« 97. 1896. „Augsburgrr PostMung". Dinstag, den 24. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Mar Huttler). Im fremden Lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) IV. Thomas war nicht im Hause anwesend, als der Vater mit seinem Schützling endlich das Ziel der Reise erreichte. Rosalie fühlte sich wesentlich erleichtert, als die treue Verwalterin des Hauses den Ankommenden mittheilte, der junge Herr sei gestern auf die Jagd gegangen und würde wahrscheinlich erst nach acht bis vierzehn Tagen heimkehren. Der alte Herr war über dieses rücksichtslose Benehmen sichtlich ungehalten, zu Ehren des Gastes hätte er seinen Unwillen beherrschen und zum Empfang bereit sein sollen, aber Rosalie versicherte lächelnd, es sei so besser, sie könne sich während der Abwesenheit des jungen Herrn leichter in die neuen Verhältnisse einleben. Zwei luxuriös ausgestattete Zimmer waren für Rosa's speziellen Gebrauch hergerichtet. „Es waren die Lieblingsziwmer meiner Gattin", sagte Herr Lambrecht mit weicher Stimme, als er die neue Hausbewohnerin in dem geräumigen Hause unterführte. „Sie sind seit ihrem Tode nicht wehr benutzt worden; dies war ihr Piano, hier steht noch ihr Nähtisch und ihr Arbeitskorb. Nur wenige Sachen sind in ihren Zimmern neu hinzugefügt; es ist Dir vielleicht lieb, wenn so wenig wie möglich verändert wird." , Rosalie fand ihre schönsten Erwartungen übertroffen, Herr Lambrecht überschüttete sie mit Liebe und Aufmerksamkeiten. nur ein trüber Schatten verdunkelte ihr sonniges Leben — die Furcht vor der Rückkehr des jungen Herrn. Dr. Manners war jetzt ein stets gern gesehener täglicher Gast. Er bedauerte lebhaft, daß seine Frau zu leidend sei, um den weiten Weg vom Waldhof bis Marydale zurückzulegen, auch sei sie durch die Pflege der drei Kleinen zu sehr an daS Haus gefesselt, um Rosalie zu besuchen. Sie ließe aber die Fremde, die ihr hoffentlich bald eine liebevolle Freundin sein werde, bitten, nach dem Waldhof zu kommen und gleich den Nachmittag bet ihr zu bleiben. „Ich hoffe, Sie werden hier glücklich sein", sagte er dann zu Rosalie gewendet in seiner offenen, ehrlichen Weise. „Meine liebsten Jugenderinnerungen haften an diesem Hause. Ich lebte hier viele, viele Jahre lang, denn Herr Lambrecht war mein Vormund, aber er war mir stets ein treuer, liebevoller Vater." „Haben Sie seine Gattin gekannt?" „Ich liebte sie, wie ein Kind seine Mutter liebt. Aber sie war schwach und kränklich, und die treueste Liebe und Pflege des Gatten vermochte nicht, ihr die Gesundheit und neue Lebenskraft wiederzugeben. Thomas hat sie gar nicht gesehen; er war Jahre lang vom Hause abwesend und fand bei seiner Heimkehr nur ein neues Grab." „ErzählenSie mir etwas von Thomas", bat Rosa leise. Der junge Arzt lachte belustigt. „Da ist wenig zu erzählen", versicherte er. „Er ist ein überaus guter und ehrlicher Mensch; ich glaube kaum, daß er je in seinem Leben irgend einem Menschen ein unfreundliches oder gar ein hartes Wort gesagt hat, aber — —" „Aber er ist launenhaft und jähzornig", ergänzte Rosa. „Guter Gott, nein! Kein Gedanke daran. Er ist der beste und gutmüthigste Mensch der Welt; leider aber hat er bei den Damen kein Glück und kann auch nicht gut mit ihnen fertig werden." Die erste Begegnung mit dem gefürchteten Thomas geschah zu einer Zeit, da Rosalie es am wenigsten erwartete. Sie war im Waldhofe. Htlda Manners freute sich so sehr über die neu gewonnene Freundin, daß No- salie gern täglich hinauswanderte. So saß sie auch heute auf der Terrasse, das älteste der drei Kleinen, ein blondlockiges Mädchen von kaum drei Jahren, saß auf ihrem Schooße und spielte mit der glitzernden Uhrkette, das jüngere Schwesterchen jauchzte vor Freude über die neue Puppe, die „Tante Rosa" mitgebracht hatte, und das jüngste Brüderchen lag zur Seite in der Wiege im süßen Schlummer. Die junge Frau fühlte sich heute viel wohler, sie war selbst in der Küche, um die Zubereitung des Kaffees zu überwachen, die sie zu Ehren des Gastes der Dienerin nicht allein überlassen wollte. Da öffnete sich das Gartcnthor, und er, den Rosa am meisten gefürchtet hatte, trat mit schnellen Schritten der Terrasse und auf die kleine Gruppe zu. Rosalie war im Vortheil; sie hatte täglich sein Porträt in Lebensgröße im Hause ihres Onkels gesehen und war über seine Identität nicht im Zweifel. Thomas hingegen hatte keine Ahnung, den Schützling seines Vaters vor sich zu sehen, und glaubte, die junge Dame sei eine „Stütze der Hausfrau", die Frau Dr. Manners bei 746 ihrer schwächlichen Gesundheit sich so sehr wünschte, die sie aber bis jetzt noch nicht engagirt hatte. Der junge Herr Lambrecht zeigte sich Fremden gegenüber stets von zuvorkommender Höflichkeit, aber diese Dame erregte sein besonderes Mitleid — er war nicht blind gegen ihre anmuthige Lieblichkeit, aber sie erschien ihm noch so jung, fast noch ein Kind, und doch mußte sie schon unter fremden Leuten ihr tägliches Brod verdienen. Er bemerkte gar nicht Hilda's Erschrecken, als sie jetzt auf die Terrasse trat, sondern begrüßte sie in alter, gewohnter Weise mit den Worten: „Ich war auf dem Heimwege und konnte doch am Waldhof nicht vorübergehen, ohne einzukehren. Fast drei Wochen habe ich beim Fischfang und auf der Jagd die Zeit vertrieben, aber länger hielt ich's nicht mehr aus. Da habe ich nun meinen ganzen Muth zusammengerafft und mich entschlossen, nach Hause zurückzukehren, um die erste Begegnung mit Fräulein von Bornfeld zu erdulden." Ein liebliches Roth färbte die Wangen der Fremden, und ein sonniges Lächeln glitt über ihr Antlitz. Frau Dr. Manners hingegen war sichtlich bestürzt, sie wurde leichenblaß und vermochte kein Wort hervorzubringen. Glücklicherweise schien Thomas auch gar keine Antwort zu erwarten, denn er plauderte unbefangen weiter: „Ist Richard nicht hier? Was denkt er wohl von der fixen Idee meines guten, alten Vaters? Hat er den neuen Eindringling schon gesehen?" Keine Antwort erfolgte. Die junge Frau war bis zum Tode erschrocken, doch Rosa rettete sie bald aus dieser peinlichen Verlegenheit. „Es thut mir sehr leid", sagte sie, den jungen Herrn schelmisch lächelnd anschanend, „aber Sie müssen die gefürchtete Begegnung schon eher erdulden, wie Sie gedacht haben. Ich bin Nosalie von Bornfcld. Frau Dr. Manners war im ersten Augenblicke zu sehr überrascht, um mich vorzustellen." „Sie?" fragte er ungläubig. „Ja, ich bin die Gefürchtete", sagte sie neckisch. „Bitte, Frau Manners", wandte sie sich jetzt an Hilda, die sich von dieser Ueberraschung noch kaum erholen konnte, „lassen Sie mich schon jetzt heimkehren; ich trinke morgen bei Ihnen Kaffee; nach so langer Abwesenheit sind gute Freunde am liebsten ungestört beisammen", und ehe Jemand es hindern konnte, stand sie auf und ging eilends davon. Hilda Manners lehnte sich zitternd in einen Sessel; sie wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte; Thomas Lambrecht schaute mit unverhohlenem Erstaunen der schlanken, davoneilenden Gestalt nach. „Du hättest mir es vorher sagen sollen, Hilda", sagte er endlich. Er war im Hause des jungen Arztes so sehr befreundet, daß er auch die Gattin mit „Hilda" und „Du" anredete, waren doch diese beiden ihm so lieb, wie seine eigenen Geschwister. „Es thut mir wirklich leid, Thomas", klagte sie leise, „aber ich war zu sehr überrascht und erschrocken, Euch beide beisammen zu finden, daß ich die Vorstellung vergab, und nachher konnte ich es nicht mehr." „Ich kann meinen Vater nicht begreifen", wandte Thomas verstimmt ein. „Warum nicht? Wenn ich ganz offen sein soll, Thomas, so muß ich Dir sagen, daß Rosa eine liebenswürdige junge Dame ist, die dem Hause wie ein Heller Sonnenstrahl wird." „Sie ist noch ein Kind", beharrte finster der junge Mann. „Mein Vater hätte sie in der alten Heimath lassen sollen, anstatt sie kommen zu lassen, um mit Leuten zusammen zu leben, die sie noch niemals gesehen Hat." „So viel ich weiß, hatte das arme Fräulein keine Heimath, denn sie lebte bei Verwandten, die es nicht verstanden, sie glücklich zu machen." „Nun, sie wird nicht allzu lang bei uns bleiben." „Warum nicht? Glaubst Du, daß Dein Vater ihrer so bald überdrüssig wird." „Ich glaube, sie wird bald heirathen, denn ihre ganze Erscheinung ist sehr anziehend." „Ah!" — sagte sie gedehnt, und ein schelmisches Lächeln umspielte ihre Lippen, „dann will ich Dir einen guten Rath geben, Thomas. Bringe viele junge, un- verheirathete Leute Deiner Bekanntschaft ins Haus, und wenn Du Dir ernstliche Mühe gibst, wird Rosa sich bald genug verloben. Die Verlobungszeit ist hier zu Lande gewöhnlich sehr kurz, und schon nach wenigen Monaten kannst Du Dein Haus von dem lästigen Eindringling befreien." Der alte Herr Lambrecht war über die Heimkehr seines Sohnes hocherfreut, aber keiner der beiden Herren sprach von der jungen Dame, mit der sich ihre Gedanken doch so sehr beschäftigten. Endlich, kurz vor dem Abendessen, sagte der Vater ohne jegliche Vorbereitung: „Sie ist ein liebes, gutes Mädchen — unsere Rosa meine ich — und ich hoffe nicht, daß sie Dir hier hinderlich im Wege sein wird. Ich habe sie vorbereitet, daß Du Dir aus der Gesellschaft junger Damen sehr wenig machst, sie will sich darnach richten und so viel wie möglich Deine Gegenwart meiden. Seitdem ich mich vom Geschäft zurückgezogen habe, bleibt mir viel freie Zeit übrig, die ich der armen Waise widmen kann. Du zürnst doch nicht, Thomas, daß ich mir die letzten Jahre meines Lebens zu erheitern suche?" „Gewiß nicht, Vater; ich hoffe nur, daß Du in Deinen Erwartungen nicht getäuscht wirst." „Sei nicht unfreundlich gegen sie, wenigstens nicht wenn Du es vermeiden kannst", flehte der alte Herr weiter. „Es ist ein liebes Kind und wird Deinen Weg gewiß nicht kreuzen." Das „liebe Kind" erschien zum Abendessen. Sie saß an der Seite des alten Herrn, und Thomas konnte sich nicht verhehlen, daß sie in dem leichten weißen Spttzen- kleide mit den blaßblauen Schleifen einen sehr Vortheil- haften Eindruck auf ihn machte. Aber er war in seinem Vorurthcil gegen junge Damen zu sehr eingenommen, um nach beendeter Mahlzeit sich dem Vater anzuschließen, der mit seiner Rosa noch einen kurzen Gang durch den Garten machen wollte. Als er dann später einen lieblichen Gesang hörte und mit Vergnügen der melodischen Stimme lauschte, fragte er auch nicht nach dem Namen der Sängerin, aber er zürnte dem Vater nicht mehr über die neue Hausgenossin. Nach kaum zwei Monaten fühlte sich Rosa in ihrem neuen Heim sehr glücklich und zufrieden. Sie wurde allen Freunden und Bekannten des Hauses als „Nichte" vorgestellt, und man wetteiferte, der lieblichen Fremden Aufmerksamkeiten aller Art zu zollen. Ueber die erste Bedingung des Notars Hollmann, hier die Leitung des Hauses zu übernehmen, lachte sie mit dem alten Herrn recht herzlich, denn dieselbe lag in treuen, bewährten Händen, und sie hatte keine weitere Pflichten zu erfüllen, 747 als die Blumen in den Vasen zu arrangiren oder die Fruchtschalen mit köstlichem Obst zu füllen. „Ich wußte ja nicht, ob es Dir hier gefallen würde, oder ob wir miteinander leben könnten", sagte der alte Herr sich gleichsam entschuldigend, „und so dachte ich, Dir eine Stellung in meinem Hause zu bieten, bis ich wußte, wie wir zusammen fertig würden. Wäre es nicht gegangen, so hätte ich nach einigen Monaten mein Haus geschlossen und mich auf Reisen begeben. Dir hätte ich alsdann das Salatr für ein Jahr und die Rückreise nach der -Heimath bezahlt und somit nicht das Gefühl gehabt, Dich zu schädigen." Rosa lachte herzlich; sie verstand ihren'alten! Onkel gut und liebte ihn aufrichtig. „Ich hoffe nicht, daß Du daran denkst, Deine Häuslichkeit aufzugeben", sagte sie heiter. „Du bist das Licht meiner Augen und der Sonnenstrahl meines Hauses", versetzte der alteHerr mit väterlichem Stolze. „Aber ich werde Dich doch nicht lange bei mir behalten, fürchte ich; es werden bald genug Viele kommen, um Dich von mir zu fordern und aus meinem Hause fortzuholen." „Nun, ich lasse mich aber nicht fortholen", scherzte Rosa. .Es war einer schon heute hier. Herr Gran- oille, ein Geschäftsfreund von mir, der in der vorigen Woche zur Jagd bei uns war, hielt um Deine Hand an; er ist der erste, der mich bat, er wird aber nicht der letzte sein." Rosalie stand schweigend da. Es trat ein anderes Bild vor ihre Seele, ein Bild längst verschwundener Zeiten, das ihrem Gedächtniß Sie gedachte jenes VN» - Ein Ungeheuer. Nach dem Gemälde von L. C.hevio. bis jetzt gänzlich entfallen war. Sommer Festes im Forsthause und der Prophczeihung der alten Zigeunerin. Ein Theil derselben hatte sich schon erfüllt. Sie hatte das Haus ihrer Tante verlassen, „ehe der Vollmond am Himmel stand", und gewiß, sie weilte auch jetzt in „einem besseren Lande". — Sie würde nicht den ersten Mann heirathen, der um ihre Hand bat, auch nicht den zweiten und dritten; bis jetzt hatten sich die Worte der Alten erfüllt — aber dann — — „wenn die Rosen am Weihnachtsfeste blühen, wird der Stern Ihrer Liebe aufgehen, und Sie werden glücklich werden" — so hatte sie gesagt. An all' diese Worte dachte Rosalie, doch Herr Lambrecht deutete ihr Schweigen anders und fuhr heiter fort: „Herr Granville ist ein wohlhabender und auch ein ehrenwerther Mann, aber ich ahnte nicht, daß Du Dich zu ihm hingezogen fühltest. Wenn Du ihn aber liebst-" „O nein, nein", unterbrach Rosa schnell, denn sie erschrak heftig, daß ihr Sckweigen mißdeutet wurde, „ich sah ihn ja kaum drei Tage, und ich liebe ihn nicht." Der alte Herr nickte befriedigt. Er versprach, noch heute eine absagende Antwort zu schreiben und ihm jede Hoffnung auf ihre Hand zu nehmen. „Aber ich werde Dich doch nicht lange behalten", beharrte der alte Herr, „denn selbst Thomas, der sich doch niemals um Liebesangelegenheiten kümmert, sagte mir noch heute, daß wenigstens ein halbes Dutzend seiner Freunde sich um die Ehre stritten, mein Neffe zu werden." „Thomas sollte sich gar nicht um meine Sachen bekümmern", rief Rosa empört. „Wenn er über meine Zukunft bestimmen könnte, so müßte ich gewiß Herrn Granville heirathen, damit so bald wie möglich das Haus von meiner Gegenwart befreit wird." „Urtheilst Du nicht zu streng über Thomas? fragte der Vater vorwurfsvoll. „Durchaus nicht", versetzte die junge Dame lebhaft. „Wenn er nun einmalalleFrauenhaßt, nun, so ist's gut, aber dann soll er sich auch nicht um sie kümmern. Neulich auf demGarten- fest bei Dr. Manners bemühte er sich eifrig um die Gunst einer schönen, jungen Dame; sobald dieselbe die Gesellschaft aber verlassen hatte, verlachte er sie mit seinen Freunden." Ungesehen hatte Thomas sich der Sprecherin genähert und ihre Worte gehört. Zu ihrer Ueberraschung blieb er vollkommen ruhig und sagte gelassen: „Wenn ich für meine Fehler getadelt werde, so will ich es dulden, aber nicht ungerecktcr Weise geschmäht werden. Die Dame, die Sie als „jung und schön" bezeichnen, ist fast vierzig Jahre alt und hat sich länger als zwanzig Jahre hindurch vergeblich bemüht, harmlose junge Herren in die Netze ihrer Koketterie zu ziehen. Ein Jeder kennt sie hier ganz genau und weiß, daß nichts so wahr und echt ist bei ihr, als die Schminke auf ihren Wangen. Wenn Sie die Dame besser gekannt hätten, so würden Sie dieselbe nicht in Schutz genommen haben." Rosalie war über diese Worte empört; sie ballte ungeduldig die kleine Hand, und ihre Augen flammten 748 zornig. Herr Lambrecht wandte sich lächelnd um; es war ihm lieb, daß die Beiden überhaupt miteinander sprachen, selbst in der größten Meinungsverschiedenheit. Nur Thomas blieb ganz ruhig, lächelnd sah er auf das junge Mädchen herab, das mit den zornig gerötheten Wangen ganz bestrickend schöu aussah. „Ich weiß wohl, warum Sie alle Damen so hart beurtheilen", fuhr sie dann erregt fort, „aber das entschuldigt Sie nicht. Ich würde an Linda River's Stelle ebenso gehandelt haben, wie sie es gethan hat." Thomas starrte die Sprecherin entsetzt an. Zum ersten Male, seitdem er mit ihr sprach, verlor seine Stimme den leichten, scherzenden Ton, und er fragte ernst und ruhig: „Was bedeuten Ihre Worte, Fräulein Rosalie? Wer in aller Welt hat Ihnen von diesen alten Geschichten erzählt?" „Madame Darby, unter deren Schutz ich hierher reiste. Linda Ntver ist ihre Lieblingsnichte." „Und diese würdige Dame hat mich bei Ihnen angeklagt ?" — Rosalie schwieg verlegen. „Sie hat mir den Grund gesagt, weshalb Linda die Verlobung gelöst hat", sagte sie dann. „Ich möchte den Grund gern von Ihren Lippen hören; es würde mir ungemein lieb sein." Er hatte wieder den leichten, spottenden Ton angenommen. „Nun, wollen Sie ihn mir nicht sagen?" fragte er dann, als Rosa noch immer schwieg. „Wie können Sie nur darnach fragen?" „Ich möchte ihn gern wissen; er wird mir jedenfalls neu sein." „Es ist grausam, über solche Sachen zu spotten. Linda River fürchtete sich vor Ihrer Heftigkeit und Ihrem Jähzorn, und so sehr sie Sie auch liebte, wollte sie lieber die Verbindung lösen, als die Gattin eines Mannes werden, der seine Gefühle so wenig zu beherrschen versteht." Der junge Mann hatte sich auf eine Rasenbank niedergelassen und lachte bei dieser Eröffnung belustigt. „Sie sind wirklich herzlos, über das Unglück Anderer zu lachen", rief Rosa unwillig. „Es geht der armen Familie wirklich recht schlecht, der Vater fallirte bald darauf, und Linda ist um Ihretwillen noch immer unverheirathet." ' Thomas blickte überrascht auf. „Warum hat Madame Darby Ihnen diese Geschichte erzählt?" fragte er dann, plötzlich wieder ernsthaft werdend. „Ich möchte es Ihnen lieber nicht sagen." „Aber ich muß es wissen, und — ich weiß, Sie sagen mir auch die volle Wahrheit." „Nun, wenn Sie es wünschen — sie wollte mich warnen und mich vorbereiten, daß ich von Ihnen keine Freundlichkeit erwarten dürfte, und-" „Nur Wetter. Die Hauptsache kommt noch." „Ja, Madame Darby meinte, wenn Sie Ihr heftiges Temperament etwas beherrscht hätten, so sollte ich Ihnen sagen, daß Linda — noch Ihrer wartet. Ich weiß nicht, ob ich Unrecht thue, Ihnen dieses so offen zu sagen, aber Madame Darby gab mir zu verstehen, wenn irgend möglich, Sie mit Linda wieder zu vereinigen." Alles Lächeln war aus dem schönen, männlichen Antlitz des reichen Jünglings verschwunden, dann sagte er: „Sie sind jetzt eine ziemlich lange Zeit bei uns gewesen, Fräulein Rosa, haben Sie mich kennen gelernt?" „Ich bin feit drei Monaten bei Ihnen und habe Sie fast täglich gesehen." „Ich weiß es, Sie Haffen mich, aber selbst einem Feinde gegenüber würden Sie gerecht sein. Sagen Sie mir offen, können Sie mich eines unwahren Wortes zeihen, oder glauben Sie, was ich sage?" „Ja, Sie sagen jedem Menschen die volle Wahrheit, selbst wenn diese verletzend und bitter ist." „Wollen Sie dann auch glauben, was ich Ihnen jetzt sage?" „Ja — ich glaube Ihnen stets." „Ich will gegen Madame Darby kein Wort sagen; sie befand sich jedenfalls im Irrthum. Aber Sie sollen meine kurze Liebesgeschichte hören — sie ist nicht lang. Es war vor drei Jahren; ich reiste in Gcschäftssachen für meinen Vater nach Natal. Damals hielt ich noch alle Damen für Engel, besonders Linda River, die in meinen Augen ein Muster aller Tugenden und Vollkommenheiten war. Ich verlobte mich mit ihr und war eine kurze Zeit der glücklichste aller Menschen. Wie konnte ich ahnen, daß ich treulos hintergangen wurde?" „Irrten Sie sich nicht?" „Urtheilen Sie selbst", und er erzählte ihr die Geschichte, die er vor drei Monaten seinem Freunde, dem Dr. Mariners, so treulich geschildert hatte. Es entstand eine lange Pause. Endlich sagte Rosalie: „Ich verstehe Linda nicht; warum hat sie ihren ersten Geliebten nicht geheirathet?" „Er verzichtete auf die Ehre, als er hörte, wie sie gegen mich gehandelt hatte." „Warum erzählte sie denn die Geschichte von Ihrer Heftigkeit?" „Nun, das ist sehr einfach. Linda hatte Zeit ihres Lebens in Natal gelebt, sie war dort sehr bekannt; ich hingegen war ein Fremder und werde wahrscheinlich niemals wieder dorthin kommen; so war es besser, die Schuld fiel auf mich. Ich rteth ihr selbst, zu sagen, daß sie, nicht ich die Verlobung gelöst habe, sie könne einen Grund angeben, den sie wolle, ich würde nicht widersprechen." „Aber, wie durfte sie sagen, Sie seien jähzornig?" „Nun, vielleicht wußte sie keinen andern Ausweg. Das Geschäft ihres Vaters stand schlecht; es war eine zahlreiche Familie, und sie hatten kein Geld. Zweifellos war ihre ganze Familie über ihren Schritt sehr empört, und sie mußte mir schon eine große Schuld beimeffen, um sich selbst rein zu waschen." „Fühlen Sie Mitleid mit ihr?" „Ja, denn ich liebte sie, und sie zerstörte mit eigener Hand ihr Lebensglück." „Ebenso das Ihrige." „Nun, das möchte ich doch bezweifeln. Ich finde hinreichende und zusagende Arbeit in meinem Geschäfte, habe meinen lieben, alten Vater und — sehr viele Freunde. Ich kann also wohl mit meinem Loose zufrieden sein." „Aber Sie haben das Vertrauen zu vielen Menschen verloren", beharrte Rosalie. „Sie verachten alle Damen, und somit hat doch Fräulein River Ihr Leben vergiftet." „Ich kenne eine oder auch zwei Damen, die ich hochachte, Frau Dr. Manners zum Beispiel. Nun, Fräulein Rosa, wollen Sie jetzt noch Madame Darby's Wunsch erfüllen und versuchen, mich mit Linda River auszusöhnen?" „Nein!" versetzte das junge Mädchen entschieden, MWK E^'^MÄWU WM KkM -WUK MM KMMWW -WWWMs ' >/.r^.' >- MM MUK AM MM , ^ WW AKM iKNÄ MME s,sF>4>r-iMk->' --L^^S-LZNV WM M-D-M -sL «-E MSWW DM -'ÄÄ MtzK k'/l . MG MN WWKWMWW D^W 750 „ich will ihren Namen sogar nicht wieder hören", dann eilte sie dem Hause zu, Thomas auf der Rasenbank allein lassend. „Das gute Kind", flüsterte der Jüngling, „sie meint jetzt jedes Wort, wie sie es sagt, aber wie lange wird ihr freies offenes Wesen anhalten? Gewiß nicht lange. Mein Vater — so lieb er sie auch hat - wird sie dem ersten besten, reichen Mann verheirathen, und dann wird sie sich nicht über ihre eigene Häuslichkeit emporschwingen. Bah! Was geht's denn mich an? Sie kann unmöglich immer jung und hübsch, ein Mädchen von zwanzig Jahren bleiben. Und dann ist es besser, sie heirathet, damit sie vor dem traurigen Loos einer alten Jungfer bewahrt bleibe." (Fortsetzung folgt.) Am englischen Hose. Es muß gewiß als eine auffallende Erscheinung bezeichnet werden, daß bei dem englischen Volke weder die Stürme der französischen Revolution, noch die politischen Bewegungen der Jahre 1830 und 1848 die monarchische Idee auch nur im Mindesten zu erschüttern vermochten. Im Gegentheil sind die Engländer besonders während der nun fast 60jährigen Regierung der Königin Viktoria noch monarchischer geworden, als sie es zuvor schon waren, und es läßt sich das weder durch glücklich geführte Kriege, noch durch ungewöhnliche Erfolge der Diplomatie erklären. Bei alledem ist die Freiheit der Rede und der Presse in dem Jnselreiche aller Fesseln ledig, und in keinem andern Lande werden selbst die hervorragendsten Persönlichkeiten einer schärferen öffentlichen Kritik unterzogen. Obgleich diese kritische Sonde manchmal bis hinauf in die königliche Familie zu verspüren war, ist die Anhänglichkeit des englischen Volkes an sein Herrscherhaus vornehmlich während des letzten Halbjahrhunderts nur gewachsen, und wenn auch die Königin Viktoria ihre Schwächen hat wie jedes andere Menschenkind, so gerieth sie doch während der langen Zeit ihrer Regierung kaum in eine einzige ernste Differenz mit dem Parlamente. Aber das letztere ist es gerade, worin ihre Stärke besteht: der hoch entwickelte konstitutionelle Sinn der Königin hat den englischen Thron mehr denn je befestigt, und ihre stete Bereitwilligkeit, dem souveränen Willen des Volkes unverzüglich und unter allen Umständen sich zu fügen, hat ihr die Achtung und Anhänglichkeit aller Parteien und Bevölkerungskreise gesichert. Mag auch ihre persönliche Neigung und Ueberzeugung manchmal eine andere sein, sie säumt dennoch keinen Augenblick, den Parlamentswahlen sofort zu entsprechen und diejenige der beiden großen politischen Parteien an das Staatsruder zu berufen, für welche der Volkswille sich ausgesprochen. Selbst den alten Gladstone, der ihr persönlich unangenehm war, hat sie sich wiederholt als Premier gefallen lassen und sich darüber weggesetzt, daß er weder zu schmeicheln verstand, noch irgendwelche Rücksichten auf kleine weibliche Schwächen nahm. Sogar daS verzieh ihm die etiketten- strenge Königin, daß der „große alte Mann" bei der Audienz manchmal im Gehrock, statt in der goldgestickten Uniform, erschien und nicht einmal immer ganz frische Wäsche angelegt hatte. Dieser Kardinaltugend echt constitutionellen Sinnes gegenüber vermögen die mancherlei Vorwürfe nichts auszurichten, welche mit mehr oder weniger Berechtigung gegen die greise Monarchin erhoben werden. So verübelt man es ihr z. B., daß sie seit dem Tode ihres Gemahls, des Prinzen Albert von Coburg-Gotha, in allzu strenger Zurückgezogenheit lebt. Trotzdem sich die Gruft über diesem allerdings trefflichen Manne schon vor 34 Jahren geschlossen, hat die Königin das schwarze Trauergewand und den Witwenschleier artch heute noch nicht abgelegt, und nur die verschiedenartigen Spitzen, die Diamanten und andern Edelsteine bringen sammt den bei öffentlichen Anlässen angelegten Orden etwas Abwechslung in die düstere Einförmigkeit ihrer äußeren Erscheinung. Wollte man sich auch noch gefallen lassen, daß die ehemaligen Privatzimmer des Prinz-Gemahls in Windsor heute noch genau so aussehen, wie er sie verlassen, so ist es doch entschieden zu weit getrieben, daß die Stiefel des Verstorbenen noch täglich geputzt werden — ohne große Mühe allerdings I Als ein Erbstück ihres verewigten Gatten hat die Königin u. A. auch dessen Diener John Brown in so hohen Ehren gehalten, daß selbst der berühmte Staatsmann Beaconsfield um seine Gunst buhlte und Prinzen und Prinzessinnen den Mächtigen Einfluß fürchteten, welchen der heimtückische Kammerdiener auf seine königliche Gebieterin ausübte. Alles athmete erleichtert auf, als der viel beneidete und noch mehr gehaßte Mensch im Jahre 1893 seiner Leidenschaft für den Whisky erlag. Mit der übertriebenen und oft laut getadelten Zurückgezogenheit der Königin hängt ein anderer Vorwurf gegen sie zusammen, den nur ihre einstigen Erben nicht erheben — es ist die allzugroße Knauserei der hohen Frau. Als sie am 20. Juni 1837 als Erbin ihres kinderlosen Oheims, König Wilhelms IV., den Thron bestieg, benahm sich das Parlament bei Feststellung der Civilliste der 18jährigen Königin insofern sehr vorsichtig, als es genau bestimmte, wozu das viele Geld verwendet werden solle. So wurden bewilligt: Für den Haushalt „ Gehalte der Hofbeamten „ die Privatbörse 60,000 „ „ „ Almosen 13,200 „ „ „ beliebige Ausgaben 8,400 „ „ Es macht das zusammen 385,000 Pfd. St. oder 7'700,000 Mark (über 9*/g Mill. Fr.), gewiß ein nettes Sümmchen, mit dem sich auskommen läßt. Die Königin brachte dieses Kunststückchen denn auch fertig, aber sie behielt alljährlich noch viel und seit Beginn ihres langjährigen Wittwenstandes sogar sehr viel übrig. Das auch ist es, was ihr die Engländer zum Vorwurf machen, indem sie gleichzeitig mit Recht behaupten, die Ucberschüsse in den einzelnen Rubriken müßten dem Parlamente zur Verfügung gestellt werden, was allerdings nie geschah. Kann man sich auch nicht wundern, daß die Haushaltsausgaben der einfacher als manche Bürgersfrau lebenden Königin weit hinter dem Ansatz des Parlaments zurückbleiben, so verschnupft es doch ernstlich, daß auch der für Almosen ausgeworfene Betrag nie säuberlich aufgebraucht wird und so überall nette Bröck- chen übrig bleiben. Rechnet man dazu noch die anderen Einnahmequellen der hohen Dame — so z. B. 1 Million Mark jährlich aus dem Herzogthum Cromwell — dann wird man begreifen, daß sie es bei ihrem langen Leben zu etwas bringen mußte. Und in der That liefern ihr die Zinsen ihrer riesigen Kapitalien, sowie ihre Privat- Besitzungen in Großbritannien und Amerika so ungeheure Jahreseinkünfte, wie sie selbst ein Rothschild nicht hat, 172,500 Pfd. St. 131,260 „ „ 751 und die greise Königin dürfte wohl unbestritten als die reichste jetzt lebende Persönlichkeit bezeichnet werden. Auch durch Schriftstellerei hat die Monarchin noch ein kleines „Nebenher" verdient. Sie führt nämlich ein genaues Tagebuch und hat daraus schon ab und zu Aus- züge publizirt, für welche der Verleger gewöhnlich recht hohe Honorare zu zahlen hatte. Für ihr letztes derartiges Werkchen, welches in einfach schöner Sprache, aber in - . . Kchloß am Kee. monoton sich hinschleppenden Wiederholungen das Alltagsleben in dem schottischen Schlosse Balmoral schildert, mußte der Verleger 5000 Pfund (100,000 Mark) zahlen. Aber da das nette Büchelchen trotz seines schönen Einbandes dem verehrlichen Publikum für zehn und eine halbe Mark doch zu theuer war, setzte es der Buchhändler auf 7*/z, dann auf 4 Mark herab, und jetzt ist es sogar für 1 Mark 90 Pf. zu haben — ein Beweis dafür, daß Verleger auch mit königlichen Autoren Pech haben können. — Innerhalb der eigenen Familie führt die Herrscherin ein so strammes Regiment, daß sie von Söhnen und > Töchtern, Enkeln und Schwiegersöhnen selbst in den unbedeutendsten Angelegenheiten um ihre Willensmeinung gefragt zu werden verlangt. Wer das kann und es z. B. über sich gewinnt, bei Mama zu fragen, ob er diese oder jene Einladung annehmen dürfe, der ist ihr lieb Kind. Ihrer besonderen Gunst erfreute sich der Vater der jungen Zarin, der letztverstorbene Großherzog Ludwig IV. von Hessen. Er brachte alljährlich mehrere Monate bei der gestrengenSchwiegermama zu, und als er, des Wittwen- standes müde, der kurz vorher geschiedenen Frau vonKolemtne die „linke" Hand gereicht, da war es einzig der Wille der Königin von England, welcher den kaum geschlossenen Ehebund wieder zerriß. Böse Zungen wollten damals die häufigen finanziellen Schwierigkeiten des Großherzogs mit dessen großer Liebe zur Schwieger- mama in Verbindung bringen. Wäre der eheliche Bund mit Frau von Kolemine nicht gar zu un- ebenbürtig gewesen, die Königin hätte die Lösung desselben gewiß nicht betrieben. Denn Liebende zu beschützen und Ehen zu stiften ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, und man kann nicht anders sagen, als daß sie Glück damit hat. Es steht wohl einzig in der Geschichte da, daß eine königliche Großmama so viele regierende oder voraussichtlich doch zur Regierung gelangende Kinder und Enkel hat: die Kaiserin Friedrich und der Herzog Alfred von Coburg-Gotha sind ihre Kinder, der deutsche Kaiser, dicZartn, das großherzogltchePaar vonHes- sen, die Erbprinzesstn von Mei- ningen, die Kronprinzessin von Griechenland und die Gemahlin des rumänischen Thronfolgers ihre Enkelkinder. Die Königin zeigt sich ihrem Volke nur höchst selten, und auch die sogenannte hoffähige Gesellschaft ist mit dem Glücke persönlicher Begegnung nur sparsam bedacht; denn Concerte, Theatervorstellungen, Bälle und andere Festlichkeiten sind am englischen Hofe völlig unbekannte Dinge, und der Abhaltung von Empfängen oder Hoffesten (Ora^vinArooms) ist während des ganzen Jahres alles in allem nur eine Woche gewidmet, für welche Zeit die Königin von Schloß Wtnd- sor, ihrem vornehmltchsten Aufenthaltsorte, nach dem Buckinghaw-Palaste kommt, jenem ungeheuer großen Gebäude, das im Westen Londons, am Ende von St James' 752 Park gelegen ist. Ein solcher Empfang wickelt sich übrigens außerordentlich rasch ab. Nachmittags präcis 2 Uhr öffnen sich die Thore des Palastes, und eine fast endlose Reihe feiner Equipagen fährt in den Schloßhof. Die imHof- Costüm erscheinenden Herren und die in reicher, mit Diamanten gezierter Toilette steckenden Damen stellen sich im Innern des Palastes reihenweise nach der Zeit ihres Eintreffens auf oder sie bilden „Queue", wie eS in der Hofsprache heißt. Endlich naht der große Augenblick. Präcis 3 Uhr Nachmittags öffnet sich das Thronzimmer, wo die von ihrer Familie und den hohen Würdenträgern umgebene Königin ihren Sitz eingenommen hat. Der Ceremonienmeister ruft jetzt laut und deutlich die Namen der Erschienenen auf, die sich dann schleunigst in Bewegung setzen, vor der Majestät die vorschriftsmäßige tiefe Verbeugung machen und ihr die Hand küssen, um dann ohne weiteren Aufenthalt durch die Thüre am entgegengesetzten Ende des Saales wieder zu verschwinden. Nur selten richtet die Königin an bekannte Personen einige Worte, und um 4 Uhr, also nach Verlauf einer Stunde, hat die ganze noble Gesellschaft den Palast wieder verlassen, während die Königin nie später als 5 Uhr mit dem an der Paddington-Station bereitstehenden Extrazug nach Windsor zurückkehrt. Am folgenden Tage bringen alle Zeitungen die Namen der Auserwählten, welche bei dem gestrigen Drawingroom der Herrscherin die Hand küssen durften, und glücklich ist, wer sich in dieser Liste aufgeführt steht. Die gesammte Repräsentation, wie überhaupt die ganze Last, welche die königliche Würde nach außen mit sich bringt, ruht seit vielen Jahren auf den Schultern des Thronfolgers, des Prinzen von Wales, der trotz seiner mancherlei Schwächen in England großer Beliebtheit sich erfreut. Bei der Unmasse von Festlichkeiten aller Art, denen er dem Herkommen gemäß beiwohnen muß, wäre das Anhören von Ansprachen und das Selber-Reden noch nicht das Schlimmste. Härter würden manchem die Festessen vorkommen, mit welchen der Vertreter der Krone sich oft täglich in der Mehrzahl abzufinden hat. Aber der königliche Prinz ist in diesem Punkte mit einer geradezu bewunderungswürdigen Gabe ausgestattet. Trifft ihn des Vormittags um 10 Uhr das erste Frühstück, so vermag er gleichwohl um 1 Uhr ein zweites, noch umfangreicheres zu vertilgen, ohne daß ihm deßhalb der Appetit zu dem offiziellen Lunchen um 3 Uhr abhanden käme. Und will es des Schicksals Tücke, daß Abends 8 Uhr noch ein Bankett (dinnor) stattfindet, so stellt der Thronfolger auch da wieder seinen ganzen Mann. Aber wer viel ißt, kann nach Ludwigs XI.' berühmtem Ausspruche niemals ein schlechter Mensch sein. Der Prinz von Wales beweist diesen Satz schon durch seine äußere Erscheinung, welcher die vollendete Gutmüthigkeit aufgeprägt ist. Daß er viel ißt und auch mittrinken, plaudern, spielen, tanzen und scherzen kann, sich mit einem Worte zeigt wie andere Sterbliche auch, das ist es gerade, was ihn bei Hoch und Nieder populär macht. (Luz. Vtld.) ZuunserenBildern. Ein Ungeheuer. Die einst die furchtlosen und wüthigen Vertheidiger ihrer Herren werden sollen, hat eine Kröte, die ihnen bisher noch nicht vor Augen kam, gewaltig erschreckt. Mit den gewagtesten Kletterübungen suchen sie sich vor dem Feinde in Sicherheit zu bringen. Und gerade in so gefährlichen Augenblicken muß die Hündin abwesend sein! Der Drandstifter. Im Dorfe ist ein Haus abgebrannt. Die Ortsfeuerwehr die Nachbarfeuerwehrcn, die Ortsbewohner haben redlich zu- sammengeholfen, die benachbarten Anwesen zu schützen und vor dem verheerenden Elemente zu bewahren. Schon als man das Feuer bemerkt hatte, tauchte allgemein die Meinung auf, nur die Hand eines Frevlers könne namenloses Unglück über eine arme Familie gebracht haben, und der Verdacht sollte sich alsbald bestätigen. Nur einen Feind hatten die ihrer Habe Beraubten im Dorfe, einen finsteren, verschlossenen Mann, der erst vor Kurzem einen Prozeß mit ihnen angefangen und verloren hatte. Man hielt ihm alsbald vor, er sei der Brandstifter. Der Mann leugnete die That nicht, gab vielmehr seiner höllischen Befriedigung über die Sättigung seiner Rache Ausdruck, und so wurde er von einigen handfesten Ortseinwohnern dingfest gemacht und vor das Ortsoberhaupt geführt. Das Gemälde von Fr. Hiddemann stellt den Moment dar, in welchem der Verbrecher vor dem Bürgermeister erscheint. Zichloß am Kee. Der Mond dringt eben durch die dichte Wolkenwand und beleuchtet ein mit Reben bewachsenes altes Gemäuer, das einer Burg als Umwallung diente. Von der Zinne des Thurmes genießt man einen herrlichen Ucberblick über den See, der schon zu Zeiten der Raubritter einen sehr lebhaften Verkehr vermittelte. Gar oft ist die raublustige Schaar ans Ufer geeilt, wenn die Thurmwache das Herannahen des Fahrzeuges eines reichen Kaufherrn anzeigte, und hat reiche Beute geholt. Jetzt ist das Schloß zum Theil verfallen und dient nur mehr als bequem zu erreichender Aussichtspunkt. Aus der „Nachfolge Kyristi"?) Sei nicht stolz auf hohe Freunde, Rühme dich nicht deiner Habe, Nur des Herrn! Denn Er gibt alles Und sich selbst als beste Gabe. Prahle nickt mit deiner Schönheit Und der Wohlgestalt der Glieder: Eine Krankheit — und was prangte, Ist verwelkt und blüht nicht wieder! Denke nicht mit Selbstgefallen. Deiner Einsicht und Talente, Weil der Herr, der alles schenkte, Dir zum Unheil, zürnen könnte! Schätze dich nicht über and're In vermeff'nem Tuqenddünkel! Um so nied'rer wirst du gelten Dem, Der kennt die Herzenswinkel. Was du Gutes etwa thatest, Denk' es nicht mit Ueberhebenl Daran, was die Menschen preisen, Kann vor Gott ein Tadel kleben. Hast du Gutes: das noch Bess'rc Von dem Nebenmenschen glaube, Daß der Feind den Schatz der Schätze, Deine Demuth, dir nicht raube! Daß du allen nach dich ordnest, Ist der Seele nicht zum Schaden; Doch Erhebung über einen Bringt dich um sehr viele Gnaden. Demuth hat beständig Frieden; Aber in die Brust des Stolzen Schnellen Eifersucht und Aerger Ihre gift'gen scharfen Bolzen. *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.-, Salonband M. 4 50. Algebraische Gleichung, rr ^ l» — x a beliebtes Reiseziel, d Soldat. x ein für Häuserspeculanten wichtiges Object. ---SÄWSS--