-N 84. Areitsg, den 9. Oktob«,. 1896. Tür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (LorLefitzer vr. Max Huttier). Kin fekkendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) III. Die Flammen hatten so heftig gewüthet, daß der Einsturz des Hauses viel schneller erfolgt war, als man vermuthet hatte. Es war fast unmöglich, unter den rauchenden Trümmern die Ueberreste der Unglücklichen zu suchen, die ein so jähes Ende gefunden hatte. Die Dienerschaft umstand zitternd die Unglücksstätte; sie war selbst mit genauer Noth einem schrecklichen Tode entgangen. Gegen acht Uhr erschienen der Major von Schalldorf und der Advokat Neumann auf dem Schrcckensplatze. Der Major, ein alter Herr mit silberweißen Haaren und von Gicht fast gelähmt, ging gestützt auf den Arm seines Sohnes Ernst. Erst seit kurzer Zeit war der junge, kaum 23jährige Btann von der Universität zurückgekehrt, wo er verschiedene Semester sich den Genüssen des Lebens hingegeben hatte, ohne an seine Studien zu denken. Ein Onkel hatte versucht, den leichtsinnigen, verschwenderischen jungen Mann in seinem Comptoir als Kaufmann heranzubilden, aber schon nach wenigen Tagen war der hoffnungsvolle Neffe ausgerückt, da ein arbeitsames Leben seinem Charakter durchaus nicht entsprach. In früheren Zeiten hatte er durch List und Schmeichelei von der reichen Tante oft bedeutende Summen erhalten, die aber sehr bald vergeudet oder verspielt waren, bis die Tante ihn nicht mehr in seinem Leichtsinn unterstützen wollte, es an ernsten Mahnungen nicht fehlen ließ und, als alles nicht fruchtete, ihm ihr Haus verbot und ihre Hand gänzlich von ihm abzog. „Das ist eine traurige Begebenheit", wandte sich der Anwalt an den Major, und dieser nickte beistimmend. „Niemand weiß, auf welche Weise das Feuer ausge- brochen ist; meine liebe Lina will sich gar nicht über das traurige Geschick ihrer Schwester trösten lassen und weint, als ob ihr das Herz brechen will. Sie ist immer so sehr gefühlvoll, sogar der Tod ihr ganz fernstehender Bekannten regt sie so sehr auf, daß sie kaum ihren Thränen gebieten kann." Der Major warf dem Sprecher einen verächtlichen Blick zu. Er kannte die „gefühlvolle" Tante Lina zu gut und wußte, daß sie mit ihren Thränen sehr häufig nur nach Effekt haschte. „Es ist eine fatale Gewohnheit, die Thüre des Schlafzimmers zu verriegeln, sie hätte sonst vielleicht gerettet werden können", brummte er, dann sagte er halblaut zu sich selbst: „Das wird wieder eine große Schneiderrechnung werden, wenn der Trauerstaat angeschafft wird." „Ist sie — die Leiche meine ich — aufgefunden worden?" fragte der Jurist. „Wir müssen warten, bis die Nachsuchuugen beendet sind", versetzte der Major. „Aber was fehlt Dir, Ernst", wandte er sich an seinen Sohn, „Du siehst ja leichenblaß aus und zitterst wie Espenlaub!" „Sprich doch nicht mit Gewißheit davon, daß die Tante todt ist, ich kann's nicht ertragen", flüsterte der junge Mann. „Bist Du denn auch so gefühlvoll? Geh' nach Hause, wenn Deine Nerven zu schwach für diesen Anblick sind; wir können Dich hier gut entbehren", brummte der alte Bater. „Dort kommt Herr Almer, der Anwalt der armen Tante", rief der junge Mann, auf einen ältlichen Herrn deutend, der sich schnellen Schrittes der Unglücksstüite näherte. „Meine Herren, ist es wahr, was ich soeben höre", begann der Ankommende fast athemlos, „ist Frau von Schalldorf ein Opfer der Flammen geworden?" „Leider ist es so. Meine unglückliche Schwägerin ist die Einzige, die nicht gerettet werden konnte; der Qualm hat sie zweifellos erstickt, denn auf lautes Rufen hat sie nicht mehr geantwortet", berichtete der Major. „Ich habe länger als zehn Jahre ihre Geldangelegenheiten geordnet", fuhr der Anwalt fort, „und be- daure aufrichtig ihr schreckliches Ende. Was nun ihr Testament anbelangt, so-", er hielt plötzlich inne. Der Major sowohl wie Herr Nenmann brannten vor Begierde, mehr über das Testament zu hören, und wechselten verständnißvolle Blicke, aber sie wagten doch nicht, direkt darnach zu fragen. „Sie wollen bemerken —" flüsterte der Major leise dem Anwalt zu. „Ach, ja", fuhr Herr Almer wie aus einem Traum erwachend fort, „es mögen vielleicht sechs Monate her sein, da machte Frau von Schalldorf in meiner Gegenwart ihr Testament, sie wollte gern bei Zeiten ihre Angelegenheiten ordnen." Der alte Major seufzte erleichtert auf. „Ist das Testament in Ihrem Besitze?" fragte Herr NeNtänn, der eS nicht vergessen konnte, daß seine Verwandte nicht seinen Rath in Anspruch nehmen wollte. „Leider nicht!" entgegnete Herr Almer. „Die Verstorbene wollte daS Testament selbst aufbewahren, um vielleicht noch Veränderungen oder Bedingungen hinzuzufügen." „Hatte sie denn das Schriftstück in ihrem Hause?" „Ja!" „Guter Gott, dann ist eS verbrannt!" stöhnte der Major. „Das glaube ich nicht", beruhigte der Anwalt. „Die Verstorbene hat einen feuerfesten Schrank für ihre Werthpapiere, und ich will hier warten, bis der Schutt abgeräumt ist, damit ich ihn, als ihr Anwalt, so lange aufbewahre, bis das Testament gelesen werden kann." Der Major und Herr Neumann eilten bet diesen Worten selbst nach der Brandstätte, um die Arbeiter zu bewachen, während Herr Almer von ferne gelassen zuschaute. Mehrere Stunden hindurch wurden unermüdlich Schutt und einige halbverbrannte Möbel fortgeschafft, aber von den Neberresten der unglücklichen Frau konnte keine Spur aufgefunden werden. Endlich fand man einen kleinen, feuerfesten, eisernen Schrank, den Herr Almer sich in seinen Wagen tragen ließ, um ihn in seinem Comptoir bis zur Verlesung des Testamentes in Verwahrung zu nehmen. In allen Zeitungen las man am nächsten Tage Artikel über den traurigen Unglncksfall, und Jedermann bedauerte das Geschick der armen Frau, die ihres Reichthums wegen allbekannt war. Gewöhnlich wird mit dem Verlesen des Testamentes bis nach der Beerdigung der Erblasser gewartet, aber hier in diesem Falle fand keine Beerdigung statt, und die gefühlvolle Tante Lina hatte sich gleich am nächsten Tage soweit beherrscht, um ganz energisch auf die Verlesung des Testamentes zu dringen. Zu diesem Zwecke versammelte sich eine große Zahl Erblustiger im Comptoir des Anwalts Almer: der Major von Schalldorf mit seiner Frau und Tochter Mathilde, beide in tiefer Trauerkleidnng, und sein Sohn Ernst, der heute gespenstig bleich aussah; der Anwalt Neumann mit seiner Frau und ältesten Tochter; beide Damen wußten, daß ihnen die elegante Trauerkleidnng gut stand, und suchten durch mühsam erpreßte Thränen Aufsehen zu erregen. Auch Lieutenant von Römer fehlte nicht; er war auf Anregen des Anwalts Almer gekommen und sah fast ebenso bleich wie sein Freund Ernst von Schalldorf aus; und im Hintergrund stand das ganze Dienstpersonal des Verstorbenen. Der alte Anwalt Almer ließ mit feierlichem Ernst auf einen Wink den kleinen, feuerfesten Schrank durch einen Diener herbeischaffen. Er war noch uneröffnet, und da kein Schlüssel vorhanden war, ließ man ihn durch einen Schlosser öffnen. — Ein leises Gemurmel, wie das Flüstern eines Windes in hohen Baumwipfeln, lief durch den Saal, als jetzt das Schloß aufsprang und der Anwalt vor den Augen aller Anwesenden daS wichtige Dokument zum Vorschein brachte. ES war noch unversehrt, zwar vom Rauch und Qualm vergilbt, aber noch deutlich zu lesen. Mit lauter, vernehmbarer Stimme las der Anwalt der athsmloS lauschenden Menge die letzten Bestimmungen seiner Clieutin vor. Den treuen, lang erprobten Dienern ihres Hauses vermachte sie einem jeden ein ansehnliches j Legat, ihrer Schwester Karoline Neumann nur ein ge« > ringeS Kapital von dreitausend Mark; sie begründete diese unbedeutend kleine Summe mit dem Bemerken, die Schwester habe bereits seit vielen Jahren hinreichende Geldgeschenke erhalten, die ein ansehnliches Kapital reprä» sentirten. Dieselben Bestimmungen waren für den Verwandten ihres Mannes, den Major von Schalldorf, getroffen ; auch er erhielt nur ein kleines Kapital von dreitausend Mark. Ernst von Schalldorf war mit eintausend Mark bedacht; die Verstorbene fügte diesem Legat die besten Wünsche für das Fortkommen ihres Neffen und die feste Hoffnung bei, er möge jetzt sein leichtsinniges Leben aufgeben und sich ernstlich bemühen, feinem Namen Ehre zu machen. Dann hieß es weiter: „Mein ganzes Vermögen von mehr als einer Million, das in Staatspapieren gut angelegt und in Aufbewahrung meines treuen Rechtsanwalts, Herrn Almer, sich befindet, vermache ich meinem PaLhenkinds und Lieblingsnichte Mathilde — sobald sie ihr vierundzwanzigstes Lebensjahr vollendet hat. Ich mache aber die Bedingung, daß mein junger Freund, Lieutenant Benno von Römer, ihr die Hand Zum Bunde für's Leben reicht. Sollten Beide meinen Wunsch nicht erfüllen, so sollten sie eine halbe Million unter sich theilen, während sich die andere Hälfte zum Bau eines Waisenhauses der Stadt vermache." Wie ein brausender Sturm brach der Unwille der Verwandten nach Beendigung der Verlesung los. Ein Jeder, mit Ausnahme der Dienerschaft, warf feindselige Blicke auf den Anwalt, der mit triumphirendem Lächeln im Kreise umherschante. „Mathilde? — Welche Mathilde ist gemeint?" riefen Frau Neumann und die Majorin von Schalldorf gleichzeitig. „Meine Tochter war das Pathenkind der Verstorbenen", warf der Major ein. „Die meinige ebenfalls", sagte Tante Lina, „Es sind hier zwei Pathenkinder, Beide tragen den gleichen Namen; Sie haben nur deu Vor-, nicht den Zunamen genannt, Herr Almer. Welche von den Beiden ist die Erbin?° „Diese Frage zu beantworten, steht leider nicht in meiner Macht", erwiederte der Anwalt. „Ich bedauere, daß das Testament meiner Clientin unvollständig und daher die Bestimmungen nicht zu erfüllen sind. Es fehlt in der That ein ganz wichtiges Wort, und es ist außerordentlich schwer zu bestimmen oder nur zu errathen, welche von den beiden Nichten als Erbin bestimmt ist. Die leere Stelle hinter dem Vornamen Mathilde ist nicht ausgefüllt worden." Tante Lina's Augen füllten sich mit Thränen — Thränen des Zornes und der Entrüstung, welchem Beispiel auch ihre Tochter Mathilde folgte. „War die Auslassung des fehlenden Wortes ein Zufall oder eine Absicht?" fragte der Major finster. „Die Verstorbene gab einer ihrer Nichten den Vorzug", versetzte der Anwalt und blickte dabei Mathilde Neumann an, „und wollte diese zweifellos als Erbin einsetzen, gleichzeitig das Glück ihres Günstlings, Lieutenant von Römer, befördern. Andererseits wollte sie der anderen Nichte gegenüber nicht ungerecht sein, sie hatte zwar ihre Zuneigung nicht gewonnen, wollte dieselbe aber noch prüfen und erst später eine endgtltige Bestimmung treffen." „Kurz gesagt", rief der Major zornig, „meine Schwägerin wußte gar nicht, was sie wollte, wenige — 643 - Frauen können einen festen Entschluß fassen. Aber sie hatte doch einen starken Willen! Das Testament, wie «s jetzt ist, ist null und nichtig!" „Die Verstorbene hat trotz ihres Reichthums ein trauriges Leben geführt", fuhr der Anwalt fort. „Die beständige Furcht, daß die Verwandten nicht ihrer Person, sondern nur des Vermögens wegen sich fast täglich in ihrer Villa aufhielten, erregte ihr Mißtrauen. Als sie vor sechs Monaten das Testament machte, sagte sie mir: „Eine meiner Nichten soll meine Erbin sein, ich weiß aber noch nicht, welche von den Beiden. Lassen Sie nach dem Worte Mathilde eine leere Stelle, die ich später ausfüllen werde." „Sie muß ihrer Stimme nicht mächtig gewesen sein", brummte der Major. „Im Gegentheil, ich kann behaupten, daß sie ebenso gut zurechnungsfähig war, wie' Sie und ich, sie war nur mißtrauisch. Ich bemerke, daß jede Veränderung im Testament unzulässig sei und später beglaubigt werden müsse. Sie wußte eZ sehr gut und versprach mir, mich holen zu lassen, um in «einem Beisein daS fehlende Wort zu ergänzen. Sie hat mich nicht «ehr rufen lassen, und der Tod ist ihr zuvorgekommen, ehe das Wort ersetzt wurde." Lieutenant von Römer erhob sich: „Unter diesen Umständen gestatten Sir mir, mich zurückzuziehen", sagte er, zu den Anwesenden gewendet. „Aber ehe ich gehe, möchte ich noch bemerken, daß ich keine Ahnung von der Erwähnung «eines Namens i« Testament der Verstorbenen hatte. Wie peinlich cS für mich ist, denselben in Verbindung «it einem andern Na«en zu finden, kann sich Jeder leicht vorstellen. Ich kann mich jetzt nur entfernen und überlasse es der Versammlung, allein die sonderbaren Bestimmungen zu erörtern." Kau« hatte sich die Thür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als die Anwesenden freier aufathmeten und der Sturm von allen Seiten losbrach. „Die Bestimmungen sind lächerlich — meine Schwägerin muß geistig gestört gewesen sein", rief der Major erregt, „was soll jetzt geschehen, wie haben wir nnS zu verhalten?" „DaS kann ich jetzt noch nicht sagen; ich muß mit einem Kollegen berathen", versicherte der alte Anwalt Almer. „Wir wissen ja nicht, welche Nichte den Vorzug erhalten sollte." „Das unterliegt nach meiner Ansicht gar keinem Zweifel", siel die habzierige Tante Lina ein. „Ein Jeder weiß, daß meine Tochter Mathilde der Liebling war. Sie wurde mir Geschenken überhäuft und erhielt oft Einladungen nach der Villa." „Das beweist noch gar nichts", versetzte die Majorin gereizt. „Meine Tochter erhielt ebenfalls häufig Geschenke." „Mama, ich bitte Dich, rege Dich nicht unnütz auf und mache keine Einwendungen", flüsterte die junge Dame. „Schweig', Mathilde", lautete die unfreundliche Antwort der Majorin. Ueberlass' es Deinem Vater und mir. Deine Interessen zu wahren. Niemand kaun behaupten, daß die Verstorbene auch nur mit einer Silbe Mathilde Nrumann als ihre Erbin besti«mr hat!" „Wäre ich der Rechtsbeistand der Verstorbenen gewesen", wandte der Advokat Nenmann ein, „so würde dieses Masco nicht gemacht worden sein. Ich würde meiner Clientin die Thorheit eines solchen Testamentes vorgestellt haben." „Das ist geschehen, wenn auch nicht durch Sie, mein verehrter Herr Kollege. Aber reiche Damen lassen sich nicht leicht beeinflussen, wie Sie wohl wissen."' „Eines der beiden Mädchen ist Erbin — aber welches?" wiederholte der Major. „Natürlich knüpft sich die Bedingung noch daran, daß sie den Lieutenant hei- rathe, aber das ist jetzt nur Nebensache. Dir Hauptsache ist die Gewißheit, wer die Erbin sein wird." „Wenn ich Ihnen gut rathen soll, so fangen Sie keinen Prozeß an, der zu großen Weitläufigkeiten führen würde", rieth Anwalt Almer. „Wenn das nutzlos und die Wittwe ohne rechts- giltiges Testament gestorben ist, so fällt die Erbschaft ihren nächsten Verwandten, also «einer Frau Karoline zu", rief Herr Neusrarm siegesbewußt. „Die Frage ist doch recht einfach zu lösen. Die beiden Schwestern —" „Ich übergebe die Sache «einem Nechtsanwalt", brauste der Major auf. „Rissen Sie auch, mein verehrter Herr, daß ursprünglich das ganze Vermögen von meinem Bruder herstammte?" „Ganz recht", gab Herr Neumann zu, „aber ihr Bruder vermachte sein Vermögen seiner Wittwe, der Schwester meiner Frau, folglich — —" „Kein Wort weiter! Ich sage Ihnen, der Prozeß soll entscheiden", rief gereizt der Major. Dann wankte er, gestützt auf den Arm seiner Gattin und gefolgt von seinen Kindern, dem Ausgange zu. Der alie Herr von Römer war bei der Nachricht deS Todes der reichen Wittwe gleich nach der Residenz gekommen und war ebenso entrüstet wie sein Sohn über die unbegreifliche Klausel im Testament. „Das ist eine fatale Sache, Benno, und ich bin um Deinetwegen bitter enttäuscht. Was kann nur eine vernünftige Frau veranlaßt haben, ein solches lächerliches Testament zu machen?" „Die Frauen sind oft unberechenbar", entgegnete Benno düster. „Auf Deinen Rath, Vater, machte ich die Bekanntschaft der reichen Frau und that «ein Bestes, ihre Gunst zu erwerben. Ich hoffte, eS wäre mir gelungen, und sie hätte mich in ihrem Testament mit eine« ansehnlichen Sümmchen bedacht, anstatt die Bedingung einer Heirath daran zu knüpfen, noch dazu da der Name meiner Zukünftigen nicht vollständig und klar bezeichnet ist." „DaS wäre nicht so schlimm, wenn das wichtige Wort nicht fehlte; so aber ist das Dokument werthlos." „Ganz entschieden." „Es ist ein großes Unglück für uns, daß der Zuname ausgelassen wurde", fuhr der alte Herr seufzend fort, „denn selbst wenn sie Deine Hand verweigert hätte, würdest Du in den Besitz eines ansehnlichen Kapitals gelangen. Wir stehen am Rande des Bankcrotts. Unser Gut ist so hoch verschuldet, daß wir uns unmöglich lange halten können; wir sind ruinirt." „Kannst Du kein Geld mehr leihen?" fragte der Sohn. „Nein. Ein Jeder, der einen Blick in unsere Papiere wirft, verweigert mir seine Hilfe. Die letzte Hilfe ist für Dich eine reiche Heirath. Schon seit Jahren ist unser Vermögen zusammengeschmolzen; unglückliche und verfehlte Spekulationen beschleunigten das Verderben. Meine letzte Hoffnung beruhte in dem Vermögen der reichen Wittwe — Dn mußt doch versuchen, Bruno, die Hand der Erbin zu gewinnen; wenn wir nur wüßten, wer die richtige wäre." „Das ist leichter gesagt, wie gethan", murmelte ver« 644 drießltch der junge Lieutenant. „Mit der kleinen, leichtherzigen Mathilde Ncnmann würde cch im Leben schon fertig werden, auch glaube ich, daß ich ihr nicht gleichgültig bin. Wäre sie die Erbin, so würde ich ihr gleich Herz und Hand anbieten." „Wie gefällt Dir denn die andere Nichte?" „Mathilde von Schalldorf? Na, ein kaltes, unzugängliches und verschlossenes Mädchen, ich würde mit ihr nie glücklich leben können." „Wie dem auch sein mag, eines der beiden Mädchen ist die Erbin, und die ist für Dich bestimmt, Bruno. Ich bedauere Dich unendlich, denn Du befindest Dich in einer argen Zwickmühle, die Ungewißheit der Erbschaft verbietet Dir jetzt die Wahl einer Braut — Du könntest die falsche wählen." Der junge Mann runzelte unwillig die Stirn. „Die ganze Geschichte ist schon in unserem Klub bekannt", grollte er finster, „und das ist mir sehr ärgerlich. Der leichtsinnige Ernst von Schalldorf hatte nichts Besseres zu thun, als nach Verlesung des Testaments die Sache schön ausgeschmückt überall zu erzählen. Jeder spottet jetzt über meine unerträgliche Lage. Wenn daS so weiter fortgeht, werde ich Urlaub nehmen und auf einige Zeit die Stadt verlassen." „Nein, thue das nicht, mein Sohn; bleibe ruhig hier und biete der Verspottung die Stirn. Warte vorläufig das Resultat des Prozesses ab. — Es wird ein großartiger Prozeß werden", fuhr der alte Herr fort, als sein Sohn schweigend und mit finster gerunzelter Stirn sich zurückziehen wollte, „und die Advokaten werden den größten Profit davon haben. Nur zwei Klassen von Leuten sollten sich diesen Luxus erlauben — die Reichen, die mit dem Golde spielen können, und die Armen, die nichts zu verlieren haben. Was willst Du heute Nachmittag machen, Benno?" „Zuerst will ich Neumann's besuchen. Ich habe für Mathilde Blumen und Bücher bestellt, ich bin fest überzeugt, daß sie, nicht ihre Cousine, als Erbin bestimmt war." „Uebereile Dich nicht und halte Dich vorsichtig auf der Mittelstraße", ermähnte der alte Herr. „Bevorzuge nicht eine Familie, Du kannst es mit der anderen sonst leicht verderben, revvirl" (Fortsetzung folgt.) - — Warum Zorg Kainz nicht heiratete. Von Dr. Josef Herbeck. (Schluß.) Jörg Kainz konnte sich nicht verhehlen, daß die Augen der Dame mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Ihr behagte seine Begleitung. Die Liebe, die er zu diesen Augen trug, machte ihn vergessen, daß er in völlig fremder Gesellschaft zu nachtschlafender Zeit den gefährlichen Gehängen der Srewand zuschritt. Freilich war er allzeit ein tollkühner Geselle gewesen, und das verleugnete er auch jetzt nicht. Plötzlich hielt die Sänfte, und der Baron forderte seine Schwester zum Aussteigen auf. „Wie? hier hält der Zug?" rief Jörg Kainz. „Hier", sagte der Lcibjäger. „Die Wand fällt hier tausend Fuß tief in den See ab", sagte Jörg Kainz. „Sie sind ein Feigling", schnaubte ihn der Leibjäger an. „Für mich fürchte ich nichts", sagte Jörg Kainz. Die Dame war indeß aus der Sänfte gestiegen und schaute zu dem vom Mondschein schwach erhellten See hinab. Ihr Bruder stand neben ihr. „Mir schwindelt", sprach sie plötzlich und reichte Jörg die Hand. Er zog sie vom Rand des Abgrundes fast heftig zurück. „Sie gehören nicht zn uns", sagte der Leibjäger. Jörg Kainz sah ihn unmuthig an, ungewiß, ob er ihm eine Ohrfeige verabreichen oder schnellstens mit der Dame in den dunklen Wald flüchten sollte. Er that indeß keines von beider», sondern wartete ab, was sich weiter ereignen würde. Der Baron und die Dame blieben auf dem Felsenkegel, der in den Abgrund hinaus vorgeschoben war. Der Leibjäger und Jörg Kainz hielten sich hinter ihnen. „Warum müssen wir allein auf solch gefährlicher Höhe halten", sagte Jörg Kainz zu den Sänsteträgern, die mit der Sänfte in Sicherheit ein paar Minuten von dem Felsvorsprung entfernt auf dem Moos des Waldes lagerten; „wohin sind die Nebligen gegangen? Ha, jetzt beginnt das Ratschen der Treiber und das Hallohrufen!" Er hatte laut gesprochen, und ein Blick der Dame rief ihn an ihre Seite zurück. Ihre Augen schienen ihn um Hilfe bei allenfallsiger Gefahr anzuflehen. „Diese hohe Dame ist meine Schwester", redete ihn der Baron an. „Wissen Sie, daß sie die Fürstin des Ossa-Gebietes, daß ihr der ganze Grenzstrich zwischen Böhmen und Bayern zu eigen ist?" „Ich wußte es nicht", erwiederte Jörg Kainz, „aber ich las Hoheit in den Zügen Ihrer Schwester." Ein stolzer Augenstrahl Kainzens zuckte zu dem Baron auf, der besagte, daß, wenn auch des Försters Eltern keine Adelige gewesen, er einen Adelsbrief in seinem Herzen trage, das von niedriger oder feiler Gesinnung nichts wußte. Der Angenstrahl setzte den Baron und den Leibjäger in Verwirrung. Mild aber senkten sich die Blicke Jürgens auf die Augensterne der Dame, Vertrauen und Liebe erweckend. „Halloh, wir werden sehen, was der Fremde von der Jagd versteht", sagte der Leibjäger, indem er Hirschfänger und Gewehr vor sich auf einen Felsblock niederlegte. Der Baron setzte sich in die Haltung, um ein unter dem Felsen vorbeistrcichendes Wild auf seinem gachen Pfads erlegen zu können. Windlichter und Fackeln irrten da und dort umher, und der Mond gab seinen Schein dazu, so daß ein Zielen nicht unmöglich war. Plötzlich stieß die Dame einen durchdringenden Schrei aus. Jörg Kainz besaß ungewöhnlich viel Muth und Geistesgegenwart. Er hatte bisher der gespensterhaften Scene als schier unerschrockener Theilnehmer beigewohnt; was aber nun kam, machte doch seine Nerven beben: Ein Sechzehnenber stürzte mit seinen gewaltigen Schaufeln gerade gegen den Felsenvorsprung, so daß der Förster nur eben Zeit fand, die Dame bei Seite zu reißen. Der Baron sprang hinter einen Baum, und der Pflaumenfarbige stürzte in die Kniee. Der Hirsch aber kehrte sich kampfeslnstig' auf der Spitze des Felsenvorspruugs gegen seine Gegner. Seine Schaufeln wühlten das Erdreich auf, und seine großen Augen funkelten vor Wuth. Aus der Tiefe drang empor das Geplärre der Treiber 645 mit ihren Ratschen, und lodernde Flammen tanzten im Walde hin und her. Unfähig, hier mit dem Gewehr etwas zu leisten, zog der Förster sein großes Jagdmesser aus der Scheide. Der Hirsch schien es in seiner Wuth besonders auf die Dame im grünen Sammetkleide abgesehen zu haben und machte sich sturzbereit. Rasend geworden durch den vom Echo vervielfältigten Lärm, stieß er mit den Schaufeln umher und scharrte mit den Läufen das Moos vom Erdreich. Nun sprang er vor; aber in demselben Moment glitt die gewandte Gestalt des Försters unter ihm hin und stieß ihm das Messer in die Brust. Der Hirsch heulte laut auf, daß die Felswände davon wiederhallten. Er machte einen Satz in die Höhe und fiel über das Gewände in den Abgrund. Man hörte die gewichtige Masse im Gebüsche unten aufschlagen. Derpflaumenfarbige Leibjäger lag in Zappelnder Jämmerlichkeit auf dem Boden. Ein verächtlicher Blick Kainzens streifte die bebende Gestalt. „Sie haben mir das Leben gerettet", rief die Dame unter Thränen und schlang ihre Arme um seinen Nacken. „Vielleicht", sagte Jörg Kainz. Er war etwas mißvergnügt darüber, daß der Bruder der Dame gar kein Wort der Anerkennung für ihn hatte, sondern ihm nur gemessen die Hand drückte. „Wir dürfen keinen Augenblick hier verlieren", sagte die junge Dame. „Es möchte nochmals^AehnlicheS sich ereignen und schlimmer ablaufen." „Sehen Sie, auch Ihr Leibjäger richtet sich wieder auf", sagte Jörg Kainz, spöttisch nach dem sich vom Erdreich reinigenden Pflaumenfarbigen hinblickend. „Er hätte mich den Schaufeln des Hirsches preisgegeben", eiferte die Dame mit zorngeröthstem Antlitze. „Pfui über solche Diener!" „Fluch seiner Feigheit!" rief Jörg Kainz aus, dem Leibjäger den verächtlichsten Blick zusendend. „Wohlan, lassen Sie uns eilen, ins Schloß zu gelangen", fuhr die junge Dame fort. „Die Zeit drängt. Rasch über die Seewand hinab! Eilt Euch mit der Sänfte!" Nochmals sank sie, überwältigt von ihren Gefühlen, Jörg Kainz in die Arme; dann bestieg sie die Sänfte. Jörg Kainz hielt sich enge an ihrer Seite. Bisher jeder wärmeren Zuneigung zu irgend einem weiblichen Wesen bar, suhlte jetzt Jörg Kainz die Gluth der Liebe in seinem Herzen aufsteigen. Es konnte auch nur eine so ungewöhnliche Erscheinung, wie diese Dame, es vermögen, sein Herz in Flammen zu setzen. Seine Pulse klopften, wenn er in diese schönen schwarzen Augen hineinsah, und es wäre zweifelhaft gewesen, ob er jetzt noch mit seinem Messer einen so sicheren Stoß gegen die Brust des Hirsches zu führen im Stands gewesen wäre. Eins wundersame Rührung überkam ihn. Diese Angen hatten es ihm angethan. „Werden Sie mich verlassen?" lispelte die junge Dame. „Nie", erwiederte Jörg Kainz und meinte es auch so. „Mein theurer Retter!" rief sie aus, „mein geliebter, hilfreicher, ritterlicher Befreier aus bedrohlicher Gefahr!" „O still, still!" sagte er. „Warum soll ich von Ihrem Edelumthe schweigen?" fragte sie. „Weil", antwortete er, „ich für Sie durch Noth und Tod ginge." Die junge Dame lächelte aufs anmnthtgste Jörg Kainz an. Er konnte sich nicht enthalten, einen ehrerbietigen Kuß auf die Hand der Dame zu drücken. Und die Dame war dem Förster darob nicht böse. „Horch!" rief die junge Dame zusammenschreckend aus. „Hören Sie das Plätschern der Wellen des See's?" „Ja, ja", sagte Jörg Kainz, aber es war von keinem Plätschern die Rede, denn die Fluchen oes Arbersees tosten und brandeten. „Angehalten!" rief die junge Dame und schlug in die kleinen Hände. „Die Flöße herbei und zum Schlosse hinab!" Jörg Kainz sah zwei Flöße in den See schieben und den ganzen Troß mitsammt dem erlegten Wilde dieselben besteigen. Jörg Kainz drückte nochmals einen Kuß auf die linke Hand der Dame und schickte sich an, das Floß zu besteigen, auf das ihre Sänfte getragen worden war. „Wollen Sie auch nie eine Andere lieben, als mich — nie eine Andere heirathen?" sagte die junge Dame. Jörg Kainz versprach es mit den feierlichsten Beiheuerungen. Die Dame bewilligte seine Mitfahrt, und das Floß glitt in den erregten See. Kaum waren die Flöße in der Mitte des Sees, als ein jäher Sturmwind daö Gewässer in seinen Tiefen aufwühlte. Von einem Wirbelwind erfaßt, tanzten die Flöße wie Kinderspielzeug auf den schwarzen Fluthen, bis sie an einander zerschellten. Die feuchte Tiefe öffnete ihren Nachen, Weherufe hallten durch das Revier; Jörg Kainz war gegen das Ufer geschleudert worden, er schwamm, dann tappte er durch das N sse gegen den Rand der unglückseligen Fluth, er schrie nach seiner Dame, stampfte auf dem feuchten Moos des Gestades vor Aufregung mit den Füßen und sah, — daß der Tag anbrach, und saß auf dem hölzernen Stuhl der Diensthütte vor der heruntergebrannten Kerze; draußen rauschte der Regen, und einzelne Tropfen fielen durch die durchlässige Decke auf ihn, er schauderte vor Kälte und Feuchtigkeit und stampfte mit den Füßen, um sich zu erwärmen. Er drehte den Kopf hin und her, aber kein böhmischer Baron, keine Bedienten, keine Treiber, kein pflaumenfarbiger Leibjäger und auch keine junge Dame waren mehr zu sehen. Er sah sofort ein, daß etwas Geheimnißvollcs hinter der Sache stecke, und hat später immer die Geschichte so erzählt, wie ich sie vermeldet habe. Er hielt den Schwur treu, den er der Dame geleistet hatte, schlug die verlockendsten Partieen aus und blieb Junggesellr. Er rühmte sich, der einzige Zeuge einer Geisterjagd auf der Seewand gewesen zu sein. „ES war gut, daß du bei der Beschaffenheit deines Magens und deiner Gurgel Junggeselle geblieben bist, denn bei deinem Einkommen hättest du doch unter sothanen Umständen eine Familie nicht versorgen können", sagte später einmal der Mooshofwirth, nachdem er die Geschichte von dem Schwur am Arbrrsre zum xtenmal mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte. „Es war gut", entgegnete der Förster. „Und so ist dir die ArLersceprinzessin zum wahren Heil gewesen", sagte der Wirth. „Kellnerin! dem Herrn Förster einschenken!" Goldköruer. DaS ist die Blume dc§ Lebens, doch nur Lein Größeren wird sie Trunken und weise zugleich, froh und erbaulich zu sein. Geitzel. Die Bootfahrt des Lebens. Jerome K. Jerome, der wohlbekannte englische Hmnorist, hat eine neue Geschichte geschrieben, die in deutscher Uebersctzung unter dem Titel „Drei Mann in einem Boot (vom Hund ganz zu schweigen)" soeben im Magazin für Literatur zu erscheinen beginnt. Im Anfang der Erzählung, in der diesmal der Dichter seine Vorliebe für illustrirende Abschweifungen etwas ausarten läßt, ist von den Vorbereitungen die Rede, die drei junge Leute für eine längere Bootfahrt auf der Themse treffen. In dieser Darlegung stoßen wir auf folgenden hübschen Exkurs: „Die erste Lifte, die wir zusammenstellten, mußte vernichtet werden; es war klar, der Oberlauf der Themse wäre nicht breit genug gewesen, um das Boot zu tragen, das die in jener Liste verzeichneten Sachen alle enthielte. So zerrissen wir denn die Liste und schauten einander an. Georg meinte: „Wir sind allcsammt auf dem Holzwege! Wir müssen nicht an alles das denken, was wir ^rauchen könnten, sondern an das, was wir absolut richt entbehren können." Georg hat manchmal einen ganz verständigen Einfall, >o erstaunlich das auch klingt. Ich heiße das Weisheit in höchster Potenz, nicht nur in Bezug auf die gegenwärtige Frage und Reise, sondern in Bezug auf die LebenSreise überhaupt. Wie viele Leute laden für diese Reise ihr Boot mit einem Haufen »«nöthiger Sachen voll, sodaß es beständig in Gefahr schwebt, umzukippen! All diese Sachen halten sie für unerläßlich zu ihrem Vergnügen und ihrer Behaglichkeit, während sie in der That ganz unnützer Ballast sind! Wie häufen sie doch das arme, kleine Ding an mit schönen Kleidern, mit großen Häusern, mit einer Bande fauler Bedienten, mit einer Schaar schmarotzender Freunde, die sich keinen Pfifferling um sie kümmern, und um die sie sich selbst keinen halben Pfifferling kümmern, wie beladen sie es mit kostspieligen Festen, an denen Niemand ein wirkliches Vergnügen findet, mit Förmlichkeiten und Modethorheiten, mit Anmaßung und Herausforderung, und — o schwerster und dümmster Ballast! — mit der Furcht, was wird mein Nachbar dazu sagen? Mit Luxus, der doch nur Tünche, mit Vergnügungen, deren wir doch bald überdrüssig werden I Mit leeren Schaustellungen, die unser Haupt schmerzen und bluten machen, wie die eiserne Krone, die man ehedem dem Verbrecher aussetzte! Ballast ist's, ihr Leute, lauter Ballast! Werft ihn über Bord! Er macht nur, daß euer Boot so schwer vorwärtszubringen ist, daß ihr beinahe darüber erliegt! Er macht, daß euer Boot so mühsam und gefährlich zu steuern ist, daß ihr niemals auch nur für einen Augenblick der Angst und Sorge ledig seid; daß ihr euch niemals, auch nur für einen Moment, dem üolea kau nisnts hingeben dürft, daß euch keine Zeit bleibt, die flüchtigen Schatten zu beobachten, wir sie über die Untiefen weghuschen, oder die glänzenden Sonnenstrahlen zu verfolgen, wie sie auf den kräuselnden Wellen umherhüpfen, oder das Auge zu weiden an den hohen Uferbäumcn, die ihr eigen Bild in der Tiefe betrachten, an den Wäldern mit ihren gold- grüuen Wipfeln, an den weißen und gelben Lilien, an den düstcrwogcnden Ried- und Schilfgräscrn, an den blassen Orchideen oder den blauen Vergißmeinnicht-Augen! Werft ihn über Bord, ihr Menschen, den Ballast! Laßt euer LcbenSschifflein leicht dahinschwebm, nur mit dem Nöthigsten beschwert! Ein heimliches Nest mit seinen stillen Freuden, ein oder zwei Freunde, die dieses NamcnL werth; Jemand, den ihr liebt, und Jemand, der euch liebt; eine Katze, ein Hund, eine Pfeife oder zwei; Kleidung und Nahrung, soviel man braucht; und etwas Ueberfluß an trinkbarem Stoff, — denn der Durst ist gefährlich! Dann werdet ihr das Boot leichter fortbringen, und es wird weniger der Gefahr des Umkippens ausgesetzt sein, und es wird auch nicht viel schaden, wenn es ein- vder das andremal umschlägt; gute, richtige Waare muß auch einmal naß werden dürfen! Ihr habt dann Zeit zum Nachdenken sowohl als zur Arbeit, Zeit, des Lebens Sonnenschein einzusaugcn, und Zeit, den Aeolsharsentönen zu lauschen, welche Gottes Winde auf den Saiten des MenschenherzenS erklingen lassen.* (Franks. Ztg.) - s« » Ku - E' > Dir Bedeutung dee ZsrSrn in der Pflanzenwelt. (Nach einem Vortrage von Dr, Meyer in Köln.) Nicht um des Menschen willen tragen die Pflanzen schöne und ausfallende Farben an sich, sondern ihrer selbst halber. Für manche Blume und Pflanze ist die sogenannte ISechselbefruchlung nothwendig, d. h. der befruchtende Blüthsnstaub einer «ärmlichen Blume muß hinübergefüyrt werden zu einer weiblichen Blüthe einer anderen Pflanze derselben Art. Diese Übertragung kann auf verschiedene Weise geschehen. Bei den «eisten Blumen wird sie bewirkt durch Insekten, die des süßen Saftes wegen die Blumen besuchen, in dieselben hineinkriechen, auf ihre« Leibe den befruchtenden Blüthsnstaub Mitnehmen und denselben auf andere Pflanzen abstreifen. Die leuchtenden Farben treffen das Auge der die Luft durchschwirrrnden Bienen, Hummeln, Sch«etterltnge u. a., sie «achcn die Blume um so «ehr bemerkbar, je «ehr sich die Farbe v»W Untergrund abhebt. Der goldgelbe Hahnenfuß auf dunkelgrüner Wiese, die blaue Kornblume am Rande des reifenden, der gelben Farbe sich zuneigenden AehrenfeldrZ können nicht übersehen werden, sie locken vielmehr willkommene Gäste von allen Seiten herbei. Bei nicht wenigen Blumen soll die Befruchtung durch Nachtschruetierlinge und Insekten der Finsterniß bewirkt werden, daher tragen sie dir weiße oder hellgelbe oder einen sonstwie auch in der Nacht sich bemerkbar machenden Farbenton an sich. Hierhin gehören Geißblatt, Nachtkerze, Königin der Nacht u. a. Zwar laden viele derselben auch durch süßen Duft zu freundliche« Besuch ein, wie das Geißblatt, aber das eine Lockmittel wird noch verstärkt durch das zweite, die leuchtende Farbe. Während das echte Veilchen so stark duftet, daß es durch den lieblichen Geruch sich genügend bemerkbar macht und einer lockenden, auffallenden Farbe entbehren kann — auch wenn es im Verborgenen blüht, wird es von den lüsternen Gästen aufgefunden —, strahlt das ihm nahe verwandte, aber dnftlosr Stiefmütterchen in leuchtender, lockender Farbenpracht. Die Blumen, bei denen die Befruchtung nicht durch Insekten bewirkt zu werden braucht, bei denen der Wind den befruchtenden Staub von der einen zur andern trägt, ermangeln der Farben gänzlich. Grau und unscheinbar sind die Blüthenkützchen der Haselnußstaude, der Erle, der Birke. Während nun bei gewissen Pflanzen die Blüthe in schöner Farbe prangt, läßt eine andere ihre Frucht für das Auge besonders auffallend erscheinen. Die leuchtend — 647 rothe Farbe der Kirsche, der Vogelbeere ruft die Vogel des Himmels herbei, daß sie sich nähren sollen von diesen Gaben der allsorgenden Mutter Natur. So kommen die Samen dieser Pflanzen, die Kerne der Früchte tn die Verdauungsorgane der leicht beschwingten Gäste; dort wird ihre Keimkraft nicht nur verringert oder zerstört, wie es scheinen könnte, sondern sogar, wie bestimmte Versuche bewiesen haben, noch vergrößert, und wo sie abgesetzt werden und die Bedingungen ihres Daseins finden, sprossen Pflanzen und Blumen auf, selbst auf unzugänglichen Felsen und Mauern. Die anlockende rothe Farbe auf dunkel« Untergründe der Blätter zeigen die Kirschen, die Preißelbeere, die Stechpalme u. a.; in der Reife blaue Beeren machen sich bemerkbar auf gelb werdendem Laub der Waldbesrs, des Holunders, des wilden Weines; in leuchtendem Weiß, einer sehr seltenen Fruchtfarbe, schimmert auf grauem Strauchgeäste die Schneebeere am St. Petrusstrauch. Von ganz besonderem Interesse ist ein Farbentvn in der Blumen- und Pflanzenwelt, der zwischen Gelb und Noth steht und in der Pflanzenkunde den Namen Anthokyan (Blumenblatt) erhalten hat. Am auffallendsten macht er sich bemerkbar an den absterbenden Blättern des Ahorns, bcS wilden Weines, des Götterbaumes, der Eiche. Wem ist nicht das wunderbare Farbenbrld des im Herbste seines Lebens stehenden Laubwaldes bekannt, und wer hat sich noch nicht die verwunderte Frage nach Grund und Zweck dieses seltsamen Farbenschcmspiels vorgelegt? Allbekannt ist, daß der junge Spargeltrieb, wenn er sich aus der Erde hervorhebt, am Kopfe sich bläulich färbt, daß junges Eichenlaub, das im Juni sich bildet und Johannistrieb genannt wird, bräunlich erscheint. Gewisse Flechtenarien färben sich zu heißer Sommerszeit roth hoch oben in den Alpen. Alles das ist Anthokyan. Wozu diese ganz eigenthümliche Farbenbildung? Zum Gedeihen fast aller Blumen und Pflanzen ist unbedingt nothwendig das sogenannte Chlorophyll, Blattgrün oder Pflanzengrün, ein Stoff, der, bei passender Beleuchtung, aus den unorganischen Nährstoffen, nämlich aus Kohlensaure und Wasser, organische, aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zusammengesetzte chemische Verbindungen unter Ausscheidung von Sauerstoff erzeugt. Die Pflanze ist nur, weil sie, und nur, wenn sie Chlorophyll besitzt, zu dieser für sie charakteristischen Ernährungsweise geschickt. Dieses so unbedingt nothwendige Blattgrün leidet nun unter allzugrcller Beleuchtung, und deshalb deckt, wie schon oben gesagt, das dunklere Anthokyan (Blnmenblau) dasselbe ab bei jungem Spargeltrieb, frischem Somsrereichenlaub und gewissen Flechten in den von der Sonne allzugrell bestrahlten Alpen. Bei absterbenden Blättern bewirkt Anthokyaik, daß durch die dunkler gefärbten Blattrippen und Blattstiele die Nährstoffe leichter zurückgelettet werden zu Zweigen, Achten und Stamm, e§ begünstigt, indem es Licht in Wärme umsetzt, die Aufspeicherung der Nährstoffe in der eigentlichen Pflanze. Aus demselben Grunde bildet sich An- thckyan, wenn im Wachsthum der Pflanzen besonders starke Zubereitung der Nährstoffe nothwenoig ist, wie das deutlich erkennbar ist tn der röthlichen Färbung der jungen Nhabarberstengel und der jungen Nußbau»:Rätter. Möglichst starke Ausnutzung des Lichtes, Umsetzung desselben in Wärme ist bei vielen anderen Pflanzen Zweck der Anthokyanbildung. Während die aus dem Wasser schwimmenden Blätter der Teichrose auf der Oberfläche dunkelgrün und lederartig hart sind, damit sie gegen auffallende Schädlinge geschützt erscheinen, ist die Unterseite des Blattes röthlich gefärbt, weil sie das nur in geringem Maße zu ihr gelangende Licht auffangen und zu Wärme entwickeln will. Dieselbe Erscheinung findet sich noch bei vielen anderen Pflanzen, besonders solchen, die im Wasser oder im Schatten des Waldes ihr Dasein fristen. Eine röthliche Schicht auf der Unterseite der Blätter ist auch zu bemerken bei kurzlebigen Pflanzen, die also mit größter Intensität ihre Lebenssäfte zur Ausgestaltung bringen müssen. Als Beispiel fei genannt das allverbreitete und vielgeliebte Alpenveilchen. -- ALLsrrZsr. Die Erfinder deS Fahrrades Eine alte Nürnberger Chronik berichtet, daß dort im Jahre 1649 ein von einem gewissen Hans Hautsch hergestellter Kunstwagen aufgetaucht ist, „welcher in einer Stunde 2000 Schritte geht, man kann still halten, wenn man will, man kann fortfahren, wenn man will, und ist doch alles von Uhrwerk gemacht". Kurze Zeit darnach fertigte gleichfalls ein Nürnberger Uhrmacher, Stephan Farflex, nachdem er zuerst einen solchen vierrädrigen Kunstwagen gebaut, einen mit drei Rädern. Das dürste das älteste Dreirad fein. Nürnberg kann also in der Erfindung von Fahrwerk- zeugen, die man ohne Zuhilfenahme irgend welcher thierischer oder sonstiger Naturkraft fortbewegen kann, das Vorzugsrecht in Ansprnch nehmen. Daß auch das erste Zweirad in Bayern gemacht und praktisch benutzt wurde, ist nachweisbare Thatsache. In Schweinfnrt verfertigte sich der 1812 geborene Jnstrumeritenmacher P. Moritz Fischer zu Anfang der 50er Jahre em Aweirad mit Tretkurbeln, welches er zu seinen Geschäftstouren benutzte. Fischer, der schon vor vielen Jahren gestorben ist, theilte das LooS aller Erfinder; nur ein kleiner Kreis zeigte Interesse für sein Zweirad, von der Mehrheit wurde er verspottet und ausgelacht. Verrathen. Gatte: „Alle Wetter, nun Labe ich die Schlüssel zu meiner Kassette tm Bureau gelassen und von Dir paßt auch keiner, nicht wahr?" — Gattin: „Nein, ich habe mich auch schon darüber geärgert." ^Lllo Reedts vordeLslierr.) ÄAsselrivIrtO 4 a6—a5 S De2Xa4 t7—kö 30 b4—b5 Lb8-k3 10 De4-d3 tö—t4 31 b5—b6 Da4Xa2 11 Le3-d2 e6—«5 32 Lo4xk4 Lk8-b3 12 d4X«5 Le8—g4 33 1>6xg71- Lk6Xg? 13 Dd3—b3(a) 8c6—d4 34 Ik4—e4(o) Da2—als 14 Db3-d1 Lg4xk3(b) 35 Lo1-d2 Lb6Xb2f 15 g2X13 Lks-15 86 Ld2—e3 Lb8—f8 16 Lkl—d3 LföXoS-s- 37 f3—k4 Dal—a2 17 Ld3—e4 Dd8-d7 38 Lo3xb2 Da2Xb2 18 Ld2—o3 e?—c5 39 Lei-bl b7—b6 19 Ddl-d3 Las—08 40 Le4—e5 Lk8-b8 20 0-0-0 Dd7—a4 41 Ldö—e4(f) Dg7Xs5 Llj Lei-bl Lo7—f6 42 LdlxdOs- Lb8-g7 Weiss gibt die Dartis auk (g). a) Luf 13. Ld2—e3 würde 8e6—b4, 14. Dd3—e4,Lg4—k§ folgen. b) sogleieb 14. Lk8—f5 wäre nael» stärker. v) Damit begibt sieb Weiss in eins ganr unnötbigs 6s- fabr, indem er den gegnerisebon Lbürmen eins vortbeilbaftö Lvgriikslinio öffnet. Wenn es steinitr durobaus um einen Dauern r.u tbun war, wessbalb rog er dann niebt 22. Le4Xb7j-, was gekadrlos geseboben konnte? d) statt des Lönigsxugos konnte 28. Ld5—f7 geseboben; stoinits fürebtsts offenbar die lfortsetsung Lb6Xb2j-, 29. De3Xb21, Lb8Xb2f, 30. LblXb2, 8c3—o2f-, die indess an 31.Lb2-b1.Da4- b4f, 32.Dd3-b3, Db4X6lt, 33.Lbl— c2 sebeitert. s) statt dessen konnte Weiss mit 34. Le4Xd4, o5Xd4, 35. Le3Xd4 der gsfabrdrobeuden Lage sieb entsieben. f) Der Länksrxug ist notbwendig, um dem drobenden Lb8—b3 xn begegnen. g) Ironie des sebicksals! stsinit^ gibt die Dartio bier auf, in einer stsllung, in der er sie unsebwer remis balten konnte; er glaubte offenbar, dass der Verlust der Dame dureb Lb3—l>3 nun unvermeidlieb sei. sebrvars (danowski). stellung naeb dem 42. Auge. Lnf wclebs Weise Remis möglieb ist, das berausruündev überlassen wir vorerst dem sebarfsinno unserer Leser, denen wir die vorstebends stellung als Lndspielstudis vorfübren und die Lösung später mittbeilen werden, steinitr, der wäb- rend seines jüngsten Lukentbaltes dabier auf das Remis aufmerksam gemaebt wurde, war darüber böoblieb erstaunt, erklärte es aber alsbald für rutreikend. Die Minen jener sebaebfreunds, welobo die Endspiels sowie Droblems ete. ricbtig lösen und reebtroitig einsenden, werden in entspreebenden 2eitabsebnitten an dieser stelle veröikentliebt. _ (D D. in L.) Destsn Dank für Ibrs freundliobon Wunsebs, mögen dieselben naeb jeder Dicbtung bin in Erfüllung geben! Llles auk das sebacb Desügliebs ist ausnabmslos 2 u adressiren: „Ln die Redaction des Lugsburger sellueb- blutt — Lake Lugustu — Lugsburg." "WU! Algebraische Gleichung. u — t-s-b-s-v — X a) wichtige Verkehrseinrichtung, d) Nahrungsmittel, o) russischer Fluß, x) als mächtiger Gott aus der griechischen Mythologie bekannt. Auflösung des Scherzräthsels iu Nr. 82: Habe, Haue, Hase, Haie, Haxe. - t jjs ^ » D« ^ -