s» ^ 74. Ireitag, den 4. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttleri Ein furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgneS Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 17. Kapitel. Die Prophezeihung. Sir Victor ging an einem warmen Junitag über die Felder nach Chateron Royals. Er hatte Frieden mit sich und der Welt und sah zufrieden und glücklich aus, wenn auch manch' bitterer Tropfen in seinem Kelch sich befand. Edith liebte ihn nicht, würde ihn vielleicht nie lieben; er wußte nun, daß sein Vater lebte, daß Irrsinn in der Familie herrschte, vielleicht auch ihn er» greifen würde. Und was mochte nur die Zukunft bringen? Allmälig schweiften seine Gedanken auf angenehmeres Gebiet. Am ersten September sollte die Trauung stattfinden; schon waren die Arbeitsleute bemüht, das alte stolze Schloß schöner denn je erscheinen zu lassen und nach einem Ausflug auf den Continent wollte er die junge Frau zur Christfreude in die neue Heimath bringen. Jeder ihrer Wünsche sollte erfüllt werden, er wollte früh und spät bemüht sein, seines WeibeS Herz zu gewinnen, wollte Liebe und Treue ihr entgegenbringen und glücklich leben, lange, lange — In demselben Moment, wo er leichten Herzens da» Hinschritt, lag Edith Darrell in ihrem Zimmer und vergoß die bittersten Thränen. «Bitte, Sir Victor, die Großmutter braucht Sie", sprach eine kindliche Stimme neben ihm, und ein neun» jähriges Bübchen zog sein Mützchen. Sie standen neben dem Eingangsthor und der Junge zeigte auf die Thorwohnung. «Wer bist Du, Kind?" «Ich bin Johny Miller; Sir Victor und die Großmutter braucht Sie." «Wer ist die Großmutter?" „Sie ist die Großmutter und Mama'S Mutter. Sie käme heraus zu Ihnen, Sir Victor, aber sie ist krüppelhast und kann nicht gehen." „Gut, kleiner Mann, zeige mir den Weg." Der Junge lief voraus und öffnete die Thür. Sir Victor betrat das kleine Zimmer an dessen Fenster Rosen und Geranien standen. In einem großen Armstnhl saß eine kleine, seltsame Alte und strickte. „Das ist die Großmutter, Sir Victor. Sie müssen aber laut sprechen, weil sie nicht hört. Hier ist Sir Victor, Großmutter!" brüllte Johny ihr ins Ohr. „AHI" sagte sie und betrachtete mit den matten Augen des Barons schlanke Gestalt, „ja, das ist Sir Victor. Ich bin ein altes Weib, neunundachtzig Jahre alt auf Michaeli, aber ich kenne seines Vaters Sohn. Es ist dasselbe Gesicht, hübsch und lächelnd. Es ist eine seltsame Welt, sehr seltsam!" Sie wiegte das greise Haupt und wies auf einen Stuhl. «Wollen Sie sich gefälligst zwei Minuten setzen, Sir Victor, und Du, Johny, lauf fort und schließe die Thür. Ich bedaure, wenn ich Sie störe, aber ich bin ein altes Weib und habe viel erlebt in meiner Zeit. Ich bin neunundachtztg Jahre alt und solche Leute sehen und hören sonderbare Sachen." „Aber, gute Frau, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, bitte ich, es sofort zu thun, ich bin auf dem Wege nach PowyS Place und habe Eile." „Powys Place, o, ich erinnere mich dessen", nickte die Alte, „er war in Powys Place in der Nacht, wo die schöne Frau ermordet wurde' O, es ist eine böse Welt, eine böse, böse Welt!" „Sprechen Sie von meiner Mutter?" „Ja, Sie waren damals noch ein Säugling, war Ihre Mutter doch selbst noch beinahe ein Kind, als man sie im Schlafe ermordete und ihr Mann den Verstand verlor. Jetzt liegt der arme Herr im fremden Land begraben, aber Euer Gnaden gleichen ihm so sehr, daß ich ihn wiederzusehen glaube. Man sagt, Sie hätten eine Braut von über dem Ocean." Sie blickte ihn fragend an. Der Baron nickte zustimmend. „So wird wohl wieder Hochzeit sein in Chateron Royals mit Freudengeläute und Festgepränge, vielleicht erlebe ich'S nicht mehr; ich bin ein altes Weib und habe Sonderbares erfahren. Ja, ja, die Alten müssen sterben und die Jungen heirathen! Doch, ob ich's erlebe oder nicht, ich will's Ihnen sagen; aber vielleicht wissen Sie es schon." „WaS denn?" fragte Sir Victor ungeduldig, „ich verstehe kein Wort von Ihrem Gerede." Die alten, wässerigen Augen blickten ernst auf ihn. „Die Prophezeiung." „Welche?" „Die Prophezeihung von Chattton. Dachte ich'- doch, daß Ste's nicht wüßten, daß Lady Helena es Ihnen nicht gesagt habe." »Eine Prophezeiung? Das wird interessant", lachte Victor, „wir haben unser Familiengespenst, warum nicht ivuch eine Prophezeihung l Lassen Sie hören, gute Frau; betrifft Sie wich?" „Sie und Ihre Braut, sonst ist ja Niemand «ehr da. Sie lachen. Junge Leute lachen immer, die Alten weinen. Sie werden die Prophezeihung nicht glauben, 'aber sie wird sich doch bis zum Schlüsse erfüllen." „Wollen Sie sie endlich mittheilen?" Aber der Alten eilte eS nicht. „Ich denke der Nacht, wo wir bet Ihrem Vater wachten, John Hooper und ich, der ist jetzt auch todt, so viel ich weiß. ES regnete und stürmte, die Dame lag unten mit dem Dolchstich im Herzen, ihr Gemahl tobte jm Gehirnfieber, Miß Jnez war im Gefängniß. Der ,irrste Theil der Prophezeihung hatte sich also erfüllt, und ich sagte zu John: „Du wirst sehen, daß das Uebrige anch eintrifft. Er ist jetzt ein Kind, aber die Zeit wird kommen, in der er freien und heirathen wird, am Trau« ungStage aber erfüllt sich die Vorhersagung." „Ich muß gehen", unterbrach Sir Victor die Alte, »wollen Sie mir die Prophezeihung sagen oder nicht?" „Ich erinnere mich derselben wohl", flüsterte fie, das Haupt wiegend, „die erste Strophe bezog sich auf den Mord." »Wenn einst ein Chateron gemeinen Mord vollbracht, So sinkt der Stamm dahin in Nebel und in Nacht." „Jedermann weiß, daß es Juan gethan hat, ein böser Junge mit dem Teufel in den schwarzen Augen und bösen Gedanken im Herzen." „Ich bin ein altes Weib, aber ich habe eS nicht vergessen." „Wenn ein Chateron an Mörders Stelle Geschmachtet in Chesholms Gefängnißzelle", das bedeutet Miß Jnez. Sie wissen ja, daß sie schuldlos ins Gefängniß kam. Der Nest muß erst eintreffen, der ist für Sie." „Weiter l" Die blöden Augen hefteten sich auf ihn, und die alten Lippen sprachen langsam: „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht: Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht." ES folgte eine Pause. Sir Victor war zum Mindesten überrascht. Er hatte Neigung zum Aberglauben, und der VerS machte ihn stutzen. „Ist das Alles, gute Seele?" fragte er endlich lachend. „Alles und gewiß genug, eS wird sich erfüllen wie daß Uebrige, bedenken Sie das." Sir Victor legte ein Goldstück in die runzelige Hand. „Sie meinen es gut, aber wiederholen Sie den Unsinn gegen Niemand, ich verbiete eS Ihnen." „Gut, ich habe dreiundzwanzig Jahre geschwiegen und will nun schweigen bis an's Ende. Aber es war «eine Pflicht Sie zu warnen. Sie mögen es Unsinn nennen, es wird sich doch erfüllen wie das Uebrige." Er eilte fort. Natürlich war eS Unsinn und Aberglaube, aber es war doch unangenehm und daS Wort der Alten: „es wird sich erfüllen wie das Uebrige", klang th« immer im Ohre wieder. „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht", dg- hieße, daß Edith stürbe. Er schauderte. Sobald er PowyS Place erreichte, suchte er die Tante auf und theilte ihr sein Erlebniß mit. „Die alte Martha? Ja, die war während Deiner Kindheit in Chateron Royals, und was sagte sie Dir?" „Etwas, was Dein Blut erstarren ließe, eine schauderhafte Prophezeihung. Oder hast Du schon davon gehört?" Lächelnd wiederholte er den Vers. Lady Helena lauschte schweigend. »Nun, ist Dir das bekannt?" „Ja, ich hörte und las es oft. Die Prophezeihung steht in einem Codex der Bibliothek in Chateron Noyals. Du Magst Dich selbst davon überzeugen." »Aber Du glaubst doch nicht daran?" »Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Es gibt «ehr Dinge unter dem Himmel, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt. Die Prophezeihung wurde vor dreihundert Jahren gegeben, der erste Theil hat sich erfüllt." »Zufall, weiter nichts." »Mag sein; wenn sich aber der Schluß erfüllt, wird das auch Zufall sein?" »Um Himmelswillen, Tante, was redest Du da?- „Ich will Dich nicht erschrecken, ich habe Dir's ja auch nicht gesagt, da Du nun aber davon gehört, gestehe ich, daß —" „Daß Du an die Erfüllung glaubst, und diese Erfüllung schließt Edith's Tod am Trauungstage in sich." „Ich weiß eS nicht, jedenfalls wird es am Platze sein, mit ihr davon zu reden." „Warum?" »Damit sie der Gefahr, wenn eine solche vorliegt, aus dem Wege gehen könne. Thue was Du willst, ich meine «an sollte ihr eS sagen, weil es sie hauptsächlich angeht." „Aber, liebe Tante, die dumme Reimerei ist absolut lächerlich." „Dann könnt Ihr Beide darüber lachen, und Du hast Deine Pflicht gethan." Es folgte eine Pause. „Glaubst Du, daß eS fie erschrecken und zur Umkehr veranlassen könnte?" fragte Sir Victor endlich ängstlich. „Nein; Edith Darrell ist ein Mädchen von ungewöhnlicher Charakterstärke und praktischer Vernunft. Ich glaube nicht, daß so etwas sie beeinflußt!" Lady Helena hatte Recht; als einige Stunden später Sir Victor der Verlobten zaudernd die Prophezeihung Mittheilte, lachte sie ihm ins Gesicht. „Sind Sie wirklich so abergläubisch?" »Ich fürchte, ja, ich glaube an Träume und — * »An die grausige Prophezeihung?" Er schwieg. „Gut", fuhr Edith fort, „ich bin durch dieselbe- hauptsächlich berührt, und wenn Sie es riskieren, thue ich's auch. Ich fürchte mich nicht. Wenn ich den Kopf auf das Kiffen lege, träume ich nicht, meine Ruhe bleibt ungestört, und wenn mir die weiße Frau begegnete, mich würde daS nicht genieren. Ich habe kein Herzleiden, der Muskel hier", sie deutete auf das Herz, „arbeitet regelmäßig, und so wollen wir eS mit der Prophezeihung aufnehmen und am Tage der Hochzeit weidlich darüber lachen." Sie bot ihm die Hand, er küßte dieselbe innig. Freude, Hoffnung und Liebe hatten seine Schwermuth verscheucht. An dem Tage wurde die Prophezeihung vergessen. 18 . Kapitel. Auf immer. Als des Juni sonnige Tage sich zu Ende neigten, reisten die Gäste von Powys Place ab; nur Edith blieb. Seit dem Tage nach dem Ball war diese beständig auf der Folter. Sie hatte Rudolf von sich gestoßen wegen eines Titels, eines Vermögens, und jetzt, da sie sich seines wahren Werthes bewußt geworden, da seine Liebe in Verachtung erstorben war, sehnte sich ihr ganzes Herz nach ihm. Es war ihr eine tägliche Qual, ihn zu sehen, ihn zu sprechen, seine Aufmerksamkeiten für Lady Arabella zu beobachten. — Sie verlor an Fülle und Farbe und bleichte zum eigenen Schatten. Sir Victor war voll Unruhe. Lady Helena sagte nichts, ihr scharfes Auge aber durchschaute Alles. „Je eher die Gäste gehen, desto bester", dachte sie, „je früher sie den Rivalen aus dem Auge verliert, desto früher kehrt ihre Gesundheit wieder." Vielleicht begriff Rudolf selbst die Sachlage, denn er drängte zur Abreise. „Sehen wir uns ei« wenig das Londoner Leben an", sagte er zu seinem Vater, „auf dem Lande ist es sehr schön, aber ich sehne mich nach dem Gewühle einer Großstadt." Der alte Herr war mit dem Vorschlage zufrieden und der Tag der Abreise wurde bestimmt. „Liebes Kind", sprach Lady Helena zu Edith, „ich glaube Du bliebest bester hier." Ihre Betonung trieb Edith daS Blut in die Wangen. Sie senkte das Haupt und schwieg. „Gewiß bleibt Edith", unterbrach ste Sir Victor stürmisch, „als ob wir hier leben könnten ohne sie." „Ich bleibe", sprach das junge Mädchen leise. „Meiner Ansicht nach geht die Familie Stuart gern", fuhr der Baron fort, „der alte Herr scheint trübe und düster, hast Du'S bemerkt, Edith?" „Ja, ich glaube es hängt mit seinen Geschäften in New-Uork zusammen. Papa spielte im letzten Briefe darauf an." Mr. Fred Darrell hatte geschrieben: „In New-Iork bereitet sich eine große Geldkrists vor und wälzt unermeßlichen Ruin mit sich. JameS Stuart soll sehr dabei betheiligt und vom Aeußersten bedroht sein. Hoffen wir, eS sei übertrieben. Einst hielt ich seinen Sohn für eine brillante Partie für Dich; wieviel besser aber leitete es die Vorsehung. Nochmals, liebe Tochter, ich gratulire Dir zu Deinen Aussichten. Deine Stiefmutter läßt Dich grüßen, sie verfehlt nicht, die Wundermähr, daß die kleine Edith die Frau eines reichen Barons wird, überall zu verbreiten." Miß Darrells Stirne faltete sich, sie zerriß die väterliche Epistel in Stücke und zerstreute sie nach allen Windrichtungen. Unaufhörlich kamen Briefe an Mr. Stuart, fast täglich brachte man ominöse Kabeltelegramme in orangefarbener Hülle. Und der alte Mann wurde immer bleicher und düsterer. Seine Familie erkundigte sich theil- nehmend nach seinem Befinden. Er wies sie mürrisch ab und verlangte, daß man ihn in Ruhe lasse, er sei ganz wohl. Daß Bankerott drohe, ahnten sie nicht. Des Vaters Reichthum schien ihnen unbegrenzt, ein goldener Strom, aus goldenem Ocean. Eines Tages bot Mr. Stuart Edith eine Banknote von tausend Dollars. „Ich wollte Dir mehr geben, aber die Verhältnisse haben sich kürzlich geändert; ein Brautkleid aber kannst Du immerhin dafür kaufen." Freundlich aber bestimmt verweigerte sie die Annahme. „Ich danke, lieber Onkel, aber ich kann es nicht annehmen. Sie haben für mich schon mehr gethan, als je vergelten kann. Sir Victor nimmt mich ohne jedwede Aussteuer, und Lady Helena gibt mir ein weißes Kleid nebst Schleier." Der alte Mann legte die Banknote wieder in sein Taschenbuch, vielleicht war er froh, daß sie nicht angenommen wurde. Die Zeit war vorbei, daß ihm tausend DollarS nur ein Tropfen im Meere waren. „Also übermorgen gehen wir", jubelte Trixy, „packe sofort, Edith. Es war hier recht schön, aber nach und nach wird man der Idylle müde und sehnt sich nach Gaslicht, Flitter und Menschengewühl. Und denke nur, Hauptmann Hammond geht auch mit und Lady Portia und Lady Arabella. Aber warum siehst Du so mürrisch aus, freust Du Dich nicht?" „Auf was?" „Auf den Wirbel der Zerstreuung in London." „Ich gehe nicht mit." „Du gehst nicht mit?" fragte Trixy niedergeschmettert. „Nein, es wurde beschlossen, daß ich bleibe. Du wirst mich nicht vermissen, Du hast Hanptmann Hammond." „Ich will aber Dich haben. Was hast Du denn eigentlich vor?" — „Ruhig hier bleiben, bis — bis —" „Und Du willst Dich zwei Monate hier langweilen und Liebcsgeflüster anhören, das Dir nicht sympathisch ist? Brause nicht auf, ich weiß was Du darum gibst. Du magerst zum Schatten ab und sollst mit uns nach London gehen und Dich erholen. Die Idee, zwei Monate lang mit dem Bräutigam unter einem Dache zu wohnen! Du schützest natürlich Lady Helena vor, ich aber sage. Du gehst mit uns, denn uns gehörst Du bis zur Heirath." Edith seufzte.' „Ich habe versprochen zu bleiben, Sir Victor und Lady Helena wünschen es." „Fürchten sie, Dein Vertrauen zu verlieren, wenn Du außer Sicht bist?" „Laß mich, Trixy, ich bin müde und krank an Leib und Seele." Jede Fieber ihres Herzens sehnte sich mitzugehen, aber es durste nicht sein. „Ich, ich will Dich lassen", zürnte Trixy, „wenn wir jetzt uns scheiden, sei es auf immer. Dein Betrug gegen mich, Deine Herzlosigkeit gegen Rudolf waren schlimm genug, das ist der letzte Tropfen in den vollen Becher. Dn wirfst uns weg um der Freunde willen, zu denen wir Dir geholfen; das ist so der Lauf der Welt und von Edith Darrell nicht anders zu erwarten." Roth vor Zorn stürzte Beatrice aus dem Zimmer. Edith war allein. Wieder ein Freundesherz verloren auf immer! Nun, sie hatte Sir Victor, und das mußte ihr Alles ersetzen. Sie blieb den ganzes folgenden Tag in ihrem Zimmer. Sie war wirklich krank. Morgen mußte sie sich von den Stuarts trennen und übermorgen-weiter mochte ste nicht denken. Sie kam die Treppe herab sich zu verabschieden. Der alte Onkel schüttelte ihr schnell und nervös die — 564 Hand, Tante Charlotte küßte sie zärtlich, Trixy berührte mit den Lippen nur förmlich ihre Wangen und Rudolf legte zwei kalte Finger in ihre Hand und sagte lächelnd ihr Lebewohl. Sie waren fort. Die Räder der davoneilenden Wagen donnerten über die Straße; es war Edith, als führen sie über ihr Herz. Am gleichen Abend noch quartierte sich die Familie Stuart in einem eleganten Hotel ein. Aber, ach, die Vergänglichkeit menschlicher Hoffnungen! Die glänzende Zeit, auf die Trixy sich gefreut, erschien nie. Am Morgen nach ihrer Ankunft kam ein Telegramm für Mr. Stuart. Der alte Herr befand sich zufällig in seinem An- kleidezimmcr; er nahm das Couvert mit zitternder Hand und blutunterlaufenen Augen. Einen Moment später erscholl ein lauter Schrei, dem ein schwerer Fall folgte. MrS. Stuart fand ihren Gatten ohnmächtig auf dem Boden, — das Telegramm in der Hand. Hauptmanu Hammond hatte sich mit Rudolf Stuart au einem Diner verabredet. Als die Schatten der Dämmerung sich senkten, erwartete der Offizier ungeduldig , es Freundes Ankunft. Eine Viertelstunde später erschien er bleich und heilte Hammond die schreckliche Nachricht mit, daß der Vater sich in Spekulationen verwickelt, von der Krisis vetroffen und vollständig ruinirt sei. Rudolf erzählte es ruhig. „Wie nehmen es Deine Mutter und Schwester auf?" 'ragte der Offizier ruhig. „Die Mutter weint, Trixy vermag es nicht zu fassen. Sie pflegt den Vater, der in einer Lethargie liegt, aus a:r er nicht zu erwecken ist. Natürlich kehren wir sofort na-' New-Uork zurück. Bettler haben hier im Hotel nichts ;u nichen." Der Haupimann wollte sprechen, schloß aber düster di, Lippen wieder. „Ich habe sofort Plätze auf dem Dampfer, der in vier Tagen abgeht, belegt", fuhr Rudolf fort, „wenn Du meiner Mutter und Schwester noch ein freundliches Wort sagen willst, wär mir's lieb, denn eS hat sie furchtbar .angegriffen." Hammond sprang auf. „Alter Junge", begann er, kam aber nicht weiter, dcr Strom seiner Rede versiegte, ein Händedruck endigte sie. Am folgenden Tage reiste Rudolf nach Powys Place, um Edith Mittheilung von der Sachlage zu machen. „Sie verdient eS nicht", sprach Trixy, „sie hat kein Herz." Die Dienerschaft starrte ihn verwundert an, als er Powys Place erreichte. Im Empfangszimmer erwartete er Edith's Kommen. In Abendtoilette, strahlend von Juwelen, rauschte sie herein. Er blickte auf und sie standen sich schweigend gegenüber. Kurz und traurig theilte Rudolf ihr den Wechsel der Verhältnisse mit, sagte ihr, daß sie Plätze auf dem nächsten Dampfer genommen hätten und er, in Erinnerung vergangener Zeiten gekommen sei, ihr Lebewohl zu sagen. Edith's Brust hob sich. Armer Rudolf! Einen Moment war ihr'S, als müsse sie Alles aufgeben und mit ihm den Bettelstab theilen. »Laß «ich Dir Adieu sagen, Dithy, Du bist glücklich, Deine Zukunft ist gesichert, ich kann Deinem Vater gute Kunde bringen." „Lebewohl", entgegnete sie bleich und kalt, „grüße Trixy und lass' uns hoffen, daß die Sachlage sich besser gestalte, als wir glauben." Sie wandte sich zur Thür. In ihrer Brust tobte es. Es war ein ewiger Abschied von Rudolf. Ihr Stolz schwand, sie eilte zurück und schlang stürmisch die Arme um seinen Hals. „Leb' wohl, mein Rudolf, leb' wohl auf immer!" Sie riß sich loS und eilte aus dem Zimmer. Wenige Minuten später fuhr Rudolf Stuart wieder gen Ehester und als der Mitternacht Gestirne blinkten, war er auf dem Wege nach London. 1S. Kapitel. Ein Telegramm. Die Sonne erhob sich über Londons zahllosen Dächern als Rudolf vor dem Hotel, das seine Familie bewohnte, Vorfahr. Er eilte tn seines Vaters Zimmer und trak Trixy auf der Schwelle. „Du darfst die Eltern nicht stören, sie schlafen Beide", sprach sie leise, „geh' auch Du zur Ruhe, ich wecke Dich zum Frühstück. Hast Du sie gesehen?" „Meinst Du Edith? Natürlich, deshalb reiste ich ja hin." „Und was sagte sie?" fragte Trixy bitter. „Wenig, wir sahen uns kaum zehn Minuten. Edith war in Abendtoilette, und ich wollte sie nicht aufhalten. Sie läßt Dich herzlich grüßen." „Ich brauche ihre Grüße nicht, sie ist doch das herzloseste, undankbarste Geschöpf." Ein Blick des Bruders schnitt die Rede ab. „Genug, Trixy, Edith ist eine der weisesten Jungfrauen und hat den besseren Theil erwählt. Was sollen wir auch jetzt thun? Sie wieder nach Sandypoint in ihres Vaters ödes Haus zurückbringen? Und was die Dankbarkeit damit zu schaffen hat, sehe ich nicht ein. Wir nahmen sie ausdrücklich mit, damit ihre Sprachkennt- nisse uns nützten, sie hat wahrlich das Ihre gethan. Schweig Du lieber von Edith, wenn Du ihr nichts Gutes nachzusagen vorhast." Mit hastigen Schritten eilte er die Treppe hinauf. Trixy brach in Thränen aus. Es war schlimm genug, Alles, Alles zu verlieren, warum mußte sie auch noch Edith, die ihr so tief ins Herz geschnitten hatte, entsagen? Ein süßer Tropfen freilich war in ihrem Leidenskelche; Hauptmann Hammond hatte bewiesen, daß nicht die ganze Welt selbstsüchtig sei, und hatte in der Stunde der Trübsal um BeatrtcenS Hand geworben. Voll Ueberraschung und Freude hatte diese gezögert, gelächelt, Einwände gemacht und schließlich ihr „Ja" hervorge- schluchzt. So wäre Augustus Hammond, der Trixy wirklich liebte, ganz glücklich gewesen, hätte nicht der Gedanke, daß in wenigen Tagen zwischen ihm und ihr der Ocean rollen würde, seine Freude getrübt. Spät Abends öffnete er sein Herz dem Freunde und künftigen Schwager. Rudolf hörte schweigend zu. „Das ist Thorheit, Wahnsinn von Deiner Seite", rief er endlich, „vor einer Woche, da Trixy noch eine Erbin war, hätte ich Dir die Hand gedrückt und Dir meinen Segen gegeben, jetzt aber find wir Bettler und müssen arbeiten, wenn wir nach New-Iork kommen. Wie das gehen wird, weiß der Himmel, denn wir wuchsen auf, wie Lilien auf dem Felde. Ich rede nicht viel über 665 die Sache, ein Mann soll über derlei Verluste nicht klagen. Dein Vater ist reich und betitelt, glaubst Du, er würde Deiner Werbung geneigtes Gehör leihen?" „Was liegt daran, wenn Trixy will —" „Trixy will aber nicht auf solche Weise in eine Familie eingeführt werden, und ich sage Dir, eine Heirath ist für den Moment außer Frage. Liebt Euch nach Herzenslust, sendet Briefe ballenweise über den Ocean, bleibt verlobt, so lange ihr wollt; aber unter den obwaltenden Umständen heirathens Nein!" So endete eS. Selbst Beairice erklärte jetzt, die Eltern nicht verlassen zu wollen, und bat den Geliebten, auf bessere Zeiten zu warten. Am folgenden Tage begleitete der Hauptmann die Familie nach Liverpool und an Bord des Schiffes, von dem er auf der Dampffähre zurückkehrte. Als der Dampfer sich zu bewegen begann, lehnte Trixy weinend an ihres Vaters Arm, und Rudolf stand «eben der Mutter. So warfen sie ihren letzten Abschieds- ilick auf Englands zurückweichende Küste, nur von einem Freundesauge verfolgt. » » * Edith kehrte in den erleuchteten Salon zurück, wo Sir Victor's liebendes Auge sofort die Todtenblässe bemerkte, die sich über ihre Züge gebreitet hatte. Wenige Minuten später sank sie ohnmächtig vom Stuhle und ward in ihr Zimmer getragen. Als ihr dunkles Auge sich wieder öffnete und sie den Verlobten erblickte, der sich angstvoll und zärtlich über sich beugte, wandte sie sich seufzend ab. O, lass' mich allein", bat sie immer wieder, bis man ihrem Flehen nachgab. So lag sie stundenlang mit aufgelöstem Haar und gerungenen Händen regungslos, dumpfen Schmerz im Herzen, da. Oft schlichen sie während der Nacht herein und fanden sie immer mit weit- geöffneten Augen. Am Morgen erwachte sie aus unruhigem Schlaf mit brennender Stirn, trockenen Lippen und fieberhaften Augen. Der Arzt schüttelte den Kopf und erklärte den Zustand für Nervenüberreizung. Gefahr sei nicht vorhanden, Ruhe und liebevolle Pflege würde sie bald herstellen, und dann solle eine Luftveränderung das ihre thun. Sir Victor hatte von dem Portier von Rudolf Stuarts schnellem Kommen und Gehen gehört und peinigte sich mit tausend Möglichkeiten. Was bedeutete der seltsame Besuch? Gegen ihn war sie kalt, es schien ihr gleichgültig, ob er kam oder ging. Er war ihr nichts, sollte es immer so bleiben? Lady Helena fragte Edith, was den Vetter nach Powys Place gebracht und ihre Ohnmacht bedingt habe? Ruhig und ernst theilte diese ihr das Unglück mit, welches die Familie Stuart betroffen. Lady Helena bedauerte die Armen herzlich und hielt durch die Sachlage Edith's Gemüthsbewegung für hinlänglich erklärt. Ende Juli wurde sie in eine hübsche Villa gebracht, wo sie auf Tante Helena's ausdrücklichen Begehr allein mit ihr weilte. „Geh', lieber Victor, und dränge ihr Deine Nähe nicht auf. Selbst wenn sie Dich liebte, würde sie ein Bräutigam ermüden, der nie ihr von der Seite wiche. So sind alle Frauen. Willst Du, daß sie Dich lieben lerne, so gehe fort, schreibe ihr vernünftige, angenehme Briefe und komme in drei Wochen wieder.". „In drei Wochen? Ich möchte am ersten September heirathen." „Daraus wird nichts, Victor, Edith muß sich erst erholen und vor dem Oktober kann von Deiner Trauung keine Rede sein. Edith selbst wünscht die Verschiebung, lass' sie erst erstarken, Dich lieben lernen, und Du wirst sehen, daß es so viel klüger war." Er mußte sich fügen und kehrte nach Chateron Royals zurück. Edith athmete tief auf, als er sie verließt Welch' anderer Abschied, als der vor vierzehn Tagen! Sie suchte zu vergessen, das Antlitz zu bannen, das stets ihr vorschwebte, die Stimme nicht zu hören, die ihr im Ohre wiederhatte. Es gelang ihr theilweise. Die Seeluft stärkte und kräftigte sie. Sie sagte sich immer wieder, daß nur Sir Victor ein Recht auf ihre Gefühle habe, daß sie Rudolfs nicht gedenken dürfte. Nach und nach erholte sie sich, ihr Auge glänzte, Farbe, Gesundheit, Heiterkeit kehrten wieder. Täglich kamen Briefe von Sir Victor, die sie lächelnd las und beantwortete. Sie liebte ihn nicht, aber sie hatte ihn lieb, und als die drei Wochen vorüber waren, konnte sie mit freudigem Willkommen ihm entgegentreten. Ihm waren es drei Jahrhunderte gewesen; nun aber entschädigte ihn die Freude, die Braut so frisch und blühend zu sehen. Es war Mitte August. Trotz Edith's Protest wurden große Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen. Chateron Royals verwandelte sich in einen feenhaften Aufenthalt. Wie geblendet durchschritt Edith an des Verlobten Arm die prächtigen Räume; war es ein Märchen? War das Alles für Edith Darrcll, die noch vor wenigen Monaten in Sandypoint alle Hausarbeit verrichtete? Sie vermochte nicht, sich als Herrin des fürstlichen Hauses zu denken. Von Tag zu Tag erschien es ihr unwahrscheinlicher. Ein schreckliches Erwachen mußte dem glänzenden Traume folgen. Es war vierzehn Tage vor der Heirath. Ihr war es, als müsse sich etwas ereignen. Und es geschah. Am Abend des achtzehnten September kam ein Telegramm an Lady Helena. Sir Victor war mit Edith im Salon am Klavier. Eilig sandte die Tante nach ihm. Er fand sie bleich, erschrocken, entsetzt. Stumm reichte sie ihm das Telegramm. Er las es langsam: „Komme sofort; bringe Victor; er stirbt Jnez." (Fortsetzung folgt.) —-- Komik im Kulturkampf. Daß sich in dem so ernsten und schweren Kulturkampf doch mitunter recht komische Szenen und Situationen ergaben, ist bekannt, und es kursiren da viele verbürgte und unverbürgte Anekdoten. Weniger bekannt dürfte jedoch das folgende drollige Stückchen sein, dessen Wahrheit durch den Umstand am besten bezeugt wird, daß es der Hauptbetheiligte, der selige Prälat Janssen, in seinen letzten Lebensjahren, nachdem längst Gras über die Geschichte gewachsen war, in Freundeskreisen einmal selbst zum Besten gab. Stand da öfters im „Franks. Volksblatt" an der Stelle, wo die für wohlthätige Zwecke eingegangenen Gaben verzeichnet werden, auch zu lesen: K66 - Don Herrn Pros. Janfsen (durch Dr. Petz) ... M... Pf. Es war gerade zur Zeit, wo die Jesuitenhetze in bester Blüthe stand und jeder Patriot glaubte, daS Vaterland vor der Gefahr des Untergangs retten zn uiüffen, die ihm von den leidigen Jesuiten, einerlei ob im Talar oder im Frack oder auch — im Unterrock, in aller Kürze drohte. Da fand denn auch ein Frankfurter Polizei- Beamter den Namen des Dr. Petz in jener Zeitung, und gewissenhaft, wie solche Leute sein müssen, schlug er gleich das grobe Buch nach, um die Personalien dieses DoctorS festzustellen. Aber wie groß war der Schreck, der den Mann des Gesetzes besiel, als er auch nicht das Geringste von dem Herrn Petz fand? Wer ist dieser mystische Doctor? Das war jetzt das Problem, das den armen, treuen Beamten unaufhörlich beschäftigte und ihn Tag und Nacht keine Ruhe finden ließ. Warum hat Professor Jansien diesen Herrn bei der Polizei nicht angemeldet, oder warum hat jener dies nicht selbst besorgt? Doch endlich ging unserem Polizisten ein Licht auf. Wenn der geheimnißvolle Doctor gar ein verkappter Jesuit wäre, wenn deßhalb seine Persönlichkeit in so tiefes Dunkel gehüllt wärel Grauen erfaßte den Vertreter der „heiligen Ordnung". Aber in anderen Städten trieb sich solches lichtscheue Gesinde! herum, warum sollte da nicht einer von ihnen auch das ehrsame Frankfurt unsicher machen? Auf der anderen Seite winkte der Lohn für denjenigen, der einen solchen Reichsfeind gefangen einbrachte. Der gute Mann sah schon die Orden auf seine breite Brust herniederregnen, und er griff schon nach dem farbigen Bündchen — wollte sagen, nach dem Knopfloch, das in Bälde damit geschmückt werden würde. Aber die Sache mußte mit Schlauheit angepackt werden, da diese Jesuiten, wie er wußte, auch nicht gerade auf den Kopf gefallen waren. Nun dafür war er ja ein Frankfurter Kind. Jetzt wurde der Feldzugsplan entworfen. Als ein richtiger Stratege ging unser Held natürlich nicht direkt auf die Festung los. Nein, zunächst machte er unter irgend einem Vorwand einen Besuch bei dem Herrn Stadipfarrer Münzenberger und suchte dann so nebenbei das Terrain zu sondiren und mit Aufwand aller ihm zu Gebote stehenden Diplomatie etwas Näheres über den unheimlichen Herrn Petz zu erfahren. Er mußte jedoch innerlich lächeln, als ihm Herr Münzenberger ganz ahnungslos mit der größten Gutmüthigkeit jede nur wünschenswerthe Auskunft ohne weitere Bemühungen gab. Freilich, daß Dr. Petz ein Jesuit sei, sagte er gerade nicht; aber das glaubte unser Beamter mit aller Sicherheit aus der Sachlage schließen zu dürfen. Also Herr Petz war ein guter Freund des Herrn Janffen, er wohnt bei ihm, geht niemals aus — sehr verdächtig; schon zehn Jahre lang lebt er in Frankfurt — und bei der Polizei nicht angemeldet, entsetzlich! Er beschäftigt sich mit Geldsammeln für wohlthätige Zwecke — ja, für die geheimen Fonds der Jesuiten, grauenhaft! Es war rein zum Rasendwerden, in Frankfurt, der Stadt der Intelligenz und Aufklärung, wird daS Auge des Gesetzes so lange in der schamlosesten Weise hinters Licht geführt und das auch noch von einem solchen Finsterling. Aber jetzt muß das Nest ausgehoben werden. Kalthöflich verabschiedet sich der Beamte von dem Herrn Stadtpfarrer, holt sich ein halbes Dutzend Schutzleute, denen er rasch auseinandersetzt, um was es sich handelt, und befiehlt ihnen, die geladenen Revolver bereit zu halten — und jetzt auf verschiedenen Wegen nach der Wohnung Janssens. Die Schutzleute werde» unten posiirt und harren voll Erwartung der Dinge, die da kommen werden; ihr Anführer steigt klopfenden Herzen- die Stufen hinauf. „Könnt' ich einen Augenblick den Herrn Professor sprechen?" „Gewiß! Bitte, wollen Sie eintreten." Gegenseitige Vorstellung und Komplimente. „Herr Professor, Sie werden gestatten, gleich aus den Zweck meines Besuches zu kommen. Dürfte ich Sie bitten, mich zn dem Herrn vr. Petz führen zu wollen?" „Mit dem größten Vergnügen. Aber ich brauche Sie nicht erst hinzuführen; er befindet sich hier i« Zimmer." „Herr Professor, Sie belieben zu scherzen." „Nicht im Geringsten! Wollen Sie gefälligst nur jenen herrlichen — ausgestopften Bären da in der Ecke betrachten mit dem Teller in der Pfote. Das ist mein — Dr. Petz." Kalter Schweiß trat unserem Beamten auf die Stirne; „Aber Herr Stadtpfarrer sagte mir doch." „Ach! ich begreife, Herr Münzenberger hat auch Sie angeführt. Aber erinnern Sie sich an das, was er ihnen von dem „Herrn" Dr. Petz sagte, und Sie werden finden, daß alles auch auf den Bären da paßt. Er wohnt schon zehn Jahre bei mir — da habe ich ihn nämlich gekauft. Er geht niemals aus und sammelt bei meinen Besuchern Gaben für wohlthätige Zwecke; und da Sie nun gerade da sind, bittet er auch Sie um ein Scherf- lein. Uebrigens nichts für ungut. Der gute Herr Pfarrer hat sich diesen Scherz schon mit mehreren geistlichen Herren erlaubt, und alle siud sie auf den Leim gegangen." „Aber das waren auch keine Polzeibeamten", dachte der aus allen Himmeln gestürzte Mann und griff entsagend nach dem Knopfloch. Mit der Bitte, der Herr Professor möge die Sache einstweilen nicht publik werden lassen und auch den Herrn Stadtpfarrer darum bitten, verließ der Getäuschte die Wohnung. Ob er vorher noch dem Herrn vr. Petz einen Beitrag zu wohlthätigen Zwecken gegeben hat, verschweigt die Geschichte. Aus der Hochsiaplerlvelt. In Paris ist von einem hochgestellten Polizcibeamtett ein sehr interessantes Buch erschienen, welches manchen tiefen Einblick in die Verbrecherwelt gewährt. DaS Such führt den Titel „karis vsoarxs", was sich ungefähr mit der Bezeichnung „Das unterirdische Paris" übersetzen läßt, und der Verfasser desselben ist der Polizcibeamte Charles Virmaitre. Die Geschichten, welche derselbe erzählt, sind sehr lehrreich, nicht bloß für Polizeibeamte, sondern auch für das Publicnm, da es stets gut ist, die Art, wie die Hochstapler „arbeiten", kennen zu lernen, um sich vor den Anschlägen derselben zu schützen. Aus dem interessanten Werke mögen zwei von den daselbst erzählten Vorfällen, welche seiner Zeit großes Aufsehen machten, reproducirt werden: Eine junge, sehr hübsche und sehr distinguirte Darm trat eines Tages in den Verkaufsladen des berühmten Pariser Juweliers Melkerin und sagte: „Ich bin Gräfin de Solle. Meine Schwester ist im Begriff, sich mit dem Director des großen Krankenhauses in der Straße Longchamp, Doctor Manuel, zu vermählen. Ich bin beauftragt, eine Anzahl von Schmuck- Kkgenständen für die Morgengabe einzukaufett. Wollen Sie dieselben liefern? Wir zahlen natürlich baar." Man kann sich die Freude des Juweliers vorstellen. Er legte seine schönsten Schmuäsachen vor, die Dame traf ihre Wahl als Kennen», verhandelte lange und genau um den Preis und sagte endlich, als man bezüglich des» selben übereingekommen war: „Ich bitte Sie, uns diese Gegenstände zuzuschicken oder selbst zu bringen. Bitte auch die saldirte Rechnung nicht zu vergessen. Wir erwarten die Sendung Punct 2 Uhr. Zur bezeichneten Stunde trat der CommiS mit seinem Packete ein. Er trat in das Consultatious-Zimmer des Doctors. Die Dame war da und sagte ihm: „Haben Sie die Güte, mich einen Augenblick hier zu erwarten. Mein Schwager ist im Garten. Geben Sie mir Schmuck und Rechnung." Der Commis überreichte ihr das Gewünschte ohne Zögern. Nach wenigen Augenblicken trat der Doctor in Begleitung der Gräfin ein. Ich weiß nicht, ob der Leser hie Scene errathen wird, die nun folgte: wir Polizisten find an derlei theatralische Entwickelungen gewöhnt. Die schöne Gräfin hatte tags zuvor den Doctor aufgesucht und zu ihm gesagt: „Ich bin an einen jungen, geistreichen, schönen Mann vermählt, welcher aber an Hallucinationen leidet. Deiner Mutter wurden einmal Diamanten in sehr beträchtlichem Werthe gestohlen. Kurz darauf stand er in einer Nacht auf, ging ans Fenster, öffnete dasselbe und schrie hinaus: „Da sind die Diebe, welche meine arme Mutter ausgeraubt haben!* Und seitdem wiederholt sich diese Scene sehr häufig. Ich suche ihn zu beruhigen, so gut eS geht, was ich am best?« damit erreiche, indem ich auf seine Manie eingehe. Wenn wir zusammen ausgehen, vermeide ich es, mit ihm an Juwelicrläden vorüber zu gehen, um ihn nicht aufzuregen. Im höchsten Grade auffallend ist es, daß er sich sonst ganz vernünftig beträgt und bloß Symptome des Wahnsinns zeigt, wenn man ihm über Diamanten oder sonstige Schmuckgegenstände spricht." „Das ist eine nicht unbekannte Abart des Größenwahns, Frau Gräfin!" erklärte der Doctor mit gelehrter Miene. Und so betrat er jetzt sein Consultations-Zimmer Mit der vorgefaßten Idee, es mit einem Wahnsinnigen zu thun zu haben, der bei dem bloßen Gedanken an Edelsteine außer sich gerathe. Der unglückliche Commis, mit welchem sich der Arzt Nunmehr in eine Conversation einließ, begann alsbald seine Diamanten oder seine hunderttausend Francs zu reclamiren. Die Gräfin warf dem Doctor einen Blick des Einverständnisses zu, der ihr ein Zeichen machte, sie solle sich entfernen, um den Kranken nicht aufzuregen. Daß sie den Wink befolgte, versteht sich von selbst, allein als der Commis sah, daß sie im Begriffe war, die Schwelle zu überschreiten, stürzte er sich ihr wie ein Rasender in den Weg. „Meine Brillanten!" schrie er. „Meine Brillanten!" Drei handfeste Männer warfen sich alsbald auf ihn, hielten ihn fest und banden ihn. Man legte ihm die Zwangsjacke an; er heulte wie ein Besessener, in Folge dessen man ihn unter die Douche brachte. Sein Zustand war ein so aufgeregter, baß man ihn in bke Abtheilung der Tobsüchtig« brachte. Der Juwelier Melkerin, welcher darüber beunruhigk wurde, daß fein Commis solange nicht zurückkam, glaubte, derselbe sei entweder mit dem Schmuck oder mit dem Gelde durchgegangen, und machte die Anzeige bei der Polizei; die Detective-Brigade setzte sich in Bewegung, allein es blieb Alles vergeblich. Der verzweifelte Juwelier ließ nun die Personalbeschreibung seines Commis in die Blätter inseriren und schrieb einen bedeutenden Preis für Denjenigen aus, der ihn aus die Spur desselben bringen würde. Eine dieser Zeitungen gerieth eines Tages dem Doctor Manuel in die Hände, der bei der Lectüre des Inserates Berdacht schöpfte. Er ließ seinen Patienten vorführen, fragte ihn aus und überzeugte sich, daß derselbe absolut nicht wahnsinnig sei, sondern daß sie beide die Opfer eines schlau ersonnenen Betruges waren. Die falsche Gräfin aber blieb geraume Zeit spurlos verschwunden; erst viel später ergaben sich gewisse Anhaltspuncte, welche auf die Vermuthung führten, daß die Diebin in der That eine große Dame war und daß die Familie, mit Rücksicht aus den zu befürchtenden Scandal, den Juwelier entschädigte. Die Polizei fand es gerathen, die Sache fallen zu lassen. Eine andere Geschichte aus dem betreffenden Buche ist vielleicht noch merkwürdiger, da es in diesem Falle der Polizeidirector selbst war, der durch einen mit großem Raffinement ersonnenen Streich düpirt wurde. Die Affaire spielte noch unter dem Kaiserreiche und bestand in Folgendem: Eine Dame, die nicht zu den „oberen Classen" gehörte, hatte eine Einladung zu einem der maskirten Bälle erhalten, welche in den Tuilerien gegeben wurden. Auf diesem Balle verlor die Dame ein Paar Ohrgehänge von geradezu unschätzbarem Werthe. Das Gerücht von dem Vorfalle verbreitete sich alsbald in den Salons. Es war klar, daß es sich hier um einen Diebstahl handelte. In dem Augenblick, als die Dame den Ball verließ und ihre Mantille umnahm, fand sie eins der Ohrgehänge, welches sich in die Spitzen der Mantille angenestelt hatte. Sie übergab dasselbe dem Chef der Sicherheitsbehörde, der zu jener Zeit Herr Claude war. Am nächsten Tage, als Herr Claude gerade über diese Affaire nachdachte, sowie über die Mittel, das Ohrgehänge zu finden, ohne der Jndiscretion der Zeitungen den Namen der betreffenden Dame preiszugeben, das heißt, ohne einen Scandal zu provociren, erhielt er die Karte eines Herrn, auf welcher die Worte standen: „Graf L..., Osficier der Ehrenlegion." Er gab alsbald Befehl, denselben zu ihm zu führen. Der Besucher war ein Mann von hohem Wuchst, brünett und von vornehmem Aussehen. Er nahm in dem ihm angewiesenen Fauteuil Platz und begann: „Ich bin", sagte er in Beantwortung einer Fragt des Polizeidirrctors, „der Bruder der Gräfin L... In der vergangenen Nacht hat man ihr ein Ohrgehänge gestohlen, das für sie auch den Werth eines kostbaren Andenkens hat. Der Kaiser hat Ihnen, Herr Polizeidirector, den Auftrag ertheilt, Alles aufzubieten, nm das gestohlene Object wieder zu finden, und die Gräfin hat Ihnen auch das andere Ohrgehänge eingehändigt, um Ihnen die Recherchen zu erleichtern." „Das ist richtig," entgegnete der Polizeidirector. 568 — Und gleichzeitig nahm er das Ohrgehänge aus seiner Schreibtischlade hervor. „Nun, Herr Polizeidirector", fuhr der Graf fort, „es ist unnütz, daß Sie sich weiter in der Affaire bemühen. Heute früh wurde meiner Schwester unter Cou- vert ein Brief mit der Bitte um Entschuldigung zugestellt, in welchem sich das bewußte Ohrgehänge befand. Hier ist dasselbe. Wenn Sie mir nun das andere Ohrgehänge übergeben wollen, welches sich bei Ihnen befindet, so werde ich beide meine Schwester überbringen." Der Polizeidirector fühlte sich glücklich, daß das unangenehme Abenteuer ein so ruhiges Ende nahm; er übergab ihm das in seiner Verwahrung befindliche Ohrgehänge, begleitete ihn bis vor die Thür und drückte ihm sein Bedauern darüber aus, daß er sich die Mühe genommen, ihn in seinem Bureau aufzusuchen. Noch am selben Tage stellte sich heraus, daß der angebliche Graf der Dieb war und sich auf diese beispiellos schlaue Art in den Besitz des zweiten Ohrgehänges gesetzt habe. Herrn Claude aber hätte diese Affaire beinahe seine Stelle gekostet. -- ALLexLeS. Abriß des Goliathhausesl Aus Regensburg kommt eine fast unglaubliche Nachricht. Jedem Besucher der alten, architektonisch, hochinteressanten Stadt, der einen Gang über die Donaubrücke gemacht hat, wird bei der Rückkehr durch die originelle Brückstraße das mächtige, burgartige Gebäude mit dem zinnengekrönten Thurm und zwei kleinen, aus breiter Wandfläche vorspringenden Mauerthürmchen aufgefallen fein, das neben dem Schmuck reizender, gothischer Säulenfenster das riesige Freskobild „Goliath und David" trägt. Baulich und malerisch noch fesselnder ist die Ansicht der Hauptfront gegen Süden am sogenannten Watmarkt, der überhaupt ein ganz eigenartiges Bild mittelalterlicher Architektur darbietet; — wie lange noch- Das Goliathhaus, eines der ältesten der Stadt, etwa gleich alt wie der Dom, soll demnächst niedergerissen werden, nicht wegen Baufälligkeit, sondern um einem modernen Miethshause Platz zu machen. Und somit soll eines der vornehmsten Wahrzeichen NegenS- burgS, HauS und Bild zu« Goliath, das nicht blos in der Erinnerung des Fremden mit dem Bilde der Stadt, sondern noch weit mehr mit dem lokalpatriotischen und lokalhistorischett Empfinden jedes an seiner Heimath hängenden NegensburgerS innig verwachsen ist, dem Zug der modernen Zeit zum Opfer fallen. Den Inwohnern des Hauses ist bereits gekündigt, und bald wird die alte Donaustadt, einst die bedeutendste Stadt Süddeutschlands» wieder eine historisch und architektonisch werthvolle Zierde verloren haben. Pietät und Kunstverständniß scheinen ganz und gar zu schwinden. * Die Anfertigung von Drucktypen auS Aluminium ist die neueste Anwendung dieses in letzter Zeit zu so hoher Bedeutung gelangten Metalles. Nach längeren Versuchen ist es nämlich (zufolge einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Ntch. Lüders in Görlitz) nunmehr gelungen, Aluminium zur Verbesserung des Typenmetalls zu verwenden. Zu diesem Zwecke werden dem bisher gebräuchlichen Buchdrucker- metall, welches bekanntlich aus einer Legirung von 4 Thl. Blei und 1 Thl. Antimon besteht, 5—15 Proz. Aluminium zugesetzt. Die mit dem neuen Typenmetall angestellten Versuche haben ausgezeichnete Resultate bezüglich der Schärfe der einzelnen Buchstaben ergeben; auch solle« die neuen Typen im Vergleich zu den bisher gebräuchlichen eine bedeutend größere Haltbarkeit ausweisen. -» .j > < ^ > > - Hlockerrruf. Heller wird's — um dült're Tannenhügel Glänzt des FrühlichtS röthlich gold'ner Schein, Säuselnd trägt der Wind mit weichem Flügel Einen Gruß von Gott durch Thal und Hain. Fernher aber hör' ich'S lieblich schallen, Glocken öffnen den geweihten Mund; Bald in Andacht fromme Pilger wallen Zur Kapelle tief im Waldesgrund! Maximilian Dursch. keratdWZs- kiutio. Lmeritrh - QuM. 6espie1t am 17. 4ugnst 1896 von 9"—11'°4,beu4s Lwisebs» Ltsinitr : IIII. L. Obsrbabnamtsoltirial Raebmann uuä Häusler vom Sebaebclud LuAsbnrA im Llubiocal: Lake „^NANsta". 15 D. 18—46 20 a2—a4 L. e3-e? 8 42-44 8. 16—b5 21 r. al—ei I. »8—13 S 8. bl—e3 17—16 22 45—46f- o?X46 10 8. e5xss4 8. b5-83 23 8. e3—45t L. e7—e8 11 D. äl—13 b7—b5 24 8. 45—e7f L. e8-s7 12 8. 84-12 8. 83xb1 25 8. 67—451 Remis. 13 8. 12xb1 D. e8—8^ ^vmorkunA. Diese kartie ist sebr elegant gespielt sebrvarr vortbsiäigis sieb vorrüßlieb, so 4ass sebliessliei» rveiss nur 4ureb „ewiges Lebaeb" Remis balten konnte. _ Lasxar Lolmann. 8cbv?arr. Stellung naeb äsm 23. Auge. --