« 101 . 1896 . „Augsburger postxeitung". Vtustaz, ven 8. Dezember Iür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg lVorbefitzer Dr. Max Huttlert. Ihr erster Roman. Novelle von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) „Ich hoffe noch mehr", versetzte Baron von Saarstein, die letzte Bemerkung überhörend, „ich erwarte bei diesem Waldmenschen einen Labetrunk zu finden. Holla, wein Freund!" rief er dem hervortretenden Köhler zu. „Wir sind am Verschmachten; habt Ihr einen Trunk für unsere durstigen Kehlen?" Der Berußte zeigte eine Reihe blendend weißer Zähne und deutete auf den Eimer, der neben ihm stand. „Wasser? Pahl Gehaltloses Quellwasser hätte uns auch der Berg ohne Vermittelung gespendet. Verfügt Ihr über nichts Geistvolleres?" „Ja, wenn die Herren einen Zug aus meiner Feldflasche nicht verschmähen wollen, so steht dieselbe zu Diensten." Der schwarze Mann griff in die Tiefe seiner Tasche, brachte den erwähnten Gegenstand zu Tage und bot ihn dem Freiherrn dar. „'s ist selbstgebrannter Wachholder", erklärte er, freundlich einladend. Der Weltumsegler überwand ein unwillkürliches kleines Widerstreben und nahm einen Schluck von dem aromatischen Feuerwasser. „Der Fabrikant ist thatsächlich empfehlenswerth", sagte er, indem er die Flasche dem Pädagogen darreichte. Der Schwarze schmunzelte geschmeichelt. „Ja, das sagte die junge Dame auch, welche vor einigen Stunden davon nippte", bemerkte er. „Was? Eine junge Dame trank aus Eurer Schnaps- flasche?" rief Otto lachend. Der Bergbewohner nickte grinsend. „Das arme Hexlein wollte auf den Brocken, ist aber dort oben in die Klippen gerathen, wo in hundert Jahren kein Mensch sich hin versteigt, und war halb todt vor Mattigkeit und Schrecken, als es zu mir wieder herunter kam und nach dem rechten Wege fragte." Otto horchte hoch auf. „War die Dame ganz allein?" forschte er. „Nein, es waren deren zwei." „Wie sahen sie denn aus?" fuhr Saarstein iu seinem Verhör fort. „O, die, welche aus meiner Flasche trank, hatte ein Mäulchen, wie Preißelbeeren so roth, ihre Augen waren glänzend, wie die schwarzen Kirschen, oder eigentlich so, wie meine glühenden Kohlen da, und ihr krauses Haar war auch glänzend und schwarz. Das bildhübsche Ding weinte und lachte zu gleicher Zeit und hatte in einer Minute zehnerlei verschiedenen Ausdruck im Ge- sichtchen." „Das war ja das reinste Chamäleon", schaltete Georg ein. „Bewahre der Himmel!" rief der Schwarze förmlich entrüstet. „So 'n Trawpclthier habe ich einmal in Goslar gesehen, es wurde herumgeführt mit einem Beffchen auf dem Höcker. Das leichtfüßige, zierliche Hexchen kann man mit so einem Kamelium gar nicht vergleichen; weit eher mit dem schillernden Falter dort." Doktor Hesse lachte unbändig. „Ihr werdet ja ordentlich poetisch im Lobe der jungen Dame", rief er. „Doch sprecht Ihr immer nur von der Einen; wie sah denn die Andere aus?" „Die Andere . . ." Der Köhler stockte. „Ja, die Andere habe ich mir eigentlich nicht angesehen", erklärte er nach einigem Besinnen aufrichtig. „So war sie wohl eine alte Tante, wie sie in der Walpurgisnacht auf Besenstielen dort Hinaufreiten?" „Alt war sie nicht und häßlich auch nicht; aber sie sagte nichts, und mit der Ersten hatte ich genug zu thun", lautete die entschiedene Antwort. „Erwähnte diese nichts von verlorenen Gegenständen?" betheiligte sich Otto wieder am Gespräch. „Du lieber Gott, ja! Sie sprach von verlorenen Büchern und Kleidungsstücken. Aber wenn an die Stellen, wo die begraben liegen, nicht zufällig einmal ein Jäger hinkommt, so mögen sie ein Jahrhundert lang ungestört dort liegen." „Nun, solltet Ihr die Dame noch einmal sehen, so theilt ihr mit, daß ich eines ihrer Bücher gefunden habe. Hier ist meine Adresse." Der Freiherr überreichte dem erstaunten Mann nebst seiner Karte eine ansehnliche Geldspende und ließ sich den nächsten und sichersten Weg zum Brocken beschreiben; dann schieden die Freunde mit herzlichem Lebewohl von dem biedern Waldbewohner. Der jetzt eingeschlagene Fußpfad leitete nach verhältnißmäßig kurzer Zeit in die bequeme Fahrstraße, auf welcher unsere Wanderer ohne weitere Abenteuer zur Höhe gelangten. Nach einer Stunde lag die Welt zu ihren Füßen, der Blocksberg war erstiegen. Ein unendlich weites Rundbild erschloß sich dem Blick. Die Schaar der nahen Bergriesen stellte ihre wildesten und anmuthigsten Formen, zackigen Felshörner, 778 sanfte Wellenlinien, tiefe Schluchten und wuldbedeckte Kuppen zur Schau. In leisem Duft zeigten sich die in unermeßlicher Ferne den Horizont begrenzenden Gebirgs- züge und, von ihrem Rahmen umschlossen, viele hundert Städte und Dörfer. Ueber den wetten Schauplatz goß die Sonne ihren letzten purpurnen Lichtglanz; Höhen und Thäler schienen wie in flüssiges Rothgold getaucht. In andächtigem Schweigen standen die Männer, bis die Tageskönigin gluthstrahlend zur Rüste gegangen war. Dann erst traten sie in das gastliche Haus. II. Trotz der vorgerückten Jahreszeit summte und schwirrte es im.Brockenhause von Gästen, wie in einem Bienen' korbe. Die Schulferien waren ja eröffnet; zudem hatte eine Karawane von Engländern sich heute den Blocksberg als Reiseziel erkoren. Der große Saal, welchen unsere Freunde betraten, bildete einen sehr behaglichen Gegensatz zu dem etwas zugigen Aufenthaltsort im Freien. In einem riesigen Ofen flackerten lustige Flammen, die in dem ganzen Raume wohlthuende Wärme verbreiteten. Heitere Menschengruppen hatten sich an allen Tischen zusammengefunden. Etliche suchten ihre gesunkenen Lebensgeister durch eine Glühbowle wieder aufzufrischen. Andere nahmen bereits ein frühes Abendbrod ein, während ein Theil sich dem Genusse eines späten Nachmittagskaffees hingab. Die Ankömmlinge ließen sich an dem ersten freien Tische nieder, um vorläufig dem Beispiele der Mokkatrinker zu folgen. „Fürwahr, ich freue mich darauf, die Ctrce kennen zu lernen, welche den ehrlichen Köhler durch ihre liebenswürdige Erscheinung und meinen vernünftigen Freund gar durch das bloße geschriebene Wort in einen Zustand totaler Bezauberung versetzt hat", gestand Georg, während sein Auge spähend über die Gesellschaft hinglitt. Auch Otto hielt mit dem Ausdruck gespannter Erwartung sorgfältige Umschau im Saale. Da zeigten sich fröhliche, lärmende Studenten aller Art, unglaublich gelehrte, stubenblasse Professorengesichter, ergötzlich pedantisch aussehende Schulmonarchen mit und ohne Familie. Dort dehnten hoffnungsvolle Söhne Albions mit mehr Ungebundenheit als Anmuth ihre hünenhaften Gliedmaßen; hier hatten stramme Offiziere in Civil sich inS Skatspiel vertieft; daneben kannegießerten Berliner Jünglinge beim Domino und gaben mit lauter Stimme so viele politische Ansichten kund, als sie Köpfe zählten, während in harmloser Ungenirtheit spießbürgerliche Familien mit Kind und Kegel sich häuslich eingerichtet hatten. An Damen war kein Mangel; doch schienen die Gesuchten nicht unter den hier Anwesenden zu sein, die alle mit männlicher Begleitung gekommen waren. „Ich fürchte, unsere Circe sagte dem Brocken schon Valet, und wir haben nicht einmal das Nachschauen", bemerkte der Hannoveraner, um gleich darauf in freudigem Ton hinzuzufügen: „Ah, da sind die Damen!" Ein Engländer, dessen herkulischer Rücken ein gut Stück Aussicht verdeckte, hatte sich erhoben, und durch die entstandene Lichtung gewahrte man wirklich in einer entfernten Fensternische zwei etwas auffallend gekleidete Damen. „Schade, daß sie uns den Rücken kehren", flüsterte Georg. „Die mit dem genialen dunklen Lockenkopfe scheint zu zeichnen, und die mit den kindlich herabhängenden blonden Flechten schaut andächtig zu. Es müssen reizende Backfische sein. Wenn Du Dich dem schwarzen Lockenköpfchen näherst .... Alle guten Geister, was ist das?" unterbrach er sich entsetzt. „Die vermeintlichen Backfische sind mindestens vierzig Jahre alt." Die Schwarze halte ihr Sktzzenbuch zugeklappt, und beide Damen schritten nun, den Kneifer auf der Nase, mit unternehmungslustiger Miene durch den Saal. „Hat der Köhler aber einen kannibalischen Geschmack!" brummte der Pädagoge. „Es ist eigenthümlich", sagte Otto ziemlich kleinlaut; „wir Männer verzeihen dem Weibe alle anderen Fehler eher als Häßlichkeit." „Und beanspruchen höchst ungerecht und anmaßend von der schönen Seele auch einen schönen Körper", fügte Doktor Hesse lachend hinzu. Wenigstens verlange ich von der wirklich vorhandenen schönen Seele, daß sie ihren Stempel auch dem häßlichen Antlitz aufpräge", versetzte Saarstein. „In jedes Menschen Gesicht steht seine Geschichte, sagt, glaube ich, Mirza-Schaffy, und ein Körnchen Wahrheit liegt in dem Spruche. In diesem scharf markirten, mit tiefen, unangenehmen Runzeln lätowirttn Gesicht lese ich aber nichts von innerer Schöne, und die in reichster Fülle um den Mund abgelagerten Falten reden von allem Andern eher als von Liebenswürdigkeit. Ich kann mich unmöglich entschließen, der Dame das Tagebuch, worin sie meiner so ehrenvoll erwähnt, selbst zu überreichen, sondern werde es auf Umwegen zu ihr befördern. Zunächst müssen wir uns vorsichtig erkundigen, ob sie in der That dasselbe vermißt. Auf ein Wort, Herr Wirth", wandte er sich in leisem Tone an den eben Eintretenden. „Kamen heute etwa zwei Damen hier an, welche klagten, daß sie sich verirrt, daß sie verschiedene Dinge verloren . . . ." „Gewiß, gewiß, mein Herr, ganz wie Sie sagen. Zwei sehr distinguirt aussehende Damen trafen vor einer Stunde hier ein, gaben an, daß sie in die Klippen am Nennckenberg gerathen und dort einen Theil ihrer Effekten verloren hätten. Waren Sie vielleicht so glücklich, etwas davon zu finden?" „Ich hoffe so", entgegnete der Freiherr diplomatisch. „Sind die Damen hier im Saale?" fügle er etwas zögernd und unsicher hinzu. „Leider, nein. Sie schienen sehr erschöpft und zogen sich sogleich auf ihr Zimmer zurück." „So haben Sie die Güte, mich melden zu lassen. Hier ist meine Karte. Benachrichtigen Sie, bitte, die Damen, daß ich ein wcrthvolles Manuskript gefunden habe, und daß es wir eine große Ehre sein würde, ihnen weine Aufwartung machen zu dürfen", sagte Otto in auffallend verändertem, freudigem Ton. Als der Wirth mit einer tiefen Verbeugung gegangen war, rief Otto aus: „Gottlob! Die Täuschung wäre doch gar zu niederträchtig gewesen. Wenn der Mensch sich in dem schriftlichen Ausdruck seiner Gedanken auch oft ganz anders zeigt, als er im Leben erscheint, so wäre es doch kaum möglich, daß eine Dame, welche in ihren Aufzeichnungen so hohen Geist, so reiches Gemüth bekundet, ein derartig abschreckendes Aeußere zur Schau trüge." „Je nun", warf Georg ein, „man darf nicht wähnen, einen Menschen zu kennen, dessen schriftlichen Gedankenausdruck man gelesen hat, ohne je mit ihm verkehrt zu haben; ebensowenig freilich kennt man den, mit dem man 779 nur umgeht, ohne mit ihm in Briefwechsel gestanden zu haben." „Wie wäre das auch möglich, da der Mensch sich nicht einmal rühmen darf, sich selbst zu kennen!" gab der Freiherr zur Antwort. „Wenn Du jedoch, wie ich annehmen muß, Deine Ansprüche auf Kenntniß modifi- zirst auf das unserem beschränkten Vermögen überhaupt gegebene Verständniß für die Charaktere Anderer, so muß ich Dir entgegnen, daß ich das innerste Seelenleben einer Dame der sogenannten höheren Stände, welche in den Fesseln der Convenienz groß geworden ist, viel genauer kenne, wenn ich ihre zwanglosen schriftlichen Herzens- ergießungen gelesen habe, als wenn ich jahrelang in den Salons meine Ansichten mit ihr austauschte. Ein einfaches, ungebiloetes Landmädchen dagegen würde ich nie nach seinen Briefen, sondern nur nach seinem ungekünstelten persönlichen Auftreten richtig beurtheilen können. Doch was rede ich hierüber! Meine Erwartungen sind augenblicklich zu sehr gespannt, als daß ich große Lust zu Abhandlungen empfände... Ach, hier kommt schon der Bote vom Olymp. Wie steht's mit der Audienz, Herr Gesandter?" „Die Damen bedauern, den Herrn Baron heute Abend nicht mehr empfangen zu können", lautete die ent- muthigende Antwort. „Schade!" Eine kleine Wolke flog über Otto's Stirn. „Doch ich konnte mir es denken. Vertrösten wir uns also auf morgen." Mittlerweile wurde es dunkel.Man zündete die Lichter an. Flinke Kellner schoben die Tische zusammen und deckten eine lange Tafel zur gemeinsamen Abendmahlzeit. „Wenn Du Deinen Schmerz über die Zurückweisung in materiellen Genüssen betäuben willst, so bietet sich jetzt die Gelegenheit dazu", äußerte Georg. „Was mich betrifft, so verspüre ich eine heftige Begierde nach eßbaren Substanzen." „Nun, so zögern wir nicht länger, uns der Tafelrunde anzuschließen", sagte der Freiherr und schritt sogleich voraus. Schicksalstücke l Kaum saßen sie, als die unter' nehmungslustigen, „vierzigjährigen Backfische", wie Doktor Hesse sie getauft hatte, an dessen Seite Play nahmen. Sie dokumentirten sich sogleich als reisende Malerinnen, oder besser als malende Reisende, da sie, wie das schwarzlockige Fräulein Eleonore Stern mit großer Zungen- geläufigkeit offenbarte, die Kunst nur zum Vergnügen und Zeitvertreib ausübten. Sie kannten beinahe alle Länder Europas und waren nur auf den Brocken gekommen, um die Sonne, den Wind und die Wolken in ihren ^ malerischen Wirkungen zu beobachten. ^ Da der Philologe, gutwüthig wie er war, nicht ! umhin konnte, einiges Interesse zu heucheln, so hatte ^ Fräulein Eleonore die Grausamkeit, ihr reichhaltiges > Skizzenbuch vor ihm auszubreiten, dessen farbenprächtige § „Studien" er einigermaßen verblüfft anstarrte. ' „Sehen Sie die Wolkenbildung, ist sie nicht großartig, effektvoll?" rief Fräulein Eleonore begeistert, indem sie auf ein Aquarell-Chaos deutete, das Georg eher für alles Andere als Wolken gehalten hätte. Er murmelte etwas, von dem man: „In der That — außerordentliche Wärme des Colorits l" verstand. Otto, welcher es liebte, die Bekanntschaft absonderlich gearteter Menschenkinder zu machen, hatte mit großem Vergnügen seine Aufmerksamkeit getheilt zwischen den ihm gegenübersitzenden, ganz in griechischen Partikeln und lateinischen Hexametern festgerittenen Mentoren und den blasirten jungen Gentlemen zu seiner Rechten. Er suchte seinen britischen Nachbar in ein neutrales Gespräch zu verflechten, indem er die großartige Aussicht vom Gipfel des Brockens rühmte. Die Kauwerkzeuge des Engländers hielten in ihrer Beschäftigung inne. „Aussicht", wiederholte er geringschätzend. „Glauben Sie denn, daß ich meine Zeit damit vergeude, um das kleine, langweilige Rundbild von dieser Bergeshöhe zu betrachten? Keiner von uns ist heraufgekommen, um Aussicht zu genießen. Wir alle machten die Tour zu unserem Vergnügen, oder besser, um auf dem weltbekannten Blocksberg gewesen zu sein. Wähnen Sie vielleicht, ein Jäger klettert hier herauf, um die Landschaft zu beschauen?" „Im Gegentheil, mein Herr, er klettert zu seinem Vergnügen", antwortete der Freiherr sarkastisch. „O Thäler weit, o Höhen!" gab plötzlich eine Schaar von Elementarlehrern und Lehrerinnen eine Gesangesleistung von sehr fragwürdigem Dreiklang zum Besten, die jede Unterhaltung übertäubte. Die Disharmonie des LiedeS stimmte selbst die braven musikunverständigen Jagdhunde, unter den Tischen tief schwermüthig, so daß sie im Chor mit lautem Geheul einen Sängerkrieg eröffneten. Die Schaar der Barden war jedoch nicht leicht zu besiegen. Auf das erste Lied ließen sie unverzagt folgen: „Wer hat dich, du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben"; als dann aber auch noch: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", ihren sangeslustigen Kehlen entströmte, hielten unsere Freunde nicht mehr länger Stand, sondern flüchteten auf ihr Zimmer. Hier wußte Georg nichts Besseres zu thun, als sich auf sein Lager auszustrecken und sich ins Land der Träume zu begeben. Als er nach geraumer Weile schläfrig wieder emporblinzelte, gewahrte er beim Schein der Kerze seinen Freund eifrigst mit Lesen beschäftigt. „Höre, Otto, Du bist doch der indiskreteste Mensch, der mir je im Leben vorkam!" ereiferte er sich bei diesem Anblick. „Sitzt der Pirat mit seinem Fang da und liest Aufzeichnungen, die nicht für ihn geschrieben sind, vertieft sich in die zarten Herzensergüsse einer jungen Dame, welche sie nur ihrem Tagebuche, ihrem intimsten Freunde, anvertraute." „Set still, Georg. Ich bin mir vollkommen meines Kapuzinergencral I'. Drrnhard Christen 780 Unrechts bewußt", entgegnete Otto. „Mein Beginnen ist unedel, niedrig, abscheulich, ich weiß es wohl; aber es liegt für mich ein Zauber in dem Buche, der mich unwiderstehlich lockt. Weßhalb läßt sie auch ein Manuskript in meinen Händen, weßhalb führt sie mich in Versuchung? Sie selber hat es sich zuzuschreiben, wenn ich in den Tantalusqualen erliege. Gönne mir nur noch wenige Worte ungestört zu lesen." Er heftete die Augen wiederum auf die zierliche Handschrift. und erhob meine unbedeutende Person zum Helden ihres ersten Romans", konnte sich Otto nun doch nicht enthalten, dem Freunde mitzutheilen. „Blaustrümpfe und kein Endel" knurrte der Päda- Die Worte aber, welche seine Aufmerksamkeit fesselten, welche er erst mit der Hast eines bösen Gewissens überflog, dann aber, kühner geworden, wieder und wieder las, lauteten also: „Heute vertiefte ich mich noch einmal in Saarsteins Reisebilder. Ich habe diese unvergleichlichen Land- und Sittenschilderungen gelesen in den verschiedensten Stimmungen und unter den verschiedensten äußeren Verhältnissen, im stillen Kämmerlein des Elternhauses und mitten im Getümmel der Eisenahnreise, — immer und überall haben sie denselben tiefen Eindruck auf mich gemacht. Seine Gedanken und Gefühle treten an mich heran wie alte Freunde, wie herzliche Vertraute. O, ich liebe den Mann mit seinem warmschlagenden Herzen für alles Edle und Schöne, mit seinem offenen Auge für die Wunder der Natur. Mit welch' entzückender Pracht malt er die üppige Tropenwelt, die wilde Schönheit der Gebirge, die unermeßlichen Prairien, das vom Sturme gepeitschte Meer! Wie machtvoll ergreifend schildert er die todesstarre Einöde des Polarmeers, die gefahrvollen Gipfel der Alpen, die furchtbaren Gluthwüsten Afrika'sl Es war nicht eitler Ehrgeiz, der ihn dorthin in jene Gefahren trieb, es war der Drang, Eroberungen für die Wissenschaft, für die Wohlfahrt der Völker zu machen. Alle seine farbenreichen Schilderungen haben einen ernsten Grundton, die bunten Acußerlichkeiten sollen eine geschichtsphilosoph- ische Idee illustriren. — Und dieser Mann, der die Bewohner zweier Hemisphären begeisterte, dem alle Welt ihre Huldigung darbrachte, zieht sich in das Stillleben der ländlichen Heimath zurück, um hier, wenn auch in anderer Weise, segenbringend zu wirken. Der Beweggrund seines Handelns ist stets reine, edle Nächstenliebe. Ich verstehe diese hohe Mcnschennatur, ich glaube, sein innerstes Wesen erfaßt zu haben. Das Ideal, das mir im Herzen lebte, das erst in unbestimmten Umrissen mir vorschwebte, verdichtete sich und nahm Gestaltung an, als ich ihn kennen lernte. Ich habe versucht, von seinem groß und edel angelegten Charakter ein schwaches Bild zu entwerfen in meinem Roman, zu dessen Schöpfung mich die Begeisterung für ihn anregte. „Auf der Höhe" betitelte ich diese Erstlingserzähluug, weil mein Held auf der Höhe jener Lebcnsanschauung steht, die das wahre Glück nur darin sucht, Gott zu dienen und den Menschen nach Kräften zu nützen." WWW M „Aotofr", das größte Segelschiff er D ^ goge. „Ich habe heute gerade genug von dieser Spezies kennen gelernt, um einen gründlichen Widerwillen dagegen „Denke Dir, Georg, die Dame ist Schriftstellerin zu verspüren. Die Brille auf spitzer Nase, Tintenfinger und den Kopf voll Dünkel I" „Du wirst ungerecht, Georg", sagte der Weltum- segler halb geärgert, halb belustigt. „Dem sogenannten Blaustrumpfe rede auch ich nicht das Wort; doch ich bin überzeugt, daß die liebenswürdige Schreiberin dieser Zeilen nicht leicht werden, dies nach Gebühr zu thun, und so will ich Gnade für Recht ergehen lassen, zumal da uns der alte Blocksberg mit dem stürmischen Aeolus in Harmonie ein so wundervolles Schlummerlied singt. Gute gekschiff er Welt, im Kufen zu Kamburg. Nacht!" Otto hatte Recht, es ließ sich vortrefflich schlafen bei den eintönigen, inBaßundContre- alto ausgeführten Melodien der Aeolus- Serenade da draußen. Und so schliefen sie denn und träumten. III. Mit Hellem Klang tönte eine Glocke durchs ganze Haus, daß gleichzeitig alle Schläfer emporfuhren. „Die Sonn' erwacht, mit ihrer Pracht" erdröhnte es vierstimmig in bekannter Dissonanz aus der benachbarten Zelle, wo ein Theil der glücklichen Kantoren untergebracht sein mußte. Die Bedeutung des Sturmläutens konnte unsern Freunden bei dem commentiren- den Gesänge nicht zweifelhaft bleiben. Unwillkürlich schauten Beide zum Fenster hinaus, und stehe, der östliche Horizont flammte in purpurner Gluth. Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen über die Gebirgswelt; bald stieg der Feuerball empor und beleuchtete die Häupter der Berge, welche wre riesige Inseln dem Schooße des umgebenden Nebelmeeres entstiegen." „In der That ein Naturschauspiel, das unsere Aufmerksamkeit verdient", sagte Otto bewundernd. „Aber sehe ich nicht schon flatternde F-rauengewänder und wehendeLocken dort auf dem Aussichtsthurme?" „Leonore fährt ums Morgenroth l" citirte Georg frei nach Bürger. „Fräulein Eleonore Stern, die arme Seele, macht Nebelstudien. Mich friert bei diesem Anblick, und ich freue mich, daß ich so recht behaglich auf meinen Kissen die Herrlichkeit des Sonnenaufganges genießen kann. Und da uns die Sache nun einmal so bequem gemacht wurde, beantrage ich, daß wir uns der Ruhe noch etwas länger erfreuen, zumal da wir gestern durch unsere Ueberanstrengung ein Recht darauf erworben haben." „Ich wende nichts dagegen ein", lautete die Antwort. Und Beide thaten, wie Hesse vorschlug. (Fortsetzung folgt.) --«-SLS-- Goldkörner. Die Sprüche, die geklungen, Von allen deutschen Zungen Die alten goldnen Lehren, Die haltet wohl in Ehren. A. Stöber. die Bezeichnung nicht verdient. Zur Strafe für Dein j vorschnelles Urtheil sollte ich Dich damit langweilen, Dir ^ die Verdienste aufzuzählen, welche jemals edle Frauen ! durch ihre Schriften erwarben. Freilich dürfte es mir ^ Wenn die Manschen nicht in cmer Art oon Selbsttäuschung ihre Freuden mehr nach allgemein genommenen Begriffe» als nach ihren Gefühlen wählen, so würden sie Vieles nichr suchen und Vreles nicht fliehen W. v. Humboldt. 782 Das Schlau genauge. Von Paul Gilchrist. Deutsch von E. Hanrieder. (Fortsetzung.) „Welches ist der Grund Ihres Besuches?" fragte ich nach einer Pause. „Es ist nothwendig, daß ich mich gegen Jemanden ausspreche, und Sie sind ein alter Freund der Familie. Sie find auch ein guter Mensch und haben schon Manchem aus der Verlegenheit geholfen. Lord Attrill würde gewiß auf Ihre Worte hören. Gilchrist, Sie müssen mir einen Gefallen erweisen. Gehen Sie morgen früh zu ihm, und vertreten Sie noch einmal meine Sache." „Sie sind krank, Carroll", sagte ich, „wie kann ich in der elften Stunde noch dazwischentreten? Die Hochzeit wird am Donnerstag stattfinden. Glaub n Sie, daß auf meine Verwendung hin Lord Attrill seiner Tochter erlauben würde, dem Kapitän ihr Wort zu brechen?" „Er könnte es, wenn man ihm die Wahrheit sagte", antwortete Carroll. „Lady Pamela liebt mrch, den Kapitän liebt sie nicht." „Sie haben nicht das Recht, dergleichen zu sagen." „Ich habe das Recht, denn es ist wahr. Huben Sie nicht ihr Gesicht beirachtet, als sie mich sah?" Ich blieb stumm. Allerdings hatte ich die veränderte Farbe ihres Antlitzes beobachtet und die Traurigkeit, welche jene herrlichen Augen umwölkte. Nach einer Pause sprach ich: „Ich muß ein deutliches Wort mit Ihnen reden", begann ich. „Sie handeln nicht, wie es einem Manne geziemt. Es ist wahr, daß Lady Pamela einmal Ihnen geneigt war — ihre Familie war nicht damit einverstanden — das Mädchen war sehr jung, und man glaubte, daß sie ihr eigenes Herz noch nicht kenne. Damals hat sie viel gelitten, aber jetzt hat sie es überstanden. Ein Mann, der nach allen Seiten hin ihrer würdig ist, hat sich ihr genähert, und wenn Sie nur halbwegs so viel Muth hätten, als Sie besitzen sollten, würden Sie Lady Pamela übermorgen glücklich heirathcn lassen." „Ich bin ganz unzugänglich für alles, was Sie mir sagen mögen. Mein Entschluß ist gefaßt. Entweder wird die Verlobung zwischen Lady Pamela und Kapitän Mainwaring aufgehoben — oder ich begehe Selbstmord." „Thorheit!" erwiderte ich aufspringend. „Ich schäme mich, Ihnen zuzuhören. Sie geben vor, Lady Pamela zu lieben, und wollen doch einen so schrecklichen Schatten auf ihr Leben werfen." „Nein", antwortete er, „wenn sie Kapitän Matn- waring heirathet, so wird sie nie mein unseliges Geschick erfahren. Ich habe ihrer Familie wissen lassen, daß ich zu meinem Rcgimente zurückkehre. Wenn ich meinen Zweck, wegen dessen ich Sie heute Abends noch aufsuchte, nicht zu erreichen vermag, kann sie in diesem Glauben bleiben. Sie wird denken, wenn sie überhaupt an mich denkt, daß ich weit weg von England lebe und leide. Ich werde meine Vorkehrungen treffen, damit sie daS Schlimmste nicht erfährt. Nun, wollen Sie mir helfen oder nicht?" „Es ist mir unmöglich, Ihnen auf die Weise, wie Sie mir soeben angedeutet haben, zu helfen. Es ist umsonst. Wären Sie ruhiger, so würden Sie mir beistimmen. Sie würden begreifen, daß nichts, was ich jetzt noch sagen oder thun kann, die Sache ändern wird. Wenn Sie beabsichtigten, dazwischen zu treten, warum ließen Sie es bis zur letzten Stunde anstehen?" „Weil ich mit meinem Regimente nicht in England war. Die Nachricht von der Verlobung erreichte mich vor drei Wochen in Afrika. Ich kam um Urlaub ein und benützte gleich das erste nach England gehende Schiff. Heute Nachmittag kam ich in London an. Nun, ich will Sie nicht länger aufhalten. Es thut mir leid, daß Sie nicht im Stande sind, mir zu helfen. Wenn Sie mit Lord Attrill gesprochen hätten, wäre es mir besser gegangen. So wie es ist, muß ich meinen eigenen Weg verfolgen." „Sie sind also fest entschlossen, Kapitän Mainwaring zu sprechen?" „Ich bin es. Ich habe Pamela meine Absicht in dem bewußten Briefe mitgetheilt. Mainwaring muß vollständig unterrichtet werden, ehe er sich verheirathet. Be» Röntgcu-Ktrahlkn. MM SMS i"' -SS Vor er heute Nacht einschläft, soll er die ganze Geschichte unserer Verlobung wissen." „Und Sie glauben, daß dies ihn bestimmen wird, auf Lady Pamela zu verzichten?" „Höchst wahrscheinlich. Auf jeden Fall werde ich ihm klaren Wein einschenken." „Wenn er aber auf seiner Verlobung besteht?" „Dann werde ich die Hochzeitglocken nicht mehr läuten hören. Uebrigcns, Gilchrist, wie sagten Sie, daß dies Ihr Gift gebraucht werden müsse?" „Das geht Sie nichts an", antwortete ich. „Je weniger Sie in Ihrer gegenwärtigen Gemüthsverfassung an Gift denken, desto besser." Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf. Er war ein schlankgebauter Mann von nerviger Gestalt, seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Selten hatte ich ein entschlosseneres Gesicht gesehen. 783 „Ich wünsche, ich könnte Sie bestimmen, der Sache ihren Lauf zu lassen", sagte ich zu ihm. „Und diesem Menschen erlauben, mit ihr zu leben", erwiderte er. „Keine Macht der Erde soll mich dazu zwingen." Er reichte mir die Hand und verließ das Haus. Kaum war er einige Augenblicke fort, da bemerkte ich, daß unter den Korrekturbogen des „Lancet" Seite acht fehlte. Auf diesem Blatte hatte ich genau beschrieben, wie man die todbringende Säure anwenden könne. Betroffen schaute ich um mich — das Blatt mochte zu Boden gefallen sein — ich fand es nicht — im nächsten Augenblicke entfloh meinen Lippen ein Ausruf des Schreckens. Ein kleines Fläschchen, gefüllt mit dem Gifte selbst, das neben dem Manuskripte gestanden war — fehlte ebenfalls. Nun wußte ich, was geschehen war. Carroll hatte das Wort „Gift" auf der Etikette der Flasche gelesen und diese selbst jedenfalls eingesteckt, ehe ich das Laboratorium betreten hatte. Im gewöhnlichen Sinne des Wortes bin ich kein Doktor, obwohl ich die Arzneikunde und Chirurgie stu- dirt habe — jedoch kenne ich nur zu wohl die fürchterlichen Eigenschaften des Trankes, mit dem sich der unglückliche Mann versehen hatte. Meine nächste Pflicht war, ihm sogleich zu folgen. Ich setzte meinen Hut auf und ging fort — es war Mitternacht vorüber. Sobald ich Carroll finden würde, wollte ich ihn zwingen, mir die Flasche mit der Säure zurückzugeben; aber ich war nur wenige Schritte gegangen, als mir einfiel, daß ich ja seine Adresse gar nicht wußte. Er hatte jedoch davon gesprochen, Kapitän Mainwaring besuchen zu wollen. Mainwaring wohnte im Hotel Savoy. Ich beschloß, dorthin zu gehen, wich nach dem Kapilän zu erkundigen und nötigenfalls meinen Weg in das Zimmer, in welchem die Beiden miteinander sprächen, zu erzwingen. Ich miethete gleich den ersten Wagen, dem ich begegnete, und ließ mich zum Hotel Savoy führen. Als ich dort ankam, war es beinahe ein Uhr. Der Nachtportier allein war noch auf. Auf meine Frage antwortete er, daß er sofort auf Kapitän. Mainwaring's Zimmer gehen werde, um zu sehen, ob Mister Carroll noch bei ihm sei. Ich wartete unten — nach einigen Minuten kam der Mann zurück uud sagte mir, daß Carroll jedenfalls fort sei, da in den Zimmern des Kapitäns kein Licht mehr brenne und er daraus schließe, daß dieser sich zweifelsohne zur Ruhe begeben habe. Ich verließ das Hotel. Vor dem Morgen konnte ich nichts mehr thun. Nachhause zurückgekehrt, dachte ich stundenlang über Carroll's unselige Geschichte nach. Meine Unruhe wurde immer stärker, bis ich endlich gegen Morgen in meinem Stuhle einschlief. Während meines Schlafes wurde ich von Träumen beunruhigt, in welchen ich den verhängnißvollen Trank sah, den ich selbst bereitet, und der nun seine tötliche Wirkung auf mehr denn ein Opfer ausübte. Als ich plötzlich und in Schweiß gebadet erwachte, schien die Wintersonne in mein Zimmer. Ich ging in mein Schlafkabinet, wechselte meine Kleider und beauftragte Silva, mein Frühstück zu bereiten. Während ich mich anzog, kam ich zu einem Entschluß. Ich wollte schnell meine Tasse Kaffee trinken und dann sogleich Kapitän Mainwaring aufsuchen. Möglicherweise kannte er die Adresse Carroll's. Auf alle Fälle konnte ich aus seinem Benehmen schließen, welche Wirkung die Mittheilung des jungen Mannes auf ihn gemacht hatte. Das Frühstück war aufgetragen, und ich trat soeben in mein Wohnzimmer, als ein lautes Klopfen an der Außenthüre sich vernehmen ließ. Silva öffnete, und im nächsten Moment trat Carroll, bleich wie der Tod und mit einem Gesichtsausdruck, der mir das Wort auf den Lippen ersterben ließ, bet mir ein. Sobald sich der Diener entfernt hatte, kam er zu mir heran. „Ich kann es nicht glauben", sagte er, „ich fühle nicht den geringsten Schmerz, aber ich weiß, daß ich ein rutnirter Mann bin: Kapitän Mainwaring ist todt." Ich sprang auf. „Was wollen Sie damit sagen?" fragte ich. „Ich konstatire eine Thatsache. Ich sah ihn ver- wichene Nacht und erzählte ihm die ganze Geschichte meines Verlöbnisses mit Pamela Crosslhwaithe. Anfänglich war er zornig, dann beruhigte er sich; sagte, er wolle einige Stunden darüber nachdenken, und bal mich, um acht Uhr wieder ins Hotel zu kommen. Ich ging hin und fand alles in ungeheurer Bestürzung — der Kapitän war todt im Bette gefunden worden. Man hatte einen Arzt gerufen, welcher meinte, daß da nicht alles in Ordnung sei. Die Gesichter des Hotelpersonals sagten mir, daß man mich im Verdacht habe. Ich bedeutete dem Oberkellner, daß ich Sie besuchen werde, und komme jetzt geradeswegs vom Hotel. Was ist nun zu machen?" „Das ist ja entsetzlichI" erwiederte ich, „es muß irgend ein Irrthum obwalten." (Schluß folgt.) -—- Zu unseren Bildern. Kapuztnergeneral k. Bernhard Christen. Im Frühjahr heurigen Jahres wählten die Hochw. ?. ?. Kapuziner auf dem Generalkapitel k, Bernhard Christen, der schon 12 Jahre sehr segensreich als General des Kapuzinerordens gewirkt hatte, auf weitere 6 Jahre zum General des Ordens, und Papst L o XIII. bat diese Wahl bestätigt. ?. Christen ist geboren am 24. Juli 1837 in Andermatt am St. Gotthard in der Schweiz als ältester Sohn der Besitzer eines kleinen Bauernanwesens, die noch am Leben sind. 1855 trat er in das Kapuzinerkwster auf dem Wesemlin bei Luzeru und legte am 8. Oktober 1856 die ewigen Gelübde ab. Am 29. Juli 1810 ward er zum Priester geweiht und wirkte 3 Jahre als Seelsorger auf dem Wesemlin. 1863 bis 1865 war er Lektor in Zug. 1865 bis 1874 Novizenmeister auf dem Wesemlin. Dann wurde er zum Guardian in Solotburn ernannt, 1879 wurde er Provinzial der schweizerischen Ordensprovinz. 1883 erfolgte seine Berufung als Oberer des Klosters in Lugano, von welcher Stelle weg er 1884 zum Generalkapitel nach Rom abgeordnet und am 9. Mai zum General des Ordens erkoren wurde. Papst Leo XHI. setzte motu xroprio die Dauer dieser Amtsthätigkeit auf 12 Jahre fest. Diese Daten umschließen ein an schönen Thaten reiches Amtsleben im Kapuzincrorden. Das fühlt jedermann, der diese Daten nur liest. Es ist kaum möglich, all die schönen Thaten gebührend hervorzuheben, wodurch ?. Bernhard Christen seine Liebe zur hl. Kirche und zu seinem seraphischen Orden bekundet und sein Vaterland ehrt. Erwähnen wir Folgendes : ?. Bernhard Christen hat als Kapuzinergeneral bereits die 44 Provinzen und 6 Generalkommissariate (d. h. 6 Distrikte, von welchen jeder mehrere Klöster umfängt, die aber noch nicht eigentliche geordnete Provinzen bilden, sondern je von einem Kommissar der Generaldefinition verwaltet werden) in Europa und Amerika besucht und die Hauptsttze der Misstonsstationen in Asien und Afrika mit seiner Gegenwart erfreut. Als er das Ordensgencralat antrat, bestanden 42 Provinzen und 2 Kommissariate; auch die Missionsstationen haben sich seitdem vermehrt. Seine Amtsführung hat das von seinem Vorgänger kaum ins Leben gerufene und auf ganz schwachen Füßen gestandene „Orientalische Miiflonsinstitut" mit seinen Häusern in Smyrna und Phtlippopolis erhalten und sichergestellt. Was ?. Bernhard Christen als General zur inneren Erfrischung und 784 Karl Goldmark. M - V»" Kräftigung des gesummten Ordens gethan, verdient geradezu eine außerordentliche Arbeitsleistung genannt zu werden. Und alles dies trotz mehrfacher Krankheit und zweimaliger sehr schwerer Erkrankung! Fassen wir schließlich seine Persönlichkeit ins Auge, so ist sein im heutigen „Postboten" gehotenes Bild ein möglichst getreuer Ausdruck seines Innern und Aeußern, das zusammen in voller Harmonie steht. Körperlich gut mittelgroß, kräftig und wohlgebaut, ist ?. Bernhard ein entschiedener Freund deS offenen, geraden Mittelweges AnS seinem Auge leuchtet so viel Gemüth als Verstand in seltener Ruhe und Klarheit. Eine Figur, die durch nichts auffällig, ziert ihn bei allem edle Einfachheit. Würde und Bürde haben ihn gebeugt und gebleicht, das Aussehen des angehenden Alters ihm aufgeprägt; die Gnade und sein guter Wille, Gott, der Kirche und dem Orden zu dienen bis zur Verzehrung seiner letzten Kraft, haben ihn aufrecht erhalten. Daß er seinem Orden noch lange erhalten bleiben möge! „potost". das größte Segelschiff der Welt. Der Fünfmaster „Potost", der für Rechnung der Hamburger Reederei F. Laeisz auf der Teklenburg'schen Werst in Geestemünde hergestellt wurde und fahrbereit im Hafen von Hamburg liegt, hat eine Länge von 362 Fuß und eine Breite von 49,9 Fuß; die Tiefe von der Oberkante bis zum Kiel mißt 31,2 englische Fuß, und der Raumgehalt ist 3955 Register-Tons brutto, die Tragfähigkeit beinahe 6000 Tons groß. Wi: der „Potost" die bisher vorhandenen großen Segler an Ausdehnung übertrifft, so besitzt er auch die höchsten Masten. Der Großmast, der an Deck einen Durchmesser von 34 Zoll ausweist, mißt vom Kiel bis zum Flaggenknopf 210 Fuß. Die Segel umfassen ausgespannt ein Areal von 4700 Quadratmetern, die Reservesegel nicht mitgerechnet. Selbstverständlich haben die Erbauer des Riesenschiffes sich bei der Einrichtung alle neueren Errungenschaften der Wissenschaft und Technik nutzbar gemacht, so daß auch in dieser Hinsicht der „Potost" als ein Muster der Schiffsbaukunst gelten muß. Sei ihm fröhliche Fahrt gegönnt zu Deutschlands Ruhm und Ehre! Ueber RSntgen-SIrahlen-Grfolge. Von vr. C. Wenzlik, Solingen. Welche Dienste Röntgen« Entdeckung der leidenden Menschheit leisten, erläutert folgender Fall: Einem Knaben, welcher durch eine Revolverkugel eine komplicirte Verletzung am Unterschenkel erlitten hatte, konnte die Kugel, welche unterhalb des KnieeS eingedrungen war, nicht entfernt werden, da dieselbe mit der Sonde nicht aufzufinden war. Der bedenkliche Zustand des Kranken erforderte aber eine Entfernung dieser Kugel, und so machte ich eine Photographische Aufnahme, durch welche die Kugel 15 vm unterhalb der Schußwunde mitten in der Knochenhöhle, zwischen dem Knochenmark, ermittelt wurde. Die X-Strahlen mußten also hierbei, um ein Bild der Kugel ergeben zu können, durch den Knochen hind urch gehen. Nebenstehende Zeichnung veranschaulicht das Ergebniß dieser Durchleuchtung. Die Fleischtheilr zeigen sich als ein leichter, die Knochen dagegen als ein dunkler Schatten, und inmitten dieses Knochenschattens erblickt man, 2'/,ow voneinander getrennt, 2 ganz dunkle Flecken. Diese beiden Flecken sind, wie die nach Maßgabe des Bildes vorgenommene Untersuchung ergab, Theile der Revolverkugel. Daneben erblickt man 2 kleine Kettchen, welche zur besseren Orientirung über die Lage der Kugel auf den Schenkel gelegt worden waren, welcher an diesen Stellen noch mit Höllenstein schwarz markirt wurde. Genau wie das Bild es angegeben, schnitt nun Herr Sanitätsrath vr. Vogelfang aus Hilden bei der Operation an der Stelle bis auf den Knochen, und es präsentirte sich daselbst eine rundliche Bleiplatte mit dem gezipfelten Anhange; daneben war der Knochen im Umfang eines Pfennigstückes zerschmettert, und man gelangte hier mit der Sonde in die Knochenmarkhöhle. Es wurde nun an der Stelle des ovalen Fleckes ein- geschnitten, der Knochen freigelegt, mit Hammer und Meißel die Knochenhöhle aufgebrochen, worauf stch in der Tiefe das andere größere ovale Stück der Kugel zeigte, welches nun mit Leichtigkeit herausgezogen werden konnte.. Ohne die Röntg en- Strahlen hätte man dieses Bleistück, das von denselben durch Fleisch und Knochen hindurch dem menschlichen Auge sichtbar gemacht wurde, wohl niemals aufgefunden. Karl Goldmark, der Componist der reizenden Oper „Heimchen am Herd", den wir heute unsern Lesern im Bilde vorführen, ist ein Sohn des melodienreichen Ungarlandes: im Jahre 1832 wurde er zu Keszthelp geboren. Von 1844 an bildete sich unser Künstler in Wien zum Violinspieler aus, wendete stch jedoch, nachdem er 1847 in's dortige Conservatorium eingetreten war. vorwiegend dem Klavierspiel und der Komposition zu und trat 1857 in einem Concert mit einer Anzahl eigener Kompositionen vor die Oeffentlichkeit. Das reiche Talent, das seine ersten Arbeiten offenbarten, brachte seitdem in stetig fortschreitender Entwicklung immer reifere und schönere Früchte. Nachdem der Künstler eine große Zahl sehr beifällig aufgenommener Kompositionen, Ouvertüren, Symphonien, Chorwerke und Quartette, veröffentlicht hatte, erschien im Jahre 1875 seine erste Oper, „Die Königin von Saba", auf der Bühne des Wiener Hofopern- Theaters und machte von dort die Runde über zahlreiche Bühnen Deutschlands und Italiens. Seine zweite Oper „Martin" folgte im Jahre 1876. Auch sie hat verdientermaßen sehr beifällige Aufnahme gesunden. Das reifste Werk von Goldmark's Talent aber ist seine jüngste Oper „Heimchen am Herd", zu der A. M. Willner das Libretto nach der gleichnamigen Erzählung von Charles Dickens geschrieben hat. Goldmark's Musik ist der köstlichen Weihnachtsdichtung des großen englischen Erzählers würdig: die zarten, lyrischen Tonreime des herrlichen Werkes erinnern lebhaft an die besten Schöpfungen Mendelssohns. -- Ergänzungsräthsel. Aus nachstehenden Buchstabenreihcn lassen sich durch Einfügung passender Vokale und Abgrenzung der dadurch entstandenen Wörter fünf Verszeilen bilden: ^lokslnnsnnndlok rslvvilnsvrguiz-n rstnltlnül»»^» «liiktnkiniullliltsklr «I888ni»lg1vklok>vr. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 99: Weiß. schwarz. 1. T. V7—67 K. V6-67: (L5:) 2. T. L5 l67)-65j- beliebig. 3. T., S. Matt. 1. 2. T. L5-65 3. S., L. Matt. -» S. §8—V7 (L6) oder L7—V6 beliebig.