« 85 . 1896 . „Augsburger Postzrüung". Viustag, den 13. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des iliterarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) Lieutenant von Römer schlenderte langsamen Schrittes dem Hause des Advokaten Neumann zu. Er hatte bald sein Ziel erreicht, als er Fräulein von Schalldorf bemerkte, die mit einem Hündcben an der Leine rasch vor- übereilte. Die junge Dame bestieg einen Omnibus und war bald seinen Blicken entschwunden. „Selbst wenn ich die Erbin wäre und Niemand mein Recht bestreiten könnte, würde ich mich nicht überreden lassen, die Hand des Lieutenants anzunehmen", dachte sie bei sich selbst, als das schwerfällige Gefährt langsam über das Straßenpflaster rasselte, „selbst wenn mein Herz nicht Rudolf Wieser gehörte. Der Lieutenant ist reich, jung und unterhaltend, aber es liegt etwas in seinem Wesen, was mir mißfällt, und ich könnte ihm nie vertrauen." Der Omnibus hielt in einer entlegenen Straße der Vorstadt. Die junge Dame ging nur noch wenige Schritte, dann blieb sie vor einem kleinen Häuschen stehen. Ein junges, sehr reinliches Hausmädchen mit schneeweißer Schürze öffnete die Hausthür und führte sichtlich erfreut die Dame in ein kleines, aber behaglich und sauber gehaltenes Wohnzimmer. Eine ältliche Dame mit silberweißen Haaren und edeln, aristokratischen Gestchtszügen lag auf einer Chaiselongue. Sie war fast gelähmt und konnte sich nur mit Hilfe der Krücken, die zur Seite standen, mühsam und mit Anstrengung fortbewegen. „Mein liebes Kind, das ist eine angenehme Uebcr- raschung", rief sie mit einem glücklichen Lächeln aus, „wie wird sich Rudolf freuen, wenn er Dich hier findet!" Mathilde von Schalldorf rückte ein niederes Tabouret herbei und ließ ihr Haupt in dem Schooß der alten Dame ruhen, die leise ihre Hand auf die Schulter ihrer jugendlichen Freundin legte. Es lag eine tiefempfundene Herzlichkeit in dieser leichten Berührung, und einen Augenblick sahen sich die beiden Damen mit unendlicher Liebe an. „Mein Vater hält jetzt täglich Berathungen mit seinem Anwalt, und meine Mutter ist bei einer Freundin", berichtete das junge Mädchen, „und da mußte ich doch die gute Gelegenheit benutzen und hierher eilen, wo ich am liebsten immer bleiben möchte." „Wir freuen uns auch immer, Dich hier zu sehen", versicherte die alte Dame, „so, mach's Dir bequem, mein Kind, dann erzähle ich Dir auch etwas Neues. — Wir haben endlich die beiden Zimmer vermiethet; das vordere große Wohnzimmer und das große Schlafzimmer, das nach dem Garten geht; eine ältliche und gewiß alleinstehende Dame wohnt seit gestern bei uns." „Wie heißt sie?" „Fräulein Winter. Wir merken kaum, daß sie im Hause ist; wir haben sie in Kost und Logis, aber sie ist sehr anspruchslos und wir hätten es niemals besser treffen können." „Wirklich?" Die junge Dame schielte besorgt nach einer dünnen Tapetenthür, die das Zimmer von den Räumen der neuen Hausbewohnerin trennte und die daher, ohne zu lauschen, jedes Wort hören mußte. „Ist sie jetzt in ihrem Zimmer?" fragte sie ängstlich. „Ja, sie geht fast gar nicht aus, höchstens nur spät am Abend." „Kann sie wohl hören, was wir sprechen?" „Wir wollen uns im Flüstertöne unterhalten. Es wäre für beide Theile besser, wenn die Zimmer getrennt oder durch eine feste Thür geschieden wären. Aber, mein Kind, Du hast ja heute einen Hund mitgebracht! Wie kommst Du dazu? Du hast doch sonst keine Liebhaberei für Thiere." „Waldmann! komme hierher", rief Mathilde, als der Hund anfing, an der dünnen Tapetenthür zu kratzen und zu scharren, und endlich knurrte und bellte. „Er gehörte meiner armen, unglücklichen Tante", fuhr sie fort. „DaS arme Thier wäre beinahe in den Flammen umgekommen, und da weder meine Eltern noch Neumann's Hunde leiden können, sollte das arme Thier getödtet werden. Aber meine arme Tante hatte ihn sehr lieb, und um ihretwillen habe ich mich seiner angenommen. Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Aber Waldmann, was hast Du denn heute?" fuhr sie fort, als der Hund wieder von dem Schooße gesprungen war und bellend an der Tapetenthür scharrte, „Du bist doch sonst nicht so unruhig." „Das hast Du gut gemacht, Kind, daran erkenne ich Deinen edlen Charakter. Gerade da Deine Tante Dir so wenig Liebe erwiesen hat, freut es mich doppelt, daß Du Dich eines hilflosen Wesens annahmst, das sie liebte." „Es war nicht ihre Schuld; es gibt ja so wenig Leute, die mich gern haben", erwiderte das junge Mädchen mit einem Anflug der Bitterkeit. „Ich verstehe es zu 6ö0 wenig, wich einzuschmeicheln, und meine eigenen, Verwandten verstehen mich nun einmal nicht. Ehe ich Rudolf kennen lernte, hat Niemand Liebe oder Zärtlichkeit für mich verschwendet, aber jetzt, da ich weiß, daß ich seine Liebe gewonnen habe, hat das Leben neuen Reiz für mich bekommen." Sie sah in diesem Augenblick so strahlend glücklich und zufrieden aus, daß das Urtheil des Lieutenants: „kalt, verschlossen und unzugänglich" gar nicht am Platze war. Glück und Liebe hatten die schlummernden guten Eigenschaften im Herzen der jungen Dame geweckt. „Ich glaube", fuhr sie dann sinnend fort, „wenn meine Tante arm, anstatt so unermeßlich reich gewesen wäre, so würden wir beide sehr gut mit einander harmonirt haben. Ihr Geld bildete eine unüberwindliche Kluft zwischen uns. Ich wußte sehr gut, daß sie uns allen mißtraute und sich in dem Wahn befand, wir trachteten nur nach ihrem Erbe. Daher kam es vielleicht, daß ich kalt und zu wenig entgegenkommend gegen sie war, obgleich ich im Grunde des Herzens sie aufrichtig liebte." „Mein Sohn Rudolf war über die Bestimmung des Testamentes sehr erregt", gestand die alte Dame. „Er fürchtet, daß, wenn der Prozeß zu Deinen Gunsten ausfällt, Deine Eltern Dich zwingen würden, die Hand des Lieutenants anzunehmen." Die Lippen der jungen Dame preßten sich fest aufeinander. „Selbst nicht um meinen Eltern zu gehorchen oder ihre Wünsche zu erfüllen, könnte ich mich für's Leben unglücklich machen", versetzte sie entschieden. „Nein, Rudolf's Furcht ist ganz unbegründet, denn ich werde niemals die Erbin meiner Tante werden. Die geschicktesten Rechtsgelehrten der Welt können doch nicht ergründen, welches Wort die Verstorbene zu schreiben gedachte; ich weiß aber ganz genau, daß sie meiner Cousine den Vorzug gab." Ein leiser Schritt im Nebenzimmer erregte wieder die Aufmerksamkeit des Hundes, der laut zu bellen anfing ; zur selben Zeit ertönte der schrille Ton der Hausglocke. „Jetzt kommt Rudolf", rief die Mutter, „verbirg Dich einen Augenblick hinter der Thür, dann ist später seine Ueberraschung doppelt groß." Mathilde gehorchte. Den Hund auf den Arm nehmend, verbarg sie sich hinter einer schweren Portiere, als gerade der junge Mann das Zimmer betrat. „Hast Du heute Nachricht von Mathilde gehabt, Mutter?" fragte er, sich in einen Sessel niederlassend. „Ich bin heute so müde; die Knaben machten mir in der Klasse viel zu schaffen, es war ohnehin ein anstrengender Tag für mich. Na, was soll das bedeuten?" rief er aufspringend, als der Hund hinter der Thür zu bellen anfing. „Es bedeutet, daß Mathilde hier ist", jubelte das junge Mädchen, schnell das Versteck verlassend. Der junge Professor breitete feine Arme aus; seine Müdigkeit war verschwunden, sein Antlitz strahlte vor Freude. „Ich ahnte nicht, daß mir heute Abend noch diese Freude bevorstand; wir haben uns in letzter Zeit so selten gesehen." Rudolf Wieser war ein junger, bleicher Mann mit ernsten, seelenvollen Augen. Ein großer, dunkler Voll- bart umrahmte sein schmales Antlitz und ließ ihn älter erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Als Professor am Gymnasium lag er treulich seinen vielfachen Pflichten ob, und als junger Gelehrter widmete er alle seine freie Zeit wissenschaftlichen Studien. Vor ungefähr Jahresfrist hatte er die Tochter des Majors von Schalldorf kennen und lieben gelernt. Es widersprach seinem rechtlichen Charakter, diese Gefühle geheim zu halten, und er trat vor den Major, um die Hand seiner Tochter zu erbitten. Unbegreiflicher Weise war der Major über dieses Geständniß der Liebe höchst aufgebracht. Er beschuldigte den Professor, die Pflichten gegen seinen ältesten Sohn in früheren Jahren und jetzt gegen die jüngeren Söhne nicht erfüllt zu haben, und legte ihm die Schuld bei, daß der Direktor des Gymnasiums mit der Entlassung der wenig befähigten, aber zu jedem schlechten Streich und zu jeder Unthat bereiten Knaben gedroht hatte. Er entließ ihn mit der Versicherung, seine Bitte zu erfüllen, falls die Knaben in der Anstalt bleiben und sogar bet der nächsten Versetzung in eine höhere Klasse aufgenommen werden sollten. Professor Wieser gab sich redliche Mühe, auf die Knaben nach besten Kräften einzuwirken. Er gab ihnen Privatunterricht, half bei den Aufgaben, suchte ihr Ehrgefühl zu wecken — alles war vergebens; die Knaben beharrten in ihrer Trägheit und sannen nur weiter auf lose Streiche. Als nun wirklich die Entlassung erfolgte, verbot der alte Major in seinem Zorn dem Professor, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten, und seiner Tochter jede Zusammenkunft und jeden Briefwechsel mit dem Geliebten. Mathilde gab jedoch nicht das verlangte Versprechen. Sie versicherte dem Vater, daß sie nach wie vor die arme gelähmte Mutter des Professors besuchen werde, da diese sich in ihrer Hilflosigkeit an ihre kleinen Dienstleistungen gewöhnt habe und sie es für Christenpflicht halte, dieselben weiter zu üben. Sie versprach aber, mit einer Verbindung mit dem Geliebten so lange zu warten, bis die Eltern ihren Segen zu dem Bunde geben würden. „Mein lieber, guter Rudolf", sagte sie jetzt, als der kleine Kreis gemüthlich um den runden Theetisch saß, „Du hast Dir heute ganz unnütze Sorge gemacht, denn ich werde niemals die Erbin meiner Tante werden, und selbst wenn ich es würde, so machte das in meinen Gefühlen für Dich keinen Unterschied. Wenn ich nicht Deine Gattin werden darf, so sterbe ich lieber als alte Jungfer." Er küßte sie zärtlich und flüsterte ihr Liebesworte zu, die liebliches Roth auf ihre bleichen Wangen zauberten. Als das einfache Mahl beendet war, trat Mathilde den Heimweg an, begleitet von dem Professor. „Hat Fräulein Winter ihr Abendbrod bekommen?" fragte Frau Wieser, als das Mädchen den Speisetisch räumte. „Nein; sie verlangte nicht darnach. Sie klagte über Kopfschmerzen und hat sich früh zur Ruhe begeben." (Fortsetzung folgt.) -— - - Zwei Tage aus dem Leben Pipin's des Kleinen. Von Antonie Haupt. 1. Es war um die Mitte des achten Jahrhunderts. Papst Zacharias, „der heilige Friedensfürst", saß auf dem Stuhle Petri mild und voll Güte, ein treuer Vater, ein guter Hirte. Hoch ragte auf dem südlichsten Hügel Rom's der 651 stolze Palast der alten Lateraner über seine schöne Umgebung hervor. Er war seit Kaiser Constanttn's Bestimmung Sitz und Eigenthum des Nachfolgers Petri, des römischen Papstes. Die weiten Räume des Palastes, Patriarchtum genannt, sind mit großer Pracht mit Marmor, kostbarem Wandschmuck und goldstrahlendem Bildwerk ausgestattet. In seiner Lieblingshalle, die mit vollendet schönen Marmor-Statuen, den Bildern Jesu Christi, der heiligen Maria und der Apostel geschmückt ist, und deren in leuchtender Mosaik strahlende Wände vielfach von Schriftrollen und Folianten, kurz, von einer reichen Bibliothek verdeckt sind, finden wir den Vater der Christenheit. Zacharias ist eine hohe, vornehme Erscheinung mit klassisch fein geschnittenen Zügen. Wenn das Alter auch leuchten in gebieterischer Gluth. Das Feuer mildert sich jedoch zu sanftem Glänze, wenn sein Blick dem des Oberhauptes der Christenheit begegnet. Der Papst redet mit ihm, wie mit einem lieben Freunde. Und ein treuer Freund, ein treuer Sohn der Kirche war auch derjenige, der ihm gegenüberstand. Der kleine und doch so große Mann war Pipin, der mächtige Major- Domus, der eigentliche Beherrscher des Frankenreiches. König Childcrich. der stumpfe Abkömmling eines morsch gewordenen Geschlechtes, war ja nur ein Lchatteukönig. Längst hatte der Papst den Gast zum Sitzen eingeladen, lange schon hatten die beiden hervorragenden Geister in zündender Zwiesprache sich über mancherlei Zustände und Gebresten der Christenheit wie des Frankenreiches ausgesprochen. Da^ sagte Pipin endlich mit Vasall bereits sein Haupthaar gebleicht hat, so ist der Glanz seiner dunkeln Augen noch unvermindert. Geistige Bedeutung, unendliche Herzensgüte leuchten daraus hervor. Der Statthalter Christi ist nicht allein. Vor ihm steht ein Mann, der trotz seines kleinen gedrungenen Körperbaues etwas gewaltig Zwingendes, etwas von der Majestät eines geborenen Herrschers hat. Er trägt die einfache, eng anliegende Tracht der Franken von feinem Hirschleder. Nur das juwelenfunkelnde Schwertgehenke und der golddurchwirkte, mit Purpur verbrämte Mantel lassen auf hohen Rang des Besitzers schließen. Doch umwallen sein Haupt nicht die reichen Locken, wie sie nur die Könige der Franken tragen; sein blondes Haar ist kurz geschoren, ein langer Schnurrbart unter der scharf gebogenen Nase schmückt das ernste charakteristische Antlitz. Seine großen, kühn blickenden blauen Augen -Insel. raschem Entschlüsse: „Gestattet, heiliger Vater, daß ich Euch den eigentlichen Zweck meiner Romreise darlege." „Sprecht, theurer Freund, Ihr findet ein williges Ohr", ermuthigte Zacharias freundlich. „Nun wohl", begann der Frankcnfürst, „ich stehe als Bittender vor Euerer Heiligkeit, und zwar — nennt mich nicht unbescheiden — begehre ich nichts Geringeres von Euerer Gnade, als eine heilige Reliquie, vielleicht ein Andenken an unsern Erlöser selber. Ich begehre es für die von den Vorfahren meiner Gemahlin gegründete Klosterkirche in der Eifel. Erfahret: Bertrada von Mürlen- bach, aus dem edelsten fränkischen Geschlechte, faßte den Entschluß, mit ihrem Sohne Chartbert, dem Vater meiner Gemahlin, ein für ihre Familie und für die weite Umgegend segensreiches Werk zu schaffen. In einem von wilden Wäldern umgebenen lieblichen Wicsenthale zu 652 Füßen der Schnee-Eifcl, allwo die Flüßchen Prüm und Dettenbach zusammenfließen, erbaute sie eine Kirche und ein Kloster und schenkte dazu ihr halbes Erbtheil. Sie ließ das Kloster auf die Namen der heiligen Maria, der Apostelfürsten Petrus und Paulus und des heiligen Martinus weihen, dann gab sie es den Jüngern deS heiligen Benedictus zum Wohnsitze. Fast dreißig Jahre lang erflehen nun fromme Mönche alldorten Tag und Nacht die Barmherzigkeit Gottes. Fast dreißig Jahre lang wirken die eifrigen Söhne des heiligen Benedictus rastlos, nimmermüde und segensreich im weiten rauhen Eifellande. Bertrada, wein trautes Eheweib — ich sagte schon, sie ist die Enkelin der Klosterstiftertn — erbittet nun durch wich, ihren Gesandten, das Gnadengeschenk, eine Reliquie des Heilandes, damit es dem Kloster und seiner Umgebung zur Freude und zum Heile gereiche." Ernst neigte der Papst das Haupt. „Euere Bitte sei gewährt, mein Fürst. Ich verwahre in der Basilika des Laterans gar manche Reliquie des Heilandes. Ihr sollt eine kostbare in Empfang nehmen für Euere Kirche. Ich werde sie noch heute in Euere Hände legen. Doch, ehe ich Euch ersuche, mich an jene Stätte zu geleiten, wo die ehrwürdigen Schätze geborgen ruhen, lasset uns hier noch einiges besprechen." Und rasch, mit forschendem Blicke fragte er: „Wie befindet sich Euer König, der junge Childerich?" „Körperlich ganz wohl", lautete die Entgegnung. „Körperlich?" wiederholte der Papst und schaute sinnend vor sich nieder. Dann sah er mit festem Entschlüsse empor. „Mein Fürst, ich weiß, daß die Großen, der Adel und das Volk der fränkischen Nation einstimmig sich entschieden haben, Euch, einen kräftigen Herrscher, statt des geistig kranken Schattenkönigs auf den Thron zu erheben. Ich weiß, im Frankenreiche gilt noch das alte Recht: die Versammlung der freien Männer, so einmal im Jahre auf dem Maifeld zusammenkommt, darf einen untauglichen König absetzen und einen neuen König wählen." „Heiliger Vater, eine solche Wahl werde ich nicht annehmen", entgegnete Pipin erregt, „es sei denn, daß auch die Bischöfe sich für mich entscheiden. Diese aber tragen gerechtfertigte Bedenken, der Merovingischen Königs- famtlie ihr altes Erbe zu entreißen." Der Papst wiegte das Haupt. „Die Absetzung des armen Childerich ist keine unrechtmäßige, sondern eine gebotene Handlung, wozu das fränkische Volk befugt, ja sogar gezwungen ist. Für das Abendland ist es dringend erforderlich, daß ein kräftiger Herrscherstamm an Stelle eines entarteten, ohnmächtigen Geschlechtes tritt." Pipin's Auge flammte. Er richtete sich empor. „Ich fühle den Beruf und die Kraft in mir, das Geschick des Frankenlandes, das Geschick ganzer Völker vielleicht für Jahrhunderte lang zum Guten zu lenken, aber . . ." „Kein aber!" fiel Zacharias ein. „Die entscheidende Stimme der Bischöfe werdet Ihr haben." „So werde ich den fränkischen Thron besteigen!" rief Pipin in hoher Freude. Er kniete nieder. „Ich bitte um Euern Segen zu meiner hohen Aufgabe." „Den Segen ertheile ich Euch, dem baldigen Allein- beherrscher des Frankenreiches, mit Freuden. Ich habe den Wink Gottes erkannt und weiß, daß ich durch den päpstlichen Segen nur dem, was die Vorsehung seit langem im Stillen vorbereitet hat, gewissermaßen die irdische Beglaubigung gebe. Eine Stimme sagte es mir mit Euerer Thronbesteigung ist entschieden, daß nicht der Halbmond über Europa herrschen, sondern daß ein großes Deutsches Reich erstehen wird, das Christenthum, geistiges Leben und Cultur bis zu den fernsten Grenzen Europa's tragen soll." Der Statthalter Christi erhob sich. Seine geistvollen Züge belebten sich, sein dunkles Auge leuchtete. Er sprach den Segen über den Knieenden aus. Alsdann sagte er: „Folget mir in das Heiligthum." Zu der in allen Zeiten als besonders heilig erachteten Stätte, zu der an den Palast sich anschließenden, von Kaiser Konstantin erbauten Kirche des allerheiligsten Erlösers, schritt Papst Zacharias dem Frankenfürsten voran. Die „Goldene Basilika" wurde diese Kirche vom Volke genannt, denn Kaiser Constantin hatte sie durch seine Weihegeschenke im Innern wahrhaft mit Gold über- kleidet. Seine Mutter, die heilige Helena, hatte von ihrer Pilgerreise viele kostbare Reliquien aus Jerusalem, aus dem ganzen heiligen Lande nach Rom in die Kirche des Laterans gebracht. Zahlreiche Reliquien der Apostel ruhten hier. „Sehet, dieser goldstrahlende Altar, an dem ich täglich das heilige Opfer feiere, umschließt den Holztisch, auf dem der heilige Petrus einst in den Katakomben das heilige Meßopfer darbrachte. Der Baldachin, so den Altar überschattet, trägt die Häupter der Apostelfürsten", flüsterte der Papst. Die Beiden sanken in Andacht nieder und beteten lange mit Inbrunst. Dann folgte Pipin dem Papste in eine Gruft. Zacharias schloß eine Lade auf und entnahm derselben ein kunstvoll gearbeitetes Kästchen. Darin lag auf weißer Seide ein Stück feines, weiches Leder von gelbbrauner Farbe. „Sehet, einen Theil der Sandalen des Herrn, von denen Johannes gesagt: Ich bin nicht würdig, die Riemen seiner Schuhe aufzulösen! Auf diesem Leder ruhte der Fuß des Welterlösers, als er den letzten schweren Gang zum Calvarienberge that. Die Kaiserin Helena brachte die Reliquie von Palästina hierher." Tief ergriffen kniete Pipin vor dem unscheinbaren heiligen Kleinode nieder und berührte es ehrerbietig mit seinen Lippen. „O Herr, sei meiner Seele gnädig durch die Wunden deiner durchbohrten Füße", sprach er. „Dieses Heiligthum sollt Ihr für Euere in Prüm gegründete Kirche in Empfang nehmen", sagte Zacharias. Mit Staunen und Rührung vernahm Pipin diese Worte. „Wäre es möglich, heiliger Vater? Mit solch' hohem Gnadengeschenk wollt Ihr mich, wollt Ihr das Kirchlein zu Prüm auszeichnen! O, habet Dank, heißen Dank! Ihr sehet mich fassungslos vor Freude. Ich werde eifrig auf die Verehrung der Reliquie bedacht sein und diesem Zeugniß von unseres Herrn Erdenwallen, diesem kostbaren Schatz eine würdige Umhüllung, eine würde Aufbewahrungsstätte in Prüm schaffen. Ja", rief er von plötzlicher Eingebung erfaßt, „ich will dem Erlöser einen prächtigen Tempel bauen, der, wenn ich zum König erhoben bin, auch königlich ausgestattet werden soll. Ich werde das kleine Kloster zu Prüm zu einer der mächtigsten und reichsten Abteien des Frankenreiches machen. Das sei mein dem Herrn gezollter Dank für die Erhebung auf den Königsthron." „Der Herr wird Euch segnen für diesen hochherzigen z. § M <. ->«LW -'»< .? -„^ ^ «-?< >. ' 7' ML§_LQL-I W^DWW -WW8WM "2-^, E^ - GMGW LK-SL ,2 « E«W WN ZLZM MG 's^.'l, t"! 654 Entschluß. Euere Stiftung wird eine stehende Bitte zu dem Erlöser um die Wohlfahrt des Reiches sein", sprach Zacharias ernst bewegt. Dann begaben sich die beiden Männer in den päpstlichen Palast zurück, wo dem Frankenfürsten und seinem Gefolge Gastfreundschaft zu Theil wurde. (Schluß folgt.) -- 4 - 4 - >» Basalt und Basallinseln. (Mit Bild.) Zu den im Unterschied von den Krystallfoimen sogenannten Massengesteinen, die gleich der Lavagluth flüssig der Erde entströmten, um nachher zu erhärten, gehört namentlich auch der Basalt. Der Stein, dessen Name syrischen Ursprungs ist, ist ein außerordentlich hartes, meist dunkles, ja tiefschwarzes Gestein, in welches meist in krystallförmigen Bestandtheilen Olivin*) eingesprengt ist. Eine merkwürdige Eigenschaft dieses Gesteins, die sogenannten Kontrakttonsformen, die sich nicht nur in Bildung von Platten, sondern namentlich auch in einer säulenförmigen Absonderung geltend macht, führt zu den denkwürdigsten und phantastischen Formationen, welche neben ihnen noch manche andere Plutonische und vulkanische Gesteine ausweisen. Es sind Säulen, mehr lang als dick, immer kantig und ebenflächig, und zwar zumeist mit 5 oder 6, überhaupt mit 3 bis 9 Seiten und Kanten. Meist außerordentlich zierlich und regelmäßig, sind sie gar oft durch Querklüfte gegliedert, und zwar so, daß diese Theilungsklüfte eine Säulengrnppe in einer Fläche durch alle Säulen hindurchgehen, nicht in verschiedenen Höhen die Säulen gliedern. Berühmt durch solche Bildungen ist namentlich dieFingalshöhle auf der Insel Staffa an der Küste von Schottland; doch hat man auch am Rhein Gelegenheit, solch wunderbare Gebilde zu Gesicht zu bekommen. Die Basalte, welche zuweilen sichtlich mit erloschenen Vulkanen in Verbindung stehen, weisen demgemäß auch gar oft eine große Aehnlichkeit, wenn nicht gar vollständige Uebereinstimmung mit den Auswurfmassen unserer thätigen Vulkane auf. Neben dem Basalt selbst sind es namentlich Dolerite und Anamestte, Mandelsteine und blasige schlackige Massen, welche die gleiche Formation mit diesem zeigen. Außer diesen finden sich dann gar mannigfaltig gebildete Erzeugnisse der Zertrümmerung, Verkittung und Umschmelzung, wie dieselben bei gewaltsamen Vorgängen der Natur nicht anders erwartet werden können. Die äußere Gestalt der basaltischen Formationen ist im allgemeinen die der Trachyte?), allein ihr Gestein ist mehr verbreitet und bietet an den einzelnen Bildungsstätten weit beträchtlichere Berge und Gebirge als jene. Im Leitmeritzer Kreis Böhmens hat ein solches Gebirge die Länge von 8 und die Breite von 2 Meilen. Der Vogelsberg in Hessen bildet eine ganz aus Basalt bestehende Basaltdecke mit einem Flächenraum von 40 Quadratmeilen. Verschwindend klein aber sind die deutschen Basaltgebirge gegen diejenigen in Indien, wo der Basalt ein etwa 1200 Meter hohes Tafelland bildet, das eine fast horizontale Schichtung mit steil abhängenden Rändern *) Olivin — Mineral aus der Ordnung der Kieselsäure- salze (Silikate). ') Trachyte — jungvulkanische, gemengte krystallinische Gesteine. und tiefen Spaltungsthälern zeigt. Indessen hat auch Europa selbst eine Menge solcher GestetnSformationen auszuweisen. Die Eifel, das prächtige Siebengebirge unterhalb Bonn, Westerwald und Rhön, Habichtswald, Vogelsberg, das Lausitzer- und Riesengebirge, und neben ihnen die vulkanischen Berggebiete von Zentralfrankreich, die erloschenen Vulkane Kataloniens, die nordische Vulkanzone, die italienischen Feuerberge beweisen ebenso wie die riesigen Schlöte in den Anden und auf Teneriffa, „daß der großartige Anlauf zur Feuerthätigkeit, den nach der langen Ruhe während der mesozoischen^) Zeit die alternde Erde mit dem Miocän^) wieder genommen hat, noch gegenwärtig fortdauert, sowie daß zwischen der heutigen Lava und den etwas älteren Trachyten und Basalten keine oder nur eine fließende Grenze zu ziehen ist." Eines der schönsten Beispiele für das Auftreten einer säulenförmig abgesonderten Basaltdecke ist eine Landschaft am Rio Colorado in Nordamerika, wo sich ein freilich nicht sehr dicker Strom von eruptivem^) Metall über die Gegend ausbreitete, ehe ein Thal an dieser Stelle vorhanden war. Darüber kamen neue Ablagerungen, und als sich später hier ein Fluß sein Bett wühlte, legte er hochoben an den Gehängen einen Schnitt durch die Basaltdecke bloß. Mitten aus den brandenden und schäumenden Meeres- fluthen hebt sich eine schwarz glänzende, kahle Masse; es ist ein wundersames, in seiner Farbe unheimliches, in seiner Ausgestaltung anziehendes Gebilde. Aus lauter einzelnen Säulen scheint das Ganze zusammengesetzt, da und dort ragen noch aus dem Meere kleine Säulen hervor, über welche die Brandung hinweghuscht. Dies ist eine jener Basaltinseln, deren es noch gar manche gibt. Es ist, als hätten ein solches Wunderwerk Riesen mitten in die Gewalt der Meereswellen hineinstellen wollen, um ihre Kraft daran zu erproben. Aber kein Fuß betritt diesen Strand! So steht die Basaltinsel in einsamer, aber darum nicht weniger glänzender Höhe mitten im Meere, ein mächtiger und beredter Zeuge jener Jahrtausende langen Entwicklung unserer Erde, an deren Ende wir noch lange, lange nicht angelangt sind! -«L-v-kSe-—- Die heißen Quellen Neuseelands. (Mit Bild.) Zu den wundersamsten Gegenden unseres Erdballs zählt jener Theil Neuseelands, welcher sich vom oberen Waikato nördlich bis zur Plentybai erstreckt. Warme Seen, heiße Sprudel, siedende Quellen und dampfende Erdspalten, das sind die Ueberraschungen, die Neuseelands Seenland (IHre-äisIriol) dem staunenden ") Man unterscheidet im Aufbau der Erdkruste unter Beachtung der Gesteinszusammensetzung, der Lagerungsweise und der eingeschlossenen Versteinerungen folgende Schichten: s a) die azoische oder archäische Formation — älteste, noch Versteinerungsleere Schicht, l .b) die paläozoische Formation — Reste einer eine von der jetzigen vollständig verschiedene Thier- und Pflanzenwelt einschließenden Schicht, «)) die mesozoische Formation — der heutigen Formation sich nähernde und k^ ä) die känozoische Formation — in die jüngste Formation übergehende Schicht. .<) Miocän — Stufe der Terttärformation, in welche die känozoische Formation gehört. °) Eruptiv — von einem vulkanischen Ausbruch herrührend 655 Gaste vorführt. Ein unheimliches Gefühl überkommt den Fremdling, wenn ihn der ortskundige Führer zwischen den brodelnden, qualmenden Tümpeln hindurchfühlt, wenn er die wüthende Gluth, welche tief unter ihm frißt, durch die Lavaschichte hindurch fühlt, wenn ihm im buchstäblichen Sinne der Boden unter den Füßen brennt. Und wenn es dann urplötzlich aufwallt in einer der gährenden Pfützen, und er nur durch schleunige Flucht sich vor dem siedenden Schlammguß retten kann, dann glaubt er wohl, daß höllischer Brand da unten tobt, und daß fürchterliche Gewalten sich in der Tiefe bereit halten, in gräßlichem Ausbruch alles zu vernichten und zu verderben. Neben diesen schauerlichen Wundern bietet aber dieses Seeland auch die Reize erhabener Ruhe und sanfter Milde. — Man hatte die vulkanischen Kräfte, die Neuseeland durchpulsen, schon im Ersterben geglaubt, man hatte angefangen, sich der dämonischen Schönheit dieses Wunderlandes ohne Furcht zu freuen, und namentlich der Roto-mahana (der warme See) war es gewesen, dessen unvergleichliche Reize Bewunderer aus allen Weltgegenden herangezogen. Kleine Sprudel hatten hier im Laufe derZeitenWunder- werke geschaffen, wie sie sonst nirgends auf Erden bestanden. Unausgesetzt sprang das dunkelgrüne siedende Wasser aus den Kalksalze und Kieselsäure führenden Geysern') Unaufhörlich floß es an den sanft abfallenden Hügelwänden nieder, und Tröpfchen für Tröpfchen, Stäbchen für Stäbchen setzte sich aus den Niederschlügen des Wassers ab, und daraus wuchsen herrliche Sinterterrassen 2 ) auf. Wie ein riesiges Bauwerk von Künstlerhand SA rosafarbene Sinterterrasse gewiß die schönste. Vom frischen Grün der Hügel umrahmt, mit einem zarten Schimmer vom duftigsten Hellrosa übergössen, machte dieses entzückende Bauwerk einen überwältigenden Eindruck. Und neben seiner einzigartigen Schönheit spendete dieser Bau noch alle Annehmlichkeiten eines wohleingerichteten Bades. Da waren kleine Wannen für Etnzelbäder und große Becken für „Schwimmer", alle von der Mutter Natur eigenhändig erbaut, gespeist und geheizt vom Siedgrad bis zum lauen Bade. Der warme See selbst war ein Wunder für sich, seine Wasser waren nicht gleichmäßig warm, sondern zeigten Temperaturunterschiede, die zwischen 15 und 40° schwankten. Da kam der 10. Juni des Jahres 1886. Drohende Zeichen: Erdstöße, unterirdisches Grollen, rasende Stürme waren vorangegangen; früh morgens um 2 Uhr erfolgte ein fürchterlicher Ausbruch des Tarawera, eines Berges, der seit unvordenklichen Zeiten keine Spur vulkanischen Lebens gezeigt und längst für erloschen gegolten hatte. In wenigen Stunden waren die Wunderwerke jahrtausendelangen Schaffens vernichtet, die Terrassen verschwunden, und an Stelle des See's dehnte sich eineschlammtge Fläche aus, bedeckt mit unzähligen Kratern, dampfenden Quellen und rauchenden Erdspalten. Wie auf dieser Fläche dampft es noch an vielen Stellen des Imlre- äistrivt unaufhörlich aus dem Boden. Unser Bild führt uns an die bekannten heißen Quellen von Ohinemutu. Dieses Städtchen liegt an den hügelumsäumten Ufern des Roto-rua (Lochsee). Still und schweigsam breiten sich die herrlich blauen Wasser des etwa bis in die feinsten, zier- Da» Dachfensicrchen. Nachdem Gemälde von I. G. Meyer von Bremen. 9 Kilometer umfassen- lichsten Einzelheiten sorgfältig ausgearbeitet, hingen diese stufenförmig absteigenden Becken am Hügelhang. Siedendheiß sprang oben der Wasserstrahl aus dem Boden; von Becken zu Becken niederfließend, kühlten sich die Wasser allmälig und ergossen sich unten angelangt mit einer Wärme von etwa 20° 0.°) in den Roto-mahana. Von den Terrassen, welche sich auf diese Art am Roto-mahana gebildet, war die ') Geyser — heiße Springquellen. °) Sin erterrassen — Treppenstufen aus den Nicderschlägen des Wassers. °) 20° 6. — Wärmegrade nach der von dem schwedischen Astronomen Anders Celsius (6) geschaffenen Eintheilung des Thermometers (Wärmemessers) in 100 Theile oder Grade zwischen Gefrier- und Siedepunkt. denSee's vor uns aus. An seinem Gestade aber siedet und wallt es ohne Unterlaß, und dichte Dampfwolken erfüllen die Luft. Die Eingeborenen, Maoris/) haben dicht bei den kochenden Quellen ihre Hütten aufgeschlagen; ein schönes, mit phantastischen Schnitzereien bedecktes Berathungshaus ist der einzige Schmuck dieses Dorfes. Die Maoris sind wahre Künstler in Schnitzarbeiten, und ihre Kunstwerke haben dem Geschmacke der fremdländischen Besucher so sehr entsprochen, daß die Eingeborenen sich veranlaßt sahen, die eigenartigen Zieraten von Wänden und Dächern zu reißen, um dafür die klingende Münze, welche die Bewunderer in überreicher Menge dafür boten, einzusacken. Dem Aus- °) Maori — Eingeborener von Neuseeland. 656 sehen des Dorfes ist dies allerdings nicht zu gute gekommen, die Sammelwuth und Habgier haben es in einen Zustand des Verfalles gebracht, der von der Pracht des allein unangetasteten Berathungshauses grell und traurig absticht. Sie haben es bequem, diese Herren Maoris, die Natur hat ihren Haushalt in gütigster Weise vereinfacht. Da hocken sie an ihren Wassertümpeln und kochen sich in den heißen Quellen ihre Lebensmittel ab. Dort baden sie ihre Leiber in den warmen Wasserlöchern und waschen ohne weitere Beschwer ihr bißchen Wäsche in den geeigneten Naturkesseln. Ja sogar Dampfbäder haben sie sich ausgesucht und zugerichtet, und ein von der Mutter Erde selbst geheiztes Wärmehaus bietet ihnen eine wohlige Zufluchtstätte in kälteren Tagen. Wer sie aber um diese Vortheile beneiden möchte, der vergesse nicht, daß die Quelle dieser Annehmlichkeiten von einem unterirdischen Feuerherde ausgeht, der über kurz oder lang einmal herbe Buße für die geleisteten Dienste heischen kann. -—-«ÄS!*— - Allerlei. Kann schonsein. Tochter: „Ach, Du siehst wieder 'mal zu schwarz, Mama — Carl Schmidt ist ein entzückender Mensch!" — Mama: „Das bestreit'ich ja gar nicht, liebes Kind; aber er ist Agent für ein Bicycle- Geschäft, und paff' 'mal auf: sobald er Dir ein Rad verkauft hat, läßt er sich nicht mehr bet uns sehen." Grobe Höflichkeit. Junger Dichter fvoll Begeisterung einem Redacteur sein erstes Epos vorlesendj: „Verzeihen Sie nur, wenn ich die einzelnen Blätter meines Gedichtes auf den Fußboden fallen lasse—" — Redacteur fgemüthlichf: „Bitte, bitte, Sie können Sie ja nachher alle hier in den Papterkorb werfen." * Anzüglich. Dichter sM einem Kritiker, den er schon oft wegen Recensionen belästigt^: „In Bälde erscheint wieder ein neues Bündchen....." — Kritiker: „So — haben Sie glücklich wieder einmal Ihren — Pegastnus bestiegen?!" * Beim Wort genommen. Sommerfrischler seine junge Dame in der Hängematte schaukelnd^: „Ich und müde?! Wo denken Sie hin? So könnte ich Sie mein ganzes Leben schaukeln!" — Fräulein T sschnell^: „Bitte, sprechen Sie mit Mama!" * Immer Photograph. Lehmann: „Wie ich höre, hat Schulze mit seinem Haarwuchsmittel, das er uns so sehr anpries, nicht den gewünschten Erfolg." — Krüger ^begeisterter AmateurphotograpU: „Nee — er entwickelt jetzt die Platte." * So 'was kommt vor. „Merkwürdige Erscheinungen, die das Skatsptel hervorbringt!" — „Wieso?" — „Sehen Sie 'mal den Schneider Braun, der mauert fortwährend, und der Maurer Schwarz ist Schneider!" *> Gleich und gleich gesellt sich gern. „Kellner, alles was Sie mir vorgesetzt haben, ist ungenießbar, rufen Sie 'mal den Wirth." „Lassen Sie den nur weg, der ist auch ungenießbar." Nicht seefest. Kellner sän Bord eines Dawpfersj: „Mein Herr, darf ich Ihnen eine Seezunge anbieten?" — Passagier sseekrank^: „Nee, Seezunge! Mensch, bringen Sie 'ne Landzunge!" (Zu unserem Bild Seite 655.) Das Dachfensterchen. Der Mensch sieht gerne auf seine Mitmenschen herab, und wenn es auch nicht — was leider freilich oft genug der Fall ist — aus Hochmuth geschieht, so geschieht es doch mit Vorliebe von einem hohen Berge, einem weitschauenden Thurme oder wenigstens einem hochgelegenen Fenster aus, wie wir den drei Kleinen, die unser Bild zeigt, am Gesichte ablesen können. Der kleine Pausback in der Ecke, der mit dem Kinn kaum über das Gesimse reicht, schaut so stolz darein, als ob er die ganze Welt in die Schranken fordern wollte, während sein älterer Bruder die Sache mehr vom gemüthlichen Standpunkte aus betrachtet, da ihm hier oben seine Kameraden nichts anhaben können, mit denen er nicht immer auf gutem Fuße steht. Ohne derartige Gedanken schaut der beiden Schwesterchen zum Dachfenster hinaus, sie freut sich des schönen Ausblicks und winkt mit ihrem buntfarbigen Tuche den vorübergehenden Bekannten und Gespielinnen zu. -«88-S- Mtagsmenschen. Für nichts sich begeistern, Jede Regung bemeistern, Nur nach außen sich zierlich Und immer manierlich Mit Form überkleistern! In alles sich schicken! Mit spähenden Blicken Den Vortheil erlauern! Nach oben mit Schauern Von Ehrfurcht sich bücken, Um aufwärts zu klimmen — Nach untenhin drücken! JmStrome stets ichwimmen Mit lächelnden Mienen Froh allzeit geschienen, Ob Sorge die Seele Und Eifersucht quäle! Sich schmiegen und fügen, Nicht mucken, sich ducken, Wie'sHerz auch mag zucken !— Der Alltagsmensch zeigt sich so — Traurig und echt! O hole der Kuckuck Dies Schattengeschlecht! Schachaufgabe. Von B. Deutsch. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung der algebraischen Gleichung in Nr. 84: Poseidon (Post, Ei, Don).