« sd. 1896 . „Nugsburger Postzritung". Viustag, den 1. Dezember Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von HaaS L Grabderr in Augsburg lVorbefitzer Dr. Mar Huttler). Advent. Umtost von kalten Lüften, Den Fuß auf Blumengrüften — Eilt still ein Pilger hin. Die Lande um ihn schweigen, Die grauen Nebel steigen, Die Wolken dunkel zieh'n. Die Zeiten gingen schnelle, Er war nur eine Welle Im wetten Ocean. Sein Glück hat er begraben, Und auch die Menschen haben Ihr Theil dazu gethan. Sie sagten: Warten, warten, Bis auch in Deinem Garten Die Düfte milder weh'n. Er hat in Tag und Jahren Das alte Lied erfahren, Die Sehnsucht blieb besteh'n. Sein Herz hat laut gestöhnet Nach einem, der's versöhnet Und ihm den Kelch versüßt. Da sah er ein Gesichte: Es hat der Herr voll Lichte Sein müdes Haupt geküßt. Adolph Müller Im fremden Wandel Erzählung von C. Borges. (Schluß.) VI. „Diese hier ist meine liebe, kleine Nichte und Adoptivtochter — Rosalie von Bornfeld." Mit diesen Worten stellte Herr Lambrecht seinen Liebling vor, als die ganze Familie Davidsohn, die Eltern, sieben Kinder, von zwölf Jahren an abwärts steigend, und die Gouvernante dem großen, schwerfälligen Omnibus entstiegen. Rosalie fühlte die großen, stechenden Augen der Erzieherin durchbohrend auf sich gerichtet, als sie die freundliche Begrüßung der Eltern und der kleinen Schaar herzlich erwiderte. „Fräulein River freut sich auf diesen Besuch nicht weniger wie wir", versicherte die Mutter mit gönnerhaftem Lächeln. „Das Leben auf unserer Farm bietet wenig Abwechselung, es ist sehr einsam, besonders wenn man an die Zerstreuungen des Stadtlebens gewohnt war." Die Gäste waren in ihren Gemächern, um sich von den Strapazen der mühsamen Reise zu erholen. Rosa saß allein in ihrem Zimmer, als nach einem leisen Pochen an der Thür Thomas zu ihr eintrat. „Nun?" „Was wünschen Sie?" „Einige Informationen. Sehen Sie nur nicht so überrascht drein; ich weiß, daß sie da sind. Was denken Sie von ihnen?" „Frau Davidsohn scheint eine prächtige Dame, auch ihr Gatte gefällt mir gut. Die Kinder sind süße, kleine Geschöpfe." „Zugegeben. Die Mutter ist kaum zweiunddreißig Jahre trotz ihrer kleinen Heerde." „Sie sieht älter aus." „Die Frauen altern schnell hier in diesem heißen Klima. Was haben Sie weiter zu sagen?" „O, ich weiß wohl, was Sie wissen wollen. Ich habe Linda River gesehen und finde sie sehr schön. Frau Davidsohn sagte, sie habe sich auf diesen Besuch sehr gefreut, und sie hofft, wir sollen Freundschaft schließen, da sie mit mir im gleichen Alter steht." „Sie ist achtundzwanzig Jahre", verbesserte Thomas. „Mag sein, aber sie gefällt mir nicht." „Das freut mich." Dann fuhr er nach einer kleinen Pause fort: „Sie kennt Ihre Tante und Ihre Cousinen." „Wirklich?" Rosa's Stimme klang ganz ungläubig. „Wie ist das möglich? Meine Tante war niemals in Afrika." „Nein, aber Fräulein River war ein ganzes Jahr lang in Deutschland und hat dort mit Ihren Verwandten enge Freundschaft geschlossen. Sie hat sämmtliche Photographien und steht bis jetzt noch mit ihnen in reger Korrespondenz." „Die ganze Familie haßt mich", sagte Rosalie traurig, „aber glauben Sie, daß Ihr Vater mich fortsenden würde, selbst wenn meine Tante etwas Nachteiliges von mir an Linda River geschrieben hätte?" 762 „Mein Vater wird Sie niemals fortsenden", beruhigte er, „aber Linda wird sich bemühen, Ihr Lebensglück zu zerstören, darum wünsche ich so sehr, sie wäre niemals gekommen." Es war am Tage vor Weihnachten. Die anderen Gäste waren noch nicht erschienen; sie wohnten in der Stadt und wurden erst für den folgenden Tag erwartet. Aber die Davidsohn's, Groß und Klein, wachten schon eine bedeutende Gesellschaft aus, und das Antlitz des alten Herrn strahlte vor Freude, als er den Kreis seiner fröhlichen Gäste anschaute. Sein Sohn und Erbe war weniger erfreut. Der Zufall hatte es gewollt, daß er beim Mittagsmahl seinen Platz an Linda's Seite fand; er hoffte nur, daß sie in diesem großen Kreise keinen Versuch machen würde, auf alte, längst vergangene Zeiten zurückzukommen. Er hatte sich getäuscht. Bei dem heiteren Geplauder der Kinder hoffte sie, nur von ihm verstanden zu werden, denn ihre ersten Worte lauteten: „Vor drei Jahren hatte ich nicht gedacht, als Ihr Gast die Schwelle Ihres Hauses zu betreten." Die Anspielung war deutlich genug, doch Thomas war derselben vollkommen gewachsen. „Als meines Vaters Gast", verbesserte er mit der größten Ruhe. „Fürchten Sie nichts, Fräulein River, er hat von dieser kleinen Episode in unserem Leben keine Ahnung." „Haben Sie die Zeit vergessen?" „Nein", er sah ihr fest in die Augen, „es gibt Augenblicke im Leben, die ein Mann nie vergessen kann. Wenn es Ihnen aber eine Beruhigung ist, so seien Sie versichert, daß ich Ihnen vergeben habe." Linda River war schlau und listig, obgleich sie durch eigene Schuld so früh in ihrem Leben Schiffbruch erlitten hatte. Sie wußte, daß sie keine Hoffnung auf den Besitz des Namens dieses reichen Kaufherrn hegen dürfe, und sie ahnte, daß sein Herz einer Anderen gehöre, aber wer war ihre Nebenbuhlerin? Ehe die Tage des Weihnachtsfestes vorüber waren, wußte sie mehr, als sie in den wenigen Tagen zu erfahren gehofft hatte. Ohne Thomas' Wissen hatte sie ein Gespräch belauscht, welches er mit Frau Davtdsohn führte, und von dieser Stunde an waren ihre Augen geöffnet. Die alte Dame hatte ihre Freude über Rosa's liebliche und anmuthsvolle Erscheinung offen ausgesprochen und den Entschluß des Herrn Lambrecht sehr gelobt, eine Tochter zu adoptiren. „Natürlich ist er reich genug, ein halbes Dutzend Töchter zu adoptiren", schloß sie ihre lange Rede, „aber viele Söhne würden es nicht gerne sehen, ihre Rechte geschmälert zu finden." Der junge Mann lächelte. „Ich gönne ihr gern einen Platz im Herzen meines Vaters, aus dem sie mich niemals verdrängen wird", versetzte er sorglos. „Es war das Beste, was er je in seinem Leben gethan hat, als er sie zu sich in sein Haus nahm. Sie erhellt unser Leben wie das Sonnenlicht, und ein Jeder, der sie kennt, muß sie lieben." Linda hörte diese Worte, und sie biß die Zähne aufeinander in ohnmächtiger Wuth. „Er soll sie niemals heirathen, niemals!" knirschte sie. „Diese kleine Person, die von der ganzen Familie Bornfeld so verachtet wurde, soll meine Nebenbuhlerin nicht sein, ich will ihren Plan schon kreuzen, so listig er auch angelegt ist." Georgine von Bornfeld hatte vergeblich auf das Glück gewartet, die Gattin des reichen Gutsbesitzers Wil- mer zu werden. Als dieser sich aber mit einer anderen Dame verlobte, kannte ihr Zorn keine Grenzen mehr; sie gab Rosalie allein die Schuld und wollte sich an ihr rächen, trotzdem das Weltmeer zwischen ihnen lag. Da gedachte sie ihrer früheren Freundin Linda River. Natal und Marydale lagen zwar weit von einander getrennt, aber ihre Kenntnisse in der Geographie waren sehr allgemein, und sie dachte, daß die Einwohner Afrikas schon Gelegenheit finden würden, sich zu treffen. Darum schilderte sie das Benehmen und den Charakter der entfernten Verwandten in den grellsten Farben und legte ihr hauptsächlich zur Last, alle hetrathsfähtgen jungen Herren aus dem Hause zu vertreiben. „Ich halte es für meine Pflicht, Dir über den Charakter dieser Heuchlerin die Augen zu öffnen", schloß sie ihren ausführlichen Bericht, „denn Du wirst gewiß Gelegenheit haben, sie zu sehen, und ich warne Dich, denn es wäre mir sehr schmerzlich, wenn Du oder Deine Geschwister durch ihre Falschheit und Koketterie unglücklich gemacht würden. Rosalie versteht es, durch Trug und List die jungen Herren an sich zu fesseln und macht sich kein Gewissen daraus, das Lebensglück Anderer zu zerstören, wie sie es auch bei mir gethan hat." Linda River hatte die Zeilen ihrer ehemaligen Freundin kaum beachtet, aber jetzt kreuzte Rosalie ihren Weg — sie entsann sich jedes Wortes des Briefes und wollte ihren Vortheil daraus ziehen. Das Wethnachtsfest war vorüber. Dr. Manners hatte die Gäste seines Freundes nach dem Waldhof eingeladen, dazu auch viele Bekannte aus Marydale. Auf diesen Abend setzte Linda ihre größte Hoffnung. Sie erschien in einem einfach eleganten Spitzenkleide, das rabenschwarze Haar mit zierlichem Vergißmeinnicht geschmückt, kleine Sträußchen derselben Blumen befestigte sie am Hals und am Gürtel. Frau Davtdsohn, die gern ihre Gouvernante an diesem Vergnügen Theil nehmen ließ und deshalb bei ihren Kindern daheim blieb, schaute sie wohlwollend an und prophezeite ihr, daß sie die Schönste aller Schönen auf dieser Festlichkeit sein werde. Doch Thomas, an den diese Worte besonders gerichtet waren, achtete weder darauf, noch antwortete er; seine Augen hingen an der zarten, elfenhaften Gestalt, die jetzt die Treppe herab kam. Es schien ihm, daß Rosalie in ihrem schlichten weißen Kleide mit dunkelrothen Rosen die Königin des Festes sein würde. Es herrschte eine drückende Schwüle in den festlich geschmückten Räumen des Arztes, viele Gäste zerstreuten sich im Garten, um unter den hohen, schattigen Palmen und Kokosnußbäumen erfrischende Kühlung zu suchen. Auch Thomas Lambrecht schritt hinaus. Er kannte eine versteckte Nasenbank, die ihn zur Ruhe einlud, aber plötzlich hörte er eine nur zu bekannte Stimme, die laut und vernehmlich, daß viele Umstehende es hören konnten, sagte: „Ich kann es Ihnen versichern, es ist die volle Wahrheit. Die ganze Familie von Bornfeld ist mir sehr befreundet, und die älteste Tochter Georgine hat es mir ausführlich geschrieben, um mich gegen diese Heuchlerin zu warnen." „Aber das müßte Herr Lambrecht doch wissen! Ich hoffe bestimmt, Sie irren sich, Fräulein River, denn wir Alle haben die kleine Rosalie sehr lieb gewonnen." „Ich wünschte selbst, es wäre ein Irrthum, liebe Frau Parker", fuhr Linda herzlos fort, „aber es ist gar nicht daran zu zweifeln. Um vollständige Sicherheit zu haben, fragte ich gestern, ob sie die Nichte der Familie von Bornfeld in B. sei, und sie sagte ja. Die guten Leute haben oft versucht, ihr eine Stellung zu verschaffen, aber überall wurde sie schon nach wenigen Wochen wegen ihrer Heuchelei und Falschheit aus dem Hause gejagt. Dann hat die Tante sie selbst in ihr Haus aufgenommen und sich bemüht, sie zu bessern, aber sie wollte ihre Fehler nicht ablegen. Durch herzlose Koketterie suchte sie wie eine Schlange junge Herren in ihre Netze zu ziehen, sogar den Bräutigam ihrer Cousine hat sie durch List und Bosheit aus, dem 'Hause vertrieben. Sie — — „ Still,still" unterbrach Frau Parker, „ich kann's nicht glauben." „Aber es ist so",be- harrte Linda eifrig. „Sie ist eine vollendete Heuchlerin, und wie ich höre, treibt sie hier dasselbe Spiel wie in ihrer alten Heimath." Sie war zu weit gegangen; mitzornsprühen- den Augen stand Thomas plötzlich vor der kleinen Gruppe. „Sie kennen mich seit meiner Kindheit, Frau Parker", sagte er mit vor Erregung bebender Stimme, „und Sie werden mir doch das Zeugniß gehen, daß ich die volle Wahrheit spreche. Ich bitte daher, kein Wort von dem zu glauben, was Sie soeben gehört haben." Frau Parker schaute verlegen zu Boden. „Wirklich, Herr Lam- brecht, ich wußte-", stammelte sie, verwirrt und hielt inne. „Sie werden ^diesem Geschwätz keinen Glauben schenken", fuhr er erregt fort, „aber Andere, die diese Worte gehört haben, könnten es thun, und heute möchte ich gern ein für alle Mal diese Angelegenheit erledigen. Nosalie ist eine chrenwerthe Dame von untadelhaftcm Charakter, die aber im Hause ihrer Verwandten unterdrückt und wie eine Sklavin behandelt wurde. Für das kärgliche Brod, das ihr kaum genügend gereickt wurde, hat sie wie eine Magd gearbeitet, und ihr einziger Fehler ist, daß sie sich dieser empörend schlechten Behandlung nicht energisch widersetzte." Er hielt inne. Seine Worte hatten auf die Anwesenden einen sichtlichen Eindruck gemacht. „Georgine von Bornfeld hat es mir aber selbst ge- chrieben", beharrte Linda River. „Sie sagte, Rosalie ei eine heuchlerische Kokette, die nur darnach strebe, junge Herren an sich zu fesseln." Thomas lächelte überlegen; er beachtete die Worte der Sprecherin nicht und fuhr zu Frau Parker gewendet fort: „Wie sehr muß sich doch Fräulein Nosalie in den wenigen Monaten ihres Hierseins geändert haben! Denken Sie nur, mein Vater hat nicht wehr und nicht weniger als sechs Herren abweisen müssen, die um ihre Hand anhielten; und als vor einiger Zeit wieder einer kam, der sie als Gattin begehrte, bat sie meinen Vater, ihr nichts mehr davon zu sagen, da sie fest entschlossen sei, bei ihm zu bleiben." „Vielleicht hatte sie guten Grund dazu", höhnte Linda, „es sind ja zwei reiche Herren im Hause, und sie wird wohl wissen, wem sie den Vorzug geben soll." Jetzt erschien Frau Parkers Tochter. Es war Allen eine Erleichterung, daß sie Ltnda's Arm nahm und sie der kleinen Gruppe entführte, um sie einem Freunde vorzustellen. „Warum haßtsieFräu- lein Rosalie so sehr?" fragte Frau Parker im Flüstertöne. „Ich weiß nicht; es müßte denn sein, daß alle schlechte Frauen die guten hassen. Ich wünschte nur, mein Vater hätte diese Worte gehört, er würde sie besser zum Schweigen gebracht haben." „Das glaube ich nicht", sagte.eine alte Dame, die schweigend der Scene gelauscht hatte. „Ein Jeder weiß, wie sehr der gute, alte Herr das Fräulein liebt, aber daß Sie,Herr Thomas, der Sie doch niemals Damen in Schutz nehmen, Fräulein Rosa so glänzend vertheidigt haben, ist der beste Beweis von Linda's Verleumdung." „Ich hoffe, sie wird nie erfahren, was hier gesagt wurde; es würde ihr sehr schmerzlich sein", sagte der junge Mann ernst. „So viel an mir liegt, soll sie kein Wort erfahren", versicherte Frau Parker, und die anderen Damen pflichteten ihr bei. Thomas Lambrecht durchwanderte den großen Garten; er suchte Rosa und wußte nicht, wo er sie finden sollte. Linda's schmähliche Verleumdung des unschuldigen Mädchens hatte ihn heftiger erregt, als er sich selbst gestehen wollte, und er fürchtete, ob nicht ein verletzendes Wort zu ihr gedrungen sei. Aber Rosa war nicht im Garten. Er ging in das Haus, Niemand hatte sie dort gesehen. Hilda Manners versicherte ihn, sie sei noch vor einer Stunde bei dem Onkel gewesen, seitdem aber nicht mehr gesehen worden. Aber der alte Herr saß gemüthlich bei einigen älteren Erika Wrdrkind Herren und war so vertieft in seine Whistpartie, daß er die Frage seines Sohnes nach Rosa ganz überhörte. Thomas wurde immer unruhiger. Jetzt wurde das Zeichen zum Abendessen gegeben, und die zahlreichen Gäste versammelten sich gruppenweise in dem Speisesaal, doch Rosa war nicht unter ihnen, so sehr der junge Herr seine Augen und alle seine Sinne anstrengte, um eine Spur von ihr zu entdecken.Z Langsam schlenderte er nach dem Palmen- garten zurück, er wußte kaum, was er dort wollte, denn dort war er schon so oft gewesen und hatte sie nicht gefunden. Alle Nasenbänke, Sessel und Hängematten waren leer, schon wollte er zurückkehren, als er hinter einer breitblätterigen Daturusstaude ein weißes Gewand schimmern sah. Schnell eilte er vorwärts, bald hörte er ein unterdrücktes Schluchzen und wußte jetzt, daß Linda's herzlose Worte das arme Mädchen in tiefster Seele verwundet hatten. „Rosa!" Keine Antwort erfolgte. „Rosa!" rief er abermals, „ich habe Sie schon so lange gesucht." Er beugte sich zu der Weinenden herab, richtete sie auf und führte sie mit sanfter Gewalt zu einer Rasenbank. „Rosa", wiederholte er und erfaßte ihre zitternden, kalten Hände, „warum weinen Sie, was ist geschehen?" „Ich — ich kann es Ihnen nicht sagen", schluchzte sie. „Ich weiß alles. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit, um Linda Niver's Worte zu hören." „Glauben Sie denn, was sie gesagt hatte?" „Ich weiß, daß es Verleumdung ist!" „O! Es war hart und grausam. Ein Zeder wird es glauben; — ich will fortgehen und mich verbergen." „Ja, es war grausam", gab Thomas zu, „aber Sie wissen, Rosa, Niemand glaubt es, der Sie kennt. Granville zum Beispiel glaubt es nicht." „Ich kümmere mich wenig darum, ob Granville es glaubt." „Nun, Dr. Manners und seine Frau glauben es auch nicht, und ich ganz gewiß nicht." „Ich dachte, Sie würden sich darüber freuen." „Sie beurtheilen mich falsch", versetzte er ruhig. „Aber Sie hassen doch alle DamenI" „Sie sind eine Ausnahme." „Nun", sagte das junge Mädchen, gewaltsam die Thränen zurückdrängend, „Ihr Leben soll durch meine Gegenwart nicht länger getrübt werden; noch heute will ich Marydale verlassen." „Wohin wollen Sie denn gehen? Ich möchte es gern bald wissen, denn ich gehe auch fort und muß noch einige Vorbereitungen treffen." „Sie scherzen wieder." „Nein, Rosa, ich scherze nicht." Er sprang auf, und ohne daß sie es hindern konnte, umschlang er sie fest mit seinen Armen. „Rosa, Geliebte I" rief er stürmisch, „weißt Du denn nicht, daß ich Dich liebe? Ich kannte das Ge- i!>> heimniß meines Herzens selbst nicht eher, M bis ich Linda's grausame Worte hörte, obre da gingen mir plötzlich die Augen auf. Ich würde heute noch nicht so offen mit Dir gesprochen haben, aber wenn Du in der Welt umher wandern willst, so gehe ich mit Dir, damit Du doch einen Beschützer hast." „Ich dachte-Sie haßten mich." „Ich wollte Dich hassen, aber es gelang mir nicht. Als ich Dich zuerst sah, hielt ich Dich für Frau Manners Gesellschafterin, und schon damals fühlte sich mein Herz zu Dir hmgezogen." „Es wäre besser gewesen, ich wäre niemals gekommen; Fräulein Rivers Worte könnten mich dann nicht so sehr verletzt haben." „Als meine Gattin können Dich ihre Worte nicht mehr verletzen. Sage mir offen, mein Liebling, willst Du das Glück Deines Lebens in meine Hände legen?" „Ich will niemals heirathen." „Warum nicht, liebst Du mich nicht ein wenig ?" „Mehr wie „ein wenig". O, Thomas, ich wollte immer bei Dir und bei dem Onkel bleiben", flüsterte sie heiß erröthend. Er schloß sie in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich. „Rosa", sagte er dann, „die letzten Worte der alten Zigeunerin sind erfüllt; am Weihnuchtsfest ist der Stern Dewes Glückes aufgegangen; das rst der Stern der Liebe." „Das waren gar nicht die letzten Worte", erwiderte sie schelmisch und schmiegte sich fester an seine Brust. „Nicht? Hat sie Dir vielleicht den Mann Deiner Wahl beschrieben?" „Jetzt beantworte ich keine weitere Fragen", lachte Rosa, „aber sieh' dorthin, Thomas. Die Thüren des Speisesaals sind geöffnet, das Essen ist beendet, die Gäste kommen schaarenweise in den Gartl-n. und man wird uns hier finden." „Lass' uns nach Hause gehen", schlug er vor, „denn unser täto-ü-tsts soll noch nicht in der ersten Stunde gestört werden." Der alte Herr Lambrecht war schon vor dem Essen heimgekehrt und saß auf der Veranda, gemüthlich mitFrau Davidsohn plaudernd. Thomas trat auf ihn zu und rief heiter: „Endlich erfülle ich Deinen Wunsch, lieber Vater. Ich will eine eigene Häuslichkeit gründen, und Rosa wird mir dazu verhelfen. Gratulire uns l" Der alte Herr stand auf und schloß tief bewegt das erröthende Mädchen in seine Arme. „Du hast mir den größten Wunsch meines Herzens erfüllt, mein Sohn", versicherte er gerührt, „möge sie Dich glücklich wachen." Nun folgten frohe, glückliche Tage; Linda River schützte Kopfschmerz vor und verschloß sich in ihrem Zimmer, worüber die Kleinen ganz glücklich waren, denn sie fürchteten sich vor ihrer schönen Gouvernante. Thomas drang auf eine schleunige Hochzeit und wollte nicht länger als bis Anfang Februar warten; doch Frau Davidsohn meinte, die Verlobungszeit sei viel zu kurz, in 766 so wenigen Wochen könnten ja kaum die Hochzeitsgeschenke von Deutschland herüber kommen. Rosa lachte und gab die Versicherung, sie erwarte gar keine Geschenke, da sie in der alten Heimath keine Freunde hinterlassen habe. Doch darin halle sie sich geirrt. Mit dem nächsten Dampfer, der noch vor dem Hochzeitstage landete, erhielt sie drei werthvolle Geschenke: einen goldenen Armreif von Herrn Hollmann, einen kostbaren seidenen Spitzen- shawl von seiner Schwester und einen Diamantschwuck von dem reichen Engländer Mr. Lislie. „Ich kann das gar nicht begreifen, ich sah den guten Engländer doch nur ab und zu auf dem Schiffe", meinte Rosa nachdenklich. Doch Thomas Lambrecht erhielt von ihm mit derselben Post einen ausführlichen Brief. „Er hat Dich unendlich geliebt", sagte er nach dem Rosa's Gegenwart erleichtert, und als das junge Paar nach wenigen Wochen nach Afrika zurückkehrte, war es zwar um ein bedeutendes Vermögen reicher, aber um einen Freund ärmer geworden. „Er war der einzige Freund, den ich autzer Herrn Hollmann und seiner Schwester hatte", sagte sie gerührt. „Du hattest aber noch eine andere Freundin, hast Du sie vergessen?" „Welche?" „Die Sibylle, die Dir „ein besseres Land" versprach und vorher sagte, Dein Glück würde kommen, wenn die Rosen am Weihnachtsfeste blühen." „Mein Glück ist vollkommen. O, Thomas, Du bereust doch nicht, daß ich nach Afrika gekommen bin?" „Thorheit, Kleine. Ich bin von Herzen dankbar; ich habe nur einen Wunsch, den ich gern erfüllt sehen möchte." Anstcht von Ueu-Ulm über die Donau auf Alt-Ulm. von »»mav «aaver, Photograph tn «rumvalv. lverv,klfaiNgung«req>i vororhalten j I«» >, »L» MG' «'S» - Lesen des Schriftstückes, „aber er freute sich, Rosa, daß Du damals seine Hand ausgeschlagen hast, denn er hätte nur bald eine Wittwe hinterlassen. Er fühlt sein Ende herannahen, und nach Ausspruch der Aerzte kann er kaum bis zum Mai leben," „Ich will ihm schreiben und ihm für seine Güte danken." „Er verlangt mehr von Dir, Rosa. Er wünscht, Dich noch einmal vor seinem Ende zu sehen, und bittet Dich, nach England zu kommen. Er hat Dich zu seiner Erbin gemacht." „Ich sehne mich nicht nach seinem Reichthum." „Willst Du nach England reisen?" Sie zögerte. „Allein?" fragte sie dann. „Glaubst Du, ich ließe Dich allein reisen? Nein, mein Lieb, wohin Du reist, begleite ich Dich." Die letzten Tage des Sterbenden wurden durch „Welchen?" „Ich kenne noch nicht die ganze Prophezeiung de* Zigeunerin. Sagte sie Dir, Du würdest heirathen?" „Sie sagte, ich würde nicht den ersten, auch nicht den zweiten und dritten heirathen, der um meine Hand anhielt, aber vor Jahresfrist würde ick an der Seite meines Gatten glücklich sein." „Es ist kaum ein Jahr vergangen, denn wir sind erst im Mai; sie war wahrlich eine ausgezeichnete Frau/ „Lache doch nicht darüber", bat Rosa schmeichelnd „Ich lache nicht. Bis an mein Lebensende werde ich für Deine Liebe dankbar sein und nie das Glück der-' gessen, was mir zu einer Zeit kam, da die Rosen blühten/ Die katholische Stadtpsarrkirche und Stadtpsarrei Neu-Ulm. (Mit Illustrationen.) (Nachdruck verboten.; In Folge der im Jahre 1807 eingetretenen Terri- tortal-Aenderungen zwischen der Krone Bayern und der Krone Württemberg wurden die am rechten Donau-Ufer wohnenden Katholiken der Gemeinde Neu-Ulm und Umgebung der katholischen Pfarrei Burlafingen einverleibt. Angesichts der stets wachsenden Bevölkerung und der durch den Bestand der Bundesfestung Ulm herbeigeführten Garnisonsverstärkung haben die Bischöfe von Augsburg die Errichtung einer eigenen Seelsorgestation in Neu- Ulm angestrebt, und Beiträge der kgl. Staatsregierung, des Kretsfonds und der Rentenüberschüsse katholischer Stiftungen der Diöcese Augsburg machten es möglich, eine katholische Kirche in romanischem Stil zu bauen. Die Grundsteinlegung zu dieser Kirche erfolgte am 13. Juni von Augsburg, und erster Stadtpfarrer wurde der ehemalige Expositus und nunmehrige Domdccan Dr. Joh. Wolf in Regensburg. Leider ist jetzt die Stadtpfarrkirche viel zu klein und der Seelsorge mit Stadtpfarrer und einem Hilfsgeistlichen nicht genügend Rechnung getragen, da die Zahl der Katholiken über 5000 Seelen mit Militär sich erhöht hat. Auf dem katholischen Kirchenplatze wurde den im Feldzuge 1870/71 Gebliebenen des kgl. bayer. 12. Infanterie-Regiments ein Monument Anfang der 70 er Jahre errichtet und in der katholischen Stadtpfarrkirche eine Gedenktafel zur Erinnerung an die in Neu-Ulm heimathberechtigten und im Kriege gefallenen katholischen Militärs angebracht. - —- Katholische Kirche und Krieger-Denkmal in Neu-Ulm. Original-Aufnahme von Gustav Baader Photograph in Krumbach. sDervielfältigungsrecht vorbehalten) 1857, am Feste des hl. Antonius von Padua. Vollendet wurde der Bau bis zum 26. November 1860, so daß nach vorangegangener einfacher Benediction am 28. November, als am Geburtsfeste Sr. Majestät des Königs Max II., der erste feierliche Gottesdienst gehalten werden konnte. Da nun die katholische Bevölkerung Neu-Ulms die Zahl von circa 1800 Seelen mit Militär erreicht hatte, wurde durch Allerh. Rescript vom 10. April 1861 die Errichtung einer eigenen Pfarrei genehmigt, und laut Urkunde des hochw. bischöfl. Ordinariats Augsburg vom 19. Juni 1861 erstreckte sich dieselbe auf die Katholiken der Stadtgemeinde Neu-Ulm, der Ortschaften Pfuhl und Offenhausen und mehrerer Höfe an der Jllerbrücke, welche von der Pfarrei Burlafingen abgetrennt wurden und fortan den Sprengel der neuen Stadtpfarrei bildeten. Die Consecration der Stadtpfarrkirche erfolgte am 18. Mai 1862 zu Ehren des hl. Johannes des Täufers vom Hochw. Herrn Bischof Dr. Pancratius von Dinkel Zu unseren Bildern. Erika Medekind. die hochgefeierte Hofopernsängerin in Dresden, einer der glänzendsten GesangSsterne, die je am musikalischen Himmel aufgegangen sind, ist hier in Augsburg keine unbekannte Persönlichkeit mehr. Schon im Vorjahre hat die gottbegnadigte Künstlerin, die in Lenzburg, Kanton Aargau in der Schweiz, das Licht der Welt erblickte, in einem Kaimconcerte sich die Sympathien des hiesigen Publikums in einem Maße erworben, wie es wohl noch keiner anderen Sängerin vor ihr gelungen ist. Am letzten Donnerstag sollte sie im hiesigen Stadttheater als „Regimentstochter" auftreten, telegraphirte aber ohne Angabe von Gründen in letzter Stunde ab. Frl. Wedekind besitzt eine höbe, in allen Registern ausgeglichene Sopranstimme, die in allen Tonlagen leicht anspricht und in jedem Tone sicher und rein einsetzt. Sie trillert mit einer Virtuosität, die besonders beim Pianissimo wahrhaft verblüffend ist; sie schmettert ganze Trilleiketten neben perlenaleick gebrachten chromatischen Läufen heraus, verschleift geschmackvoll die Ein,eltöne, versteht das An- und Abschwellen der Stimme und der lang vorhaltende Athemzuge steht ihr zu Gebote. Und wie weiß die bescheidene Erika 768 all' das Bedeutende, was sie kann, ohne Prätension vorzubringen! Kurz, sie ist eine durchaus künstlerisch veranlagte Sängerin und auch in ihrer Anspruchslosigkeit vorbildlich für Concertsängcrinnen, deren Dünkel größer ist als ihr Können. Der hl. Franztskus Javerius tröstet die Armen. Am 3. December feiert die katholische Kirche das Fest eines ihrer grössten Heiligen, des hl. Franz Xaver, des Apostels der Inder. Derselbe wurde im Jahre 1506 auf dem Schlosse Xeviero in Navarra geboren und studirte später in Paris, wo er mit dem hl. Jgnatius von Loyola den Plan zur Stiftung des Jesuitenordens entwarn Nachdem er einige Zeit in Brasilien als Missionär gewirkt hatte, unternahm er 1541 eine Missionsreise nach dem portugiesischen Ostindien, Ceylon, Malaka und selbst nach Japan und bekehrte viele Eingeborene. Er starb am 3. Dezember im Jahre 1553 auf dem Wege nach Gra, wo er auch begraben liegt. Unser Bild zeigt uns den Heiligen, wie er, der für alle Lcidm der Menschheit ein so theilnehmcndes Herz hatte, die Armen tröstete nach dem Worte des Herrn: „Was Du dem geringsten meiner Brüder gethan, das hast Du mir gethan!" —t-nro-l-»-- Allerlei. 8 Ein interessanter Fund. Bet den Erdarbeiten, welche vor Kurzem an den Ufern des Shea Creeks bei Botany in Australien vorgenommen wurden, wurde ein untergegangener Wald, welcher ca. 3'/z Meter unter dem niedrigsten Wasserstande sich befand, aufgedeckt. Wie uns das Patent-Bureau von G. Dedreux in München mittheilt, waren die Bäume, besonders die Wurzeln, noch so gut erhalten, daß man die Art, zu welcher die Bäume gehörten, erkennen konnte. Es wurde festgestellt, daß die Bäume zu heute noch vorhandenen Arten gehörten. Der Untergang des Waldes dürfte in vorgeschichtlicher Zeit svermuthlich Steinzeit^ erfolgt sein. worauf die Auffindung von 4 Steinäxten, sowie das Skelett einer Seekuh hindeutete. Die weitere Aufdeckung resp. Bloßlegung des Waldes dürfte sowohl über die Zeit des Bestandes, als auch die Art des Unterganges nähere Anhaltspunkte liefern. -«- Tröstlich. Ein Familienvater kehrt von einer längeren Reise zurück. Auf dem Bahnhof fliegt ihm sein kleiner Junge an den Hals. „Na, Karlchen, wie geht's zu Hause?" — „Alles munter, Papa. Ich bin gesund und Minchen gleichfalls." — „Aber Mama?" — „O, da kannst Du ganz ruhig sein, die lebte ordentlich auf, als Du fort warst." * Ein Ehrlicher. Lehrer: „Wer hat Dir bei dem Aufsatz geholfen, Hans?" — Hans: „Niemand." — Lehrer: „Sei ehrlich, Hans, hat Dir nicht Dein älterer Bruder geholfen?" — Hans: „Nein." — Lehrer: „Dann hast Du also den ganzen Aufsatz allein gemacht?" — HanS: „Nein, Er hat ihn allein gemacht." Netter Gesang. A>: „VerzeihenSie, HerrBrüller, die Hausbewohner lassen Sie ersuchen, Ihre Gesangsübungen doch bei geschlossenem Fenster abzuhalten!" — B.: „Geht nicht! Bei geschlossenem Fenster halt' ich's selber nicht aus!" * Modern. Köchin sim Modistinladen^: „Ich möchte einen Hut, aber diesmal nur etwas Gewöhnliches, ungefähr so einen, wie meine Gnädige hat." Begreiflich. Schauspieler: !„Wenn ich spiele, da vergesse ich alles um mich her, das Publikum verschwindet vollständig." — Freund: „Wer wird dem Publikum das verübeln?" * Mißverstanden. Postbeamter: „Wie heißt denn der Name hier auf der Adresse? Ich kann ihn nicht lesen." — Mann: „Hubler." — Postbeamter: „Vorname?" — Mann: „Nein, Nachnahme!" VomJägerttsch. A.: „Wie, einen Walfisch haben Sie auch schon erlegt?" — B.: „Ja, mußte Beute aber schwimmen lassen, hatte Jagdtasche vergessen." - Kimmelssckau im Monat Dezember. —/. Merkur ist Abendstern und geht gegen Ende des Monates 2 Std. nach der Sonne in SW. unter. Venus Z wird immer Heller und verschwindet zuletzt 3*/z Std. nach Sonnenuntergang. Mars ^ wird der hellste Stern am Himmel, kommt am 11. der Erde am nächsten und ist zwischen den Hörnern des Stieres und den Füßen der Zwillinge die ganze Nacht sichtbar. Jupiter H geht auf zwischen 11 U. und 9 U. abds., steht gegen 6 U. mgs hoch im S. Saturn H geht vor 6 U. mgs. in SO. gegen O. auf und kann sich vor Tagesanbruch zeigen. In der Nähe des Mondes findet man am 3. und 31. Saturn; am 5. Merkur; am 7. Venus, um 3 U. nachm. bedeckt; am 19. Mars; am 25. Jupiter. Antares wird vom Monde bedeckt am 31. abds. 9 U. «rAkes-- Schachaufgabe. Von Hermann Lehner. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Kombinationsräthsels in Nr. 95: Rahe, Heller, Lamm, Heizen, Lier, Spinne, lonne, Vetter, Horn, Harm, Wand, Nest. — Allzeit voran. Auflösung der algebraischen Gleichung in Nr. 97: a Bad, b Ulan, x — Bauland. --