« 83 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 6. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) II. Ungeachtet ihres großen Reichthums, der den Neid vieler Menschen erweckte, die weniger mit Glücksgütern gesegnet waren, führte die reiche Wittwe ein trostloses, liebeleeres Leben. Seit den frühesten Jahren einer glücklichen Jugendzeit hatte sich plötzlich eine feste Eisrtnde um ihr Herz gelegt, die weder Zerstreuungen der Welt noch der spätere Reichthum zu sprengen vermochten. Als junges Mädchen von kaum achtzehn Jahren hatte Mathilde Wendtland mit der ganzen Kraft ihres jugendlichen Herzens einen jungen Ingenieur, Erich Waldhausen, geliebt. Anfänglich schien kein dunkles Wölkchen das Glück der Liebenden trüben zu wollen, und eine heitere, sonnenhelle Zukunft lag vor ihnen. Doch wie ein Blitz aus heiterer Höhe war das Unglück plötzlich hereingebrochen. Von allzu großer Liebe beseelt, waren die Augen der jungen Dame geblendet, so daß sie die Vernachlässigung mit Eifersucht zu sehen glaubte, ohne den geringsten Grund für diese Vermuthung zu haben. In ihrer Liebe sah sie überall Gespenster, und in ihrer Aufregung ließ sie sich zu heftigsten Worten hinreißen, die sie bitter bereute, sobald sie ihren Lippen entschlüpft waren. Der junge Mann war von seiner Unschuld zu fest überzeugt, um sich gegen einen unbegründeten Verdacht zu rechtfertigen; mit einem tieftraurtgen Blick schied er von ihr, und der kurze Liebestraum hatte ein jähes Ende erreicht. Der junge Ingenieur verließ seine Heimath und wanderte nach Amerika aus, und nach ungefähr Jahresfrist verbreitete sich die Nachricht von seinem Tode. Wer dieselbe ausgestreut und ob sie auf Wahrheit beruhte, wußte man nicht, aber Mathilde Wendtland trauerte um ihn; ihr Lebensglück war dahin und ihr Herz gebrochen. So waren Jahre vergangen. Da bot ihr der reichbegüterte Landedelmann von Schalldorf Herz und Hand an. Sie gelobte sich, ihm eine treue Gattin zu sein; aber die Wunden ihres Herzens konnten weder die Zeit noch der Gatte heilen; nur wurden sie nach und nach gemildert, ohne in ihrem Innern den Stachel der Bitterkeit zu verlieren. Nur eine kurze Spanne Zeit schien die Sonne des Glückes daS bekümmerte Herz erwärmen zu wollen. Selbst die Erinnerung an ihr kurzes Liebesglück verschwand durch das süße Lallen eines Kindermundes, und zwei kleine, weiche Händchen streichelten die Wangen der glücklichen Mutter, die in dem kleinen Liebling das rechte Erdenglück fand. Aber schon nach kaum zwei Jahren öffneten sich die Thore des Paradieses, um das kleine Wesen aller irdischen Noth zu entrücken unv es der Schaar der Englein einzureihen. Ein vorzügliches Oelgemälde in Lebensgröße war alles, was der armen Mutter von ihrem Liebling geblieben war. Es hing über ihrem Bette, und in langen, schlaflosen Nächten wandte sie keinen Blick von demselben ab, und wenn sie am Morgen nach kurzem, traumlosem Schlaf erwachte, der ihr keine Erquickung gebracht, so fiel ihr Auge wieder auf das kleine Mädchen, mit dem sie das letzte Glück ihres Lebens begraben hatte. Jetzt war sie eine einsame, alte Frau, umgeben zwar mit allem Luxus, den der Reichthum gewähren kann, aber dennoch unglücklich. Nur Mathilde Neumann und der junge Lieutenant von Römer schienen sie aufrichtig zu lieben, und diese Liebe wollte sie ihnen reichlich lohnen. Was sie in ihrem Leben vermißt hatte, wollte sie in dem jungen Paare später wieder finden. Die vielen Enttäuschungen des Lebens hatten sie weder verbittert noch egoistisch gemacht, und sie glich durchaus nicht ihrer herzlosen, koketten Schwester Lina Neumann. Jetzt warf sie einen Blick auf die sie umgebende kostbare Ausstattung ihrer reizenden Villa. Da waren orientalische Seltenheiten und werthvolle Kunstschätze aufgespeichert, dabei die verschiedenartigsten Ntppes im bunten Mosaik zusammengewürfelt, wie sie die Neuzeit so verschwenderisch zusammenstellen kann. Dann schweifte ihr Auge über die herrliche Umgebung. Dort dehnte sich der Park mit seinen uralten Tannen und Fichten aus, vor demselben der spiegelklare Teich, in dem Gold- und Silberfische im Sonnenschein spielten und stolze Schwäne majestätisch ihre großen Ringe zogen. Sie hatte wirklich ein schönes Heim, aber sie war allein, mit Ausnahme der täglichen, unwillkommenen Gäste. Aber halte sie denn Niemand, mit dem sie ihr häusliches Glück theilen konnte? Ihre Gedanken schweiften hinüber zu der unbekannten Fremden, Herbert's Wittwe, mit ihrem Kinde. Sie hatte dem Bruder gezürnt, der gegen ihren Willen eine Ehe geschlossen hatte, aber er war todt, und sie zürnte ihm nicht bis über das Grab hinaus. Sie 634 wollte noch heute die Wittwe aufsuchen und nach besten Kräften ihr helfen. „Lina würde kein Wort von ihr gesagt haben, wenn dieses lächerliche Mißverständnis; nicht ihr Geheimniß entlockt hätte", dachte sie bei sich selbst. „Sie ist zu engherzig und berechnend, will sich in meine Gunst einschmeicheln, um nach meinem Tode mein Vermögen sich oder ihren Kindern zu sichern. Ihre Habgier soll bestraft werden. Ja, wein Entschluß steht fest, ich will noch heute die neue Verwandte aufsuchen." Sie hatte Wort gehalten; schon im Laufe des Nachmittags hielt eine elegante Equipage vor einem kleinen Hause in der entlegenen Joscphstraße. „Wohnt Frau Wendtland hier?" fragte Frau von Schalldorf, als eine ältliche, reinliche Frau, augenscheinlich die Hauswirthin, die Thüre öffnete. „Ja, bitte, treten Sie hier ein", entgegnete die Angeredete, und die Thür eines kleinen Wohnzimmers öffnend, rief sie: „Hier ist eine Dame, Frau Wendlland", dann zog sie sich zurück. Frau von Schalldorf stand jetzt einer Dame in schlichter Trauerkleidung gegenüber. Vor dem Tische saß em rothwangiger, schwarzlockigec Knabe von circa acht Jahren, ein Bild blühender Gesundheit und Lebensfrische. Er war emsig mit seinen Schularbeiten beschäftigt, denn Bücher und Hefte lagen vor ihm auf dem Tische ausgebreitet. Die Augen der reichen Wittwe wurden feucht, als sie aufmerksam die Züge des Kleinen betrachtete, in denen sie getreu die ihres Bruders wiederfand. „Ich muß mich Ihnen selbst vorstellen", begann sie dann, und ihre Stimme hatte die gewöhnliche Festigkeit verloren. „Ich bin Ihre Schwägerin, Frau von Schalldorf, und wenn ich recht vermuthe, sind Sie die Wittwe meines einzigen Bruders Herbert." Die jüngere Dame verneigte sich, doch ihre Lippen blieben fest aufeinander gepreßt; kein freundliches Wort des Willkommens begrüßte die arme, reiche Frau, die mit einem Herzen voll Liebe diese Schwelle betreten hatte. Schweigend deutete Frau Wendtland auf einen Sitz, und als die ältere Dame Platz genommen hatte, ließ sie ihre Blicke im Zimmer umherschweifen und zuletzt auf dem Antlitz ihrer jungen Verwandten ruhen. Sie sah in ein seines, aristokratisches Antlitz, doch die dunkeln Augen blickten finster, fast feindselig auf sie herab. „Ich hörte erst heute von meiner Schwester von Ihrer Anwesenheit hier in der Stadt", unterbrach Frau von Schalldorf die peinliche Stille. „Ist das — Her- bert's Sohn?" fuhr sie mit bebender Stimme fort, auf den hübschen Knaben deutend. „Ja! Willy, gib der Dame die Hand; sie ist die Schwester Deines Vaters." Der Knabe gehorchte augenblicklich. „Ich bin Deine Tante Mathilde, mein liebes Kind", verbesserte Frau Schalldorf, dann zog sie den Kleinen zu sich heran und küßte ihn. „Du siehst Deinem Vater sehr ähnlich", und zu der Mutter gewandt fuhr sie fort: „Um meines Bruders willen bitte ich um Ihre Freundschaft und biete Ihnen meine Hilfe und meinen Beistand an." Frau Wendtlimds Lippen preßten sich noch fester aufeinander, doch dann versetzte sie im gereizten Tone: „Sie meinen es vielleicht gut, gnädige Frau, aber ich bedarf keiner Hilfe, weder für mich noch für Willy. Es st mir gelungen, eine hinreichende und lohnende Be- schäfligung zur Bestreitung unseres Unterhaltes zu finden. Als ich vor längerer Zeit Frau Neumann aufsuchte, geschah es nur in der Absicht, die Verwandten meines so früh verlorenen Gatten kennen zu lernen — aber nicht um eine Unterstützung oder um ein Almosen zu bitten I" Frau von Schalldorf schlug verwirrt die Augen zu Boden, sie fühlte die Schuld ihrer herzlosen, koketten Schwester Lina, die diese anmuthige, hoheitsvolle und stolze Frau so schnöde behandelt hatte. „Ich fürchte, meine Schwester Lina hat Ihnen großes Unrecht gethan", bemerkte sie daher verlegen. „Ich verließ ihr Haus in der festen Absicht, von nun an die Verwandten meines Gatten vollständig zu ignoriren, wie man bisher von meiner Existenz nicht die geringste Notiz genommen hatte", lautete die Entgegnung. „Karolina ist herzlos und unberechenbar in ihren Launen", fuhr jetzt die reiche Dame entrüstet auf, denn es schmerzte sie zu tief, daß sie hier um Liebe bettelte, die ihr durch die Herzlosigkeit ihrer Schwester nicht gewährt wurde. Dann fügte sie zu ihrer eigenen Entschuldigung hinzu: „Wir konnten auch mit der Wahl unseres Bruders nicht einverstanden sein und seinen Schritt nicht eher billigen, als bis wir überzeugt waren, daß er selbstständig für die Erhaltung eines eigenen Hausstandes sorgen konnte." Frau Wendtland's dunkle Augen flammten zornig auf. „Ich weiß es", versetzte sie bitter, „aber unsere gegenseitige Liebe machte uns unsere bescheidene Häuslichkeit zum Paradiese; ich hätte Armuth und Mangel an seiner Seite gern ertragen und wäre doch beneidens- werth glücklich gewesen." Die reiche Frau fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Diese einfache, arbeitsame Frau hatte wahres irdisches Glück reichlich genossen, während sie sich vergeblich darnach sehnte. „Können wir nicht Freunde werden?" flehte sie noch einmal, „wenn Sie auch meinen Beistand ablehnen, gilt Ihnen denn auch meine Liebe nichts? Für das herzlose, unfreundliche Benehmen meiner Schwester Lina dürfen Sie mich doch nicht verantwortlich machen. — Darf ich fragen, in welcher Weise sie Ihren Unterhalt erringen — geben Sie wieder, wie vor Ihrer Verheiratung, wissenschaftlichen Unterricht?" Frau Wendtland lächelte. „Nein", versetzte sie, „es war freilich anfänglich meine Absicht, aber ich merkte bald, daß ich dabei nicht bestehen konnte. Ich habe hier in meinem Hause ein Atelier für Damen-Confektion eingerichtet, und jedes Kostüm, welches unter meiner Leitung angefertigt wird, ist ein Kunstwerk!" „Unmöglich!" rief Frau von Schalldorf sichtlich entsetzt. „Sie sind eine „Wendtland", wenn auch nur durch Heirath, und da ist es mir ein drückendes Gefühl, daß sie als Schneiderin ihr Brod erwerben." „Ich sehe nichts Entehrendes in dieser Beschäftigung", wandte die junge Verwandte lächelnd ein. „Viele Damen aus guter Familie können in die Lage kommen, sich durch Fleiß ihr Brod zu verdienen; ich würde ein Geschäft angefangen haben, allein es fehlte mir das erforderliche Kapital. Jetzt halte ich mir ungefähr zehn bis zwölf Damen, die oben in meinem Atelier arbeiten, und ich führe die Oberaufsicht. Wir fertigen größten- theils Hochzeits- und Äesellschaftsroben an, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß diese Arbeit eine sehr anregende und lohnende ist." K'N« KWU E.W A'L»D'-^' MM MM MKMWr MM WV KWLL-<^ ML v ".MR SW MEv DMLP: WLZSKi Ä 7 WH !E MKZMU M'y I'/.M ' 7 DS 5 -' ?>'W MMWGM^M LLEÄLvMi-Ä^MsW 8 SLM L 2 L WW MD UWW MW S«W SDM NM KMS -WE'A MWW ^.85 ML S« MM L'-L^LK 636 „Mir gefällt diese Idee durchaus nicht", gestand die reiche Dame. „Würden Sie diese Beschäftigung ganz und gar aufgeben, wenn ich für Sie und für Willy sorgen wtude?" „Nein, gnädige Frau, ganz entschieden nicht. Ich ziehe vor, für mich und für Willy zu arbeiten, ohne die Wohlthätigkeit fremder Menschen in Anspruch zu nehmen, selbst wenn dieselbe freundlich angeboten wird. So lange ich im Stande bin zu arbeiten, würde ich meine Selbstachtung verlieren, wenn ich fremde Hilfe in Anspruch nähme. Willy soll eine gute Erziehung haben, damit er späterhin seinem Namen Ehre macht, aber nur auf meine eigenen Kosten." „Bedenken Sie aber, wie peinlich es für mich werden könnte", wandte jetzt Frau von Schalldorf ein, „wenn ich in einer Gesellschaft mit Damen zusammentreffen würde, denen die Gattin meines Bruders die Kostüme angefertigt hat." Ein spöttisches Lächeln umsvielte die Lippen der jungen Frau. „In diesem Falle", versetzte sie in ihrer gleichmäßigen Ruhe, „werden Sie hoffentlich meinen Leistungen Beifall zollen, denn meine Kleider haben alle „ostio" und sitzen vorzüglich." Frau von Schalldorf überlegte. Nach ihren Begriffen schien die junge Verwandte ihren eigenen Vortheil außer Acht zu lassen, und es schmerzte sie tief, daß sie jeden Beistand hartnäckig zurückstieß. Wie ganz anders würde ihre habgierige Schwester Lina dieses Anerbieten ausgebeutet haben, deren lästige Aufmerksamkeiten ihr jetzt doppelt widerwärtig erschienen. „Da Sie sich hartnäckig weigern, meine Hilfe anzunehmen, und in ihrer jetzigen Stellung verharren wollen, so können Sie nicht von mir erwarten, Sie in Zukunft als meine erste Verwandte anzuerkennen", entgegnete sie jetzt mit eisiger Kälte. „Erlauben Sie mir, daran zu erinnern, daß ich diese Begegnung nicht gewünscht habe", lautete die ebenso kühle Antwort, „ich werde nie die Wege der Verwandten meines Gatten durchkreuzen." Die reiche Frau wandte sich jetzt an den Knaben, den sie so gern mit sich genommen hätte; er erinnerte zu sehr an ihren früh verlorenen Bruder. „Adieu, lieber Willy", sagte sie, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter ist Schuld, wenn wir uns nicht wiedersehen." „Nein, nein, meine Mutter ist nicht schuld daran; ! alles was sie sagt ist recht und gut", rief der Kleine ! und umschlang den Hals der geliebten Mutter. ! Die Lippen der reichen Frau zitterten bedenklich, als sie sich der Thüre näherte. Frau Wendtland merkte die innere Bewegung und sagte besänftigend: „Ich bedauere, daß unsere erste Zusammenkunft sich nicht besser gestaltete. Sie meinten es gewiß gut mit uns, und ich bin nicht undankbar über das Anerbieten Ihrer Hilfe. Aber so lange ich die Kraft zur Arbeit habe, will ich lieber unabhängig sein." „Wieder eine herbe, bittere Enttäuschung", stöhnte die reiche Wittwe, als sie auf leichten Gummirädern geräuschlos ihrer einsamen Villa zufuhr. „Wie viele Bitterkeit des Lebens werde ich noch durchkosten müssen, ehe ich Ruhe im Grabe findel Wie gern hätte ich ihr geholfen, aber mit königlicher Würde schlug sie jede Hilfe aus! Und das Kind, das Kindl Wenn ich nur das ?tnd ab und zu bei mir sehen dürfte, wie glücklich würde S mich machen, seinem Spiel im Park und Garten zuschauen zu dürfen! O, diese Erfahrung raubt mir das letzte Lebensglück I Karoline darf meine heutige Niederlage nie erfahren, sie ist zu demüthigend für mich, und sie hat kein Verständniß für mein tiefes Seelenleiden." „Fräulein Neumann war hier; sie will morgen wiederkommen und hat diese Blumen gebracht", berichtete der Diener, als Frau von Schalldorf in ihrer Villa eintraf. „Das liebe, gute Kind! Ja, Mathilde Neumann meint es noch gut mit mir", flüsterte mit wehmüthigem Lächeln die reiche Dame, als sie die ersten Frühlingsblumen , Veilchen und Primeln, ins Wasser stellte. „Ihre kleinen, bescheidenen Gaben erfreuen mich uwso- mehr, da ich weiß, daß sie mir aus gutem Herzen dargebracht werden. Aber was ist das?" fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, als sie einen offenen Brief vom Teppich aufnahm. „Fräulein Mathilde Neumann, Fürstcn- straße" las sie laut die Adresse. „Zweifellos der Brief einer Schulfreundin, den sie hier aus Versehen aus der Tasche gezogen hat; morgen will ich ihn ihr wiedergeben. Drei engbeschriebene Seiten I Was sich doch Schul- freundinnen alles zu sagen haben, die doch täglich mehrere Stunden beisammen sind!" fuhr sie dann fort. „Von Amalie Westen", las sie dann, einen Blick auf die Unterschrift werfend, „es ist gewiß kein Geheimniß darin und kein Unrecht, ihn zu lesen. Es zerstreut mich ein wenig, und es ist schon so lange her, seitdem ich einen Brief von einem jungen Mädchen gelesen habe; ich habe ja schon längst vergessen, was Schul- und Pensionsfreundinnen einander schreiben." Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte sie sich in einen Sessel und las die engbeschriebenen Seiten. Doch das Lächeln war schnell verschwunden und das Antlitz aschfahl geworden; die zitternden Hände konnten kaum das Papier halten und die thränenumflorten Augen keine Silbe mehr entziffern. „Auch Du, Mathilde", stöhnte endlich ihre gepreßte Brust, „Du, mein geliebtes Kind, dem ich vertraute und dem ich glaubte! O, mein Gott, mein Gott! Was habe ich gethan, daß Du mich so hart bestrafst? Giebt es denn keine Seele auf Erden, die mich liebt? Ja, das unselige Gold verbittert mir das Leben; wie viel Unheil hat es über mich gebracht I Du allein trägst die Schuld, Du stolze, übermüthige Schwester Karoline. Deine Habgier und Herzlosigkeit sind der Giftbaum, der im Herzen Deines Kindes diese Früchte gezeitigt hat. — Ja, meine kleine, liebe Mathilde, wollte Gott, Dein Wunsch wäre erfüllt und ich todt und Du meine Erbin, wie es aus diesen Zeilen Deiner Freundin zu erkennen ist, der Du gewiß schon oft Dein Herz ausgeschüttet hast!" Stundenlang saß die unglückliche Frau regungslos in ihrem Zimmer, den Kopf in die Hand gestützt, in tiefes Sinnen versunken. Die Dämmerung war längst hereingebrochen, sie merkte es nicht, sah nicht, wie der Diener die silberne Astrallampe anzündete, hörte nicht seine Worte, ob er das Abendbrod servilen sollte. — ' Endlich erhob sie sich und schwankte in ihr Schlafzimmer, ! das sie fest hinter sich verriegelte, nachdem sie die er- ^ schrockene Zofe mit der Weisung entlassen hatte, sie bedürfe heute ihrer Hilfe nicht, da sie Kopfschmerzen habe und ungestört sein wolle. ! In früher Morgenstunde wurde der alte Diener ! durch ein unheimliches Geknister und Knattern aus seinem Schlaf erweckt. Er sprang auf. Dichter Rauch erfüllte I^emm'ln ' , , 7 vr 1 I«»»Ä^MIäI»«» M»U» Liliksr W ,^ea , , ... Nach einem Tableau des photographischcn Ateliers von HanS WciS, k. v. Hof-Photograph n, Memmingrn. lV.rviclfälticiungSrecht vorbehalten.) 638 das ganze Gemach, und Heller Feuerschein machte die Nacht zum lichten Tage. „Feuert Feuert" schrie er in Todesangst und stürzte auf den Hausflur, wo in diesem Augenblick sämmtliche Dienstboten schreckensbleich erschienen. Sie schliefen alle in den unteren Räumen. Nur die Herrin allein hatte ihr Schlafgewach in der oberen Etage. Das ganze obere Stockwerk stand bereits in hellen Flammen, schon die Treppe war von dem entfesselten Element ergriffen, aber mit unerschrockenem Todesmuth stürzte der alte, treue Diener hinauf und erreichte mit Gefahr seines eigenen Lebens die fest verschlossene Thür des Schlafzimmers seiner Herrin. „Frau von Schalldorf — gnädige Fraut Um Gotteswillcn, öffnen Sie die Thür — das ganze Haus steht in Flammen!" rief er mit der ganzen Kraft seiner Stimme. Vergebens — es erfolgte keine Antwort, und nur mit Mühe konnte der treue Diener das eigene Leben retten. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle. .Dort sind die Fenster des Schlafzimmers", riefen die Diener durcheinander, „rettet Frau von Scholldorf l" Die erfahrenen Feuerwehrleute schüttelten ihr Haupt. „Da ist jede Hilfe zu spät", erklärten sie, „in jenen Räumen arhmet kein lebendes Wesen mehr. Gerade dort ist der Herd des Feuers, es muß dort ausgebrochen sein." Sie arbeiteten rastlos und mit aller ihnen zu Gebote stehenden Kraft, aber sie konnten des Feuers nicht Herr werden, und schon nach wenigen Stunden standen nur die rauchgeschwärzten Außenmauern um einen dampfenden Trümmerhaufen. (Forts, folgt.) Kunstmaler Merkte vr. 8. L. Aus Schwaben. Am 21. August lfd. Js. entschlief der in weiten Kreisen wohlbekannte und allgemein geachtete Kunstmaler Herr Andreas Merkte in seiner Hcimath Hammel bei Augsburg. Er war geboren am 22. November 1822 in Hammel als Sohn der Söldmrsehcleute Johann und Fravziska Merkte. In seiner Jugendzeit leb.'e in Ottmarshausen, zu dessen Pfarrgcmeindc Hammel gehört, ein Dorfkünstler, Namens Cornelius Hipp (si 1. Januar 1834), welcher bei dem berühmten Huber in Wcißenhorn eine Zeit lang gelernt halte und sich sein Brod damit verdiente, daß er Heiligenbilder, Scenen aus der hl. Schrift rc. an die Häuserwände al Irvsoo malte. Derselbe hatte entschiedenes Talent, frische Farben, kecken Pinsel und kräftige Zeichnung, wie man an dem Kreuzweg, dem Abendmahl rc. in der Kirche von Ottmars- bausen seken kann. Leider blieb sein Talent unausgcbildet. Der junge Andreas hat oft diesem Dorstenie zugeschaut, wie es in 1—2 Stunden die Giebelwändc mir Fresken zierte. Das erweckte in ihm das Verlangen, auch Maler und zwar Kunstmaler zu werden. Merkte bewahrte ihm daher ein pietätvolles Andenken. Nachdem Merkte in Kricgs- bader die allerersten Handgriffe seiner Kunst erlernt hatte, bezog er 1844 im Herbst die Akademie in München. 1894 feierte er in oller Stille dre 50. Wiederkehr jenes für ihn so bedeutungsvollen Tages. Nach Absolvirung der Akademie, wo er sich zuweist dem Porträlfache gewidmet hatte, erweiterte er seine Kenntnisse durch Reisen. Leider waren ihm zum Besuche Italiens kaum 2 Monate gegönnt. Als die Pdotographie allgemein wurde, verlegte er sich auf die religiös Malerei, und wir sehen ihn von da an in den verschiedensten Kapellen, Kirchen und Klöstern thätig, sei es, daß er neue Compofitionen lieferte, sei es, daß er alte Gemälde mit pietätvoller Hand restaurirte, sei es, daß er seinen geschätzten, kunstverständigen Rath er- tbeilte. Die letzten Jahre seines Lebens hat er größtenteils bei den Benediktinern in Augsburg gearbeitet, und durch die Liebenswürdigkeit des hochw. Hmn Abtes und der hochw. Herren Patres ist ihm das Kloster St. Stephan zu einem Tuskulum geworden. In seiner Heimathkirche hat er 1858 die Fresken an der Decke angefertigt, 1879 wurden die drei neuen, von dem Söldner Sebastian Mahler (si 14. Sept. 1876) mit 5000 fl. gestifteten Altäre unter seiner Leitung bezw. Mitwirkung (das Altarblatt und die übrigen Gemälde sind von seiner Hand) sehr schön und kunstvoll hergestellt. Und damit er auch noch nach dem Tode für die Zierde seiner Pfarrkirche thätig sei, hat er 1895 der Kirchenstiftung 500 M. übergeben, deren Zinsen von Zeit zu Zeit zur Reinigung und Restaurirung der Gemälde, Schnitzereien rc. verwendet werden sollen. Daß die Kirche von Ottmarshausen einen so hübschen und freundlichen Eindruck macht, ist ihm zu verdanken. Besonders ist weiterhin sein Kunstverständniß hervorzuheben. Wie viele Kunstqegenstände hat er vor Vernichtung oder Verschleuderung seitens der unkundigen Besitzer bewahrt! Trotz all seiner Kenntnisse und seiner angesehenen Lcb-nsstellung blieb Merkte immer der einfache, schlichte, bescheidene Mann, der aus sich nichts machte. Darum war er auch bci Allen beliebt, die mit ihm verkehrten. Seine Begeisterung für die Kunst war warm und aufrichtig und verließ ihn selbst in den Tagen der Schmerzen nicht. Dabei war Merkte ein überzeugter Christ und Katholik, und ist auch als solcher wohl vorbereitet durch ein langes, schmerzliches Krankenlager und gestärkt durch den öfteren Empfang der beiligen Sacramcnte im Alter von 74 Jahren in die ewige Ruhe eingegangen. Einst schrieb Merkte über die Thüre seiner Heimathkirche die Psalmenworte: „Herr, ich habe lieb die Zierde Deines Hauses und den Ort, wo Deine Herrlichkeit wohnt." Er hatte Recht: diese Worte sprechen das aus, was der Inhalt seines Lebens, Wirkens und Schaffens war. Möge es ihm nun vergönnt sein, den Urquell alles Schönen, die Herrlichkeit Gottes, von Angesicht zu Angesicht zu schauen! R. I. k. Memmin gen. (Mit Illustrationen.) Memmingen, eine unmittelbare Stadt, liegt in hübscher fruchtbarer Gegend an der Ach, einem Zufluß der Jller, eine Stunde von diesem Flusse entfernt. Die Stadt hat über 10,000 Einwohner, darunter gegen 3000 Katholiken; der größere Theil der Bevölkerung ist evangelisch. Memmingen ist Sitz eines Landgerichtes, HauptzollamteS, Landbauamtes und sonstiger Behörden. Die Bayerische Notenbank, sowie die Deutsche Reichsbank haben dort Filialen. Die Stadt ist eingetheilt in zwei protestantische und eine katholische Pfarrei. An Bildungs- und Erziehungsanstalten besitzt Memmingen eine sechskursige Realschule, Progymnasium, eine höhere Töchterschule und in Verbindung damit eine Präparandinnenanstalt und ein Volksschullchrerinnenseminar; an Wohlthätigkeitsanstalten weist die Stadt außer einem Pfründespital und einem wohleingerichteten Krankenspital viele milde Stiftungen auf, welche neben sehr bedeutendem Kapitalvermögen ins- besondere Besitzer großer Waldcomplexe sind. An industriellen Etablissements sind zu verzeichnen eine mechanische Leinenspinnerei und Weberei (System Prälat Kneipp), eine Tuch- und Jacquarddeckenfabrik, Eisengießerei und Fabrik landwirthschaftlicher Maschinen, Glockengießerei und Brückenbaugeschäft, Pulverfabrik u. s. w. Besonders blühend sind die Kunstmüblen, Gerbereien, Bierbrauereien, sowie die Seifen- und Bürstenfabrikation. Besonders zu erwähnen ist der sehr ansehnliche Hopfenbau im Stadtgebiet, sowie der Getreidebau in der Umgebung. Memmingen treibt starken Handel mit Hopfen, Butter, Käse, Wolle, Leder und Getreide; jedes Jahr findet im Oktober großer Jahrmarkt, im Juni Wollmarkt statt; die allwöchentlich stattfindenden Schrannen, sowie die Viehwärkle sind stets sehr gut besucht. Memmingen ist eine mittelalterliche, hübsche, fast ganz Meisters Julius v. Roeck, gestorben 1884, ausgeführt von Bildhauer L. Müller zu München. Das Ralhyaus beherbergt auch das städtische Museum, eine sehr geordnete Sammlung der herrlichen und besten Erzeugnisse Memminger Gcwcrbcfleißes. Die bedeutendste Kirche ist die St. Martinskirche, protestantische Hauptkirche, im gothischen Stil ausgebaut 1791, mit 67 Cborstühien in reichster spätgothischer Holz- sculpiur von Memminger Meistern, welche bei der fanatischen Bilderstürmerei im Jahre 1531 leider zum Theile verstümmelt wurden. Außer der Martinskirchc ist zu erwähnen die protestantische Pfarrkirche zu Unser Frauen, von hohem Alter. Herrliche Freskogemälde wurden in der Reformaiionszeit übertüncht und erst in den letzten zwei Jahren mit ungeheurer Mühe wieder ans Tageslicht geföroert. Die- 8 s 8 « 8 8 H 8 Z >ij sU' «i ^^5 l MSN Großer Markt in Memmingen mit dem Gtockenthurm der katholischen Kirche im Hintergründe. Original-Ausnahme von iSusta» Baader, Photograph in Nrumdach. süjermllsüiligungsriHr oordehali-n.s mit Mauern umgebene Stadt und bildet den Knotenpunkt für die Bahnlinien Kempten—Ulm einerseits, sowie München—Buchloe—Memmingen und Aulendorf—Memmingen andererseits. Von der Stadt und den umliegenden Höhen aus bietet sich nach Süden ein imposanter Ausblick auf die vorlegende Alpenkette. An hervorragenden Gebäuden hat die Stadt eine sehr große Anzahl. Das Ralhhaus am Hauptmarkt wurde 1589 mit einem Kostenaufwand von 30,000 sl, erbaut. Dasselbe enthält in den Gewölben zu ebener Erde das reichhaltige, wohlgeordnete städtische Archiv mit jausenden von Urkunden, Copialbändcn, Nechnungsbüchern u. dergl. Die Zahl der älteren Urkunden (vom Jahre 1010 bis 1599) beträgt allein 4052. Ueber 2 Treppen sind die großen Sitzungssäle des Stadtwagistrats und der Gemeindebevollmächtigten ; im ersteren befindet sich die Büste des um das Gedeihen der Stadt hochverdienten Bürger- selben (besonders ein Bildercyclus den Marienkultus darstellend) bilden eine Perle der mittelalterlichen Malerei. Die in die Häuserreihe eingebaute katholische Kirche (ehemalige Augustinerkirche) enthält hübsche Fresken. Den Katholiken ist der Thurm der ehemaligen Kreuzhcrrnkirche (nunmehr Zollhalle) zur Benützung zugewiesen. Die Stadt besitz! eine reichhaltige Bibliothek im ehemaligen Münzgebäude, dem sogenannten Sleucrhnuse. Die Anfänge dieser Bibliothek gehen bis zum Jahre 1479 auf den Hochmeister des Antonius-O^denS Llibs a. Oaprurus in Memmingen zurück; dieselbe enthält gegen 300 Jncunabeln, viele Werke theologischen, juristischen, medicinischen, philosophischen und historischen Inhalts und in durch Schenkungen und Ankäufe bis auf etwa 11,000 Bände angewachsen. Sehenswerth sind auch der Begräbnißplatz mit den Denkmälern alter Patriziergeschlechter, die verschiedenen 640 Stadtthore, von denen das Einlaßthor als unverfälscht erhaltener Nest der reichsstädtischen Befestigung geblieben ist, sowie die Häuser der alten Patrizier, von denen nur wenige Familien mehr ihren Wohnsitz in der Stadt haben. Aus der nächsten Umgebung Memmingens ist zu erwähnen das Schloß Eisenburg, zu Anfang des 13. Jahrhunderts urkundlich nachgewiesen als Eigenthum eines gleichnamigen Geschlechtes, welchem verschiedene Memminger Patrizierfamilien im Besitze folgten. Von den dortigen Höhen aus bietet sich ein herrliches Gebirgspanorama. Gegenwärtig befindet sich das Schloß im Besitze der Förster, Fabrikbesitzer in Augsburg. Außer dem in diesen Blättern bereits vorgeführten Schloßgut Buxheim ist noch zu erwähnen Bad Dickenreis, schon seit 1435 als eisenhaltiges Quellenbad frequentirt, '/, Stunde südlich von der Stadt, beliebter Vergnügungsort der Memminger. Auf dem dort befindlichen Höhenzug findet man mehrere alte Befestigungen und Hochäckerpartien. Die Gegend derStadt Memmingen gehörte in derNömer- zeitzurLandschaftVindelicien. Burgstellen,Hochäcker ».Grabhügel erinnern ringsum an die vorgeschichtlichen Perioden. Nach Strabo wohnten in dieser Gegend und weiter hinauf gegen die Alpen die Estionen. Das Alter der Stadt reicht nach ihrer Namensbildung (Mammingen, Maemmingen) mindestens bis ins 8. Jahrhundert hinauf. Urkundlich kommt die Stadt zum erstenmale im Jahre 1010 vor im Fundationsdiplom des Spitals zum heiligen Geiste. Nach dieser Urkunde war Memmingen zu dieser Zeit bereits eine mit Thoren versehene Stadt, allerdings von sehr beschränkter Ausdehnung. Im zwölften Jahrhundert gehörte die Stadt den Welsen und wurde 1129 vom Hohenstaufen Friedrich II«, Herzog von Schwaben, im Kriege gegen Heinrich den Stolzen von Bayern niedergebrannt. Nach dem 1191 im Schottenkloster zu Memmingen erfolgten Tode Weiss VI. fiel die,Stadt an den Hohenstaufen-Kaiser Heinrich II. Nach der Enthauptung Konradins von Hohenstaufen 1268 fiel Memmingen an das Reich. Kaiser Rudolph von Habsburg verlieh der Stadt 1286 bedeutende Privilegien, die von seinen Nachfolgern bestätigt und erweitert wurden. Seit dem Jahre 1403, unter König Rupprecht, hatte Memmingen ein aus der Wahl der Bürger hervorgegangenes Stadtregiment, hohe und niedere Gerichtsbarkeit, ein eigenes Stadtrecht und Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Das fünfzehnte Jahrhundert ist ausgefüllt mit Kämpfen der Geschlechter und Zünfte um das Stadtregiment; erstere behaupteten es von 1552 an bis zum Ende der Reichsfreiheit. Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert erhoben sich Handel und Gewerbe zu hoher Blüthe. Von besonderer Bedeutung war die Leinwandfabrikation, die viele fleißige Hände beschäftigte und zu lebhaften Handelsbeziehungen mit den mächtigen oberitalienischen Städten führte. Ein reicher Memminger Handelsherr aus dem Geschlechte der Vöhlin ließ sich in Gemeinschaft mit dem Hause Weiser in Augsburg sogar in überseeische Handelsunternehmungen ein, die ihm reichen Gewinn brachten. Die Reformation wurde in der Stadt durch Ambrosius Blarer und den Prediger Schappeler, einen Freund Zwinglis, eingeführt, welche trotz der Excommunication durch den Bischof von Augsburg durch den Rath der Stadt unterstützt wurden. Im Jahre 1525 wurde in der Martinskirche die Messe eingestellt und der katholische Gottesdienst abgeschafft. Im Bauernkriege wurde die Stadt, die eine Besatzung des schwäbischen Bundes aufgenommen hatte, von den Aufrührern belagert, durch Truchseß von Waldburg aber entsetzt. Die Anhänger der Bauern in der Stadt wurden, soweit sie nicht entfliehen konnten, enthauptet. Auf dem Reichstage zu Speyer 1529 trat Memmingen den protestirendcn Ständen bei und wurde Mitglied des schmalkaldischen Bundes 1531. Im gleichen Jahre wurde der Führer der altgläubigen Partei unter den Bürgern, der frühere Stadtschreiber Vogelmann, trotz kaiserlichen Geleitbriefes hingerichtet. Aus allen Kirchen wurden auf Geheiß des Rathes Tafeln, Altäre und „Götzenbilder" entfernt und was man nicht zerstören konnte verstümmelt, so das herrliche Gestühl der Martinskirche, ein Kunstwerk der Schreinerei. Das Messelesen wurde bei Strafe verboten und die widerstrebenden Priester aus Stadt und Gebiet verwiesen; Ornate, Meßgewänder, Kelche u. s. w. wurden verschleudert, die schönen, auf Pergament geschriebenen Meß- j bücher als Einbanddecken verwendet. Die Stadt neigte anfangs den Schweizer Reformatoren zu, nahm aber später das lutherische Bekenntniß an; der Religionsabschied von Nürnberg 1532 ermöglichte es, ungestört das neue Kirchenwesen auszubauen. Der dreißigjährige Krieg versetzte auch Memmingen einen harten Schlag. Bald von den Schweden, bald von den Kaiserlichen besetzt, war die Stadt unaufhörlich bedrängt und der Wohlstand der Bürger fast vernichtet. 1634 wurde sie von den Schweden unter Horn, 1647 von den bayerischen Truppen unter de la Pierre belagert und beschossen. Von 1702 bis 1704 war Memmingen von französischen Truppen besetzt, deren Anwesenheit die Stadt auf 800,000 fl. zu stehen kam. In den napoleonischen Feldzügen hatte die Stadt durch Einquartierungen, Erpressung und Plünderung viel zu leiden, bis sie durch den Frieden von Luneville 1802 Bayern einverleibt wurde. Am 29. November dieses JahreS erklärte ein kurpfalzbayerischer Commisiär dem versammelten Rathe, daß Seine kurfürstliche Durchlaucht Maximilian Joseph von Pfalzbayern sich veranlaßt gesehen, Civilbesitz von der Stadt zu ergreifen. Rath und Behörden wurden vereidigt, an den öffentlichen Gebäuden die reichsstädtischen Wappen und Jnsignicn mit den bayerischen vertauscht. Im Dezember schickte der Rath eine Deputation i an den neuen Landesherr«, um demselben im Namen der Stadt zu huldigen. Während bis zur Mitte unseres Jahrhunderts die Entwicklung der Stadt fast stille stand, kam dieselbe durch Einziehung in das Eisenbahnnetz zu großer Blüthe. Durch den Ausbau der Bahn nach Württemberg wurde Memmingen der Stapelplatz für das Württembergische Allgäu und erfreut sich einer rasch zunehmenden Bevölkerungszahl. Alle Dekannle. (Zu unserem Bild Seite 635.) Bei Leuten von dem Schlage der drei Gesellen, wie sie unser Bild zeigt, ist die Erinnerung des Wiedersehens, die sonst den Menschen erfreut, nicht immer rosig, namentlich nicht, wenn der Begegnende in dem Gewände eines Sicherheitswächters steckt. Doch keine Regel olme Ausnahme. Die Drei kommen schon seit Jahren in regelmäßigen Zwischenräumen in die Gegend und sind dem Gendarmen längst als ungefährlich bekannt. Sie gehen ja nur ihrem Geschäfte, das sie eben darin erblicken, der Arbeit aus dem Wege zu gehen, nach, und sprechen hin und wieder mildthätige Leute um eine. Unterstützung in diesem mühsamen Berufe an, und wenn sie Hiebei von dem Gendarmen nicht gestört resp. erwischt werden, warum sollten sie sich des Wiedersehens mit demselben nicht erfreuen? - 4 — -*>-«' -