M 8K. AreiLag, den 16. Oktober 1898. sküc die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen JnüitutS von Haas L Gradherr in Augsburg (Dorbefitzcr vr. Max Huttler). Ein fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung ) IV. DaS fehlende Wort im Testament der Tante war eine Quelle bitterer Enttäuschung für Mathilde Neumann, die sich ihrem Ziele so sicher und so nahe geglaubt hatte. Ihre schönen, lang gehegten Träume von Glück und Reichthum waren so schnell wie eine glänzende Seifenblase vergangen und nichts davon übrig geblieben, als das bittere Gefühl unbefriedigter Habgier. Ganz wie ihre Mutter in früheren Jahren cS gethan, machte Mathilde durch ihre Launen und Herzlosigkeit das Leben im elterlichen Hause sich und den klebrigen zu einer unerträglichen Last. Sie dachte nur an ihr liebes Ich und erging sich in den unziemlichsten Ausdrücken über die Verstorbene, von der sie nach ihren Aussagen betrogen und hintergangen war. Der Verlust des Briefes hatte sie anfänglich heftig erschreckt. Sie hoffte nur, ihn auf der Straße verloren zu haben — dann war aber am selbigen Abend das Feuer in der Villa auSgebrochcn, der entsetzliche Tod der Tante, das fehlende Wort im Testament, dieses waren sich auf einander folgende Ereignisse, die das Vermissen' des Briefes schnell vergessen machten. Aber Mathilde Neumanu grollte der unglücklichen Tante noch über das Grab hinaus. Warum hatte sie so lange gewartet, daS fehlende Wort zu ersetzen, bis es zu spät war! Sie hätte gern die Verpflichtungen erfüllt, die mit der Erbschaft verknüpft waren, denn wenn sich ein besseres Gefühl in ihrem Herzen regte, so war es nur für den Lieutenant Römer, der es verstanden hatte, ihrer Eitelkeit zu schmeicheln. — Er war jung, schön, von seinem märchenhaften Reichthum erzählte man Wunderdinge; sie ahnte gar nicht, daß fein äußerer Glanz bald wie ein Kartenhaus zusammenstürzen mußte, und daß er in Wirklichkeit ebenso arm war, wie sie selbst. Würde er ihr jetzt die Hand bieten oder der Cousine Aufmerksamkeit erweisen und sich erst nach Beendigung des kaum begonnenen Prozesses entscheiden? Das waren Fragen, die daS hochmüthige, junge Ding gern beantwortet hätte. Wenn er sie wirklich liebte — und sie zweifelte gar nicht daran — so durfte er nicht warten, bis sie als rechtmäßige Erbin anerkannt war, denn was lag an dem Gelde? Diese Gedanken folterten Mathilde Neumann be» ständig. Da sah sie zufällig die Cousine in Begleitung des jungen Professors Wieser und beschloß, diese Entdeckung zu ihrem Vortheil auszubeuten. Die Liebesgeschichte dieser Beiden war ihr hinlänglich bekannt; die Eltern hatten häufig genug darüber gesprochen und das Verhältniß scharf verurtheilt. „Also immer noch", murmelte sie halblaut, als sie mit den Augen das Paar verfolgte. „Das muß Lieutenant von Römer erfahren, denn wenn er jetzt noch zwischen mir und meiner Cousine unschlüssig ist, so muß dieser Vorfall zu meinen Gunsten entscheiden. Sobald er zu uns kommt, will ich ihm erzählen, wie sehr sich die Beiden lieben." Sie hielt Wort. Mit vielen Ausschmückungen erzählte sie die gemachte Entdeckung, und Tante Lina durfte diese Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, der Majorin in ihrer herzlosen, verletzenden Weise die gröbsten Uebertreibungen von heimlichen Zusammenkünften ihrer Tochter zu berichten. Der leicht erregbare Major gerieth außer sich vor Zorn. „Du mußt selbst zu Frau Wieser gehen", gebot er seiner Gattin, „und darauf bestehen, daß ihr Sohn jeden Umgang mit unserer Tochter aufgibt." Er hatte schon zu oft seiner Tochter mit Enterbung gedroht, diese aber darauf bestanden, übernommene Pflichten bei ihrer gelähmten mütterlichen Freundin weiter zu erfüllen, besonders da sie im väterlichen Hause weder Freude noch Verständniß für ihre Gefühle finde. ES war doch immerhin noch eine Möglichkeit vorhanden, daß der Prozeß zu Gunsten der Tochter ausfiel, und dann wollte der Major schon Mittel und Wege finden, eine Verbindung mit dem Lieutenant von Nömer zu Stande zu bringen. Mit klopfendem Herzen erfüllte die Majorin den Befehl ihres Gatten. In lauten, drohenden Worten redete sie auf die arme Frau Wieser ein, gab ihr die Versicherung, daß ihre Tochter zweifellos schon bald die Erbschaft der Tante antreten werde, und beschuldigte den Professor, sich des Vermögens bemächtigen zu wollen. Diesen ungerechten Anschuldigungen gegenüber hielt Frau Wieser eine Rechtfertigung unter ihrer Würde. Sie bat nur die erregte Frau, ihre Stimme ein wenig zu mäßigen, da sie eine neue Hausbewohnerin habe, dir nachgedrungen jedes Wort hören müsse, da die Scheidewand eine sehr dünne sei. Mit dem demüthigenden Gefühl, eine neue Niederlage erlitten zu haben, trat die Majorin ihren Heimweg an. „Wenn sie wirklich das Erbe erhält, werden doch Manche Leute Dich für einen Glücksritter halten, Rudolf", sagte Frau Wteser, als sie später ihrem Sohne das Er- lebniß des Tages mittheilte. „Sie wird keinen Pfennig erhalten, da das fehlende Wort nie ersetzt werden kann", behauptete der Sohn, „aber horch» sind das nicht Fräulein Winter's leise Schritte dicht an der Thür", fuhr er tm Flüsterton fort. „Ja, lass' uns leise sprechen, eS ist ein höchst unbequemes Gefühl, immer belauscht zu werden. Nun, rathe aber, welche Ueberraschung ich heute hatte! Ueber den Besuch der Majorin hätte ich fast heute diese Neuigkeit vergessen." „Ich bin nicht geschickt im Näthselrathen. Es scheint ja heute ein ereignißvoller Tag zu sein." „Eine große, große Kiste ist angekommen!" „Eine Kiste? Wer hat sie gesandt?" „DaS weiß ich nicht. Sie wurde hier abgegeben; ver Name und die Adresse standen ganz deutlich darauf geschrieben. Sie enthielt gegen dreißig Flaschen alten, schweren Wein, einen Schinken, Würste, einige fette, geschlachtete Hühner, Weintrauben, Südfrüchte, einen großen Kuchen und noch verschiedene andere Sachen. „Wir haben aber gar keine Freunde oder Bekannte in der Stadt, die uns derartige Sachen schicken könnten", warf der Sohn ein. „Diese Kiste war zweifellos für einen Empfänger bestimmt, dessen Name mit dem unsrigen gleichlautend ist." „Wir haben gewiß einen unbekannten Wohlthäter", entgegncte lächelnd die Mutter. „Ich werde wenigstens wagen, die herrlichen Sachen zu verspeisen. Die Hühner sollen morgen gebraten werden, und dann will ich Fräulein Winter bitten, hier bei uns zu speisen. Die arme Dame sitzt ohnehin immer allein in ihrem Zimmer, denn außer Frau Wendtland und den kleinen Willy erhält sie nie Besuche." „Ja, lade sie ein, Mutter. Aber wir werden in eine fatale Lage kommen, wenn sich der Eigenthümer der Kiste meldet und die Herrlichkeiten fast verzehrt sind." „Die Adresse war ganz richtig", betheuerte die Mutter, „aber ich möchte doch wissen, wem wir zu Dank verpflichtet sind. Es machte mir eine große Freude zuzusehen, wie das Mädchen auspackte. Hoffentlich kommt Fräulein Winter morgen zu uns; ich bedaure wirklich, daß sie vorzieht, ihre Mahlzeiten allein in ihrem Zimmer einzunehmen." Fräulein Winter nahm die Einladung gern an und erschien zum ersten Male am folgenden Tage im Wohnzimmer der gelähmten Dame. Eine schöne Photographie in einem Stehrahmen auf einem kleinen Seitentischchen erregte sofort ihre Aufmerksamkeit. Sie trat hinzu und betrachtete das Bild aufmerksam. „Darf ich nach dem Namen des Originals fragen?" begann sie mit seltsam bebender Stimme. „DaS Bild stellt meinen Bruder Erich Waldhausen vor", versetzte Frau Wieser in ihrer gewohnten, liebenswürdigen Weise. „Er ist Ingenieur, führt aber schon seit einer langen Reihe von Jahren ein ruheloses Wanderleben. Wir haben längst die Hoffnung aufgegeben, daß er nach Deutschland zurückkehrt, denn wir haben seit Jahren vergebens darum gebeten, aber er scheint gar keine Lust daran zu haben. Vor wenigen Wochen bekamen wir nach langer Zeit wieder einen Brief von ihm." „Erich Waldhausen — Ihr Bruder?" kam es von den zuckenden Lippen der Dame, die noch immer keinen Blick von dem Bilde abwandte. „Lebt er noch?" Frau Wieser blickte sichtlich überrascht die fremde Dame an. „O, gewiß lebt er noch! Warum sollte er auch nicht, er ist doch immer noch ein rüstiger Mann inmitten der Fünfziger. Wir wünschen so sehr, ihn wiederzusehen, aber, wie schon gesagt, er denkt gar nicht daran." „Zieht er das Leben im Auslande vor?" fragte Fräulein Winter gespannt. „Hm — ja — der arme Mensch hat in seiner Jugend eine herbe Erfahrung gemacht, die sein ganzes Leben verbitterte", erklärte Frau Wieser. „Der Grund seines ruhelosen Wander- und Junggesellenlebcns liegt in bitteren Enttäuschungen, die Wunden seinem Herzen geschlagen, die aber noch keine sanfte Hand zu verbinden oder zu heilen verstand." Fräulein Winter wandte ihr Antlitz ab, sie war leichenblaß geworden, dann stellte sie mit zitternden Händen das Bild wieder auf den Platz zurück. „Ist ihr Bruder seit jener Zeit niemals nach seinem Vatcrlande zurückgekehrt?" fragte sie leise. „Nein. Nach jenen traurigen Ereignissen schiffte er sich nach Amerika ein. Das Schiff scheiterte, und das Gerücht von seinem Tode verbreitete sich schnell. Aber schon nach wenigen Wochen widersprach Erich selbst diesem Gerücht; er war voneinem Schiff aufgenommen worden, das ebenfalls seinen Kurs nach Amerika nahm. Dort hat er wohl Reichthum erworben, aber nie Heilung für seine Wunden gefunden. Eine Dame hat aus unbegründetem Verdacht sein ganzes Lebrnsglück zerstört, aber solche Sünden werden gewöhnlich an den Urhebern am schwersten gestraft." DaS Eintreten des Professors und die Meldung der Küchenfee, daß das Essen servirt sei, machte der Unterhaltung ein schnelles Ende. Die Speisen waren vorzüglich zubereitet; die Hühner waren zart und weich und mundeten vortrefflich, aber dennoch berührte Fräulein Winter dieselben kaum, zum größten Leidwesen der freundlichen Wirthin. Selbst als zum Nachtisch Weintrauben und Konfekt aufgetragen wurden, nahm sie nur wenige Beeren, und unter dem Vorwande heftiger Kopfschmerzen zog sie sich bald in ihr eigenes Zimmer zurück. „Fräulein Winter scheint viel Noth und Elend deS Lebens durchgemacht zu haben", flüsterte der Professor seiner Mutter zu, „aber ihr Gesicht gefällt mir; ich muß sie auch schon im Leben gesehen haben, nur kann ich mich nicht entsinnen, wo und wann. Aber jetzt darf ich hier nicht länger bleiben, Mutter, ich habe noch Privatunterricht zu ertheilen. Wer weiß, ob nicht heute der rechtmäßige Eigenthümer der Kiste sich einstellt und seine Hühner verlangt, die wir verspeist haben", scherzte er, das Zimmer verlassend.- Aber es kam Niemand, und Frau Wteser sann noch immer nach dem Absender der Kiste. DaS launenhafte Glück schien doch endlich einen Anfang machen zu wollen, aus seinem großen Füllhorn Gaben auf Mathilde Neumann's Haupt ausschütten zu wollen. Ein Onkel, von dessen Existenz sie kaum eine Ahnung gehabt oder dieselbe längst vergessen hatte, war ge» starben und vermachte ihr ein Legat von sechstausend Mark. Zwar nur ein Tropfen im Vergleich zu der Erbschaft der Tante, die sie mit Bestimmtheit erhoffte, aber die Eltern, ganz besonders die Mutter, ließen es nicht an Hindeutungen fehlen, daß in kurzer Zeit der Prozeß zu Gunsten der Lieblingsnichte ausfallen müsse. DaS Gerücht der Erbschaft verbreitete sich mit Windeseile; die tausendzüngige Fama fügte nur eine Null und später noch eine andere hinzu. Tante Lina lächelte geheimnißvoll, aber sie widersprach nicht. Die junge Erbin wurde von allen Seiten umringt, man wünschte ihr Glück, heimlich aber lächelte man mitleidig, denn die Größe der angegebenen Erbschaft wurde von vielen in Frage gezogen. Auch Lieutenant von Nömer hörte von diesem plötzlichen Glückswechsel, und er überlegte. Mit sechshundert Tausend Mark wurde Mathilde Neumann immerhin eine begehrenswerthe Partie, selbst wenn die verlockende Million der Tante nicht in dem Hintergrund gestanden hätte. Er bedurfte des Geldes und wollte nicht zögern, bis es zu spät war und ein Anderer den Goldfisch weggeangelt hatte. Tante Lina merkte seine Absicht und spielte ihm vortrefflich in die Hände. Sie ließ es nicht an kleinen Winken fehlen, daß diese Erbschaft nur der Anfang sei, größere würden schon folgen. Sie arrangirte eine kleine Festlichkeit, freilich nur entrs nous, da ja die Trauerzeit um die gute Tante noch nicht abgelaufen war und die „gefühlvolle" Tante Lina sich zu einer größeren Festlichkeit nicht entschließen konnte. Doch der Lieutenant wurde hingezogen. Er durfte zwar nicht ahnen, daß gern eine große Festlichkeit veranstaltet worden wäre, wenn nur die Mittel gereicht Hütten, auch konnte in einem kleineren Kreise der Zweck besser erfüllt werden. Tante Lina hatte sich nicht geirrt. In einer Fensternische entdeckte sie die beiden Liebenden und erlauschte noch einige leise geflüsterte Liebesworte, die ihr stolzes Herz mit triumphierender Freude erfüllten. Mathilde hatte unmuthig ihre Augenlider gesenkt, ihr Köpfchen ruhte leicht gegen die starke Schulter des jungen Lieutenants, und die rosigen Lippen flüsterten: „Liebst Du mich denn auch wirklich?" Er küßte ihr die Worte von den Lippen. „Du bist das beste Mädchen der Welt, und ich weiß, daß wir zusammen recht glücklich leben werden", entgegnete er mit nie gekannter Freude. „Was wird Dein Vater sagen? Wird er einwilligen und unserem Bunde seinen Segen geben?" „Er sehnt sich nach dem Augenblick, sein Töchter- chen in seine Arme zu schließen. Wir müssen bald Hochzeit feiern, meine Kleine; eine lange Verlobungszeit taugt nichts." „Schon so bald? Wie ungeduldig Du bist", versetzte sie mit lieblichem Erröthen, „aber ganz wie Du willst, soll es geschehen." „Je kürzer die Verlobungszeit, desto geringer ist die Gefahr der Entdeckung der ganz geringen Erbschaft", dachte die lauschende Mutter in ihrem Versteck und nickte befriedigt. In aller Eile wurden die erforderlichen Vorkehrungen zur Hochzeit getroffen, die trotz der Trauerzeit mit großartigem Pomp gefeiert werden sollte. Die altadelige Familie von Nömer stand ja in dem Ruf eines fabelhaften Reichthums, was lag also daran, daß der Lieutenant hinsichtlich der Mitgift seiner Braut getäuscht wurde? Schon nach wenigen Wochen ward die feierliche Handlung vollzogen und Mathllde Neumann mit Lieutenant von Römer zum treuen Bunde fürs Leben vereint. „O Mathilde", flüsterte die Mutter ihrem 4inde zu, als das junge Paar den Wagen bestieg, um die Hochzeitsreise anzutreten, „ich hoffe, er wird Dir ein guter Gatte sein, wenn er erfährt, daß Du so gut wie arm bist." „Er wird's nie erfahren; er ist ja selbst reich genug", erwiderte mit glücklichem Lächeln auf den Lippen die herzlose junge Frau. V. Wochen waren vergangen. In einem der größten Hotels in PariS saß Lieutenant von Römer mit seiner jungen Gattin am Frühstücksttsch. Frau Neumann hatte nicht unterlassen, ihrem Kinde den Nest deS ererbten Vermögens von kaum dreitausend Mark nachzusenden, da die andere Hälfte für die Hochzeitsfeierlichkeit hingegeben war. Der Lieutenant pflegte noble Passionen, und im Getriebe der Weltstadt mit Theater, Konzerten und rauschenden Vergnügungen war daS Geld nur allzu schnell verflogen. Auch hatte die junge Frau in den großartigen Magazinen so vielerlei unnütze Kleinigkeiten gesehen, die aber alle sehr viel Geld kosteten und, wie sie meinte, für den neuen Hausstand ganz unentbehrlich waren, daß sie stets mit leerer Börse in ihr Hotel zurückkehrte. „Benno, willst Du mir etwas Geld geben?" sagte sie deshalb leichthin, als sie ihm am Speisettsch gegenüber saß. Er wischte sich verlegen mit der Serviette den Schnurr- bart, strich mit der Hand über das Antlitz, um den gelangweilten Zug daraus zu verbannen, und versetzte stockend: „Ja — die Sache ist — ich habe augenblicklich selbst kein Geld. — Wir führen hier ein theureS, verschwenderisches Leben und berechnen gar nicht die täglichen Ausgaben. Ich wollte Dich schon um Geld bitten, muß aber jetzt schon warten, bis wir wieder in unserer Hcimath sind." Die junge Frau öffnete weit ihre Augen und sah ihn ungläubig an. „Du willst wich um Geld bitten?" wiederholte sie kopfschüttelnd. „DaS kann Dein Ernst nicht sein, Benno, da Du doch fabelhaft reich bist." Der junge Gatte wechselte schnell die Farbe. „Die Ansichten über Reichthum gehen sehr weit auseinander", entgegnete er, nervös mit seiner Serviette spielend, „aber die Wahrheit muß doch gesagt werden. Schon seit Jahren haben unglückliche Spekulationen unseren Reichthum untergraben, und wie die Sachen jetzt stehen, werden wir vorläufig von Deinem, nicht von meinem Gelde leben müssen." „Was bedeuten Deine Worte? Willst Du mir sagen, daß Du arm bist?" fragte die junge Frau erbleichend. „So ist es. Ich kann nur hoffen, daß sich das Glücksrad bald wendet und es besser mit meiner Lage wird." „Aber Deine Güter?" wandte die junge Gattin ein. „Du meinst die Güter meines Vaters? — Ihm gehört kein Fußbreit Land, kein Ziegel auf dem Dache, so sehr ist er verschuldet." Mathilde brach in Thränen aus. „Du hast mich 660 schändlich betrogen", schluchzte sie, „Du ließest mich glauben, ein reicher, wohlhabender Mann zu sein." Der junge Offizier stand auf und schritt unwillig dem Fenster zu. „Ich glaube nicht, daß ich vor unserer Hochzeit jemals eine Anspielung auf meinen Reichthum gemacht habe", versetzte er düster. „Bin ich etwa zu tadeln, wenn Du Dir eine falsche Vorstellung gemacht hast? Ich dachte aber, Du hättest mich ein wenig geliebt. — Hast Du denn nur an mein Vermögen gedacht?" „Du hast mich absichtlich betrogen", beharrte sie, mühsam ihre Thränen bekämpfend. „Jetzt weiß ich aber, weßhalb Du die Hochzeit beschleunigt hast; Du hast befürchtet, Deine finanziellen Verhältnisse würden klar gelegt werden." Er trat dicht zu ihr und legte besänftigend seine Hand auf ihre Schulter. „Sei vernünftig, Mathilde", bat er leise, „eS ist jetzt zu spät, mir Vorwürfe zu machen. Wenn wir uns nur gegenseitig lieben, so kann nichts unser« Glücke fehlen." Sie trocknete schnell ihre Thränen und blickte zornig den jungen Ehegatten an. „Lieben?" höhnte sie. „Können denn Leute allein von der Liebe leben? Kann denn Liebe unsere Hotelrechnungen, unsere Reisen und unsern Haushalt bezahlen? Wie sollen wir unsere gesellschaftliche Stellung aufrecht erhalten. Ich hätte Dich doch für klüger gehalten, Benno, als mit dieser verbrauchten Phrase von Liebe mich hinhalten zu wollen." „Aber Liebe vereint mit Reichthum kann unS die Welt zu einem Paradiese verwandeln", sagte er mit ruhigem Ernst. „Wahrlich, Mathilde, Du wirst mir doch nicht einige Brocken von dem Ueberfluß Deines Reichthums wehren, wenigstens so lange, bis mein Gehalt steigt?" In den Augen der jungen Frau blitzte eS freudig auf; plötzlich kam ihr der Gedanke, daß sie durch ihre eigene finanzielle Lage ihrem Gatten nicht allein mit gleicher Münze, sondern mit Zinsen heimzahlen konnte. „Du sprichst von meinem Reichthum? Hast Du Dich durch meinen Reichthum bestimmen lassen, mir Herz und Hand anzubieten?" fragte sie langsam. „Da hast Du Dich doch arg verrechnet, Benno. Sechstausend Mark war doch wahrlich eine geringe Summe, um die Hochzeitsfeierlicbkeiten und unsern jetzigen Aufenthalt zu bestreiten." „Was?" rief der Gatte entrüstet, „Du sprichst doch nicht von Deinem Vermögen?" „Ganz gewiß", entgegnete sie gelassen. „Mein Onkel vermachte mir sechstausend Mark, nicht mehr und uicht weniger. Diese Summe «achte meinen unerschöpflichen Reichthum aus, auf den Du so zuversichtlich gerechnet hast, und jetzt ist die Summe dahin." „Ich ließ Dich in Ungewißheit über meine Ver- mögensoerhältnisse, und das war ein Unrecht, aber Deine Schuld ist noch viel größer", versetzte er unwillig. „Guter Gott! Wenn ich bedenke, welch' ein Gerede Deine Familie von dieser jämmerlichen Kleinigkeit machte, da konnte ich doch nicht anders glauben, als Du habest mindestens eine halbe Million geerbt! Sechstausend Mark, e§ ist ja rein lächerlich!" «Ich dachte. Du hättest mich ein wenig geliebt, hast Du denn nur an mein Vermögen gedacht?" Er preßte fest die Lippen aufeinander, als sie ihm feine eigenen Worte zurückgab, doch seine natürliche Gut- viüthigkeit gewann bald die Oberhand. „ES scheint, wir haben uns Beide über unsere Verhältnisse iw Irrthum befunden", lenkte er deshalb begütigend ein, „und wir müssen die Folgen so gut wie möglich tragen. Wir dürfen uns gegenseitig keine Vorwürfe machen; diese würden nur unsere Lage verschlimmern. Das Beste ist, wir reisen so schnell wie möglich ab, sonst sind wir nicht «ehr im Stande unsere Rückreise zu bezahlen." „Was werden unsere Bekannten zu dieser Entdeckung sagen", schluchzte die junge Frau. „Ich erzählte überall, wir würden uns eine prächtige Villa kaufen und ein großes Haus wachen! Ich wollte lieber todt sein!" Benno sah, daß er seine Gattin nicht trösten konnte, deshalb nahm er seinen Hut und verließ daS Hotel. Am folgenden Tage traten sie wieder die Reise in die Heimath an; die schönen Flitterwochen hatten ein schnelles, trauriges Ende genommen. Mit Thränen in den Augen erzählte Mathilde ihren Eltern von den zerrütteten Vermögensverhältntssen deS Gatten. Tante Linas Zorn kannte keine Grenzen, sie hoffte nur, daß der alte Herr von Römer noch gute Freunde finden würde, die in der augenblicklichen Noth eine rettende Hand bieten würden. „Sage unsern Verwandten nichts davon; die Majorin und Mathilde dürfen nie erfahren, wie schlecht es mir ergangen ist", flehte die Tochter, als sie das Elternhaus verließ. Aber die Frau des Majors von Schalldorf war zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um sich um andere zu kümmern. An jenem verhängntßvollen Abend, als das Feuer in der Villa ausgebrochen war, hatten drei Personen, deren eine ein Polizist, gegen nenn Uhr Abends einen Mann das Haus verlassen sehen. Nack> diesem Manne wurden eifrig Nachforschungen gehalten, und plötzlich verbreitete sich die Nachricht, Ernst von Schalldorf sei erkannt, er habe sich an jenem Abend im Hause der Tante aufgehalten. Wer daS Gerücht ausgebreitet hatte, wußte man nicht, aber dir Spatzen zwitscherten bereits das Geheimniß auf den Dächern, und der junge Mann konnte uicht «ehr das Haus seines Vaters verlassen, ohne von mißtrauischen Blicken verfolgt zu werden. War er der Mörder seiner Tante, und hatte er nach dem Verbrechen das HauS in Brand gesteckt, um die Spur zu verwischen? Dieser furchtbare Argwohn hing wie eine gewitterschwüle Wolke über dem Haupte des Jünglings und lastete centnerschwer über seinem ganzen Hause. Angesichts dieser neuen, schweren Sorge vergaß der Major seine verhältnißwäßig geringeren und bemerkte es kaum noch, daß seine älteste Tochter die täglichen Besuche im Hause ihrer mütterlichen Freundin, Frau Wteser, fortsetzte. Bei jedem Ton der Hausglocke gericth der alte Herr in fieberhafte Aufregung; er fürchtete das Eintreten der Polizeibeamten, die den Sohn verhaften und für immer seinen Namen mit Schande bedecken würden. Ernst selbst ging mit verstörtem Antlitz und niedergeschlagenen Augen einher; er wagte kaum seinem Vater zu begegnen, noch weniger das HauS zu verlassen, das, wie er wohl wußte, von Geheimpolizisten scharf bewacht wurde. Leider trafen auch viele Umstände zusammen, die zu Ungunsten des jungen Mannes sprachen und den Verdacht gegen ihn bestärkten. Nicht allein, daß er an jenem vcrhängnißvollen Abend das Haus seiner Tante betreten hatte und er» kannt worden war, er hatte auch seine Schulden bezahlt und verfügte immer noch über eine gefüllte Börse, ohne sich genügend über den Besitz des Geldes rechtfertigen zu können. Endlich konnte der alte Vater den quälenden Argwohn nicht länger ertragen, er ließ den Sohn zu sich kommen und herrschte ihn in strengem Tone an: „WaS hast Du im Hause Deiner Tante gemacht? So viel ich weiß, hatte sie Dir ein für alle Mal Deine Besuche verboten!" „Ich weiß es", gestand der Sohn, und Leicheu- blässe bedeckte sein sorgenvolles Antlitz, „aber es ging mir zu schlecht, und ich befand mich in großer Geldverlegenheit. Da wollte ich noch einmal meine Tante um Hilfe bitten. Ich wußte wohl, daß sie den Diener beauftragt hatte, mich nicht einzulassen, darum verbarg ich mich im Schatten des Hauses, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten und ohne sein Wissen zu meiner Tante zu gelangen. DaS Glück schien mir günstig. Ich sah den Portier daS Haus verlassen, jedenfalls wollte er einen Brief, den er in der Hand hielt, zur nahen Post tragen, und zu meinen Gunsten ließ er die Hausthüre offen. Ungesehen betrat ich das Wohnzimmer der Tante, es war leer; ich klopfte an ihr Schlafzimmer, rief ihren Namen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel mein Blick auf ihren Schreibtisch; fünfhundert Mark in Geldscheinen lagen offen da. Sie hatte mir früher oft die doppelte Summe gegeben, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Geld zu nehmen. Daß eS Unrecht war, wußte ich, aber ich war fest entschlossen, noch am selben Abend meiner Tante einen Brief zu schreiben, ihr meine That zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten. Schnell verließ ich das Haus, und ehe ich eine Ahnung von der furchtbaren Katastrophe hatte, war mein Brief fertig. Ich trage ihn seither in meiner Tasche, hier ist er — ein Beweis meiner Schuld. So, jetzt weißt Du alles, Vater!" „Du hast Dich eines Diebstahls schuldig gemacht," stöhnte der alte Herr, „und wenn daS bekannt wird, wer wird dann glauben, daß Du vor einem viel größeren Verbrechen zurückschreckst?" Der junge Mann schauderte. „Gott ist «etn Zeuge, daß ich weder an dem Brande noch an dem Tode meiner Tante schuldig bin", versetzte er heiser. „Ich schwöre Dir, daß ich nur daS Geld genommen, aber kein bitteres Gefühl gegen die Tante gehegt habe." „Du hast in letzter Zeit viel Geld ausgegeben, das hat zuerst Verdacht erregt", murmelte der Major. Er war fest überzeugt, daß der junge Mann ihm die Wahrheit gesagt hatte, schon der Brief in seiner Hand zeugte dafür, aber so lange die Ursache des Feuers nicht entdeckt war, blieb der Verdacht auf ihm haften. Auch im Hause des Professors Wieser wurde die traurige Angelegenheit ernstlich besprochen. Mathilde konnte dort über den Verdacht, der auf dem Bruder lastete, ihren Thränen freien Lauf lasten, unbekümmert um Fräulein Winter, deren leise Schritte man oft im Nebenzimmer hörte. Man war schon so sehr daran gewöhnt, daß die neue Hausbewohnerin jedes Wort verstand, und kümmerte sich daher wenig darum, ganz besonders, da die alte Dame fast nie das Haus verließ und man noch nie gehört hatte, daß sie irgend einen Gebrauch von den Gesprächen im Nebenzimmer machte. Da ertönte plötzlich ver schrille Ton der Hausglocke, daß Mathilde erbleichte und erschreckt den Arm des Geliebten umklammerte. Sie schwebte in beständiger Furcht nicht allein um den Bruder, sondern sie fürchtete auch ihren Vater, der offen sein Mißfallen über die täglichen Besuche seiner Tochter aussprach und schon oft gedroht hatte, sie selbst von dort fortzuholcn. Noch ein langer Augenblick, dann führte das Hausmädchen einen ältlichen Herrn in das trauliche Gemach. — Es war eine schöne, stattliche Erscheinung. Durch Bart und Haupthaar zogen sich zwar einzelne Silberfäden, aber sein Gang war leicht und elastisch, und seine Be« wegnngen waren von einer Frische, um die ihn mancher Jüngling hätte beneiden können. Die leuchtenden dunklen Augen sahen sich schnell in dem kleinen Kreise um, dann ging er mit ausgebreiteten Armen auf die gelähmte Dame zu und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Ja, Erich!" klang es jetzt laut von den Lippen der überraschten Frau. „Erich Waldhausen, Dein alter, treuer Bruder, den die Sehnsucht nach der Heimath endlich wieder aus fernen Landen trieb", versetzte er heiter. Es waren glückliche Stunden, die jetzt folgten. Der heimgekehrt Bruder wußte so viel von seinem ruhelosen Wanderleben zu erzählen, schilderte so anmuthig die Sitten und Erlebnisse im fremden Lande, daß die Zeit nur zu schnell verging. Mathilde vergaß ihre drückenden Sorgen, und Niemand dachte an das arme Fräulein Winter, daS leise weinend dicht an der Tapetenthür saß. (Schluß folgt.) - - Zwei Tsge aus dem Leben Pipin's des Kleinen. Von Slntonie Haupt. (Schluß.) 2. Pipin, der alle Vorzüge seiner Ahnen: Tapferkeit, Klugheit, Milde, Gerechtigkeit und Frömmigkeit, besaß, besten Haupt mit Ruhm gekrönt war —, war im Anfange des Jahres 752 in der Stadt Soissons durch die Wähl des ganzen FrankenrcicheS unter dem Zujauchzen deS Volkes zum König erhöben und von den ersten Bischöfen Galliens, vornehmlkch dem heiligen Bonifalius, gesalbt worden. Mit dem Könige war seine Gemahlin Bertrada gesalbt und nach alter Sitte auf Schild und Thron gehoben worden. Vorher hatte eine Frankenverfammlung durch Gesandte, worunter auch hohe geistliche Würdenträger sich befanden, öffentlich beim Papste Zacharias in Norn anfragen lassen: ob es besser wäre, daß derjenige König heiße und fei, der alle Macht in Händen habe und dem alle Reichsgeschäfte oblägen, als derjenige, welcher mit Unrecht König genannt werde. Und Zacharias hatte die Antwort gegeben: Es scheint nützlicher, daß derjenige König heiße und sei, der alle Sorgen deS HerrschcrthumS trägt, als jener, welcher unthätig bleibt und «it Unrecht König genannt wird. Mit dieser günstigen Botschaft waren die Gesandten heimgekehrt, und Piptn wurde König der Franken. Seitdem war ein Jahrzehnt verflossen. Stetes Sprossen, Wachsen und Gedeihen herrschte am Ufer der lieblichen Prüm. Neben dem von Bertrada gegründeten 662 Klösterlein erhob sich in Folge von Pipin's Freigebigkeit nun stolz ein mächtiges Abtcigebäude. Zu dem ungewöhnlich feierlichen Gottesdienste in der Klosterkirche strömte fortwährend das Volk aus der Eifel zusammen. Während früher nur wenige Häuser sich um daS Kloster geschnart, so mehrten sich nun die Ansiedelungen zusehends. Ja, Handel und Verkehr begannen sich im stillen Eifelthale zu entfalten. Das war dort ein reges, frisch-fröhliches Wetteifern aller menschlichen Kräfte. Und Gottes reicher Segen ruhte darauf. Im Anfange des Herbstmonats aber, als man schrieb 762, da regte es sich auf allen Höhen der Eifclgaue. Von allen Seiten strömten Völker herbei, in Schaaren geordnet, mit wehenden Fahnen. Alle stiegen hinab in daS gesegnete Thal der Prüm. Eine überraschende Freudenbotschaft war ja in die Eifel gedrungen: Der König naht! Der König, der eben einen siegreichen Feldzug nach Aquitanieu ausgeführt, naht im Triumphe! Ja, König Pipin kommt selber in Begleitung der Königin Bertrada, seiner Söhne Karl und Karlmann, vieler Großen des Reiches und vieler Bischöfe, um in seinem geliebten Prüm der Grundsteinlegung einer neuen, herrlichen Kirche zu Ehren deS ErlöserS beizuwohnen. Auch Dill er viele kostbare Reliquien, vor allem ein Stück der Sandalen des Heilandes, mitbringen. Der vornehme Bote, welcher die Nachricht verkündete, hatte zugleich eine von dem König, der Königin, ihren beiden Söhnen, zwölf Grafen und neun Bischöfen zu JrisgodroS unterzeichnete Stiftungs-Urkunde überbracht, wonach Pipin eine große Reihe reicher Schenkungen und Privilegien dem Kloster zuertheilte und die Abtei für reichsunmittelbar erklärte. Die Beweggründe zu dieser königlichen Stiftung hatte er am Anfange der Urkunde angegeben. Abt Assuerus zögerte nicht, den königlichen Brief den herbeigeströmten Gläubigen vorzulesen. Die Urkunde begann mit den Worten: „Weil die göttliche Fürsehung Uns auf den Thron erhoben und gesalbt hat, geziemt es sich, waS Uns gegeben ist, im Namen Gottes zu verwenden, damit Wir um so mehr Gottes Gnade und Wohlgefallen gewinnen mögen. Da Wir der Worte des Evangeliums gedeuken: „Wer den Willen «eines Vaters thut, der im Himmel ist, der wird eingehen in das Himmelreich", und ferner, da „die Könige von Gott ihre Herrschaft haben", und da er Uns in seiner Barmherzigkeit Völker und Reiche zu regieren übertragen hat, so haben Wir darauf Bedacht zu nehmen, daß Wir auch nachahmungswürdige Führer in Werken feien und die Armen nach der Liebe Christi zu regieren und zu erziehen nicht verabsäumen. Gott hat dem Gesetzgeber Moses eine Stiftshütte auszuschmücken befohlen; auch des König Salomo Tempel ist im Namen Gottes erbaut und ausgeschmückt worden. Und so wünschen denn auch Wir, Gott dem Herrn mit seiner Hilfe nach Vermögen hinzugeben, weil, wie der Apostel sagt, „wir nichts in diese Welt mitgebracht haben und unzweifelhaft auch nichts mit hinausnehmen werden", und dasjenige, was Wir mit opferwilligem Herzen von den vergänglichen Dingen dem Herrn geben, zum Heile Unserer Seele gereicht." Es folgten nun die Privilegien der Abtei und schließlich die Aufzühluna aller d'ir dem Kloster geschenkten Güter. DaS Volk hätte mit Freuden und Staunen zugehört. Vor allem erfüllte die Eifelbewohner der eine Gedanke mit Glück und Begeisterung: Der König kommt! Der siegreiche König kommt selber hierher! Er bringt uns Heiligthümer, er legt den Grundstein zu einem neuen, herrlichen Gotteshaus in Prüm! Der ersehnte Tag der KönigS-Ankunft ist gekommen. Welches Leben herrscht in dem sonst so stillen Eifelgebirge l Auf allen Höhen lodern Freudenfeuer empor. Von allen Höhen strömt noch daS Volk herab in Festkleidern, mit flatternden Fahnen in allen Farben. Die Glöcklein der Klosterkirche übertönen hell das Jubelrufen der Schaaren. Jetzt ertönen Trompeteuklänge — sie verkünden daS Nahen des KönigS. Die feierliche Musik erhebt die Herzen der Harrenden. Im Strahle der Morgensonne erglänzen die Rüstungen der voranreitenden Krieger. Wie das blitzt und schillert! Den Gewappneten folgt ein Neitertrupp, so überaus prächtig und reich gekleidet, wie man es im Eifellande nie gesehen hat. Das sind adelige Herren, Große des Reiches. „Wer sind die so einfach gekleideten hochragenden Jünglinge? Knabenhaft fast im Aeußern, und doch spricht eine Welt von Muth und Kühnheit aus ihren Zügen, just als ob sie schon Hrldenkraft bewiesen hätten." So fragt ein Eifelländer den fremden Kriegsmann an seiner Seite. „Das sind die Königssöhne Karl und Karlmann. Kein Wunder, daß sie so stattlich Hinreiten, haben sie doch i« Feldzuge gen Aquitanien Muth genug bewiesen ...!" Also gibt der Gefragte stolz und freudig zur Antwort. Seine Worte werden übertönt durch den brausenden Jubel des Volkes: „Heil, Heil dem Könige! Heil Pipin! Heil dem Sieger!" Auf feurigem, kaum zu zügelndem Araber zeigt sich inmitten seiner stattlichen Leibgarde der König. Er, der sonst der Einfachste ist, trägt heute dem Tage zu Ehren ein golddurchwirktes Kleid, umgürtet mit goldenem Schwerte, edelsteinbesetzte Schuhe, einen hermelinverbrämten Purpur- mantel, von goldener Spange gehalten, und um die königliche Stirne einen juwelenfunkelnden Goldreif. Seine männlich schönen Züge zeigen herzgewinnendes Wohlwollen. Er erwidert die Zurufe und das Jauchzen des Volkes mit freundlichem Blick und huldvollem Grüßen, so daß die Menge immer wieder auf's neue ihr „Heil Pipin!" mit aller Kraft erschallen läßt. Doch jäh verstummt das laute, jubelnde Zurufen; ehrfurchtsvolle Stille tritt ein. Der nachfolgende Ritter auf weißem Rosse trägt hoch die Purpurfahne mit dem Bilde des Erlösers. Ihm nach reiten würdevoll in bischöflicher Pracht neun Kirchenfesten: es sind die Bischöfe von Laon, Le Mans, Lattich, Noyon, Meaux, Würzburg, Köln und Speyer. In ihrer Mitte reitet der gelehrte Bischof Weomad von Trier. Vier Grafen auf schlohweißen Rossen halten einen goldstrahleuden Thronhimmel über sein Haupt. Bischof Weomad ist auserkoren, das Heiligthum zu tragen, welches Pipin für die Prümer Kirche bestimmt hat. Noch ist die Reliquie verhüllt in ihrem kostbaren Behältniß. Bischof Weomad hält einen kunstvoll gestickten Prachtschuh hoch empvr. Die Königin Bertrada selber hat den Prachtschuh, die Umhüllung des heiligen Kleinods, verfertigt. Alles Volk sinkt schweigend auf die Kniee, um den Segen der Bischöfe zu empfangen, sinkt auf die Kniee 663 vor dem verhüllten Zeugen des Erdenwallens unseres Heilandes. Und dann erheben sich alle und möchten rufen, jauchzen, jubeln: „Heil Bertrada l" Denn Königin Ber- trada mit ihren Edelfrauen folgt dem Heiligthume unmittelbar. Doch sie schweigen und beugen sich grüßend. Der Augenblick ist zu ernst, um laute Freude kund zu geben. Mit Entzücken ruhen die Augen der Menge auf der milden Frau. „Wie schön sie ist, wie freundlich, wie holdselig!" Golden erglänzt ihr lang wallendes, blondes Haar unter dem köstlichen Stirnreif und dem zarten Schleiergewebe. Es umrahmt ein edelgeschnitteneS, nur leise geröthctes Antlitz mit seelenvollen blauen Augen. Ein weißseidenes Gewand, hell blitzend von funkelndem Gestein, umfließt die schönen Formen der majestätischen Frau. Die Schultern der Königin umgibt ein von prächtiger Spange gehaltener golddurchwirkter Pupurmantel. Mit Anmuth und Würde reitet sie ruhig und feierlich dahin. Der Königin folgt ein wahrer Blüthenkranz von junger Ehrendamen. Das wogte heran in bunt schillernden Farben: blau, gelb und weiß, in Seide und Gold, mit glitzernden Edelsteinen, goldenen Binden, goldgestickten Schleiern, zobelverbrämten Purpurmünteln. Das rauschte und klang, das blitzte und glitzerte, daß man den Blick nicht ersättigen konnte. Gewappnete Krieger in ernster, stattlicher Haltung bildeten den Schluß des Festzuges, der sich jeden Augenblick vermehrte durch den Anschluß freudig zuströmender Eifelbewohner. Die Glocken der Kirche läuteten. Vor dem Portale des Gotteshauses stand im Fest-Ornate mit allen Abzeichen seiner hohen Würde der ehrenreiche Abt Assuerus. Er stammte aus edler Familie, dem Könige anverwandt. Mit Geistes- und Körper-Gaben reich ausgestattet, war er schön von Gestalt, beredt und bewandert im Latein wie in der Muttersprache; vor allem galt sein Ruhm dem Beschützer der Armen, Witiwen und Waisen. In der Mitte seines Conventes stand er da, um den König zu empfangen. Rührung, Freude und Liebe spiegelten sich in seinen Zügen, als Pipin nahte. Der aber stieg sogleich vom Rosse und beugte sich demüthig vor dem Abte, um dessen Segen zu erbitten. Assuerus segnete den König feierlich, dann begrüßte er ihn in lateinischer Rede, und der König sprach freudig bewegt seinen Dank aus. Darauf traten alle wohlvorbereitet zur Andacht in das mit grünen Laubgewinden, lieblttzen Blumen, duftigen Tannen prächtig geschmückte Innere der Kirche. In Schaaren zogen sie ein. Doch kaum ein Drittel der Herbeigeströmten fand Platz darin. In weiter Runde schlössen sich draußen die Pilgerschaaren an. Das erhebende Schauspiel gemahnte an die Bergpredigt des Heilandes. In der Kirche selber aber erstieg Weomad, der Bischof von Trier, die Stufen zum Hochaltar. In athem- loser Stille sah das Volk, wie der Trierer Obcrhirte die Hülle von dem Heiligthum, von der Reliquie des Herrn sinken ließ. Nieder auf die Kniee zog es alle mit wunderbarer Gewalt. Das Pontificalamt begann. Wer hätte in diesem Hochamte der Rührung sich erwehren können! Welches Gefühl durchbebte alle Herzen, während das Credo gesungen wurde! „Lt luauruatus est!" So tönte wie mit Engelsstimmen die Botschaft von der Menschwerdung Gottes vom Chöre nieder Und im Staube lagen alle vor dem Zeugen des Erdenwallens unseres Heilandes. Schauernd empfanden alle die Tiefe des Leidens, deS Sterbens unseres Erlösers; sie empfanden es mit erschütternder Wahrheit, wie nie zuvor. Die Reliquie der Sandale predigte so eindringlich vom Erdenwallen unseres Herrn. Thränen flössen von aller Augen. In Bußgesin- nung und Zerknirschung wohnten alle dem heiligen Opfer bei, als ob sie beim ersten Opfer auf dem Calvarien- berge zugegen gewesen wären. „Großer Gott, wir loben Dich, Herr, wir preisen Deine Stärke!" Also tönte vieltausendstimmig das Tedeum am Schlüsse der Feier. Es brauste mächtig durch die Kirche und hallte draußen von den hohen Eifelbergen wider. Als der Lobgesang verklungen war, schritt König Pipin und gingen alle geistlichen und weltlichen hohen Würdenträger, begleitet von einer großen Menge Volkes, zu der nicht fernen Stelle, allwo der König den Grundstein zur neuen großen Kirche des Erlösers legte. DaS geschah unter großen und erbaulichen Feierlichkeiten. * Der königliche Stifter hat die Vollendung der Kirche nicht wehr erlebt. Sein berühmter Sohn, Karl der Große, aber führte aus, was der Vater begonnen hatte. Jener wohnte im Jahre 799 am Feste der heiligen Anna der Einweihung der Salvatorkirche in Prüm bei. Papst Leo der Dritte hat selber daS prächtige Gotteshaus eingeweiht im Beisein von vielen Cardinälen und 360 Bischöfen. Die Reliquie der Sandale wurde damals unter feierlichem Umzüge in die neue Kirche übertragen, alldort zur Verehrung ausgestellt und sorgsam aufbewahrt. An Stelle der von Pipin einst gegründeten Kirche steht heute ein anderes großartiges Gotteshaus dem aller- heiligsten Erlöser geweiht da. Die Kirche, welche Pipin gegründet, ist im Laufe der Jahrhunderte verfallen. Prüm aber hat seinen kostbaren Schatz, die Sandale des Herrn, durch alle Stürme der Zeiten, durch alle Jahrhunderte gerettet und ihn bis auf den heutigen Tag glücklich bewahrt. — Am Sonntag den 11. Oktober 1896 begann wieder eine vierzehntägige Festfeter zur Verehrung deS Hciligthums. Tausende strömen herbei, gleich wie vor 1100 Jahren, vor dem sichtbaren Zeugen des Erdenlebens unseres Heilandes zu knieen und zu beten zu dem, der die Sandale einst geheiligt hat, als er ein Mensch unter uns aus- und einging, wohlthuend, tröstend, belehrend und heilend, bis er endlich die Höhe des Cal- varienberges bestieg, um dort für uns zu'sterben. --—- ALKsLLei. 8.-8.-0. Die kaiserliche Jacht „Standort", in welcher der Czar dieser Tage seine Reise nach Schott- land zurückgelegt hat, dürfte das kostbarste und prächtigst eingerichtete Fahrzeug dieser Art sein, welches existirt. Schon in seinen Dimensionen überragt es alle anderen Nachten der übrigen gekrönten Häupter. Der „Standart" hat eine Länge von 113 in, eine Breite von 15 na und geht 6,10 va tief. Es sind dies Abmessungen, wie sie etwa ein Passagierdampfer von 4 — 5000 Brutio- Negistertons ausweist, nur daß beim „Standart" die 664 Breite im Verhältniß zur Länge eine größere ist, als wie dies bei den Schiffen der genannten Art üblich zu sein pflegt. Der „Standart" hat drei Stahlmasten, von denen der mittelste, der Großmast, 55 rn hoch ist. Die Segelfläche beträgt etwas über 1000 Quadratmeter. DaS Schiff hat Doppclschrauben, die durch zwei von einander unabhängige Maschinen getrieben werden. Nach der Berechnung sollte das in Kopenhagen erbaute Fahrzeug 21 Knoten laufen; die wirkliche Leistung auf der Probefahrt ist aber wesentlich unter der veranschlagten geblieben. Es konnten nu- 19 Knoten erzielt werden. Eine Eigenartigkeit in ihrer Construcrion weist die Kaiseryacht insofern auf, als Maschinen und Kessel bedeutend weiter nach vorne gerückt sind, wie sonst üblich. Es ist dies zum Zwecke möglichster NauAgcwimmng für die von den hohen Personen zu benutzenden Kabinen geschehen. Die Wohnräume liegen um einen kleinen Speisesaal gruppirt, dessen Täfelung und Möbel aus geschnitztem Eichenholz bestehen. An der einen Wand dieses Salons befindet sich eine allegorische Darstellung der daS russische Reich begrenzenden vier Meere, der Ostsee, des Schwai-en und Weißen Meeres und der Kaspischeu See. Von den kaiserlichen Gemächern führt eine breite Treppe nach dem Oberdeck in den StaatS-Spciscsaal, der bei einer Länge von 30' und einer Breite von 20'reichlich 70 Personen zu fassen vermag. Die Wände und Möbel sind aus hellfarbigem Holz, die Stühle mit graublauen Lederpolstsm überzogen. Die Besatzung besteht aus 20 Ossi zieren, 350 Matrosen und Unteroffizieren. ^UA8tiurA6r lailo Uoclito vorbollLltoo.l ^uf8ads Kr. 1. 11s erstes Problem lüüren V/U' unseren Lesern die nacb- stsbendo Aufgabe vor, welcbs unserem Llilardeiter I,. L. von dem Lcbacbelub ru KeAövsburA ^e^viäiuet worden ist. Lebwarr. I» K Weiss. Weiss riebt an unä sotrt in drei Aü8«n matt. Mttelirlekivn an« ,acbverIaZ von Veit L Oomp. in Deipr.i'F ist ersebieneu: ,,Das internationale Lebaebtnrnier ?.u Lastings 1895"; eins LammlnnZ äor sammtlieben Kariioen mit auslübrliebeu Anmerkungen, äem Lildniss nnä äer L!o- xrai^biv der LivFür ete., bearbeitet von Kmil Lcballoxp. Kreis 7 LI. 50 Kk§. _ MvliriolwAe. Die dentseben Lcnacblreunda baden in diesem 8ommsr den Verlust sweier bervorra^ender und verdienter 8cbaeb- spielor rn beklagen xebabt. Der eins davon ist Dr. Kanl Loullert aus Kassel, welobor rnletrt seinen Wobnsitr in dlüncben xenemmen batto und daselbst sowobl im Lebaeb- club ^Itinnneksn als im ^kademiseben Lebacbelub, dessen Vorstand er war, eins eitrige Kbäti^keit entfaltete. Kanl Lonüert, der als starker Lpioler, boebZebildetor Kbeoretiker und liedenswürdixer Oesellsclialtor allseitig beliebt war, bat sieb rn Lntanß ^»Anst into!§e eines bsmütblsidons in einem Walde bei WürrbnrA erscbossen. Von seinon scbacblieben Krtolxen ist banptsäeblicb rn vrwäbnen, dass er 1893 rn Kiel mit v. Outtsoball und MotZer den 4. und 5. Kreis tbeilto. Au DeipLiF ist ferner am 29. ^.uZust ds. äs. der Astronom Ricbard LekuriZ, einer der Dezründer der berübmton LolmebAesellsebatt „Lngustea", im 72. Dobenssabro gestorben. 8elmri^ war nicbt nur ein sebr starker, praktisebor Lpiolor, sondern aueb ein überaus sebarlsinni^sr Krodlomautor, als weleber er rablroielm treülicbo LebaebaukZaben, namentliob soxsnannto Loldstmatts, verfasste. Kino besondere Vorliebe batte er — seinem matbomatiscben 8erufe entsprecbend — kür scbwieri^s, tiefsinnige Kndspiolstuäien. ^Is Leweis seiner sedaeblicben LsAadunA diene tollende, bübseb durebAekübrts Kartio: Kartie Kr. 2. bespielt im Rrübsabr 1849 su Dviprix, und swar beiderseits obne Lnsiebt dos Lretts. dv Weiss: Lobwarr: Weiss: 8 e b w a r r: SoburlA Dr.A.lbLnxoH^ 8eboiiA vr.N. I-LiiFS i 12—14 e7—ek 13 Vc2—k2 K7-K5 2 e2—e4 o7—eO 14 82—x4(a) b5X«4 3 . d2—d4 d7-ä5 15 Dd3—o2 Vd8—o7 4 e2—e3 D18-«7 16 A4—A5 d6X§5 5 8l-1—e3 8g8-k6 >7 14X§5 8d?Xeö 6 8»1-k3 0-0 18 d4Xs5 8k6—b7 7 D11-d3 De7-b4 19 Da3—d6 Ve7—ä? 8 0-0 Db4Xc3 20 §5—86 17X8» 9 K2X-3 a7—a6 21 De2X§6 1'e8—s? 10 Lei—a3 Kf8-e8 22 D86XK7-!- K88XÜ7 11 Ddl—e2 K7-K6 23 V12 -b4f Kb7—88 12 813—e5 8b8-d7 §24 Ld6Xe7 aukAeLoböll. a) Lngesicbts äes Lrsttos würde Weiss bior äou ungleicb stärkeren Äu§ 14. 8o5Xe6 sieberliek nickt übergeben baben. IldT' Dl:i27. Die Hamen sonor Lebaebkrounäe, wolobs unsere Knäspiols unä Kroblome ricbtiA lösen unä die Dösunxen innorbald äroiWoebon einsenden, werden stets an dieser Ltelle ver- üüentliebt. Llles auf äas Lobacb Lerö^liebe ist ausnabmslos rn aäressiren: „Ln die Redaction "des.INFSburAkr 8 ebaeü- blutt — Vukv LiiAnstr» —