werden heute 200 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Eine ^wesentliche Vergrößerung erfuhr das Etablissement durch die im Jahre 1887 zu Schongau am Lech erfolgte Gründung einer eigenen Holzschleiferei, die über eine Wasserkraft von 1800 Pferdekräften verfügt. Zur Zeit werden mit 1300 Pferdekräften jährlich ca. 200,000 Ztr. Holzstoff erzeugt. 'EW 2° S» Haindl fche Papierfabrik in Kchongau Compound-Maschinen als Beihilfe und vollständige Reserve für die Wasserkraft. Im Jahre 1891 schloß sich die G. Haindl'sche Papierfabrik der Augsburger Lokalbahn an, deren Geleise die Verbindung mit dem staatlichen Güterbahnhof herstellt. Der Bahnverkehr belief sich im Jahre 1895 auf 3000 Doppelwaggons, wovon 2500 Waggons mit 24^/z Millionen Kilogramm durch die Lokalbahn und 500 Waggons per Achse von und zur ,Staatsbahn befördert wurden. Mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgerüstet, schreitet die Haindl'sche Papierfabrik heute an der Spitze der Konkurrenz und ist in Bayern das größte Institut in der Branche, das sich im Einzelbesttz befindet. Als Spezialität werden Papiere für Rotations- und Formatdrucke von Zeitungen, für alle Sorten von Bücherdruck, feine satinirte Papiere für Die Holzstofffabrik Schongau Friedr. Haindl L Co. beschäftigt 80 Arbeiter und wird von Augsburg aus ad- ministrirt. Die G. Haindl'sche Papierfabrik wurde auf allen bisher beschickten Ausstellungen ausgezeichnet. Auf der Bayerischen Landes-Ausstellung zu Nürnberg 1882 war die Fabrik außer Preisbewerbung, da Herr Friedrich Haindl zum Vorsitzenden der Jury für Papierindustrie erwählt war. Aus den bescheidensten Verhältnissen hervorgegangen, gehört die G. Haindl'sche Papierfabrik heute zu den glänzendsten Namen in der Augsburger Großindustrie. Wir erfahren soeben noch. daß dieser Firma in Nürnberg der erste Preis, goldene Medaille, zuerkannt wurde. -- 560 (Zu unserem Bild Seite 555.) Albert Niemann. ,A. Niemann war unter den Genossen der Biihnenfestspiele von 1876 das eigentliche, Enthusiasmus treibende Element.- Rieb. Wagner. Das Motto spricht die Bedeutung des genialen Sängers erschöpfend aus, und zwar gerade Wagner darf als Autorität bei der Beurtheilung gelten. Man kann nicht sagen, daß er freigebig in solchem Lobe war, und „Tenoristen" hat er nur drei vollkommen gelten lassen, Tichatscheck, Schnorr v. Carols- feld und Niemann. Alle drei haben sich um Wagner's gesang- dramatiscbe Reformideen Verdienste erworben. Zuerst 1842 Tichatscheck, der erste „Rienzi", als Wagner, damals nur von wenigen gekannt, auf v. Lüttichau's Ruf von Paris nach Dresden kam und nach dem Rienzi-Erfolg königl. säcbsischer Kapellmeister wurde. Tichatschecks Stimme war trompetenhell, schmetternd, voll Temperament; sein Vortrag vielfach eckig, aber hinreißend zündend, sein Spiel minimal. Der zweite Wagnertenor, Schnorr, trat, von Wagner zäitlich geliebt und bewundert, als geist- und gefühlvoller „Tristan" 1865 auf den Plan und starb sehr jung; seine Stimme war dunkel, seine Figur sehr dick, im Gegensatz zu dem sehnig hageren Tichatscheck. Beide Genannte : übertraf Albert Niemann durch seine prachtvolle Hünenbaste Erscheinung und durch ein Spieltalcnt, das ihn zum größten Schauspieler befähigt haben würde. Er war 1861 (damals als hannöverisches Hofopernmitglied) der erste ..Tannhäuser" bei jenen berüchtigt skandalösen zwei Vorstellungen dieser Oper in Paris, und stand unerschrocken dem polternden, höhnenden und pfeifenden Jockeyklub gegenüber. Und weiterhin 1876 war er der erste „Siegmund" in der Walküre zu Bayreuth im Festspielhause. Tbc stimme hielt, was den Timbre anlangt, die Mitte zwischen beiden vorgenannten Kollegen. Sie war nicht zu hell, aber auch nicht dunkel, sondern wunderbar normal männlich, sowohl üle schäumend kraftvoll, wie auch tief empfindend, energisch, wo der Accent es verlangte, von blühender Weichheit in der Kantilene. Denn derselbe Länger, der die ^ Pilger-Erzählung im dritten Akte des „Tannbäustr" mit so großartigen erschütternden Accentcn vortrug, dessen wilde, un- > bußfertige Verzweiflung das Publikum fanaftsirte, dessen erste ! Phrase in den Nibelungen: „Weß Herd dies auch sei — hier ! muß ich rasten", nie, von keinem Tenor der Welt wieder er- re cht worden ist, war nickst minder als „Joseph" in Mehrils reizend lyrischer alter Oper so zart, daß auch diese Rolle von . keinem überboten worden in. Das Merkwürdigste ist: der Künstler, von welchem alle. die ibn gekört, mit schwärmender Bewunderung sprechen, machte gar nicht den Eindruck eines Sängers. Die Deklamation der Worte, jede Bewegung des i Körpers, die großen, ernstblickenden Augen, die stürmische Größe ! der Empfindung ließen den sckönen, hochragenden Mann zugleich ! als Sprecher, als plastische Statue, als klassisch lebensbew'gt, ja, als überlegenen Denker erscheinen, dem die malerischen Positionen völlig natürlick zu Gesickst standen. Also genau was Richard Wagner in seinen Schriften der vier-iger Jahre als den Typus des Kunstwerkes der Zukunft verkündete, die Vermischung aller Künste im dramatischen Kunstwerk, das war in Albert Niemann zur Wirklichkeit geworden. Bis 1861 hatte Wagner, der ja von 1849 bis dorthin in der Verbannung außerhalb Deutschlands gelebt hatte, Niemann nie gehört. Aber er hatte über ihn viel Rübmenswerthes gehört, und als jene ^ Vorstellungen des „Lannhäuser", welche die Fürstin Pauline Metternich angeregt und Napoleon III. befohlen hatte, vor sich gehen sollten, Roger aber, der einzig passende französische Tannhäuser, der in Betracht kommen konnte, versagte, ließ Wagner an Niemann, der des Französischen ausgezeichnet mächtig war, die Einladung ergehen. Niemann reiste nach Paris, sah, wie . die Sachen lagen, und kam nach höchster Anerkennung seines ^ Probesingens, mit dem Pariser Kontrakt in der Tascke, nach , Hannover zurück. Bekanntlich war in Paris für die armen Sänger jener Aufführungen keine Freude zu holen. Aber Niemann hatte das Seine gethan; die Erzählung von der Romfahrt, wie er sie leidenschastsglühend vortrug, bezwäng selbst die Feinde des Werkes und hob den für die Franzosen verständ- nißschwersten dritten Akt zur größten Wirkung. Niemanns Ruf stand nun fest. Aber die rechte Ausbreitung kam erst mit dem Jahre 1866, als er das stille Hannover mit Berlin vertauschte, ' in welchem er bis zu seiner Pensionirung ungezählte Triumphe ! feierte. Geboren ist Niemann, der jetzt in Berlin als Jagdliebhaber und Philosoph lebt, 1831 zu Eisleben. Sein Vater, ein Gastwirth, ließ dem Knaben eine tüchtige Erziehung geben; Maschinenschlosser, Mechaniker sollte der Sobn werden, und da dieser alles, wa^ er im Leben that, mit Tücht'gkeit durchsah'te, hätte Niemann welleicht als Techniker einen neuen Bühnenmechanismus oder einen ungekannten Motor erfunden, wenn n cht die Vermögen? Verhältnisse des Vaters zurückgegangen wären und ibm den Weg versperrten zu den höheren Studien der Mech rnik. Es galt, sich auf eigene Füße zu stellen, und so ging Albert Niemann muthig „zum Tbeater". In Dessau begann er, aber keineswegs als Sänger, sondern in winzigen Schauspiel- und dann in Chor-Rollen. Häufig übte er Gesang mit dem Baritonisten Nusch, nachdem Friedrich Schneider die prachtvolle Stimme erkannte. Vom Chor schwang er sich zu Solo Tenorrollen, ging von Dessau nach Halle und Von dort, bereits als Heldentenor von Ruf, nach Hannover. Von Hannover aus trieb ihn der Ehrgeiz nochmals zu Studien, die er bei Duprez in Paris machte. Meyerbeer, Wagner, Halevy, also das hochdramatischc Fach, war seine Domäne. Wer aber einen Blick in die Seele des hockg bildeten Künstlers thun wollte, der mußte ibn Schumann'sche Lieder singen hören. „Ich grolle nicht" gehört eben auch zu den Dingen, die ihm keiner nachsingt. Löwe, Schubert, Brahms, darin schwelgte die herrliche Stimme und der tiefergreifende Vortrag. Niemann verheirathete sich schon 1861 mit Marie Seebach, dem damals berühmtesten deutschen „Gretchen". Aber er ließ sich wieder scheiden, und 1870 nahm er ein anderes „Gretchen", Hedwig Raabe, die allerdings in dieser Rolle nicht gerade den Ruhm ihrer Vorgängerin errang. -- R — - Aus der „Nachfolge Khristi".*) Wenn ich schier auch alles wüßte, Dock nicht in der Liebe stände: Könnt' es wohl vor Gott mir helfen, Der die That nur wägt am Ende? Ist dein Wissen reicher, größer: Um so strenger wird dich richten Gott der Herr, wenn nickt auch strenger Du gelebt hast deinen Pflichten. Dieses ist die hehrste Kenntniß, Die gedeihlichste von allen: Daß uns selber wir erkennen, Daß uns selber wir mißfallen. Von sich selber nichts zu halten, Doch das Rühmlichste vom Nächsten: Das ist Weisheit, das ist Lugend, Solche Klugheit steht am höchsten. Siehst du an dem Nebenmenschcn Ein Verschulden, schlimm und schandhaft: Darfst du dich für besser schätzen? Kannst du schwören, daß du standhaft? *) Siehe „Des gottseligen Tbomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brchch. M. 3.-, Salonband M. 4.50. Auslviung ver L-cyach-Ausgabe m Rr. <2: Weiß. Schwarz. 1. L. 63-82 S. 64-82: (.4. 8, 6) 2. D. 67- 02 si K. 83—02: (82) oder L. 81-62: 3. S. 85-83 (03) Matt. 4. 1. K. 04-82: 2. D. 07—631- beliebig. 3. D. Matt. 8 . 1. S. 64—831- 2. K. 02-83 beliebig. 3. T. oeer S. Matt. 0. 1. 42-4.1 D. 2. S. 85—031- S. 64-86: 3. D. 67-86: Matt.