Donnerstag, den 31. Dezember M 109. 1898. Für die Redaction verantwortlich Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L. Nenjahrszratuliükoussettche. Ii. W. Zwei gute schwäbische Herren saßen mitsammen im Eisenbahnkasten und besprachen sich eingehend über allerlei Schwindel in dieser erbärmlichen Welt. Zum Schlüsse der Debatte klopfte Herr N. dem Herrn M. vertraulich aus die Schulter und sprach gelassen das große Wort: Wisse Sie, Herr Nachbar, muuäus vnlt ebe*) äeaipi! — Dieser inhaltsschwere Haupt- und Grundsatz ist wohl der beste Vorspruch und zuletzt das Ncsums des ganzen Neujahrsgratulationsrummels, der nächster Tage losbrechen und wie eine Seuche das Land überziehen wird. Da geht eS an ein Schreiben und Schlecken und Kleben, da erhitzt sich der Spießbürger und quält sich der Lebemann, da werden die schwarzen Fräcke gebürstet, die Cylinderhüte gestrichen, die eingehntzeltcn Glaces gedehnt und an den abgeschabten Stellen mit schwarzer Tinte gefärbt. Da steigen die Deputationen, grinsen die Chefs, krümmen sich die untergebenst Gehorsamsten, räuspern die Herren, klatschen die Damen, dellamiren die Jungen — Alle, wie wenn es ihnen ernst wäre. Dlunäns vult — cksoixi! Und die armen Stempeldrucker und Sortirer und Austräger auf der Post und Eisenbahn, die ärmsten Postboten, diese bedauernswerthen Opfer des Neujahrsschwindels, diese Sklaven im grausamen Dienste moderner Falschheit und altehrwürdiger Unsitte, die da rennen und Stiegen steigen und schwitzen trotz Winterskälte, Eis und Schnee, die athemlos angekommen im vierten Stockwerke sehen müssen, wie das sorgsam bestellte Kärtchen zerknittert und in den Papierkorb versenkt wird, die Armen, sie finden kein Erbarmen: sie sind ja dafür angestellt. Sie bekommen für ein abgegebenes zehn neue Billets, um die gedruckten Wünsche der heimtückischen Menschheit zu vermitteln: mnuäuo valt — äeoipi? Ich habe mir in sxoole vorgenommen, einmal diesen Neujahrskartenschwindel recht zu verdonnern. Ich bin so „freundlich", nicht erst um Generalpardon für alle groben, derben und rigorosen Ausfälle zu bitten. Wem es zu stark scheint, der soll es nicht lesen, was da zu lesen kommt. Pfarrer Kneipp ist auch, so sagt man, gar derb und ehrlich, und vielleicht liegt darin ein gutes Stück von seiner siegreichen Macht gegen allerhand Seuchen. Was? Ist diese Kärtchenmode nicht eine Seuche? Beim Kasernen- — eben. : vr. Th. Müller in Augsburg, i Grabherr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). typhus sind meistens auf Anordnung hoher Stelle die Untergrundverhältnisse Grund und Brutstätte der Seuche. Eher aber möchte man den Kasernen neuen Boden verschaffen, als der Neujahrsseuche ihren historisch berechtigten, naturgemäßen erblichen Untergrund entziehen. Der Schwindel baut sich immer auf die Dummheit auf. Rotte die Dummheit aus, so vertilgst du den Schwindel! Die Dummheit ist anstcckcnd, wer mag das bezweifeln? Ein Dnmmer kann sieben Weise anstecken. Wer hat das noch nicht an sich selbst erfahren? So ist nmi auch die Mode ansteckend und mithin auch die Karten- seuche, die periodisch nach je 12 Monaten wiederkehrt; kurz, der Neujahrsgratulationsrummcl ist eine großartige Regung der Gedankenlosigkeit ganzer Menschenklassen. Und die ganze Erscheinung ist eine ansteckende Krankheit, die rasend um sich greift, viel Geld, Papier und Euwmi arabioum kostet und noch mehr Verdrießlichkeiten bereitet. Was ist dagegen zu thun, — „nirgends Rettung, nirgends Land" schreit der Tenor in der Negensburger Sturm- beschwörung. So ist also wohl kein Zweifel, daß mit Recht von einer Landplage, von einer Seuche geredet werden muß. Alle sind darüber eins. Und doch klext der eine schweißtriefend seine Adressen, leckt der andere seine Marken, kauft der dritte theure und billige Kärtchen: es ist halt einmal so. Willst du niemanden verletzen, so vergiß keinen, schreib' ihm lieber zur Vorsicht gleich zwei Kärtchen; suche allen zuvorzukommen, beantworte alle, schreib', schleck', drücke, schwitze, — es geschieht dir ganz recht, warum bist du auch ein Mensch geworden: innnckua vult — äocüxi! Du willst nicht der Erste sein, der seiner theuren Mitwelt die Ehre anthut, ihr keine gedruckten Kärtchen mehr zu widmen. Es scheint also, du hältst deine Onkel, Tanten, Basen, Cvllegen, Genossen und anderes mehr für so thöricht, daß sie eine Karte für unentbehrlich halten; oder du hältst dich selbst für so wichtig, daß selbige an dich erinnert werden müssen. Mir aber scheint beides gleich unschön zu sein. Wer mich erfreuen will, schreibe mir ab und zu unterm Jahre, und wenn es absolut eine Karte sein muß, so sei es eine erfreuliche Postanweisung; ja da wäre Freude im Stalle. Die Mode aber soll ihren Weg gehen vom Salon auf die Straße und von der Stadt auf's platte und buckelige Land, bis in die Einöde und in die Wüste: bis sie da ankommt, ist sie an ihrer Wiege schon vergessen. Wenn du bedächtest, geneigter Leser, was mit deiner Karte geschieht? Der zerreißt sie, der wirft sie in den Papicrkorb, der vernrtheilt sie zum ErstickmrgStodc, wo, das sagt man nicht. Der lacht und meint: War übrig! Der zürnt und brummt: Muß er auch seinen blöden Namen hintendrauf schreiben, daß man sein Kärtchen — nicht mehr benutzen kann. Ich meine so: Wenn du ernstlich einem Glück wünschest, so sollst du es nicht bloß an Ncnjahr thun; drum schicke dem Gegenstände deiner Anwünschungen entweder alle Tage oder gar nie eine Karte: er glaubt es ja doch nicht, oder er glaubt es auch ohne Kärtchen. Aber ist es nicht geradezu eine schlampige Bequemlichkeit, einem guten Freunde einen gedruckten, gekauften Glückwunsch, der 3 bis 5, aber nicht mehr Pfennige werth ist, zu schicken. Was denkst du denn eigentlich dabei? Nicht wahr, wenn dir Jemand einen Brief zukommen läßt und du merkst, daß er einfach aus einem Briefsteller gedankenlos abgeschrieben, oder gar von fremder Hand, von einem Winkelschreiber, vom Commis oder Lehrbuben geschrieben ist, so bedankst du dich für diese faule, niederträchtige Höflichkeit: die paar Zeilen hätte der Mensch doch eigenhändig schreiben können. Aber nun lasse ich gar einen „innigsten" Glückwunsch mechanisch herstellen vom Lithographen oder Buchdrucker. Da habe ich weiter nichts zn schreiben als die Adresse. Wie bequem, wie leicht — aber ob anständig, ob ein Zeichen von Aufmerksamkeit und Liebe? Das geht mich nichts an: wnucluo vult — äooixi! Ja nicht einmal die Adressen schreiben sie selber, die Tagdicbe. Da wird Weib und Kind geplagt, die Lehrbuben und Kindsmädel, die ganze Armee des Hauses wird mobil gemacht, und eS wird andictirt, corrigirt, geschimpft, gestritten, zusammengerissen und so fort, bis alle die herzlichsten Gratulationen abgefertigt sind. Und nun soll die ganze Neujahrskartenmode nicht der purste Schwindel sein? Nur nicht hitzig werden! Es ist umsonst, ich kämpfe, nein, selbst die Götter kämpfen vergebens gegen etwas! „Ja, ja, Herr Nachbar, wisse Sie, lnnnckus vult ebe äsoipil" — Herr R-. sieht sich die Sache doch gar zu griesgrämig an. Gewiß hat die Neujahrskarten-Mode einen Umfang angenommen, der über das Maß hinausgeht. Aber ein guter Kern steckt doch darin. Erstens ist es ein schöner alter Brauch, Freunden und Bekannten zum Beginn eines Jahres Glück und Segen zu wünschen, und zweitens ist das eine gute Gelegenheit für Viele, besonders auswärtigen Freunden und Bekannten damit kundzugeben, daß man sie nicht vergessen hat. Heutzutage, da die LcbenSbezichungcn viel zahlreicher und mannigfacher geworden, die Menschheit in Folge des unendlich gesteigerten Verkehrs sich auch bei großen räumlichen Entfernungen vielfach näher gekommen und der „Kampf um's Dasein" Zeit und Kraft bis aus's Aeußcrste in Anspruch nimmt, wäre es für unendlich Viele fast eine Physische Unmöglichkeit, Allen Briese zu schreiben, denen man sein freundschaftliches Gedenken erweisen will. Poetisch ist der moderne Brauch nicht, aber wir leben im Zeitalter der Surrogate, und Gctt sci's gedankt, daß uns die Mode die gedruckte Neujahrskarte erlaubt; denn zum Briesschreibcn fehlt den Meisten die Zeit. Daß cMr Taufende von Neujahrskarten sehr ülcisüissig sind, das sei dem Feinde dieser Mode bereitwilligst coucedirt. Die Ned. -—«-Är-eK—-— Ssierlingstrrue. Wiederholt bringen die Zeitungen Klagen über die „Sperlingsnojh" in verschiedenen Ländern und daß man eifrig daran geht, diese lästigen und kecken Schmarotzer auszurotten. In Frankreich sollen sie Gourmands einen Leckerbissen in Form von Pasteten liefern, ei, so soll man doch diese Herren „Spcrüngsjäger" orgarrisiren und in die verseuchten Lande schicken, das wäre dann so undankbar nicht. — Ich will die Schädlichkeit dieser lärmenden, unter nehmenden VogelspecicS im Allgemeinen nicht bestreiten, aber es drängt mich, zu ihrer Ehrenrettung einige selbst erlebte Beweise seltener und seltsamer Treue von einigen dieser Vogel zu berichten: Meine Großmutter war ein uraltes, beinahe hundertjähriges Weiblein. Sie mußte ihre letzten Lebensjahre nur infolge von großer Schwäche im Bette zubringen. Eines Tages fand ich auf der Gasse ein junges, halbtodtes Spätzlein, das aus seinem Neste gefallen war und sich ein Beinchen gebrochen hatte. Das arme, zwitschernde, hilslose Vöglein that mir leid, ich nahm es auf und brachte eS der Vroßmutter, die es mit kindischer Freude und Zärtlichkeit in Pflege und Erziehung nahm. Der noch gar nicht flügge gewesene Vogel blieb nicht nur am Leben, sondern gedieh und ward in kürzester Zeit ein regelrechter Spatz, allerdings mit einem verkrümmten, unbrauchbaren Beinchen, und ward obendrein sozusagen Großmutters letzte Freude. Der kleine Invalide hüpfte den ganzen Tag am Bette herum und ward so vertraut mit seiner Nähr- und Pflegemutter, daß er sich buchstäblich seine Mahlzeiten von ihrem Munde holte und mit besonderer Vorliebe am Halse unter der großen Rüsche der schwarzen Taffethaube saß und schlief. Ein rührendes Bild der Freundschaft bot diese wieder zum Kinde gewordene alte Frau und der seltsame Vogell Ja, der letztere war mit den Jahren gegen Jedermann ganz feindselig, wenn man sich dem Bette näherte, und gebrauchte nicht selten sein Schnnbelein ausgiebig als Waffe. Er war und blieb Großmutters treuester Leidens geführte. Als eS mit der guten alten Seele an's Sterber ging und der Priester am Bette erschien, um die letzter Tröstungen zu spenden, mußte man den Vogel gewaltsam verscheuchen; er wollte sein Versteck unter der Haube nicht verlassen und pickte wüthend nach der Hand des Priesters. Und als seine Pflegemutter nach einigen Tagen todt war, flatterte und hüpfte er merkwürdig traurig umher, ohne das geringste Futter zu nehmen. Am zweiten Tage fiel es uns auf, daß der Spatz nicht zum Vorschein kam, man suchte, und man fand ihn todt unter der Bahre liegen. Noch heute rührt mich die Erinnerung an die gute alte Großmutter und ihren so geliebten treuen Spatz. Vorigen Sommer hatte ich wieder Gelegenheit, die merkwürdige Anhänglichkeit dieser so unbeliebten Vogelspecies zu beobachten: In meinem Garten hatte sich in einem hohlen Baum- aste ein Spatzsnpärchen eingenistet. Wenn sie der Hunger vorn Baugeschäfte wegtrieb, kamen sie schreiend und lärmend in den Hof. Ich warf ihnen anfangs völlig achtlos BrodkulAen zu, die sie mit Gier aufpickten. Da sie in der Folge mit großer Regelmäßigkeit wieder kamen, legte ich ihnen Futter auf das Feustergesimse, das sie 839 sich mit Freude und Ausdauer Tag für Tag bis auf das letzte Körnchen holten. Es störte sie gar nicht, wenn ich einmal nahe daneben stand. Auch ich ward diese kleinen kecken Gesellen so gewohnt, daß es mir gar nichts machte, Morgens von ihrem Gezeter geweckt zu werden, wenn ich einmal vergessen hatte, daS Futter hinzugeben und sie stürmisch ihren Morgenimbiß verlangten. Das war nun freilich nichts Außergewöhnliches, nur das Gebaren eines der Sperlinge war wirklich rührend; wo ich nun ging und stand, wo immer ich mich im Garten niederließ, der Spatz war überall, er folgte mir überallhin. Saß ich zuweilen ganz gedankenlos an einer schattigen Stelle, ein Flattern, ein Schwirren, richtig, der Spatz saß auf einem Zweige ober mir oder auf der Lehne der Bank neben mir. Legte ich dann knapp vor mir Futter hin, er holte fich's ohne Scheu. ES klingt vielleicht nicht glaublich, aber es ist wahr, dieser Vogel folgte mir auf diese Art oft eine Strecke weit auf meinen Spaziergängen in den Wald. Ich kam zur Ueberzeugung, daß mich dieser Vogel an der Stimme erkannte, denn ich durfte nur irgendwo sprechen, so war er unvermeidlich da. Dieses Thier war mir so lieb geworden, ich hatte mich so an seine Gesellschaft gewöhnt, daß ich eines Tages mit wirklichem Bedauern wahrnahm, daß er mir und der Futterstelle untreu geworden, oder daß irgend etwas dem kleinen Spatzengeschicke in die Quere gekommen; das dauerte so etwa eine Woche, ich glaubte meinen Freund schon verloren, als mich eines Tages ungewöhnliches Spatzengezeter im Hofe ans Fenster lockte. Ah, da war er wieder und dazu mit einem halben Dutzend junger, schreiender, hungriger Sprößlinge, die mir meine Freundin offenbar beim ersten Ausflüge mit stolzem Lärm präsentirte. Die Freundschaft ward wieder erneuert, alle Augenblicke kam die Spatzenclique ans Fenster. Dies dauerte bis zum Herbste, wo die Besuche dann wieder jäh abbrachen. Alle Winter errichte ich im Hofe eine Futterstelle für die armen kleinen Sänger, welche immer auf das lebhafteste von allen zurückbleibenden Vogelgattungen besucht wird. Heftige Kämpfe setzt eS oft ab zwischen Meisen und den so bekannten streitsüchtigen Bergfinken, welche schaarenweise herkamen und selbst mit der großen Schwarzamsel sich in Streit einließen. DaS große Wort an dieser labls ä'stöts aber führte und behauptete eine Spatzenfamilie; ob eS meine alten Freunde waren, vermag ich mit Sicherheit nicht zu sagen. (Grazer VolkSbl.) -—SLZMS—- Das Wachs. Das Wachs ist der Baustoff der Waben; nach dem Auslasten des Honigs wird es durch Einschmelzen der Waben in siedendem Wasser von Unreinigkeiten getrennt und in Scheiben oder Brode gegossen. Dieses sogenannte Stroh- oder GclbwachS (esrrr Lava) besitzt körnigen Bruch, riecht nach Honig und ist in der Hand knetbar. Durch Bleichen wird das GclbwachS in weißes Wachs verwandelt. Um den aus ceru aidu hergestellten Wachskerzen die Brüchigkeit zu nehmen, wird ihnen ein kleiner Talgzusatz beigemengt (5 pCt.). Das Wachs fand bei den Malern Verwendung in der sogenannten Enkaustik, indem die Farben mit Wachs angemacht und dann mir heißen Walzen eingebrannt wurden. Diese Art von Malerei war schon den Griechen und Nömcrn bekannt und wurde im frühen Mittelalter viel geübt; vorn Anfange des 15. Jahrhunderts an kommt sie seltener vor. Eine andere Kunstübung ist die Ceroplastik, die Wachsbildnerei, die oft bei den Vottv« bildcrn angewendet wurde. Modelliren und Bilden in Wachs war besonders zur Zeit der Renaissance in Italien beliebt, wo die Bildner nicht nur ihre Skizzen in Wachs ausführten, sondern auch Büsten und Portrait-Medaillon? darin bossirten. Von alterSher hat die Kirche lauteres Bienenwachs als Lichistoff für die bei der Feier des Gottesdienstes gebrauchten Kerzen ausgewählt und vorgeschrieben. DaS geschah vorzüglich aus mystischen Gründen; schon Ama- larius (äo aaeles. vtiioüs 1, 14) sagt mit Berufung auf Gregor den Großen: Lara Ostristi lmmaniimtsin äa- siZinit (das Wachs bedeutet die menschliche Natur Christi). Zur Zeit des hl. Opfers müssen nach kirchlicher Anordnung wenigstens zwei Kerzen, und zwar Wachskerzen (luining, eoraa), ans dem Altare brennen. Auch die Kerzen, welche am Lichtmeßtage geweiht und durch eine stöQöäiobw constitutivL dauernd für den gotteSdienst« lichen Gebrauch bestimmt werden, müssen von Wachs sein, wie schon die Worte der Weihe voraussetzen. DaS Wachs für die Kerzen soll rein und unverfälscht und in der Regel weiß fein; nur ausnahmsweise, z. B. für daS Todten-Officinm, ziemen sich Kerzen von gewöhnlichem, ungebleichtem Wachs (ex oera communi ssu Lava). Im Mittelalter waren die Kirchen mit Sorgfalt darauf bedacht, reines Wachs für den gotteSdienstlichen Gebrauch zu erhalten. Die Landleute, welche in den Schutz (uävo- vntis, Vogtei) einer Kirche oder eines Klosters sich begeben hatten, lieferten alljährlich als Zins das Wachs für den gottesdienstlichen Gebrauch der Kirchen; sie heißen davon in den Urkunden und Rechtsbüchern „cereoasn- snnlss" („wachszinsige Leute"). Das Wort Kerze ist aus „oers." (Wachs) entstanden. Der Ursprung des Wortes ist in der Erinnerung des Volkes nicht lebendig geblieben, sonst hätten sich nicht Ausdrücke wie Talgkerze, Stearinkerze bilden können. Bei dem verhältnißmäßig hohen Preise, den daS Wachs besitzt, kommen nicht selten Verfälschungen vor. Reine Bienenwachs-Kerzen müssen Kreidestriche annehmen und zur Untersuchung abgenommene Theile dürfen beim Kauen nicht an den Zähnen kleben und müssen nach dem Schmelzen eine klare, durchsichtige Flüssigkeit bilden, aus der sich keine pulverigen Körper absetzen dürfen. Am häufigsten wird das Wachs verfälscht mit Fett, Talg, Harz, Erde, Mehl und Paraffin. Will man erfahren, ob das Wachs nicht mit Fett gemischt sei, so nehme man ein Stück von einer Kerze und tauche es in Wasser, daS bis zu dem Grade erwärmt ist, bei welchem das Fett gewöhnlich zu schmelzen anfängt. DaS Feit löst sich alsdann auf und schwimmt auf der Oberfläche des Wassers, das Wachs hingegen wird nur weich und knetbar. DaS reine Wachs brennt hell; wenn darum die Kerzen keine helle Flamme haben, viel Rauch verbreiten, einen langen Docht zurücklassen, einen üblen Geruch haben, dabei sich weich und fettig anfühlen, so lege man ein Stück davon ans glühende Kohlen; wenn dabei ein dichter Rauch entsteht, so kann man sicher sein, daß dem Wachs Talg zu- gemischt ist. Auch mit Harz kann das Wachs vermocht sein; dieses erkennt man am besten an dem Harzgernch. Auch kann man ein Stück von einer solchen Kerze in Weingeist legen, worin das Harz sich auflöst. Nimmt man nun das zurückbleibende Wachs heraus, läßt den Weinstein verdunsten und schüttet den Bodensatz auf brennende Kohlen, so wird uian deutlich den Harzgeruch wahrnehmen. Sogar mit gebrannten Knochen und Erde wird zuweilen das Wachs vermischt. Durch eine solche Beimengung werden die Kerzen auffallend spröde; legt man ein Stückchen davon in Terpentinöl, so löst das reine Wachs sich auf, die beigemischten Substanzen aber nicht. Wie den Honig, so vermischt man auch das Wachs am häufigsten mit Mehl. Mischt man ungefähr den vierten Theil Mehl unter das Wachs, so wird letzteres nicht mehr auf dem Wasser schwimmen. Bricht man die Kerze, so hat daS Innere derselben ein körniges Aussehen. Auch sind solche Kerzen gar nicht zähe. Legt man ein Stück davon in Terpentinöl, so löst das Wachs sich auf, und eS bleibt ein weißer Bodensatz übrig. Schwieriger ist die Verfälschung des Wachses mit Parasfin festzustellen. In einer Verordnung des bischöflichen Ordinariats zu Negensburg heißt es darüber: »Man übergießt in einer Porzellanschale ein etwa nußgroßes WachS- stück mit rauchender Schwefelsäure und erwärmt eS, wobei die Masse sich schwärzt und unter starker Gasent- wickclung sich aufbläht. Hört die Gaseniwrckelung, welche um so stärker ist, je weniger Paraffin vorhanden, auf, so erwärmt man sie noch einige Minuten und läßt sie dann erkalten. War das Wachs mit Paraffin verfälscht, so findet sich dieses dann über der schwarzen Flüssigkeit als erstarrte, durchscheinende Schicht, die leicht aufgehoben werden kann." Ein Zusatz von Wasser, welches etwa beim Erstarren unter das Wachs gerührt wurde, um das Gewicht zn vermehren, tritt beim Schmelzen zu Tage. Wie in der gottesdienstlichen Feier der Kirche, so finden auch in der Privat-Andacht des Volkes die Wachskerzen eine reiche und fromme Verwendung. In manchen Gegenden tragen die Kommunionkinder am weißen Sonntage bei der kirchlichen Feier Wachskerzen in der Hand, die ihnen auch wohl von ihren jüngern Geschwistern und Gespielen vorausgetragen werden. Die sinnbildliche Bedeutung des brennenden Wachslichtes ist eine reiche; der hl. Karl Borromäus gibt davon folgende schöne Bedeutung: »Durch die brennende Wachskerze werden die drei göttlichen Tugenden versinnbildet: daS Licht derselben bedeutet den Glauben, die Wärme zeigt die Liebe ! an, und die stets aufwärts strebende Flamme ist ein Sinnbild der christlichen Hoffnung, die immer zum Himmel ihr Verlangen erhebt, wo ihre Güter sind." In der griechischen Kirche trugen Braut und Bräutigam am Hochzeitstage Wachskerzen, die sie vor dem Altare aneinander anzündeten, nachdem der Bräutigam die setnige an der ewigen Lampe angezündet hatte. DaS bedeutete, ihre gegenseitige Liebe soll die höhere Weihe von dem Heilande empfangen, der durch das ewige Licht angedeutet ist. Der Psalmist nimmt das schmelzende Wachs als Gleichntßbild des reumüthigen Herzens, in dem der Stolz und der Trotz der Sünde zergeht. (»6or eon- tritum quasi vsrs, liqusssens", »Ein reumüthiges Herz ist wie schmelzendes Wachs".) Um anzuzeigen, daß eine Kirche vom Bischöfe con- secrirt ist, pflegt man an den Wänden zwölf Kreuze, möglichst gleich weit von einander, zu malen, zur Erinnerung an jene, welche der Bischof bei der Weihe an diesen Stellen mit dem heiligen Chrysam gemacht hat. Der Zwölfzahl wegen heißen sie Apostelzeichrn. Sinnreich stellten die Alten hier eine segnende Hand dar, welche ein Kreuz hält; die Lage der Hand folgt dem Gange deS weihenden Bischofs. In der Regel besteht das Weihezeichen aus einem rothen oder goldenen Kreuze in einem verzierten Kreuze oder Vierpasse; in den Rand desselben sind wohl die zwölf Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses geschrieben. Vor diesen Weihezeichen sind Armleuchter angebracht, die den Namen „Apostelleuchter" führen. Am Kirchweihfeste werden Wachskerzen, die oft mit religiösen Bildern bemalt find, daraus angezündet.; sie deuten das Licht des christlichen Glaubens an, das die Apostel des Herrn in die Finsterniß des Heiden thums trugen und in alle Welt verbreiteten. Die Opferung der brennenden Kerze durch diejenigen, welche eine Weihe empfangen, an den' consecrirendeu Bischof ist eine sinnige Ceremonie, andeutend, daß sie alle sein wolle», was von dem hl. Johannes dem Täufer geschrieben steht: »I^noorns Inesus et nrens" („Eine Licht und Wärme spendende Leuchte"). Um an den Opfertod Christi zu erinnern, ist an den Wachskerzen wohl die Devise angebracht: .'»^tüs lucens nror, in servisnäo nliis oonsurnor" (»Andern leuchtend, andern dienend, verzehre ich Wich"). Die Osterkerze bedeutet nach den Worten der Weihe die feurige Säule, die dem Volke Gottes auf dem Wege durch das rothe Meer und die Wüste leuchtete eS und aus der ägyptischen Gefangenschaft in das gelobte Land geleitete. Auch Christus führt zu Ostern aus Nacht zum Lichte, aus Tod zum Leben. Es ist also die Osterkerze ein Symbol des auferstandenen Heilandes. Aus dem vom Papste geweihten Osterkerze»-- Wachs werden die ^.Fnus vsi geformt, so genannt, weil sie mit dem Bilde des Osterlammes geschmückt sind. In alter Zeit pflegten die Kinder ein Lgnus vsi auf der Brust zu tragen, das sie an die Tausunschuld erinnern sollte. Die Wachszieher verehrten als Patronin die heil. Jungfrau Maria, die als Kind im Tempel Goit diente, und feierten am Feste Maria Opferung ihr Patronsfest. Andere erklären das Patronat u-s symbolischen Gründen, indem sie sagen: „Die Lebküchner und Ltchterzieher hatten die allerseligste Jungfrau Maria als ihre Patronin erwählt als die Mutter des Heilandes, die aller Süßigkeit Quelle und das Licht der Welt ist." Patron der Imker ist der hl. Bernhard, äootor mslliüiius genannt, der auf seinen Bildern den Bienenkorb als Abzeichen hat; in Oesterreich ist der hl. Ambrosius, der dasselbe Abzeichen hat, Patron der Wachszicher, wie Dompropst Zenotty in St. Polten mittheilt. Auf Kirchenbildern ist die brennende Kerze das Abzeichen der Heiligen Arradius, Blastus, Donatns, Geno- vefa von Paris und Brigittn; das erklärt sich aus ihren Legenden. Der hl. Bischof BlaftnS (3. Februar -f- 316) trägt auf seinen Bildern zwei Kerzen, die kreuzweise übereinander gelegt sind. Das ist ein Hinweis auf den Blasius-Segen und erinnert zugleich an den Bericht der Legende, welche erzählt, daß eine mitleidige Frau, deren Wohlthäter er gewesen, in seine dunkle Kerkcrzelle zwei Wachskerzen brachte. Auf den Bildern der Darstellung Jesu im Tempel steht neben dem hl. Greise Simeon gewöhnlich ein Knabe, der eine brennende Kerze in der Hand hält. DaS ist ein Hinweis auf die prophetische« Worte Simeons, der den Heiland ein Licht zur Erleuchtung der Heiden nannte (Innren act rsvelationsM ALNtinru"). (Köln. Volksztg.)