HL 96. Kreitag, den 20. November 189k. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarilchen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Am fremden Lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) DaS große, eiserne Passagierschiff „Trojan" hatte fein Ziel, die Kapstadt, bald erreicht. Am nächsten Morgen sollten sich die Reisenden trennen, die während der langen Ueberfahrt sich in enger Freundschaft anein- andergeschlossen hatten. Die älteren Damen waren in den Kajüten mit dem Einpacken ihrer Koffer beschäftigt, während die jungen Leutchen gruppenweise auf Deck standen, Versprechungen nahmen und gaben, durch rege Correspondenz die neuen Freundschaftsbezichungen auch fernerhin zu unterhalten, oder — was freilich seltener geschah — einen nahen Besuch in Aussicht stellten. Etwas getrennt von dieser heiteren Gesellschaft faß eine junge Dame in leichtem crsme-farbenem Spitzenkleide und einen leichten, seidenen Shaw! graciös um die Schulter geschlungen. Sie war nicht aus dem Grunde allein, weil sie keine Freundschaft am Bord des Schiffes gefunden hatte, nein, ein jeder der Reisenden fühlte große Zuneigung zu dem „kleinen, lieblichen Fräulein Nosalie", und Madame Darby, eine muntere, kleine Französin, deren Schutz die junge Dame anvertraut war, dachte oft im Stillen, ihr lieber Schützling würde das Schiff als glückliche Braut verlassen. Aber Rvsalie von Bornscld wollte heute am letzten Tage ihrer Reise Mit ihren Gedanken allein sein. Sie stand ja am Wendepunkte ihres Lebens und grübelte vergebens darüber nach, was wohl die Zukunft für sie bringen würde. Selten war auch wohl in der äußeren Erscheinung einer jungen Dame in so kurzer Zeit eine solche wesentliche Veränderung hervorgerufen, wie es in den wenigen Wochen bei Nosalie der Fall gewesen war. Die Schwester des alten Herrn Hollmann hatte sich mit mütterlicher Liebe und Sorge der armen, verlassenen Waise angenommen, nicht allein für eine elegante, dem heißen Klima angemessene Garderobe gesorgt, sondern ihr «ehr gegeben, als man durch Gold und Reichthum erringen kann — ein Herz voll von hingebender, treuer Liebe. In diesem warmen Sonnenscheine entwickelte sich die welke Menschenblüthe zu kaum geahnter Pracht und Schönheit; und als nach mehreren Wochen die Zeit der Abreise herannahte, war der ängstliche, leidende Zug aus dem jugendlichen Antlitz gänzlich verschwunden und hatte einem lieblichen, freudevollen Ausdruck Platz gemacht. Madame Darby, eine reiche, kinderlose Wittwe, die anch nach Afrika reiste, hatte gern die junge Reisegefährtin unter ihren mütterlichen Schutz genommen und schenkte ihr auch dieselbe Liebe, die Fräulein Hollmann im Herzen der jungen Dame gesäet und die so herrliche Früchte gezeitigt hatte. Es war schon spät geworden; viele der Passagiere stiegen nach und nach in ihre Kajüten hinab, nur Nosalie blieb noch allein. ES war ein herrlicher Abend. Tausende von glitzernden Sternen funkelten am tiefblauen hohen Himmel, und in diesen majestätischen Anblick versunken, wurde sie plötzlich durch eine leise Stimme ganz in ihrer Nähe gestört: „Kommen Sie an die andere Seite deS Deckes, gnädiges Fräulein, da können Sie den Mond sehen, der sich silberweiß im Wasser wiederspiegelt." Vielleicht war es nur das anziehende Licht des Mondes, vielleicht auch der Grund, daß es an der anderen Seite des Schiffes ganz menschenleer war, Nosalie stand traumverloren von ihrem Sitze auf und nahm den angebotenen Arm eines reichen Engländers, Mr. Leslie, und schritt langsam an seiner Seite der entgegengesetzten Richtung zu. Doch zum Erstaunen der jungen Dame wandte er seine Aufmerksamkeit gar nicht dem leuchtenden Himmelsgestirne zu, sondern begann in seiner kurzen, gemessenen Weise: „Ich bin kein Freund von vielen Worten, aber ich liebe Sie mit der ganzen Kraft meines Herzens, und wenn Sie einwilligen, meine Gattin zu werden, soll es mein stetes Bestreben sein, Sie glücklich zu machen." Nosalie erbebte; ein kalter Schauer durchrieselte ihre zarten Glieder trotz des heißen Sammeltages. Sie achtete den reichen Engländer sehr hoch, sie hielt ihn auch für edel, treu und großmüthig, sie liebte ihn wie einen Freund, aber ein tieferes Gefühl hegte sie nicht für ihn. „Bitte, sagen Sie das nicht", flüsterte sie leise, „ich achte Sie sehr hoch, aber ich ahnte nicht, daß Sie solche Gedanken hegten." „Ich liebe Sie so sehr", fuhr der Engländer un' beirrt fort, „daß mir alle Schätze der Welt gering gegen Ihren Besitz erscheinen. O, meine Geliebte, wollen Sie das Glück Ihres Lebens nicht in meine Hände legen und geduldig warten, bis Sie gelernt haben, mich zu lieben?" Er erfaßte ihre zarten Finger und führte sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen. Sie ließ eS ruhig geschehen, doch antwortete sie fest: 738 „Ich kann es nicht.« „Denken Sie an sich selbst, wenn Sie nicht an wein Glück denken wollen, Rosa, Sie sind viel zu jung und viel zu schön, um ohne Beschützer durch dieses rauhe Erdcnlcben zu pilgern. Darum kommen Sie zu wir, als meine geliebte Gattin, selbst wenn Sie jetzt nur das Gefühl der Freundschaft für mich hegen.« Doch die junge Dame schüttelte nur traurig mit dem Kopfe. „Sie sind noch so jung, kaum zwanzig Jahre alt", beharrte Mr. Leslie, „als meine Gattin würden Sie mit der Zeit lernen, mich zu lieben.« „Ich glaube nicht, daß Liebe gelernt werden kann. Liebe kommt plötzlich, in einem einzigen Augenblick; sie kann weder erkauft noch verkauft, ebenso wenig aber auch gelehrt oder gelernt werden.« „Sie haben Recht«, gab der Engländer zu, „aber, Fräulein Nosalie, ich würde Sie glücklich gemacht haben. Ich bin nicht ein armer, unbedeutender Reisender, für den Sie mich vielleicht halten, ich habe eine große, reiche Besitzung in England, jedoch irdische Schätze haben für Sie keinen Werth, andere Mädchen würden dadurch geblendet sein. Darum sagte ich Ihnen nur von meiner Liebe.« „Liebe ist besser als Gold und Reichthum«, versetzte Nosalie träumerisch, „aber ich freue mich für Sie, daß Sie reich sind und es mir gesagt haben, Herr Leslie, Sie wissen nun doch, daß dieser Glanz mich nicht bethörte.« „Der Himmel segne Sie, mein Liebling, und gebe Ihnen viel Glück, wenn auch dasselbe sich auf den Ruinen meiner zertrümmerten Hoffnungen erhebt." „Rosa! — Rosa!« rief plötzlich eine helle Stimme. „Hat Niemand Fräulein Nosalie gesehen? — Rosa, mein Kind, wo sind Sie?« Mr. Leslie drückte noch einmal die kleine, zitternde Hand, dann führte er die junge Dame ihrer Beschützerin zu. „Das Fräulein ist hier, Madame Darby", sagte er verbindlich, „ich Habs ihr den Mondschein im Wasser gezeigt." Die Französin bezweifelte seine Worte, aber sie sagte nichts. Erst als sie allein mit der jungen Dame in der Kajüte war, fragte sie freundlich: „Darf man grntuliren?" Nosalie schüttelte das Haupt. „Ich konnte nicht „Ja" sagen«, gestand sie schüchtern, „aber Madame Darby, wie konnten Sie das errathen ?" „Mein liebes Kind, ich bin doch nicht blind! Ein Jeder hier auf dem Schiffe merkte die Absicht des Engländers; wir glaubten auch, seine Liebe würde erwidert.« „Er ist sehr gut, aber-« „Aber er ist nicht der Rechte", ergänzte die alte Dame heiter. „Ich glaube, viele Leute würden es Ihnen arg verdenken, diese verlockende Partie ausgeschlagen zu haben, aber ich tadle Sie deshalb nicht. Mr. Leslie ist zwar reich, aber es steht schlecht mit seiner Gesundheit, und seine Gattin würde bald Wittwe sein.« „Daran habe ich gar nicht gedacht." „Ich weiß es, aber da Sie jetzt die Hand des reichen Engländers ausgeschlagen haben, möchte ich Ihnen vor unserer Trennung noch eine gute Lehre mit auf den Weg geben. Ich habe noch gar nicht mit Ihnen über die Familie Lambrecht gesprochen, und ich hatte guten Grund dazu.« „Ich glaubte, die Familie sei Ihnen gar nicht bekannt, Sie wohnen doch von Marydale so weit entfernt«, versetzte Rosa. „Hm, ich kenne die beiden Herren sehr gut. Der alte Herr ist ein guter Mann; er Hai das beste Herz von der Welt, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie vor seinem Sohne zu warnen. Thomas L anbrecht ist ein jähzorniger, aufbrausender Mensch, dabei falsch und heuchlerisch.« „Ich werde wahrscheinlich nicht viel mit ihm zusammenkommen«, lächelte Rosa, „er ist ja kein Kind mehr, sondern längst zum Manne herangereift.« „Er ist etwa sechsundzwanzig Jahre, ein selbstbewußter, anspruchsvoller Mann und vollständig herzlos. Vor drei Jahren verlobte er sich mit einer meiner Nichten in Natal. Linda River ist ein liebevolles, treues Mädchen, und, gänzlich mittellos, war es für sie ein Glück, eine glänzende Partie zu machen. Aber selbst die engcls- sanfte Linda konnte seine Launen nicht ertragen. Nach kaum vierwöchiger Verlobung löste sie ein Verhältniß, das sie nach dieser kurzen Frist nicht länger ertragen konnte. Die ganze Familie River ist arm, daher wäre es ein Glück gewesen, mit der reichsten Familie im Lande verwandt zu sein, aber Linda hatte wohl Ursache, die Trennung zu veranlassen.« „Ist Ihre Nichte jetzt verheiratet?« „Nein, er aber auch nicht. Vielleicht hat er seinen Fehler eingesehen und ist jetzt zu stolz, Linda um Verzeihung zu bitten.« Nosalie glaubte jedes Wort. Es war ja Niemand hier, der Madame Darby widersprach, und diese ahnte selbst den Irrthum nicht, in dem sie sich befand. — Als Thomas Lambrecht seine Geliebte in den Armen eines Anderen überraschte, hatte er ihr selbst angeboten, ihrem Vater und ihrer ganzen Familie gegenüber alle Schuld der Trennung auf sich zu nehmen. „Du kannst sagen, Du habest Dich in Deinen Gefühlen gegen mich getäuscht und liebtest mich nicht«, sagte er Linda. „Gib Deinem Vater irgend einen Grund an, den Du willst, ich werde niemals widersprechen. ES würde ihm ja ohnehin schmerzlich sein, die Wahrheit zu erfahren, und daß ich Dich in den Armen eines anderen Mannes gefunden habe.« Linda befand sich nun in einer peinlichen Lage. Sagte sie die Wahrheit, so mußte sie fürchten, ihr langjähriger Bräutigam könnte das Geschäft ihres Vaters und die Stadt verlassen. Folgte sie dem Rathe des großmüthigen Thomas, so mußte sie den Zorn ihres Vaters fürchten. Sie hatte noch vier Schwestern, keine war versorgt, das Geschäft des Vaters stand schlecht, und oft befand er sich in den größten Geldverlegenheiten. So erdachte sie sich nun die Geschichte seines Jähzorns und wußte denselben so haarsträubend zu schildern, daß Herr River ganz außer sich über den schlechten Charakter des jungen Mannes gerieth. Einige Geschäftsfreunde, die den jungen Lambrecht kannten, nahmen ihn in Schutz, aber vergebens. Herr River kannte die Liebe feines Kindes für Gold und Reichthum; sie mußte also triftigen Grund haben, diese glänzende Verlobung schon so bald zu lösen. Doch das Glück schien von dem Hause zu fliehen. Lin- da's erster Verlobter erbte ein bedeutendes Vermögen, gründete ein eigenes Geschäft und heirathete ein anderes Mädchen. Das Geschäftshaus River mußte seine Zahl- ungen einstellen. Der Vater war nach längerer arbeits- loser Zeit froh, eine untergeordnete Stellung zu finden. Seine Gattin und seine fünf Töchter gerieten in Noth und Elnrd, so daß die Mutter oft rief: „Ob jähzornig oder nicht, es wäre doch besser gewesen, Linda hätte Thomas Lambrecht gcheirathet." Madame Darby war die einzige reiche Verwandte dieser hartbedrängten Familie, und oft hatte ihre stets gefüllte Börse die bitterste Noth gelindert. Während der langen Seereise hatte sie Nosalie von Bornfeld lieb gewonnen und in der besten Absicht das junge Mädchen vor dem heftigen Temperament des jungen Larnbrecht gewarnr. Vielleicht beurtheilte sie die ihm angedichteten Fehler auch allzu streng, wenn sie bedachte, daß die hilfsbedürftige Familie einen großen Theil ihrer Sorgen auf seine Schultern gewälzt haben würde, sobald er mit Linda vereint lei, jetzt hingegen mußte sie dieselben fast gänzlich allein tragen. „Wer weiß, vielleicht versöhnen sich die Liebenden wieder", meinte Rosa nachdenklich, „wenn sie sich wirklich lieben, so wird Thomas um ihretwillen lernen, seinen Zorn zu beherrschen." „O nein, mein Kind, daran ist gar nicht zu denken. Ich will nur hoffen, sein Vater wird Ihnen stets zur Seite stehen und niemals dulden, daß er Sie in seinem Hause beleidigt." Es war noch früh, als Nosalie am nächsten Morgen erwachte. Doch Madame Darby stand schon angekleidet bereit, eine kleine Reisetasche in der Hand und fertig, die Kajüte und das Schiff baldmöglichst zu verlassen. Rosa machte schnell Toilette. Dank der treuen Fürsorge Fräulein HollmannS hatte sie eine große Auswahl in ihrer Garderobe. Sie wühlte ein leichtes, graues Reise- kleid, welches durch elegante Einfachheit die Anmuth der jungen Dame nur erhöhte. Dann eilte sie auf Deck, wo sie jetzt nur wenige Passagiere antraf. Die meisten der Reifenden befanden sich bereits auf dem Festlande, andere standen auf der Landungsbrücke und wurden dort von ihren Freunden oder Verwandten umringt und stürmisch begrüßt. Rosa stand allein. Ein namenloses Gefühl des Elends und der Einsamkeit be- schlich sie beim Anblick der vielen fremden Menschen und deS neuen Erdtheils, den sie nach wenigen Minuten betreten sollte. Doch ehe sie wußte, wie ihr geschah, fühlte sie sich von zwei starken Armen umfaßt, zwei leuchtende blaue Augen schauten liebevoll auf sie herab, und sie fühlte einen Kuß auf ihren heiß erröthenden Wangen. Ein großer, breitschultriger Mann stand vor ihr, der in seinem stattlichen weißen Vollbart älter aussah, als er in Wirklichkeit war. „Willkommen in Afrika!" rief er heiter. „Du mußt meine kleine Rosa sein, denn Niemand anders als Du kann die Augen Deiner Mutter haben. Hoffentlich können wir Dich in Deinem neuen Heim glücklich machen." Nosalie schaute den fremden Herrn lange an; ihre Augen füllten sich mit Thränen der Freude und des Dankes. Diesem Manne konnte sie vertrauen; er würde sie schützen gegen die Launen seines leicht erregbaren Sohnes. „Ja, ich bin Nosalie", sagte sie leise, «eS ist sehr, sehr gütig von Ihnen, mir bis hierher entgegenzukommen." „So darfst Du nicht mit mir reden", scherzte er heiter, „Du mußt mich „Onkel" und „Du" nennen. Deine liebe Mutter war meine Pflegeschwester, also habe ich ein Anrecht auf diesen Namen und auf Deine Liebe; also: „Onkel Robert", willst Du es auch nicht vergessen?" Jetzt kam auch Madame Darby herbei. Der alte Kaufherr dankte ihr herzlich für den Schutz, den sie seiner lieben Rosa hatte angedeihsu lassen, dann aber wandte er sich seinem neuen Schützlinge wieder zu. „Also, Du fürchtetest Dich gar nicht, die weite Reise zu machen, um bei einem alten Manne zu bleiben, den Du noch niemals gesehen hattest?" „Ich freute mich, daß ich kommen durfte, Onkel Robert, denn ich las Deine Briefe an Herrn Hollmann und wußte, daß Du mich liebevoll aufnehmen würdest." „Hm, ja, ich hätte Dich schon gern vor dem Tode Deines Vaters hier gehabt, aber ich wollte warten, bis Du älter warst und selbstständig wählen konntest. Wenn Du bei Deinen Verwandten glücklich gewesen wärest, so hätte ich Dich ruhig dort drüben gelassen, und Du hättest niemals von mir gehört." „So lange der Onkel lebte, hatte ich nicht zu klagen." „Ich weiß es, Herr Hollmann hat mir alles geschrieben. Es ist gut, daß Du zu unS gekommen bist, und ich hoffe nur. Du fühlst Dich bald heimisch im fremden Lande. Wir haben noch eine weite Reise bis Marydale vor uns, fast zwei Tagereisen, aber wir bleiben erst hier in der Kapstadt, um alle Sehenswürdigkeiten gründlich in Augenschein zu nehmen." Herr Larnbrecht hatte in dem größten Hotel der Stadt Mehrere Zimmer gemiethet, er wollte längere Zeit hier wrilen, und er freute sich, daß Rosa so großes Interesse für alles Sehenswerthe zeigte. Nur über Eins wunderte sie sich. Herr Lambrecht erwähnte nie den Namen seines Sohnes, trotzdem er seine Häuslichkeit, sein Leben und Treiben in Marydale ganz genau schilderte. Endlich trat der alte Herr die Heimreise an. Es war am Abend des zweiten Tages, und es dunkelte bereits, als Herr Lambrecht plötzlich fragte: „Schläfst Du, Rosa?" und als sie verneinte, fuhr er fort: „Das ist gut, denn ich muß Dir etwas sagen, was ich lieber in der Dämmerung, als i» hellen Tageslicht thue. — Es ist mein Sohn Thomas, von dem ich mit Dir reden wollte. — Er ist ein guter, braver Mensch, stattlich und groß, ein tüchtiger Geschäftsmann, aber-", sichtlich verlegen hielt er inne. „Er ist doch nicht krank?" fragte Rosa theilnehmend. „Durchaus nicht; er ist noch niemals in seinem Leben krank gewesen. Aber er hat einen Fehler — eS ist auch der einzige, den ich entdecken kann — — er haßt alle Frauen." Rosa lächelte, aber das Antlitz des VaierS war so ernst und traurig, daß sie Mitleid mit ihm fühlte. „Glaubst Du, daß ihm mein Kommen in Marydale unlieb ist?" fragte sie leise. „Mein Kind, er war ganz empört, als ich mit ihm darüber sprach", gestand der Vater ganz offen. „Er sagte mir, Du feist gewiß dreißig oder vierzig Jahre, und noch viel mehr Sachen sagte er mir vor, die ich alle wieder vergessen habe." „Aber Du weißt doch, wie alt ich bin", fiel Rosa ein. „Gewiß, aber es nutzte nichts, mit ihm zu rechten. Ich ließ ihn reden, waS er wollte, und sagte ihm schließlich, daß, wenn er keine Anstalten machte, mir eine Tochter zu geben, ich die Pflicht habe, mir selbst eine zu verschaffen. Ferner sagte ich ihm, Du seift eine 740 Gesellschaft für mich und nicht für ihn; aber ich zweifle nicht, daß er bald seine Gesinnung ändern und sich als liebenswürdiger Gentleman zeigen wird, wie er auch in Wirklichkeit ist." Nosa schwieg, Madame Darby hatte zu viel. von ihm erzählt. „Ich wollte es Dir nur vorher sagen", fuhr der alte Herr fort, „damit Du es nicht als persönliche Beleidigung ansiehst, wenn Thomas anfänglich etwas zurückhaltend ist. Es ist keine Dame in Marydale, die sich eines freundlichen Wortes von ihm rühmen kann, ausgenommen die junge Frau Dr. MannerS, die so leidend und schwach ist, daß sie die Hälfte ihres Lebens auf dem Sopha zubringen muß. Habe aber Nachsicht mit ihm, er kann gewiß nicht anders gegen Damen sein, es liegt so in seinem Charakter." (Fortsetzung folgt.) Das Zaunariussest in Neapel. (Schluß.) Mittlerweile war auch die Volksmenge eingelassen worden und hatte bald das letzte Plätzchen der geräumigen Kapelle ausgefüllt, mit Ausnalime des durch Schranken verschlossenen Raumes um den Hochaltar, der, wie es schien, ausschließlich den Fremden vorbehalten war. Neugierig betrachtete ich von hier aus die unruhig hin- und herwogende Menge; es waren meist Leute der untersten Klasse, doch fehlte es auch nicht an Mitgliedern der höheren Stände. Nach und nach kam etwas Ordnung in die Versammlung, doch trat keine Stille ein, sondern man begann jetzt zu beten und zu singen. Lateinische Anrufungen wechselten mit italienischen, halblautes Getümmel mit lärmendem Geschrei, und dazwischen hinein erklang wieder die Strophe eines Liedes, dessen im neapolitanischen Dialekte gesungenen Text ich nicht verstand; deutlich jedoch vernahm ich den immer wiederkehrenden Refrain: I'assi, Lan dsnnaro, il wiraaolo I (Heiliger Januarius, wirk' uns das Wunder!) Mein höchstes Interesse erweckte eine Anzahl Frauen, allem Anscheine nach aus der niedersten Klasse der Lazza- roni, die, in den vorderen Reihen sitzend, die Lieder und Gebete bestimmten und alle übrigen im Schreien zu überbieten suchten. Ein junger Priester neben mir, an den ich mich wandte, erklärte mir, diese Frauen bildeten die Familie des heiligen JanuartuL; sie rühmen sich, von der Amme des Heiligen abzustammen, und behaupten seit unvordenklichen Zeiten das Recht, die ersten Plätze einzunehmen und Neihedienfolge der Gebete zu bestimmen. Etwa eine Stunde mochten Gebet und Gesang gedauert haben, als die fungirende Geistlichkeit am Hochaltäre erschien. Die Büste mit dem Haupte des Heiligen und die Monstranz mit den Blutfläschchen wurden aus dem Tabernakel geholt und auf den Altar gestellt. Nach einem feierlichen Gebete betrat ein Priester den Altar und begann die Blutfläschchen den Fremden zu zeigen, die sich dicht um den Altar und auf die Stufen desselben drängten. Diese Handlungsweise erschien mir anfänglich wenig ehrfurchtsvoll, zumal ich nicht auf allen Gesichtern der Anwesenden ein Gefühl der Andacht, wohl aber Neugierde und sogar ungläubigen Spott lesen zu können glaubte. Allein es ist durchaus nothwendig, daß jeder, der will, ohne Unterschied der Gesinnung, das Wunder wie einen natürlichen Vorgang genau prüfen kann; nur so ist es möglich, allen Einwürfen eines Betruges zu begegnen, die man zu machen geneigt wäre, wenn man den ganzen Vorgang nur von ferne sehen könnte. Mit vieler Mühe gelang es mir endlich einen Platz auf der obersten Altarstufe zu erringen, und ich stand nun unmittelbar vor dem Kanoniker, der die Blutfläschchen herumzeigte; er drehte dieselben fortwährend, jedoch langsam und ohne zu schütteln, um, indem er die Monstranz abwechselnd bei der Handhabe und dem oberen, mit einem Kreuze versehenen Ende faßte; ein zweiter Kanoniker stand neben ihm und beleuchtete zeitweilig mit einer Kerze den Inhalt der Fläschchen, um denselben möglichst sichtbar zu machen; es zeigte sich keine Bewegung an der dunklen, braunen Masse, sie blieb starr und fest. Die Andacht der Menge hatte sich bet Beginn der Handlung noch gesteigert; das Gebet wurde immer lauter und dringender; mit einer Stimme, die fast nicht mehr menschlich war, schrie eine Frau aus der Familie des hl. Januarius ein über das andere Mal: Lauts la- uuari, ora pro uvbis, und der ganze Chor wiederholte die Worte in derselben Weise. Für ein deutsches Gemüth hatte diese Art und Weise zu beten wenig An- dachterweckendes. Allein der Italiener ist, wie schon bemerkt, leidenschaftlich auch im Gebete. Gerade diese heftigen Ausbrüche schienen mir ein Beweis des lebendigsten Glaubens und des festesten Vertrauens zn sein. Auch sonst ist es keine Seltenheit, daß man in der Kirche vor einem Altar oder Heiligenbild Leute antrifft, welche mit lautem Gebet und unter lebhaften Gebärden dem Himmel ihre Anliegen vorbringen. Schon über eine halbe Stunde lang hatte der Priester, auf der obersten Altarstufe hin- und hergehend, unausgesetzt die Monstranz gezeigt; die Spannung aller Umstehenden war aus's Höchste gestiegen, auS dem Gebete des Volkes schien bereits einige Ungeduld heraus- zukliugen. Da ging Plötzlich eine freudige Bewegung über das Antlitz des Priesters und der Zunüchststehenden, und mehrere Stimmen riefen zugleich: II wirucolo ö latto (das Wunder ist geschehen). Mit Blitzesschnelle flog dieses heiß ersehnte Wort von Mund zu Mund, und nun brach ein so brausender Jubel los, daß alles bisherige Singen und Schreien wie schwaches Gcmnrmcl erschien, und unter Glockengeläute, Orgelklang und Trom- petengeschmetter erscholl aus dem Munde der dankes-- freudigen Menge ein vteltausendstim-niges 1s Demo. Beim Eintreten des Wunders stand der Priester gerade auf der anderen Seite des Altares, so daß ich das Emporwallen und Flüssigwerden des Blutes selbst nicht beobachten konnte. Doch kam er alsbald wieder auf mich zu, und jetzt konnte ich deutlich die Veränderung sehen, die an dem Inhalte der Fläschchen vorgegangen war. War vorher derselbe bei allen Wendungen unbeweglich geblieben, so floß jetzt derselbe, sobald das Gefäß gewendet wurde, von einer Seite znr andern; auch war das Quantum desselben größer geworden; vorher waren die Fläschchen zu Dreiviertel gefüllt, jetzt stieg das Blut fast bis an den Hals derselben. Mehrmals ließ ich mir die Monstranz zum Kusse reichen und verlangte das Wunder zu sehen; stets wiederholte sich beim Umwenden des Gefäßes dasselbe Schauspiel. Die Thatsache, daß das Blut flüssig geworden, war augenscheinlich, und jeder mußte das anerkennen, der nicht den offenkundigsten Thatsachen sein Auge verschließen wollte. 741 Nachdem die Fremden am Altare das wunderbare Blut gesehen und verehrt, wurde es auch dem Volte an den Schranken zum Kusse gereicht. Gegen 11 Uhr wurde es in feierlicher Procession und unter lautem Jubel des Volkes auf den Hochaltar der Kathedrale übertragen, unter dem der Leib des heiligen JanuariuS ruht. Nun folgte daS feierliche Pontifikalamt, celebrirt von dem ehrwürdigen Kardinalerzbifchof Wilhelm Sanfelice, der, ehemals ein einfacher Benediktinermönch, auch mit dem Purpur geschmückt, die Demuth des OrdensmanneS nicht verleugnet. Die Canontker des Domkapitels, etwa 30 an der Zahl, sämmtlich in Prachtgewändern und mit der Jnful ausgezeichnet, bildeten gewissermaßen das glänzende Gefolge des hohen Kirchenfesten. Rauschende Musik begleitete die heilige Handlung. Gegen 1 Uhr waren die Feierlichkeiten zu Ende; das heilige Blut jedoch blieb den ganzen Tag auf dem Hochaltars ausgesetzt und wurde zeitweise zum Kusse gereicht. Erst am Abend wurde eS in die Kapelle zurückgebracht und im Tabernakel verschlossen, wo es auch sofort seine feste Gestalt annahm. Am nächsten Morgen und die ganze Oktav hindurch erneuert sich dasselbe Wunder stets unter der gleichen Betheiligung des gläubigen, begeisterten Volkes. D'Waiz. Eine Spukgeschichte, wie sie sich ror 100 Jahren einmal in Mbapern zugetragen hat. --- (Nachdruck vcrboicn.) Sie wurde mir vom alten Kutscher-Schneider erzählt. Warum hieß der Mann Kutscher-Schneider? Mit seinem wahren Namen hieß er Peter Lambrecht, aber sein Vater war auf dem Schloß, das noch vor dreißig Jahren bestand, gräflicher Kutscher. Als das Schloß abgerissen wurde, weil cs baufällig sein sollte, und der Herr Graf nicht die nöthigen Moneten hatte, es mieser aufzubauen, konnte die Herrschaft auch nicht mehr dort wohnen, und so wurde der Sohn ein Schneider. Einen solchen gab'S im Dorfe noch nicht, und da nun einmal das Haus „beim Kutscher" hieß, so nennt man den Schneider M noch den Kutscher-Schneider. Also der alte Kutscher-Schneider erzählte mir die Geschichte, wie er sie von seinem Großvater gehört hatte, der sie mit erlebt haben wollte. Bei dem Schlosse wurde eine mittlere Oekonomie betrieben, nebst einem Brauhaus, wie dies ja bei den meisten adeligen Landgütern und Klöstern in Bayern der Fall war. Die Ockonomie-Gebäudc nebst Braubans bestehen heute noch. Der Braumeister ist zugleich Verwalter der Gutswirthschaft. Ein solcher Braumeister war nun ein gar schlauer Kumpan. Er liebte es gar sehr, wenn die Herrschaft auf einem andern Gute weilte. War der Gras fort, dann hielt er sich nämlich anstatt zwei Kühe, wie ihm gestattet war, deren vier bis sechs, und statt vier Schweine deren zehn bis zwanzig, und trieb in der nahen Stadt einen flotten Fleisch- und Milch-Handel; auch liebte er es gern, Uebersndcn zu machen, d. h. aus einem bestimmten Quantum Malz mehr Bier zu sieden, als ihm erlaubt war — zum Schaden der Bauern, welche den „Plempl" trinken mußten. War der Graf anwesend, so konnte er alle diese Gaunereien nicht offen und 'Mgenirt treiben. Es war ihm nun bekannt, daß die Frau Gräfin an einer krankhaften Aengstlichkeit litt; heutzutage würd- man sagen, sie wäre nervös gewesen. Sie konnte nicht die geringste Aufregung ertragen. Nun war im Thurm im obern Stock ein Zimmer, das gemieden wurde. Denn dort sollte ein französischer Offizier, der während des Krieges auf einem Durchzug für kurze Zeit mit seiner Compagnie Rast auf dem Schlosse gemacht hatte, eine Kammerzofe ermordet haben, weil sie seinen Gelüsten und Versprechungen kein Gehör schenken wollte. Der Offizier soll dann bald daraus in einem nahen Gefechte mit Oester- reichern gefallen sein. Dieser Umstand kam dem schlauen Bräumeister sehr zu statten. War die Herrschaft anwesend, so fing es in dem gemiedenen Zimmer stets an zu „waizen", wie der Altbayer sagt. „Der Franzus geht nm!" hieß es dann. Sonderbarer Weise hörte der Spuk immer bald auf, wenn die Herrschaft wieder fort war. Der Graf hatte schon Verschiedenes versucht, de? Sache auf die Spur zu kommen — vergeblich. Die Diener schwuren auf ihre Seel' und Seligkeit, daß eine weiße Gestalt mit Blutflecken behaftet Nachts umgehe und den Namen der ermordeten Kammerzofe beständig ausrufe. Besonders der Braumeister, Dicht! mit Namen, wollte am meisten gequält werden. Er wußte nicht genug von dem „Waiz" zu erzählen. Der Gräfin wurde iu ihrem krankhaften Zustand der Aufenthalt auf dem Schlosse verleidet. Die Herrschaft kam immer seltener, und wenn sie kam, dann blieb sie nie mehr lange. Ein Mal kam nun die Herrschaft doch wieder auf das SLloß — aber der Spuk ging auch bald wieder los. Der Graf, unmuthig über die Geschichte und über das Gejammer seiner Gemahlin, ließ den Braumeister kommen. Der Braumeister war nicht, wie sonst die Braumeister find, groß und dick, sondern mager und gebeugt, aber ein schlaues, verschmitztes Lächeln umspielte oft sein sonst so ehrlich aussehendes Gesicht. „Nun, Dichtl," redete ihn der Graf an, „sind Sie immer noch nicht hinter die Geschichte gekommen?" „Von meiner Seite ist alles geschehen, um hinter die Sache zu kommen, aber Geister sind halt schlauer wie wir." „Ach was! Ich glaube halt immer noch nicht daran; mir scheint die Geschichte noch ein loser Unfug zu sein." „Wie Herr Graf meinen, so wird's wohl sein." „Haben Sie noch nie in dem Zimmer wachen lassen, Dichtl?" „Herr Graf meinen doch nicht, daß man in dem Zimmer eine Nacht zubringen soll?" „Doch, gerade das meine ich. Haben Sie das noch nie versucht?" „Herr Graf, so sehr ich Ihnen ergeben bin, o verlangen Sie das nicht von mir ... ich würde sterben vor Schrecken; so muß ich schon so viel Angst ausstehen." „Aber Sie sind ein Hasenfuß! Wüßten Sie denn sonst niemand, der den Muth hätte, eine Nacht in dem Zimmer zuzubringen? Ich will'mal, daß die Geschichte aufhöre. Kaum ist man hier, so muß man schon wieder fort, weil man keine Ruhe hat. Also wissen Sie niemand?" „Ich wüßte niemand, Herr Graf, der dazu Muth genug hätte. Ich glaube nicht, daß man jemand findet." „Und wenn ich hundert Gulden biete?" „Hundert Gulden, Herr Graf? . . . Vielleicht findet man dafür doch jemand." „Nun, so schauen Sie nur, daß Sie jemand finden." Der Bräumeister drückte sich. Wieder umspielte das verschmitzte Lächeln seinen Mund. Er ging in's Gesinde- zimmer, wo die Tagwerker gerade ihre Maß Schöps, das heißt Nachbicr, tranken zum „Dreibrod". Die Bediensteten waren nämlich meistens Dorf-Eingesessene, die ihr HäuSl und ihre Familie hatten. Da war nun der Gimpl-Sepp, ein gewaltiger Sprecher, der 'mal einige Jahre ein paar Stunden weit weg als Knecht gedient und dann sechs Jahre „g'spielt" hatte, das heißt Soldat gewesen war. Ader man erzählte sich, daß man ihn bei den Soldaten nach einem halben Jahre wegen Unbrauchbarkeit fortgeschickt hatte. Er sprach indeß immer von vollen sechs Jahren. Der wußte nicht genug Abenteuer aus seiner Burschen- und Soldaten-Zcit zu erzählen. Man lachte zu seinen Aufschneidereien, aber glauben that sie ihm niemand. Dann war da der Ochs'rer- Pcter; er war der erste Fuhrmann bei den Ochsen, ein guter, langer und steifer Gesell, der manches von seinen steten Begleitern, den Ochsen, angenommen hatte. Dann war da der „Vorgcher" oder Vorarbeiter, schon etwas pfiffiger. Er stand im Gerede, daß er mit dem Braumeister an einem Seil zog. Er wohnte neben dem Braumeister innerhalb der Schloßmauer. So saßen sie zusammen, die „G'schlMer", wie man die Schloßarbeiter jnannte, und die „Ochs'rer", die mit den Ochsen fuhren. Gimpl-Scpp spielte natürlich wieder die erste Violine. Man sprach gerade über die Waizcn. Gimpl-Sepp erzählte, wie er einmal als Knecht in einem Walde sieben Geister erlöst hätte, aber keiner wollt's ihm so recht glauben, obgleich er es hoch und theuer verschwor. „Nun, wenn du schon sieben Geister erlöst hast, wüst leicht einen erlösen," sagte der Braumeister eintretend und dem Gimpl-Sepp auf die Schulter klopfend. „Glauben's ebba not, Vraimoaster?" „O g'wiß, i woaß ja, was du für a Schneid hast. I sog ja, wenn du sieben Geister erlösen ko'st, do ko'st van oanz'gen leicht erlösen." „Natürli ko dös da Sepp," ließ sich kichernd der Vorgcher vernehmen. , „Dös moan i a," kam hintcndrein der Ochfrer- Petcr. „Scherz bei Seit', Sepp! Der Herr Gras wünscht, daß du den Geist erlösen sollst." „Was net goar! Da Franzus? Na, der vcrdient's uet. Der soll nur waizen. Warum hat er die Jnugscr Kathi — Gott hab' s' selig — um'bracht!" „Ja aber der Herr Graf wünscht es, hörst, Sepp, und hundert Guiden kriegst, wenn's der gelingen thut." „Oho! hundert Guiden. Die wären schon recht!" meinte der Sepp. „Woas, hundert Guiden! Dös is vni (viel)," meinte lauernd der Vorgcher, „dafür thu i's a." „Na, der Sepp soll's alloan verdien«. Also moagst oder net? Fünf Guiden kriegst glei und die andern nacha, wenn d' G'fchicht guat außageht." „Do wär i glei dabei," grunzte der Ochs'rer-Peter. „Ja das Geld wär scho recht, aber . . und da kreiste der Sepp sich hinter den Ohren. Aber sie ließen ihn nicht mehr aus. „Schau! sieben Geister will er erlöst hoben, und jetzt fürcht' er oan oanz'gn," hieß es von allen Seiten. „Host cbba koan Schneid net?" „Geh' weiter und blamir di uet," nahm wieder der Braumeister daS Wort. ,,J bleib scho bei dir. Freund!; wennst schreist, do stimm i und helf dir. Kurasch mußt hob'n; surrst sogn'S glei: Sprccha ko a scho, aber Knraschi Hot a net für koan Hella. Schau, fünf blanke Guidei. und noch a ganz Sackl vui blanki Guiden sind bei, wenn's guat außa geht." Endlich nach langem Schlucken und Krcilen war der Sepp bereit, das Wagniß zu übernehmen. Mit einer halbblinden Laterne ausgerüstet, geht Sepp in später Abendstunde, vom Bräumeister begleitet, ganz verzagt aufs Thurmzimmer. Selbst mehrere Maß Bier, die ihm der Braumeister zur Stärkung hatte vorher einschenken lassen, hatten seine Stimmung nicht zu verbessern vermocht. Da sitzt nun der Sepp allein im kalten, düstern Zimmer und wartet knieschlotternd auf den Geist, den er nach seinem Begehr fragen soll, wie ihn der Bräumcister angelernt hat. Er hat jetzt Zeit zum Nachdenken, und da findet er manchen schwarzen Punkt in seiner Vergangenheit. Einmal hat er, nebst andern Unthaten, die er jetzt der Reih' nach laut bekennt, sogar dem Pfarrer ein Schwein gestohlen. Es wird ihm immer schwerer zu Muth, je mehr die zwölfte Stunde näher rückt. Laut sagt er, wie ihn der Braumeister unterrichtet hat, her: „Alle guaten Geister loben ihren Monster", und da er schnell und immer schneller spricht, macht er die Verwechselung: „Alle gute» Moaster loben ihre Goaster." Endlich beginnt die Thurmnhr auszuholen, um Zwölf zu schlagen. Sie schlägt eins, zwei, drei bis zwölf. Mit dem letzten Schlag entsteht ein gewaltiges Gepolter und Gerassel, und an einem alten Kastenschrank springt die Thüre auf, und ein Geist, mit weißen Tüchern behängen, tritt heraus und langsam näher. Er macht sich groß und wieder klein — furchterregend anzusehen. „Wer bist du, Fremdling, der du es wagst, die Gnstcrrnhe zu stören," spricht der Geist mit dumpfer, hohler Stimme. „I bin ... i bin da Gimpl-Scpp!" „Gimpl-Scpp, was willst du? Sprich!" „I soll . . . i soll di erlösen!" „Du willst mi erlösen und hast dem Pfarrer ein SÄwciu gestohlen? Zurrst mußt du büßen für deine Frevelthat." „I . . . i . . . will ja gern." „Lege dich aus dein Angesicht." Der Sepp gehorcht. „Wenn du dich rührst, dann bist du verloren." Nun wirft der Geist eine große Decke über ihn, so daß der arme Sepp kaum schnaufen kann; er wagt nicht das geringste Muckser! zu thun. Es entstand nun ein gewaltiges Gerassel und Gepolter um den armen Sepp herum. Plötzlich war alles wieder still, und der Spuk war vorüber. Der Sepp blieb aber noch immer wie todt liegen. Endlich trat der Bräumcister ein. „Nun, Sepp, wo bist denn?" Keine Antwort. Er hebt die Decke auf. „Ah, da bist ja. Wie kommst dahin? Nun, hast den Geist erlöst?" Der Sepp stöhnt nur. „Ah, Sie sind's, Herr Brai- moaster? Scind's auch wirkli?" „Ja, i bin's schon. Narr! Hast den Geist erlöst?" „O, der wollt' sie goar net erlösen lassen," meinte Sepp, nachdem ihm der Muth etwas wiedergekehrt war. „Na, dann mußt's noch a anders Mal probiren, daß dein, hundert Guiden verdienst!" 743 „Na, um ko tausend Guiden nimma! Da Geist Hot scho g'wußt, daß i dem Pfoarra sei Schwein g'stoin hätt'." „Oha! Das hat er scho g'wußt? Da glaab i dir scho, daß d' nixen ausrichten ko'st." Am andern Tage war die Heldenthat des Gimpl- Sepp schon im Schloß bekannt, und noch fürchterlicher, als sie in Wirklichkeit war. Wen lief eine Gänsehaut nach der andern über. Keiner hätte mehr um alle gräflichen Reichthümer zum zweiten Mal die Erlösung gewagt. Was blieb dem Grafen übrig? Er mußte wieder seiner Gemahlin nachgeben und das Schloß verlassen. Die Frauen behalten ja immer Recht, meinte der alte Kutscher- Schneider, als er mir die Geschichte erzählte. jDies Mal mußte der Graf um so mehr nachgeben, weil auch die alte Kammerfrau nicht mehr im Dienst bleiben zu können erklärte, wenn man auf dem Schlosse bleibe. Man war gerade am Rüsten zur Abreise am andern Tage, als ein flottes Gräflein zum Schloß geritten kam. Es war Graf Hugo, ein Neffe des Schloßbcsitzers. Er sollte in Jngolstadt, wo damals die Hochschule noch war, die Rechte studircn, um sich dem Staatsdienst zu widmen. Sein Bater war im Kriege gefallen, und der Herr des Schlosses war sein Vormund. In den letzten Jahren hatte das Gräflein seinem Vormund wenig Freude bereitet durch seine tollen Streiche; aber er hatte doch eine Staatsprüfung gut bestanden und wartete jetzt auf eine Anstellung. Er wollte mit dieser Nachricht seinen Onkel und Vormund überraschen. Er kam nun gerade recht. Er staunte über das Durcheinander im Schloß und fragte einen Diener. Da war er bald in die Geschichte eingeweiht. „So, eine Geistergesch'chtc? Wie romantisch! Schade, daß die ermordete Kammerzofe nicht mehr lebt und nicht eine Prinzessin ist, da würde ich als Held und Befreier auftreten können. Melde Er mich noch nicht der gnädigen Herrschaft, sondern rufe Er mir den Braumeister Dichtl. Versteht er mich?" „Jawohl, Herr Graf. Gerade pfiff er ein Studentenliedl, als der Bräu- meister Dichtl eintrat unter tiefen Buckeln und demüthigen Begrüßungen. „Aber der Herr Graf treffen es gerade nicht gut; die gnädige Herrschaft gedenkt morgen abzureisen!" „So? Wegen der Spukgeschichte! Aber Herr Dichtl, wie wär's, wenn ich 'mal probirte, den Geist zu erlösen?" „Um Gottes willen, wagen Sie es nur nicht!" Jetzt erzählte er den fürchterlichen Hergang der Geschichte des Gimpl-Sepp, wie er diesen noch gerade vom Tode errettet habe. „Ja, ich bin aber doch kein Gimpl-Sepp! Ich will nun einmal die Sache probircn. Ich sag' Ihnen nur, daß Sie mich auf das verhexte Zimmer führen. Sorgen Sie für meinen Fuchs, und dann bringen Sie Wein und Speisen auf das Zimmer. Verstanden! Aber das sag' ich Ihm, daß Er mir reinen Mund hält; der Herr Onkel und gnädige Frau Tante dürfen von mir und meinem Vorhaben nichts erfahren, bis ich meine Aufgabe gelöst habe." Der Braumeister mußte sich fügen. Er dachte aber, dem wird's wohl noch schlechter ergehen, daß er nicht mehr zum zweiten Mal die Geister zu erlösen verlangen wird. Der junge Graf machte es sich bequem auf dem Zimmer. Er hatte Wein genug, um sich frisch zu halten, und vertrieb sich die Zeit so gut es ging. Neben ihm lagen zwei geladene Pistolen. Endlich schlug es Zwölf, und die nämliche Geschichte wiederholte sich wie beim Gimpl-Sepp. Der Graf war aufgesprungen und hielt eine Pistole vor. „Keinen Schritt weiter, oder ich schieße I" donnerte der junge Mann das Gespenst an. Aber das Gespenst kam näher und machte sich recht groß. Da schoß der Graf und traf eine Stange, welche davonflog; auf der Stange war ein Hut aufgepflanzt gewesen, und darüber hatten lange, weiße Linncntücher gehangen. Jetzt war der ganze Umhang weggeflogen, und vor dein Grasen auf den Knieen lag — der Braumeister Dichtl und flehte um Gnade. Das war also der Geist! Vielleicht hätte der junge Gras sich durch die demüthigen Bitten des winselnden Mannes auch erweichen lassen und hätte ihm das Versprechen abgenommen, die Spnkcrei ein für alle Mal einzustellen; aber da stürmte auch schon der Herr Onkel, der noch wach gewesen war und den Schuß gehört hatte, herein im Schlafrock und mit blankem Degen, von einigen Dienern und Bräuburschen gefolgt. Wie stutzte der Onkel, als er die Scene sah: seinen Neffen mit der Pistole in der Hand und den alten Dichtl vor ihm auf den Knieen. Wir können uns nun kurz fassen. Der Graf übergab den alten Betrüger seinem Kammerdiener in Verwahr und eilte mit seinem Neffen zu seiner geängstigten Gemahlin, um ihr das Ende des Spukes zu verkünden. Dieser Streich des Neffen machte alle andern Streiche wieder wett, und der Neffe lernte die Huld seines Onkels und Vormundes, der nur eine Tochter, aber keinen männlichen Erben besaß und ihm zeitlebens dankbar blieb, später genugsam schätzen. -»-SWWS-«- ALLerLei. Sonderbares Neujahrsgeschenk. Ein Pariser Ehepaar beräth sich über das Budget der Nenjahrsgaben. «Waö habe ich Dir denn eigentlich letztes Jahr gegeben?" fragte er. — „Nun meinen Pelzmantel; Du hattest ihn aber auf Credit gekauft." — „Ja, ganz richtig! Nun weißt Du was? Als heuriges Neujahrsgeschenk werde ich ihn für Dich bezahlen." * Verschnappt. Hanswirthin szu dem Wohnung suchenden Studentenj: „Die Miethe muß selbstverständlich pünktlich bezahlt werden .... nun, daS wissen Sie ja." — Studiosus: „Natürlich.sonst hätte ich ja in meiner alten Wohnung bleiben können!" Boshaft. „GeheimrathS Ludmilla ist ganz stolz darauf, daß Studiosus Zippe! sie gestern aus dem Kasino abgeholt hat." — „Na, der hat schon manchen Affen nach Hause gebracht!" ^u§8l)uig6r Loünvlililntt. »Ila livolirs vorkcUMdi.I IV. lZines äer ältesten Zeugnisse kür das Lebacb im iVbend- lando ist die Ueberlieferung, rvonaed im dabro 764 na cd Dkristus kixin der Kleine dem Kloster LIaussac ein Lebaebspivl aus Kristall rum Oesebenk gemaebt bade» soll. Das älteste dandscdriktliede AeuZniss kür das Lebacb speriell 744 in Doutseblanä ist äas dsäiobt dos klönebos kruomont von Isgvrnses, in wel obern des 8ebaebs Erwäbnuog ge- soliiebt. Dieses Ooäielit stimmt aus äom äabro 1000 naeb Obristus. Lus äom äabrv 1040 naeb Obristus wird sodann be- ricbtet, dass die Ltiöbecker Dauern (ein Dort bei Dalberstadt) von einem Wendvnkürston, äsn äsr Discbok von Dalbsrstadt ilirom üewalirsam anvertraute, das 8ebaeb erlernten, äureb äessen allgemeine Debung äis Divwobnei äisses Dorfes in der 8eliacbwelt einen vortbeilbaften Ruf sieb erworben beben. Linen weiteren Lnbaltspnnkt für äis Oesebiebte äss 8ebaebs in bluropa bietet ein Dericbt des Xardinals Detrus Damiani von Ostie an l'apst LIexandsr II. aus äom labre 1050 naeb Obristus, in wvlcbem jener fromme Xircbenfürst über einen Discbof sieb beklagt, äen er zu Vlvrenz ailru eifrig äem Lcliacb bubligend augetroXeu bette. Xndliob vvirä aus äem Ibbre 1087 beriebtet. dass Xöoig Deinriob I. von Xn^ land zu karis mit Duäwig — äem 8obne äss Xönigs kbilipp — älter 8cbaeb gespielt bebe. (Fortsetzung äisses Ldsebnittss in 14 lagen.) Lutzabo blr. 5. (Lus einem altpersiseken klanusei ipt.) Von Xbaja Lli 8datranji. 8cbwarz. Weiss. Weiss riebt an unä setzt in aobt 2ügen mat. M. kür äisse Lufgabs Zeiten äie gloiobon 8pisl- regsln wie bei blr. 2 angegeben! btaelirielitvn »«s äer 8r!in«LnsIt. Klos kau. — Lei äom am 7. äs. begonnenenNateb um äie Woltmeistersebakt rwisebon Lteinitr unä Dasksr musste krstoror in äer Xröbnungspartis — itaiieniseli — als b'übrer äer Woissen mit äem 45. 2ngs äis Dartio autzsbeo. — Der vom krsiborrn LIbsrt von Dotbsebilä in Wien seinerzeit ausgesetzte bikrsnprsis von 300 klark für äie sobönste Dartis des intsrnationaisn Ll eister- lurniors in klürnberg wurde, wie vorausrusebsn, äem jungen, genialenKleisterD.kl. Dillsburr^ ausklow-Vork für seine gewonnene Dartio gegen Dasksr zuerkannt. — In äer Kollage vom 14. Lugust o., worin äie Dartis voröXentliebt war, ist bereits äarauk bingswiesen woräen. Wien. - Oifsnbar angeregt äurek äas Dsster 'furnier, bsrrscbt zur 8eit ein reges Lobacbiebsn in Wien. Wäbronä äis Lite Wiener Lebaebgeseilscbaft einen kleinen Wettkampk von fünf Dartion zwisebsn Dertbolä Xnglisob nnä Dills- burrx arrangirt bat, veranstaltete äer bleue Wiener Lobaobklub (Wien I, Lebottengasss 7) zwisebsn äen von Dest rurückkobrenäen kleistern Llbin. Klaroo, 8eblseliter, Danowski, Wiuawor unä äem zufällig anwosenäsn äaegues blies es ein interessantes l'urnisr, zu äem äis Xlubloitung, äer 2abl äer Ibeiinebmer entsxreebonä, 6 kreise stiftete. Dieses lurnior, weicbes am 3. blovember begann unä am 10. blovsmber e. snäets, batte folgendes Xrgebniss: 1. Daviä IanowsIci mit 3'/, Oowinnprrtien, 2. XarI8cbloobtor 3, 3. unä 4 .laegues blies es unä Limvn Winawor 2'/^, 5. "4eorg klares 2. 6. Läolf Llbin 1'/,. Lm Konntsg äen 15. blovembsr begann soäann ein von äem rnbrigen Vorstand äss Heuen Wiener Lebaobbiubs arrangirtsr Wettkampk von sieden Dartieu zwisebsn lanowski unä Winawsr. In äem Wett- kampk Dngiiseb-kiiisburrx blieben äie beiden ersten kartion remis. LIIs äisse Veranstaltungen maoben äas äabr 1896 auf äem Oebieto äosLobaeks rn einem äsr tbatonreiebsten aller leiten! — Lnäapsst. — Die lstrtbin von äer Wiener „Serien kreisn Dresse" gebraebts klittbsilung über äsn Leblusskamxk awisebsn Obarousek unä ksebigörin ist äabin nu ergänzen, äas.s nicbt eins, sondern vier blntsobsiäungsxartien ausgekämpft wurden. Von diesen gewann Isebigürin äie 1., 2. unä 4., Dbarousok äis 3. unä erstritt äementsprecbonä, wie sebon beriebtet, 'Isebigürin äsn ersten, tlbaroussk äen zweiten kreis. Die folgende kartis ist äie zweite des Zeblusskampkss. kartio klr. 6. LwsIsxrinZsrsxisl im I7LvIi2liZ. -S Weiss: Igobigörin (ketsrsburg). 8ob warz: Obarausek ^Duäapsst). 7 XeS—ä4 8. o2—e3f Lä4—ä3 9. Dä7—f5H. Itiebtig gelöst von R. II. in D. k>. D. in W. — Dosten Dank für äsn eingesandten Dreisitzer! Wir woräen denselben prüfen unä eventuell golegont- lieb verwenden. Die Hamen jener 8ekaebfreunäs, welebs unsere blnäspiols unä Drobloms riebtig lösen, sowie die Dünungen innorbalb ärsiWooben einsenden, werden stets an dieser 8tsIIe ver- öikentliebt. Lllos auf äas 8ebaek Dsnitzliobo ist ansnabmslos ru aäreszirsu: „Ln die Deäaetion des Lugsdurger 8oliaob- blutt —