M76. Freitag, den 11. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Ein fnvchtbaves Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 23. Kapitel. Am folgenden Tage. Des Sonnenunterganges letzte Nöthe war verblichen, silbern blinkten die Sterne, der Mond spielte sich in der See, als Edith lächelnd erwachte. Im Traume war sie in Sandypoint, an Rudolfs Seite gewesen, hatte die auf immer verschwundenen Zeiten durchlebt. Nun erwachte sie, um das Mondlicht hereinsirömen zu sehen, der Nachtluft Geflüster, das sanfte Anschlagen der Wellen an die Küste zu hören, und erhebend, sich als Sir Victors Weib wiederzufinden. Es war ihr Hochzeitstag. Ihres Lebens ehrgeizigen Träume waren glänzend erfüllt, und doch lag ihr Herz wie ein Stein iu der Brust. In der Stunde fürchtete sie sich und ihren Mann. Sie erhob sich fröstelnd und blickte in dem vom Mondlicht schwach erhellten Zimmer umher. Sir Victor war nicht da. Dreiviertel auf sieben Uhr; natürlich erwartete er sie ungeduldig im Speisesaal. Unbeachtet lag das Billet auf dem Tische. Sie läutete. „Ist Sir Victor im Speisezimmer, Jamison?" fragte sie den vertrauten Diener, in dessen Zügen sich Staunen malte. „Sir Victor? Mylady, ich — ich dachte, Sir Victor wäre hier." „Sir Victor ging nach unserer Ankunft an den Strand, ich fragte, ob er zurückgekehrt sei?" „Ich sah ihn vor mehr als einer Stunde. Mylady schliefen am Fenster, als er kam. Er begab sich in den Speisesaal, schrieb einen Brief und trat dann hier ein." Edith horchte mit steigender Verwunderung. „Wenn Mylady erlaubt, zünde ich die Kerzen an und sehe nach, ob Sir Victor in einem andern Zimmer ist." Sie nickte bejahend. Als es hell geworden, bemerkte Jamison sofort das Billet auf dem Tische. „Hier ist ein Brief, Mylady." „Gut", sprach sie kurz und sich mühsam beherrschend, „wenn ich Sie brauche, werde ich läuten." Er verließ das Zimmer mit einer Verbeugung. Sie zauderte, das Siegel zu erbrechen. Was sollte das bedeuten? Warum schrieb ihr Sir Victor und entfernte sich? Endlich ermannte sie sich und las die hastig geschriebenen Zeilen: „Um Himmelswillen, bemitleide mich und vergib. Wir werden uns nie mehr sehen. O, Geliebte, glaube, daß ich Dich nie halb so sehr liebte, als jetzt, wo ich Dich verlasse. Liebte ich Dich weniger, ich wagte zu bleiben. Mehr kann und darf ich nicht sagen, mich bindet ein dem Todten und den Lebendigen gegebenes Versprechen. Ein schreckliches Geheimniß, Sünde, Schande und Schuld sind dabei betheiligt. Geh' zu Lady Helena, mein geliebtes Weib und leb' wohl! Mein Herz bricht beim Schreiben des grausamen Wortes, das geschrieben werden muß. Leb' wohl! Ich habe nur ein Gebet im Herzen, nur einen Wunsch in der Brust, daß mein Leben kurz sei. Victor." Sie stand wie betäubt. War das ein Traum oder war ihr Mann plötzlich dem Irrsinn verfallen? Sie saß ruhig nnd versuchte zu denken; wieder und wieder las sie den Brief. Konnte ein vernünftiger Mensch ihn schreiben? „Ein schreckliches Geheimniß, Sünde, Schande und Schuld sind dabei betheiligt." Betraf daS Geheimniß seiner Mutter Tod? Doch wie sollte er sie deshalb verlassen? Welch' furchtbare Enthüllung war ihm an seines Vaters Todtenbett geworden? Seit der Zeit war er nicht mehr er selbst gewesen. Ein Gedanke durchzuckte ihr Gehirn, schrecklich und unnatürlich genug, aber wie sollte selbst das, falls es wahr wäre, ihn veranlassen, sie aufzugeben? „Liebte ich Dich weniger, so wagte ich bei Dir zu bleiben", welche Notomontade war das? Beweisen Männer ihre Liebe dadurch, daß sie ihre Frauen verlassen? Es schien außer Zweifel, daß er irrsinnig geworden, ob des Vaters Tod. Zeitweise war er sichtlich vor ihr zurückgebebt, schien sie zu fürchten. Es war das Aufdämmern des Familienwahnsinns. Des Vaters fixe Idee war, sich einzusperren und sich für todt auszugeben, jene des Sohnes, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen. Welch' herrliche Nacht es wart- Was that man in Sandypoint? WaS that Trixy, was Rudolf? Sie hatte beschlossen, nicht mehr an ihn zu denken, jetzt schwebte ihr fein Bild im Strahl deS Mondes vor, bleich, ernst, verachtungsvoll. „Wie muß er mir zürnen, mich verachten", dachte sie. „WaL immer Dir das neue Leben bringen mag, mich darfst Du nicht tadeln", hat er mir an jenem regnerischen Morgen in Sandypoint gesagt. Wie lange scheint das her, welche Ewigkeit seit jener Nacht im Schnee! O, daß ich damals an seiner Seite gestorben wäret". 578 Sie ließ den Kopf auf das Fenstergesimse sinken und bewegte sich nicht. Stunde um Stunde verrann. Sie weinte nicht, sie fühlte nur einen dumpfe'.!, unbeschreiblichen Schmerz im Herzen. Sie hatte das ersehnte Ziel errungen, war die Gemahlin eines reichen Aristokraten, um dessenwillen sie dem geliebten Manne entsagt, und das war das Ende! Gegen Mitternacht erst legte sie sich zur Ruhe. Oft find Sorgen das beste Schlafmittel, traumlos schlief sie bis zum Morgen. Als sie erwachte, richtete sie sich auf und blickte verwirrt um sich. Da blitzte der Gedanke an die Ereignisse deS gestrigen Tages auf, und sie rüstete sich entschlossen zur Abreise. Wie schnell waren ihre Flitterwochen zu Ende. Sie lächelte seltsam bei diesem Gedanken. Gegen Abend erreichte sie Powys Place, erschrocken wich der Bediente zurück bei ihrem Anblick. „Ist Lady Helena zu Hause?" Sie war zu Hause; noch blickte der Mann sie entsetzt an. Sie eilte an ihm vorüber und begab sich unangemeldet zu der Dame Privatgemächern. „Herein!" rief eine bekannte Stimme. Edith trat ein. Lady Helena stieß einen Schrei aus und blieb wie verzaubert vor ihr stehen. „Edith!" keuchte sie endlich, „was ist'L? Wo ist Victor?" „Ich weiß es nicht, ich habe ihn seit gestern Nachmittag nicht mehr gesehen." Lady Helena bewegte stumm die Lippen. Sprachloser Schrecken hatte sie befallen. „Ermüdet von der Reise schlief ich am Fenster ein", erzählte Edith ruhig, „nachdem Sir Victor mich verlassen, um, wie er sagte, am Strande spazieren zu gehen. Ich erwachte um sieben Uhr und befand wich noch allein. Er war inzwischen gekommen und gegangen." „Gegangen?" „Ja, und diesen Brief hat er hinterlassen; Sie sehen, daß ich nur auf seinen Wunsch hierher zurückkehre." Die Tante las das Billet erbleichend. „So früh", flüsterte sie, „o, ich fürchtete es." „Sie fürchteten es? Heißt das, daß Sie den Brief verstehen?" „Ich glaube, ja." „Habe ich einen Irren geheirathet?" Lady Helena stöhnte. „Wahnsinn liegt im Blute Chaterons", fuhr Edith fort, „sein Vater starb im Irrsinn, hat der Fluch nun auch den Sohn an seinem Hochzeitstage befallen?" Lady Helena schluchzte krampfhaft, es war ihre einzige Antwort. „Für Sie ist eS traurig", sprach die junge Frau düster, „denn Sie liebten ihn." „Und Du nicht?" fragte die Tante tonlos, „hei- r'Ähetest Du meinen Neffen ob seines Ranges und Reichthums? O, besser wäre es für ihn gewesen, er wäre gestorben bevor er Dich gesehen!" „Viel, viel besser für ihn und mich. Ja, ich hei- räthete ihn ob seines Ranges und Reichthums, ich liebte ihn nicht, ich liebte meinen Vetter und verdiene Alles, was über mich geht. Nun habe ich die Wahrheit gesagt und frage nicht, von welchem Geheimniß er spricht, aber ich möchte Sie bitten, nach ihm forschen zu lassen; wenn er irre ist, sollte er nicht sich selbst überlassen bleiben." „Irre? Er ist so wenig irre wie Du." „Nicht irre?" flüsterte Edith erbleichend, „nicht irre, und — er verläßt mich." „O, mein Gott, was habe ich gesagt? Vergib mir, Edith, ich weiß nicht, was ich rede. Lass' mich allein, auf daß ich die Sachlage zu fassen suche." „Gut, ich werde Sie heute nicht mehr stören." Sie wandte sich zur Thür; Lady Helena folgte ihr und umarmte sie weinend. „O, mein Kind, es ist schrecklich für Dich und mich, aber warum bist Du so eigenthümlich kalt? Du siehst aus wie erstarrt." „Ich fühle mich so", stöhnte sie, „ich kann nicht weinen, ich glaube, ich habe kein Herz." Langsam schritt sie aus dem Zimmer und begab sich in die liebgewordenen Räume. Der Abend war stürmisch und regnerisch. In später Stunde läutete es, und der Bediente erblickte in der Dunkelheit eine verhüllte Mannesgestalt. „Ist Lady Helena zu Hause?" fragte eine heisere Stimme. „Ja, aber zu solcher Stunde empfängt sie keine Besuche." „Geben Sie ihr daS, und sie wird mich empfangen." Trotz der Verhüllung lag im Wesen und der Stimme deS Fremden etwas Bekanntes. Der Bediente brachte den Brief seiner Herrin. „Weise den Herrn sofort in die Bibliothek", befahl sie, «ich komme." Der Fremde behielt Hut und Mantel an. Das Zimmer war schwach erleuchtet, er blieb im Schatten stehen. Lady Helena erschien bleich auf der Schwelle. „Bist — bist — Du eS?" stammelte sie. Sie nahte langsam und richtete den entsetzten Blick auf das verhüllte Gesicht. „Ja, ich bin'S, bitte, schließe die Thür." Sie entsprach und Sir Victor warf die ihn verhüllenden Kleider ab. 24. Kapitel. Der Tragödie zweites Ende. Trübe und regnerisch graute der Morgen über Powys Place. Edith schritt stundenlang im Zimmer auf und nieder. Das Bild ihres verlassenen, verlorenen Lebens rollte sich auf. Verlassen in der Stunde des Triumphes, gedewü- thigt wie noch nie eine Braut, der Gegenstand des Hohnes, des verächtlichen Mitleids aller Welt. Und was würden Rudolf und Trixy sagen, wenn sie davon hörten? Um Reichthum und Rang hatte sie sich verschachert, und das war das Ende. Sie litt furchtbar, ihre Züge verzerrten sich vor innerer Qual. Als sie aber zum Frühstück hinabging, hätte der schärfste Beobachter nichts davon bemerkt. Was auch kommen mochte, sie schien zu Allem bereit, auf Alles gefaßt. Bleich und zitternd erwartete sie Lady Helena. „Als ich eben aus meinem Zimmer trat", begann Edith nach der ersten Begrüßung, „flüsterten zwei Bediente im Corridor. Als sie mich sahen, schwiegen sie sofort, aus den wenigen Worten aber, die ich vernommen, schließe ich, daß mein Mann gestern hier war." Die Tante ließ klirrend den Löffel fallen. „Ich soll vielleicht das auch nicht wissen?? fuhr die 57S junge Frau fort, „wenn Sie mir'S aber sagen würden, könnte es meine Maßregeln beeinflussen." „Deine Maßregeln?" „Ja; wir wollen später darauf zurückkommen, zunächst fragt es sich nur, ob Ihr Neffe gestern hier war oder nicht?" „Ja." Sie verbarg das Gesicht in ihre Hände. „Helfe mir der Himmel, es ist mehr als ich ertragen kann. Und was soll ich Dir sagen, mein Kind, wie Dir betstehen in dem großen Leid, das Dich betroffen hat?" „Sie sind sehr gütig, ich bedarf keines Beistandes und habe mein Schicksal reichlich verdient. Aus Gewinnsucht heirathete ich Ihren Neffen, ohne einen Funken Liebe, und wer weiß, ob mein Herz sich ihm je zugeneigt hätte. Nun bin ich verlassen und verwittwet am Hochzeitstag." Sie lachte bitter. „Ich will nicht zu viele Fragen stellen, will nicht mit dem Schicksale kämpfen, sondern mich ihm ergeben; das nur möchte ich wissen, warum mich Sir Victor, der mich, so wenig ich eS auch verdiente, liebte, am Hochzeitstage verlassen konnte, wenn er nicht wahnsinnig ist! Und ich bitte Sie, Tante Helena, mir so offen zu antworten, wie Sie es vor Gott thun würden; ist mein Mann irre oder nicht?" Eine Pause folgte. „Gott sei Dir und ihm gnädig", sprach Lady Helena endlich,'„er ist nicht irre." Sie verhüllte ihr Antlitz und weinte. Am Fenster stand Edith regungslos und sah hinaus auf den fallenden Regen, den grauen Himmel, die sturm- aeveitschten Bäume. „Nicht irre? Sind Sie dessen gewiß? Nicht irre, und er hat mich verlassen?" „Er hat Dich verlassen. O Kind, wenn ich nur wagte, Dir alles zu sagen, Dir zu sagen, wie er nur aus großer, edler Liebe Dich verläßt. Hättest Du ihn gesehen, wie ich gestern, zum Schatten geworden in einem Tag, nach dem Tode sich sehnend, als den einzigen Befreier, selbst Du hättest ihn bedauert." „Ich verstehe all' das nicht, und doch bin ich dem Geheimniß, das er in seinem Briefe andeutet, vielleicht Näher, als er und Sie denken." „Was meinst Du?" fragte die Matrone erschrocken. „Daß das Geheimniß, das ihn von Mir treibt, sich auf den Mord seiner Mntter bezieht; soll ich Ihnen sagen, wer den Mord vollbracht?" Die Dame bewegte stumm die Lippen; wie gebannt blickte sie auf Edith. „Nicht Jnez Chatcron, die deshalb im Gefängniß lag; nicht Juan Chateron, auf den sich noch heute der Verdacht heftet — Sir Victor selbst hat kaltblütig sein Weib ermordet." Ein leiser Schrei ertönte; war das Entsetzen über das schreckliche Wort oder über die kühn gesprochene Wahrheit; wer wußte es? „Ich glaube, Sir Victor war ein feiger Mörder", fuhr Edith fort, „so feige, daß er den Verstand verlor, als er sah, was er gethan, und die Folgen ermaß. So bezahlte die Schuld seines Lebens mit Wahnsinn. DaS Motiv freilich vermag ich nicht zu ergründen, vielleicht war es Eifersucht auf Juan Chateron." Bleich und schreckvoll blickte Lady Helena auf die Sprecherin. „Und wenn dem so wäre — bedenke, ich stimme Deinen grauen Ansichten nicht bei — würde daS Deine- Mannes Fortgehen entschuldigen?" „Nein!" rief Edith blitzenden AugeS, „nachdem er mich geheirathet, sollten zehntausend Familiengeheimnisse ihn nicht veranlassen können, sich von mir zu trennen. Wäre er vor der Trauung zu mir gekommen und hätte mir Alles gesagt, wie es seine Pflicht gewesen wäre, so hätte ich ihn von ganzem Herzen bemitleidet, und wenn irgend etwas mich ihm als Gattin näher gebracht hätte, so wäre es dieses Mitleid gewesen. Jetzt aber wenn er käme und auf den Knien um Wiedervereinigung bäte, ich würde lieber sterben." Zürnend schritt sie auf und nieder. „All' das Gerede, daß er mich aus Liebe verlassen, ist barer Unsinn, von dem wir lieber nicht sprechen wollen. Kein Geheimniß auf Erden soll den Mann von seinem Weibe trennen, davon bin ich fest überzeugt." „Und doch hat er recht gehandelt", sprach Tante Helena mit feierlichem Pathos. „Ich begreife es nicht, ich vermag kein Motiv zu ergründen, das auch nur einigermaßen sein Benehmen rechtfertigen könnte. Ich hielt ihn für irrsinnig, Sie sagen, er sei es nicht; ich glaubte, er habe an mir ein schmähliches Unrecht begangen, Sie behaupten, er habe Recht gethan." „Einst wirst Du Alles erfahren, auf dem Todten- bette will er Dir den Schleier lüften, und je eher der Tag kommt, desto besser ist es für ihn. Gestern kam er, um bezüglich Deiner Zukunft mit mir zu sprechen." Seltsames Lächeln überflog Edith's Züge. „Was geht meine Zukunft ihn an?" „Welche Frage l Du bist ehrlich genug, zu gestehen, daß Du ihn ob seines Ranges und Reichthums geheirathet, und in der Hinsicht wenigstens sollst Du nicht getäuscht werden. Der Ehccontract wurde, wie Du weißt, sehr großmüthig festgesetzt, und dazu will er Dir jeden Heller geben, der ihm anfällt. Er beabsichtigt, nach dem Orient zu gehen, und hält sich nur die nöthigen Subststenzmittel vor. Sehen will er Dich nicht mehr, weil er sonst nicht fähig wäre, Dich zu verlassen. Du tadelst ihn, Dtt hassest ihn, aber ach, Du würdest ihn bemitleiden, ihm vergeben, wüßtest Du, wie er leidet, wie schrecklich ihm die Trennung ist und wie sie doch unvermeidlich ist." „Ich weiß eS nicht, jetzt aber fühle ich nur, daß er mich verlassen, und daß ich darob ihn, hasse und ihm nicht vergeben könnte, auch wenn er stürbe. Seine Groß- muth habe ich nie bezweiselt; meinen schnöden Eigennutz habe ich gestanden; aber es gibt Dinge, die eines KöntgS Reichthum nicht ersetzen kann, und hierher rechne ich es, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen. Lassen Sie uns jetzt nicht weiter davon sprechen, morgen sollen Sie erfahren, was ich bezüglich meiner Zukunft beschlossen habe." - Sie wandte sich zur Thür. „Ich bedaure Sie vom Grunde meines Herzens und wünsche nur, Sie trösten zu können." „Das kannst Du; bleibe bei mir, sei meine Tochter, ersetze mir den Sohn, den ich verloren." Edith's bleiches Gesicht milderte sich nicht. „Morgen wollen wir das entscheiden", sprach sie. Sie verließ daS Zimmer und kam den ganzen Tag nicht wieder in die Familiengemächer. In ihrem Zimmer packte sie den kleinen Koffer, der, als sie nach New-Iork kam, all' ihre Habe enthalten hatte. Sie packte nur. 580 töäS dävials sie besessen. All' die Naben, Juwelen und kostbaren Geschenke, die sie von ihrem Gatten und dessen Familie erhalten, ließ sie zurück. Sie behielt nicht einmal den Trauring. Als Alles geordnet, schrieb sie an Lady Helena: „Ich gehe, liebe Freundin, um mir selbst einen Weg zu bahnen im Leben. Suchen Sie nicht, mich aufzufinden, denn nichts vermag meinen Entschluß zu ändern. Meine Habe, die ich bet meiner Ankunft hier besessen, befindet sich in dem schwarzen Koffer, den ich Sie bitte nach Verlauf einer Woche auf die Caston Station zu senden. Zwei Bücher von Ihnen nehme ich als Andenken mit, alles Andere lasse ich zurück. Von Sir Victor nehme ich nichts mit, nicht einmal seinen Namen. Sie werden einsehen, daß ich die letzte Spur von Stolz und Selbstachtung verlieren müßte, würde ich seinen Namen führen oder auch nur einen Heller von ihm annehmen. Adieu, liebe, gute Helena! Wenn wir uns im Leben .vicht wiedersehen sollten, so glauben Sie doch, daß in meinem Herzen sich nur Gefühle des Dankes und der Liebe für Sie befinden. Edith.« Mit bebender Hand schloß sie den Brief. Ihr ganzes Vermögen belief sich auf zwölf SovereignS. Damit wollte sie der Zukunft entgegentreten, und die Frage: „was thun?« erhob sich ernst und drohend vor ihr. „Geh' in die Welt und arbeite um's tägliche Brod. Blicke der Armuth, die Du so sehr gefürchtet, daß Du um ihr zu entgehen, Dich verkauft, kühn ins Auge. Geh' nach London, dort mußt Du Arbeit finden." So lautete die Antwort, die eine innere Stimme ihr gab. Sie schrak vor dem Gedanken zurück, arm und allein den Kampf mit dem Leben um das Leben aufzunehmen, sie entschloß sich dennoch. Kein Gedanke, nach Amerika heimzukehren, tauchte auf. Was bot ihr die Heimath? Sie wollte nicht wieder nach Sandhpoint und zu dem verhaßten Einerlei zurückkehren, abgesehen davon, daß sie hierzu nicht einmal die Mittel gehabt hätte. Sie litt furchtbar in der letzten Nacht ihres Aufenthaltes in PowyS Place. , - „Nette mich, Himmel, denn die Wasser der Trübsale strömen mir ins Herz!" lautete ihr wildes, werth- loseö Gebet. Ihr Leben war zerstört, ihr Herz verödet, als Bettlerin mußte sie hinaus in den Kampf ums Dasein. Und sie hätte Liebes Heimath und Rudolf besitzen können! . Gibt es einen «schmerz, der größer ist, als der, den wir selbst über uns bringen? , Sie sank auf die Kniee, bedeckte ihr Gesicht und weinte blutige Thränen. - Verloren! Verloren Alles, was das Leben lebens- werth macht! So verstrich die unglücklichste Nacht ihres Lebens. Fern im Osten erhellten sich die Berge, als Edith leise durch die Seitenthür hinausglitt. ES war rauh und kalt, ein heftiger Wind blies, aber es regnete nicht. Nach einem langen letzten Blick auf Lady Helena's Fenster flüsterten die bleichen Lippen wehmüthig: „Lebewohl! Lebewohl!" und entschlossen eilte die junge Frau den Pfad entlang und war bald aus dem Bereiche des Schlosses entschwunden. (Fortsetzung folgt.) -- » > , , , .>«—- „HerMlatter."*) F. W. Webers letzte Gabe! Er selbst hat diese Sammlung noch vorbereitet, aber ehe sie beendet war, mußte der greise Sänger sich zur letzten Fahrt rüsten. Wie er sich dieses letzte Buch gedacht hat, das hat er in der Widmung noch selbst sagen können: Vergilbtes Laub, farblose Blätter nur: Die karge Spende der Nvvemberflur; Mit blauem Enzian die Herbstzeitlose Und eine kranke, spätcrblühte Rose! Hätt' ich nicht achtlos in den Wind gestreut, Hätt' ich umhegt und wohlgepflegt bis heut', Was mir der Lenz, der lange Sommer gönnte, Welch voller Kranz, den ich euch bieten könnte! Wie Distcldauuen flog'ö in alle Welt; Nun rafft' ich, was ich fand im öden Feld: Ein letzter Strauß, schier eines Bettlers Gabe; Mag denn auch er vcrweh'n auf meinem Grabe. - Also ein poetischer Nachlaß; aber keineswegs ein ärmliches, mühsam aus allen Schubfächern zusammengesuchtes Werk. Die Herausgeberin hat nach dem Tode des Dichters dessen Absicht etwas erweitern zu dürfen geglaubt und eine ganze Anzahl von Dichtungen in die Sammlung aufgenommen, die uns einen kleinen Einblick in den Entwickelungsgang des Dichters gestatten. Als Sechzigjäriger zwar gab er erst fein „Dreizehnlinden" heraus; aber auch schon der junge Student war begeistert für die Schönheiten der deutschen Sprache und hat in manchem formvollendeten Gedicht seine Gedanken und Stimmungen festgehalten, ehe er daran dachte, mit den Ansprüchen eines zeitgenössischen Dichters vor die Welt zu treten. An anderer Stelle ist bereits bemerkt worden, daß man vielleicht besser dies letzte Werk Webers ganz so gelassen hätte, wie er es ursprünglich geplant hatte; zu einer Sammlung früherer Dichtungen hätte sich wohl noch Gelegenheit gefunden. Der Charakter des Buches wäre dadurch einheitlicher geworden, die Stimmung des Dichters wäre auch in einer kleineren Sammlung fühlbar zum Bewußtsein des Lesers gekommen. Dafür bietet man uns jetzt allerdings ein reichhaltigeres Buch, das Ernstes und Heiteres, sinnende Weisheit des reifen Mannes und frohen Jugendmuth des Werdenden, Eigenes und Fremdes vereinigt. Und auch dieses Buch zeigt uns den ganzen Weber, den kindlich-gläubigen katholischen Christen voll Liefen Lebensernstes und voll freudiger Begeisterung für alles Herrliche in der Gottesnatur, für alles Hohe und Ideale, was das-Herz des Christen- menschen bewegt. Es ist derselbe fromme Dichter, der am Ende von Dreizehnlinden als „armer Schreiber" um das Gebet der Leser fleht. An der Schwelle seines neunten Jahrzehntes blickt er zurück auf sein arbeitsreiches Leben mit der bangen Frage: „Nur Traum?", aber auch mit der gläubigen Bitte: „Der dunkle Fährmann winkt in seinen Nachen: — O gebe Gott ein seliges Erwachen!" Auf Weber paßt wohl das Wort vom frommen Sänger, der seine herrliche Kunst bescheidentlich in den Dienst Gottes stellt, dem er Alles dankt und auch die kleine Laute: „Wie arm ihr Spiel auch sei, es war des Klausners Trost manch trübes Jahr." Demüthig sagt er: „Nie möcht' ich mit den Schwänen streiten, Die himmelhoch die Flügel breiten: Horcht doch ein stiller Wand'rer auch » Dem Finkcnschlag in Busch und Strauch. *) Nachgelassene Gedichte von F. W. Weber. Paberborn, Ferdinand Schöningh. 681 Dem Niesenstrome Preis und Ehre. Der Masten trügt und wogt zum Meere: Doch Dank wird auch dem Bach gezollt, Der Wiesen tränkt und Räder rollt." Weil er nie nach dem Effect, nach dem Ruhme deS Tages gehascht hat, darum gerade zeigt sich uns F. W. Weber überall als der wahre, echte Dichter, der alles selbst durchlebt und durchdenkt, der mit der Welt, die ihn umgibt, lebt und fühlt, sich freut und leidet. Nie- wand wird sich wundern, wenn er bei solchen Charakter- Eigenschaften des Dichters auch schon bei dem jungen Studenten und Arzt jenen tiefen Lebensernst findet, der aus allen seinen Werken überzeugungsvoll zu uns spricht. Zu« Christtag 1836, da hat man ihm keinen Christbaum angezündet; er war fern von der Heimath und wehmüthig gestimmt: Und der mein Christbaum werden sollt' Der steht im wilden Hag Und wächst, von Geisterhand gepflegt, Noch manchen lieben Tag. Sein Bruder war'S, der mich als Kind An seinem Schatten barg: Sein Vater war die Wiege mir, Er selber wird — mein Sarg. Doch blieb der „Weltschmerz", der so viele Dichter jener Zeit gepackt hat, dem klaren Auges in's Leben blickenden Weber fern. Ein Christ kennt nicht das thatenlose Hindämmern in der Trauer um das Unvollkommene in dieser Welt; er mag es betrauern, aber er nimmt eS hin als Schickung des allmächtigen, allwetsen Schöpfers. Und für allen Schmerz gibt es eine große Samariterin, .die naht, Stumm, ungeseh'n, wenngleich sie Niemand bat, Die stillste, treu'ste der barmherzigen Schwestern. Ob Allen fremd, doch Allen wohlbekannt. Ist sie von je daheim in jedem Land, In Dorf und Stadt, in Hätt' und Burg. Sie reitet Auf einem Roß, das sacht, doch stetig schreitet. Und trifft sie einen, der geschlagen ward, Sie traust ihm lindernd Oel, berührt ihn zart Mit weicher Hand und haucht und flüstert leise Ihm Trost und Hoffnung zu nach Frauenwcise. Sie nimmt ihn auf und gibt ihm daö Geleit Zur stillen Herbcrg, oft auf dunklem Wege, Daß sein der milde Vater liebreich pflege. Wer ist die Samariterin? — Die Zeit. Aber auch ein Grübler und Kopfhänger ist der Dichter nicht gewesen in seinen jungen Jahren. Auch er hat den Becher der Jugendlust getrunken in vollen Zügen. Daß er sich daran übernommen hätte, davor schützte ihn sein gläubiger Sinn. Wenn der Einundzwanzigjährtge betet: „O leuchte mir, Du cw'ges Licht Durch Deinen heil'gen Namen! Du lieber Gott, verlaß mich nicht, Verlaß mich nimmer. Amen." — um den ist es wohlbestellt, der wird nicht so leicht der Versuchung unterliegen. So konnte auch der Greis ohne Neue „Im Herbst" zurückblicken auf die Tage der Rosen: „Ich ahne schon des Winters Tosen Und gäbe gern, so karg ich bin, Für eine Handvoll Frühlingsrosen Des Herbstes ganzen Reichthum hin." Webers kraftvolle Natur offenbart sich uns namentlich in seinen Liebesliedern. Wenn der junge Arzt in finsterer Sturmnacht seiner Pflicht folgte, denkt er an seine liebe Braut: / „Weit überschwillt die Ufer des Bachs empörte Fluch, Ihm graust nicht, denn er reitet in guter Geister Hut; Er hat in Stromes Mitte an sein FeinSlieb gedacht, Und seine Lieder klingen hinaus in Sturm und Stacht. Das ist die Lust der Eiche, wenn Wetter sie umweh'n. Das ist des Mannes Freude, im heißen Kampf zu steh'», Zu ringen mit dein Leben, wie feindlich es auch droht, Und um das Leben wieder zu ringen mit dem Tod. Du aber, meine Rose, Du mußt in Frieden blüh'n, Dir müssen alle Stürme harmlos vorübcrzich'n. Dir strahl' im milden Glanz: der Acther immerdar Blau, wie Dein frommes Auge, wie Deine Seele klar." Nichts von Weltschmerz, von jener weichlichen Erotik, die alle Liebespoesie dem Gespülte überantwortet hat! Und doch, bei aller Kraft der Empfindung, zart und sinnig! Solcher Natur ist auch der kernige Humor nicht fremd, wie in Herrn „SchnäufleinS Frühlingsfreude". Eine kostbarere Persiflage philiströser Frühlingsempfindung ist bald nicht zu finden: „Frühling! Auf den Emmerwiesen Gch'n in: Kümmel bald die Lämmer, Und die besten Kümmelkäse Macht GcrtrudiS an der Emmer. Blondes Haar und blaue Augen Hast Du, niedliche Therese; Doch Gertrudis, Deine Schwester, Macht die besten Kümmelkäse." Den Schluß des ersten Buches machen zahlreiche formvollendete Uebertragungen englischer, schwedischer, dänischer Dichter, wie denn der Dichter für die nordische Poesie eine große Liebe hegte. Im zweiten Buche treffen wir wieder auf einen reichen Perlenkranz eigener Weber- scher Dichtungen, christliche Lebensweisheit in der unmuthigsten, wechselnden Form. Wir würden der Heraus- geberin vorgreifen, wollten wir eine Auswahl aus diesen Liedern und Sprüchen hierherstellen. Es genüge der Hinweis, daß weitaus das Meiste von dem hier Abgedruckten vollkommen auf der Höhe der Weber'schen Schaffenskraft steht. Und wenn nicht jede Zeile original ist, so nehme man willig des Dichters Rath hin: „Ein gutes Wort, ein wahres Wort, DaS darf man zweimal, dreimal sagen; Ein Samenkorn am rechten Ort Wird Wurzel schlagen und Früchte tragen." Zu den alten germanischen Necken führt uns das dritte Buch zurück mit dem einleitenden Gedicht „Wodan auf den Karpathen" in der Dreizehnlindenstrophe, die der Dichter auch hier gar meisterlich handhabt. Balladenartig, in düster-ernsten Bildern spricht uns „Tristans Tod" an. Eine Perle der Lyrik ist wiederum das Gedicht „Uhlands Tod". Als Uhlands Arzt, der beim Hinscheiden des großen Dichters zugegen gewesen, dessen Haus verließ, hörte er von ferne das bekannte Uhland'sche Lied „vom guten Kameraden" singen. Diese Angabe hat in sinniger Weise der Dichter in sein Lied verflochten; Und ob im Todeskampfe Das deutsche Herz Dir brach: Dein Geist wird uns umschweben, Denn Deine Lieder leben Bis an den jüngsten Tag. Der Mond. der schien so helle. Der aus den Wolken trat, Im Neckar sang cS leise Und fern verklang die Weise: „Mein guter Kamerad". Die wenigen Proben mögen genügen, um dem Leser ein Bild zu geben vom Nachlaß Fr. W. Webers. Niemand wird es bereuen, dieses Buch gekauft zu haben. 582 Er hat darnit einen treuen Freund, einen Genossen mancher still-sinnenden Stunden zu sich in's Haus genommen. Die prächtige Ausstattung macht zudem das Werk zum Schmuck jeder Bibliothek. Möge es an Zahl der Auflagen seinen Vorgängern nicht nachstehen! ---sr-v-se-"- Der gesellschaftliche Gruß. Die Achtung seiner Mitmenschen zu besitzen, ist ein Wunsch, den jedes noch nicht ganz verdorbene Individuum in hohem Grade hegt, und darum ist es erklärlich, daß jeder Mißerfolg in dieser Richtung innerlich schwer verletzen muß. Eine der vornehmlichsten Ausdrucksweisen dieser so sehr erstrebten Achtung ist der Gruß, und es ist deßhalb begreiflich, daß die Menschen bei ihren Begegnungen eine große Aufmerksamkeit darauf zu richten pflegen, ob sie gegrüßt werden und wie dieser Gruß beschaffen ist. Das Versagen eines Grußes, eine nachlässige, verdrossene, kurze Art des Grüßens verstimmt den Gegrüßten in demselben Grade, wie ihm umgekehrt ein ehrerbietiger, artiger, freundlicher Gruß eine angenehme Erregung des Selbstbewußtseins und eine wohlwollende Stimmung gegen den Grüßenden hervorruft. Es ist also dieses Grüßen ein um so härterer Kampf, als er sich täglich erneut und ganz im Stillen ausgefochten zu werden pflegt, und es lohnt wohl die Mühe, diesen täglichen Kampf in seinen Einzelheiten einer kurzer Betrachtung zu unterziehen. — Das Militär, das in praktischen Maßnahmen dem Civil vielfach ein gutes Beispiel gibt, hat auch bezüglich der Art deS GrüßenS seine ganz bestimmten Vorschriften, und Niemand ist bet ihm darüber in Zweifel, wer zu grüßen hat, wen und wie man zu grüßen hat und wie der Gegrüßte danken muß, und wenn sich auch mitunter hochgestellte Militärs erlauben zu können geweint haben, statt die Hand an den Helm zu legen, dieselbe bloß etwas zu erheben und wieder sinken zu lassen, so haben sie doch bald genug erfahren müssen, daß das nicht gut thut. Das Militär ist deßhalb auch in der angenehmen Lage, wenigstens dieses Kapitel nicht in seinem sonst nicht eben dünnleibigen Buch der Aergernisse vorzufinden. Andets ist das beim Civil. Hier ist für Jedermann ein gänzlich freier Spielraum gelassen, Vorschriften gibt es nicht, und gerade deßhalb ist dieses Kapitel in psychologischer Beziehung ein äußerst interessantes. Der Respekt, vielleicht der Egoismus, gebieten selbstverständlich, jeden Vorgesetzten zu grüßen. Ist der Vorgesetzte ein liebenswürdiger, humaner Herr, so fliegen die Kopfbedeckungen fast freiwillig vor ihm herunter, und freundliche, dankbare Mienen sagen ihm, wie gerne man ihm den Tribut der Achtung zollt. Ist er ein harter, stolzer Mann, so wird ihm der Gruß in verschiedener Weiss dargebracht. Der selbstbewußte Untergebene grüßt artig, aber kalt; der devote Streber dagegen reißt seinen Deckel bis auf die Erde herab, verbeugt sich und hält dabei seinen Hut mit flehender Geberde vor sich hin, als wolle er einen Brocken Gnade hineingeworfen haben. Diese Sorte kennt ihre Leute, und sie spielt ein heuchlerisches und deßhalb unverschämtes Spiel, weil sie sich einbildet, den Vorgesetzten glauben zu machen, daß ihr Ersterben und ihre Ehrfurcht der Ausdruck tiefinnigster Ueberzeugung sei, und weil sie hofft, zu ihrem Vortheil den Vorgesetzten zu überlisten. Der unbetheiligte Zuschauer dieses Spiels kaun sich aber leicht ein Urtheil über den Gegrüßten wie den Grüßenden bilden. Viel interessanter ist jedoch das Beobachten des Grüßens der von einander unabhängigen, einander dienstlich oder gesellschaftlich gleich gestellten oder wenigstens nicht untergeordneten Personen. Von großen Städten, in welchen Bekannte sich seltener begegnen, ist dabei abzusehen; höchst amüsant ist dagegen in Städten mittlerer Größe, in denen sich die Leute meist kennen, das Studium der seelischen Vorgänge beim Grüßen, und man sagt gewiß nicht zuviel, wenn man behauptet, daß das Grüßen ein ewiger, stiller Kampf, ein immer sprudelnder Quell des stillen Ingrimms, der Enttäuschung und deS Dranges nach Vergeltung sei. Da kommt ein penfionirter höherer Offizier, ein mißvergnügter Adeliger, das Militär grüßt schon zum Theil gar nicht, zum Theil nur in höchst nachlässiger, geflissentlich gleichgültiger Weise. Er hat ja nichts mehr zu befehlen und hat vielleicht in der Zeit seiner Gewalt die Leute genug geärgert, und nun heimst er die Früchte ein. Und nun vollends das Civil, dem er jetzt zur größeren Hälfte angehört und das er immer so sehr von oben herab angesehen hat. Selten lüftet ein Civilist den Hut vor ihm, der vielleicht in einer Gesellschaft mit ihm in Berührung gekommen ist; auf anfangs artige Grüße hat er vielleicht, um sein früheres erborgtes Ansehen zu wahren, recht herablassend gedankt. Der Mann vom Civil sieht aber diesen Grund nicht ein, er hat sich damals über den nachlässigen Gegen- gruß geärgert, und das nächste Mal, gerade als der Pen- sionär recht artig grüßt, grüßt der Civilist recht nachlässig, und mit stillem Ingrimm denkt der Pensionirte nun seinerseits: „Na warte, das nächste Mal." — Da begegnen sich zwei ganz gleichgestellte Beamte. Jeder erwartet den ersten Gruß, beide fahren mit den Händen ein wenig in die Höhe „hutwärtS", jeder erwartet den Augenblick, daß der andere den Hut zuerst erfaßt haben wird, und sucht ihn dazu zu verlocken, um dann recht, liebenswürdig zu danken, allein der Moment kommt nicht,' — langsam sinken die Hände herab, kalt gehen die Herren an einander vorbei, und jeder sagt innerlich: „Aufgeblasener Kerll" — Der Herr Finanzmann, der täglich in großen Geldsummen wühlt, die freilich meistens anderen Leuten gehören, ist nach und nach zu der Ueberzeugung gekommen, daß er denn doch ein sehr wichtiges Individuum ist, und grüßt Niemand mehr zuerst. Jeder Gang über die Straße ist infolge davon ein Spießruthen- laufen für seinen verletzten Stolz, denn, ach! auch ihn grüßt Niemand mehr und Jeder, der das nicht thut, ist in seinen Augen ein unverschämter Mensch, und es ist doch recht hart, unter solchen sein ganzes Leben zubringen zu müssen. Anders macht es der strebsame Herr Inspektor. Vor jedem männlichen und weiblichen Wesen reißt er seinen Hut herab, als wolle er einen Groschen erbitten und innerlich denkt er dabei: „Die loben Dich alle, so wirst Du Carriöre machen." Allein auch er macht trübe Erfahrungen. Am schlimmsten ist der Herr Volksvertreter daran; er hat ja so unendlich viele Freunde; jeden muß er möglichst zuerst grüßen. Auch der größte Lump hat ihm seine Stimme gegeben und will dafür honorirt sein: ein versagter Erstgruß und eine Stimme ist für die nächste Wahl unwiederbringlich verloren. Armer, geehrter, geplagter Mann! Du mußt es Dir sauer werden lassen! Eine eigenthümliche Welt! Närrische Leute überall! Ueberall Ansprüche, Dünkel, Enttäuschung, Aerger, Rachedurst, Schmerzen, die um so grimmiger packen, als sie ganz im Stillen verbissen werden müssen. Welch' klein- liche, erbärmliche Naturen, die sich nicht zu dem Gefühl gesellschaftlicher Freiheit und dem internationalen humanen Grundsatz bekennen können: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!" oder zu der philosophischen Höhe: „Wer meinen Gruß nicht erwidert, oder wer mich nicht grüßt, der — läßt es eben bleiben, meine Hutrasse kann nur dabei gewinnen." Aber nun noch für einen Augenblick zu dem schönen Geschlecht. Im Allgemeinen werden die Damen anerkennen Müssen, daß von Seiten des stärkeren Geschlechts ihnen ein nicht geringes Quantum von Ehrerbietung entgegengebracht wird. Viele weibliche Personen aber werden dadurch verwöhnt, und während ein Theil von ihnen in unmuthig freundlicher Weise den Gruß des Herrn erwidert, muß man auch häufig genug wahrnehmen, daß der Gegengruß einer großen Anzahl dann in einer Weise erfolgt, die zur Vermuthung Anlaß gibt, man habe die Schöne eben erst aus's Tiefste beleidigt, während man doch beabsichtigt hatte, ihr etwas Angenehmes zu erzeigen. Besonders viele junge Damen haben eine Art, selbst älteren Herren, die nicht die mindeste Verpflichtung ßabeu, sie zu grüßen, in einer so hochmüthigen, schnippischen Art zu danken, daß sie erst nach und nach durch Versagen des Grußes zur Einsicht gebracht werden müssen. Wie artig wird dann solch ein Backfischchen, doch auch welchen Aerger hat es hinuntergeschluckt, bis es zur Einsicht gekommen ist, daß, wenn man nichts weiter ist als das Töchterchen eines einflußreichen Papa'L, man doch besser thut, sein Naschen etwas weniger hoch zu tragen. — So spinnt sich alltäglich der stille, aber trotzdem heftig brennende Kampf weiter, und er wird fortdauern, so lange in Folge einer verkehrten Erziehung Ueberhebung, Hochmuth und zu großes Selbstbewußtsein im Menschenherzen wohnen. --- Verlorene Liebesmüh.' Herr Versicherungsagent Jfidor Schnapper geht fleißig auf die „Candidaten"- Suche aus. Unter anderm macht er einem ihm nur per Adreßbuch bekannten Herrn Müller einen „Acquisittons"» Besuch, trifft aber nur die Frau vom Hause an. Zwischen dieser und Herrn Schnapper entspann sich folgender Dialog: Schnapper: „Verzeihung, Herr Müller wohl zu sprechen?" — Frau Müller: „Mein Mann? bedauere sehr —— Schnapper: „O bitte, das macht vorläufig nichts, ziehe sogar vor, zuerst mit der Dame vom Hause eine kleine Rücksprache zu nehmen, sie in meinen menschenfreundlichen Bestrebungen zur — xuräon — Verbündeten zu machen. Habe die Ehre, ZWen mich als Vertreter der Neuen Neust-Greiz-Schleiz-Gera-Lobenstein'schen Allgemeinen Lebens- und Beamten-VerstcherungS-Gesellschaft auf Gegenseitigkeit vorzustellen." — Frau Müller: „Ah ..." — Schnapper: „Ja, und Sie zu bitten, mit mir vereint auf Ihren geehrten Herrn Gemahl einzuwirken, daß er baldmöglichst unserer höchst segensreich wirkenden Gesellschaft beitritt. Unsere Prospecte" — — (führt die Rechte Zur Brusttaschej. — Frau Müller: „Ich danke sehr, mein Herr, mein lieber Mann . . ." — Schnapper: „Ihr Herr Gemahl ist Spediteur, führt also ein ziemlich unruhiges, arbeitsvolles Leben — — Frau Müller: „Sie irren, mein Mann hat . . ." — Schnapper: „Ruhe? Das ist's eben, Ruhe, Ruhe! Stillsitzen, dickes Mut. Schlagfluß!-Herr Müller neigt natürlich zur Fettleibigkeit?" — Frau Müller: „Das war allerdings früher der Fall, aber jetzt . . — Schnapper: „Wieder Abnahme? Ein böses, sehr böses Zeichen, unregelmäßige Ernährung, Verdauungsstörungen ..." — Frau Müller: „Bitte sehr, davon ist ja keine Rede ..." — Schnapper: „Verzeihung, wenn das nicht der Fall, um so besser, ein regelmäßig lebender, solider Mann ist unsern humanitären Bestrebungen am leichtesten zugänglich. Sie, Vereinteste, haben ohne Zweifel auch großen Einfluß auf ihn?" — Frau Müller: „Einfluß? Leider ..." — Schnapper: „Ei, das wäre? Also ist Ihr Gemahl zum Widerspruch geneigt?" — Frau Müller: „O, nicht im Geringsten . . ." — Schnapper (eifrig): „Dann ist er unser! Helfen Sie mir, gnädige Frau: bedenken Sie, es gilt das eigentlichste Interesse Ihrer sowohl, als Ihrer Kinder ..." — Frau Müller: „Ach, wie gerne sähe ich, wenn mein lieber Fritz ..." — Schnapper (in Extase): „sich versichern wollte? Nun, was für ein Aber gicbts denn noch, wenn Sie für die Sache gewonnen sind? Was die Frauen wollen, will auch Gott!" — Frau Müller: „Ach wie schön Sie reden können, bester Herr. Aber es ist ja unmöglich, rein unmöglich, denn ..." — Schnapper (überschnappend vor Erregung): „Denn? denn? . . ." — Frau Müller: „Denn mein lieber Mann ist leider vor drei Monaten gestorben!" * StarhembergS Unerschrockenheit war so groß, daß man von ihm sagte: „Er würde, wenn der Himmel einfiele, die Farbe nicht ändern." Einst ließ Prinz Eugen von Savohen bei einer Tafel im Lager hinter dem Sitze StarhembergS unerwartet, als des Kaisers Gesundheit ausgebracht wurde, einige Böller losbrennen und in demselben Augenblicke, als das Zelt rückwärts zusammenstürzte, von allen Seiten die Feld- musik erschallen. Allein Starhemberg trank, ohne sich nur umzusehen, das Glas langsam aus und lächelte kaum. ^ * " ThenreS Andenken. Frau A.: „In dem Medaillon haben Sie wohl ein theures Andenken?" — Frau B.: „Ja, da ist eine Locke von meinem Mann drinn." — Frau A.: „Na, Ihr Mann lebt aber doch noch?" — Frau B.: „Ja, aber seine Haare leben nicht mehr." --- Maria KeömL?) Septembermorgen bricht heran, Die ersten, weißen Nebel zieh'n, Doch trägt die Linde noch ihr Blatt, Im hellen, sommerfrischen Grün. Dicht noch umspielt ihr zitternd Laub Das Kleinod an dem Stamm, dem grauen, Waldvöglein flattern im Gezweig, Und klug zum frommen Bild sie schauen. * Heut' ist der frohe Tag, An dem uns ward gesendet Die Jungfrau sündenfrei Durch die das Leid gewendet. *) Aus „Maricn-Leben" von Sophie von Künsberg. Und noch im wirren Kampf Die Erde bang sich mühte, Da sank hernieder leis Die erste Himmelsblüthe. So hold, so engelrein, Born Gnadenstrahl umgeben, Die einst als süße Frucht Uns sollt' den Heiland geben. Sie, deren hoher Sinn Sich auf zum Höchsten wandte, Und deren junges Herz Von Gottesminne brannte. Die schon als zartes Kind Sich ganz dem Herrn gegeben. Und ihre Demuth wahrt Durch's ganze Erdenleben. O jubelt laut und danket, Daß eine Jungfrau lebt, Die Gott aus Allen jetzt Zu seiner Braut erhebt, Die auf die kranke Welt Den Heiland niederzieht^ Und aus der wunderbar Der Retter aufgeblüht. Maria Mimen.*) Es rauschen froh die Zweige Im lauen Winde, so sacht, Als wär' gar holde Kunde Dem alten Baume gebracht. AIS klang' ein trauter Name Im wald'gen Grunde fort, Thaufrische Blumenkinder Die flüstern duftend das Wort. Und was der späte Sommer An Blüthen noch freundlich bringt, In farbenreichen Ranken Den Stamm der Linde umschlingt. « In tiefer Stille harrt die Schöpfung andachtsvoll Auf jenes süße Wort, das heut' erklingen soll. Die heil'gen Chöre all', sie lauschen auf den Laut, Der grüßt die Gottesmutter und die Himmelsbraut. Es jubelten die Höh'n, die Hölle bebend stand, Als dieses Kindes Name ward genannt: Maria. Uns Allen aber ward ein mächtig Wort gegeben, Das Sturm besiegen lehrt, das Wunden heilt im Leben. Ein Himmclsschlüssel ist's, wenn gläubig wir ihn kennen, Wenn wir als Mittlerin sie voll Vertrauen nennen: Maria! *) AuS „Maricu-Lcben" von SoblNe von 6i"nSberg. ^aobäruok verboten.) LxLrüLoks Lespielt am 12. Lugust 1398 von Herrn Ingenieur lticbarcl Uns vorn 8cbachclub Lugsburg in Simpsons Divan 2 U Dondou gegen äsn englischen Altmeister dir. Lircl. dc IVeiss: Dur (Lugsburg). 8cbwarr: vii-d (Dondon). 8: IV e i s s: Dur (Lugsburg). Sebwarr: vird (Dondon). i e2—«4 e7-e5 t9 D. e3—d4 D. X 2 8. gl—f3 8. b8—c6 20 I.dlxD.d4 L. d8—e7 S D. kl-b5 d7—d6 21 1'. ei—eis D. fö—e6 4 d2—d4 D. c8—d7 22 f2-f4 §7—g6 5 D. b5x8.c6 D. d7XD.c6 23 §2—g4 °7-k6 6 d4Xe5 d6Xo5 24 g4—g5f Iv. f6-f5 t 7 D.d1Xv.d8 V. a8XD.d8 25 L. §1—?2 H7—H6 3 8. k3xe5 D. c6Xe4 26 H2—b4 bOXgö 9 0-0*) D. c4Xc2 27 k4Xg5 r. b8-c8 10 8. bl—c3 D. k8—bt 28 L. §2-g3 r. c8-c5 11 8. c3-b5 c7—c6 29 r. el—e3 r. c5—d5 12 8. böXa? 8. g8—f6 30 r. d4X3l.d5 D. o6xr.d5 13 8. a7Xe6 b?X8.c6 31 a2—a4 D. dö—o4 11 8. e5Xe6 D. b4—e7 32 a4—a5 ! 8. d7—c5 15 8. c6XV.d8 L. c8X3-d8 33 b2—b4 8. c5-d3 16 D. ei—e3 8. f6—d7 34 r. elXD ! L. f5XV.e4 17 1'. al-cl D. c2—f5 35 a5—a6 18 I. fl-dl D. e7-f6 *) Heine Itocbade. Anmerkung. Line lehrreiche und von IVeiss vorzüglich äirigirte Vartis! — lüs durchschaute schon gleich Ln- kangs die „wohlmeinenden" Lbsicbten von Lchwarr, vereitelte solche lcure entschlossen clurclr energisch forcirten Lbtausclr und verschallte sich damit sofort äie günstige Position, sowie die Offensive. Durch späteren nochmaligen „Annäherungsversuch" des Lügners liess sich tVeiss nicht im Leringsten irre machen, sondern erwiderte darauf prompt nach Lebülir, behauptete seinen Vortheil konsequent auch im weiteren Verlaute der Dartio und führte letztere dann unter wohldurchdachten Opksrkomhinationen auf elegante IVeiss rum Löwinn. Schwärn sog nach dem 35. 2ugo noch rechtzeitig die Kapitulation einem unausbleiblichen „mat" vor!- Caspar Dokmann. Lebwarr. Ltellung nach dem 30- 2ugs. -SLWLS--