-- ostzeMW LL 8V. IreiLag, den 25. September 1898. k?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgneS Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Schluß.) 8. Kapitel. Vergeben und vergessen. Rudolf Stuart, das Original des Bildes, das Tag und Nacht auf ihrem Herzen ruhte. Ihr schwindelte vor Ueberraschung, sie lehnte sich an den Ladentisch und blickte ihn ungläubig an. „ Rudolf I" „Edith!" Ja, es ist seine Stimme, sein Lächeln, er reicht ihr die Hand über den Ladentisch. Sie sinkt in einen Stuhl, Alles schien sich zu drehen, ihr Herz hüpft vor Freude, sie hatte den wiedergefunden, nach dem sie unbewußt sich gesehnt. Rudolf faßte sich zu erst, wenn er die Fassung überhaupt verloren hatte. „DaS ist einmal eine Ueberraschung", sagte er, «ich glaubte, Du seiest abgereist." „Wußtest Du, daß ich hier war?" „Natürlich, ich lese täglich den Anzeiger und weiß folglich, welche vornehme Fremden ankommen. Nach Deinem Befinden brauche ich nicht zu fragen, Du sahst nie besser aus." „Du wußtest, daß ich hier sei", rief sie vorwurfsvoll, „und besuchtest mich nicht? Wußte Trixy es nicht?" „Nein, ich glaube es wenigstens nicht; denn wenn sie es irgendwie erfahren, hätte sie unfehlbar davon gesprochen und sich vielleicht auch die Freiheit genommen, Dich zu besuchen." Mit stummem, schmerzlichem Tadel erhob sie ihr Auge zu ihm. Er steht unbefangen vor ihr, spricht in gleichgiltiger Weise und sieht aus, als habe er jede Erinnerung der Vergangenheit begraben. „Darf ich Deine Mutter besuchen?" fragte Edith nach einer Pause verlegen» „ich möchte sie so gerne wiedersehen." „Gewiß, es wird sie sicherlich sehr frenen, wenn Lady Chateron sie beehren will." Er sprach mit der alten Nonchalance, aber mit der deutlichen Absicht, sie nicht zu verschonen. „Hier ist die Adresse", fuhr er fort, „wir bewohnen allerdings kein aristokratisches Quartier, und Trixy kommt vor sieben Uhr nicht nach Hause. ^ Sie ist in einer Mode- waarenhandlung in Kondition, ich hole sie gewöhnlich nach Ladenschluß und begleite sie dann nach Hause." Kleinlaut und mit bebender Hand nahm Edith die Karte. „Ich will gleich hingehen und bei Deiner Mutter warten bis Trixy kommt." „Wie Dir's beliebt; ich bedaure nur, Dich nicht begleiten zu können, meine Stelle verhindert das natürlich." Wie träumend verläßt Edith den Laden und fährt in die betreffende Straße. Die angegebene Adresse ist ein großes Miethhaus; sie eilt die Treppe hinauf, läutet, und Mrs. Stuart öffnet die Thür. „Tante Lotte!" „Mein Gott! Edith, Du bist's?« Ja, Edith küßt und umarmt. sie und seht sich in dem kleinen Zimmer neben die überraschte Matrone. Wie ganz anders ist eS hier, als einst in der Pracht des Hauses in der fünften Avenue, wie anders das schwarze Alpaccakleid, als die schwere Seide, die echten Spitzen der damaligen Zeit! Tante LottenS gutmüthiges Gesicht aber ist das gleiche. Tausend Fragen wurden gestellt und beantwortet. „Und so bist Du so jung Wittwe geworden, armes Kind", sprach die Tante bedauernd, „Hauptmann Ham- mond schrieb es uns, er steht mit Trixy noch immer in Correspondenz." „Ja, es waren trübe Zeiten; wie aber ist eS gegangen, Tantchen?" „Anfangs sehr schlimm; mein Mann erlag dem Jammer. Alles wurde verkauft, wir sahen uns am Bettelstab. Arbeit war schwer zu erhalten. Ich erkrankte und Rudolf verzweifelte beinahe. Alle alten Freunde waren verschwunden, und hätte uns die Vorsehung nicht Julie Seton geschickt, wir wären zu Grunde gegangen." „Wer ist Julie Seton?" „Sie war eine Jnstitutsfreundin von Trixy; ihre Eltern geriethen früher ebenfalls in beengte Verhältnisse, und sie kam uns wie ein Engel zu Hilfe. Ihr verdankt Trixy ihre Stelle, mich pflegte sie wie eine Tochter, und Rudolf beruhigte und erheiterte sie in den schwärzesten Stunden." „Ist sie jung?" fragte Edith beklommen. „In Trixy's Alter und sehr geistreich. Sie hatte die litterarische Bahn betreten und befindet sich in ganz behaglichen Verhältnissen. Wir zählen sie ganz zu unserer Familie, und ich glaube, sie wird auch heute mit Rudolf und Trixy kommen, sie sind immer beisammen. DaS er« 61V iNNttt mich, daß es Zeit ist, Thee zu machen, Du entschuldigst mich wohl gütigst." Sie geht, und Edith sitzt im kleinen Zimmer allein. Ihr ist schwer um's Herz; was sie verloren, hat die brave Julie wohl gewonnen. Sie verdient es, und doch empört sich ihr Herz bei diesem Gedanken. Die Minuten verstrichen langsam; es ist beinahe sieben Uhr. Wie wohl Trixy sie empfangen würde? Hatte sie großmüthig die Vergangenheit vergessen, oder würde sie es sie fühlen lassen gleich dem Bruder? Mrs. Stuart richtete den Tisch; wie sonderbar, Tante Lotte arbeiten zu sehen! Bald ist Alles bereit, das Aroma des Thees durchzieht duftend den Raum. Auf der Treppe machen sich Schritte hörbar, die Thür fliegt auf, und Trixy ruft laut: „Ist der Thee fertig, Mama? Julie und ich sind entsetzlich hungrig. Wie im Salon; feierlich gedeckt! Besuch?" Edith erhebt sich bleich. Trixy sieht die regungslose Gestalt und fährt mit einem Schrei zurück. „Trixy!" „Sie ist's, sie ist's!" ruft sie, stürzt auf Edith zu und umarmt sie, lachend, weinend und küssend in einem Athem. 9. Kapitel. Der Abschied. Der Empfang war nicht kalt, die unangenehmen Erinnerungen der Vergangenheit waren vergessen, Trixy's warmes Herz kannte nur Liebe und Vergebung. „O Edith, wie freue ich mich, Dich wiederzusehen?" ruft sie jubelnd, „aber Rudolf, wo bist Du, kennst Du Edith nicht?" „Gewiß kenne ich sie und sagte ihr auch. Du würdest Dich freuen, sie zu sehen." „Sagtest es ihr, wo? Wann?" „Heute Nachmittag im Laden, wo sie schwarzen Seidensammt wollte, den sie, nebenbei bemerkt, nicht bekam. Erlaube mir übrigens, Edith, Dich offiziell zu versichern, daß wir ein schönes Sortiment auf Lager haben. Aber, Trixy, wo sind Deine Manieren, Du hast ja Julie noch nicht vorgestellt. Da muß ich wohl den Eerrmoniennreister machen: Lady Chateron, Miß Seton." Beide verbeugten sich und betrachteten sich forschend. Edith sah ein junges Mädchen vor sich, nicht schön, aber sehr anmuthig. Die blauen Augen, der lächelnde Mund mußten sofort die Herzen gewinnen. Es war eine gefährliche Rivalin. „Lady Chaterons Name ist mir geläufig", lachte Miß Seton, „Trixy erwacht mit ihm und geht mit ihm zur Ruhe. Lady Chateron weiß nicht, wie eifersüchtig ich bisher auf sie gewesen." Mit Thränen in den Augen reichte Edith der Cou- ,me die Hände. „Du liebe, liebe Trixy!" rief sie gerührt. „So, nun laufe ich fort", sagte Julie, „Tantchen wartet auf mich, und Trixy wird tausend Dinge zu sagen und zu fragen haben. Nein, Trixy, kein Wort, Rudolf, was thun wir mit Ihrem Hut? Legen Sie ihn gleich Weg, ich brauche Sie nicht und gehe lieber allein." „Als wenn ich das erlauben würde." Er blickte sie lächelnd an, und Edith fühlte alle Dualen der Eifersucht, als die Beiden plaudernd sich entfernten. «Ist Julie nicht ein liebes Ding?" fragte Trixy, „und was ohne sie aus uns geworden wäre, mag ich nicht denken, gewiß ist, daß sie Mama'8 und Rudolf's Leben rettete." „Sein Leben?" stammelte Edith. „Es war eine schreckliche Zeit, wir verhungerten buchstäblich. All' unsere alten Freunde hatten uns verlassen, Arbeit fanden wir nicht, zum Betteln schämten wir uns. O, hättest Du damals den armen, hohläugigen Rudolf gesehen, sein Anblick hätte Dich tief bewegt. Den lieben langen Tag suchte er Beschäftigung und kam immer wieder enttäuscht, müde und verzweifelnd heim. In einer regnerischen Abendstunde fand ihn Julie am Fluß. O, Edith, er war nicht so sehr zu tadeln, ich glaube, er war nicht mehr bei sich. Was sie that oder sagte, weiß ich nicht, aber sie brachte ihn uns wieder. Am nächsten Tage sandte die Vorsehung den Platz im Laden. Ich weiß nichts von seinen geschäftlichen Vorzügen, aber er ist bei den Damen sehr populär. Wenn andere Com- mis beredt die Waaren anpreisen, schweigt Rudolf und läßt die Kunden reden. Faktum ist's, daß man ihn sehr gern hat. Du siehst, daß eS uns nun gut geht, ich habe beinahe ganz vergessen, daß wir einmal reich waren, schöne Kleider trugen und kostbar tafelten." „Bist Du glücklich?" fragte Edith erstaunt. „Ganz glücklich, und nun ich Dich habe, kenne ich keinen Wunsch mehr." Edith seufzte tief und verglich ihre Feigheit Mit Trixy's Muth, ihre Härte mit deren Großherzigkeit. Eine peinliche Pause folgte. „Seit wann bist Du in New-Iork?" fragte Trixy, „und ist es wahr, was Hammond schrieb?" „Was schrieb er?" „Daß es Unannehmlichkeiten gegeben und Du und Dein Mann Euch am Hochzeitstage getrennt hätten. Wir wollten es natürlich nicht glauben." „Es ist wahr, wir trennten uns am Hochzeitstage, um erst an seinem Todtenbette unS wieder zu vereinigen. Doch ich darf davon nicht sprechen. Zwei Jahre sind dahingegangen, mein Schmerz aber ist sich gleich geblieben. Ich war ein elendes, gewinnsüchtiges Geschöpf und er der beste, edelste Mann. Gottlob, daß wir versöhnt geschieden. Doch lassen wir die trübe Vergangenheit, sag' Du mir lieber, ob mit Deinem Glücke Hauptmann Ham- mond zu schaffen hat." „Nun, Dir kann ich's sagen, daß wir um Weihnachten Hochzeit haben." „Hochzeit?" „Ja, wir verlobten uns vor drei Jahren, als wir England verließen. August wollte damals gleich hei- rathen, davon aber konnte natürlich keine Rede sein. Wir waren verarmt, und er hatte nur seine Gage und seine Aussichten. Kürzlich nun kam ein schwarzgeränderter Brief und brachte die Kunde, daß seine Großmutter gestorben und August zum Erben eingesetzt habe. Um Weihnachten will er kommen, und, Edith, er ist ein guter Mensch und ich bin das glücklichste Mädchen in New-Aork." „Du wirst dann wohl in Schottland leben?" „Natürlich, die Mutter bleibt bei Rudolf, und Julie wird meine Stelle ausfüllen; wäre sie nicht eine reizende Schwägerin? Doch, da kommt Rudolf, trinken wir endlich Thee, ich habe gräulichen Hunger." Die kleine Lampe wurde angezündet und das Abendbrod eingenommen. 611 — Edith fühlte sich fremd, zwischen ihr und Rudolf lag eine nicht zu überbrückende Kluft. Sie erhob sich bald, um zu gehen. Umsonst bat sie Trixy noch länger zu bleiben. „Soll Rudolf einen Wagen holen?" fragte die Tante, „oder gehst Du lieber?" „Sie wird gehen", bemerkte der junge Mann plötzlich, „und ich begleite sie." Die Nacht ist sternenhell und herrlich. Die alten Zeiten kehren wieder, das alte Gefühl zufriedener Ruhe, mit dem sie sich auf Nudolf'S Arm stützte. „O, wie heimisch ich mich fühle", rief sie, „mir ist, als hätte ich erst gestern Sandypoint verlassen, als zeigtest Du mir wie damals die Wunder New-Iorks." „Erinnerst Du Dich, was ich damals zu Dir sagte? Hast Du in den drei Jahren nie gewünscht, ich möchte Dich nicht von Sandypoint weggeholt haben?" „Nein; ich habe auch Niemand getadelt, als mich. Meines Lebens Unglück habe ich mir selbst geschaffen; käme aber Alles noch einmal, ich ginge wieder. Ich habe viel gelitten, aber auch geliebt." „Ich freue mich, das zu hören, es hat mich oft beunruhigt. Um zu erfahren, ob Dn mich tadelst, wollte ich Dich heimgeleiten und um —", er stockte, „um Dir Lebewohl zu sagen." „Lebewohl?" wiederholte sie erbleichend. „Ja, und nachdem unsere Lebensbahnen so weit auseinandergehen, ein Lebewohl auf immer. Morgen reise ich nach Saint Louis, wo unser Haus eine Filiale hat und ich dauernd bleiben werde. Die Firma schenkt mir Vertrauen, es eröffnen sich mir glänzende Aussichten. Zu Weihnachten kehre ich allerdings wieder auf kurze Zeit hierher zurück. Trixy wird Dir gesagt haben, weshalb, dann aber bist Du wohl wieder nach England abgereist." „Trixy hat mir nichts gesagt", antwortete Edith und wunderte sich über die Festigkeit ihrer Stimme. „Nicht? Und da soll das Zeitalter der Wunder vorüber sein? Trixy bewahrt Geheimnisse! Nun, ich kehre zur Hochzeit wieder, und nach derselben begleitet mich die Mutter in meine westliche Heimath." Edith ist wie betäubt, sie versteht nichts. Die „Hochzeit" ist natürlich feine Hochzeit mit Julie Seton; Trixy hat sie in ihrer Aufregung ganz vergessen. Sie fühlte, oaß die Zeit des Leidens nun erst recht für sie begann. „Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück." „Nun ja", entgegnete er kalt, „eine Heirath in der Familie ist stets ein Gegenstand der Glückwünsche, und ich muß sagen, sie hat sich als das beste, bravste Mädchen erwiesen. Wie lange gedenkst Du noch in New- Uork Zu bleiben?" „Ich werde sofort abreisen." Sie waren dem Hotel nahe. Unwillkürlich klammerte sie sich au Nudolf'S Arm. Ihr war's, als müßten in fünf Minuten die Wasser tosend über ihrem Haupte zusammenschlagen und Alles ein Ende haben. „Hier sind wir", sprach er, „ich freue mich, Edith, daß Du die Vergangenheit nicht bereust und die Zukunft reich und schön vor Dir liegt. Und nun leb' wohl, Gott segne und behüte Dicht" In stummem Schmerz hebt sich das Auge zu ihm, und er ahnt, daß Edith ihn liebt, daß das Herz, für das er sein Leben gegeben hätte, endlich ihm schlug. Er hält ihre Hand und blickt ihr tief ins Auge. Jemand geht vorüber und sieht sich um. Rudolf will auf der Straße keine Scene veranlassen. „Lebewohl!" ruft er nochmals, drückt ihr die Hand und eilt fort. Wie eine Statue steht Edith, sie fühlt, daß er auS ihrem Leben gestrichen war. 10. Kapitel. Zum zweiten Male vermählt. Am nächsten Morgen kam Julie Seton, um Rudolf Adieu zu sagen. Bleich nimmt er von ihr Abschied. Edith's stummflehendes Auge hatte ihn die ganze Nacht hindurch verfolgt, folgte ihm nach, noch als der Zug westwärts dampfte. Edith liebte ihn. Er halte es nie bezweifelt, nun aber brauchte er nur ein Wort zu sagen und sie würde ihm die Hand reichen, und Arbeit und Trennung wären vorbei auf ewig. Dieses Wort aber wollte er nie sprechen; was Edith Darrell ihm einst verweigert, sollte Lady Chateron mit all' ihrem Reichthum von ihm nicht erlangen. In Saint Louis fand er keine Zeit, sentimentalen Gedanken nachzuhängen, im Herzen des Amerikaners erstickten Geschäftsangelegenheiten der Liebe zarte Saat. Ein Brief von Trixy meldete, daß Edith i« Laufe der folgenden Woche nach Europa zurückkehren werde. „O Rudolf, warum muß sie überhaupt gehen? Wenn Edith Darrell Dich lieb hatte, ist das bei Edith Chateron um so wehr der Fall; sie erzählte mir die Geschichte ihrer Ehe, und Niemand kann sie tadeln." Ernst und gedankenvoll liest er den Brief, aber er erschüttert nicht seinen Vorsatz. Die Tage vergingen; eines Abends erhielt er ein Telegramm: „New-Iork, 28. Oktober 1670. Edith gefährlich erkrankt, ist sterbend. Komme sofort. Beatrics." Er laS es wieder und wieder. Edith am Sterben. Da fühlte er, daß all' seine Härte und Gleichgiltigkeit nur erkünstelt waren, eine Mauer von Hochmuth, welche die leiseste Berührung einstürzen ließ, daß die alte Liebe sein Herz noch entflammte. Er reiste, nachdem er feine Anordnungen getroffen, Tag und Nacht, und stand endlich bleich und müde an der Mutter Haus. Eine Ewigkeit hattte ihm die Fahrt geschienen. „Komme ich zu spät?" fragte er heiser. „Nein, sie lebt noch", entgegnete Trixy weinend. „Was fehlt ihr?" „Der Arzt erklärt es für Gehiruiyphus und gibt sie auf." «Ist keine Hoffnung?" „So lange sie lebt, ist Hoffnung! DaS Schlimmste ist, daß ihr am Leben nichts liegt, daß sie nichts zn haben scheint, wofür zu leben ihr der Mühe werth dänchte. „Mein ganzes Leben ist ein Mißgriff", sagte sie zu mir. „Stolz und Selbstsucht führten mich auf falsche Wege, und es ist besser, wenn ich sterbe." In den ersten Tagen ihrer Krankheit machte sie ihr Testament und vererbte Dir beinahe Alles, worüber sie frei verfügen kann. „Bei Lebzeiten hätte tch mir nicht erlaubt, ihm etwas anzubieten", meinte sie; „der Todten Wünsche sind heilig. Mein ganzes Leben lang habe ich ihm nur Kummer und Enttäuschung bereitet, mein letztes Gebet soll ihm Glück erflehen." Wenn sie phantafirt, K12 ruft sie immer nach Dir, bittet Dich, wiederzukehren, ihr zu vergeben, und deshalb telegraphirte ich." „Weiß sie das?" „Nein, sie wollte, daß ihre Leiche in Sandypoint neben ihrer Mutter beerdigt und nicht nach England geschickt würde. Du solltest erst nach ihrem Tode die Geschichte ihrer Heirath erfahren; soll ich sie jetzt Dir erzählen ?" Rudolf nickte. Leise erzählte Trixy Alles; es war bereits dunkel, als sie endigte. Regungslos hörte er ihr zu. „Wann darf ich sie sehen?" fragte er endlich. „Wann Du willst, der Arzt glaubt, Deine Anwesenheit dürfte gut thun. Gegenwärtig ist die Mutter bei ihr. Julie pflegt sie aufopfernd, und denke, sie meint, Du seiest mit Julie verlobt." , Eine halbe Stunde später betraten die Geschwister daS Krankenzimmer. Die Patientin befindet sich sehr schlimm, und mit besorgten Blicken betrachtete sie der Arzt. „Ihre Gleichgtltigkeit gegen den Tod ist das Aergste", sprach er, „wenn sie sich zum Leben zwänge, wäre sie vielleicht zu retten." Langsam und widerstrebend trat Rudolf näher. „Großer Gott, ist das Edith?" rief er und sinkt in einen Stuhl neben ihr Bett. Sie erwacht, die Lider heben sich, das dunkle Auge trifft Rudolf. „Rudolf!" flüsterte sie kaum hörbar und ein Strahl ruhiger Freude fliegt über das bleiche Gesicht. „Dachte ich's doch, daß es nicht schaden würde", nickte der Arzt zufrieden, „lassen wir die Beiden eine Zeit lang allein, meine Damen, es dürfte von günstiger Wirkung sein. Ich bitte Sie jedoch, Mr. Stuart, die Kranke nicht durch vieles Reden aufzuregen." Die Mahnung schien überflüssig; er war nicht zum Sprechen geneigt. Er hält ihre Hand fest, legt sein Gesicht auf ihr Kiffen und schweigt. So verstrichen mehrere Minuten. „Wann kamst Du, Rudolf?" fragte Edith schwach. „Vor einer Stunde." „Wer sandte nach Dir?" „Trixy. Aber Du sollst nicht sprechen, Edith." Wieder legte er sein Haupt auf ihr Kissen. „Ich glaube, Du weinst, Rudolf, hassest Du mich also doch nicht?" „Dich hassen?" war seine einzige Antwort. „Einst sagtest Du's, und ich verdiente es. Wenn ich todt sein werde und sie Dein glückliches Weib ist —" Ihre Stimme brach; selbst im Tode war ihn zu verlieren bitterer, als der Tod. „Wer?" „Julie; sie ist Deiner werth und ich war eS nie. Sie liebt Dich und —" „Du irrst; Julie liebt mich wie Trixy auch, sie ist meine zweite Schwester. Was ich auf dem See von Killarney gesagt, werde ich halten wein Leben lang. Wenn Du mein Weib nicht sein kannst, will ich nie heirathen. Kein Wesen der Welt könnte mir sein, was Du mir warst und bist." Eine Pause. „Endlich, endlich, wenn eS zu spät ist!" „O Rudolf, wie ganz anders würde Alles sich gestalten, könnte ich die Vergangenheit zurückrufen. Ich glaube aber, ich würde glücklicher im Grabe ruhen, stünde Edith Stuart auf meinem Leichcnsteine." Er beugte sich über sie. „Also müßte es Dich lebend und todt glücklicher machen, mein Weib zu sein?" „Es ist zu spät", flüsterte sie. „Es ist nie zu spät, wir lassen uns noch heute Nacht trauen." „Rudolf!" „Du darfst nicht mehr sprechen; ich werde Alles besorgen und einem mir bekannten Priester die Sachlage erklären. O Geliebte, Du solltest längst mein Weib sein, und selbst dem Tode trotzend, mußt Du eS noch werden." Er eilte fort; Edith hat das Gefühl, daß sie so glücklich gewesen, endlich würde sie Nudolf's Weib sein. Ruhig und entschieden theilte er den Ucbrigen die Sachlage mit. „Die Aufregung tödtet sie", bemerkte der Arzt, „ich werde solch' dramatische Effekte nicht zugeben." Aber er läßt sich doch bereden. ^ Dem Priester ist eine Heirath auf dem Todtenbette nichts Neues. Die zehnte Abendstunde wird bestimmt und Beatrice und Julie treffen die wenigen Vorbereitungen. Sie zieren das Zimmer und das Lager mit Blumen, hüllen Edith in ein weißes Nachtgewand und richten sie in den Kissen auf. In ihrem Gesichte und Blicke glüht das Fieber. Und doch ist sie unendlich glücklich. Ernst und bleich tritt der Bräutigam ein. Weinend umstehen die Andern das Krankenlager. Welch' seltsame traurige Trauung! Der Priester beginnt die Ceremonie. Sie reichen sich die Hände. Edith wendete kein Auge von Rudolf. Sie antwortete schwach, er unsagbar traurig. Der Ring ist an ihrem Finger, sie ist endlich, was sie längst hätte sein sollen — Rudolfs Weib. Er beugte sich über sie: mit aller Kraft erhebt sie sich zu einer Umarmung, aber schwer sinkt ihr Haupt zurück und kalt und leblos legt er seine Braut in die Kissen, ob todt oder in todtenähnlicher Ohnmacht — wer wußte es? 11. Kapitel. Der Abend. Mit Tagesanbruch erwachte sie aus der todgleichen Erstarrung und blieb tagelang am Rand des Grabes. Die Reaktion war gekommen. Bleich, stumm und regungslos lag sie. Selbst die geliebte Stimme hörte sie nicht, ihr Auge starrt in's Leere. Ein Erwachen aus dieser Lethargie war zweifelhaft. Tod und Leben rangen um die Oberhand. Es war eine trostlose Zeit, die Rudolf nie vergaß. Er verließ sie kaum je, thränenlos saß er an ihrer Seite, beinahe ebenso bleich und hohläugig wie die Sterbende, und hielt gelegentlich einen Spiegel an ihre Lippen, um sich des Athems zu vergewissern. Düster standen die Aerzte dabei. „Die Aufregung der Trauung hat ihr den Nest ge- gegeben", brummte der Eine, „ich hab' es ja gleich gesagt." Ein schwarzgerändeter Brief aus England lief ein und Meldete Lady Helena's Tod. „Sanft und friedlich ist sie eingegangen zur ewigen Ruhe", schrieb Jnez, „und hat ihr großes Vermögen testamentarisch zwischen Dir und mir getheilt. Es wäre gut, wenn Du bald nach England kämest, denn ich be- 613 ab sichtige, in ein Kloster in London zu treten und den Rest meines Lebens den Kranken und Hülflosen zu widmen. Mein Bruder gebietet nun in Chateron Royals, er ist in jeder Hinsicht zu seinem Vortheile verändert und wird kein unwürdiger Nachfolger des Geschiedenen sein. Sein Weib und seine Kinder lassen nichts zu wünschen übrig. Also komme bald, liebe Edith, zu Deiner Dich liebenden Jnez." Wieder hatte Edith ein Vermögen geerbt, war nun unermeßlich reich — alles Gold der Erde aber vermochte ihrem Leben keine Sekunde zuzusetzen. Welch' bittere Ironie! Die siebente Nacht brachte eine Krisis. „Morgen werden wir wissen, ob sie stirbt oder nicht", bemerkte der Arzt. „Also noch Hoffnung?" fragte Trixy. „Es wäre ein Wunder, wenn sie's überstünde und die Zeiten der Wunder sind wohl vorbei. Uebrigcns sollten Sie Mr. Stuart heute nicht wachen lassen, er ist von den beiden letzten Nächten zu angegriffen." „Wenn er weiß, daß die Krisis eintritt, wird er nicht gehen wollen. Geben Sie mir einen Schlaftrunk für ihn, und wenn's zum Aergsten kommt, kann man ihn ja wecken." Der Doctor willfahrte. „Ich komme mit Tagesgrauen wieder", sagte er. Sie kehrten an's Krankenlager zurück, weinen konnten sie nicht mehr. Wie stumpfsinnig saß Rudolf neben dem Bette. „Ruhen Sie jetzt ein wenig, Rudolf", bat Julie. „Heute Nacht?" fragte er schmerzlich, „die letzte Nacht? Nein, ich verlasse sie nicht." „Nur eine Stunde sollen Sie sich niederlegen, Rudolf, thun Sie's mir zu Liebe. Ich verspreche, Sie bei der geringsten Veränderung zu wecken." Nach längerem Drängen gab er endlich nach. „Trinken Sie noch dieses Glas Wein", bat Julie. Er trank es und ging. „Gott sei Dank", rief Trixy, „ich hätte ihn heute nicht hier sehen können. Wenn sie stirbt, wird eS ihn tödten." Juliens Lippen bebten. Was Rudolf ihr gewesen, wie ihr ganzes Herz ihm gehört, wußte selbst Trixy nicht. Ihres Lebens schönster Traum war vorüber. Ob Edith lebte oder starb, in seinem Herzen hatte kein anderes Weib mehr Raum. Die Stunden verstrichen. Schwach flimmerte die Lampe. Alles ist still. Im Nebenzimmer lag Rudolf angekleidet auf einem Bette. Als er erwachte, war es bereits Tag. Er richtete sich auf und starrte verwirrt vor sich hin. Alles fiel ihm ein. Der Morgen war da, er hatte geschlafen, während sie dem Tode nahe war. Dem Tode! Wer sollte ihm sagen, daß Edith nicht todt war? Wie trunken erhob er sich und ging auf die Thüre zu. Ueberall herrschte tiefste Stille. Dnrch'S Fenster drangen der erwachenden Sonne erste Strahlen. Unfähig, weiter zu gehen, blieb er stehen; sollte er Leben finden oder Tod? Geräuschlos öffnete sich die Thür. Julie kam bleich näher. Voll Angst schaute er auf sie. „Gottlob, der Arzt sagt, wir dürfen hoffen." Das Schlimmste zu hören, war er vorbereitet, nicht darauf. Er machte einen Schritt vorwärts und sank ohnmächtig zu Boden. 12. Kapitel. Der Morgen. Der Morgen war da und Edith lebte noch. Sie erwachte von einem erfrischenden Schlummer und lächelte Trixy schwach zu. Die Krisis war vorüber. Sie ließen Rudolf nur zu ihr, wenn sie schlief, doch das war leicht zu tragen — Edith sollte ja nicht sterben. „Es gibt Heilmittel, die entweder tödten oder retten", sprach der Arzt zu Rudolf, „Jhre Heirath war ein solches. Ich glaubte sie brächte den Tod und sie hat Heilung gebracht." Viele Tage kehrte Edith das Gedächtniß nicht zurück, sie aß und trank begierig und fiel dann wieder in erquickenden Schlaf. Endlich vermochte sie, sich wieder zu erinnern, und Trixy bemerkte, daß ihr immer wieder eine Frage auf den Lipp m schwebte. „Was möchtest Du denn eigentlich wissen?" „Wie lange war ich krank?" „Nahe an fünf Wochen; siehst Du, an mir sind nur mehr Haut und Knochen; was wird August sagen, wenn er kömmt?" „Ich war zeitweise wohl im Delirium?" „Freilich; aber deshalb brauchst Du nicht so betrübt auszusehen. Jetzt ist ja Alles gut." „Ja", seufzte sie, „Ihr wäret Alle sehr liebevoll mit mir. Es war wohl doch nur ein Phantasiegebilde?" „Was?" „Ich — o Trixy, ich glaubte, Rudolf sei bei mir gewesen." „So, nun das war er auch." „Ihre Augen leuchteten, wieder zitterte eine Frage auf ihren Lippen. „Weiter, es liegt Dir noch etwas auf dem Herzen, heraus damit!" „Ich fürchte, Du lachst mich aus, und eS ist ja wohl nur ein Traum, aber ich dachte, Rudolf und ich wären —" „Nun was?" „Verheirathet. Sag ihm aber nichts davon, aber der Wahn schien so deutlich, daß ich Dir's mittheilen wollte." Sie wandte sich ab. Trixy küßte sie. „Arme Dithy, Du liebst Rudolf, nicht wahr? Nein, eS ist kein Wahn, ihr wurdet vor vierzehn Tagen getraut. Meines Lebens Hoffnung realistrte sich, Du bist meine Schwester und Nudolf's Frau." Mit leichtem Aufschrei verhüllte sie das Gesicht. „Er ist im Hause", fuhr Trixy fort, „der Arzt aber wollte ihn nicht zu Dir hineinlassen, wenn Du wachtest, weil er die Aufregung fürchtete. Jetzt kannst Du daS Wiedersehen aber wohl ertragen, nicht wahr?" Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie aus dem Zimmer. „Deine Frau wünscht Dich zu sehen", sagte sie zu Rudolf, „bleib' aber nicht zu lange und sprich nicht zu viel." Er wirft hastig die Zeitung weg, springt auf und eilt die Treppe hinauf. * * * MrS. Rudolf Stuart erholte sich schnell. Ihre — 614 Jügendkraft und die beglückende Thatsache, daß sie endlich Nudolf's Weib sei, bedingte daS. Es kam ein Tag, wo sie zusammen sitzen konnten. Sie sprachen, wer weiß, wovon? Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlagt Vierzehn Tage später begaben sie sich auf die Hochzeitsreise, drei Wochen wollten sie im Süden verweilen und zu Trixy's Hochzeit zurückkehren. Weihnachten kam und brachte August Hammond, der sein Bräutchen in's friedliche Schottland entführen wollte. Es war eine prächtige Hochzeit, bei der Julie Seton als erstes Brautfräulein glänzte. Mr. und Mrs. Hammond reisten sofort nach Europa ab; Rudolf, der seine Frau vergötterte, begab sich mit ihr noch einmal nach Florida. Seine Mutter sollte mit Julien zusammen- wohnen, bis die beiden jungen Paare sich häuslich niedergelassen hätten, worauf sie immer sechs Monate bei Rudolf und sechs Monate bei Trixy verleben sollte. Auch Rudolf und Edith wollten ganz nach England übersiedeln, dort war Ediths Vermögen und beide liebten das schöne Land. Im Mai verließen sie die alte Hei- «ath, um zunächst ein Wanderleben auf dem Kontinent zn beginnen. An einem prachtvollen Sommertage betraten sie die altgothische Kirche, in der die Gebeine der Chaterons ruhten. Der Sonne Licht vergoldete die hohen Fenster, ein Mädchen entlockte der Orgel klagende Accorde. Trauer erfüllte Ediths Herz, als sie vor dem Grabe stand, dem letzten in der langen Reihe, in dem Victor schlummerte. Sie zog den Schleier über das Gesicht und weinte die ersten Thränen seit ihrer Trauung mit Rudolf. Auf einem Piedestal von schwarzem Marmor steht ein gebrochener Säulenschaft aus kanarischem Marmor und darunter in goldenen Lettern: „Sir Victor Chateron, Baronet, gestorben am 3. Oktober 1867, im 27. Jahre seines Lebens. Seine Sonne versank noch am Tage." —-»-- Was ist denn los in Südafrika? Wir hofften vom letzten Christbaum allerlei goldene Früchte zu pflücken und glaubten, wie gute Kinder, unfehlbar sie zu bekommen. Aber Herr Papa hat sie uns verweigert. Ich sage: wir; denn mit Arisnahme eines kleinen Bruchtheiles wünschen alle Europäer sowohl als Afrikaner (in Afrika Geborne), eine große Familie in Süd- Afrika zu bilden, in der alle Kinder die gleichen Rechte genießen, sowohl in sozialer als religiöser Beziehung. Wozu denn diese Grenzpfühle, diese Zolle, diese verschiedenen Nationalfarben? Diese Beschränkungen, Ungleichheiten und stiefmütterlichen Verkürzungen fühlen die Europäer besonders in der Bauern-Nepnblik Transvaal, aber auch in den extremsten Theilen dieses neuen Afrika fühlt man Unbchaglichkeiten von Blutstockungen und Beengungen; z. B. auch Missionäre finden Widerstand betreffs religiösen Lebens innerhalb der Grenzpfühle dieser Bauernwirthschaft. Um nur Eines zu erwähnen, in Transvaal sind die Katholiken mit Juden auf eine Stufe gestellt. Weder die Einen noch die Anderen dürfen Aemter verwalten. Wahlrecht haben blos die Boers (Bueren), alle Einge- wanderien aber erst nach vierzehn Jahren der Ansässigkeit. Nun sind aber in neuester Zeit in der Bueren-Republtk Goldgruben entdeckt worden, wahrscheinlich die reichsten der Welt, und von allen Welttheilen strömen die Goldgräber und Eolddurstige zusammen in dieser Republik, besonders von Europa, Amerika und Australien. Das Centrum dieser Goldfelder ist Johannesburg geworden. Wo vor 10 Jahren noch keine Hütte stund, liegt jetzt eine Stadt, die bei der letzten Volkszählung über 136,000 Einwohner ausweist. Paläste, Kaufgewölbe, Bank- und Kaffeehäuser wetteifern an Pracht mit den schönsten von Europa. Da drinnen wohnen viele Millionäre und überhaupt Herren, die in ihrem Leben gewohnt sind, ein großes Wort mitzusprechen. Kleinere Goldstädte, wie z. B. Baber- ton, gibtS noch mehrere im Lande, die alle von Fremden d. h. Nichtbueren gegründet wurden. Den Grund und Boden aber haben sie den Bueren theuer bezahlt. Vor Entdeckung der Goldfelder war die Republik bettelarm und nahezu bankerott; seit der Eröffnung dieser goldenen Felder macht die Republik jährlich Millionen xlus. Das kommt daher, daß dieser Buerenstaat den Fremden daS goldreiche Land, das die Bueren selbst umsonst den Kaffern abgenommen, um hohe Preise verkauft und seither den Goldgräbern große Steuern abnimmt. In letzter Zeit hat der Staatspräsident eine neue empfindliche Steuer den Einwohnern der großen Goldstadt auferlegt, nämlich für die Einfuhr aller Lebensmittel in die Stadt, die ohnehin schon fabelhafte Preise hatten. Gegen diese Verpflichtungen weigern sich die Fremden oder Ausländer (holländisch Uitlanders) nicht, wenn sie mit den Inländern (Boers) auch dieselben Rechte genießen könnten. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Denn die BoerS gewähren den Uitlandern erstens kein Stimm- und Wahlrecht in das Parlament (Volks- raad von den Bueren genannt), zweitens gewähren sie den Ausländrrn nicht dasselbe Recht der Sprache, noch gewähren sie nicht holländischen Schülern einen Grant, d. h. Unterstützung. In wie weit diese Klagen der Uitlanders berechtigt sind, ist mir nicht genug bekannt. Da aber unter den 136,000 Bewohnern von Johannesburg nur 15,000 Holländer sind, so kann Niemand verlangen, daß alle Schulen die holländische als Unterrichtssprache haben. Und wenn alle Ausländer zn den Schulgeldern beitragen, warum soll nicht auch Allen Schulgrant gewährt werden? Wo in der Welt ließe sich ein civilistrtes Volk eine solche Ungleichheit gefallen, zumal wenn die Civilifirten Unterthanen sind, und die Nichtcivilisirten am Staatsruder fitzen? Ich nehme zum Beispiel die Deutschen in Bosnien. Das Verbosthal ist meistens von Deutschen besetzt. Ich setze den Fall, sie hätten sich auch so schnell vermehrt, wie die Fremden in Transvaal. Ließen diese dann sich daS gefallen, daß sie blos Verpflichtungen und Abgaben gegen eine uncivilisirte türkische Regierung, aber keine Rechte haben? Man erlaube mir einen Vergleich zwischen einem holländischen Boer inTransvaal und einem mohamedanischen Bosniaken. Weder der Eine noch der Andere hat als Bauer so viel Bildung, daß er lesen und schreiben könnte. Sitzt er aber im Volksraad, oder in Medschlis, so ist der Grund vielleicht blos der, daß er mehr Geld hat und es nebenbei zum Lesen und Schreiben gebracht hat. Es gibt aber auch im türkisch-bosnischen wie im holländischen Volks- raade solche, die weder lesen noch schreiben können. Während meiner vielen Reisen in Deutschland fand ich so Viele so begeistert für diese südafrikanischen Holländer. Ist dem» 615 bc>8 etwas Großes, daß sie auf nacktem Pferde so behend reiten können? Das kann jeder Türke, ja jeder Roßbube auf ungarischen Steppen. Oder ist es etwas Großes, daß er mit seinem Stutzen so sicher hantieren kann? Der türkische Bosniake hantiert noch viel sicherer mit seinem Handjar und der Koffer mit seinem Affagai, und für Handjar und Affagai braucht'? größere Kraft als für einen Hinterlader, und vielleicht auch mehr Muth, denn der mit dem Hinterlader versteckt sich, jener mit dem Haumesser muß heraus aus dem Busch. Nimmt man aber die Boers als Nation, was haben sie denn Großes gethan in Süd-Afrika s Dasselbe, was alle nomadischen Völker heutzutage im Orient thun. Viele Viehherden lassen sie wachsen und liegen dazu hin. Und hätten sie doch dieses Vieh verbessert Wer in Südafrika hat denn je gehört von einer verbesserten Viehrace in Transvaal. Zur Bodenkultur haben die Bueren bis jetzt gar nichts gethan in Transvaal. Wo man sie an andern Orten noch trifft, wachsen ihnen die Dornen zu den Fenstern hinein. Betreffs anderen Fortschrittes in Industrie, Eisenbahnen, Handwerken, Maschinen u. s. w. find sie noch keinen Schritt weiter als die Chinesen, und derselbe Aberglaube hat sie bis in die letzten Jahre vor dem Dampfrosse erschreckt. Wodurch die Boers alle anderen Nationalitäten in Südafrika übertreffen, ist der Fanatismus. Sich halten sie für das auserwählte Gottesvolk, alle andern aber um sie herum für Madianiter, Ebioniter und Moabiter, die gelegentlich auszurotten sind. Ist das etwas Rühmliches? Solchen, denen das an den Bueren gefällt, wünschte ich blos, 14 Jahre unter diesen Helden leben zu müssen, um dann auch holländische Boers zu werden. Zum Glück hat man nicht überall solche Ansichten wie einige Boersenthusiasten in Berlin und Frankfurt. Im Gegentheil war der weitgrößte Theil der Ausländer, sowohl der amerikanischen wie australischen, bis an den Hals herauf satt der Buerenwirthschaft und der Liebenswürdigkeit dieser „Helden", von den Engländern gar nicht -u reden. Ich kann es gar nicht begreifen, wie solche Leute, die Johannesburg aufgebaut, die alle von Ländern der Freiheit herkommen (Nordamerika), die nie ein anderes als ein konstitutionelles Volksleben gewohnt waren, so viele Jahre sich geduldet haben, ohne Rechte zu genießen. Dies kann man nur dadurch erklären, daß sie zu sehr mit sich und der Erbauung der Stadt von fast andert- halbhunderttausend Einwohnern in diesen 9 Jahren beschäftigt waren, um an den socialen und bürgerlichen Druck zu denken, wie auch arme und unterdrückte Kinder an gar keinen Christbaum mehr denken. Endlich dieses Jahr pflanzte man in Johannesburg dem Volke einen Christbaum auf, und an diesem Christbaume hingen die goldenen und glänzenden Früchte: „Stimmfrriheit", „Sprachen- gleichheit," „Schulglcichheit". Schon vorher hatte sich unter den UitlanderS (jeder Farbe und Sprache) eine National-Union gebildet, die ein Komitee aus sich wählte Mit einem Ch. Leonhard an der Spitze. Von diesem Komitee erschien gerade in den Weihnachtstagen ein Programm, in dem alle jene Rechte aufgezahlt waren, welche sie von nun an gleichheitlich mit den ungebildeten Boers verlangen, resp. genießen wollen. — Da wurde jeder, der noch Nerven und Adern im Leibe hat, in ganz Südafrika elektristrt, ich glaube der Boer nicht weniger als alle Eingewanderten auf der entferntesten Farm der Nhodesia und englischen Kolonien, nur mit dem Unterschiebe, die meisten entwickelten Positivs Elektrizität, die Bueren aber negative. Es war beabsichtigt, jeder sollte dieses Programm studieren, und am 6. Jänner (hl. 3 Könige ist in Südafrika kein gebotener Feiertag) sollte es in Johannesburg zu einem großen Meeting (Zusammenkunft) kommen. Da sollten diese Rechte besprochen werden, und dann wollte man den alten Fuchs Krüger, den Präsidenten dieser Buerenwirthschaft, um Gewährung der Gleichheit aller angehen. Bis hieher konnte jeder beistimmen, denn daS Bitten ist ja keine Sünde. Die Aufregung in Johannesburg wuchs von Stunde zu Stunde. In einem Tage werden alle Vorräthe von Heu, Hafer und Mais, sowie alle eingemachten Früchte zusammengekauft für eventuelle Belagerung der Stadt, in wenigen Tagen alle Goldgruben geschlossen, Kaufmannsgewölbe verbarrikadirt, — kein Geschäft mehr. Arbeiter (Kaffern), Weiber und Kinder stürzen auf allen drei Eisenbahnlinien fort, hinaus über die Grenzen von Transvaal. Schon bilden sich Kompagnien von Freiwilligen zur Vertheidigung von Eigenthum und Leben. Man fürchtet mit Recht, die Bueren werden die Stadt umzingeln und das Meeting der UitlanderS verhindern. Alle Tageszeitungen in Afrika erleben 2—3 Auflagen, alles will Zeitung lesen, man belagert die Druckereien. Sogar in Evans ist der einzige Zeitungsleser elektristrt. Tausende in Natal und Cap-Colonie möchten als Freiwillige ihren Brüdern in Johannesburg helfen — aber es ist ihnen verboten, laut früherer Verträge. Während man so liest, politisirt und kombinirt, kommt auf einmal die Kunde: „Schon Blut geflossen"! Einer ließ sich nicht aushalten, seinen Landsleuten zu helfen — vr. Jameson kam mit 900 Bewaffneten, meistens berittenen Polizeisoldaten, von Nordwesten her (von Betschuanaland) und — überschritt die Grenze. Das war gefehlt, es war Friedensbruch. In Eilmärschen ging's gegen Johannesburg, zwei Tage hatten weder Mannschaft noch Pferde etwas genossen. Hungrig, hundsmüde und halbtodt kamen sie in Krügersdorf, drei Stunden vor Johannesburg, an; werden aber in fast doppelter Ueberzahl von den Bueren überfallen. Wie Löwen kämpfen Jameson und die Seinen. Aber unbedingt muß er sich an die Bueren ergeben. Niemand durfte ihm während des Gefechtes zu Hilfe eilen, denn in diesem Momente hatte der englische Kommissär (Gouverneur von Cnpstadt) mit dem Präsidenten Waffenstillstand erwirkt. Jameson mit 460 seiner Leute wird als Kriegsgefangener nach Pretoria, Residenz der Bueren-Negierung, abgeführt — und das projektirte Meeting (Volksversammlung) in Johannesburg wird aufgehoben — verboten! Denke man diesen Umschlag! So viel Tausende schauen gierig, freudig entzückt auf den glänzenden Christbaum, langen schon nach den goldenen Aepfeln — auf einmal ein Patsch, alle Lichter ausgelöscht, die Kleinen stehen in der Finsterniß! Was ist loS? Gar nichts ist loS von dem vielversprechenden Christbaum. vr. Jameson mit seinen 400 wird auf Vermittlung des englischen Kommissärs Robinson nach England abgeführt — „zur Bestrafung"; auf allen Stationen in Südafrika wird er mit Jubel empfangen. In Johannesburg werden alle bewaffneten UitlanderS entwaffnet, die Widerspenstigen aus Stube oder Bett abgeholt und eingekastelt. Ganz Johannesburg steht da mit offenem Munde und zurückgehaltenem Athem — die Bauern, die „Helden" von Südafrika triumphiren. Während der ganzen Affaire 616 - hörte man oft die Frage: „Wo tst Mr. Rhodes?" (Dieser Herr sspr. Noihdsj ist eine Art Napoleon, der Dirigent der Nhodefia, die größer ist als Deutschland und Oesterreich zusammen, und zugleich Premierminister von der Cap-Colonte.) Dieser läßt sich nirgends sehen noch hören; sobald aber der Cap-Gouverneur nach Johannesburg eilt, Frieden zu vermitteln, resignirt Rhodes seine Stelle in Capstadt, ein Beweis, daß ihm ein solcher Friede nicht konvenirt. Bald nach dem Nummel taucht er auf in Kimberley, der Diamantenstadt. Da wird er mit Jubel empfangen, wie sein Statthalter Jameson als Gefangener in Natal. Was er da sagt, ist kurz, aber viel, nämlich: „Man hat geglaubt, meine öffentliche Carriere (Laufbahn) sei zu Ende, ich glaube aber, sie fängt erst an". Meine Ansicht ist: Von nun an schauen in Südafrika noch viel mehr auf RhodeS als zuvor, und — wer zuletzt lacht, lacht am besten. Es wird nicht zu lange gehen, dann wird man sehen, was in Südafrika los ist. -- A L s e V L s ll. I^x. Der Barometer als Wetterprophet im verflossenen Sommer. Wohl in keinem Jahre haben die Wetterpropheten so viel Spott und Hohn, aber auch Zank und Tadel, ja sogar Verwünschungen über sich ergehen lassen müssen, wie im heurigen Sommer. Die Ackerbau und Viehzucht treibende Landbevölkerung hoffte oft tage-, ja wochenlang zur Verrichtung der Feldarbeiten geduldig auf gutes Wetter. Doch manchmal riß der Geduldfaden der guten Leute, wenn sich alle Vorher- sagungen der Wetterpropheten und Kalendermacher, von Falb angefangen bis zu den reimvollen Bauernregeln herab, nicht erfüllen wollten. Es ist dem Landvolke nicht zu verübeln, wenn es bei fortgesetzter Enttäuschung und anhaltender naßkalter Witterung. übler Laune wurde und mißgestimmt Aeußerungen machte, wie die folgenden: „Ich könnte meinen Barometer gleich 'runterhau'nl" oder „Der Kempter (Kalender) errathet Heuer auch nichts." — — Wenn der erstbezeichnete drohende Ausspruch erfüllt worden wäre, so hätte es dem leblosen Luftdruckmesser an der Wand am schlimmsten ergehen müssen; denn zu tausend Theilen wäre die Glasröhre mit dem Queck- stlberinhalte zerstückelt worden, und blos deßhalb, weil der Barometer so hartnäckig war und nie „in die Höhe" wollte. Jedoch zur wirklichen Vornahme eines solchen Vernichtungsaktes ist es nicht gekommen, denn man wußte wohl, daß dieser Wetterprophet ein sehr empfindsames Mobiliarstück sei und vielleicht später noch ganz verlässige Dienste leisten könnte. Wenn nun das Quecksilber nur eine geringe Steigung auswies und die Sonne durch den düsteren Wolkenschleier zu blicken sich würdigte, so legte sich auch der Aerger und die Mißstimmung des Hausherrn, und siehe I eS wurde auch bei ihm besser Wetter, indem sich in seinem Herzen eine heitere Stimmung und eine freudige Hoffnung regte. Aber mit dem Steigen des GemüthsbarometerS wuchs auch die Achtung und Bewunderung vor dem Queckfilberbarometer, als dem ver- lässigsten Vorherbestimmn des Wetters. Ja, man zollte ihm wieder wie früher den ihm »gebührenden Respekt", denn die schwache AufwärtSbewegung »brachte", wenn auch nur für kurze Dauer, doch gutes Wetter, und man konnte vMrW mit. der Fcjdgrhejt einen Schritt vorwärts kommen. Und sind nächstens die Arbeiten auf dem freien Felde vollendet, so kommt der Barometer wieder eher in Geltung, als eL im heurigen nassen Sommer der Fall war. Er, als sicherster und verläsfigster Wetterbestimmer, mußte die feindseligsten Beschuldigungen erdulden. Und wie wäre es ihm in einem trockenen Sommer ergangen? Der Hartnäckige wäre nicht gesunken (wie im Sommer 1893), und es wäre der dienstbare Witterungsverkünder von Undankbaren desgleichen gescholten worden. Möchte nun dieser leblose Wetterprophet unter allen Kalender- machern und Verfassern von Witterungsregeln wie bisher auch fernerhin der sicherste und ver lässigste bleiben! » Grabsteine aus Glas. In Amerika ist soeben eine Gesellschaft auf Aktien gegründet worden, welche Grabsteine aller Art aus Glas anfertigen will. So sonderbar dies im ersten Augenblick auch klingt, darf man doch nicht außer Acht lassen, daß man aus auf eine eigene Art gehärtetem Glase bereits Eisenbahnschienen angefertigt hat, und daß die dicken Glasplatten, welche die Kabinen- fenster der Dampfschiffe schließen, der stürmischsten See Widerstand leisten und beinahe unzerbrechlich sind. Glas ist unzerstörbar, wenn nicht großartige Kräfte darauf wirken, und die gläsernen Lrlchenstetne werden folglich nach Hunderten von Jahren noch eben so neu aussehen als am ersten Tage, während man nach 50 Jahren kaum noch die Inschrift an Grabmonumenten aus Stein entziffern kann; denn Regen, Schnee, Wind, Hitze und Kälte üben einen großen, zerstörenden Einfluß darauf cuts. ' " » — i-AüN' d ^ -- Keröst. Im Spotlicht tanzet ein Mückenschwarm, Es schien die Sonne so wohlig warm, Roth zittert es über die Halde. Hoch in den Lüften die Schwalben flieh'n, Ein gelbes Blatt fährt wegwärts hin, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Vom Baume fallet die reife Last, Sie reißt mit herunter den dürren Ast, Fort muß das welke, das alte. Die Astern am Hause blühen noch roth, Vielleicht eine Nacht nur, dann sind sie tobt, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde 1 Im Dörflein schlagen die Glocken an, Es ging eine Seele die letzte Bahn, Die Baume rauschen im Walde. Jetzt sind wieder Glocken und Bäume still, — DaS Herz erschauert, was werden will, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Das Leben hat wenig Sonnenschein, Oft bricht das Sterben mit Macht herein, Wie drüben über die Halde. Hienieden die Lust wie ein Hauch vergeht, Die Blüthe stirbt und der Duft verweht, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Adolph Müller. — . . > > ' -> -- » Auflösung der Kreuzcharade in Nr. 79: Weiber, gehe! (Gehe), Geber, Heber, Weihe, Berge, Geweihs Gehege. -EZS--