AiMMungsAatt M „Augsburger Postzritung". « 107 . Areitag, den 25. Dezember 1896 . Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS L Krabberr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Weihnachten. Er geht eine alte Sage Vom Weihnachtsglockenklang, Als weckte er Frühlingstage Gleich einem Zaubersang. Die Vöglein im Geäste Singen ein seltsam Lied, Den Hauch vom hohen Feste Spüret das Reh im Ried. Der Schöpfung stumme Seele Thut sich in Sprachen kund, Nicht Sünde und nicht Fehle Schließt ihr wie sonst den Mund. Das göttliche Erbarmen Kommt allen Wesen nah', Sie müssen in Lieb' erwärmen Beim Engelgloria. Die Sagen das verkünden, Wer weiß, wer sie erdacht? Dein Herz mag sie ergründen In heiliger Weihenacht. Adolph Müller. -» -i-««»> l> -»- Sein Mündel. Novelle von I. v. Dirk ink. (Schluß.) Ja, Magnus war ernst, wie immer, aber Sabine war um so stolzer auf ihren Liebling, je mehr sie fand, daß Alice noch das alte, urwüchsige Kind sei. „Am Ende bleibt sie jetzt und hat von ihrer Irrfahrt in das Labyrinth der Kunst übergenug", sagte die Kolreuder pathetisch, indem sie mit dem Theelöffel spielte. „O, wenn Sie Recht hätten", seufzte Sabine, und sie nahm nun täglich Einladungen zu Kaffee- und Theevtsiten an; sie dachte, es sei das richtige Mittel, Alice in die rechte Beleuchtung zu bringen. Und nebenbei dachte sie, wenn Alice sich gefeiert und umworben sehe, söhne sie sich um so eher mit dem Gedanken aus, daß eine kleine Stadt doch auch ihre Reize habe. Da lief es wie ein Lauffeuer durch die Bekanntenkreise, „Louise Merkman habe sich mit dem Cellisten Letint verlobt". Das gab nun Redestoff in Hülle und Fülle, Frau Kolreuder lustig mit der Tongabel voran. „Künstlerehen thun nie gut", rief sie, „meine Cousine aus Berlin" — diese Cousine trat bet jeder passenden Gelegenheit aus den Coulissen der Großstadt hervor — „hat mir unglaubliche Dinge davon erzählt. Erst lieben und heirathen sie sich, er, weil er Schulden hat, und hat sie die alten abverdient, macht er neue. Dann kommt der Künstlerneid, und nach und nach beargwöhnen, endlich hassen sie sich, und nun hat eine Eule dagesessen — der Anfang vom Ende." Schrecklich! tönte es im Chorus, und viele spitze Blicke stachen auf Alice ein wie mit Nadeln. Das Mädchen verglich nach solchen Kaffeegesellschaften mit dem armseligen Unterhaltungsstoff die Kunstgenüsse der Großstadt, wo der Eine sich blutwenig um den Andern kümmert. Aber sie hütete sich, Sabine ihre Ansicht zu verrathen. Mit Fleiß hob diese alle Vorzüge eines gediegenen Haushaltes hervor. Dort im Flur standen in Reihe und Glied die dunkel gebeizten Eichenschränke mit kunstvollem Schnitzwerk, voll vcn den kostbarsten Leinenschätzen. An Festtagen glänzte die Tafel von Krystall und Silber, und der herrliche Hausgarten bot Lauben und lauschige Winkel, Blumen und Obst in allen Jahreszeiten. Welch ein Heim! Und was hatte sie aufgegeben, um Chimären nachzujagen I So dachte Sabine, als sie von Alice erfuhr, daß sie ihre Studien wieder aufnehmen würde. „Noch zwei Jahre, dann bin ich fertig ausgebildet", sagte sie und streichelte die hagere Hand des alten Fräuleins, die wahrhaft Mutterstelle an ihr vertreten hatte. Eines Abends war Alice im Nebenzimmer, als die Geschwister sich lebhaft unterhielten. „Du mußt den Traum begruben, es ist nichts, lass' sie ziehen!" sagte Sabine zu Magnus. Alice stockte der Herzschlag. Von wem sprechen sie? Ach so, Fräulein Kolreuder wollte verreisen, das hatte die Doktorin gestern gesagt. Also doch! Er liebte sie, und sie erwiderte diese Neigung nicht. O, diese Thörin! Gab es einen edleren, besseren Mann als Magnus? Ein heißes Mitleid mit ihm durch- fluthete ihr Herz, jetzt verstand sie sein ernstes, schwer- müthtges Wesen, aber im Hintergründe ihrer Seele barg sich etwas wie Genugthuung, daß er frei war, frei — aber — sie wagte den Gedanken, als ob er sündhaft sei, nicht auszudenken. Helle Schamröthe legte sich wie Purpur auf ihre Wangen. 826 „Wir haben im vorigen Jahre ein stilles, einsames Christfest gefeiert ohne Baum", erzählte Mine ihr treuherzig. „Wie wird es in dieser Weihnacht werden?" „Ich weiß nicht, mich hat Niemand zum Feste geladen", sagte Alice kleinlaut. „Ja, der Herr ist anders als sonst", gab Mine zu, „ein so guter Herr, aber zu gut, ja das ist es." Dieses Mal wurde der Abschied von ihren Lieben dem Mädchen doppelt schwer, denn das Leid der Enttäuschung stand Magnus auf dem Gesicht geschrieben, und das that ihr weh. Aber er war ein Mann und würde sich bald wieder finden, er, das Ideal edelster Männlichkeit. In Köln ging es wieder den alten Gang. Es war das geheime Weh, das ihr im verborgensten Winkel des Herzens saß, das sie mittheilsam machte. Der Geiger bedurfte ihrer, so meinte sie, denn er erzählte so viel von seinen Freunden und von alten Kollegen, die nach Ruhm gestrebt hatten und gescheitert waren — durch die Weiber. Es war ein verfängliches Thema, Alice verstand nur so viel daraus, daß er auf sie zählte als seine Verbündete im Kampfe mit der Versuchung. Und es keimte der Entschluß in ihr, ihn veredeln, ihn heben zu wollen, damit er auf sittlicher Höhe um so eher sein Ziel erreiche. Ob er sie nicht verstand? Sie gab ihm ernste Lektüre, aber so oft sie fragte, ob er gelesen, hatte er noch keine Zeit gefunden, aber ihr Interesse an seiner Person nahm er mit offenbarem Vergnügen wahr. Die Wittwe begann die Beiden schärfer zu beobachten. Einige Male, wenn Alice Abends von den Gürzenich- Konzerten heimkehrte, fand sie das Dienstmädchen ihrer harrend; es hätte einen Gang in der Nähe des Concertsaales gehabt, erklärte es dann; allein Alice schien es, als ob sie auf Schritt und Tritt belauert werde. Das verletzte ihre stolze Natur auf das Empfindlichste. Auch andere Bekannte schauten jetzt mit forschenden Blicken auf sie, und ihre Kolleginnen schlugen einen ihr fremden, frivol neckischen Ton gegen sie an. Alice fing an, über Manches nachzudenken; ihre Seele war rein, aber ihr ehemals herbes, offenes Wesen hatte in der neuen Atmosphäre einen milderen Ton angenommen. War es das, was die Leute befremdete; wer konnte ihr das Geringste nachsagen? Kurz vor Weihnachten schritt Alice unter solchen Gedanken, die sie heute völlig verstimmten, über den Domplatz, da trat ihr eine bekannte Frau aus der Vaterstadt in den Weg. „Guten Tag auch, Fräulein Alice I" rief sie freudig erstaunt. „Wie geht's? Sie wissen doch, daß Fräulein Sabine den Typhus hat? Nicht? Wissen Sie es nicht? Ach Gott, erschrecken Sie nur nicht so; der Kolreuder geht zweimal tagsüber hin; sie hat eine barmherzige Schwester, und Herr Magnus geht nicht vom Bette weg. Was das Gebet thun kann, thut es hier auch, die armen Leute stürmen die Kirche fast. Ja, das Fräulein war sehr gut zu den Armen." So plauderte die Frau, während Alice die Zähne fast aufeinander schlugen. Sie wußte später nicht, wie sie heimgekommen war. Zu Hause schrieb sie mit Bleistift an Magnus. „Ich höre, Sabine ist schwer krank, darf ich kommen? Ich vergehe vor Angst und Sehnsucht, warum schriebet Ihr nichts?" Nun folgten bange Stunden der Erwartung. Wird er schreiben oder nicht? Ach, haben sie mich so ganz vergessen? Am Abend blieb die Geige stumm; die Wittwe schickte das junge Mädchen frühzeitig zur Ruhe. Sie schlief keine Minute. „Mein Gott, erhalte Sabine, tröste meinen armen Magnus", flehte sie unter strömenden Thränen. Und nun kam die Reue, sie mit dem Gedanken zu quälen, daß sie die theueren Wohlthäter verlassen konnte, um einem Ideal nachzujagen. Wie ganz leer und nichtig schien ihr jetzt ihr Thun und Lassen! Aber wenn sie jetzt der Kunst Valet sagte, was sollte dann aus Tromholt werden? Ob er sie nicht nöthig hatte mit ihrem unverwüstlichen Jdealstnn? Es war ein heißer Kampf, den sie in der langen, schlaflosen Nacht kämpfte — wer würde siegen: — die Kunst? ES kam kein Brief; also Magnus wollte sie nicht. Aber er konnte noch nicht schreiben, er hatte den Brief ja kaum. So stürmte es in ihr. Gegen Abend kam der Geiger. Er fand sie bleich, verweint, er schien es nicht zu gewahren. Ein Egoist ist er doch, dachte sie. Aber er hatte Unangenehmes erlebt, sein Freund hatte sich verlobt. „Er hat eine Partie gemacht*, rief er. „Sara Rosenthal, sie ist Christin, aber ihre Vorfahren haben zwischen Euphrat und Tigris gesessen, sie ist sehr reich; er hat ausgesorgt." „Wieso?" fragte Alice kühl, — „was meinen Sie?" — „Ja, ja", bekräftigte er lachend, „ein Künstler, der eine Frau heimführt, die für sein irdisch Theil sorgt, hat das große Loos gezogen, eine wahlverwandte und geistige Freundschaft kann er nebenbei überall finden; — wir beneiden den schlauen Fuchs alle zumal." Er kam nicht weiter, Alice warf ihm einen flammenden Blick zu; doch ehe ihre Lippen sich öffneten, erschien das Dienstmädchen mit einem Briefe. „Von Magnus, Gottlob", stöhnte sie, und alles um sich vergessend, öffnete sie mit fliegenden Fingern das Couvert. „Komm'!" las sie, „komme sofort." Kein Wort weiter. Aber sie errieth Alles. Sabine war todt und Magnus wie vernichtet. Starr und stumpf gegen Alles saß sie da. Sie hörte nicht einmal, daß der Geiger sich entfernte. Vor diesem bleichen Schreckensbtlde wandelte es ihn wie Furcht an. Und er wußte es, er hatte sich verplappert, sie verachtete ihn. Doch was that das? Sie war eine Schwärmerin und überspannt. Jetzt ging sie sicher fort auf Nimmerwiederkehr. „Es thut mir leid", sagte die Wirthin, als sie am andern Morgen dem Mädchen beim Einpacken half, „daß Sie nicht wiederkehren, aber über den Tromholt ärgern Sie sich nicht weiter. Leichtes Blut, man erzählt sich Allerlei von ihm; da er aber ein guter Lehrer ist, habe ich ein Auge zugedrückt." Alice sagte kein Wort, es ekelte sie hier Alles an, aber ob sie nicht dennoch wiederkehren und ihre Studien vollenden mußte?! Sie seufzte tief. Nicht die Liebe zur Kunst war es, was sie Hinausgetrieben, es war ihr nicht schwer, davon zu scheiden. Aber gereift hatten sie die zwei Jahre in der Fremde und ihr Urtheil geschärft, Welt und Menschen mit anderen Augen anzusehen. Mit Wehmuth nahm sie von dem lieben, alten Köln Abschied. Aber das Herz war ihr so schwer von dem, was ihre Phantasie ihr als Zukunfts-Schreckbild vormalte. Wenn Sabine gestorben war?! * -i- * „Gottlob, sie lebt", rief Magnus, als Alice ihm schluchzend entgegentrat. „Ich nehme Deinen Platz ein, Magnus", rief Alice und trat auf den Fußspitzen an das Bett der Kranken. Es war eine schwere bange Zeit, die nun folgte; Alice theilt sich mit Schwester Auria in 827 ebeiikdklt ijl dikFliill«! dkiilrsFrilikS-Zchis! L^ipix / EW LLMN -Ä-.-L:^ä Mchweiget, ihr Himmel! schweiget, ihr Erden! Schweige, du ruhelos rauschendes Meer! Schweiget, ihr Stürme! Stille soll werden. Schweige, der Sterne unzähliges Heer! Denn ein Geheimniß, nie zu ergründen, Wirket der Liebe unnennbare Wacht: Bald wird getilgt die Menge der Sünden, Gott in der Höhe wird Segen und Ehre, Freude der Engel lobsingcndcm Heere, Friede den Menschen auf Erden gebracht. Sieh! aus des Himmels Hallen entsendet, Schwebt auf des Frühlichtcs zitterndem Strahl, Freundlich das Antlitz erdwärts gewendet, Strahlender Engel in's dämmernde Thal. Sieh! in der Aammer kniect die Eine, Der er entbietet den himmlischen Gruß: „Ave, der Herr ist mit dir, du Reine; Du bist erlesen, vom Geist zu empfangen ^hn, der da stampfet der höllischen Schlangen Haupt in den Staub mit allmächtigem Fuß." 828 die Pflege. Der Doktor schöpfte neue Hoffnung, die Krisis war überstanden, nur eine große Schwäche hinderte noch immer die Genesung. Wie oft trafen sich Magnus und Alice jetzt an dem Lager der Patientin. Sie wechselten nur wenige Worte mit einander, aber er hatte seinen Sonnenstrahl wieder, das Haus war nicht mehr so öde, wenn ihre liebe Gestalt wieder die Räume belebte. Wenn er wüßte, ob sie auch mit ungetheiltem Herzen wiedergekehrt sei? Da stand er, den heißen Kopf an die kalte Fensterscheibe gedrückt, und schaute gedankenverloren in den verschneiten Garten, wo eine einzelne Krähe und ein paar hungrige Sperlinge sich auf den schneebeladenen Aesten wiegten. Er sah seinen Liebling wieder vor sich, wie sie als Kind sich mit ihrer Puppe auf dem Rasenplatz getummelt und dann später als junges Mädchen die Blumen gepflegt hatte; die schönsten Rosensträuße hatte sie stets auf seinen Schreibtisch gestellt, und wie hatte ihr Gestchtchen gestrahlt, wenn er sie gelobt, ihr freundlich zugenickt hatte. Und dann kam die Zeit der Entfremdung zwischen ihnen, aber seit gestern wußte er es von Sabine, was sich das wunderliche Mädchen in den Kopf gesetzt hatte. Also darum trieb es sie hinaus in die Welt?! — Am heiligen Abend war es. Sabine hatte seit einigen Tagen schon ihr Bett verlassen und saß warm eingehüllt zwischen Kissen im Lehnstuhle nahe der Flügelthür, die in das Wohnzimmer führte. Alice war den ganzen Tag mit dem von Sabine in jedem Jahre selbst geübten Liebeswerk, Arme und Kranke zu beschenken, beschäftigt gewesen. Im Wohnzimmer stand ein herrlicher Christbaum, der von Magnus geschmückt worden war, ohne daß Alice eine Ahnung davon hatte. Die Geschwister waren im Bunde gewesen, ihren Liebling zu überraschen. Sie harrten der Heimkehrenden. Endlich läutete es an der Hausglocke. Magnus zündete die Kerzen an, indeß Alice z der Kranken in das Zimmer trat. Da tönten die Festglocken mit feierlichem Klang herüber. „Weihnacht! liebliches Fest", rief Alice und umarmte Sabine. „Deine Armen sagen tausendfach „Ver- gelt'S Gott" und lassen uns ein frohes Fest wünschen." „Doch was ist das?" unterbrach sie sich, ein blendender Lichtstrahl durchfuhr den Raum, denn Magnus hatte unvermerkt die Thüre geöffnet. „Magnus!" rief sie und flog auf ihn zu, „das ist Dein Werk, o Du lieber, bester Magnus, — mein alter Christbaum." „Aber o Gott", unterbrach sie sich, „ich habe nur eine Kleinigkeit für Euch Beide; sie wickelte ein paar Handarbeiten aus ihrem Körbchen und reichte sie hin. „Es ist so wenig", seufzte sie. „Ja", rief Magnus und zog sie in seine Arme, „Dich selbst sollst Du mir geben zum Chrtstgeschenk, willst Du?" Alice fuhr einen Augenblick wie erschrocken zusammen. Er sah ihr tief in die Augen. Sie standen voll Thränen, selige Thränen waren es. Ob sie wollte? „Gott segne Euch!" rief Sabine, und die Festglocken, sie läuteten Ja und Amen dazu. -—SS88VS-- Zm nördlichen Schwarzwald. (Schluß.) Wer ein wenig Sinn für architektonische Schönheit hat, kann sich beim Anblick dieser schlanken, gefälligen Ueberreste eines der ersten gothischen Bauwerke in Deutschland eines wehmüthigen Gefühls nicht erwehren. Ueber 600 Jahre hindurch stiegen aus diesen Mauern die Gebete und Lieder der nach der strengen Regel des hl. NorbertuS hier lebenden Mitglieder des Prämonstratenser-Ordens zum Himmel empor. Ein Jahr nach der Säkularisation des Stiftes, 1803, vernichtete ein Blitzstrahl die öden Klosterhallen, die zur Aufnahme einer Spinnerei bestimmt worden waren. Heiterer ist die Erinnerung, die durch den nahen Eselsbrunnen wach erhalten wird. Als nämlich die Herzogin Utha von Schauenburg 1191 den Entschluß zum Bau des Klosters gefaßt hatte, konnten ihre Räthe sich über den Ort nicht einigen. Eduard Brauer, der die Geschichte in zierliche und doch etwas stachelige Reimlein gebracht hat, ertheilt der Herzogin darauf das Wort wie folgt: „So wird mein Wille nie zur That, Der Nebel immer dichter; Geht, holt mir einen klüger» Rath, Der sei des Zweifels Schlichter!" Ein Esel war's, den schickt sie hinaus Bepackt mit reichen Schätzen: „Nun, lieber Treuer, such' mir aus Den besten von allen Plätzen!" Rath Langohr schleicht in trägem Gang — Dem weiland amtsgemäßen — Als wär' er all sein Leben lang Herzoglicher Rath gewesen." Endlich schleuderte er den ihm lästig werdenden Sack den Berg hinunter, und so mußte im Thal mit dem Klosterbau begonnen werden. An der Stelle des Eselsbrunnens aber hatte Freund Langohr gewaltigen Durst verspürt, und auf sein Scharren entsprang der belebende Quell. Ein angeblich von 1191 herrührendes Relief mit einigen Knittelversen hält das Andenken des biederen Esels in Ehren. Ob es das einzige Denkmal ist, das seitdem einem Esel errichtet wurde? Nachdem die Bütten-Wasserfälle, eine Hauptsehenswürdigkeit von Allerheiligen, die aber mehr durch ihre sehr romantische, theilweise an das Bodethal erinnernde Umgebung, als durch die Wucht ihrer Erscheinung selbst wirken, pflichtgemäß in Augenschein genommen und bewundert worden waren, begannen wir den Aufstieg zum Kniebis. Aufstieg ist eigentlich hierbei ein etwas prahlerischer Ausdruck; denn nachdem man eine kleine Weile unter ungemüthltchen Sonnenstrahlen gestiegen ist, wird der nadelbestreute Weg recht gemächlich und kühl. Rechts und links begleiten ihn schier endlose Waldungen, und wem trotzdem noch etwas fehlen sollte, der mache es jenem Bäuerlein nach, das uns dort entgegenkommt. Es weiß den Zweck der Fassung der kleinen, aus dem Walde kommenden Wasserläufe in hölzerne Rinnen richtig zu deuten, nimmt seinen Hut ab, drückt ihn ein, und aus der entstandenen Höhlung schlürft es behaglich schmunzelnd das aufgefangene, erquickende Naß. Bald thut sich wieder auf der Thalseite des Berges, in dessen halber Höhe wir wandern, der Wald auseinander und zeigt die ganze Großartigkeit des Schwarzwaldes. Dieser Ausblick ist so überwältigend schön, daß ich der festen Ueberzeugung bin, selbst ein preußischer Garde-Lieutenant würde sich dieser Natur gegenüber etwas klein vorkommen, was freilich mein Freund nicht zugeben wollte. Nach dieser stundenlangen prächtigen Waldwanderung, und nachdem uns ein Wegweiser noch ein wenig genarrt hat, erscheint vor uns die Schwabenschanze, ein morscher Thurm mit eingestürzter Treppe. „1796 erbaut", sagt s- AM «WUW« W ! !S S« WW k:KWÄ «eilige Familie. Nach dem Gemälde von B. Coletti. _ unser Führer, und wir sind fast bereit, ihm dies Mal Glauben zu schenken. Im übrigen machte sich das halsbrecherische Hinaufklettern nicht belohnt. Lohnender war unbedingt der Besuch des nahen Wirthshauses, das den anheimelnden Namen „Zur Zuflucht" sich beigelegt hat. Es liegt an der schönen, von Westen nach Osten über den ganzen Kniebis führenden Fahrstraße, die wir nun auch weiter über die Alexanderschanze verfolgen, ohne daß der aus dem kleinen Daniel so wohlbekannte Berg uns besonders zu begeistern im Stande gewesen wäre. Erst als uns das abseits liegende steile Rimbachthal aufnahm, erblühte wieder die Poesie des Schwarzwaldes, nicht ohne uns auch einen Blick in die hier zeitweilig so mächtig auftretende Naturgewalt werfen zu lassen. Friedlich und lustig springt der Rimbach in seinem rauhen Bette über das zackige Gestein, so daß man es sich gar nicht vorstellen kann, wie verderbenbringend dieser Gießbach sich geberden kann, wenn er, von den gewaltigen, schmelzenden Schneemassen und anhaltenden Regengüssen gespeist, höher und höher steigt und mit furchtbarem Getöse seine Fluthen in die Tiefe schleudert. Wir stehen an den Ueberbleibseln einer ehemaligen Steinbrücke, die mit einem soliden, hohen Bogen den Weg auf das andere Ufer führte. Ein halber Tag im März hat genügt, das Menschenwerk dem Haß der Elemente zum Opfer zu bringen, und so klettern wir nun vorsichtig hinab und retten uns mit Hülfe der Arbeiter, die für den Neubau der Brücke die schweren Steine bearbeiten, auf's andere Ufer. Drunten im Wolfachthal fallen uns zum ersten Mal die Schwarzwälder Trachten auf. Der Mann in Kniehosen, blauen Strümpfen und auf dem Rücken gestreifter Weste ist an der Arbeit. Vor der Sonne schützt ihn ein runder Hut, wie ihn die anglikanischen Geistlichen tragen und der deshalb in England kurzweg als der vlsrioal flut bezeichnet wird. Den Frauenkopf bedeckt ein großrandiger Strohhut. Der fußfreie, etwas abstehender Rock läßt der Strümpfe Blau sehen, und das mit Vorliebe geblümt getragene Taillenstück ist mit breiten rothen Litzen eingefaßt, die auf den Schultern in zwei kühnen Schleifen endigen. In dem schönen, sich erbreiternden Thal erscheinen zur Belebung der Landschaft Häuser in Schweizer Format, wie wir sie als Kinder aus Bilderbogen geschnitten und aufgerichtet haben. Die Straße wird immer reiner und besser, und plötzlich treffen wir einen Mann, der mit seinem Mützenschild „Wegewärter", mit seinen Wegever- schönerungs-Jnstrumenten, die dem Chausseegras genau die Grenzen seiner Naturfreiheit bestimmen, und mit seinem ganzen beamtenmäßigen Aussehen keinen Zweifel mehr läßt, daß wir uns menschlichen Ansiedelungen nähern, in welchen der Frack und die weiße Binde die Menschen in wandelnde konventionelle Lügen umwandeln. Rippoldsaul Jedem Verehrer Scheffel'scher Muse steigt bei dem Namen im Geiste die Gestalt des Mönches Rippold auf, der, krank und lebensmüde, sich in das selbstgefertigte Felsengrab gelegt hatte, als plötzlich der Quell durchbrach und ihn in die Höhe warf. Aber als er triefend sich verwundert betrachtet, da merkt er wie Ein neues Leben durchzuckte die Glieder, Als kehre die Kraft und die Jugend ihm wieder. Dies Wunder erneuert zu sehen, ziehen jährlich 1500 ^Fremde aus allen Welttheilen in das Thal, das jetzt noch so vereinsamt sich ausnimmt. Auch das große Cur-Etablissement und die Hotels sehen noch verschlafen aus und beginnen eben erst Sommer-Toilette zu machen. Auf den Balkönen werden alle möglichen Gegenstände, die man dort fönst nicht zu sehen gewohnt ist, in die frische Frühlingsluft hinausgehangen; hier bemüht sich ein Mädchen, die Doppelfenster abzunehmen, um dem Ozon und den Odstrahlen den Eingang in die dunstigen Räume nicht länger zu verwehren; ein Gärtner übt einen kleinen Betrug, indem er seine Topfpflanzen in die Erde eingräbt, um den Eindruck eines blühenden Hausgärtchens bei harmlosen Gemüthern zu erwecken. Einen altersschwachen Baum hat man ausgemauert, damit eine Lücke in der Allee den Badegästen nicht ein ästhetisches Unbehagen verursacht und dadurch den Erfolg der Cur in Frage stellt. Ja, ja, „eine gute Verwaltung ist die Grundlage bürgerlicher Wohlfahrt", belehrt uns der Magistrat etwas selbstbewußt vom Schul- und Rathhaus von Klöster! e herunter. Denn dahin sind wir bei unsern Beobachtungen ganz von selbst gekommen. Das Bad Rippoldsau besteht nur aus den Cur- und Bade- Häusern, in welchen die Stahlsäuerlinge Josephs- und Wenzel-Quelle und die sogen. Natroine gefaßt sind, während die 1830 von dem Curhausbesitzer Goeringer entdeckte, übrigens sehr sparsam fließende Leopoldsquelle einen Tiefbau am Wege nach Klösterle mit der bekannten, das Eisen-Oxydul verrathenden rothen Färbung, versteht. Gegenüber dem Rathhaus mit dem weisen Spruch erhebt sich hier, wo früher ein Benedictiner-Prioriat seinen Sitz hatte, eine zweithürmige Kirche, die einen prächtigen Schmuck für die ganze schöne Gegend abgibt. Kaum haben wir noch Zeit, die hübschen Wandgemälde des Gotteshauses und das Gnadenbild uns zu betrachten, als schon mit fröhlichem Peitschenknallen die Privatpost des Curhotel-Besitzers herabrollt, und fort geht's in den duftenden Abend hinein. Der forellenreiche Wolfbach schlängelt sich im wiesenbedeckten breiten Thalgrund gemächlich dahin, und leiser, lauer Windhauch fächelt die jungen Blättchen, die sich verwundert nach allen Seiten umschauen und verneigen. Von einem Felsblock grüßt uns links ein kleiner klosterähnlicher Bau, wie von Zuckerguß hergestellt, das Bergle. Alles ist so harmonisch abgestimmt, so friedlich und ruhig, als könne es nie anders sein. Aber unsere Braunen stutzen jetzt. Ein großes Loch thut sich in der Straße vor ihnen auf, das nur mit großer Vorsicht umfahren werden kann. Dann folgen in kurzen Zwtschenräumen noch eine ganze Anzahl von Stellen, wo das reißende, etwa sechs Stunden anhaltende März-Hochwasser lange Strecken der an manchen Stellen dem Felsen abgetrotzten Straße verwüstet hat. Ueberall regen stch rüstige Hände zur Wiederherstellung; denn wenn der große Schwärm der Curgäste das Thal bevölkern wird, darf keine Unebenheit mehr sich zeigen. Im großen Staat der echten schwarzwälder Volkstracht ziehen Männlein und Weiblein auf dem Weg nach Schapbach dahin. Erstere tragen zur Erhöhung der Feierlichkeit Schleifen an den Röcken, wie man in unsern Ballsälen die sogenannten Festordner decorirt, und ein reiches Gehänge, des Bauers Brechte, ziert das Mieder der Frauen. Aus dem Wirthshaus des Ortes erschallt fürchterliche Musik, die nichtsdestoweniger keine gewöhnliche Tanzmusik vorstellt. Drei über und über geschmückte, an der äußern Treppe gruppirte Tannenbäumchen zeigen an, daß größeres hier sich begibt, eine Hochzeit I Und zu dieser ist alles von weit und breit eingeladen I Schapbach selbst ist ein romantisch gelegener Ort. Vom hohen 831 Bergkegel schaut die altehrwürdige Dorfkirche ernst hinab, und jedes der ziemlich zerstreut liegenden Häuser ist eine Individualität für sich. Auf der weiteren Fahrt verliert sich der Schwarzwald-Charakter des allmählich sich verbreiternden Thales mehr und mehr. Die Straße beschatten die verschiedensten Obstbäume, aber die Häuser behalten ihr behäbiges, solides Aussehen. Durch das langgestreckte Dorf Oberwolfach mit den Trümmern eines ehemaligen Schlosses rumpelt der Wagen, um gleich darauf in Wolfach eine in die Schwarzwaldbahn einmündende Bahnstrecke zu treffen. - — - Perugia. Von Emil Roland*). Es ist Abendmufik auf dem Corso Vannucci. . . . Bei dem lauten Geschmetter der kriegerischen Melodie wandelt die Menge auf und ab — zwischen malerischem Volk der Gasse stolziert junges Militär mit blitzenden Augen, schreiten Frauen mit mattbraunem Teint und feinem Gesichtsoval, den schwarzen Spitzenschleier um das tiefschwarze Haar geschlungen, der noch immer lebendige Typus von den berühmten Madonnen der umbrischen Schule. Die Mädchen von Perugia, die oft gemalten, oft besungenen, machen ihrem alten Schönheitsrenommäe noch heute Ehre, und es flackert in ihren schmalen Augen jenes melancholische Feuer, das von jeher so wohl zu versengen und so gut zu entflammen verstand. Die alten Paläste, die zwischen den neuen Bauten am Corso stehen, werfen die nächtlichen Riesenschatten über das wogende Gedränge. Ihre Pforten sind weit geöffnet, und Lichterschein fluthet über die Treppe. Man könnte meinen, die stolzen Gestalten jener Geschlechter, die hier gehaust, deren steinernes Wappen über dem Portal das Moos des Alters begrünt, wollten in der nächsten Minute die Stufen herabspringen, um sich in das abendliche Treiben zu mischen, lebenslustig und festesfroh, wie sie waren, oder wild und ungebändigt, wie sie sein konnten, wenn es Streit und Fehde galt, hineinzustürmen in das wandernde Volk und die alte Fackel des Bürgerkrieges, die so oft hier gebrannt, aufs neue zu entzünden. Wie viel Blut ist in den Gassen Perugias geflossen, aus dem hohen Felsen, der die Hauptstadt Umbriens so diademartig am Scheitel trägt! Römer und Gothen, Langobarden und Ghibellinen haben in wildem Haß um die alte Etruskerstadt gekämpft, und als keine heranziehenden Feindesheere sie mehr bedrohten, da zerfleischten sich ihr kühnen Geschlechter untereinander. „Ueber ihre Thore statt der Muse meißeln die Baglioni die Meduse", heißt es im Liede — und wahrlich I Medusenhaft blickt es einem überall aus der Geschichte der Stadt entgegen — immer wieder Mord und Schrecken, Schrecken und Mord . . . Untergegangen sind jetzt die Geschlechter alle: Von den Baldeschi, den Oddi, den Fortebraccto lebt nur mehr der Ruf ihrer wilden Tapferkeit; nur ihre steinernen Häuser stehen noch an den alten, engen Straßen. Häuser mit prächtigen Fassaden und jenen leeren, eisernen Fackelringen unter den Fenstern, aus denen nun nie mehr eine nächtliche Leuchte hervorglüht. Finster und todt führen bergauf und bergab die zahllosen Gassen Perugias. *) In ter Berliner „National-Ztg.". Eine dumpfe Luft weht von den kalten Wänden, und nur als schmaler Streif zeigt sich der sternenbesäete Himmel über den Dächern. Von einem Haus zum andern schwingt sich der steinerne Bogen, an dem sich grünes Geranke wie flatternde Fahnen herniederhängt — ein Durcheinander von Straßen und Gäßchen, in die alle als einziger Lebenston die Melodie klingend hineinzittert, die oben auf dem Corso Vannucci die Militärkapelle spielt. Vannucci ... es ist der Name Peruginos, des größten Sohnes der Stadt. Neben der blutigen Geschichte der Wirklichkeit ging in diesen Mauern die Geschichte der Kunst still einer hohen Blüthe entgegen. Wenige Schritte den Corso hinauf schatten zierliche Fensterreihen sich auf dem Pflaster ab — die Fenster der alten Handelskammer sind es, das Collegio del Cam- bio, in die Perugino seine besten Bilder gemalt hat, leicht hinschreitende Gestalten aus römischen Sagen und heiligen Legenden — und nur wenige Straßen weiter schuf an niederer Klosterwand Raphael sein erstes Fresco. Die Kunst hat der Stadt Perugia jenen Stempel aufgedrückt, der wie ein Magnet die Pilger Italiens in die stillen Berge Umbriens hineinzieht. Die alten Kämpfe sind verhallt, aber die alten Bilder sind geblieben und werfen ihren versöhnenden Glanz über die blutig-wilde Geschichte der Stadt. Kirchen und Kapellen, herrliche Brunnen und antike Thore schmücken die Plätze Perugias, und die Gefilde ringsum, jene weiten, eigenartigen Thäler, von Weingeländen durchzogen, von kahlen Bergen umringt, breiten der Felsenstadt zu Füßen ihren weiten Teppich aus. Ein Blick ist es, der nicht nur das Auge entzückt, sondern auch die Gedanken emporträgt, denn jenes Thal, das der nächtliche Vollmondschein überfluthet, ist das Thal des Tiber! und jene Sterne gegenüber an den Bergen leuchten über Assist . . . Es ist Mittag. Die heiße Sommersonne sengt glühend auf die blendend weiße Terrasse herab, an der das hohe Gebäude der Präfektur steht mit seinen schönen, gewölbten Hallen- gängen, dem großen Engländerhotel gegenüber, das zu den besten Italiens gehört. Reisende Englishmen haben es in Mode gebracht, und wo der Engländer sich niederläßt, gibt es meist zweierlei: Sehenswürdigkeiten und Komfort, beides ersten Ranges. Die Nation hat einen raffinirten Spürsinn für dieses Ensemble. Riesige Bosketts schmücken den Platz, südliche Pflanzen, welche die tropenhaft warme Sonne kaum versengt. Aus den Körben der Blumenmädchen duften die Goldlacksträuße mit ihrem reichen, berauschenden Geruch. Viktor Emmanuel, der Unvermeidliche, hält hoch zu Roß vor der Präfektur. Hier ist das moderne Perugia, der elegante, blendend neue Theil, der neben den engen Gassen der alten Stadt recht wie der Zoll aussteht, den Perugia der neuen Zeit hat zahlen müssen — schön, aber un- charakteristisch. Nicht weit davon steht natürlich auch Garibaldi, und so natürlich es ist, daß die Söhne des Königreichs Italien ihren Nationalhelden Denkmale errichten, so wenig harmonisch passen doch diese Neuzeitgrößen in die Physiognomie der Stadt, so theatralisch erscheint ihre Besreierpose dem Auge, das sich an den sanften Linien Peruginos eben gelabt, an dem größeren Zuge des Pinturicchio erquickt hat. Eingelullt in den Zauber der Kunst, umstrickt von ihrem gefangennehmenden Reiz, träumt sich der Fremde in Perugias sonnenhellen Straßen ganz in die alten Tage der Blüthezeit 832 zurück, hört aus dem Geplauder der schönen Brunnen erloschene Stimmen reden und verfällt tm Zwielicht der Kirchen einer seltsamen Weltvergessenheit. In anderen Gemäldesammlungen geht man gleich- giltig. an vielen Werken der umbrischen Schule vorbei und mag nicht allzu viel von denen wissen, auf deren Schultern Naphael stand. Hier aber in dem weiten Museum, das Leo XIII. gegründet hat, da er noch Bischof von Perugia war — hier, vor diesen hohen Wänden, an denen nur umbrische Maler — und oft in sehr verstümmelten Werken— vertreten sind, empfindet man weniger Bewunderung eines einzelnen Bildes, als mehr eine tiefe Achtung vor dem großen Zug in den Seelen dieser Menschen, die befähigt waren, langsam, aber sicher die Höhe der Kunst herbeizuführen. Und tritt man aus den hohen Bildersälen — etwas madonnenmüde geworden nach all' der lächelnden Sanftmuth in den alten Bildern — auf eine der kleinen Terrassen hinaus, die wie Vogelnester an den hohen Mauern des Palazzo Publico hängen, so empfängt wieder die reizvollste Gegend den Blick. Sonnen- getränkt, von dem feinen Staub umweht, den der Wind selbst an den heißesten Tagen über die Berghöhe trägt, breiten sich Perugias graubraune Dächer am Abhang aus. Chpressengärten dunkeln herauf; jenseits schwingt sich Berg an Berg sanft gebogen in die Himmelsbläue. Und man empfindet, wie sehr diese Landschaft zu jenen Malern paßt, wie sie gerade aus dieser Natur nicht anders hervorwachsen konnten, wie friedlich und abgeschlossen von der großen Welt diese Künstlerheimath in stiller Harmonie daliegt, ein unentweihtes Fleckchen Erde, das nur flüchtig von leisem modernem Hauche berührt ward. Wie seltsam — ein friedevolles Idyll — mögen wohl Leo XIII. die Jahre erscheinen, da er noch in der Stille Perugias diese Bilder sammelte, da er täglich vom Fenster der Bischofswohnung aus die kühne Settenfassade des Palazzo Publico vor Augen hatte mit ihrem gothischen Schmucke und der stolzesten Trophäe, deren sich die Städte Italiens einstmals rühmen konnten: mit den Ketten und Thorriegeln des besiegten Siena über dem Portal . . da er den Fönte maggiore noch plätschern hörte, den der Kunstkenner als den schönsten Brunnen seiner Zeit bewundernd rühmt?! Jetzt steht die Marmorstatue des Papstes im nahen Dom, dem herrlichen Signorellt-Bilde nahe, das so kräftig erscheint in seinen herberen Farben nach all' den schwebenden Himmelsgestalten Perugias. Leer und unvollendet ist dieser Dom, ein großer Steinriese, der den Corso Vannucci wie eine gewaltige Coulisse begrenzt. Nur am Sonntage, wenn die Weihrauchwolken des Hochamts durch die Kirche schweben, fluthet buntes Leben um seine Altäre. Wie malerisch erscheint dann dies Volk von Perugia, wenn es in farbigen Trachten betend an den Pfeilern kniet! DaS fromme Perugia ist reich an Kirchen. Das Auge kann sich hier satt trinken an den reizenden Formen der Renaissance, wie vor dem wundersamen Oratorium des heiligen Bernhard, oder die antiken Säulen jener alten Rotunde bestaunen, die einsam im „Thale" - vor den Mauern liegt. Aber das schönste Kirchenbild, das sich am unvergeßlichsten einprägt, bleibt doch die Aussicht von der großen Terrasse der Präfektur, wenn die heißesten Sonnenstrahlen verglüht sind und der verklärende Abendschein dem allzu hellen Glänze gefolgt ist. Aus der einförmigen Häuserreihe hebt gewaltig und gigantenhaft Sän Dowentco sein hohes Dach über der Stadt. Der braune Stein erglänzt goldig tm Schein des sinkenden Gestirns. Die Höhe des Berges küßt noch das Licht, während unten aus der ThaCenkung bereits blaue Schatten der Dämmerung heraufschwtmmen. Weiter hinaus steigt schlank — man könnte fast sagen jugendlich — Pietro de Casstnensis spitzer Thurm über den Klostermauern empor, die reichste Kirche Perugias, fast ein Museum nach der Fülle der Bilder, dem Reichthum der Säulen, der Menge ihrer Kunstwerke. An solch' eine« Abend auf der alten Straße entlang zu wandern, solchen Schätzen entgegen, während der Sonnenball hinter den Apenninen versinken will und das Avegeläut von allen Seiten Perugias her wie ein vielstimmiger Chor die Luft bewegt — dann durch das alte Römerthor zu schreiten in den Wipfelschatten der Anlagen hinein, die von steinerner Balustrade umschlossen am Ende der Stadt daliegen, wie ihr herrlichster Schlußeffekt, und ausgebreitet sehen vor dem trunkenen Auge, in rothviolette Farbengluth gebadet, dies wundersame Thal des Tiber, die heilige Landschaft mit den einfachen, edlen Linien, diese fruchtbare Erde, unter der die alten Etrusker, die ersten Gründer der Stadt, ihre ernsten, großartigen Grabkammern gewölbt haben, die heute der Spatenstich des Herrschers vor staunenden Nachweltaugen auf's Neue an's Licht bringt — den ganzen Zauber Umbriens gleichsam mit einem Zuge schlürfen, das Schönheitsgefühl schwelgen lassen an diesen wunderbar gezogenen Linien des Apennin, die in der seltsamen Durchsichtigkeit des Lichtes fast greifbar nahe erscheinen, während wie ein Kleinod am Berge das helle Asstsi der sinkenden Sonne gerade gegenüberliegt: das ist es, was in sommerlichen Abendstunden auf den Wegen Perugias der entzückte Pilger sucht und findet. --««SS-S- Schachaufgabe. Von C. A. Gilberg. Schwarz. 6 v Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Telegraphenräthsels in Nr. 105: Frohe Weihnachten. (Frosch, Newa, Elise, Hansa, Schatz, Ente).