« 89 . 1896 . „Augsburger Postxeitung". Dinstag, den 27. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler). „W a g d a." Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim. (Fortsetzung.) April. — Frühlingsstürme. Mit jenem Aschermittwoch trat in Magda's innerem Leben eine große Veränderung ein. Sie blieb nicht mehr auf der Schwelle des Kirchleins, sondern eilte, so oft es ihr möglich war, ihrem kindlichen Herzen Genüge zu thun, zu Füßen der Himmelskönigin. Aber merkwürdig — sie wagte über dies Alles, wie sehr es sie auch bewegte, keine Frage an ihre Eltern. Die alte Marianne allein besaß ihr Vertrauen, und mit glühendem, unermüdlichem Eindringen in den einfachen Schatz der alten Magd entlockte sie derselben bald Alles, was diese selbst wußte. Die Alte war ein lebendiges Legendenbuch. In bunten Reihen führte sie vor des Kindes Blicken die hehren Helden und Heldinnen vorüber, welche mit Seligkeit in den Martertod gingen, um den Glauben an den Heiland, den iie lebend verkündet, sterbend zu besiegeln. Aus den einfachen Worten der alten Marianne schufen die lebhafte Phantasie und die natürliche dichterische Begabung der Kleinen eine farbenprächtige, strahlende Welt des Leidens und der Demuth. Wenn Magda des Abends in ihrem Bette die Augen schloß, begann die glücklichste Zeit. Dann war sie selbst in seligen Träumen, in einer Sehnsucht des Leidens um Gottes und der heiligen Jnng- frau willen und jener heiligen Ueberwinderinnen. Mit der wunderbaren Empfänglichkeit des kindlichen Nervensystems empfand Magda fast selbst die Schmerzen des Martyriums, das dann immer in einer unbeschreiblichen Seligkeit endete, wenn sie in den großen, wehenden, blauen Raum erhoben wurde, in welchem strahlend die Mutter Gottes schwebte. Diese streckte ihr die Hand entgegen, und Magda's Sinne verließen sie in der Seligkeit, dieselbe berühren zu dürfen. Auf das äußere Sein des Kindes hatte diese merkwürdige innere Arbeit einen bedeutenden Einfluß. Es war demüthiger, freundlicher und gehorsamer als sonst, und die Eltern fragten sich oft verwundert nach der Ursache ihrer Umwandlung. Sie ließen es gewähren, wenn es beim Schlafengehen und Aufstehen lange knieend betete. „Diese Zeit der Inbrunst liegt in jeder Kinderseele", sagten sie sich, „sie geht vorüber, um so schneller, je weniger dagegen eingeschritten wird." Als aber Magda's Vater dieselbe eines Tages überraschte, wie sie beim Beten das Zeichen des heiligen Kreuzes machte, verwies er ihr dies sehr ernsthaft; das sei Aberglaube und Unsinn und der Gottesähnlichkeit des Menschen unwürdig. Wie Brausen und Donnern tönten diese Worte in der kleinen, stillen Welt. Sie verehrte und liebte ihren braven und ehrenwerthen Vater aus ganzer Seele, — wie sollte sie diese ihrem unschuldigen Heiligthume so fremde Sprache damit vereinen? — Für die damals zwölfjährige Magda begannen dadurch schmerzliche Kämpfe. Sie wagte Niemand zu fragen, aus Furcht, mehr von sich zu verrathen, wie, ihrem Gefühle nach, verstanden werden konnte. Nicht einmal mit der alten Marianne getraute sie sich über diesen Vorfall zu reden, weil sie gehört, wie der Magd mit Entlassung gedroht worden war, wenn sie ferner dem Kinde ihren „Hocuspocus" lehren würde. In die Kirche schlich sie sich jedoch stets noch, wenn sie es irgend unbemerkt thun konnte, und betete dort mit solcher Inbrunst und oft so heftigen Thränen vor dem Bilde der allerheiligsten Mutter, daß dieses eigenartige Kind dem alten Geistlichen, welcher nur an bestimmten Tagen den Gottesdienst in dem Filial- orte abhielt, auffiel. AIs Magdg eines TageS auch wieder vor dem Altare kniete, ging er vorüber, berührte freundlich ihr langes Haar und sagte, auf das Bild deutend: „Fahre nur fort zu bitten, mein Kind, sie wird Dich erhören!" Ungefähr ein Jahr darauf beschlossen Magda's Eltern, das Mädchen zum regelmäßigen protestantischen Confirmandenunterricht in die Stadt zu schicken. Das war ein Donnerschlag. Jetzt faßte das zaghafte Kind ein Herz und gestand der Mutter unter strömenden Thränen, daß es eigentlich, so lange es denken könne, an die Mutter Gottes glaube, daß diese es immer zur Artigkeit gelenkt und getröstet habe in all' seinen kleinen Schmerzen und Bedrängnissen, und daß es ihm unmöglich sei, an einem Religionsunterrichte theilzunehmen, nach welchem dieser Glaube eine Sünde sei. Die Eltern erschraken tief. Von einer Konversion ihres einzigen Kindes konnte keine Rede sein. Ihre alten protestantischen Traditionen machten dies ebenso unmöglich, wie ihre, wie sie es nannten, durch die Pflege der Wissenschaft errungene humanitäre Klarheit. DaS Kind, dessen seltene Gaben ihr Stolz und ihre Freude waren, in die „Nacht des Aberglaubens" versinken zu sehen, 682 nein, lieber wüßten si- es im Grabe. Liebevoll, aber fest bestanden sie auf ihrem Willen. Traurige Tage begannen für Magda. Ohne die Eltern in ihrem Herzen anzutasten, richtete sie einen an Haß grenzenden Widerwillen gegen den aufgedrungenen ^ Religionslehrer, den Superintendenten jener Stadt. Die j ganze stolze Ungebundenheit, die brillante Schlagfertigkeit I ihres Geistes wandte sie gegen sein merkwürdig ungeschicktes Benehmen, das t« Verirren begriffene Schaf seiner Heerde wieder zuzuführen. Die fromme, reine Welt ihres kindlichen Glaubens erblaßte in diesem skeptischen Kampfe. Es trat die Kritik an die Stelle der Andacht und gerade das, was sie im Glauben befestigen sollte, machte sie — glaubenslos. Das fremde, vielfach anregende Leben in einer größeren Stadt, in welcher sie jetzt zu dem genannten Zwecke längere Zeit zubringen mußte, so ganz anders, als ihre eigenartig stille Kind- heitSwelt, führte sie zu neuen Anschauungen und Zerstreuungen. Sie war dabei nicht glücklich. Ihre reh- artige Unbefangenheit wich mitunter einer fast geschraubten Fremdartigkeit und, vas Aufsitzen, welches die selten musikalische Begabung und die körperliche Schönheit des großen, schlanken Mädchens machten, dessen Frühreife die fünfzehn Jahre nicht anzusehen waren, fing an verderblich auf Magda's innere Gestaltung zu wirken. Doch ihre heiße Seele konnte nicht ausdauern ohne Ideal. Die Ausbildung ihrer ungewöhnlich schönen Stimme brachte sie in Berührung mit dem Theater. Mit der ihr eigenen enthusiastischen Weise erfaßte sie diese bunte Flitterwelt, welche sie, wie Alles, mit ihren Idealen in sich vertiefte und verklärte. Trotz mancher innerlichen und äußeren Kämpfe fanden Magda's Eltern sich früher, als man hätte erwarten sollen, in eine theatralische Zukunft ihres einzigen Kindes. Das dringende Zureden einiger musikalischen Freunde und das durchweg glänzende Urtheil Sachverständiger über Magda's stimmliche und schauspielerische Begabung trugen dazu ebenso viel bei, als die unwahre, unserem vom falschen Humanismus getränkten Zeitalter eigene Anschauung, daß eine künstlerische Bethätigung an dem Theater in seinem gegenwärtigen Zustande ein edler Daseinszweck sein könne, während doch diese Welt des Scheines nach außen, der Lüge, Intrigue und Charakterentartung, nach innen besonders die Reinheit des Weibes unwiederbringlich verdunkeln muß. In der Charwoche eines an Gewittern und warmen Tagen ungewöhnlich reichen April sollte Magda confir- mirt werden und nach dem Osterfeste gleich in die Residenz zu einer befreundeten Familie übersiedeln, um dort bei einem berühmten Gesanglehrer ihre Studien zu vollenden. Sie hatte inständig gebeten, noch einen Tag in ihrem Heimathsdorfe zubringen zu dürfen, ehe sie am Altare ihren ersten Schwur leistete, dessen Wahrheit ihr Herz noch immer dringend verneinte. Einer der schönsten, mildträumerischen Frühlingstage fluthete mit dem ganzen Zauber der Erinnerung über das junge Mädchen, als eS den theuren Boden betrat. Von Ort zu Ort trug es hastig sein Fuß, voll athmete die Brust, und wie lauter von den Eindrücken der letzten Jahre nur überdeckte Keime und Blüthen sproß die Vergangenheit ihrer Seele in Magda wieder auf. Sie kam zum Bache. Drüben über dem Walde hing eine von Frühlingsthränen schwere Gewitterwolke — und vor demselben, da lag ja das Ktrchlein, mit seinen im ersten Grün glänzenden Gräbern! Mächtig bewegt, schaute sie zur Wolke auf. Auch in ihrer Seele hing eine solche. — Träumerisch shritt sie durch den Bach, nicht achtend seiner Wellen. Sie betrat den Kirchhof. — Wie nahe der Heimathl Thränen stürzten aus ihren Augen, ihre Brust durchdrang unnennbar wehe Sehnsucht. Zwischen den Gräbern wandelte still sinnend der alte Priester, den eine kirchliche Handlung in der Gemeinde hergeführt hatte. Einen Augenblick stutzte Magda, als sie ihn erblickte. Dann trat sie auf ihn zu. „Wollen Sie mir einen Augenblick schenken, mein Vater?" Er hatte sie schon lange gesehen. An der Hand führte er das zitternde Kind liebevoll in die Sakristei, und dort erschloß eS ihm in langer, stürmischer Wort- fluth alle Kämpfe, alle Schmerzen seiner Seele. Mit tiefem Ernste, feuchten Auges hatte er es angehört. Dann schwieg er im Gebete. „Vertraue auf den Allmächtigen, mein Kind", schloß er eine längere, eindringliche Zuspräche, „nimm' in Demuth die Prüfungen hin, die er Dir schickt. Seine Wege sind oft wunderbar. Ich will Dir eine Hilfe mitgeben auf Deinen schweren Pfad. Sie wird Dir immer nahe sein, verlasse auch Du sie nie!" Damit nahm er von seinem Halse eine silberne Medaille mit dem Bilde der „unbefleckten Empfängniß", küßte sie und hielt sie Magda hin, welche inbrünstig ihre Lippen daraufdrückte. „Sie ist vom heiligen Vater geweiht", fuhr er fort, indem er sie ihr umhing. „Und nun komm', mein Kind, ich will mit Dir beten." Unter den Blitzen des inzwischen heraufgezogenen Gewitters, während der warme Frühlingsregen an die Fenster schlug und der Sturm draußen die grünenden Fliederbäume an den Grübe« bog, in dem wildjauchzenden Auferstehungstaumel der Natur, knieten der Greis und das Kind unter dem schützenden Fittige des zitternden Kirchleins vor dem Marienaltare und beteten: „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Magda's „Konfirmation" nach protestantischem Ritus hatte stattgefunden, und sie selbst befand sich in der Residenz zu ihrer Ausbildung für den dramatischen Beruf. Auch in ihrem äußeren Leben waren die letzten Wochen sturmvoll gewesen. Seit Monaten hatte ein Brustleiden des Vaters die Familie um so mehr beunruhigt, als gleichzeitig pekuniäre Verluste das bis dahin immer noch durch einen bescheidenen Wohlstand angenehme Leben im elterlichen Hause nun in die engsten Grenzen der äußersten Nothwendigkeit zwängten. Ohne die Unterstützung einer hochstehenden Gönnertn der Familie, der Fürstin Waldenau, wäre die Ausbildung des jungen Mädchens nicht möglich geworden. Alle diese Umstände aber legten Magoa die heiligst aufgefaßte Verpflichtung auf, mit allen Kräften dahinzustreben, baldmöglichst die Vorstufen zu überwinden und in der von ihr ebenso, wie von den Eltern und Freunden absolut ideal angeschauten Laufbahn zugleich die Befreiung ihrer Theuren von Kummer und Sorgen zu erreichen. Sie überwand daher tapfer die Bangigkeit und Aengstlichkett, welche sie den ihr fremdartigen Gewohnheiten und scharfgeschliffenen Gedankenkreisen der großen, absolut Protestantischen Hauptstadt gegenüber empfand, wie unsäglich ihr Herz auch darunter litt. Durch die 683 Verbindung ihrer Familie war sie in dem Hause eines Gelehrten, deS Professors Holth, untergebracht, welcher, durch seine Frau dem höheren Adel verwandt, in Gesinnung und Geschmack aber den humanistischen Ultras der liberalen Richtung angehörte, die besonders durch Würdigkeit und ungezwungene Herzlichkeit sie noch am meisten anzog. Es war einer jener kühlen Maitage, welche unS für das frühe Vertrauen in die Allmacht des Frühlings strafen und oft den Blüthenflor des Jahres heimtückisch 2WA WW MW U . ÄWUWN» WE MW UM WM MW Es AM M'-' '8-MZ ' - MW MMWWWKK8W KWM^WWWL ^MAMKWWWVMÄ AS§K Der Ainsgroschen. Nach dem Gemälde von Tizian. das in der ganzen Welt verbreitete und vielgelesene Witzblatt „Das Stachelschwein" vertreten waren. Auch Magda hatte schon einige Male Gelegenheit gehabt, in dem Hause des Hauptredakteurs desselben, des bekannten Literaten Dauß, zu Verkehren, und in dessen Frau das erste Geschöpf in der Fremde gefunden, dessen Liebens- tödten. Die Musikmappe am Arme, öffnete Magda in der späten Nachmittagsstunde die Thüre zu dem lauschigen Salon der Frau Dauß. „Darf ich?" fragte sie. j „Nur herein, mein Kind I" rief diese aus der Tiefe j eines Fauteuils, in welchem die zierliche Gestalt vor dem Kiutoretto an der Leiche seiner M. Nc iner M. Nach dem Gemälde von H. Koch 686 Kaminfeuer behaglich zusammengerollt lag, wie ein Kätzchen. „Ich vermuthe, Sie suchen Tante Holth. Sie ist nicht mehr hier, hat mir aber für heute Abend pfleg- mütterliche Autorität eingeräumt. Und nun näher, wein Liebling!" Damit streckte sie Magda ihre beiden Hände entgegen, welche freudig mit der zutraulichen Scheu des durch Menschennähe gezähmten Wildes auf sie zuflog. „Wie das Kind kalt ist", fuhr die kleine Frau in ihrer nachlässig liebenswürdigen Weise fort, indem sie mit anmuthiger Kopfbewegung das offen getragene Haar zurückwarf. „Wollen Sie mein Reh magnetistren, lieber Seifflich", wandte sie sich dann an einen kleinen Mann mit ausgesprochen semitischen Zügen, der, offenbar von Magda's blendender Erscheinung frappirt, ein in der Fensternische eifrig geführtes Gespräch mit der ältesten Tochter des Hauses, Laura, unterbrochen hatte. „Lassen Sie mich lieber Sie einander vorstellen." Der Name des berühmten Abgeordneten, welcher damals auf Aller Lippen war, goß tiefes Erröthen über Magda's Antlitz. Sie verbeugte sich, ohne Erwiderung auf seine Anrede zu finden, und wagte kaum einen schüchternen Blick auf die ausnehmend häßliche Gestalt, deren in jenen Kreisen hochgepriesenen Geist ihre lebhafte Phantasie in eine der Wirklichkeit durchaus nicht entsprechende äußere Erscheinung gekleidet hatte. „Mein Gott, wie kann man so klein sein, wenn man so groß ist!" flüsterte sie Frau Dauß zu, während Seifflich wieder zu Laura zurückkehrte. „Süperbes Geschöpf!" sagte er, den Blick noch immer auf Magda gerichtet. „Mentel" erwiderte Laura, auf die Stirne deutend. „Das ist nicht wahr!" rief ihre Mutter. „Das Kind hat eben ein köstliches Bonmot gemacht, das Ihr nun zur Strafe nicht hören sollt!" „Wird sich zeigen, wird sich zeigen!" rief einer der drei Herren, die in diesem Augenblicke im lebhaftesten Gespräche eintraten. „Ah! Seifflich — da ist ja der Fuchs, von dem man sprach!" so begrüßten sie mit eifrigem Hände- schütteln den Abgeordneten. Magda kannte schon das berühmte Redaktions-Trio des „Stachelschweines". „Was wird sich zeigen?" fragte Frau Dauß, ohne aufzustehen, dazwischen. „Ob dieser große Cato hier auch dabei bleiben wird, daß die Militärnovelle fallen muß." Rudolph Kohlberg strich seinen rothen Bart, als er dies sprach. „Wenn ihm aber die Regierung das goldene Kalb einer Jahresrevenue von zehntausend Thalern schlachtet, nebst einem eigens gestifteten Militärverdienst-Orden", sagte satirisch der dicke Pembes. Mit einem ungemein pfiffigen Lächeln, das seinem Gesichte einen vollkommenen Iltis-Ausdruck gab, sah der kleine Seifflich Jeden an. „Und was gebt Ihr?" sagte er dann. Alle, sogar Frau Dauß, brachen in lautes Lachen aus. „Bravo, großer Cincinnatl" rief ihr Mann, „wir geben nichts, denken aber von dem Gerichte goldener Rübenschnitten mitzuspeisen, welches Dir das dankbare Volk durch die Subscription vorsetzen wird und zu welcher unsere nächste Nummer alle Theile der Erde aufruft, so weit die deusche Zunge lallt. Wie ist's, Laura", wandte er sich an eine Tochter, „Du hast das Ding ja geschrieben ?" Das junge Mädchen war mit gespanntem Interesse dem Gespräche gefolgt. „Wirksam, Dicker!" antwortete es kurz und bedeutend dem Vater, den es in seiner höchst eigenartigen Auffassung zarter Kindesliebe so zu nennen gewohnt war. „Uebrigens", sprach Pembes, „hat der kleine Fellheim, was kann kaufen oie Welt und alle Kunst, den Reigen schon eröffnet mit zehntausend Thalern, Baruch- leben folgt mit sechstausend, es dürfte eine reiche Ernte werden — nun, Cäsar am Rubicon?" „Theure Mitesser, denn das seid Ihr doch auf alle Fälle, wenn es Geld heißt." „Selbstverständlich!" bestätigte ein Unisono. „Vergeht nicht, daß in dem Führer Eurer Partei das Ideal eines Volkstribunen vor Euch steht — unbestechlich, stets nur das Gesammtwohl erwägend! Schießt Eure Appellation schleunigst los, unter dem Eindrucke der Subskriptionsliste werde ich uneigennützig und unparteiisch untersuchen und handeln! Uebrigens", fuhr er unter dem Gelächter der Anwesenden fort, „schwebt mir augenblicklich ein Gut vor, welches mir alle Ueber- legung raubt und das zu erlangen ich zu jedem Opfer fähig wäre l" Seine Augen suchten dabei verstohlen Magda, welche, an dem Fauteuil der Frau Dauß lehnend, halb erstaunt, halb träumerisch diese ihr durchaus unverständlichen Dinge anhörte. Ein faunisches Lächeln flog über die Gesichter der drei Männer. Laura zuckte ungeduldig die Schultern. „Lass' ab, verirrter Cato", spottete Pembes. „Deine Leidenschaft könnte Dich sonst mit Säbel und Pistolen in nähere Beziehungen bringen, als Dir trotz Deines eventuellen Militärverdienstordens irr sxs lieb sein würde!" „Die Fürstin Waldenau läßt die Kleine ausbilden", flüsterte Dauß dem kleinen Abgeordneten ins Ohr, der eine unüberwindliche Antipathie gegen Waffen jeder Gattung hatte, „und der bekannte componirende Attache Baron Faurier überwacht im Auftrage der Fürstin Magda's Studien; übrigens rein platonisch, wie ich sicher ermittelte." „Nein, das ist zu toll!" schrie jetzt hastig, die Thüre aufreißend, ein untersetzter Mann, dessen langes, schwarzes Haar ein blasses, eckiges Gesicht umflatterte, „der alte Filz läßt sich lieber übermorgen mit dieser blutigen Satire achtzigtausend Mal abdrucken, ehe er zahlt!" Damit warf er ein Blatt auf den Tisch,j welches einen bekannten Großindustriellen der Residenz in verwunderlicher Position sehr treffend skizzirt zeigte. „Was — nicht die elenden fünfhundert Thaler?" „Und unsere Waldmeisterbowle?" „Und der Executor, der mir morgen droht?" So rief es in dem Kreise durcheinander. „Gemeines Gesinde!I Kein Respekt mehr vor der Presse; aber nun soll er doppelt daran!" (Fortsetzung folgt.) -—- Goldkörner. Wahrheit ist das leichteste Spiel von allen; Stelle dich selber dar, Und du läufst nie Gefahr, Aus deiner Rolle zu fallen. -- Rückert. 687 Ein Lindaurr Kind als Missionär für Afsam in Asien. I'* Von einigen Seiten ist der Wunsch geäußert worden, es möchte Näheres mitgetheilt werden über den Missionspriester, welcher am Sonntag den 11. ds. Mts. sowohl im Arbeitervereine wie im Kath. Casino verschiedene Skioptikonbilder mit Erklärung vorgeführt hat. Es ist der aus Lindau i. B. gebürtige k. Pius M. Steinherr, Priester der Gesellschaft des göttl. Heilandes. Von 1892 bis 1896 im Frühjahr bekleidete er im Marien- colleg genannter Gesellschaft in Tivoli bei Rom die Stelle eines Lateinschullehrers, versah nebenbei das Amt eines Bibliothekars und Ceremoniars des Collegs und half in der Seelsorge der Stadt Tivoli aus. Das Colleg unterliegt baulichen Veränderungen, und so ward im Frühjahr die Schule in's Hauptcolleg nach Rom übertragen, während k. Steinherr ebendort inzwischen das Amt des Ceremoniars übernahm. In den Tagen des Juli und August begleitete er den von Assam in Ostindien eingetroffenen apostolischen Präsekten Hochw. ?. Angelus Münzloher bei seinen Ausgängen in Rom und ließ sich nach Einziehung der verschiedensten Mittheilungen über die Mission bestimmen, um die Versetzung dorthin nachzusuchen, und erhielt nach Ablegung des hiefür erforderten Examens bei der Propaganda am 24. August die Ernennung zum apostolischen Missionär für Assam nebst den diesbezüglichen Vollmachten. Die Abreise dürfte im Dezember oder Anfang Januar erfolgen. Diese Mission umfaßt die ostindischen Provinzen Assam, Bhutan und Manipur, von welchen Bhutan noch selbstständig ist. Die Mission zählt mehr denn 7 Millionen Seelen, welche meist noch dem Heidenthum angehören und der Früchte der Erlösung theilhaftig gemacht werden sollen. Sie zeigen vielerorts großes Verlangen nach dem Lichte des Christenthums und bitten um Priester und Katecheten, welche ihnen aber aus Mangel an Mitteln noch nicht in gewünschtem Umfange zugetheilt werden konnten, denn die Spesen sind enorme und die Mittel geringe. Zuschüsse kamen allerdings schon vom Ludwigsmisstonsverein wie auch von Paris und Lyon, aber es reicht bei weitem nicht aus, das ungeheure Gebiet erfolgreich zu bearbeiten. Mit den Unterstützungen von Frankreich und München und jenen opferwilliger Christen haben die wenigen Patres ordentlich gewaltet und gearbeitet und auch nennenswerthe Früchte errungen. Dabei stehen bleiben zu wollen, hieße aber den Rückgang des Werkes wollen. Das zu verhüten, geschehen seitens der Missionäreimmer wieder neue Opfer und neue Anstrengungen, die oft ganz bedeutende sind. Mancherlei über das Wirken der Patres findet der geneigte Leser im „Missionär" und in den verschiedenen Jahrgängen des Apostelkalenders, der namentlich für 1897 hübsch ausgestattet und sehr interessant ist (Preis 60 Pf.). — Wir sind von k. Steinherr ganz abgekommen. Wir wollten noch bemerken, daß auch er die Kosten der Expedition und der vierwöchent- lichen Reise nicht aus der Luft greifen und bezahlen kann. Viel Geld kostet die Einrichtung für die im Bau begriffene Kirche der Station Raliang, welche I?. Pius beziehen wird. Der bereits dort arbeitende k. Thaddäus Hofmann aus Würzburg klagte vor Kurzem seine Noth und theilte brieflich mit, daß er Gefahr laufe, wegen Mangels an Mitteln den Bau der Kapelle einstellen zu müssen. Die ganze Einrichtung von Raliang's Nothkapelle besteht im Reisealtarkoffer, welcher nur das Aller- nothwendlgste an Paramenten enthält. Viel Geld kosten Bücher, Wäsche u. s. w. — denn was nicht mitgenommen wird, ist in dem von aller Civilisation ganz abgeschlossenen Raliang (in den Khasi-Hügeln AssamS) durchaus nicht erhältlich. Es müssen Schreiner-, Schlosser-, Maurer- und Gärtner-Werkzeuge mitgenommen werden, und jeder weiß, daß man sie schwerlich umsonst bekommt, in Assam aber gar nicht. Ganz besonders liegt aber den Patres die Erhaltung des Waisenhauses von Raliang, das ca. 30 Knaben birgt, am Herzen, weil sie große Hoffnung hegen, nach guter Erziehung und Heranbildung derselben zu wackeren Katholiken später vermittelst derselben auf das übrige Volk bedeutend einwirken zu können. Woher aber sollen die Mittel für Schulunterricht, Kleidung, Nahrung rc. der armen Knaben gewonnen werden, zumal die Landwirthschaft dort zu Lande noch sehr zurücksteht. Auch eine kleine Druckerei ist absolut nöthig, um den beständigen Wühlereien der methodistischen Presse entgegentreten und das Volk im Glauben schützen zu können. Die engl. Prediger bieten im Grund genommen viel mehr Schwierigkeiten als das Khast-Volk selbst. Aber wiederum — die Mittel dazu, woher sollen sie genommen werden? Die Almosen der Gläubigen sind unzureichend, zumal diese Misston in Deutschland eigentlich verhältnißwäßig noch wenig bekannt ist. Und soll sie etwa blos wegen Geldmangels aufgegeben, — die Neuchristen sich selbst überlassen und der Gefahr des Rückfalles in's trostlose Heidenthum ausgesetzt werden? Mit nichte» I Nie und nimmer. Aber darum bitten wir auch ebenso dringend wie inständig, jetzt dem k. Pius Steinherr noch Mittel zu überweisen, damit er nicht mit leeren Händen seine Missionsstation betritt, für deren Wohlergehen er bereit ist. Alles zu opfern: seine Schule in Tivoli, an der sein ganzes Herz hing, und seine Heimath und das alternde Mütterlein und den Bruder und kurzum Alles zu verlassen und Gesundheit und Leben auf's Spiel zu setzen. Und könnten die Bayern einen Bayern im Stiche lassen? k. Pius nimmt sowohl Geldmittel wie Gegenstände, Geräthe und Instrumente an, zumal es leichter expedirt werden kann, wenn er's selber über das Meer mitnimmt. Geld und anderes kann, wer ein gutes Herz hat, am besten nach Lindau im Bodensee senden (Kirchgasse 7). Werkzeuge für Gärtner, Schuster, Schreiner, Schlosser und Maurer, Tuch und Leinwand, Sämereien, Kirchen- geräthe, Bücher und Geldmittel können dorthin übersandt werden. Es wird alles Geschenkte seine Reise machen bisBombay, Calcuita, den Fluß Brahmaputra hinauf bis nach Raliang und wird im edelsten Dienste, den es geben kann, Verwendung finden. Man sage nicht engherzig: wir haben für's Inland genug zu thun I Inland ist die ganze kath. Kirche auf Gottes großem, weitem Erdboden, und nirgend findet sich wohl solches Bedürfniß für Unterstützung wie gerade in manchen Missionen und darunter auch die von der Gesellschaft des göttlichen Heilandes anno 1890 übernommene Mission Assam-Bhutan-Manipur im fernen Asten. Gott wirds reichlich lohnen! 688 Allerlei. , ** Eine neue Abonnements-Einladuna bat ^ ein geschickter Buchdrucker iu folgender Form erfunden: > Warnung. Ein Mensch, der keine Zeitung liest, ist auf das Tiefste zu bedauern. Er weiß nicht, was in der Welt vorgeht, er kann nirgends mitreden und wird vielfach von Andern bei Unterhaltungen ausgelacht. Immer wird er als ein nur halb- oder gar ungebildeter Mensch behandelt, er erfährt nichts über die geschäftlichen Verhältnisse, wird in Folge dessen mich überall übervortheilt und kommt so immer mehr und mehr herunter. Hat er dazu nun auch Frau und Kinder, so wird er ein rechter Haus- tnrann, da er nicht, ivie viele Andere, über der Lektüre im Familienkreise die täglichen Sorgen vergißt und sie seine Angehörigen mitfühlen läßt, so daß er sich und auch seiner Familie sehr zur Last wird. Schließlich sieht er dann so aiis, wie wir ihn hierneben abgebildet haben. Das Bild ist das Porträt eines jener Unglücklichen. * Eine neue Zeitrechnung. Während Amerika und England auf dem Gebiete des Maß' und Gewichtssystems, letzteres auch noch dazu in seinem Münzwesen, sich absolut nicht dem fast überall eingeführten Dezimalsystem zur Vereinfachung der Rechnungen anzuschließen geneigt sind, geht bezüglich der Zeitrechnung von Amerika eine Neuerung aus, die von England auf das Wärmste unterstützt wird. Darnach soll das Jahr in 13 Monate getheilt werden, von denen die ersten zwölf je 28 Tage, der dreizehnte jedoch 29 resp. 30 Tage haben sollten. ES würde hierdurch der gewiß nicht zu unterschätzende Vortheil geschaffen, daß in sämmtlichen Monaten eines Jahres die Tage der Woche stets auf dasselbe Datum fallen würden, was in vielen Beziehungen ganz beträchtliche Vereinfachungen und Erleichterungen bieten würde. Seitens der Anhänger dieser Zeitrechnung, zu denen gewiß auch viele Angestellte gehören dürften, wird schon jetzt große Propaganda hierfür gemacht, und soll diese Frage gelegentlich der nächsten Pariser Weltausstellung einem internationalen Congresse unterbreitet werden. Ob sich die anderen Staaten für diese Umwandlung der Zeitrechnung erwärmen werden, bleibt noch eine große, kaum zu bejahende Frage. * Die Begründung. A.: „ES ist unrecht von Dir gewesen, daß Du mir neulich die 20 Mark nicht pumptest; bei Freunden soll immer Einer dem Andern helfen!" — B.: „Hm — Du willst aber immer der Andere sein." -««»es—- Zu unseren Bildern. Her Jinsgroschen. Am 22. Sonntag nach Pfingsten wird das Evangelium vom Zinsgroschcn verlesen. Die Pharisäer wollten dem göttlichen Heilande eine Falle stellen, um ihn entweder beim Judenvolke, das dem römischen Kaiser die Steuer nur widerwillig zahlte und sogar behauvtete, das sei ihm verboten, zu dis- kreditiren, wenn er die Zahlung der Steuer anbefabl, oder ihn wegen Aufwiegelung den Römern denunzircn zu können, wenn er die Juden in ihrem Vorhaben der Steuerverwcigerung bestärken sollte. „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was GotteS ist!" Damit hat Christus di« Frage entschiede». Das berühmte Tizian'sche Bild hält den Moment fest, in welchem ein Pharisäer dem Gottessöhne den Zins- groschen vorzeigt und Christus die Antwort gibt. Tintoretto an der Deiche seiner Tochter. Im gewöhnlichen Gange der Natur steht die Jugend klagend am Todtenbette derer, denen sie das Leben verdankt, doch in Gottes unerforschlichem Rathschlusse ist häufig ein Anderes beschlossen. Wie ein kalter Reif der jungen Maicnpracht nicht selten ein jähes Ende bereitet, so tritt auch der kalte Tod oft an ein junges Menschenleben heran, das sich kaum noch zu blühender Knospe entfaltet hat. Noch nie hat Meister Tintoretto, der so oft als Porträtmaler in Anspruch genommen wurde, so ungern zum Pinsel gegriffen, wie heute, da er an der Leiche seiner Tochter steht, um sie, die er schon so oft gemalt, zum allerletzten Male zu Porträtiren. Für immer find die lieben Augen, die ihm sonst so dankbar entgegenstrahlten, geschloffen; leblos find die Hände, die ihm liebend die Wangen streichelten und der Mund, der ihm des Tages Last durch fröhliches Geplauder leichter machte, ist still und ruhig geworden für immer. Ihr ganzes Leben läßt sich der alte, schwergeprüfte Vater nochmals, im Geiste vorübergehen, um ja keinen Zug derer, die sein Stolz und seine Hoffnung war, auf dem Bilde, das ihm nunmehr allein noch von ihr bleiben soll, zu vergessen. - Nimmelrfcllau im Monat November. —1. Merkur ist Morgenstern, aber für das unbewaffnete Auge nicht sichtbar. Venus Z im Skorpion und Schützen wird als Abendstern sichtbar, geht aber schon 1 bis 2 Stunden nach der Sonne in SW. unter. Mars L geht abends 7 U. auf, wird sehr hell und ist rückläufig im Stier nahe den Zwillingen, nördlich von Orion. Jupiter H wird Heller und geht anfangs 1 U>, zuletzt 11 U. nachts im Löwen auf. Saturn H kommt gegen Mitte des Monates in Conjunction zur Sonne und wird unsichtbar. Am 13. findet der Sternschnuppenfall der Leoniden statt, besonders in später Nacht. Diese Sternschnuppen waren bisher selten, nehmen aber jetzt an Anzahl zu, da sie 1899 das Maximum ihrer Häufigkeit erreichen, wie dieses in den Jahren 1833 und 1866 der Fall war. In der Nähe des Mondes befinden sich Merkur am 4.; Saturn am 5.; Venus am 7.; Mars am 22.; Jupiter am 27. -—t«8!4—- AritHmogripy. 13 4 13 gibt schönen Klang, 2 6 5 3 steck' nie in fremde Sachen, 3 4 5 3 2 im Blut und in der Erde, 4 5 4 5 Gottheit eines alten Volkes, 5 3 4 2 3 in Frankreich, 3 113 braucht der Landmann, 2 3 4 1 3 was übrig bleibt. 6 5 4 3 2 der Menschheit Wiege, 7 2 5 4 2 2 soll Niemand reden. Sind die Wörter richtig gefunden, ergeben ihre Anfangsbuchstaben im Zusammenhang den Namen eines um Deutschland hochverdienten Feldherrn. Auflösung des Kreuzräthsels in Nr. 87: Ro sen Eb be «om, Riesen, Gebet. Rosen. Ebbe. Robe, Ebro, Besen. --EZS--