M „Augsburgrr PostMung". M 81 . viastag, den 29. September 1896 . Für die Redaction verantwortlich: vi. Theodor Müller in Augsburg. Trust und Berlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Die Zettelträgcriu. Erzählung von D. Duncker. lNachdruck verboten.^ In einem der kahlen, unfreundlichen Hinterzimmer deS Gasthofs „Zur Königsburg" saß die Gabel'sche Theatergcsellschaft und blickte trübselig in die mit dünnem Punsch gefüllten Gläser, oder über dieselben hinweg, einander in die betrübten Gesichter. Die Vorstellung war noch nicht lange zu Ende. Sie war wenig besucht gewesen, wie sämmtliche Vorstellungen vor ihr, und wie es muthmaßlick sämmtliche nach ihr sein würden, wenn es nicht gelang, irgend etwas Besonderes herauszufinden, was die Bewohner von Küm- meritz in den Theatersaal der „Königsburg" zog. Diese Aufgabe war nicht leicht, vornehmlich da im Grunde keine maßgebenden Ursachen für den Mißerfolg der Theatergesellschaft ersichtlich waren und der bejahrte, außerordentlich gutmüthige Direktor der Truppe, der für seine Mitglieder sorgte wie für seine eigene Familie, sich nicht zu Unrecht bisher stets vergebens die Frage gestellt hatte: Wen trifft die Schuld? Er konnte keine Antwort auf diese Frage finden, die daS Leben so häufig aufgiebt und ebenso häufig unbeantwortet läßt. — Kümmeritz war eine kleine Fabrikstadt mit wohlhabenden, ja zum Theil recht begüterten Einwohnern. Weder im Städtchen selbst, noch in seiner näheren Umgebung bot sich irgend etwas Sehens- oder Hörenswerthes; eine Konkurrenz war nach keiner Richtung hin zu fürchten gewesen, so daß „die Gabel'schen", wie sie im Volksmund hießen, vollauf berechtigt gewesen waren, mit einem ganzen Sack voll froher Hoffnungen in das Städtchen einzuziehen. Erfreute sich doch die Truppe unter ihresgleichen eines beneidenswerth, guten Rufes; weshalb also sollte sie nicht erwarten, als hochwillkommene Abwechselrng in dem Einerlei des Kümmerttz'schen Alltagslebens begrüßt zu werden? Um so größer war die Enttäuschung, daß das gerade Gegentheil der Fall zu sein schien, um so bitterer die Verzweiflung, als nun schon durch manche Woche Tag für Tag den auf den Brettern sich redlich Abmühenden ein leerer Saal entgegengähnte. Der halbwüchsige Knabe, der in den Morgenstunden Theaterzettel und Einlaßkarten „zur Bequemlichkeit des hochverehrten Publikums" von Haus zu Haus trug, mochte in noch so beredten Worten „die allerneuesten Novitäten", „die prachtvolle Ausstattung nach Meininger Muster", „das Renommö der großen und berühmten Künstler und Künstlerinnen der Truppe" preisen, die Vorstellungen mochten in ihrer Art noch so annehmbar sein, die rothbezogenen Bänke in dem großen Festsaal der Königsburg wollten sich nicht füllen. Anfangs hatte das im Grunde leichtlebige Völkchen seinem guten Stern vertraut; dann war, wie schon gesagt, eine Aera tiefer Bedrückung, bitterlicher Verzweiflung gekommen. Heut' galt es, aus der Passivität der Empfindungen herauszutreten, einen thatkräftigen Entschluß zur Aufbesserung der Verhältnisse zu fassen, oder aber ein jähes Abbrechen der Beziehungen zu dem undankbaren Kümmeritz zu beschließen, falls nämlich der Wirth zur Königsburg und mit ihm etliche andere Küm- meritzer gewillt waren, ein, wohl auch zwei Augen zuzudrücken und die „Gabel'schen" ihres Weges ziehen zu lassen, ohne kleinerer und größerer Verbindlichkeiten, die man eingegangen, zu gedenken. Wohl eine Stunde schon hatte die Gesellschaft in dem dumpfigen Hinterzimmer beisammen gesessen, ohne daß zu diesem oder jenem Ende ein irgendwie beachtens- werther Vorschlag gemacht worden wäre. Eine Art stumpfsinniger Lethargie hatte sich der meisten Mitglieder bemächtigt. Wie sollte man Abhülfe schaffen, wenn man nicht einmal die eigentlichen Ursachen des Mißerfolges kannte? „Schlaft nicht, Kinder, redet", hatte der Alte schon zu unterschiedlichen Malen die Gedankenmüden angerufen, doch der Anruf war bisher antwortlos verhallt. Endlich aber erhob sich eine Stimme und zwar ein überaus sanfter und sympatscher Alt, der bisher den ganzen Abend über, geschwiegen hatte. „Um zu reden, alter Freund, muß man doch erst etwas zu sagen haben, und das hat hier, mit ziemlichem Recht, gar niemand, wie es scheint." Die Sprecherin war eine Frau, ansang der Fünfzig, der man es ansah, daß sie einmal von großer Schönheit gewesen sein mußte. Aber Gram, Krankheit, Entbehrung, ja die brutalste Noth, hatten mehr als die Jahre an diesen schönen Zügen genagt, und die damals hohe, fast königliche Gestalt gebeugt, wie die, einer Greisin. „Mama Leibig", und der Direktor sah die Frau sich gegenüber, die seit Jahren zu seiner Gesellschaft gehörte, an, als ob ihr Anblick ihm etwas vollkommen Neues, Ungewohntes sei, „Mama Leibig", seine Blicke 618 wurden immer eindringlicher, ja beinahe durchbohrend, „jetzt weiß ich auf einmal was uns fehlt — Sie, Sie ganz allein tragen die Schuld an unserm Mißgeschick." Eine lange, verblüffte Pause. „Ich — ?" sagte die Angeschuldigte endlich und sah den Direktor mit einem müden Lächeln an, „ich alte Frau, die eigentlich hier nur noch ein Gnadenbrod ißt — ich sollte „Gnadenbrod! Reden Sie keinen Unsinn, Mama Leibig l" brummte der Alte, der eine große Verehrung für die still-leidende Frau im Herzen trug. „Ich bleibe dabei, es ist so — Sie ganz allein sind schuld an unserm Unglück." „Aber um's Himmelswillen — „Lassen Sie mich doch ausreden. Ich wiederhole es, Sie ganz allein; denn von dem Augenblicke an, da Sie Ihr Amt als Zettelträgerin aufgaben, und das geschah erst hier in diesem elenden Nest, ist es bergab mit uns gegangen." Die Tischgenossen, die bisher stillschweigend zugehört, brachen nun auf das Stichwort ihres Direktors hin, ein lautes Durcheinander aus. „Ja, Mama Leibig trägt die Schuld." „Sie muß wieder Zettel austragen gehen." „Wenn sie zu den Vorstellungen einladet, sagt niemand nein." „Mama Leibig, Sie müssen uns retten." So stürmte es, von bittenden und anschuldigenden Geberden und Mienen begleitet, auf die blasse Frau ein. Der Aberglaube, ein bei dem Völkchen der Schauspieler alles besiegender Faktor, hatte sich, durch das wie eine Bombe in die Tafelrunde einfallende Wort des Direktors entzündet, blitzschnell der Gesellschaft bemächtigt und wenn sämmtliche guten und bösen Geister des Himmels und der Hölle sich diesen Augenblick in der Hinter- stube der „Königsburg" versammelt und den „Gabcl'schen zugeschrieen hätten, daß Mama Leibig an den Mißerfolgen in Kümmeritz unschuldig sei wie ein neugeborenes Kind, jetzt hätte ihnen niemand mehr geglaubt. „Also, meine gute Leibig, die Sache ist abgemacht, gleich morgen werden Sie Ihr Amt wieder übernehmen. Der Sonntag ist ein guter Tag zum Anfangen." Mama Leibig antwortete nicht gleich. Dann sagte sie in einem Ton vollkommenster Resignation: „Wenn Ihr wirklich glaubt, daß ich Euch helfen kann, so muß ich's ja wohl thun, obgleich mtr's bitter hart ankommt, unter Menschen zu gehen." Niemand antwortete. Nur die Nachbarin der Leibig, eine junge, schmächtige Brünette mit großen, traurigen Augen, drückte ihr mitleidig die Hand. „Wenn es nur was hilft", fuhr Mama Leibig fort, als sie sah, daß niemand gewillt schien, das Opfer zurückzuweisen. „Unser Willy da ist ein frischer, kecker Bursch, der den Mund auf dem rechten Fleck hat; wenn er nichts ausrichtet, was soll denn ich alte, gebeugte Frau —?" „Nein, nein", rief es wiederum durcheinander. „Sie dürfen nicht mehr zurück. Sie haben so was Besonderes, Mama Leibtg, so was furchtbar Gebilvetes, so ein gewisses Etwas, was den Leuten imponiert. Nein, Sie müssen wieder gehn!" „Natürlich müssen Sie. Besonders draußen in der Villenvorstadt werden Sie Furore machen, Verehrteste", fuhr daS scharfe Organ des Charakterspielers, der sich bisher ganz wieder seine Gewohnheit sehr zurückgehalten hatte, nun plötzlich durch die Stimmen der Andern. „Da draußen wohnt die oräws der Kümmeritzer Gesellschaft, da sind Sie unter Ihres Gleichen." Die Angeredete zuckte bei dieser ironisch gemeinten Bemerkung zusammen, aber der „Franz Moor" der Truppe ließ sich nicht beirren. „Im übrigen aber ist's mit Mama Leibigs Bildung allein denn doch nicht gethan", fuhr er mit souveräner Stimme fort, „irgend etwas Neues, zu dem uns're treffliche Fürsprecherin einladen soll, wird denn doch noch gefunden werden müssen, und ich glaube, ich habe es schon." „Reden, reden!" drang eS von allen Seiten auf den im stillen Gefürchteten ein. „Mit den alten Schmarren" — er warf einen verächtlichen Blick auf den Direktor — „sind wir hier nicht weit gekommen. Weihnachten ist vor der Thür, die Erwachsenen haben nicht angebissen, vielleicht thun's die Kinder. Wie wär'S, wenn wir eine Anzahl von Ktndervorstellungen veranstalteten?" „Hm, nicht schlecht, nicht schlecht die Idee." Der Sprecher zog die spitzen Schultern bis an die Ohrlappen. „Nicht schlecht — ausgezeichnet ist die Idee! Ich habe da so ein paar Dinger bei mir" — fuhr er nach einer Kunstpause mit gemachter Gleickgütigkeit fort — „in denen der Teufel eine bedeutende Rolle spielt." — Die übrigen Mitglieder blinzelten sich zu, als wollten Sie einander sagen: „Merkt Ihr was?" aber sie wagten nicht den Gefürchteten zu unterbrechen, der doppelt entsetzlich war, sobald ihm eine Rolle streitig gemacht werden sollte. „Weiß der Himmel, der Teufel zieht immer", lachte er frivol, „darum, meine verehrte Mama Leibtg, werden Sie es morgen gar nicht schwer haben, gleich einem zweiten Rattenfänger von Hameln, uns die Kinder dieses bisher so renitenten Städtchens mit der Aussicht auf den Teufel, einzufangen und in die „Königsburg" einzuliefern. Damit, denke ich, wäre die Sache Wohl erledigt und der Beginn einer neuen Aera gemacht." Mit diesem inhaltsschweren Wort erhob sich der große Mann und verließ das kleine Zimmer, und wenige Augenblicke später folgten ihm die Uebrigen nach, um ihre Ruhestätten auf den Böden der Königsburg aufzusuchen. Nur zwei Personen blieben in dem kalten, öden Raum zurück; Mama Leibig und die schmächtige Brünette mit den traurigen Augen. Sie wußten Beide, daß sie noch lange keinen Schlaf finden würden; sie kannten es Beide, was es heißt, sich ruhelos mit quälenden Gedanken auf dem Lager zu wälzen. Die Qual der Nacht kam ihnen Beiden noch früh genug. Die Junge hatte nach dem Fortgang der Anderen den kleinen Kopf mit dem schwarzen, kurzgeschnittenen Kraushaar in die Hand gestützt und starrte rathlos eine lange Weile in den graublauen Qualm, der das Zimmer füllte, dann legte sie mit plötzlicher Energie ihre sehr feine, jugendliche Hand auf die welkere der älteren Frau, und sagte kurz: „Warum haben sie nicht nein gesagt, Mama Leibig?" Die Alte lächelte schmerzlich: „Weil ich selten mehr ein „nein" gesprochen habe, seit ich es einmal zur rechten Zeit zu sprechen versäumt." Dann strich sie der Jungen liebreich über das dunkle Haupt. „Wollen Sie nicht schlafen geh'», Marinka? Es ist spät, und bei Ihnen kommt der Schlaf wohl noch." Aber die Brünette schüttelte lebhaft abwehrend den Kopf. „Nein, Mama Leibig — schicken Sie mich nicht fort! Es ist zu schrecklich, mit seinen Gedanken allein zu sein!" - Dann schmiegte sie sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, dicht an die ältere Frau an, und bat leise: „Bitte, bitte, Mama Leibig, Sie kennen meinen Kummer — wollen Sie mir den Ihren nicht endlich anvertrauen? Oder glauben Sie mir noch immer nicht, daß ich Ihnen ergeben bin, daß ich Sie lieb habe, wie eine Tochter ihre Mutter?" Bei den letzten Worten zuckte die Alte zusammen. Es war ein beinah wilder Schmerz, der sich auf dem faltigen Gesicht spiegelte, ein Schmerz, wie man ihn nur in jungen Augen, auf bleichen, aber glatten Stirnen zu finden pflegt. Aber sie faßte sich schnell und dem jungen Weibe mii der müden Hand über das blasseAntlitz streichelnd, sagte sie sanft: „Ja, Sie haben recht, Marinka — ich willJhnen endlich meine Geschichte erzählen, gleicht sie auch der Ihren in keinem Punkt, denn ich — ich wurde nicht verlassen, ich verlieb, ich verstieß, aus guter Absicht, o ja — und niemand geringeres, als mein Kind, wein einziges Kind,meineTochter! Dieser „vernünftige Schritt", einstens so viel belobt, ist der Fluch meines Lebens geworden. Hören Sie, wie es begann und wie es endete, enden mußte,denn eine Mutter, die ihr Kind verschenkt, wer weiß, vielleicht verkauft, ist keines besseren Schicksals werth." Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie ruhiger fort. „Ich hatte sehr jung geheirathet, kaum achtzehn Jahre alt, dem Willen meiner Eltern entgegen. Mein Mann war beim Theater; ich folgte ihm auch bald in seinen Beruf. Zeitweise wirkten wir bei derselben Bühne, häufiger roch getrennt. Wenige Monate, nachdem meine kleine Martha geboren worden war, eröffnete sich uns in einem Augenblick peinlichster materieller Noth die Aussicht auf ein gemeinsames Engagement bei einem leidlichen Stadttheater. Mein Mann folgte dem Rufe sofort, ich selbst konnte — es war mitten im Winter — mich mit dem kleinen Kinde nicht sogleich auf den Weg machen, auch hatte das Wochenbett und die anstrengende Pflege des zarten Geschöpfes meine Klüfte so sehr mitgenommen, daß ich mir kaum getrauen durfte, schon wieder an die Ausübung meines Berufes zu denken. Zunächst schien es, als ob meinem Manne, obgleich er während der Verhandlungen über mein Zurückbleiben sehr verstimmt gewesen war, mit dieser Trennung nun, da sie vollzogen, kein übler Gefallen geschehe. Es mochte ihm genehm sein, der Familienmisäre der letzten Monate entrückt zu sein, auch deuteten seine Briefe darauf hin, daß es der Direktion in jener fernen Stadt im Grunde weit mehr um ihn, als um mich zu thun gewesen sei. Aber nicht lange, so wendete sich das Blatt. War's Wahrheit, war's eine Lüge, ersonnen, nur um so sicherer das Ziel zu erreichen, das ihm seit der Geburt des Kindes, un- verrückt vor Augen stand, ich weiß es noch heute nicht, aber es gewann mit einem Male den Anschein, als sei auch ich an jener Bühne auf's dringenste nothwendig geworden, ja, als würde ich der Stellung verlustig geh'n, wenn ich mich nicht bald entschlösse, zu kommen. Ich sah mein Kind, meine kleine Martha an. Lieblicher ward sie von Tag zu Tag, aber noch immer war sie zart und schwach; der Winter schien kein Ende nehmen zu wollen, und jene Stadt lag im fernsten Osten des Reichs. Ich besann mich nicht lange und schrieb ein „Nein, noch nicht —" und nach kurzen Pausen wieder und wieder ein „Nein." Mitnehmen konnte ich das Kind in ein noch rauheres Klima nich: — es zurückzulassen, daran dachte ich nicht einmal. Ich hatte zu leben. „Mein Mann schickte gerade soviel, daß wir nicht zu verhungern brauchten, aber das genügte mir. Hatte ich nicht das Kind? Nachholen im Beruf ließ sich Versäumtes wohl, versäumte Pflicht an einem so jungen Menschenkinde niemals. So schrieb ich's meinem Manne, aber er wollte nichts davon hören. Immer dringender wurden seine Briefe, ihm zu folgen, meine Karriere, meinen Beruf nicht zu ruinieren und das Kind, das all' meine Kräfte und Gedanken in Anspruch nähme, wenn ich denn gar so ängstlich darum besorgt sei, einstweilen dort und anderen Händen zu überlassen, wie es Hunderte von Frauen in meiner Lage vernunftgemäßer Weise zum Besten ihrer Kinder thäten. — Das war die erste Masche des Netzes, in dem ich mich verfangen sollte. Und die Quittung auf meine entrüstete Antwort über dieses Ansinnen? Die Geldsendungen meines Mannes blieben aus. „Plötzlich, eines Tages, kam er selbst, trotz der weiten Entfernung, und trat mit der trotzigen Forderung vor mich hin, ihm auf der Stelle zu folgen, da unsere Fächer sonst ohne Aufschub anderweitig besetzt würden. Er habe keine Lust wegen des Wurmes in der Wiege da um alles betrogen zu werden, was er noch von mir und dem Leben erwarte. Zögernder kam er dann mit EU -LrÄL-. Das Grad der allrrseUgsten Jungfrau Maria 620 der Enthüllung heraus, daß ich das Kind unter allen Umständen für diese Saison zurücklassen müsse. Als Aequivalent für mein langes Zögern habe der Direktor diese Bedingung gestellt. Ich sollte an seiner Bühne für unverheiratet gelten, eine ledige Liebhaberin sei für die männliche Jugend der Stadt eine bedeutsamere Zugkraft, als eine verheirathete Frau und Mutter. „Ueber der Todesangst, mich auch nur auf kurze Zeit von meinem Kinde trennen, es fremder Pflege überlassen zu sollen, merkte ich nichts davon, daß diese „Bedingung des Direktors" nichts als eine plumpe Falle meines Mannes war, fühlte nichts davon, mit welch' vcrabscheuungswürdiger Frivolität, er, wenn auch nur seinem falschen Spiel zu Liebe, sein eigenes Weib zum Lockvogel für andere Männer stempelte. Einzig der Gedanke beherrscht mich, mein Kind behalten zu dürfen. Aber trotz allen Sträubens — mein Gatte war klüger als ich. Er überlistete mich fein und fing mich in meinem eig'nen Netz. „Wohl ausgedacht war die Komödie, die er spielte. Er heuchelte plötzlich selbstlose Liebe zu dem Kinde — welche Mutter hätte ihm nicht geglaubt? Er beklagte es um seiner unsicheren Zukunft willen, um einer Zukunft, der es stets an einem geordneten Heim und allem, was ein solches schmückte, fehlen würde. Und als er mit kläglichen Sophismen mich und meine befltzheischende Liebe endlich in meinen eigenen Augen zur ungeheuerlichsten Egoistin gemacht, kam er langsam, ganz langsam damit heraus, daß er wohl eine Heimath, eine gesunde Atmosphäre für das Kind wisse, und daß, wenn ich es wahrhaft liebte, ich die letzte sein dürfte, dem Kinde solche Zukunft zu verschließen. „Zu welchem Zweck, Marinka, die übermenschliche Qual jener Tage in allen Einzelheiten wieder heraufbeschwören? „Sie wissen ja längst, wie es kam! Binnen kurzem hatte er mich durch seine spitzfindigen Teufeleien zu dem Ungeheuerlichen gebracht, daß ich es selbst als eine That edler Selbstlosigkeit erachtete, mein eigenes Fletsch und Blut, mein heißgeliebtes Kind wildfremden Leuten für alle Zeit zu überlassen, und mir noch überdies das Versprechen ablocken ließ, meine kleine Martha nie wieder zu sehen, mich niemals als ihre Mutter zu bekennen." Die Zettelträgerin hielt inne. Trotz der inzwischen eisig gewordenen Luft in dem düstern Hofzimmer, stand ihr der Schweiß in dichten Perlen auf der Stirn. Sie fuhr mit dem Tuch darüber hin, athmete ein paar mal schwer und heftig auf, und fuhr dann ruhiger fort: „In den ersten Wochen, nachdem Entschluß und Trennung einmal überstanden waren, schien sich mein Leben ganz erträglich zu gestalten. Die Neigung meines Mannes, die von dem Augenblick an, da ich Mutterhoffnungen nährte, bedenklich in's Schwanken gerathen war, schien sich wieder zu befestigen, die gemeinsame Thätigkeit in bescheidenen aber gesicherten Verhältnissen that mir nach der Zeit endloser Aufregungen und Entbehrungen verhältnißmäßig wohl, aber dieser Zustand währte nicht lange. Die Reue, in die grausamste Unnatur gewilligt zu haben, kam mit vernichtender Gewalt über mich, und ließ mich niemals wieder los. Hätte ich zehn Kinder zu warten und zu pflegen gehabt, sie hätten mich nicht mehr von meinem Beruf abziehen, mich nicht untauglicher machen können, als das eine, das ich fortgegeben, um mich meiner Thätigkeit mit Ruhe und Muße widmen zu können. Meine Leistungen wurden unter dem Druck der unablässigen Gewissensqual von Jahr zu Jahr unbedeutender, schlechter, unmöglicher. Von meinem Manne trennte ich mich. Ich konnte den, der mich zu dieser teuflischen That überredet, nicht länger vor Augen sehen. Tag und Nacht verfolgte mich der Blick, die Stimme meines Kindes. Ich meinte, seine kleinen, hilfeheischenden Händchen zu fühlen, das runde, weiche Köpfchen, das sich verlangend an meine Brust drängte. Von Tag zu Tag wuchs die Schwere meiner Schuld in meinem Bewußtsein an. Ich wußte wohl, das Kind lebte in einer anständigen, sorgenlosen Atmosphäre; aber wußte ich auch, ob es geliebt war, geliebt mit jener Liebe, die nur eine Mutter geben kann? Wußte ich, ob es diese Liebe nicht täglich, stündlich vermißte? Ob es sich nicht insgeheim, instinktiv vielleicht nur, nach der Mutter sehnte? Ach, Marinka, darüber kann kein Weib! Für den Mann, der uns die Treue gebrochen, giebt eS vielleicht Ersatz und Trost — um daS Kind aber, das die Mutter unter dem Herzen getragen und das sie freiwillig von sich gestoßen, trägt sie lebenslange Reue — bitterliche Verzweiflung!" Die Frau legte den Kopf in beide Hände und schluchzte leise auf. Dann faßte sie sich wieder und griff nach einer schwarzen Schnur, an der sie ein kleines goldenes Kreuzchen mit einem Gottesauge unter dem Kleide auf der Brust trug. Sie zog den unscheinbaren Goldschmuck hervor. „Das ist das einzige, was mir von meinem Kinde geblieben. Es hat es vom ersten Tage an auf seinem kleinen rosigen Leibe getragen, einer Freundin zum Gedenken, die mir es nach der Geburtsstunde gab. — Und nun kommen Sie, es ist Morgen geworden." Langsam und schwerfällig stiegen die beiden leid- gebeugten Frauen die schmale hohe Treppe zu ihren Schlafkammern unter dem Dach hinauf. — Es war ein klarer, sonniger Wtntermorgen, an dem Mama Leibig ihren Gang antrat. Eine wohlthätige Feiertagsruhe lag über Kümmeritz gebreitet. Die Straßen waren still, fast ausgestorben. Nur von der Chaussee her, die in weitem Bogen nach Westen zu, die Stadt umgürtet, tönte von Zeit zu Zeit Jubeln und Aufkreischen herüber: die Stimmen der Knaben, welche die Sonntagsfreiheit benutzten, um sich mit Schneebällen und Schlittenfahren zu vergnügen. Auf den Dachfirsten und Vorsprängen der Häuser lag der Schnee, von dem scharfen Frost der letzten Nacht zu festen Streifen gebannt, wie blinkende Silberbänder in der Frühsonne da. Hinter den blanken Scheiben standen blühende Blumenstöcke, und zwischen ihnen durch, lugte manch altes und manch junges Gesicht in die Straße hinaus und blickte der hohen, heut' wunderlich aufrecht gehenden Gestalt der Zettelträgerin nach. Von Schritt zu Schritt wurde der langsam Schreitenden leichter zu Sinn. Die mit so schwerem Herzen übernommene Aufgabe wollte thr nun, da sie dicht vor der Erfüllung stand, nicht mehr allzu bedrückend dünken, und der meist so trübe gesenkte Blick des Weibes schweifte weit hinaus über die Dächer und ragenden Schlote des Städtchens, fort in die in Sonnenschein gebadete Landschaft hinein. Er umfaßte die nahe Hügelkette, die glänzend und gleißend ausgebreitet lag, den Strom, der reißend das tiefgelegene Thal durcheilte, und in die müde, gequälte Brust der Wanderin verirrte sich einer der Mil- MW -WM MWA Klalllrasö-ir. ««-- SÄ-- U^W WWW- «WuM« - "k WWW !N«K MW 8E -MMi -WÄ: HMHK ssssi ->MZ! MW WMU MÄ MW! ^KL 622 liarden tanzenden Sonnenstrahlen, und ein Gefühl von Licht und Wärme, wie sie es seit Jahrzehnten nicht gekannt, durchzuckte Leib und Seele des Weibes. War's die Rückwirkung des Geständnisses, das sie in dieser Nacht — mehr noch vor sich selbst, als vor der traurigen Marinka — abgelegt? War's der lachende Tag und das erhebende Gefühl, noch zu etwas in der Welt nütze zu sein, — selbst elend und zermartert, andern Bedrängten noch hilfreich sein zu dürfen? Sie wußte es nicht. Sie fühlte nur, daß an diesem Morgen, auf diesem stillen, einsamen Gange zum erstenmal seit langen, langen Jahren wieder sanftere Gefühle ihr Herz durchzogen, daß die wilde Empörung gegen ihren Gatten einer Art milden Mitleids wich, und die herzbeklemmende Angst um ihr dahingegebenes Kind sich in das schwache Hoffnungsfühlen wandelte, daß ihre Martha, all' ihrer finsteren Sorge zum Trotz, am Ende doch nicht liebeleer durch's Leben wandle. — Ganz im Gegensatz zu den meisten Frauen, denen Tod oder Leben ihre Kinder geraubt haben auch zu denen, welchen Muttcrglück überhaupt versagt geblieben ist, und in deren aller Herzen oft eine völlige Empfindungslosigkeit, öfter noch Bitterkeit und Härte gegen Kinder einzuziehen pflegt, fühlte Mama Leibigs trauriges Gemüth warm und zärtlich für die kleine Welt, und dieses Fühlen kam ihrer heutigen Mission zu gut. Wohin sie kam, wußte sie so beredt und eindringlich den Kleinen die Wunder des Märchenzaubers zu schildern, die sich von den Brettern her ihnen erschließen sollten, so ganz das rechte Wort für das Auffassungs- und Anschauungsvermögen der Kinder zu treffen, daß die Jugend von Kümmeritz mit ahnungsvollen Schauern die Wunder der zu schauenden Herrlichkeiten vernahm und nicht anders glaubte, als Frau Holle oder irgend eine andere ihrer geliebten Märchengestalten sei leibhaftig zu ihnen herabgestiegen, sie in ihr Reich zu entführen. Der unfehlbare Charakterspteler hatte mit seiner Behauptung, daß Mama Leibig in Kümmeritz die weibliche Rolle des Hamelner Rattenfängers spielen würde, wirklich einmal recht gehabt. Mit stetig sich füllender Börse und naturgemäß ebenso stetig abnehmendem Einlaß- kartenvorrath schritt Mama Leibig von Haus zu Haus. So war es beinahe schon Mittag geworden, als sie die eigentliche Stadt hinter sich hatte und in das Villenviertel hinauspilgerte, in dem die wohlhabenden Fabrikanten des Städtchens, fern vom Qualm ihrer rauchenden Schornsteine, ihren Wohnsitz hatten. Ohne besondere Wahl betrat die Zettelträgerin die erste Villa linker Hand, die ziemlich weit von der Landstraße entfernt in einem verschneiten Garten lieblich eingebettet lag. — In dem geräumigen, wohldurchwärmten Vorflur spielten mehrere blondhaarige Knaben und Mädchen Haschen, blieben aber wie festgezaubert vor Mama Leibtg stehen, als sie hörten, daß die Frau, die da plötzlich, wie mit den neufallenden Flocken hineingeweht, zwischen ihnen stand, Karten zu Märchenvorstellungen anbot. Eine Theatervorstellung und gar ein Märchen I O, da mußte Mutter „Ja" sagen, „Ja" um jeden Preis. Und die kleine lebhafte Schaar bat mit glänzenden Augen und rasch gerötheten Wangen, doch ein paar Minuten, zu warten, Mutter würde gewiß eine Menge, Menge Karten kaufen; sie selbst wollten sie bestürmen, und ein kleiner Pfiffikus fügte mit großen Augen und wichtigen Mienen hinzu: „Sie können sich fest darauf verlassen, denn Vater ist nicht zu Hause, der arbeitet selbst heut', am Sonntag in der Fabrik, und wenn er nicht da ist, thut uns Mutter nochmal so leicht den Willen." Und fort waren sie, in den ersten Stock hinauf. Nach Minutenfrist erschienen sie wieder — wie ein Blüthenstrauß an einem Stiel erwachsen — an der Mutter hängend, einer Frau in der Kraft und Fülle der Jugend, blond und blauäugig wie ihre Kinder. Ein unbändiger Schmerz erfaßte die Brust des kurz vorher noch fast frohgestimmten Weibes bei diesem holden Anblick. So heiß wallte das bitter brennende Weh plötzlich in der Einsamen auf, daß sie, nach Athem ringend, zu ersticken wähnte und die Knöpfe ihres ärmlichen Mantels weit voneinander reißen mußte, nur um Luft zu schöpfen, die plötzlich versagende Sprache wieder zu gewinnen. Dann athmete sie erleichterter und zugleich bestürzt auf. Wie viele Mütter und Kinder hatte sie an diesem Morgen schon zärtlich beieinander gesehen? Wie kam ihr plötzlich bei diesen gerade, der heiß aufwallende Schmerz, als umfasse sie gerade hier mit einem einzigen, furchtbar hellsehenden Blick alles, was sie verloren hatte? Wie durfte ein Glück sie erschüttern, wie durfte sie eines beneiden, um daS sie sich selbst betrogen l Die herbe Erkenntniß machte sie gefaßt; ruhiger trat sie der jungen Frau entgegen und brachte schlicht ihr Anliegen vor. Der Herrin des Hauses, im Herabsteigen von den Kleinen umkost und umplaudert, war die jähe, mühsam zurückgedrängte Erregung der Zettelträgerin bisher entgangen. Nun erst. als die leise wohllautende Stimme der Frau ihr an's Ohr schlug, als sie in das gramdurchfurchte Antlitz sah, bemerkte sie, daß das arme Weib, das ihren Kindern ein Jubeln ohne Gleichen in's Haus gebracht hatte, leichenbleich und wie von Fieberfrost geschüttelt, zu Tode erschöpft, vor ihr stand. Sie ergriff die kalte Hand und zog die Fremde, wie einen lieben Gast, gütig auf einen Stuhl nieder. ^ „Sie sind krank, liebe Frau. Ruhen Sie aus und erwärmen Sie sich — dann wollen wir über die Märchenvorstellung sprechen." Und scherzend, das gramvolle Antlitz aufzuheitern, fügte sie hinzu: „Hoffentlich reicht Ihr Kartenvorrat noch für meine begehrliche Schaar, die am liebsten Haus und Hof mit hineinschleppen möchte, in die lang ersehnte Wunderwelt." Mama Leibig wollte erwidern, aber eine plötzliche, unüberwindliche Mattigkeit überfiel sie, und die Augen schließend, sank sie wie in tiefer Ohnmacht zurück. Sie hörte nur noch die Stimme der lieblichen Frau, welche leise sagte: „Maxi, ein Glas Wein — aber schnelll" Dann verließ sie das Bewußtsein. — Sie erwachte nicht in dem geräumigen Treppenflur, sondern auf einem bequemen Ruhebett in einem mit traulicher Behaglichkeit ausgestatteten Gemach. — Ihr erster Blick fiel auf die junge blonde Frau, die mit angstvoll starr auf sie gerichteten Augen vor ihr stand. Verwirrt erhob sich die Zettelträgerin und blickte von der jungen, fast leblos dastehenden Frau auf sich selbst. Man hatte ihr Hut und Mantel abgenommen und das Oberkleid gesüftet. Mit einer raschen Bewegung schloß sie die Falten des Kleides wieder zusammen und tastete dabei instinktiv nach dem Kreuzchen mit dem Gottesauge auf ihrer Brust. Die suchende Hand fuhr entsetzt zurück. Das Kleinod war verschwunden. Laut auf stöhnte die Frau. Es war der erste Ton, der zwischen diesen beiden Schmerzgebannten hörbar wurde. Dann trat die junge Blonde nahe auf sie zu, legte eine kalte bebende Hand auf die der Alten und fragte stockend und kaum hörbar: „Suchen Sie — ein Kreuz — das Kreuz — Ihres Kindes? Hier — nehmen Sie —" und sie ließ den Schmuck in die hastig ausgestreckte Rechte seiner Besitzerin zurückgleiten. Ihres Kindes! Was war das? Was wußte diese Fremde von ihrer verlorenen Tochter? — Und doch — blitzschnell fuhr eS der Alten durch den Sinn — wenn sie eine Spur von ihr hätte? Wie emporgeschnellt sprang sie auf, um in den Zügen der Anderen zu forschen. (Schluß folgt.) -- Das Grab der allersel. Jungfrau Maria. Von Dr. G. Müller. (Mit einer Original-Abbildung.) Seit den frühesten Jahrhunderten hören wir von der Verehrung, in welcher das Grab der Mutter Jesu bei Gethsemani in Jerusalem stand, und die Geschichte der heiligen Stätten Palästina's berichtet uns, daß auch über der einstigen Ruhestätte Mariens eine herrliche Basilika sich erhob. Nach uralter Tradition der jerusalemitischen Gemeinde ist die Gottesmutter auf Sion gestorben, von den Aposteln im Thal Josaphat, unweit vom Garten Gethsemane, in einer Felsengruft — wohl der Begräbnißstätte ihrer Eltern — beigesetzt und nach wenigen Tagen bei lebendigem Leibe von ihrem göttlichen Sohne in den Himmel aufgenommen worden. Die historische Kritik bestätigt die Thatsache, daß in den Tagen der Kaiserin Eudoxia dteGrabkirche Mariens aus dem Schutt und der Vergessenheit bedrängter Zeiten wiedererstand, und daß man das Grab leer und darinnen nur Tücher fand, in die der hl. Leib einst gehüllt gewesen war. Der Ort des Grabes und die thatsächliche stete Erinnerung an seine Echtheit ist bezeugt durch die Tradition der Jahrhunderte und die hohe Wahrscheinlichkeit der Umstände. Wir geben hier eine Abbildung der Grabkirche, die für das von mir herausgegebene „Illustrierte Centralblatt für christliche Alterthumskunde" eigens angefertigt worden ist. Die Kirche ist in eine obere und untere getheilt, zu welch letzterer 4 Stufen hinabführen, als der eigentlichen Felskapelle mit dem Grabe Mariens. Das Gebäude ist ein kleiner Ueberbau über der Grabeshöhle, welcher eigentlich nur ein Dach der Eingangstreppe zur unteren Grabkapelle bildet. Dieser Ueberbau in der Form eines plattgedeckten Hauses ragt ansehnlich über den vertieften Vorplatz, unbedeutend aber über den an die Ost-, Nord- und West-Seite des Gebäudes stoßenden Erdboden hinauf. Das Innere der Kirche ist geschmückt mit einer Menge von Lampen und mit Altären der christlichen Bekenntnisse. Die Grabkapelle ist viereckig und so klein, daß sie nur für wenig Personen Raum hat. Das Grab Mariens stellt einen ziemlich hohen Sarkophag vor, dessen Deckel schwarzgeäderter Marmor ist. Teppiche und Seide bekleiden Altar und Wände, das Aeußere zeigt wieder die Spitzbogen-Architektur. Drei dünne Wand-Säulen zu beiden Seiten des Spitzbogen-Einganges tragen ein verziertes Horizontal-Gesims, auf welchem die Spitzbogen aufsitzen, die der Anordnung der Wandsäulen conform so eingestuft sind, daß der weitere äußere die beiden kleineren inneren Bogen über dem Eingangsthor einschließt. Auch hier ist die Bedachung flach. In den Zeiten des Königreiches Jerusalem befand sich hier eine Benediktiner- Abtei, welche Gottfried von Bouillon stiftete und reich dotirte. Das Kloster war südlich angebaut, so daß der jetzige viereckige Vorplatz den Klosterhof bildete. Gegenüber der uralten jerusalemitischen Tradition, wonach Maria in Jerusalem starb und dort begraben wurde, kann die viel jüngere, willkürliche Legende, daß die Hochgebenedeite bei Ephesus starb, nicht aufkommen. Die neuesten Forschungen haben die volle Richtigkeit der alten Ueberlieferung und die Echtheit des Grabes Mariä in Jerusalem unwiderleglich erwiesen. - — Zu unseren Bildern. Dr. Eugen Jäger, Redacteur und Besitzer der „Mälzer Zeitung" in Spever, vertritt seit dem Jahre 1887 den Wahlkreis Dillingen in der bayerischen Abgeordnetenkammer. Er ist geboren am 28. August 1842 zu Ann- weiler in der Pfalz, studirte an den Gymnasien in Mannheim und Speyer und besuchte das Polytechnikum in Karlsruhe, München und Zürich und die Universität München. Herr Dr. Jäger hat eine Reihe von wichtigen socialpolitischen und volkswirtbschaftlichen Schriften verfaßt und ist besonders dadurch bekannt geworden, daß er zu Beginn der letzten Landtagspenode, unterstützt vomCentrum, eine Reihe von tiefeinschneidenden Anträgen zu Gunsten der Landwirthschaft stellte, welche zum Theil in der im heurigen Sommer zu Ende gegangenen Session des Landtags Gesetzeskraft erlangt haben. KtaUtragSdie. Eine ungewöhnliche Erregung herrscht heute in dem zur Nachtzeit sonst so stillen Stalle. Kein Wunder! — ist es doch der List des durchtriebenen Meister Reinecke, der unserer friedlichen Hühnerfamilie längst Tod und Verderben geschworen hat, endlich gelungen, derselben seinen „halsumdreherischen" Besuch abstatten zu können. In ängstlicher Eile sucht die Henne ihre Küchlein, die vor Schrecken in buntem Gewirr über einander purzeln, mit ihren breiten Flügeln zu decken, während der Hahn im Gefühle seiner Verantwortlichkeit als Haupt der Familie sich dem Eindringling gegenüber energisch zur Wehre setzen will. Doch da wird er wenig ausrichten: Meister Reinecke ist ein geriebener Raubmörder, er hat schon manchem tapferen Hahne den Hals umgedreht, worauf es ihm dann ein Leichtes ist, mit den übrigen — vollends aufzuräumen. -. > . Goldköruer. Das schönste Glück des denkenden Menschen ist: das Er- forschliche erforscht zu haben, und das Unerforschliche ruhig zu verehren. Goethe. _ . ..ä Dr. Eugen Jäger. -««8WS— 6S4 Allerlei. Die Macht der Annonce. Die praktischen Engländer und Amerikaner verstehen am besten den ungeheuren Nutzen des Inserats und der Ankündigung zu würdigen, und sie wissen, daß die großen Summen, die sie für diese Zwecke verwenden, Zinsen und Zinseszinsen tragen. Es gibt Unternehmungen, die nur durch die kolossalste Publizität die größten Erfolge erzielt haben; überall findet man sie, überall stößt man auf ihre Namen. Der Reisende, welcher z. B. über den Aermelkanal fährt, um England zu besuchen, erblickt, noch einige Meilen von der Küste entfernt, eine Tonne im Meere, auf welcher mit Ntesenlettern geschrieben steht: „?6a.r's 8onx" (Pears Seife). Bei dem ersten Blicke, der auf die Kreidefelsen von Dover fällt, liest man sofort wieder: „Pears Seife", und auf Schritt und Tritt, in jedem Bahnhöfe, auf den Pflastern der Städte, an jeder Mauerccke, in jeder Zeitung und in allen Gassen finden sich Bilder und Zeichnungen, die zuweilen mit künstlerischem Geschmack ausgeführt sind und auf denen wieder zu lesen ist: „Pears Seife". Das ganze Unternehmen ist auf einem in solchem Umfange vielleicht noch niemals durchgeführten System von Ankündigungen und Plakatierungen aufgebaut. Pear hat Volkssänger und Bänkelgesellschaftcn bezahlt, nur zu dem Zwecke, daß sie populären Gassenhauern einen Text unterlegen, in dem Pears Seife empfohlen wird. Vor einem Jahre wurde dieses Unternehmen in eine Aktien- ^ gesellschaft verwandelt, und diesem Umstände verdanken , wir einige Kenntniß über das Verhältniß zwischen den Auslagen für Ankündigungen und dem Reingewinn. Im Jahre 1885 hatte Pear für Ankündigungen den Betrag ! von 31,159 Pfund ausgegeben, und der Gewinn stellte sich auf 95,106 Pfund. Im Jahre 1886 summirten sich die Kosten der Ankündigung mit 58,884 Pfund und der Gewinn mit 117,565 Pfund. Im Jahre 1887 wurden für Annoncierungen 82,312 Pfund ausgegeben; der Gewinn bezifferte sich mit 128,109 Pfund. Im Jahre 1888 erforderten die Ankündigungskosten 86,491 Pfund, und der Gewinn stellte sich auf 133,706 Pfund. Im Jahre 1889 stiegen die Ausgaben von Annoncierungen auf 119,902 Pfund, der Gewinn auf 149,770 Pfund. Im Jahre 1890 betrugen die Ankündigungskosten 126,994 Pfund, der Gewinn stellte sich auf 165,355 Pfund. Für das Jahr 1891 werden die Annoncierungskosten mit 103,596 Pfund und der Gewinn mit 175,920 Pfund berechnet. Pear hatte also im Laufe von sieben Jahren mehr als 12 Millionen Mark ausgegeben und mehr als 17 Millionen Mark als Reingewinn erzielt. » In Eisenberg hat ein Herr Kaufmann ein Licht erfunden, das er Sonnenglanzlicht nennt. Seine Erfindung beruht auf einem Bewunderung erregenden und doch einfachen Mechanismus, welcher die denkbar geringste Bedienung erfordert. Durch einen Fingerdruck wird der Apparat in beliebig lange andauernde und selbstthätige Bewegung gesetzt. Eine durch einen sinnreichen Mechanismus betriebene Pumpe füllt, so oft es nöthig, den Gaserzeugungsapparat mit neuer Luft, und in Verbindung mit dieser wird nun aus der Gasstofffüllung ein billiges, geruchloses, jede Explosionsgefahr ausschließendes, zu BeleuchtungS-, Koch-, Heiz- und vielen anderen Zwecken verwendbares Gas erzeugt. Das mit diesem Gas erzeugte Licht steht dem elektrischen Lichte nicht nach und bietet nicht nur diesem, sondern auch allen anderen Beleuchtungsarten gegenüber nicht geringe Vortheile sowohl in sanitärer, als auch in pekuniärer Hinsicht. Da der Apparat nur einen geringen Raum (ca. 1*/? stm) beansprucht und an jedem beliebigen Orte aufgestellt werden kann, so ist es möglich, daß jeder größere Haushalt, ob ! in Dorf oder Stadt, jede Villa, jedes Gut oder Schloß, ^ jede Fabrik, jede öffentliche Anstalt ihre eigene billige Gasanstalt und ein hellstrahlendes Licht erhalten kann. * Die „13" gilt bekanntlich als Unglückszahl. Wie viele Personen gibt es, die an einer Tafelrunde von 13 nicht sitzen mögen! In den meisten Gasthöfen gibt es kein Zimmer Nummer 13, sondern neben 12 liegt gleich 14. Dem gegenüber ist es nicht uninteressant, festzustellen, daß der einzige Passagier, welcher beim Schiffbruche des „Drummond Castle" gerettet wurde, Herr Marquardt aus Stuttgart, auf dem untergegangenen Dampfer gerade die Kabine 13 bewohnt hatte. Ob Nummer 13 jetzt, wenigstens für Schiffe, eine Glückszahl werden wird? — » V ^ - Der Abendstern. Ost schaut in stiller Abendstunde Mein Aug' hinaus in weite Fern', Blickt still empor zum blauen Himmel, Schaut sinnend nach dem Abendstern. Ost stand ich da in süßer Freude, Ost auch in bitt'rem Herzensweh, Und meine sturmbewegte Seele Glich d nn der aufgetrieb'nen See. Da hab' ich ruhig nach dem Himmel Und nach dem Abendstern geschaut, Hab' alle Leiden, alle Freuden Dem Sternlein hoffend anvertraut. Mir ist, als ob im Abendsterne Still meines Gottes Auge blickt, Und ob zu ihm ein frohes Schauen Das bange Herze neu erquickt. Rom. Robertus, 8. v. 8. Himmelsschau im Monat Olrtober. —Merkur L erreicht in der letzten Hälfte seine größte westliche Entfernung von der Sonne und ist in der Jungfrau morgs. in Osten aufzusuchen. Venus Z ist Abendstern, aber noch lichtschwach und steht niedrig in WSW. Mars «L geht vom Stier gegen die Zwillinge, wird immer Heller und kommt anfangs 8 U. 30, zuletzt vor 7 U. über den östlichen Horizont. Jupiter h noch verhältnißmäßig wenig hell, geht zuerst nach 2 U. früh, zuletzt vor 1 U. auf. Saturns verschwindet in den Strahlen der untergehenden Sonne. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. und 31. Jupiter; am 8. Venus; am 9. Saturn; am 26. Mars. Vom Mond werden bedeckt Regulus am 3. abds. 10 U. und am 31. mgs. 7 U. Antares am 10. nchm. 2 U. Am 18. findet ein Sternschnuppenfall statt nordöstlich vom Orion, besonders in später Nacht. Am 23. geht der Mond durch den südlichen Rand der Plejaden. --KMZS--