« 95. 189k. „Augsburger Postzritung". Dinstag, den 17. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gradherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler). Zm fremden Lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) „Meine Verwandten werden sich freuen, wenn ich ihnen nicht wehr zur Last falle. Wohnt Herr Lambrecht denn ganz allein?" fragte Rosalie weiter. „Er hat einen Sohn, der jetzt vierundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahre zählt. Aber bedenken Sie es wohl, mein Fräulein, Sie haben kein geselliges oder luxuriöses Leben zu erwarten; Herr Lambrecht ist ein einfacher, aber biederer Geschäftsmann, dem es vielleicht gar nicht in den Sinn kommt, Sie mit den vielen angenehmen Kleinigkeiten des Lebens zu umgeben, die Ihnen möglicherweise unentbehrlich geworden sind. Eine einfache, bequeme Häuslichkeit, ein treues, liebevolles Herz — mehr dürfen Sie keineswegs erwarten." „Dafür würde ich von Herzen dankbar sein", versetzte Rosalie, und ihre Stimme klang fast wie ein Jubelruf, „es war für mich kein freudevolles Dasein, in einer kleinen Mansarde Tag ein Tag aus zu sitzen und die Garderobe meiner Cousinen anzufertigen." „Nun, diese elende Beschäftigung hat ein Ende", lächelte der Notar. „Wie bald könnten Sie also zur Abreise nach Afrika bereit sein?" „Nach Afrika?" „Ach, ja! Ich vergaß, Ihnen zu sagen, wo Herr Lambrecht wohnt. Er wohnt in Marydale in Afrika, also weit genug von Ihrer Tante entfernt, um eine Begegnung nicht leicht möglich zu machen." „Aber die weite Reise!" seufzte Rosalie, „sie würde gewiß viel Geld kosten." „Gewiß, aber das macht keinen Unterschied", tröstete der väterliche Freund. „Sie bedürfen auch für das heiße Klima dort drüben eine ganz andere Ausstattung wie hier zu Lande. Herr Lambrecht stellt Ihnen zu diesem Zwecke ganz unbeschränkte Mittel zur Verfügung. Leider bin ich ein Junggeselle und kann Ihnen daher keinen Rath ertheilen, aber meine Schwester lebt bei mir, sie hat Erfahrung in solchen Sachen und wird Ihnen gern helfend zur Seite stehen. Das Beste wäre, Sie blieben vorläufig ganz bei uns — Ihre Tante dringt ohnehin morgen auf eine Entscheidung — seien Sie unser Gast, bis wir eine passende Reisebegleitung für Sie gefunden haben. Nun, was sagen Sie zu diesem Plane?" „Ich bin überglücklich, aber — —" „Kein Aber; die Sache ist abgemacht. Sie kommen zu uns, so bald Sie wollen, dann überlegen wir es mit der Reise in aller Ruhe." Rosalie stand ganz verwirrt, aber sie brachte kein Wort hervor. Vielleicht ahnte Herr Hollmann den Grund ihrer Verlegenheit, denn er sagte in seiner jovialen Weise: „Sie werden noch Mancherlei bedürfen, wollen auch gewiß gern der Dienerschaft im Hause zum Andenken Geschenke machen. Hier, es ist Ihr Geld. Herr Lambrecht wünscht es so. — Sagen Sie kein Wort, Sie haben noch eine große Summe bei mir stehen." Er hatte ihr bei den letzten Worten mehrere Goldstücke in die Hand gedrückt, und als sie jetzt nach längerer Zeit ins Freie trat, glaubte sie wirklich, ein schöner Traum hätte ihr neckend liebliche Zukunftsbilder vorgegaukelt, nur das glitzernde Gold in der Hand rief sie in die Wirklichkeit des Lebens zurück. Es war schon sehr spät, die gewöhnliche Stunde des Mittagessens bei der Tante längst vorüber, deshalb beeilte sich Rosalie auch gar nicht, ging in ein Restaurant und ließ sich Essen vorsetzen. Hier sann sie über die Ereignisse der letzten Stunden nach; ein glückliches Lächeln erhellte ihre Züge, als sie der Prophezeihung der Zigeunerin gedachte, die gesagt hatte: „Ehe der Vollmond am Himmel steht, werden Sie Ihr jetziges Heim verlassen." Es war drei Uhr des Nachmittags geworden, als Rosalie endlich ihre kleine Mansarde wieder betrat und Emilie sich gleich bei ihr einstellte. „Die Damen sind alle ausgegangen", berichtete sie freudestrahlend; „soll ich Ihnen Ihr Essen Heraufbringen?" Rosalie schüttelte das Haupt. „Morgen verlasse ich dieses Haus", jubelte sie, „o, Emilie, Sie glauben gar nicht, wie leicht und glücklich ich mich fühle." „Hoffentlich werden Sie es besser haben, wie Sie es hier hatten", versetzte die gute Dienerin. „Es ist gut, daß Sie fortgehen; ich wundere mich nur, daß Sie es überhaupt hier so lange aushalten konnten." Am nächsten Morgen stand der kleine Koffer fertig gepackt. Mit leichtem Herzen ging Rosalie in das Frühstückszimmer, und ihre Tante und Cousinen wunderten sich, daß gerade heute das arme, geplagte Mädchen so zufrieden und glücklich aussah. 730 III. Die brennenden Sonnenstrahlen fielen senkrecht auf die üppigen Gartenanlagen, in denen exotische Pflanzen und stark duftende Blumen große Beete ausfüllten. Alles athmete hier Vornehmheit und wohlthuende Ruhe. Ein hohes, geräumiges Landhaus erhob sich wie ein stolzes Feenschloß; eine breite Terrasse vor demselben mit bequemen Schaukelstühlen oder Hängematten lud zur behaglichen Ruhe ein. Eine breite Flügelthür führte in die inneren Räume des Hauses. Reichthum und Eleganz waren hier vereint, um jedem einzelnen Gemach Bewunderung abzugewinnen, und erinnerten an das Märchen von „Tausend und eine Nacht". In dem Schatten eines mächtigen Baumes lag ein junger Mann von ungefähr sechsundzwanzig Jahren in dem weichen Grase hingestreckt. Mißmuthig schaute er den Ringeln seiner Ctgarette nach, dann schleuderte er sie unwillig von sich, sich aus seiner nachlässigen Haltung emporrichtend. „Halloh, alter Freund! Was fehlt Dir? Du stehst ja aus, wie beständiges Negenwetter", ertönte plötzlich eine heitere Stimme dicht an seiner Seite, und ein junger Mann, einige Jahre älter wie der Freund. Thomas Lambrecht, stand vor ihm auf dem weichen Rasen. „Dein Diener wollte mich zuerst nicht einlassen, Du seist beschäftigt, sagte er mir, aber ich drang doch vor und muß Dich jetzt vor Langeweile schützen." Thomas lächelte gezwungen. Sie waren die besten Freunde der Welt, obgleich der eine ein junger Arzt war und nur mühsam den Kampf mit dem Leben aufnehmen konnte, der andere hingegen der Sohn und Erbe des reichsten Mannes in Marydale. Aber Richard Manners verstand es, sich in der Stadt populär zu machen, hatte sich in der kurzen Zeit seiner Praxis schon einen Namen erworben, und darum sah er auch getrost und freudig der Zukunft entgegen. „Setze Dich zu mir und verplaudere mir die schlechte Laune", bat der reiche Freund, „denn ich fühle mich in einer Stimmung, die kaum zu beschreiben ist." „Warum denn?" fragte der Freund, sich behaglich in einer Hängematte ausstreckend. „Gehen die Geschäfte nicht mehr flott? Sind einige Deiner Schiffe gescheitert?" „Bah! An die Geschäfte denke ich gar nicht. Selbst wenn ich bedeutende Verluste erlitten, würde mir der Gedanke keinen unruhigen Augenblick machen. Das Geld hat für mich nicht den allergeringsten Werth, aber- mein Vater macht mir Sorge." Der junge Arzt fuhr bestürzt aus seiner nachlässigen Stellung auf. Er hatte noch vor zwei Tagen den alten Herrn Lambrecht gesehen, und zwar in blühender Gesundheit und vollkommener Manneskraft. „O, er ist ganz gesund", erwiderte Thomas auf die unausgesprochene Frage seines Freundes, „aber er besteht auf der lächerlichsten Idee der Welt, und nichts kann ihn davon abbringen." „Darf man fragen, was das für eine Idee ist?" „Die ganze Stadt wird es ohnehin in wenigen Tagen wissen — er will eine Tochter adoptiren." Der junge Arzt war höchst erschrocken; die Cigarre entfiel seinen Fingern, dann sah er ungläubig seinen Freund an. „Warum will er das thun?" fragte er sichtlich bestürzt. „Das wag der Himmel wissen — ich weiß es nicht. Ein Mensch, der zweimal in seinem Leben verheirathet war und stets mit der zweifelhaften Gabe einer Tochter verschont geblieben ist, sollte doch nach meiner Meinung allen Grund zur Dankbarkeit haben." „Ist sie noch sehr jung?" „O nein, sie ist längst erwachsen; wenigstens zwanzig Jahre, vielleicht auch doppelt so alt. ES kam meinem Vater ganz plötzlich.der lächerliche Gedanke, daß seinem Hause eine Dame fehle; er schrieb deshalb an einen ihm befreundeten Rechtsanwalt in Deutschland — und das Resultat ist die baldige Ankunft einer Dame. Bis vor einigen Tagen hatte ich von den Plänen meines Vaters gar keine Ahnung, und ich muß offen gestehen, wir hatten einen heftigen Wortwechsel — sogar den ersten Streit in unserem Leben — als ich davon hörte." „Will er sie denn als Tochter adoptiren?" „Was weiß ich davon", stöhnte Thomas, und sein Antlitz legte sich wieder in drohende Falten, „ich sage Dir ja, ich war in überreizter Stimmung und der schlechtesten Laune der Welt, daher sagte ich meinem Vater, er würde sie schließlich noch wohl heirathen wollen. Was sollte sie denn auch anders hier in unserem stillen, friedlichen Hause ? Mein Vater war ganz empört und sagte, er habe Fräulein von Bornfelds Mutter sehr gut gekannt, und die junge Dame solle die Stellung einer Tochter in seinem Hause ausfüllen." Der junge Arzt schwieg. Er kannte die Familie Lambrecht sehr genau, war er doch als früh verwaister Knabe in diesem reichen Hause erzogen und hatte Kindesrechte dort genossen. Damals lebte noch die erste Gattin seines Wohlthäters, die er aus Deutschland mit herübergebracht hatte, und Thomas war noch ein kleiner Knabe. Doch der unerbittliche Tod riß allzu früh die treue Lebensgefährtin von der Seite ihres Gatten und vernichtete mit grausamer Hand das häusliche Glück. Als Thomas dann größer wurde, schickte ihn der Vater zu seiner weiteren Ausbildung zuerst nach Deutschland, später ein ganzes Jahr auf Reisen. In dieser Zeit gab der reiche Kaufherr seinem Hause eine neue Herrin; sie war eine geistreiche, anmuthsvolle Dame und war drei Jahre hindurch die Freude und der Sonnenglanz des Hauses. Thomas hatte seine Stiefmutter nie kennen gelernt, denn als er nach längeren Jahren in die Heimath zurückkehrte, stand der Vater trauernd und tiefgebeugt an einem frischen Grabeshügel, der sein Liebstes barg. Vater und Sohn schloffen sich jetzt inniger aneinander denn je, und dieses Band der Liebe und Freundschaft befestigte sich von Jahr zu Jahr. Es kam dem jungen Arzt selbst ganz unerklärlich vor, daß dieses häusliche Glück durch die Anwesenheit einer fremden Dame getrübt werden sollte. „Es ist vollkommener Ernst", nahm Thomas wieder das Wort, denn er schien die Gedanken seines Freundes zu lesen, „ich fürchtete anfänglich, der liebe alte Vater sei geistesschwach geworden. Ja, ich will Dir noch mehr sagen, er ist bereits nach der Kapstadt gereist, um seinen Schützling bei der Ankunft des Schiffes selbst in Empfang zu nehmen." „Nun, alter Freund", tröstete der Arzt heiter, „wenn Du mit der neuen Hausgenossin nicht gut leben kannst, so bist Du ja immerhin reich genug, um unabhängig und allein zu leben. Du bist ja der Theilhaber im Geschäft Deines Vaters, da kannst Du doch wohnen, wo Du willst." „Warum sprichst Du Deine Gedanken nicht offen und ehrlich aus und sagst, ich solle heirathen?" 731 Der Arzt lächelte. „Nun, warum thust Du eS nicht?" fragte er dann. Ein cynisches Lächeln spielte momentan um die Mundwinkel des reichen Jünglings, dann entgegnete er nicht ohne Spott und Bitterkeit in seiner Stimme: „Weil ich den Glauben und das Vertrauen an das ganze schöne Geschlecht verloren habe. So lange die Damen jung und schön sind, denken sie nur an Putz und Vergnügungen; werden sie alt, so können sie sich nicht über ihre Haus- und Küchenangelegenhetten emporschwingen." „Das ist ein hartes Urtheil; Du wirst aber Deine Meinung noch ändern." „Niemals." Der Freund schaute den Jüngling ernst und durchdringend an. „Hast Du bittere Erfahrungen gemacht?" fragte er dann langsam. „Hast Du etwa eine Treulose gefunden, die Dein gutes Herz gegen ihr ganzes Geschlecht vergiftet hat? Ist es so, Thomas?" „Hm, vielleicht hastDu recht." Der Arzt spielte nervös mit seiner Cigarre. „Dann muß es vor drei Jahren in Natal gewesen sein — denn seit dieser Zeit merkte ich eine wesentliche Veränderung bei Dir." „Ja, es war vor drei Jahren in Natal. Ich war längere Zeit inGeschäftsangelegenheiten dort. Sie war ein bildschönes Mädchen mit feurigen Augen und schwellenden, kirschrothenLippen. Sie schwur mir Liebe und Treue, und was sonst junge Mädchen dergleichen Sachen weiter sagen. Ich war gerade im Begriff, meinem Vater die Sache mitzutheilen, ihn um seinen Segen zu unserer Vereinigung zu bitten, als-ich meine Geliebte in den Armen eines Anderen überraschte. Unterlass' es mir, Dir die Einzelheiten zu berichten. Er war Commis im Geschäft ihres Vaters, sie bereits Jahre lang mit ihm verlobt gewesen und hatte versprochen, zu warten bis er selbstständtg sei. Natürlich zog sie jetzt den reichsten Mann in Marydale ihrem armen Geliebten vor. Dieses letzte täls-a-täts sollte der Abschied sein; ich überraschte daS Paar und verzichtete natürlich auf die Hand der Treulosen. Merkwürdiger Weise wußte der Commis meine Großmuth gar nicht zu würdigen; er wollte weder vergessen noch verzeihen, und bis heute ist die Falsche noch immer unverhetrathet." „Sie muß eine herzlose Kokette gewesen sein." „Das sind die meisten jungen Mädchen." „Hast Du sie denn noch immer nicht vergessen?" „Ich denke nur noch an ihre Falschheit. Bitte, sprich nicht mehr davon, es ist ja lang vorbei." „Weiß Dein Vater etwas davon?" „Er hat nicht die geringste Ahnung." „So oft er bei uns ist, spricht er davon, daß Du gar nicht daran denkst, Dir eine eigene Häuslichkeit zu gründen. Ich glaube, es geht ihm sehr zu Herzen." „Davon bin ich fest überzeugt." Dr. Manners wohnte in unmittelbarer Nähe von Marydale auf einem kleinen Gute, dem Waldhof, das ihm Herr Lambrecht als Hetrathsgabe geschenkt hatte. Seine junge Gattin war eine zarte, schwächliche Dame, die nur selten ohne körperliche Schmerzen und sehr häufig auf das Krankenlager gebannt war. Drei kleine Kinder trugen nicht wenig dazu bei, die Lasten des kleinen Hausstandes zu vermehren, aber trotz aller Sorge zählen sich die jungen Eheleute zu den glücklichsten Menschen ! der Welt. „O Richard", rief Hilda Manners, als sie ihres Gatten ansichtig wurde, „komme und setze Dich zu mir her, ich habe Dir wunderbare Neuigkeiten zu erzählten! Denke nur, der gute, alte Lambrecht will wieder hei- rathen; seine zukünftige Gattin kommt aus Deutschland herüber, und er ist schon nach der Kapstadt gereist, um sie abzuholen. Thomas soll ganz empört darüber sein; er hat sich in seine Gemächer eingeschlossen und spricht mit keinem Menschen." Der Doktor erzählte den wahren Sachverhalt, und als er geendet hatte, meinte Hilda ernst und nachdenklich: „Ich kann mir denken, wie sehr verstimmt und erregt der gute Thomas ist, ich würde auch ganz empört sein." „Denke aber auch an den alten Herrn, meine liebe Frau, er ist reich, und es macht ihm eine Freude, ein armes Mädchen glücklich zu machen. Ich habe noch nie einen Herrn kennen gelernt, der so sehr wie Herr Lambrecht die Gesellschaft einer Dame entbehrt, und ehe er Fräulein von Bornfeld kommen ließ, hat er seinen Sohn zu überreden versucht, doch bald zu heirathen." „Na, ich fürchte, die Fremde wird nicht seinen Wünschen entsprechen. Sieh' nicht so finster drein, Richard, wenn sie zu uns kommt, soll sie einem freundlichen Empfang entgegensehen." (Fortsetzung folgt.) - » -t- 4> » Das Iarmariussefi in Neapel. Von Clemens Mühlbauer. (Nachdruck verbaler,.) Wer möchte nach Italien reisen, ohne Neapel zu sehen? Die unvergleichliche Lage an dem von einem Kranze malerischer Berge und Inseln umschlossenen Golfe, die Pracht der Vegetation, welche auf dem vulkanischen fruchtbaren Boden der Umgebung in üppigster Weise gedeiht, der meist heitere Himmel, der sich über Land und Meer ausspannt und die wundervollsten Farbentöne darüber- Mac Kintey, erwählter Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. WWW KUMW MMM 732 zaubert, die originelle Bauart der Stadt und die eigen» artigen Sitten ihrer Bewohner, all das macht Neapel zu einer der schönsten und merkwürdigsten Städte der Erde. Auch ich hatte mich gesehnt, diese Wunder zu schauen, doch sie waren nicht der einzige Grund, warum ich, meinen Aufenthalt in Rom unterbrechend, nach Neapel zog. Was mich vor allem dazu bewog, das war eine Thatsache, ebenso eigenartig und merkwürdig wie die Stadt selbst, trotz oder vielmehr wegen der konstanten Sicherheit, mit der sie sich stets wiederholt. Im Dom von Neapel, dem heiligen Januarius geweiht, der als Bischof von Benevent im Jahre 305 zu Puteoli den Martertod erlitt, bewahrt man außer dem Leibe des Heiligen zwei Fläschchen mit dem Blute desselben auf. Solche Blutsläschchen finden sich auch anderwärts, namentlich in Rom; denn die frommen Christen der ersten Jahrhunderte schätzten das Blut, das ihre Mitbrüder für ihren heiligen Glauben zu vergießen gewürdigt waren, als eine kostbare Reliquie und suchten sich desselben, wo es immer anging, zu bemächtigen, indem sie dasselbe mit Schwämmen sammelten und in Fläschchen ausdrückten. Auf solche Weise wurden auch die beiden Blutsläschchen des hl. Januarius gewonnen und kamen bei der Uebertragung der Reliquien mit nach Neapel. Alljährlich nun, am 19. September, dem Feste des Heiligen, und am ersten Sonntag im Mai, dem Feste der Reliquienübertragung, geräth das Blut in Wallung, sobald es dem Haupte des Heiligen nahe gebracht wird, und wird flüssig, wie frisches lebendiges Blut. Das neapolitanische Volk weiß diese Gnade, welche ihm ein Beweis für die gnädige Gesinnung seines Schutzpatrones ist, wohl zu schätzen, und mit der feurigen Begeisterung und der Prachtliebe des Südländers gestaltet es das wunderbare Ereigniß zu einem der großartigsten Feste. Am Vorabend des Festes wanderte ich durch die lange, sanft ansteigende Domstraße, die in gerader Linie vom Meer bis zur portu 8. Ctennaro sich erstreckend die ganze Stadt quer durchschneidet und neben der Toledostraße die Haupt- verkehrslinie der Stadt bildet. Ich fühlte mich unbehaglich inmitten des unbeschreiblichen Gewühles und des grellen Lärmes, um dessentwillen Neapel fast sprichwörtlich geworden. Es gehören starke Nerven dazu, um bei dem ewigen Wagengerassel, dem rasenden Peitschenknallen, den fürchterlichen Tönen der unzähligen Packesel, dem Hämmern der Schuster und Schlosser, dem zudringlichen Geschrei der Kutscher und Kleinwaarenverkäufer seinen Gletchmuth zu bewahren. Unter den wandernden Waaren- verkäufern bemerkte ich viele, welche verschiedene Festandenken feilboten: Statuetten des Heiligen, Bilder, auf denen er stets dargestellt war, wie er mit der segnenden Rechten den gefahrdrohenden Ausbruch des Vesuv unterdrückte, Beschreibungen des Festes und des wunderbaren Vorganges und dergleichen. Allenthalben die ganze Straße entlang waren eifrige Hände damit beschäftigt, Blumenguirlanden von einem Dache zum andern (über die Straße) zu spannen, so daß sie gewissermaßen einen großen farbenprächtigen Baldachin über der Straße bildeten: für das Auge des Fremden ein seltsamer Schmuck. Um der in der Restauration begriffenen Fassade des Domes während des Festes ein würdiges Aussehen zu verleihen, hatte man das Gerüst durch eine aus bemalten Brettern und Teppichen hergestellte Scheinfassade verdeckt. Sie war nicht besonders künstlerisch; die schreienden Farben der Malerei machten einen unschönen Eindruck; allein grelle Farben liebt der Neapolitaner über alles, und diese kostspielige Arbeit wegen eines einzigen TageS war mir ein neuer Beweis für den Eifer eines Volkes, das kein Opfer scheut, um das Fest seines geliebten Patrones möglichst glanzvoll zu gestalten. Als mich am Abend mein Weg wiederum an der Kathedrale vorbeiführte, bot sich meinen Augen ein neues, über die Maßen prächtiges Schauspiel dar. Die ganze Straße, so weit das Auge reichte, strahlte in einem wahren Meere von Licht, welches Hunderte von verschiedenfarbigen Lampen verbreiteten; die aufgeregte, lärmende und heftig gestikulirende Menschenmenge, welche auf der Straße hin- und herwogte, gewährte bei dieser Beleuchtung einen fast phantastischen Anblick. Auch in anderen Straßen, namentlich dem Meere entlang, wiederholte sich das gleiche Schauspiel; denn der Italiener kann sich kein Fest denken ohne Illumination, sie bildet stets einen Glanzpunkt bei jeder Feierlichkeit. Am frühen Morgen des Festtages eilte ich mit mehreren Reisegefährten wiederum zum Dome, dessen weite Hallen bereits mit einer Menge Andächtiger gefüllt waren. Freilich war die Andacht dieser Leute nicht eine Andacht in unserem Sinne; denn sie benahmen sich mit einer Ungenirtheit und Lebhaftigkeit, als ob sie nicht wüßten, daß sie sich im Hause Gottes befanden. Allein man thäte den Neapolitanern Unrecht, wenn man behaupten wollte, sie besäßen kein religiöses Gefühl. Die Lebhaftigkeit ist eben der Hauptzug im Charakter des Neapolitaners; sie begleitet ihn bei allem was er spricht und thut; kein Wunder, daß sie ihn manchmal zu einem Benehmen hinreißt, das dem kühlen Nordländer weniger passend erscheint. Wie tief der religiöse Sinn im Herzen des neapolitanischen Volkes eingewurzelt ist, davon sah ich selbst mehrere Beispiele. Die Beichtstühle im Dome waren von Beichtenden förmlich umlagert, und manche derselben, namentlich Männer aus den niederen Ständen, knieten ohne viel Umstände vor dem Beichtstuhl auf das Pflaster und beichteten statt durch das Gitter durch die Thüre. An einem Madonnenbild am Eingang des Domes ging selten ein Neapolitaner vorbei, ohne demselben einen Kuß zuzuwerfen; die Frauen thaten dies in der lebhaftesten Weise zu wiederholten Malen. Vor einem anderen Madonnenbild sah ich zahlreiche Votivgeschenke aufgehängt, darunter einige von ganz besonderer Art; es waren Dolche und verschiedene Mordwaffen, die sicherlich zur Sühne eines in der Hitze der Leidenschaft verübten Verbrechens der Madonna waren geopfert worden. Die Volksmenge wuchs von Minute zu Minute und drängte sich dem Eingänge einer dem rechten Seitenschiffe angebauten, mit einem Gitter verschlossenen Kapelle zu; es war die eigentliche Schatzkapelle, der tesoro des hl. Januarius, welcher das wunderbare Blut des Heiligen birgt und in der auch regelmäßig das Wunder vor sich geht. Um womöglich unter den Ersten die Kapelle betreten zu können, drängten wir uns ebenfalls an das Gitter heran, waren aber nicht wenig erstaunt, die Neapolitaner, welche aufs heftigste miteinander um die besten Plätze stritten, gegen die korastL (so heißt im Volksdialekte der korsstisrs oder Fremde) ungemein zu vorkommend zu finden. Noch größer war unsere Ueber- raschung, als plötzlich ein Canoniker der Kathedrale auf uns zukam und uns aufs freundlichste einlud, mit ihm in die Kapelle zu kommen. Von ihm erfuhren wir auch den Grund dieser Zuvorkommenheit. Es ist seit Jahren üblich, daß die zum Feste erscheinenden Fremden bevor- § UM!!:!'! 734 zugt werden und stets die ersten Plätze erhalten; es ist ja auch von größter Wichtigkeit, daß gerade die Fremden alle Einzelheiten des wunderbaren Vorganges mit eigenen Augen sehen und prüfen können, um die Wahrheit desselben in aller Welt bestätigen zu können. Noch war niemand vom Volke in die Kapelle zugelassen, und so war es möglich, unter Führung des liebenswürdigen Priesters dieselbe aufs genaueste zu besichtigen. Im 17. Jahrhundert „von der dankbaren Stadt dem Bürger, Schutzpatron und Befreier geweiht, der sie von Hunger, Krieg, Pest und Feuer des Vesuv durch sein wunderthätiges Blut gerettet", zeigt sie den damals herrschenden Stil und ist mit geradezu verschwenderischer Pracht im Sinne jener Prunkliebenden Zeit ausgestattet. Was an kostbaren Marmorarten und edlen Metallen zum Bau und Schmuck der Kapelle verwendet worden, besitzt einen fast unendlichen Werth; Fresken von der Hand der besten Meister, wie Domenichino und Ribera, bedecken Wölbungen und Wände und geben dem Beschauer Kunde von dem glorreichen Martyrium und der hohen Wunderkraft des Heiligen. Hinter dem Hochaltar birgt ein wohl verschlossener Silberschrein die Monstranz mit den beiden Blutfläschchen, sowie das Haupt des Heiligen in einer lebensgroßen silbernen Büste. All das hatte uns unser Führer mit größtem Eifer gezeigt und erklärt; man sah es ihm an, mit welcher Liebe und Ehrfurcht er für das Heiligthum beseelt war, und wie sehr ihm daran lag, auch unser Interesse dafür zu erwecken. Zuletzt führte er uns noch in die zur Kapelle gehörige Sakristei, deren Schränke die kostbarsten Weihegeschenke füllen; die für die Büste des hl. Januartus bestimmte Mitra allein ist mit 3700 Edelsteinen besetzt, darunter viele von bedeutendem Werthe. (Schluß folgt.) -SÄMkS- Die Drei-Kaiser-Elke. Mit Bild.) Im äußersten Südosten unseres Vaterlandes, da, wo die drei Kaiserreiche Deutschland, Oesterreich und Rußland zusammenstoßen, liegt als letzte preußische Station der Breslau und Krakau verbindenden Eisenbahn Mys- lowitz, eine gewerbthätige, lebhafte Stadt mit etwa 11,000 Einwohnern. Von' den Hügeln, auf denen dieser Ort sich erhebt — den letzten Ausläufern des kohlenretchen Tarnowitzer Höhenrückens - genießt man einen wetten Ausblick nach Russisch-Polen hinein, das hier durch die etwa 25 Meter breite Schwarze Przemsa, die sich nach einem Laufe von zehn Meilen in die Weichsel ergießt, von Deutschland getrennt ist. Myslowitz unmittelbar gegenüber erblickt man die russische „Stadt" Modrzejow, einen Haufen von elenden Holzhäusern mit etwa 600 Einwohnern. Wem daran gelegen ist, das Treiben in diesem Orte zu beobachten, kann auch ohne den sogenannten Halbpaß (eine auf acht Tage ausgestellte Legitimation für den Grenzverkehr) bis dicht an das russische Zollamt vordringen; die Holzbrücke, die Myslowitz und Modrzejow verbindet, ist fortwährend von Fuhrwerken belebt. Auf dem Marktplatze, den man von ihr aus zum größten Theile übersehen kann, herrscht stets ein lebhaftes Handelstreiben, besonders mit Borstenvieh; im Zollamt gehen unaufhörlich Leute aus und ein, und Grenzkosaken, die vor einem Schilderhause sitzend oder stehend daS Ende der Brücke bewachen, lassen sich ohne Scheu vor den Augen der Fremden von den Vorübergehenden kleine Geschenke zustecken. Von dem am südlichen Ende der Stadt Myslowitz gelegenen Bahnhof gelangt man an einigen villenartigen Häusern vorbei, die von reizenden, bis an die Przemsa sich herabziehenden Gärten umgeben sind, auf einen Weg, der nach dem nahe der Drei-Kaiser-Ecke gelegenen preußischen Dorfe Slupna führt, dessen Name (von slux^, Pfähle) schon die Lage an der Grenze andeutet. Der Weg zieht sich zunächst zwischen den schönen, saftigen Przemsawiesen zur Linken, sowie einem hohen Bahndamm zur Rechten entlang; letzterer ist in seiner ganzen Ausdehnung mit Gebüsch bepflanzt, um ihm dadurch mehr Festigkeit zu verleihen, da er auf sogenanntem schwimmendem Gebirge, einer unterirdischen wasserführenden Schicht, errichtet ist. Nach einem Spaziergang von einer knappen halben Stunde, der uns durch ein anmuthtges Birkenwäldchen führt und besonders in seinem letzten Theile hübsche Ausblicke auf die Przemsa gewährt, die zwischen Weidengebüsch in sehr starken Krümmungen da« hinströmt, gelangt man nach Slupna. Hier lag einst das im vorigen Jahre abgebrannte „Schloß" des fürstlich Sulkowskischen Geschlechts, ein einstöckiger Holzbau, der sich in seinem Aeußern kaum von den Häusern der Dorfbevölkerung unterschied. Um so merkwürdigere Dinge weiß uns der Geschichtskundige von den beiden letzten Abkömmlingen dieses Geschlechts zu berichten, von denen der erste, Johann Sulkowskt, in der Zeit Napoleons I. an der Spitze eines Corps von zweihundert polnischen Aufrührern der preußischen Regierung in Oberschlesien eine Zeit lang viel zu schaffen machte, bis er endlich von der österreichischen Regierung, gegen die er ebenfalls eine Empörung anzettelte, ins Gefängniß geworfen wurde, in dem er starb. Noch ärger trieb es sein Sohn Max, der in seinem Hause jahrelang die schlimmsten Orgien feierte und schließlich eine seiner Kreaturen zur Ermordung seiner edlen Mutter anstiftete, noch heute aber von der irdischen Gerechtigkeit nicht ereilt ist. Sobald man das letzte Haus des Dorfes hinter sich gelassen, hat man das ganze eigenartige Panorama der Drei-Kaiser-Ecke vor sich. Zwischen dem preußischen Ufer, das ziemlich hoch ansteigt, und dem der Nachbarstaaten, das von weithin sich erstreckenden Wiesen gebildet wird, eilt in heftiger Strömung die Schwarze Przemsa dahin, die zunächst die Grenze zwischen Deutschland und Rußland, sodann zwischen Deutschland und Oesterreich bildet; von Osten ergießt sich in sie die Weiße Przemsa, die Oesterreich und Rußland voneinander scheidet. Beide Flüsse tragen ihren Namen nicht mit Unrecht. Das Wiffer der Schwarzen Przemsa sieht in Folge der vielen Grubenwässer, die es während seines Laufes aufnimmt, schmutzig trübe, das der Weißen, das einen sandigen Untergrund hat, hell und klar aus, und noch eine weite Strecke unterhalb der Vereinigung sieht man deutlich die Gewässer beider Flußläufe durch eine scharf erkennbare Linie getrennt. Während früher nichts die idyllische Ruhe der Drei- Kaiser-Ecke störte, bietet diese seit dem vorigen Jahre ein belebteres Bild, da die russische Regierung auf ihrem Antheil, der mit einem spitzen Winkel in den Fluß vorspringt, eine Station zur Verladung der Kohlen angelegt hat, die von den nahen Gruben auf einer Kleinbahn hicrhergeschafft werden. Außer einigen hölzernen 735 Gebäuden, in deren düsteres Schwarz nur die gelbliche Farbe der Thüren und Fensterkreuze ein wenig Abwechslung bringt und über denen die weiß-blau-rothe russische Flagge weht, sieht man hier am Ufer der Schwarzen Przemsa ein hölzernes Bollwerk, bis zu dem die Bahn- geleise unmittelbar herabführen; vermittelst fünf Rollen können von hier aus ebenso viele Brücken bis dicht über den Wasserspiegel herabgelassen werden, an die dann die Kähne unmittelbar anlegen, die den Kohlenverkehr nach den Weichselstädten vermitteln. Diesesogenannten Galeeren, sehr primitive flache Fahrzeuge, sind etwa 18 Meter lang, 4 bis 5 Meter breit und mit einfachem Steuerruder versehen; mitten darauf befindet sich eine kleine Bude, die für Geräthe bestimmt ist. Sie werden stromaufwärts von Pferden gezogen, die ohne Sattel von den sogenannten Trybarze (Treibern) gelenkt werden, und brauchen für die Strecke von der Dret-Kaiser-Ecke bis zu ihrem führenden Bahn dahinbraust, wird in näherer oder weiterer Entfernung sichtbar, zunächst Modrzejow, dahinter die in neuerer Zeit außerordentlich aufblühende russische Grenzstation Sosnowice. Mit Vorliebe macht man von der Drei-Katser-Ecke aus einen Abstecher auf das nahe österreichische Gebiet, mit dem Preußen durch die über die Przemsa führende Eisenbahnbrücke verbunden ist, und das man ohne Paß betreten darf. Ein Häuschen auf der Brücke ist für den „Finanzwächter", einen aus Krakau oder Lemberg ab- kommandirten Soldaten, bestimmt, der zur Verhinderung des Schmuggels hierher gesetzt ist, uns aber mit echt österreichischer Gemüthlichkeit das Ueberschreiten der Brücke und das Betreten des Bahndammes gestattet. Gern werfen wir von der Brücke, die auf drei mächtigen, 20 Meter hohen Pfeilern ruht, einen Blick auf den tief unter uns rauschenden Fluß und seine Umgebung; aber Vellrnberg. Original-Aufnahme von Gustav Baader^,Photograph in Krumbach. fVerviclfältigungSrccht vorbehalten.; Endziele Krakau sechs bis acht Tage. Stromaufwärts, bis Myslowitz, bringen sie die Erzeugnisse Galiziens, besonders Thon und Bretter, auch Kartoffeln. Uebrigens hofft man, daß in nicht zu langer Zeit eine Dampferverbindung der Dret-Kaiser-Ecke mit Krakau und Warschau hergestellt werden wird. Nicht weit von der Verladestation liegt das russische Dorf Niwka mit einem großen Kohlenbergwerk; das Dorf bietet aus der Ferne durch die hohe hölzerne Kirche und die mächtigen alten Bäume, die die Blockhäuser der Einwohner überragen, einen freundlichen Anblick; am Ende des Dorfes erkennt man die Ruine eines massiven Gebäudes, des ehemaligen katholischen Pfarrhauses, dessen letzter Bewohner den polnischen Aufstand des Jahres 1863 begünstigte und dafür auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt wurde, während man sein Haus zum abschreckenden Beispiel zerstörte. Eine Anzahl russischer Ortschaften, zwischen denen gelegentlich ein Zug der nach Warschau weit lockender noch ist bei klarem Wetter der Blick von hier nach Süden auf die Beskiden, den nördlichen Zug der Karpathen, die in bläulichem Schimmer sich in langem Zuge am Horizonte dahin erstrecken. Machtvoll liegt vor uns die 1725 Meter hohe Babia Gura, auf deren Nordabhang wir mit bloßem Auge eine Menge von scharfen Riffen und Spalten erkennen können, in deren Umgebung außer im Hochsommer stets wette Schneefelder sichtbar sind. Ostwärts ziehen sich endlose Kieferwaldungen auf österreichischem Gebiete entlang, über die mehrere Höhen hinausragen, von deren einer das galizische Städtchen Jaworzno mit seinem hohen Kirchthurm niederblickt. Eine Kapelle, die wir von der Brücke aus auf dem nahen preußischen Höhenzuge wahrnehmen, weiß uns von dem einzigen Gefecht, das an dieser Grenzscheide 1866 auf deutschem Boden (am 27. Juni) stattfand, zu erzählen. Schreitet man den Bahndamm hinab, so gelangt man auf einem Wiesenpfade zu dem galizischen Dorfe Jenzor, 736 dessen alleiniger Anziehungspunkt in seinem Gasthause besteht, das uns um, billiges Geld einen guten Ungarwein bietet. R. Palleskc. -—- Bellenberg. (Mit Bild.) Vier Stunden oberhalb Ulm liegt links von der Bahnlinie nach Memmingen am Bergabhang in reizender Lage das Dorf Bellenberg. Vom Scheitel des Berges, der sich über dem Dorf erhebt, leuchtet eine freundliche Kapelle in's schöne Jllerthal. Schon der halblateinische Name des Dorfes verkündet die Schönheit des Berges, denn Bellenberg heißt zu deutsch „Schöneberg" (Bel- mont, Alants döllo — schöner Berg) — ein Name, den wohl in alter Zeit ein poetischer Rittersmann oder schon die Römer dem Orte gegeben, welche vor 1700 Jahren auf und an dem schönen Berge saßen. Da, wo heute die Kapelle steht, stand ein römischer Wachtthurm, zum Schutze der Römerstraße, welche von Jllertifsen her über Bellenberg nach Finningen und von da über Straß und Bühl nach Günzburg (Lluntia.) lief. Wohl 200 Jahre lang trieben die römischen Soldaten im Wacht- thurme ihr Wesen; unter ihrem Schutze hatten sich wohl auch römische Ansiedler am Berge seßhaft gemacht. Da kamen die wilden Alemanen, brachen den Wachtthurm und vertilgten, wie überall, auch hier die römischen Co- lonisten. Nun kam eine lange Nacht in der Geschichte von Bellenberg und Umgebung. Erst im Mittelalter wird es wieder etwas helle. Nach Karls des Großen Zeit kam Bellenberg als Zugehörde zu dem alten Schwaben- lehen Laupheim mit mehreren Resten des alten Jller- gaues an die Grafen von Kirchberg. Nach deren Auk- sterben erscheinen eigene Ritter von Laupheim, welche auf den Ruinen, des römischen.WachtthurweS auf Bellenberg eine mittelalterliche Burg erbauten, die Jahrhunderte lang die Gegend zierte und erst im Jahre 1374 im Städtekrieg von den Ulmern zerstört wurde. Nach dem Aussterben der Ritter von Laupheim fiel das Schwabenlehen Laupheim, wozu Bellenberg gehörte, am Anfange des 14. Jahrhunderts an die Herzoge von Oesterreich. Diese verpfändeten um das Jahr 1407 die Beste Laupheim sammt Bellenberg an Ritter Hans den Langen von Ellerbach, der damals auf Neuburg an der Kammel saß. Fast 200 Jahre lang blieb das Geschlecht der Ellerbach im Besitz von Bellenberg. — Im Jahre 1570 hinterließ es Eitel Hans von Ellerbach bei seinem Tode seinen 3 Töchtern Anna, Apollonia und Ursula als Erbeigenthum, doch so, daß jede der Schwestern je */, von Bellenberg besaß. Anna stiftete im Jahre 1585 das Spital in Laupheim für Arme von Bellenberg und Laupheim, und vermachte dazu ihren dritten Theil und 20,000 Gulden an Bellenberg. Ein Drittheil von Bellenberg kam im Jahre 1582 wahrscheinlich — sei es durch Heirath oder Erbschaft — an die Herren von Weiden als Inhaber von Laupheim, das andere Drittel an die Herren v. Rechberg, von welchen einer in einem Anfall von recht übermüthiger Junkerlaune den ganzen Ort an einen Herrn von Pappenheim gegen ein Reitpferd verkauft haben soll. Thatsache ist, daß die Pappenheim das Dorf und den Schloßberg vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis 1753 besaßen, wo sie die Ritterherrschaft Bellenberg an den Herrn v. Stein in Niederstotztngen verkauften, während die Herren v. Melden vom Jahre 1582—1778 auf die Pfarrei präsentirten. Im Jahre 1764 löste Graf Leo v. Rechberg Bellenberg, diese alte Besitzung seiner Familie, wieder zurück, verkaufte sie aber schon im Jahre 1784 wieder um 82,000 fl. an Philipp Adolph v. Hermann, einen Memmtnger Patrizier, der auf dem Berge wieder ein Schlößchen baute und den Landsitz mit Gärten verschönerte. Bei der Säkularisation verkaufte Bayern im Jahre 1804 das von Frhrn. v. Hermann erbaute Schloß sammt den in 2 Höfe abgetheilten Oekonomiegebäuden und einer Hammerschmiede an Frhrn. v. Weiser. Das Dorf zählt heute etwa 540 Einwohner. ->» -t - - Mac Kinley, Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. (Mit Porträt.) Der Lebenslauf Mac Kinley's ist echt amerikanisch. Er ist am 26. Februar 1844 zu Niles in Pennsylvanien geboren. Mac Kinley ist daher 52 Jahre alt. Sein Vater war ein kleiner Eisengießer, besten neun Kinder darauf angewiesen waren, ihr Brod durch eigene Arbeit zu verdienen. Der jetzige Präsident William Mac Kinley mußte bereits im Alter von siebzehn Jahren für seine Bedürfnisse selbst sorgen und begann sein'' Laufbahn als Lehrer in einer Schule und später als kleiner Beamter in einem Postbureau. Der Vater wollte ihm jedoch eine höhere Carriere erschließen, und mit den größten Anstrengungen gelang es, William an einer Rechtsakademie zu Poland unterzubringen. Während des Krieges wurde er Adjutant des berühmten Generals Hahes. Vierzehn Monate stand er unter den Waffen. Mac Kinley zeichnete sich durch Tapferkeit und sein organisatorisches Talent derart aus, daß ihm der Präsident Lincoln das Majorspatent verlieh. Nach Beendigung des Krieges verließ Mac Kinley die Armee im Alter von 22 Jahren als rühmlicher Soldat im Range eines Majors, aber ohne irgend welche Mittel des Unterhaltes. Er beendigte rasch seine Studien und etablirte sich im Staate Ohio als Advocat. Die ganze Misere eines Anwaltes ohne Clienten hatte Mac Kinley durchzukosten. Er heirathete bald darauf die Tochter eines Advocaten. Seine Ehe war jedoch nicht glücklich, da seine Frau schon zwanzig Jahre lang schwer leidend ist und die Zeit damit verbringt, im Lehnsessel warme Strümpfe für arme Kinder zu stricken. Dieser Schlag traf Mac Kinley sehr hart, denn er hat einen warmen Familiensinn, und in ganz Amerika ist die Verehrung bekannt, mit welcher er seine greise Mutter behandelt, die jetzt noch die Freude erlebt, ihren Sohn als Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sehen. Im Jahre 1877, im Alter von 33 Jahren, trat Mac Kinley als Abgeordneter von Canton in Ohio in den Congreß ein. Mac Ktn- ley führte die nüchternste und mäßigste Lebensweise und war im Congresse so angesehen, daß er zum Sprecher vorgeschlagen wurde. Er unterlag jedoch bei der Wahl, und nach alter Sitte wurde ihm die Obmannschaft des Budgetausschuffes zugewiesen, was gleichbedeutend ist mit der Führung des Repräsentantenhauses. Nun begann Mac Kinley seine Agitation für den Schutz, und es gelang ihm, den Hochschutzzöllnerischen Tarif des Jahres 1890 durchzusetzen. An den Namen Mac Kinley knüpfte sich damals die größte Gewalt in den »Vereinigten Staaten. -—«M-cs-- Kombinations-Riithsel. koke, Leiter, Dumm, Herren, Vier, 8i»unue, 8onne, Letter, Hirn, Lamm, IViinI, Lest. Aus jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umwandlung eines Buchstabens ein neues Wort zu bilden. Die umgewandelten Buchstaben ergeben im Zusammenhang einen muthigen Wahlspruch. _ Auflösung des Arithmogriphr in Nr. 93: vhampagner. Lämmer, .ihnen, Aappe, Lage, rtrmee, Kran, Aachen, Lgge, Lache. -S-WÜNS-