«75 1896. „Augsburger PostMung". Mnstag, den 8. September Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttlcr). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 20. Kapitel. In Paplar Lodge. Eine halbe Stunde verging und Sir Victor kehrte nicht zurück. Edith spielte düstere Melodien. Endlich erhob sie sich und trat an's Fenster. Was mochte das Telegramm enthalten haben? Sie blickte hinaus. Der Wind heulte durch die Bäume und trieb die gelben Blätter wirbelnd vor sich her, der Mond schien nicht, aber zahllose Sterne funkelten am Horizont. Endlich ertönte ein Schritt; sie wandte sich lächelnd und blickte in Sir Victors ernstes, bleiches Antlitz. „Brachte das Telegramm schlimme Kunde? Betrifft es die Stuarts?" „Nein, es ist aus London und meldet, daß mein Vater im Sterben liegt." Schweigend sah sie ihn an. „Es ist sonderbar, wenn man nicht weiß, soll man die Kunde von des Vaters nahem Tode als eine gute oder schlechte Botschaft bezeichnen. In Anbetracht des Lebens, das er seit dreiundzwanzig Jahren geführt, kann man sein Scheiden nur als Erlösung erklären; seltsam ist aber, wie Tante Helena die Sache aufnimmt. Man sollte sie doch wohl für vorbereitet halten, sollte glauben, sie würde sich freuen, ihn endlich von all' dem Jammer befreit zu sehen; aber ich sage Dir, sie ist förmlich entsetzt." Edith schwieg; sie schien betäubt, gelähmt von Schrecken. „Ihr Entsetzen scheint aber nicht feinet- oder ihretwegen, sondern meinetwegen da zu sein", fuhr der Baron fort, „erklären kann sie nichts, sie hat alle Geistesgegenwart verloren. Uebrigens ist keine Zeit zu verlieren, wir müssen noch diese Nacht abreisen, und ich weiß nicht, wann wir wiederkehren. Mir aber ist der Gedanke, daß des Todes Schatten unsere Ehe umdüstern soll, unerträglich; ich fürchte eine zweite Verschiebung, fürchte, Dich hier allein zu lassen." „Denke nicht an mich, ich werde mich mit Musikalten und Büchern unterhalten, und Lady Arabella wird mich gelegentlich besuchen. Selbstverständlich muß der Grund dieser schnellen Abreise Geheimniß bleiben." „Versteht sich, es würde sonst endloses Gerede bringen. Ich freilich sehe nicht ein, weshalb man die Sachlage von Anfang an geheim hielt? Wenn ein Motiv vorhanden war, wird die Tante es mir wohl unterwegs sagen, und mir graut eigentlich, noch mehr zu hören, als ich bereits vernommen." Düster blickte er in die Sternennacht, die Ahnung kommenden Unheils lastete schwer auf ihm. Die Vorbereitungen zur Reise wurden schnell getroffen. Lady Helena schien Edith ganz vergessen zu haben und reichte ihr nur mechanisch die Hand, als diese vortrat. „Glaubst Du an Ahnungen?" fragte der Baron seltsam bewegt seine Braut, „mir ist, als treffen wir uns nicht wieder, wie wir scheiden, als häite sich bis dahin etwas zwischen uns gedrängt." „Ich glaube nicht an Ahnungen, plötzliche nächtliche Reisen aber bedingen unheimliche Gefühle, über die Du morgen bei Sonnenlicht lachen wirst. Zwischen uns wird sich nichts drängen." Er eilte hinab und bestieg den Wagen. Die Pferde zogen an und fort ging's in die dunkle Nacht. Edith stand noch am Fenster, als das Gerassel der Räder längst verklungen war. Seltsames Schweigen schien das Haus befallen zu habeu. Sie setzte sich gedankenvoll. Unfehlbar war ein Geheimniß, das die ermordete Lady Chateron betraf, im Spiele. Der Schmerz mochte ihren Gatten wahnsinnig gemacht haben; warum aber dies geheim halten? Warum ihn für todt ausgeben? Warum Juan Chateron schützen und den Mord ungerächt lassen? Weshalb Lady Helena's Abneigung gegen jede Hetrath ihres Neffen? Wer wußte ob nicht schon Wahnsinn im Gehirn des Mannes lauerte, dem sie ihr ganzes Leben widmen sollte? Konnten Titel und Reichthum dafür entschädigen? Sie erbebte. Die Prophezeihung, über die sie erst gelacht, widerhallte in ihrer Erinnerung. In vollster Jugendkraft und Schönheit Hütte ihre Vorgängerin der Tod erfaßt; was mochte ihr bevorstehen? Das Haus war grabesstill und erst als die Turmuhr die Mitternachtstunde verkündigte, erhob sie sich und ging zur Ruhe. Unterdessen trug der Bahnzug Sir Victor dem Wendepunkt seines Daseins entgegen. Still und bleich lehnte Lady Helena in der Ecke, und wenn er mit ihr sprach, antwortete sie einsilbig mit vollständig veränderter Stimme. Morgens erreichten sie die Metropole. Schwer und trübe hing die Luft über dem Thewse-Ba- 570 bylon. Regen drohte und begann während der Fahrt langsam zu fallen. Sir Victor kam es unglaublich vor, daß er jetzt den Vater sehen sollte, den Vater, der wie aus dem Grabe erstanden war. Sie bestiegen einen Wagen, und bald kamen die Bäume vom Regents-Park in Sicht. Lady Helena gab dem Kutscher ein Zeichen, und sie hielten vor dem Thore der einsamen Villa Poplar Lodge. Es war ein ödes, gefängnißarttges Haus; die es umgebende Mauer war hoch, dichte Bäume verhinderten jeden Einblick durch das Gitter. Und hier hatte sich Jnez Chateron zweiundzwanzig Jahre lang mit einem Irren und zwei alten Dienstleuten begraben. Mehrere Minuten vergingen, bis ein schlürfender Tritt sich näherte und die Thüre geöffnet ward. Ein weißhaariger Mann stand vor den Kommenden. „Kommen wir recht, Hooper?" fragte ihn Lady Helena athemlos, „ist Dein Herr noch — —" „Am Leben? Ja, Mylady." Der alte Diener heftete sein trübes Auge auf Sir Victor. „Wie sein Vater", flüsterte er, das greise Haupt schüttelnd. Eine andere Thüre öffnete sich; Jnez erschien auf der Schwelle, ihr bleiches Antlitz schien durch nichts blässer werden zu können, aber ihr dunkles Auge heftete sich voll unendlichen Mitleids auf den jungen Mann. „Ist er bei Verstand?" fragte Tante Helena wieder. „Ja, er ist seit gestern ganz vernünftig und verlangte sofort, daß nach seinem Sohne gesandt und ihm die Wahrheit gesagt werde." Schluchzend bedeckte Lady Helena das Gesicht. Jnez' Züge behielten die marmorne Ruhe. „Wartet einen Augenblick, ich muß ihm melden, daß Ihr gekommen seid." Gefaßt erwartete Sir Victor das Ende; er wußte, daß die Tante weinte, bittere Thränen um ihn. Grabesruhe schien über dem ganzen Hause zu liegen. „ Kommt I" rief Jnez' weiche Stimme. Schweigend schreiten sie die Treppe hinauf. Man hörte nichts als das Rauschen der Bäume und das Fallen des Regens. Unzerstörbar heftete sich das Bild in des jungen Mannes Seele. Des Zimmers düstere Beleuchtung, das große, weiße Lager, das Todtenantlitz des Mannes, der in den Kissen lag und ihn mit hohlen Blicken ansah — sein Vater — endlich I Wie bezaubert nahte er sich ihm. Fest heftete sich das gespenstische blaue Auge auf ihn, und die bleichen Lippen flüsterten: „Wie ich — wie ich war — Meta's Sohn!" „Mein Vater!" Er ließ sich entsetzt auf die Knie nieder. Zum ersten Male war er in Gegenwart des Todes, und der Sterbende war sein Vater, den er noch nie gesehen. „Wie ich" — sprachen die blauen Lippen wieder, „mein Gesicht, meine Größe, mein Alter. Mein Gott, wird sein Ende dem meinen gleichen?" Entsetzen durchbebte Alle. Der Sohn suchte des Vaters Hand zu fassen, er zog sie zurück. „Warte!" sprach er schmerzlich, „berühre mich nicht, sprich nicht mit mir. Knie nicht, Du weißt nicht, was Du hören sollst. Jnez, sag' es ihm jetzt." Mit unveränderter Miene bedeutete Jnez die Besucher sich zu setzen — es war, als könnte nichts «ehr sie erregen — — küßte den Sterbenden und begann mit fester Stimme die Erzählung. Eine halbe Stunde mochte verstrichen sein. Die Geschichte war erzählt. Schweigen herrschte im Zimmer. Mit verhülltem Antlitz saß Lady Helena regungslos in ihrem Stuhle, der Sterbende starrte seinen Sohn an, fester und fester umklammerte ihn der Tod. Jnez hielt seine Hand. Der Sohn hatte sich erhoben und stand bleich mitten im Zimmer. Was hatte er gehört? Wachte oder träumte er? War all' das geisterhafter Spuk — oder o Himmel. war es wahr? „Laßt mich hinaus", lauteten seine ersten Worte, „ich ersticke hier oder werde wahnsinnig." Wie ein Betrunkener wankte er der Thüre zu. Mit thränenden Augen und ausgestreckten Armen folgte ihm die Tante. „Victor, mein Junge, um Himmelswillen, sprich!" Er machte eine abweisende Bewegung. „Fort von mir", sprach er heiser, „lass' mich allein, noch kann ich mit Niemand sprechen." Barhaupt ging er hinaus in den Garten und schritt im Regen auf und ab. Eine Stunde verging, er kümmerte sich um nichts, er war betäubt und unfähig zu denken. Sein Inneres war ein Chaos und lange währte es bis die Fähigkeit des Denkens wiederkehrte. Plötzlich hörte er einen lauten Schrei. „Komm', komm!" rief die Tante und eilte den Pfad entlang, „er stirbt!" Sie zog ihn ins Haus, die Treppe hinauf ins Zimmer des Sterbenden. Aber der Tod war ihnen zuvorgekommen. Bleich und starr lag die Leiche vor ihnen. Schluchzend beugte sich Jnez über den geliebten Todten und benetzte sein Antlitz mit Thränen. Wie ein Steinbild stand der Sohn daneben und starrte auf das Todtenantlitz. 21. Kapitel. Wie der Trauungstag begann. Sechs Tage später kehrte Sir Victor und Lady Helena zurück. Für Edith war die Zeit angenehm und ruhig verstrichen. Auffallend war nur gewesen, daß in der ganzen Zeit nur ein Billet von Sir Victor einlief, ein seltsamer unzusammenhängender Brief, der des Vaters Tod und dessen Bestattung auf einem städtischen Friedhof, damit das Geheimniß seines Lebens und Todes unverletzt bleibe, meldete, und die Kunde brachte, daß das traurige Ereig- niß die Hochzeit nicht verschieben, sondern dieselbe am dritten Oktober stattfinden sollte. Hätte Edith den Verlobten geliebt, so hätte sein Schweigen sie verletzen müssen. Spät am Abend des sechsten Tages kehrten sie zurück. Der Baron umarmte seine Braut in stürmischer Freude, kalt entzog sie sich seiner Liebkosung. „Ich freue mich, Dich wiederzusehen", sprach sie ruhig, „aber Du stehst nicht gut aus, der Verlust hat Dich sehr angegriffen." Wirklich schien er um Jahre gealtert, und in seinen Zügen lag ein unbeschreibliches Etwas. Um ihn so zu verändern, mußte sich mehr ereignet haben, als der Tod des ihm unbekannten Vaters. Neugierig blickte sie auf ihn. Ob er ihr die Erlebnisse wohl mittheilte? Er that es nicht. Düster schaute er in die rothe Gluth und wiederholte, wie eine auswendig gelernte Lektion den Inhalt seines Briefes. Etwas lag darunter, das sie nicht wissen sollte. „Bleibt Miß Chateron in Johns Wood?" fragte sie gleichgiltig, um doch etwas zu sagen. „Vorerst, ja, später beabsichtigt sie zu reisen." „Kommt sie nicht nach Chateron Royals zurück?" Schmerzlich zuckte es um Sir Victors Mund. „Nein. Ihr Leben lang liegt sie unter dem Bann des Mordes." „Und sie ist unschuldig?" „Ja", entgegnete er ängstlich, beinahe scheu. Sie sollte das Geheimniß des Mordes also nicht erfahren. Lady Helena ließ sich an dem Abend nicht sehen. lieren und folgte ihr wie ihr Schatten. Hatte das Gespenst des Irrsinns ihn bereits erfaßt? Der erste Oktober — täglich mehr trat der Wechsel in Sir Victors Wesen hervor, er vermochte nicht zu essen, nicht zu schlafen, und ging, wie von Furien ge- peischt, bis in die Nacht auf und ab. Edith quälte das Gefühl banger Sorge. Der Gedanke, daß etwas geschehen müsse, daß die Trauung nie erfolgen würde, bemächtigte sich ihrer immer mehr. Sie durchwandelte die Räume vom Chateron Royals und es war ihr, als sollte sie nie dessen Herrin sein. In Carnavan war eine reizende Villa am Meeres- ufcr gemiethet, wo das junge Paar die ersten Wochen verleben sollte; ihr war's, als solle sie dieselbe nie sehen. Grotzmüllerchens Märchenschatz. Nach dem Originalgemälde von H. Werner. WZW i' !! UM» ZUM »HZ WWW MU. UM LzMW Als sie am folgenden Morgen zum Frühstück kam, erschrak Edith über ihren Anblick. Die schöne, stattliche, ältliche Dame hatte sich in ein schwaches, altes Weib, mit unsicherem Schritt, bebender Hand und durchfurchtem Gesicht verwandelt. Wie gebannt haftete ihr Auge auf dem Neffen, ihre Stimme wurde weicher, wenn sie mit ihm sprach, sie liebte ihn sichtlich, mehr denn je. Des Barons aber hatte sich eine fieberhafte Unruhe bemächtigt, die ihn wie einen ruhelosen Geist von Powys Place nach Chateron Royals und von Chateron Royals nach Powys Place trieb. Manchmal saß er stundenlang mit gerunzelter Stirn in düstere Gedanken verloren, dann wurde er wieder unnatürlich lustig, lachte und sprach wild, so daß Edith ihn verwundert betrachtete. In keiner Gemüthsstimwung aber mochte er sie aus dem Auge oer- Eine Art Apathie ergriff sie, sie ließ sich von der Zeit fortreißen; was sein sollte würde geschehen. Es war früh genug, aus dem Traume zu erwachen, wenn sie daraus aufgeschreckt würde. Am Vorabend der Trauung bekam die Braut Hals- und Kopfweh in Folge einer Erkältung. Lady Helena bestand auf feuchtwarmen Umschlägen und sandte sie nach Tisch sofort ins Bett. Der kurze Oktobertag senkte sich, die Gardinen wurden zugezogen, die Lichter angezündet. Lady Helena blieb lange bei Edith und küßte sie beim Gehen zärtlich. „Gute Nacht, Kind", sprach sie mit bebender Sümme, „Gott gebe, daß er Dich und Du ihn glücklich machst." Noch zögerte sie, das Auge thränenumflort, das Herz so voll. Worte schienen auf ihren Lippen zu zittern, 572 Worte, welche sie nicht auszusprechen wagte. Gerührt schlang Edith die Arme um der Tante Hals und legte ihr Antlitz einen Moment an die mütterliche Brust. „Ich werde mich bemühen, ihm ein gutes, treues Weib zu sein", flüsterte sie. Edith war allein, lag wie gewöhnlich hoch in den Kissen, die Arme um den Kopf geschlungen, das dunkle Auge auf das Feuer gerichtet. So betrachtete sie den zitternden Feuerschein an der Wand, das bleiche Mondlicht, das durch die Gardinen sich hereinstahl, lauschte dem Aechzen des Windes, dem Ticken der Uhr. Neun, zehn, elf Uhr; eine Stunde nach der andern verrann, und immer noch lag sie, ohne sich zu bewegen, ohne zu denken. Als die Uhr die zwölfte Stunde verkündete, sprang sie entsetzt auf. Ein neuer Tag, ihr Trauungstag I Unmöglich konnte sie länger ruhig bleiben. Sie sprang auf, kleidete sich an und schritt auf und ab. Eine Stunde verstrich. Ein Uhr schlug die kleine Uhr, ein Uhr klang es dumpf vom Thurme. Sie zog ein kleines, sorgsam verschlossenes Kästchen hervor und öffnete es. Es enthielt Rudolfs Photographie und die Briefe, die er ihr nach Sandypoint geschrieben. Sie las sie alle, einen nach dem andern und betrachtete das geliebte Bild. Was mochte er jetzt thun? Zweifelsohne schlief er ruhig und hatte sie vergessen, wie sie es verdiente. Gut, sie hatte es so gewollt und durfte nicht klagen. Seufzend legte sie Alles wieder in das Kästchen und flüsterte: „Leb' wohl, Rudolf!" Sie konnte sich nicht entschließen, die teuren Reliquien zu vernichten. Es mochte ungerecht sein, wann aber hatte Edith sich je in günstigem Lichte gezeigt? So lange sie lebte und Sir Victors Frau war, wollte sie Bild und Briefe nicht mehr besehen, zerstören aber konnte sie dieselben nicht. Als sie das Kästchen schloß, schlug es sechs Uhr; ein Sonnenstrahl blinkte herein und erfüllte das Zimmer mit goldenem Glänze. Wolkenlos und strahlend hatte sich die Sonne an Edith's Trauungstag erhoben. 22. Kapitel. Wie der Trauungstag endete. Sie trat an's Fenster und blickte hinaus. Auf Gräsern, Blumen und Bäumen funkelten Millionen Thauperlen. Im Hause war Alles munter, Sir Victor machte seinen Morgenspaziergang im Garten. Wie bleich und mager er aussah, so gar nicht wie ein glücklicher Bräutigam am Hochzeitstage! Bald erschien auch Lady Helena mit der Zofe und Edith wurde bräutlich geschmückt. Wie schön sie war in dem weißen Seidenkleide; das stolze, dunkle Antlitz blickte sternengleich aus den mystischen Wolken des Brautschleiers, ihr Haar krönte ein Myrtenzweig, kostbarer Schmuck blitzte um ihren Hals, ein Geschenk von Lady Helena. Der Bräutigam hatte ihr ein fleckenloses, weißes Bouquet gesandt. Um elf Uhr bestieg sie den Wagen und fuhr zur Kirche. Waisenkinder streuten Blumen und sangen den Festchor. Sie lächelte herab auf die kleinen, verwunder- ungsvollen Gesichtchen. Die Kirche war überfüllt. War es der Mühe werth, sich zu drängen, zu drücken, um sie getraut zu sehen? Eine Schaar Brautfräulein erwarteten die Braut, am Altare stand der Rector von Chesholm, bereit das unlösliche Band zu schlingen. Ein Gewürme! der Bewunderung durchflog die Menge, als Edith an Lord Westmores Arm durch das Schiff der Kirche schritt. Einen Moment später kniete sie an Sir Victors Seite und die Ceremonie begann. Laut und fest sprach die Braut ihr „Ja", in gebrochenem Ton flüsterte es der Bräutigam. Und was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht trennen. Es war vorbei, sie war Lady Chateron, und nichts hatte sich ereignet. In der Sakristei werden sie von den Freunden umringt und beglückwünscht. Edith lächelt, Sir Victor aber ist bleich und lächelt nicht. Seltsame Idee, aber Edith war's, als sehe er sie voll Furcht an. An des Gatten Arm verläßt sie die Kirche. Beim Frühstücksmahl bemühte er sich umsonst heiter und unbefangen zu erscheinen, versucht in einer Rede den Gästen zu danken und es mißlingt. Eigenthümliches Schweigen beschleicht die Gesellschaft. Bereut der Baron so bald die Heirath mit dem bürgerlichen Mädchen? Nachdem das Frühstück vorüber, kleidete sich die Braut um und nahm in heiterer Ruhe von Allen Abschied. Unter festlichem Glockengeläute verließen sie Powys Place und der Wagen rollte der nächsten Bahnstation entgegen. Kein Wort wurde gewechselt. Wieder tauchte in Edith der Gedanke auf, daß Sir Victor sie fürchte. Wie seltsam er aussieht, wie sonderbar er von ihr Abstand nimmt, wie unverwandt er zum Fenster hinaus- starrt und ihren Anblick vermeidet! War er irrsinnig? Die alte Prophezeihung hallt in ihrer Seele wieder, Geisterstimmen scheinen ihr ins Ohr zu flüstern: „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht: Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht." Sollte sich das erfüllen? Sie blickt auf ihren Gatten hatte je ein Mann am Trauungstage solch' steinernes Gesicht? Und doch hatte er sie aus Liebe geheiratet, nur aus Liebe. Wie sollte an seiner Seite sich ihr Leben gestalten? Golden neigte sich die Sonne gen Westen, als sie Wales erreichten und die Equipage sie nach der Villa in Carnavan brachte. Die junge Frau begab sich sofort in ihr Toiletten- zimmer. Sir Victor murmelte, er wolle am Strande eine Cigarre rauchen, während sie ruhe. Nachdem Edith Gesicht und Hände gewaschen, trat sie in den kleinen Salon und warf sich in ein Fauteuil am offenen Fenster. Purpurverbrämt sank die Sonne hinab, die Kämme der Wogen erblitzten gleich zahllosen Diamanten. Es ist wunderbar schön, aber einschläfernd; ihre Lider sinken, sie schlummert. Etwa eine Viertelstunde entfernt schreitet Sir Victor am Strande auf und ab, zu seinen Füßen murmelt und plätschert die unendliche See; über ihm trillern die Vögel, nirgends ist eine menschliche Seele. Rastlos geht er auf und nieder, die Hände geballt, die Lippen fest geschlossen. Jetzt bleibt er stehen und blickt verzweifelnd hinaus auf die schimmernde See. Wie beseelt von göttlicher Inspiration fällt er auf die Knie und breitet die Arme dem strahlenden Firmament entgegen. Ein stürmisches Gebet entströmt seinen Lippen. Niemand hört es, als die schlafende See, die zwischernden Vögel und Er, der sie ge- 8 Der Dom zu Mrtzlar. 574 schaffen. Endlich fällt er auf sein Angesicht und bleibt liegen wie ein Stein. Handelt und spricht so ein vernünftiger Mensch? Ueber eine Stunde liegt er regungslos, dann erhebt er sich schwerfällig. Seine Züge sind ruhiger, es sind die Züge eines Mannes, der einen verzweifelten Kampf gefochten, einen verzweifelten Sieg errungen hat. Ein eiserner Entschluß ist ihnen eingeprägt Geisterhaft bleich schreitet er der Villa zu und steht seine Braut friedlich am offenen Fenster schlummern. Sieht so lieblich aus, er aber bebt zurück wie von einem furchtbaren Schlage getroffen. „Schlafend", flüsterte er, „auch sie schlief." Einen Moment steht er wie gebannt, dann stürzt er ins Speisezimmer, wo Alles von Krystall und Silber funkelt. Hastig schreibt er einige Zeilen, faltet das Blatt und trägt es in das Zimmer, wo Edith schlief. Er legt es auf den Tisch, sinkt vor der jungen Frau auf die Kniee und küßte thre Kleidung, ihr Haar, ihre Hände. Sie bewegte sich im Schlaf, und wie von Furien gejagt, eilt er aus dem Hause. Eine Stunde später passirt der Courierzug nach London die Station Carnavan. Ein Passagier wartet auf dem Perron und veschwindet in einem Coupö erster Klasse. Die Lokomotive pfeift, keuchend setzt sich der Zug in Bewegung, und führt den Bräutigam gen Englands Metropole. (Fortsetzung folgt.) —-«-«« 4 —-- Das Londoner Wirthshaus. Im Jahre 1892 hat das englische Volk 140,866,262 L. für Getränke verausgabt, und nach der Berechnung des Mäßigkeits-Apostels Sir Wilfrid Lawson während der letzten 20 Jahre 250 Millionen Pfund Sterling, also über fünf Milliarden Franken, dem Bacchus geopfert. Mehr als ein Drittel des Gesammtein'ommens verdankt der Staat dem Alkohol und dem Tabak; übersteigt doch der Zoll und die Steuer auf Spirituosen 225 Millionen Franken. Die Steuer auf Bier beträgt 200 und der Zoll auf Tabak über 225 Milk. Franken. Man hat berechnet, daß im Jahre 1892, als sich die Einwohnerzahl im vereinigten Königreiche auf 38,109,329 Personen beließ eine Ausgabe von rund 80 Franken für geistige Getränke auf Männlein und Weiblein entfiel, und daß jede Familie, aus fünf Personen bestehend, in demselben Jahre circa 400 Franken im Wirkhshause draufgehen ließ. England verbrauchte in demselben Jahre 28,756,849 Faß Bier, Irland 1,289,019 Faß; England mit Schottland vertrank 34,035,522 Gallonen geistiger Getränke, wäbrend Irland sich mit 5,476,934 begnügte; die Weintrinker der beiden erstgenannten Länder vertilgten die anständige Menge von 13,161,011 Gallonen Wein, während die der ärmeren Schwesterinsel sich mit 1,462,334 Gallonen begnügten. . Kein Zweifel kann darüber obwalten, daß die unteren Klassen im Verhältniß zu ihrem Einkommen eine größere Summe jährlich für Getränke verausgaben als die höheren Klassen; ja, der Statistiker Professor Lcvi hat sogar berechnet, daß auf die englische Arbeiterklasse 60 Procent der jäbrlichen Ausgaben für Getränke entfällt, so daß dieser Berechnung zu Folge im Jahre 1892 über 70 Millionen Pfund aus den Taschen der Arbeiter in die der Schankwirthe flössen. Kein Wunder daher, daß sich die Temperenzler beim Durchlesen dieser Zahlen die Haare raufen und darauf hinweisen, daß diese Summe genügen würde, den Arbeitern eine Alterspension zuzusichern. Sie behaupten, daß vom Augenblick, wo die jährliche Getränkerechnung um die Hälfte falle, England zum irdischen Paradies sich umgestalten würde. Die Herren Wassertrinker werden aber noch lange warten müssen, ehe ihr Millennium auf solche Weise in England verwirklicht wird, denn anstatt abzunehmen, steigt die Getränkerechnung jährlich. Jahr um Jahr klagt der Schatzkanzler beim Vorlegen des Budgets scheinheilig über die vermehrten Einnahmen, die in den Staatssäckel aus den Taschen der Trinker fließen; Jahr um Jahr dankt dieser heimlich dem lieben Herrgott, daß die Trinker in England noch nicht alle sind. Soviel zur Einleitung. Sehen wir uns nun einmal an Hand eines Genrebildchens der „Straßb. Post" ein Londoner Wirthshaus näher an. Für einen Deutschen, der an „Gemüthlichkeit" gewöhnt ist, bietet das englische Durchschnittswirthshaus wenig Anziehendes. E euer Erde befinden sich gewöhnlich rechts und links vom Haupteingange zwei Schanktische, sogenannte Bars, an denen Getränke an Stehgäste verabreicht werden. Dieses Amt wird in den meisten Wirthshäusern von Damen, sogenannten izarrnaids, be- ' sorgt, gewöhnlich hübschen Mädchen, die gern bereit sind, sich mit den Herren Gästen in ein Gespräch einzulassen, auch Geschenke nicht verschmähen rc. Ihr Gehalt beträgt meist 10 bis 15 Franken per Woche. Die werthvollen Ohrringe, Broschen und Armbänder solcher starrnaläs in den bessern Schankwirthschasten sind gewöhnlich Geschenke ihrer zahlreichen Verehrer In mehreren Wirthschaften in der Altstadt findet man kleine, abgeschlossene Bretterverschläge — oastinots xartivuliors — wo der Citymann in Frieden mit seinem Kunden über einem Glase Wein sein Geschäft erledigen, Verträge unterzeichnen, Geld auszahlen kann. Wie großartig die über einem Glase Wein abgeschlossenen Geschäfte zuweilen sein können, wurde mir einmal klar, als ich in einer Kneipe nahe der Wollbörse in Coleman-Street zwei Geschäftsleute, wahrscheinlich Baumwollenmakier, über Waaren im Werthe von etwa 250,000 Franken unterhandeln hörte und sie sich den Kaufhandschlag geben iab. In den Wirthshäusern der journalistischen Fleet-Street werden die Heben häufig mit dem Vorlesen des witzsprühenden Aussatzes eines angehenden Journalisten, dem funkelnagelneuen Gedichte eines zukünftigen xoöts. laursatus erquickt. In der Mitte des Schankzimmers läuft gewöhnlich ein hohes, mit Spiegelglas ausgeschlagenes hölzernes Gestell; hier stehen auf den verschiedenen Brettern mit bunten Marken versehene Flaschen Whisky, Brandy, Wach- holderbranntwein, Portwein, Sherry und Liqueure aus aller Herren Ländern, die sich beim Gaslichte in allen möglichen Farben widerspiegeln. Auf einem anderen Gestell thürmen sich die Cigarren-Kisten auf; Cigarren kann man hier von einem Penny an bekommen; doch würde ich die Penny - Cigarre kaum meinem ärgsten Feinde empfehlen. Auf einem kleinen Servier-Tische laden Stilton-, Cheddar- und Gcuyörc-Käse zum Imbiß ein; daneben kann man sich an den sogenannten porlr- pies, d. h. Schweinefleisch-Pasteten, die mit Pickles aufgetragen werden, oder an warmen Würsten und Kartoffelbrei gütlich thun, oder sich mit den einfachen 575 Genüssen eines Bisenits oder eines sogenannten Sandwich — ein Schinkenbrödchen, das nach dem Namen seines Erfinders, des Carl of Sandwich, getauft ist — begnügen. Nebenbei gesagt, ist diese Erfindung die einzige That in der Lebensgeschichte des edlen Lords, die ihn zur Unsterblichkeit berechtigt; Fleischbrühe und gebratene Würstchen im Winter sind eine neue Einrichtung, die der englische Schankwirth erst vor Kurzem seinem festländischen Bruder abgelernt hat. Der englische Schankwirth hält sich so streng an den Stände-Unterschied wie der Jndier und sondert daher die gewöhnliche Heerde von den Gentlemen in einem besonderen Schankzimmer ab, auf dessen Thür mit großen Buchstaben zu lesen ist: „Oeffentliches Schankzimmer" (kubliv Bar), während die Gentlemen — ohne ihre Damen — die für sie reservirte Abtheilung mit der Aufschrift „Olöntlsmeu vul^" benutzen. Selbst im Ostende, im berüchtigten Ratcliffe Highway, einer Straße, die selbst der Polizei Schrecken einflößt, liest man auf den Wirthshausthüren die dort etwas sarkastisch klingende Inschrift „Oleut- löluön onl^!" Freilich muß der Gentleman auch dafür zahlen, daß er ein Gentleman ist, denn in der ihm vor- behaltenen Abtheilung kann er keine Getränke unter zwei Pence erhalten, während in der für das gewöhnliche Volk Bier und Rum für einen Penny das Glas zum Verschonte gelangt. In den bessern Wirths- bäusern im Westende sieht man in der O^ntlsruan Dar gewöhnlich noch dazu auf einem Schilde die Anzeige: „In dieser Abtheilung kosten die feineren Schnäpse durchweg drei Pence das Glas" — eine Anzeige, die viele Leute sofort in die öffentliche Abtheilung verscheucht, wo sie für dasselbe Geld die doppelte Quantität von Wachholderbranntwein zu sich nehmen können. Natürlich hat dieser Unterschied im Preise auch eine gewisse Scheidung der Stände zur Folge; in der einen Bar amüsirt sich die starken Tabak rauchende, spuckende, schmierig gekleidete Menge; in der andern der Gentleman im Cylinder, mit der Cigarre oder Cigarette im Munde. Eine andere Eigenthümlichkeit, die dem Fremden beim Besuch einer englischen Kneipe sofort auffällt, ist die, daß das gewöhnliche Volk fast immer aus großen Zinnkrügen trinkt, während der „Gentleman" ein Glas vorzieht. Die Zinnkrüge werden häufig von Falschmünzern gestohlen und zu halben Kronen umgeschmolzen; daher denn an der Bar die Bekanntmachung prangt: „Eine Guinee Belohnung dem, der einen Zinnkrugdieb erwischt!" und dieser reiht sich die zweite an: „Kein Fluchen und kein Wetten erlaubt!" Zur Erleichterung des Gastes, dem das schwere englische Bier zu Kopf gestiegen ist, finden sich vor dem Wirthshause Bänkelsänger aller Art ein, die mehr oder weniger gute Vortrüge geben und durchwegs vorzügliche Geschäfte machen. Dies ist besonders an Samstagen der Fall, wo die Zechbrüder ihr Wochengehalt in der Tasche haben und daher auch freigebiger sind. Die italienischen Drehorgelspieler, Musikanten auf der Flöte, Violine, Ziehharmonika und Harfe, ja, ganze Quartette finden vor dem Wirthshause ihren regelmäßigen Lebensunterhalt. Zu dieser Klasse gehört auch ein geheimnißvoller Sänger, der nach und nach die verschiedenen Viertel der Riesenstadt durchzieht. Auf einem mit einem Pferde bespannten Fuhrwerke, das von seinem eigenen Kutscher geleitet wird, steht ein echtes, salonfähiges Piano, davor sitzt der Sänger, mit einem großen, über die Stirn gedrückten Schlapphut und blauer Brille angethan, und begleitet seine wunderschöne, klangvolle Tenorstimme mit kunstfertigem Tastenspiel. Hört man den Mann so vor dem Wirthshause spielen, so kann es einem nicht entgehen, daß man es mit einem wirklichen Künstler zu thun hat. Der Kutscher sammelt das Geld und sagt „Nur Silber!" zu den Zechbrüdern. Thatsache ist, daß diesem Verlangen gewöhnlich Folge geleistet wird. Ein Künstler ganz anderer Art machte noch vor mehreren Wochen die Runde durch die Wirthshäuser — ich las kürzlich seinenNekro- log in der „Times" — und ergötzte die Trinkgäste, indem er Korkstöpsel, Ketten usw. verschlang. Gewöhnlich wettete er einenSchilling, er sei bereit, einen halben Penny, eineZeitung, eine Kugel zu verschlucken; die Wette wurde von den Stammgästen angenommen und — verloren, denn dem Schlunde dieses Künstlers kam alles recht, ob Wurst, ob Thonpfeife. In der pflichtgetreuen Ausübung seines Berufes ist er an zerlöcherten Eingeweiden dahingegangen; ein Opfer des „Kampfes ums Dasein". Der ärztliche Bericht sagt: Wir fanden in seinem Magen eine Kugel, 30 Korkstöpsel, 20 Stücke Staniolpapier, eine 18zöllige Schnur mit zwei daran befestigten Stöpseln und ein Ozölliges Stück Leder mit zwei Haken. Einer der Haken und ein Stück Staniol verursachten seinen Tod. Daneben wird das Wirthshaus von einer Unzahl von Hausireru heimgesucht, die ihre Waaren, als da sind Schuhriemen, Manschettenknöpfe, Streichhölzer und selbst Operngucker, leicht loswerden, denn ein Käufer, der drei oder vier Gläser starken Whisky getrunken, ist weder wählerisch, noch knauserig. Die Zeitungsverkäufer bringen hier jeden Abend pünktlich ihrem sportliebenden und wett- lustigcn Kunden, der regelmäßig um dieselbe Stunde in Uilla Uewman, das Elternhaus der deutschen Kaiserin. DWNU WM 576 derselben Ecke sitzt, sein Leiborgan, dessen Inhalt er mit gierigem Blicke verschlingt und dann, falls er gewonnen, mit lauter Stimme „einen Schoppen für Jedermann in der Bar" bestellt oder, falls er verloren, entsetzliche Flüche über sein gewöhnliches Pech zum Besten gibt. Der Engländer huldigt mit Leib und Seele der Göttin des Spielglücks, des Zufalls, und ein Monte Carlo in England würde die ganze Nation an den Bettelstab bringen. Er betritt mit einigen Fremden das Wirthshaus; sofort heißt es: die Münze auswerfen um die Schoppen. Nun zieht jeder eine Handvoll Pence aus der Tasche, legt sie auf den Schanktisch, und der Mann, der die wenigsten Pence mit dem Kopfe der Königin nach oben auszuweisen vermag, hat die Zeche zu bezahlen. — Vielleicht werden noch folgende Zahlen den Leser in- teressiren: London allein zählt über l 5,000 Wirthshäuser; England und Wales 123,868 oder eins auf je 287 Einwohner, und jeder Gastwirth, der mehr als 700 Pfund jährlich einnimmt, hat für seine jährliche Schankerlaubniß 60 Pfund an den Staat zu erlegen. 8» unseren Bildern Alte Märchen. Wenn ich ein Märchen hörte In meiner Jugendzeit, Von Lieb', die ewig währte Von Prinz nnd von Königsmaid, — Eine Sage aus goldenen Landen, Vom Drachenkampf ein Lied, Von Herzen, die sich fanden, Von Herzen, die man schied, — Dann mußt' ich vergessen im Frieden Des Traumes, was um mich ist, Vergessen, daß man hienieden Auch einmal mich vergißt. Mußt' suchen immer anf's neue Nach Schätzen im Märchenreich, Nach Muth, nach Kraft und Treue, Nach Liebe goldesgleich. Diese Schätze der Rittertugend Schloß ich in's Herz hinein, Erkaufte damit meiner Jugend Das Recht, unsterblich zu sein. Bruno Mohren. Der Dom zu Mrtzlar. Die im preußischen Regierungsbezirke Koblenz, am Einfluß der Dill in die Lahn, 145 Meter über dem Meere gelegene Stadt Wetzlar entstand aus einer königlichen Villa und wurde im 12. Jahrhundert freie Reichsstadt. In diese Zeit fällt auch die Gründung des merkwürdigen Domes dieser Stadt, an dem verschiedene Jahrhunderte mitgebaut baben und der noch beute unvollendet dasteht. Der Chor des Domes ist für den kathol. Gottesdienst bestimmt, während das Schiff den Protestanten zur Benützung überlassen ist, welch letztere ungefähr fünf Sechstel der Gcsammtbevölkerung ausmachen. Wetzlar, welches von 1693 bis zur Auflösung dcS Deutschen Reiches im Jahre 1806 Sitz deS ReickSkammergerichts war, ging seiner Reichsfreiheit durch den Reichsdeputationsbanptschluß anno 1803 verlustig Vor 100 Jahren, am 15. Juni 1796, fand bei Wetzlar ein Gefecht zwischen den Oestcrreichern und Sachsen unter Erzherzog Karl und den Franzosen unter Jonrdan statt, dessen Ausgang den Rückzug der letzteren bei Neuwied über den Rbein zur Folge hatte; zum Andenken an diesen Sieg ist vor 50 Jahren, 1846, auf dem Schlachtfelde ein Denkmal errichtet worden. Ein Jugendheim der deutschen Kaiserin. Nicht nur zu Dolzig in der Niederlausitz, woselbst sie am 22. Oktober 1858 das Licht der Welt erblickte, auch zu Gotha, Kiel, Primkenau und an den Ufern der Elbe verlebte die deutsche Kaiserin Viktoria Elisabeth Augusta Charlotte aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg sonnige wie trübe Jugendtage. Trübe, denn sie war die Tochter ihres Vaters, Friedrichs VIII., eines echten Sohnes 1er Insel Alsen, der für sein Wort: „Mein Recht ist Eure Rettung" schlimme Erfahrungen machen, aber schließlich doch der politischen Nothwendigkeit Heerfolge leisten mußte. Die Kämpfe des Vaters waren aber auch die Kämpfe seiner ältesten Tochter, seine Thränen waren auch ihre Thränen, doch wenn sein Herz lachte, hat auch das ihrige gelacht, denn sie liebte den Vater über alles. Alte Kieler entnimm sich noch sehr wohl der Kaiserin, wie sie als Kind am Strande zu Düsternbrook kleine Kieselsteine über die Meeresfläche warf und Kuchen aus Strandsand formte. Unser Bild gibt eine Ansicht der Villa Newman in Nienstedten bet Hamburg wieder, in welcher die herzog'icke Familie eine Zeit lang domizilirte. Aber auch in diesem Eltcrnhause wird Friedrichs VIII. Licblingstochter schwerlich geahnt haben, daß ihr hellblondes Jngeborg-Haar noch dereinst von dem Diadem der deutschen Kaiserin umstrahlt werden würde. Die Villa macht einen durchaus bürgerlichen, bescheidenen Eindruck; bescheiden wie diese Villa ist das Herz der Kaiserin geblieben. ^V. L. Allerlei. Ein junger Kaufmann in Aachen mußte dringender Geschäfte halber nach Köln reisen. Der junge Mann wickelte seine Geschäfte schneller ab, als er dachte, und wollte am dritten Tage heimkehren. Am Nachmittag erhielt seine Frau von ihm folgendes Telegramm: „Komme heute Abends 7 Uhr." Damit wollte er nur sagen, daß er Abends 7 Uhr hier sein wollte; weil nach dem kaufmännischen Briefstile der Kürze halber das „Ich" weggelassen war, fuhr seine Frau sofort nach Erhalten der Depesche nach Köln, um, dem Wunsche ihres Mannes entsprechend, Abends 7 Uhr dort zu sein. Welch' beiderseitiger Schrecken! Er hier, sie dort! Er eilte auf's Telegraphenbureau und telcgraphirte seiner Frau nach Köln: „Komme morgen mit dem ersten Zuge." Damit wollte er kaufmännisch kurz sagen, daß er andern Tages mit dem ersten Zuge nach Köln reisen werde, um sie zu holen. Seine Frau faßte die Depesche wieder auf wie jedes andere Menschenkind und reiste am andern Tage mit dem frühesten Zuge nach Aachen, um ihren Gatten doch endlich wiederzusehen. Doch welche neue Täuschung! Jetzt reiste er, ohne zu telegraphiren, sofort nach Aachen zurück; er fand seine Frau in Thränen gebadet zu Hause. -—-- Me Aase. Sah am Weg ein Röslein steh'n, Wollt' es brechen mir vom Strauch; Denn micb nimmer weitergeh'u Ließ der zarten Düfte Hauch. Doch als ich das Röschen brach In dem rothen Blüthenkleid, Unverseh'ns ein Dorn mich stach, Und um's Pflücken war's mir leid. Menschenkind, im Taumel hier Trinkst den Freudenbecher du, Freudumrauschet sage mir: „Fandst du die ersehnte Ruh'?" „Ach, die Freud' der Rose glich! Wollt' genießen sie das Herz, Bald die reine Freude wich; Denn sie war gemischt mit Schmerz." Robertus, 8. I). 8. --EZS--